ZEHNTES KAPITEL Der Prozess · Capítulo 11 de 11
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ZEHNTES KAPITEL

ZEHNTES KAPITEL

ENDE

Am Vorabend seines 31. Geburtstages — es war gegen 9 Uhr abends, die

Zeit der Stille auf den Straßen — kamen zwei Herren in K.s Wohnung. In

Gehröcken, bleich und fett, mit scheinbar unverrückbaren Zylinderhüten.

Nach einer kleinen Förmlichkeit bei der Wohnungstür wegen des ersten

Eintretens wiederholte sich die gleiche Förmlichkeit in größerem

Umfange vor K.s Tür. Ohne daß ihm der Besuch angekündigt gewesen wäre,

saß K. gleichfalls schwarz angezogen in einem Sessel in der Nähe der

Türe und zog langsam neue, scharf sich über die Finger spannende

Handschuhe an, in der Haltung, wie man Gäste erwartet. Er stand gleich

auf und sah die Herren neugierig an. „Sie sind also für mich bestimmt,“

fragte er. Die Herren nickten, einer zeigte mit dem Zylinderhut in der

Hand auf den andern. K. gestand sich ein, daß er einen andern Besuch

erwartet hatte. Er ging zum Fenster und sah noch einmal auf die dunkle

Straße. Auch fast alle Fenster auf der andern Straßenseite waren noch

dunkel, in vielen die Vorhänge herabgelassen. In einem beleuchteten

Fenster des Stockwerkes spielten kleine Kinder hinter einem Gitter

miteinander und tasteten, noch unfähig sich von ihren Plätzen

fortzubewegen, mit den Händchen nach einander. „Alte untergeordnete

Schauspieler schickt man um mich,“ sagte sich K. und sah sich um, um

sich nochmals davon zu überzeugen. „Man sucht auf billige Weise mit mir

fertig zu werden.“ K. wendete sich plötzlich ihnen zu und fragte: „An

welchem Theater spielen Sie.“ „Theater?“ fragte der eine Herr mit

zuckenden Mundwinkeln den andern um Rat. Der andere gebärdete sich wie

ein Stummer, der mit dem widerspenstigen Organismus kämpft. „Sie sind

nicht darauf vorbereitet, gefragt zu werden,“ sagte sich K. und ging

seinen Hut holen.

Schon auf der Treppe wollten sich die Herren in K. einhängen, aber K.

sagte: „Erst auf der Gasse, ich bin nicht krank.“ Gleich aber vor dem

Tor hängten sie sich in ihn in einer Weise ein, wie K. noch niemals mit

einem Menschen gegangen war. Sie hielten die Schultern eng hinter den

seinen, knickten die Arme nicht ein, sondern benutzten sie, um K.s Arme

in ihrer ganzen Länge zu umschlingen, unten erfaßten sie K.s Hände mit

einem schulmäßigen, eingeübten, unwiderstehlichen Griff. K. ging straff

gestreckt zwischen ihnen, sie bildeten jetzt alle drei eine solche

Einheit, daß, wenn man einen von ihnen zerschlagen hätte, alle

zerschlagen gewesen wären. Es war eine Einheit, wie sie fast nur

Lebloses bilden kann.

Unter den Laternen versuchte K. öfters, so schwer es bei diesem engen

Aneinander ausgeführt werden konnte, seine Begleiter deutlicher zu

sehn, als es in der Dämmerung seines Zimmers möglich gewesen war.

Vielleicht sind es Tenöre, dachte er im Anblick ihres schweren

Doppelkinns. Er ekelte sich vor der Reinlichkeit ihrer Gesichter. Man

sah förmlich noch die säubernde Hand, die in ihre Augenwinkel gefahren,

die ihre Oberlippe gerieben, die die Falten am Kinn ausgekratzt hatte.

Als K. das bemerkte, blieb er stehn, infolgedessen blieben auch die

andern stehn; sie waren auf dem Rand eines freien, menschenleeren, mit

Anlagen geschmückten Platzes. „Warum hat man gerade Sie geschickt!“

rief er mehr als er fragte. Die Herren wußten scheinbar keine Antwort,

sie warteten mit dem hängenden freien Arm, wie Krankenwärter, wenn der

Kranke sich ausruhn will. „Ich gehe nicht weiter,“ sagte K.

versuchsweise. Darauf brauchten die Herren nicht zu antworten, es

genügte, daß sie den Griff nicht lockerten und K. von der Stelle

wegzuheben versuchten, aber K. widerstand. „Ich werde nicht mehr viel

Kraft brauchen, ich werde jetzt alle anwenden,“ dachte er. Ihm fielen

die Fliegen ein, die mit zerreißenden Beinchen von der Leimrute

wegstreben. „Die Herren werden schwere Arbeit haben.“

Da stieg vor ihnen aus einer tiefer gelegenen Gasse auf einer kleinen

Treppe Fräulein Bürstner zum Platz empor. Es war nicht ganz sicher, ob

sie es war, die Ähnlichkeit war freilich groß. Aber K. lag auch nichts

daran, ob es bestimmt Fräulein Bürstner war, bloß die Wertlosigkeit

seines Widerstandes kam ihm gleich zum Bewußtsein. Es war nichts

Heldenhaftes, wenn er widerstand, wenn er jetzt den Herren

Schwierigkeiten bereitete, wenn er jetzt in der Abwehr noch den letzten

Schein des Lebens zu genießen versuchte. Er setzte sich in Gang, und

von der Freude, die er dadurch den Herren machte, ging noch etwas auf

ihn selbst über. Sie duldeten es jetzt, daß er die Wegrichtung

bestimmte und er bestimmte sie nach dem Weg, den das Fräulein vor ihnen

nahm, nicht etwa, weil er sie einholen, nicht etwa, weil er sie

möglichst lange sehen wollte, sondern nur deshalb, um die Mahnung, die

sie für ihn bedeutete, nicht zu vergessen. „Das Einzige, was ich jetzt

tun kann,“ sagte er sich und das Gleichmaß seiner Schritte und der

Schritte der zwei andern bestätigte seine Gedanken, „das Einzige, was

ich jetzt tue, ist, bis zum Ende den ruhig einteilenden Verstand

behalten. Ich wollte immer mit zwanzig Händen in die Welt hineinfahren

und überdies zu einem nicht zu billigenden Zweck. Das war unrichtig,

soll ich nun zeigen, daß nicht einmal der einjährige Prozeß mich

belehren konnte? Soll ich als ein begriffstutziger Mensch abgehn? Soll

man mir nachsagen dürfen, daß ich am Anfang des Prozesses ihn beenden

und jetzt an seinem Ende ihn wieder beginnen will. Ich will nicht, daß

man das sagt. Ich bin dankbar dafür, daß man mir auf diesem Weg diese

halbstummen verständnislosen Herren mitgegeben hat und daß man es mir

überlassen hat, mir selbst das Notwendige zu sagen.“

Das Fräulein war inzwischen in eine Seitengasse eingebogen, aber K.

konnte sie schon entbehren und überließ sich seinen Begleitern. Alle

drei zogen nun in vollem Einverständnis über eine Brücke im Mondschein,

jeder kleinen Bewegung, die K. machte, gaben die Herren jetzt

bereitwillig nach, als er ein wenig zum Geländer sich wendete, drehten

auch sie sich in ganzer Front dorthin. Das im Mondlicht glänzende und

zitternde Wasser teilte sich um eine kleine Insel, auf der wie

zusammengedrängt Laubmassen von Bäumen und Sträuchern sich aufhäuften.

Unter ihnen, jetzt unsichtbar, führten Kieswege mit bequemen Bänken,

auf denen K. in manchem Sommer sich gestreckt und gedehnt hatte. „Ich

wollte ja gar nicht stehn bleiben,“ sagte er zu seinen Begleitern,

beschämt durch ihre Bereitwilligkeit. Der Eine schien dem Andern hinter

K.s Rücken einen sanften Vorwurf wegen des mißverständlichen

Stehenbleibens zu machen, dann gingen sie weiter.

Sie kamen durch einige ansteigende Gassen, in denen hie und da

Polizisten standen oder gingen; bald in der Ferne, bald in nächster

Nähe. Einer mit buschigem Schnurrbart, die Hand am Griff des Säbels,

trat wie mit Absicht nahe an die nicht ganz unverdächtige Gruppe. Die

Herren stockten, der Polizeimann schien schon den Mund zu öffnen, da

zog K. mit Macht die Herren vorwärts. Öfters drehte er sich vorsichtig

um, ob der Polizeimann nicht folge; als sie aber eine Ecke zwischen

sich und dem Polizeimann hatten, fing K. zu laufen an, die Herren

mußten trotz großer Atemnot auch mit laufen.

So kamen sie rasch aus der Stadt hinaus, die sich in dieser Richtung

fast ohne Übergang an die Felder anschloß. Ein kleiner Steinbruch,

verlassen und öde, lag in der Nähe eines noch ganz städtischen Hauses.

Hier machten die Herren halt, sei es, daß dieser Ort von allem Anfang

an ihr Ziel gewesen war, sei es, daß sie zu erschöpft waren, um noch

weiter zu laufen. Jetzt ließen sie K. los, der stumm wartete, nahmen

die Zylinderhüte ab und wischten sich, während sie sich im Steinbruch

umsahen, mit den Taschentüchern den Schweiß von der Stirn. Überall lag

der Mondschein mit seiner Natürlichkeit und Ruhe, die keinem andern

Licht gegeben ist.

Nach Austausch einiger Höflichkeiten hinsichtlich dessen, wer die

nächsten Aufgaben auszuführen habe — die Herren schienen die Aufträge

ungeteilt bekommen zu haben — ging der Eine zu K. und zog ihm den Rock,

die Weste und schließlich das Hemd aus. K. fröstelte unwillkürlich,

worauf ihm der Herr einen leichten beruhigenden Schlag auf den Rücken

gab. Dann legte er die Sachen sorgfältig zusammen, wie Dinge, die man

noch gebrauchen wird, wenn auch nicht in allernächster Zeit. Um K.

nicht ohne Bewegung der immerhin kühlen Nachtluft auszusetzen, nahm er

ihn unter den Arm und ging mit ihm ein wenig auf und ab, während der

andere Herr den Steinbruch nach irgendeiner passenden Stelle absuchte.

Als er sie gefunden hatte, winkte er und der andere Herr geleitete K.

hin. Es war nahe der Bruchwand, es lag dort ein losgebrochener Stein.

Die Herren setzten K. auf die Erde nieder, lehnten ihn an den Stein und

betteten seinen Kopf obenauf. Trotz aller Anstrengung, die sie sich

gaben, und trotz alles Entgegenkommens, das ihnen K. bewies, blieb

seine Haltung eine sehr gezwungene und unglaubwürdige. Der eine Herr

bat daher den andern, ihm für ein Weilchen das Hinlegen K.s allein zu

überlassen, aber auch dadurch wurde es nicht besser. Schließlich ließen

sie K. in einer Lage, die nicht einmal die beste von den bereits

erreichten Lagen war. Dann öffnete der eine Herr seinen Gehrock und

nahm aus einer Scheide, die an einem um die Weste gespannten Gürtel

hing, ein langes, dünnes, beiderseitig geschärftes Fleischermesser,

hielt es hoch und prüfte die Schärfen im Licht. Wieder begannen die

widerlichen Höflichkeiten, einer reichte über K. hinweg das Messer dem

andern, dieser reichte es wieder über K. zurück. K. wußte jetzt genau,

daß es seine Pflicht gewesen wäre, das Messer, als es von Hand zu Hand

über ihm schwebte, selbst zu fassen und sich einzubohren. Aber er tat

es nicht, sondern drehte den noch freien Hals und sah umher.

Vollständig konnte er sich nicht bewähren, alle Arbeit den Behörden

nicht abnehmen, die Verantwortung für diesen letzten Fehler trug der,

der ihm den Rest der dazu nötigen Kraft versagt hatte. Seine Blicke

fielen auf das letzte Stockwerk des an dem Steinbruch angrenzenden

Hauses. Wie ein Licht aufzuckt, so fuhren die Fensterflügel eines

Fensters dort auseinander, ein Mensch, schwach und dünn in der Ferne

und Höhe, beugte sich mit einem Ruck weit vor und streckte die Arme

noch weiter aus. Wer war es? Ein Freund? Ein guter Mensch? Einer, der

teilnahm? Einer der helfen wollte? War es ein Einzelner? Waren es alle?

War noch Hilfe? Gab es Einwände, die man vergessen hatte? Gewiß gab es

solche. Die Logik ist zwar unerschütterlich, aber einem Menschen, der

leben will, widersteht sie nicht. Wo war der Richter, den er nie

gesehen hatte? Wo war das hohe Gericht, bis zu dem er nie gekommen war?

Er hob die Hände und spreizte alle Finger.

Aber an K.s Gurgel legten sich die Hände des einen Herrn, während der

andere das Messer ihm ins Herz stieß und zweimal dort drehte. Mit

brechenden Augen sah noch K., wie die Herren, nahe vor seinem Gesicht,

Wange an Wange aneinander gelehnt, die Entscheidung beobachteten. „Wie

ein Hund!“ sagte er, es war, als sollte die Scham ihn überleben.

NACHWORT

Eigenartig und tief wie alle Lebensäußerungen Franz Kafkas war auch

seine Stellungnahme seinem eigenen Werk und jeder Publikation

gegenüber. Die Probleme, die er bei Behandlung dieser Angelegenheit

austrug und die daher auch Richtschnur jeder Veröffentlichung aus

seinem Nachlaß bleiben müssen, können in ihrem Ernst gar nicht

überschätzt werden. Zu ihrer wenigstens annäherungsweisen Beurteilung

diene das Folgende:

Fast alles, was Kafka veröffentlicht hat, ist ihm von mir mit List und

Überredungskunst abgenommen worden. Damit steht nicht im Widerspruch,

daß er oftmals, in langen Lebensperioden, seines Schreibens wegen (er

sprach freilich stets nur von einem „Kritzeln“) viel Glück empfunden

hat. Wer ihn nur je in kleinem Kreise seine eigne Prosa mit

hinreißendem Feuer, mit einem Rhythmus, dessen Lebendigkeit kein

Schauspieler je erreichen wird, vorlesen hören durfte, der fühlte auch

unmittelbar die echte unbändige Schaffenslust und Leidenschaft, die

hinter diesem Werke stand. Daß er es trotzdem verwarf, hatte seinen

Grund zunächst in gewissen traurigen Erlebnissen, die ihn zur

Selbstsabotage, daher auch zum Nihilismus dem eignen Werk gegenüber

führten; unabhängig davon aber auch in der Tatsache, daß er an dieses

Werk (freilich ohne dies je auszusprechen) den höchsten religiösen

Maßstab anlegte, dem es allerdings, aus vielerlei Wirrnissen entrungen,

nicht entsprechen konnte. Daß sein Werk trotzdem vielen, die zum

Glauben, zur Natur, zur vollkommenen Seelengesundheit hinstreben, ein

starker Helfer hätte werden können, durfte ihm nichts bedeuten, der mit

dem unerbittlichsten Ernst für sich selbst auf der Suche nach dem

rechten Wege war und zunächst sich selbst, nicht andern Rat zu geben

hatte.

So deute ich für meine Person die negative Stellungnahme Kafkas zu

seinem eignen Werk. Er sprach oft von den „falschen Händen, die sich

einem während des Schreibens entgegenstrecken“ — auch davon, daß ihn

das Geschriebene und gar das Veröffentlichte in der weitern Arbeit

beirre. Es gab viele Widerstände zu überwinden, ehe ein Band von ihm

erschien. Nichtsdestoweniger hat er an den fertigen schönen Büchern und

gelegentlich auch an ihren Wirkungen eine rechte Freude gehabt, und es

gab Zeiten, wo er wie sich selbst so auch sein Werk mit gleichsam

wohlwollendern Blicken, nie ganz ohne Ironie, jedoch mit freundlicher

Ironie musterte; mit einer Ironie, hinter der sich das ungeheure Pathos

des kompromißlos nach dem Höchsten Strebenden verbarg.

In Franz Kafkas Nachlaß hat sich kein Testament vorgefunden. In seinem

Schreibtisch lag unter vielem andern Papier ein zusammengefalteter, mit

Tinte geschriebener Zettel mit meiner Adresse. Der Zettel hat folgenden

Wortlaut:

Liebster Max, meine letzte Bitte: Alles, was sich in meinem Nachlaß

(also im Buchkasten, Wäscheschrank, Schreibtisch, zu Hause und im

Bureau, oder wohin sonst irgend etwas vertragen worden sein sollte

und Dir auffällt) an Tagebüchern, Manuskripten, Briefen, fremden

und eignen, Gezeichnetem und so weiter findet, restlos und

ungelesen zu verbrennen, ebenso alles Geschriebene oder

Gezeichnete, das Du oder andre, die Du in meinem Namen darum bitten

sollst, haben. Briefe, die man Dir nicht übergeben will, soll man

wenigstens selbst zu verbrennen sich verpflichten.

Dein Franz Kafka.

Bei genauerm Suchen fand sich auch noch ein mit Bleistift

geschriebenes, vergilbtes, offenbar älteres Blatt. Es sagt:

Lieber Max, vielleicht stehe ich diesmal doch nicht mehr auf, das

Kommen der Lungenentzündung ist nach dem Monat Lungenfieber genug

wahrscheinlich, und nicht einmal, daß ich es niederschreibe, wird

sie abwehren, trotzdem es eine gewisse Macht hat.

Für diesen Fall also mein letzter Wille hinsichtlich alles von mir

Geschriebenen:

Von allem, was ich geschrieben habe, gelten nur die Bücher: Urteil,

Heizer, Verwandlung, Strafkolonie, Landarzt und die Erzählung:

Hungerkünstler. (Die paar Exemplare der ‚Betrachtung‘ mögen

bleiben, ich will niemandem die Mühe des Einstampfens machen, aber

neu gedruckt darf nichts daraus werden.) Wenn ich sage, daß jene

fünf Bücher und die Erzählung gelten, so meine ich damit nicht, daß

ich den Wunsch habe, sie mögen neu gedruckt und künftigen Zeiten

überliefert werden, im Gegenteil, sollten sie ganz verlorengehn,

entspricht dieses meinem eigentlichen Wunsch. Nur hindere ich, da

sie schon einmal da sind, niemanden daran, sie zu erhalten, wenn er

dazu Lust hat.

Dagegen ist alles, was sonst an Geschriebenem von mir vorliegt (in

Zeitschriften Gedrucktes, im Manuskript oder in Briefen)

ausnahmslos, soweit es erreichbar oder durch Bitten von den

Adressaten zu erhalten ist (die meisten Adressaten kennst Du ja, in

der Hauptsache handelt es sich um .........., vergiß besonders

nicht paar Hefte, die ..... hat) — alles dieses ist ausnahmslos, am

liebsten ungelesen (doch wehre ich Dir nicht hineinzuschaun, am

liebsten wäre es mir allerdings, wenn Du es nicht tust, jedenfalls

aber darf niemand andrer hineinschauen) — alles dieses ist

ausnahmslos zu verbrennen, und dies möglichst bald zu tun bitte ich

Dich

Franz

Wenn ich diesen so kategorisch ausgesprochenen Verfügungen gegenüber

dennoch ablehne, die herostratische Tat auszuführen, die mein Freund

von mir verlangt, so habe ich hierzu die allertriftigsten Gründe.

Einige davon entziehen sich öffentlicher Diskussion. Doch auch die,

welche ich mitteilen kann, sind meiner Ansicht nach durchaus

hinreichend zum Verständnis meines Entschlusses.

Der Hauptgrund: als ich 1921 meinen Beruf wechselte, sagte ich meinem

Freunde, daß ich mein Testament gemacht hätte, in dem ich ihn bäte,

dieses und jenes zu vernichten, andres durchzusehn und so fort. Darauf

sagte Kafka und zeigte mir den mit Tinte geschriebenen Zettel, den man

dann in seinem Schreibtisch vorgefunden hat, von außen: „Mein Testament

wird ganz einfach sein — die Bitte an dich, alles zu verbrennen.“ Ich

entsinne mich auch noch ganz genau der Antwort, die ich damals gab:

„Falls du mir im Ernste so etwas zumuten solltest, so sage ich dir

schon jetzt, daß ich deine Bitte nicht erfüllen werde.“ Das ganze

Gespräch wurde in jenem scherzhaften Ton geführt, der unter uns üblich

war, jedoch mit dem heimlichen Ernst, den wir dabei stets einer bei dem

andern voraussetzten. Von dem Ernst meiner Ablehnung überzeugt, hätte

Franz einen andern Testamentsexekutor bestimmen müssen, wenn ihm seine

eigne Verfügung unbedingter und letzter Ernst gewesen wäre.

Ich bin ihm nicht dankbar, mich in diesen schweren Gewissenskonflikt

gestürzt zu haben, den er voraussehen mußte, denn er kannte die

fanatische Verehrung, die ich jedem seiner Worte entgegenbrachte, und

die mich in den 22 Jahren unsrer niemals getrübten Freundschaft (unter

anderm) veranlaßte, auch nicht das kleinste Zettelchen, keine

Ansichtskarte, die von ihm kam, wegzuwerfen. — Das „ich bin nicht

dankbar“ möge übrigens nicht mißverstanden werden! Was wiegt ein noch

so schwerer Gewissenskonflikt gegenüber dem unendlichen Segen, den ich

dem Freunde verdanke, der das eigentliche Rückgrat meiner ganzen

geistigen Existenz war!

Weitere Gründe: die Ordre des Bleistiftblatts ist von Franz selbst

nicht befolgt worden, denn er hat später ausdrücklich die Erlaubnis

gegeben, daß Teile der ‚Betrachtung‘ in einer Zeitung nachgedruckt, und

daß drei weitere Novellen veröffentlicht würden, die er selbst mit dem

„Hungerkünstler“ vereinigt und dem Verlag Die Schmiede übergeben hat.

Beide Verfügungen stammen ferner aus einer Zeit, wo die

selbstkritischen Tendenzen meines Freundes den Höhepunkt erreicht

hatten. In seinem letzten Lebensjahre aber hat sein ganzes Dasein eine

unvorhergesehene, neue, glückliche, positive Wendung genommen, die

diesen Selbsthaß und Nihilismus derogiert. — Mein Entschluß, den

Nachlaß zu veröffentlichen, wird übrigens durch die Erinnerung an all

die erbitterten Kämpfe erleichtert, mit dem ich jede einzelne

Veröffentlichung von Kafka erzwungen und oft genug erbettelt habe. Und

dennoch war er nachträglich mit diesen Veröffentlichungen ausgesöhnt

und relativ zufrieden. — Schließlich entfällt bei einer postumen

Veröffentlichung eine Reihe von Motiven, zum Beispiel, daß

Veröffentlichung weitere Arbeit beirren könnte, daß sie die Schatten

persönlich peinlicher Lebensperioden aufrief. Wie sehr für Kafka die

Nichtveröffentlichung mit dem Problem seiner Lebensführung zusammenhing

(ein Problem, das zu unserem unermeßlichen Schmerz jetzt nicht mehr

stört), geht wie aus vielen Gesprächen aus folgendem Brief an mich

hervor: „... Die Romane lege ich nicht bei. Warum die alten

Anstrengungen aufrühren? Nur deshalb, weil ich sie bisher nicht

verbrannt habe? ... Wenn ich nächstens komme, geschieht es hoffentlich.

Worin liegt der Sinn des Aufhebens solcher „sogar“ künstlerisch

mißlungener Arbeiten? Darin, daß man hofft, daß sich aus diesen

Stückchen ein Ganzes zusammensetzen wird, irgendeine Berufungsinstanz,

an deren Brust ich werde schlagen können, wenn ich in Not bin. Ich

weiß, daß das nicht möglich ist, daß von dort keine Hilfe kommt. Was

soll ich also mit den Sachen? Sollen die, die mir nicht helfen können,

mir auch noch schaden, wie es, dieses Wissen vorausgesetzt, sein muß?“

Ich fühle sehr wohl, daß ein Rest bleibt, der besonders zartsinnigen

Menschen die Publikation verbieten würde. Ich halte es aber für meine

Pflicht, dieser sehr einschmeichelnden Verlockung des Zartsinns zu

widerstehn. Entscheidend ist dabei natürlich nichts von dem bisher

Vorgebrachten, sondern einzig und allein die Tatsache, daß der Nachlaß

Kafkas die wundervollsten Schätze, auch an seinem eignen Werk gemessen

das Beste, was er geschrieben hat, enthält. Ehrlicherweise muß ich

eingestehn, daß diese eine Tatsache des literarischen und ethischen

Werts genügt hätte (selbst wenn ich gegen die Kraft der letztwilligen

Verfügungen Kafkas gar keinen Einwand hätte) — meine Entscheidung mit

einer Präzision, der ich nichts entgegenzusetzen hätte, eindeutig zu

bestimmen.

Leider ist Franz Kafka an einem Teil seines Vermächtnisses sein eigner

Exekutor geworden. Ich fand in seiner Wohnung zehn große Quarthefte —

nur ihre Deckel, den Inhalt vollständig vernichtet. Ferner hat er

(zuverlässigem Bericht zufolge) mehrere Schreibblocks verbrannt. In der

Wohnung fand sich nur ein Konvolut (etwa hundert Aphorismen über

religiöse Fragen), ein autobiographischer Versuch, der vorläufig

unveröffentlicht bleibt, und ein Haufen ungeordneter Papiere, die ich

jetzt sichte. Ich hoffe, daß sich in diesen Papieren manche vollendete

oder nahezu vollendete Erzählung finden wird. Ferner wurde mir eine

(unvollendete) Tier-Novelle und ein Skizzenbuch übergeben.

Der kostbarste Teil des Vermächtnisses besteht mithin in den Werken,

die dem Grimm des Autors rechtzeitig entzogen und in Sicherheit

gebracht worden sind. Es sind dies drei Romane. ‚Der Heizer‘, die schon

veröffentlichte Erzählung, bildet das erste Kapitel des einen Romans,

der in Amerika spielt, und von dem auch das Schlußkapitel existiert, so

daß er keine wesentliche Lücke aufweisen dürfte. Dieser Roman befindet

sich bei einer Freundin des Toten; die beiden andern — „Das Schloß“ und

den „Prozeß“ habe ich 1920 und 1923 zu mir gebracht, was mir heute ein

wahrer Trost ist. Erst diese Werke werden zeigen, daß die eigentliche

Bedeutung Franz Kafkas, den man bisher mit einigem Recht für einen

Spezialisten, einen Meister der Kleinkunst halten konnte, in der großen

epischen Form liegt.

Mit diesen Werken, die etwa vier Bände einer Nachlaßausgabe füllen

dürften, sind aber die Ausstrahlungen von Kafkas zauberhafter

Persönlichkeit bei weitem nicht erschöpft. Kann auch vorläufig an eine

Herausgabe der Briefe nicht gedacht werden, von denen jeder einzelne

dieselbe Natürlichkeit und Intensität besitzt wie Kafkas literarisches

Werk, so wird man doch in einem kleinen Kreise rechtzeitig daran gehen,

alles zu sammeln, was als Äußerung dieses einzigartigen Menschen in

Erinnerung geblieben ist. Um nur ein Beispiel anzuführen: wie viele der

Werke, die jetzt zu meiner bittern Enttäuschung in Kafkas Wohnung nicht

mehr vorgefunden wurden, hat mir mein Freund vorgelesen oder wenigstens

teilweise vorgelesen, teilweise ihren Plan erzählt! Wie unvergeßliche,

ganz originelle, ganz tiefe Gedanken hat er mir mitgeteilt! Soweit mein

Gedächtnis, soweit meine Kräfte reichen, soll nichts verlorengehen.

Das Manuskript des Romans „Der Prozeß“ habe ich im Juni 1920 an mich

genommen und gleich damals geordnet. Das Manuskript trägt keinen Titel.

Doch hat Kafka dem Roman im Gespräch stets den Titel „Der Prozeß“

gegeben. Die Einteilung in Kapitel sowie die Kapitelüberschriften

rühren von Kafka her. Bezüglich der Anordnung der Kapitel war ich auf

mein Gefühl angewiesen. Doch da mir mein Freund einen großen Teil des

Romans vorgelesen hatte, konnte sich mein Gefühl bei der Ordnung der

Papiere auf Erinnerungen stützen. — Franz Kafka hat den Roman als

unvollendet betrachtet. Vor dem Schlußkapitel, das vorliegt, sollten

noch einige Stadien des geheimnisvollen Prozesses geschildert werden.

Da aber der Prozeß nach der vom Dichter mündlich geäußerten Ansicht

niemals bis zur höchsten Instanz vordringen sollte, war in einem

gewissen Sinne der Roman überhaupt unvollendbar, d. h. in infinitum

fortsetzbar. Die vollendeten Kapitel, mit dem abrundenden Schlußkapitel

zusammengenommen, lassen jedenfalls sowohl den Sinn wie die Gestalt des

Werkes mit einleuchtendster Klarheit hervortreten, und wer nicht darauf

aufmerksam gemacht wird, daß der Dichter selbst an dem Werke noch

weiterzuarbeiten gedachte (er unterließ es, weil er sich einer andern

Lebensatmosphäre zuwandte) —, wird kaum seine Lücke fühlen. — Meine

Arbeit an dem großen Papierbündel, das seinerzeit dieser Roman

darstellte, beschränkte sich darauf, die vollendeten von den

unvollendeten Kapiteln zu sondern. Die unvollendeten lasse ich für den

Schlußband der Nachlaßausgabe zurück, sie enthalten nichts für den Gang

der Handlung Wesentliches. Eines dieser Fragmente wurde vom Dichter

selbst unter dem Titel „Ein Traum“ in den Band „Ein Landarzt“

aufgenommen. Die vollendeten Kapitel sind hier vereinigt und geordnet.

Von den unvollendeten habe ich nur eines, das offenbar nahezu vollendet

ist, mit einer leichten Umstellung von vier Zeilen als Kapitel 8 hier

eingereiht. — Im Text habe ich selbstverständlich nichts geändert. Ich

habe nur die zahlreichen Abkürzungen transkribiert (z. B. statt F. B.

„Fräulein Bürstner“ — statt T. „Titorelli“ voll ausgeschrieben) und

einige kleine Versehen berichtigt, die offensichtlich nur deshalb in

dem Manuskript stehen geblieben sind, weil es der Dichter einer

definitiven Durchsicht nicht unterworfen hat.

Max Brod.

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