Während sie in diese Dinge sich versenkten, waren sie so vergessen, Romeo und Julia auf dem Dorfe · Capítulo 2 de 2
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Während sie in diese Dinge sich versenkten, waren sie so vergessen,

Während sie in diese Dinge sich versenkten, waren sie so vergessen,

daß sie nicht bemerkten, wie nach und nach ein weiter Ring sich um sie

gebildet hatte von Leuten, die sie aufmerksam und neugierig

betrachteten. Denn da viele junge Burschen und Mädchen aus ihrem Dorfe

hier waren, so waren sie erkannt worden, und alles stand jetzt in

einiger Entfernung um sie herum und sah mit Verwunderung auf das

wohlgeputzte Paar, welches in andächtiger Innigkeit die Welt um sich

her zu vergessen schien. „Ei seht!" hieß es, „das ist ja wahrhaftig

das Vrenchen Marti und der Sali aus der Stadt! Die haben sich ja

säuberlich gefunden und verbunden! Und welche Zärtlichkeit und

Freundschaft, seht doch, seht! Wo die wohl hinauswollen?" Die

Verwunderung dieser Zuschauer war ganz seltsam gemischt aus Mitleid

mit dem Unglück, aus Verachtung der Verkommenheit und Schlechtigkeit

der Eltern und aus Neid gegen das Glück und die Einigkeit des Paares,

welches auf eine ganz ungewöhnliche und fast vornehme Weise verliebt

und aufgeregt war und in dieser rückhaltlosen Hingebung und

Selbstvergessenheit dem rohen Völkchen ebenso fremd erschien, wie in

seiner Verlassenheit und Armut. Als sie daher endlich aufwachten und

um sich sahen, erschauten sie nichts als gaffende Gesichter von allen

Seiten; niemand grüßte sie und sie wußten nicht, sollten sie jemand

grüßen, und diese Verfremdung und Unfreundlichkeit war von beiden

Seiten mehr Verlegenheit als Absicht. Es wurde Vrenchen bang und heiß,

es wurde bleich und rot, Sali nahm es aber bei der Hand und führte das

arme Wesen hinweg, das ihm mit seinem Haus in der Hand willig folgte,

obgleich die Trompeten im Wirtshause lustig schmetterten und Vrenchen

so gern tanzen wollte. „Hier können wir nicht tanzen!" sagte Sali, als

sie sich etwas entfernt hatten, „wir würden hier wenig Freude haben,

wie es scheint!" „Jedenfalls," sagte Vrenchen traurig, „es wird auch

am besten sein, wir lassen es ganz bleiben und ich sehe, wo ich ein

Unterkommen finde!" „Nein," rief Sali, „du sollst einmal tanzen, ich

habe dir darum Schuhe gebracht! Wir wollen gehen, wo das arme Volk

sich lustig macht, zu dem wir jetzt auch gehören, da werden sie uns

nicht verachten; im Paradiesgärtchen wird jedesmal auch getanzt, wenn

hier Kirchweih ist, da es in die Kirchgemeinde gehört, und dorthin

wollen wir gehen, dort kannst du zur Not auch übernachten." Vrenchen

schauerte zusammen bei dem Gedanken, nun zum erstenmal an einem

unbekannten Ort zu schlafen; doch folgte es willenlos seinem Führer,

der jetzt alles war, was es in der Welt hatte. Das Paradiesgärtlein

war ein schöngelegenes Wirtshaus an einer einsamen Berghalde, das weit

über das Land wegsah, in welchem aber an solchen Vergnügungstagen nur

das ärmere Volk, die Kinder der ganz kleinen Bauern und Tagelöhner und

sogar mancherlei fahrendes Gesinde verkehrte. Vor hundert Jahren war

es als ein kleines Landhaus von einem reichen Sonderling gebaut

worden, nach welchem niemand mehr da wohnen mochte, und da der Platz

sonst zu nichts zu gebrauchen war, so geriet der wunderliche Landsitz

in Verfall und zuletzt in die Hände eines Wirtes, der da sein Wesen

trieb. Der Name und die demselben entsprechende Bauart waren aber dem

Hause geblieben. Es bestand nur aus einem Erdgeschoß, über welchem ein

offener Estrich gebaut war, dessen Dach an den vier Ecken von Bildern

aus Sandstein getragen wurde, so die vier Erzengel vorstellten und

gänzlich verwittert waren. Auf dem Gesimse des Daches saßen ringsherum

kleine musizierende Engel mit dicken Köpfen und Bäuchen, den Triangel,

die Geige, die Flöte, Zimbel und Tamburin spielend, ebenfalls aus

Sandstein, und die Instrumente waren ursprünglich vergoldet gewesen.

Die Decke inwendig, sowie die Brustwehr des Estrichs und das übrige

Gemäuer des Hauses waren mit verwaschenen Freskomalereien bedeckt,

welche lustige Engelscharen, sowie singende und tanzende Heilige

darstellten. Aber alles war verwischt und undeutlich wie ein Traum und

überdies reichlich mit Weinreben übersponnen, und blaue reifende

Trauben hingen überall in dem Laube. Um das Haus herum standen

verwilderte Kastanienbäume, und knorrige starke Rosenbüsche, auf

eigene Hand fortlebend, wuchsen da und dort so wild herum, wie

anderswo die Holunderbäume. Der Estrich diente zum Tanzsaal; als Sali

mit Vrenchen daherkam, sahen sie schon von weitem die Paare unter dem

offenen Dache sich drehen und rund um das Haus zechten und lärmten

eine Menge lustiger Gäste. Vrenchen, welches andächtig und wehmütig

sein Liebeshaus trug, glich einer heiligen Kirchenpatronin auf alten

Bildern, welche das Modell eines Domes oder Klosters auf der Hand

hält, so sie gestiftet; aber aus der frommen Stiftung, die ihr im

Sinne lag, konnte nichts werden. Als es aber die wilde Musik hörte,

welche vom Estrich ertönte, vergaß es sein Leid und verlangte endlich

nichts, als mit Sali zu tanzen. Sie drängten sich durch die Gäste, die

vor dem Hause saßen und in der Stube, verlumpte Leute aus Seldwyla,

die eine billige Landpartie machten, armes Volk von allen Enden, und

stiegen die Treppe hinauf, und sogleich drehten sie sich im Walzer

herum, keinen Blick voneinander abwendend. Erst als der Walzer zu

Ende, sahen sie sich um, Vrenchen hatte sein Haus zerdrückt und

zerbrochen und wollte eben betrübt darüber werden, als es noch mehr

erschrak über den schwarzen Geiger, in dessen Nähe sie standen. Er saß

auf einer Bank, die auf einem Tische stand, und sah so schwarz aus wie

gewöhnlich; nur hatte er heute einen grünen Tannenbusch auf sein

Hütchen gesteckt, zu seinen Füßen hatte er eine Flasche Rotwein und

ein Glas stehen, welche er nie umstieß, obgleich er fortwährend mit

den Beinen strampelte, wenn er geigte, und so eine Art von Eiertanz

damit vollbrachte. Neben ihm saß noch ein schöner aber trauriger

junger Mensch mit einem Waldhorn, und ein Buckliger stand an einer

Baßgeige. Sali erschrak auch, als er den Geiger erblickte; dieser

grüßte sie aber auf das freundlichste und rief: „Ich habe doch gewußt,

daß ich euch noch einmal aufspielen werde! So macht euch nur recht

lustig, ihr Schätzchen, und tut mir Bescheid!" Er bot Sali das volle

Glas und Sali trank und tat ihm Bescheid. Als der Geiger sah, wie

erschrocken Vrenchen war, suchte er ihm freundlich zuzureden und

machte einige fast anmutige Scherze, die es zum Lachen brachten. Es

ermunterte sich wieder, und nun waren sie froh, hier einen Bekannten

zu haben und gewissermaßen unter dem besonderen Schutze des Geigers zu

stehen. Sie tanzten nun ohne Unterlaß, sich und die Welt vergessend in

dem Drehen, Singen und Lärmen, welches in und außer dem Hause rumorte

und vom Berge weit in die Gegend hinausschallte, welche sich

allmählich in den silbernen Duft des Herbstabends hüllte. Sie tanzten,

bis es dunkelte und der größere Teil der lustigen Gäste sich

schwankend und johlend nach allen Seiten entfernte. Was noch

zurückblieb, war das eigentliche Hudelvölkchen, welches nirgends zu

Hause war und sich zum guten Tag auch noch eine gute Nacht machen

wollte. Unter diesen waren einige, welche mit dem Geiger gut bekannt

schienen und fremdartig aussahen in ihrer zusammengewürfelten Tracht.

Besonders ein junger Bursche fiel auf, der eine grüne Manchesterjacke

trug und einen zerknitterten Strohhut, um den er einen Kranz von

Ebereschen oder Vogelbeerbüscheln gebunden hatte. Dieser führte eine

wilde Person mit sich, die einen Rock von kirschrotem, weißgetüpfeltem

Kattun trug und sich einen Reifen von Rebenschossen um den Kopf

gebunden, so daß an jeder Schläfe eine blaue Traube hing. Dies Paar

war das ausgelassenste von allen, tanzte und sang unermüdlich und war

in allen Ecken zugleich. Dann war noch ein schlankes hübsches Mädchen

da, welches ein schwarzseidenes abgeschossenes Kleid trug und ein

weißes Tuch um den Kopf, daß der Zipfel über den Rücken fiel. Das Tuch

zeigte rote, eingewobene Streifen und war eine gute leinene Handzwehle

oder Serviette. Darunter leuchteten aber ein Paar veilchenblaue Augen

hervor. Um den Hals und auf der Brust hing eine sechsfache Kette von

Vogelbeeren auf einen Faden gezogen und ersetzte die schönste

Korallenschnur. Diese Gestalt tanzte fortwährend allein mit sich

selbst und verweigerte hartnäckig, mit einem der Gesellen zu tanzen.

Nichtsdestominder bewegte sie sich anmutig und leicht herum und

lächelte jedesmal, wenn sie sich an dem traurigen Waldhornbläser

vorüberdrehte, wozu dieser immer den Kopf abwandte. Noch einige andere

vergnügte Frauensleute waren da mit ihren Beschützern, alle von

dürftigem Aussehen, aber sie waren um so lustiger und in bester

Eintracht untereinander. Als es gänzlich dunkel war, wollte der Wirt

keine Lichter anzünden, da er behauptete, der Wind lösche sie aus,

auch ginge der Vollmond sogleich auf und für das, was ihm diese

Herrschaften einbrächten, sei das Mondlicht gut genug. Diese Eröffnung

wurde mit großem Wohlgefallen aufgenommen; die ganze Gesellschaft

stellte sich an die Brüstung des luftigen Saales und sah dem Aufgange

des Gestirnes entgegen, dessen Röte schon am Horizonte stand; und

sobald der Mond aufging und sein Licht quer durch den Estrich des

Paradiesgärtels warf, tanzten sie im Mondschein weiter, und zwar so

still, artig und seelenvergnügt, als ob sie im Glanze von hundert

Wachskerzen tanzten. Das seltsame Licht machte alle vertrauter und so

konnten Sali und Vrenchen nicht umhin, sich unter die gemeinsame

Lustbarkeit zu mischen und auch mit andern zu tanzen. Aber jedesmal,

wenn sie ein Weilchen getrennt gewesen, flogen sie zusammen und

feierten ein Wiedersehen, als ob sie sich jahrelang gesucht und

endlich gefunden. Sali machte ein trauriges und unmutiges Gesicht,

wenn er mit einer andern tanzte, und drehte fortwährend das Gesicht

nach Vrenchen hin, welches ihn nicht ansah, wenn es vorüberschwebte,

glühte wie eine Purpurrose und überglücklich schien, mit wem es auch

tanzte. „Bist du eifersüchtig, Sali?" fragte es ihn, als die

Musikanten müde waren und aufhörten. „Gott bewahre!" sagte er, „ich

wüßte nicht, wie ich es anfangen sollte!" „Warum bist du denn so bös,

wenn ich mit andern tanze?" „Ich bin nicht darüber bös, sondern weil

ich mit andern tanzen muß! Ich kann kein anderes Mädchen ausstehen, es

ist mir, als wenn ich ein Stück Holz im Arm habe, wenn du es nicht

bist! Und du? Wie geht es dir?" „Oh, ich bin immer wie im Himmel, wenn

ich nur tanze und weiß, daß du zugegen bist! Aber ich glaube, ich

würde sogleich tot umfallen, wenn du weggingest und mich daließest!"

Sie waren hinabgegangen und standen vor dem Hause! Vrenchen umschloß

ihn mit beiden Armen, schmiegte seinen schlanken zitternden Leib an

ihn, drückte seine glühende Wange, die von heißen Tränen feucht war,

an sein Gesicht und sagte schluchzend: „Wir können nicht zusammensein

und doch kann ich nicht von dir lassen, nicht einen Augenblick mehr,

nicht eine Minute!" Sali umarmte und drückte das Mädchen heftig an

sich und bedeckte es mit Küssen. Seine verwirrten Gedanken rangen nach

einem Ausweg, aber er sah keinen. Wenn auch das Elend und die

Hoffnungslosigkeit seiner Herkunft zu überwinden gewesen wären, so war

seine Jugend und unerfahrene Leidenschaft nicht beschaffen, sich eine

lange Zeit der Prüfung und Entsagung vorzunehmen und zu überstehen,

und dann wäre erst noch Vrenchens Vater dagewesen, welchen er

zeitlebens elend gemacht. Das Gefühl, in der bürgerlichen Welt nur in

einer ganz ehrlichen und gewissenfreien Ehe glücklich sein zu können,

war in ihm ebenso lebendig wie in Vrenchen, und in beiden verlassenen

Wesen war es die letzte Flamme der Ehre, die in früheren Zeiten in

ihren Häusern geglüht hatte und welche die sich sicher fühlenden Väter

durch einen unscheinbaren Mißgriff ausgeblasen und zerstört hatten,

als sie, eben diese Ehre zu äufnen wähnend durch Vermehrung ihres

Eigentums, so gedankenlos sich das Gut eines Verschollenen aneigneten,

ganz gefahrlos, wie sie meinten. Das geschieht nun freilich alle Tage;

aber zuweilen stellt das Schicksal ein Exempel auf und läßt zwei

solche Äufner ihrer Hausehre und ihres Gutes zusammentreffen, die sich

dann unfehlbar aufreiben und auffressen wie zwei wilde Tiere. Denn die

Mehrer des Reiches verrechnen sich nicht nur auf den Thronen, sondern

zuweilen auch in den niedersten Hütten und langen ganz am

entgegengesetzten Ende an, als wohin sie zu kommen trachteten, und der

Schild der Ehre ist im Umsehen eine Tafel der Schande. Sali und

Vrenchen hatten aber noch die Ehre ihres Hauses gesehen in zarten

Kinderjahren und erinnerten sich, wie wohlgepflegte Kinderchen sie

gewesen und daß ihre Väter ausgesehen wie andere Männer, geachtet und

sicher. Dann waren sie auf lange getrennt worden, und als sie sich

wiederfanden, sahen sie in sich zugleich das verschwundene Glück des

Hauses, und beider Neigung klammerte sich nur um so heftiger

ineinander. Sie mochten so gern fröhlich und glücklich sein, aber nur

auf einem guten Grund und Boden, und dieser schien ihnen unerreichbar,

während ihr wallendes Blut am liebsten gleich zusammengeströmt wäre.

„Nun ist es Nacht," rief Vrenchen, „und wir sollen uns trennen!" „Ich

soll nach Hause gehen und dich allein lassen?" rief Sali, „nein, das

kann ich nicht!" „Dann wird es Tag werden und nicht besser um uns

stehen!"

„Ich will euch einen Rat geben, ihr närrischen Dinger!" tönte eine

schrille Stimme hinter ihnen, und der Geiger trat vor sie hin. „Da

steht ihr," sagte er, „wißt nicht wo hinaus und hättet euch gern. Ich

rate euch, nehmt euch, wie ihr seid, und säumet nicht. Kommt mit mir

und meinen guten Freunden in die Berge, da brauchet ihr keinen

Pfarrer, kein Geld, keine Schriften, keine Ehre, kein Bett, nichts als

eueren guten Willen! Es ist gar nicht so übel bei uns, gesunde Luft

und genug zu essen, wenn man tätig ist; die grünen Wälder sind unser

Haus, wo wir uns liebhaben, wie es uns gefällt, und im Winter machen

wir uns die wärmsten Schlupfwinkel oder kriechen den Bauern ins warme

Heu. Also kurz entschlossen, haltet gleich hier Hochzeit und kommt mit

uns, dann seid ihr aller Sorgen los und habt euch für immer und

ewiglich, solang es euch gefällt wenigstens; denn alt werdet ihr bei

unserem freien Leben, das könnt ihr glauben! Denkt nicht etwa, daß ich

euch nachtragen will, was eure Alten an mir getan! Nein! Es macht mir

zwar Vergnügen, euch da angekommen zu sehen, wo ihr seid; allein damit

bin ich zufrieden und werde euch behilflich und dienstfertig sein,

wenn ihr mir folgt." Er sagte das wirklich in einem aufrichtigen und

gemütlichen Tone. „Nun, besinnt euch ein bißchen, aber folget mir,

wenn ich euch gut zum Rat bin! Laßt fahren die Welt und nehmet euch

und fraget niemandem was nach! Denkt an das luftige Hochzeitbett im

tiefen Wald oder auf einem Heustock, wenn es euch zu kalt ist!" Damit

ging er ins Haus. Vrenchen zitterte in Salis Armen und dieser sagte:

„Was meinst du dazu? Mich dünkt, es wäre nicht übel, die ganze Welt in

den Wind zu schlagen und uns dafür zu lieben ohne Hindernis und

Schranken!" Er sagte es aber mehr als einen verzweifelten Scherz, denn

im Ernst. Vrenchen aber erwiderte ganz treuherzig und küßte ihn:

„Nein, dahin möchte ich nicht gehen, denn da geht es auch nicht nach

meinem Sinne zu. Der junge Mensch mit dem Waldhorn und das Mädchen mit

dem seidenen Rocke gehören auch so zueinander und sollen sehr verliebt

gewesen sein. Nun sei letzte Woche die Person ihm zum erstenmal untreu

geworden, was ihm nicht in den Kopf wolle, und deshalb sei er so

traurig und schmolle mit ihr und mit den andern, die ihn auslachen.

Sie aber tut eine mutwillige Buße, indem sie allein tanzt und mit

niemandem spricht, und lacht ihn auch nur aus damit. Dem armen

Musikanten sieht man es jedoch an, daß er sich noch heute mit ihr

versöhnen wird. Wo es aber so hergeht, möchte ich nicht sein, denn nie

möcht' ich dir untreu werden, wenn ich auch sonst noch alles ertragen

würde, um dich zu besitzen !" Indessen aber fieberte das arme Vrenchen

immer heftiger an Salis Brust; denn schon seit dem Mittag, wo jene

Wirtin es für eine Braut gehalten und es eine solche ohne Widerrede

vorgestellt, lohte ihm das Brautwesen im Blute, und je hoffnungsloser

es war, um so wilder und unbezwinglicher. Dem Sali erging es ebenso

schlimm, da die Reden des Geigers, so wenig er ihnen folgen mochte,

dennoch seinen Kopf verwirrten, und er sagte mit ratlos stockender

Stimme: „Komm herein, wir müssen wenigstens noch was essen und

trinken." Sie gingen in die Gaststube, wo niemand mehr war, als die

kleine Gesellschaft der Heimatlosen, welche bereits um einen Tisch saß

und eine spärliche Mahlzeit hielt. „Da kommt unser Hochzeitpaar!" rief

der Geiger, „jetzt seid lustig und fröhlich und laßt euch

zusammengeben!" Sie wurden an den Tisch genötigt und flüchteten sich

vor sich selbst an denselben hin; sie waren froh, nur für den

Augenblick unter Leuten zu sein. Sali bestellte Wein und reichlichere

Speisen, und es begann eine große Fröhlichkeit. Der Schmollende hatte

sich mit der Untreuen versöhnt, und das Paar liebkoste sich in

begieriger Seligkeit; das andere wilde Paar sang und trank und ließ es

ebenfalls nicht an Liebesbezeigungen fehlen, und der Geiger nebst dem

buckligen Baßgeiger lärmten ins Blaue hinein. Sali und Vrenchen waren

still und hielten sich umschlungen; auf einmal gebot der Geiger Stille

und führte eine spaßhafte Zeremonie auf, welche eine Trauung

vorstellen sollte. Sie mußten sich die Hände geben und die

Gesellschaft stand auf und trat der Reihe nach zu ihnen, um sie zu

beglückwünschen und in ihrer Verbrüderung willkommen zu heißen. Sie

ließen es geschehen, ohne ein Wort zu sagen, und betrachteten es als

einen Spaß, während es sie doch kalt und heiß durchschauerte.

Die kleine Versammlung wurde jetzt immer lauter und aufgeregter,

angefeuert durch den stärkeren Wein, bis plötzlich der Geiger zum

Aufbruch mahnte. „Wir haben weit," rief er, „und Mitternacht ist

vorüber! Auf! Wir wollen dem Brautpaar das Geleit geben und ich will

vorausgeigen, daß es eine Art hat!" Da die ratlosen Verlassenen nichts

Besseres wußten und überhaupt ganz verwirrt waren, ließen sie abermals

geschehen, daß man sie voranstellte und die übrigen zwei Paare einen

Zug hinter ihnen formierten, welchen der Bucklige abschloß mit seiner

Baßgeige über der Schulter. Der Schwarze zog voraus und spielte auf

seiner Geige wie besessen den Berg hinunter, und die andern lachten,

sangen und sprangen hintendrein. So strich der tolle nächtliche Zug

durch die stillen Felder und durch das Heimatdorf Salis und Vrenchens,

dessen Bewohner längst schliefen.

Als sie durch die stillen Gassen kamen und an ihren verlorenen

Vaterhäusern vorüber, ergriff sie eine schmerzhaft wilde Laune und sie

tanzten mit den andern um die Wette hinter dem Geiger her, küßten

sich, lachten und weinten. Sie tanzten auch den Hügel hinauf, über

welchen der Geiger sie führte, wo die drei Äcker lagen, und oben

strich der schwärzliche Kerl die Geige noch einmal so wild, sprang und

hüpfte wie ein Gespenst, und seine Gefährten blieben nicht zurück in

der Ausgelassenheit, so daß es ein wahrer Blocksberg war auf der

stillen Höhe; selbst der Bucklige sprang keuchend mit seiner Last

herum und keines schien mehr das andere zu sehen. Sali faßte Vrenchen

fester in den Arm und zwang es, stillzustehen; denn er war zuerst zu

sich gekommen. Er küßte es, damit es schweige, heftig auf den Mund, da

es sich ganz vergessen hatte und laut sang. Es verstand ihn endlich,

und sie standen still und lauschend, bis ihr tobendes Hochzeitsgeleite

das Feld entlang gerast war und, ohne sie zu vermissen, am Ufer des

Stromes hinauf sich verzog. Die Geige, das Gelächter der Mädchen und

die Jauchzer der Burschen tönten aber noch eine gute Zeit durch die

Nacht, bis zuletzt alles verklang und still wurde.

„Diesen sind wir entflohen," sagte Sali, „aber wie entfliehen wir uns

selbst? Wie meiden wir uns?"

Vrenchen war nicht imstande zu antworten und lag hochaufatmend an

seinem Halse. „Soll ich dich nicht lieber ins Dorf zurückbringen und

Leute wecken, daß sie dich aufnehmen? Morgen kannst du ja dann deinen

Weges ziehen und gewiß wird es dir wohlgehen, du kommst überall fort!"

„Fortkommen, ohne dich!"

„Du mußt mich vergessen!"

„Das werde ich nie! Könntest denn du es tun?"

„Darauf kommt's nicht an, mein Herz!" sagte Sali und streichelte ihm

die heißen Wangen, je nachdem es sie leidenschaftlich an seiner Brust

herumwarf, „es handelt sich jetzt nur um dich; du bist noch so ganz

jung und es kann dir noch auf allen Wegen gut gehen!"

„Und dir nicht auch, du alter Mann?"

„Komm!" sagte Sali und zog es fort. Aber sie gingen nur einige

Schritte und standen wieder still, um sich bequemer zu umschlingen und

zu herzen. Die Stille der Welt sang und musizierte ihnen durch die

Seelen, man hörte nur den Fluß unten sacht und lieblich rauschen im

langsamen Ziehen.

„Wie schön ist es da ringsherum! Hörst du nicht etwas tönen, wie ein

schöner Gesang oder ein Geläute!"

„Es ist das Wasser, das rauscht! Sonst ist alles still."

„Nein, es ist noch etwas anderes, hier, dort, hinaus überall tönt's!"

„Ich glaube, wir hören unser eigenes Blut in unsern Ohren rauschen!"

Sie horchten ein Weilchen auf diese eingebildeten oder wirklichen

Töne, welche von der großen Stille herrührten, oder welche sie mit den

magischen Wirkungen des Mondlichtes verwechselten, welches nah und

fern über die weißen Herbstnebel wallte, welche tief auf den Gründen

lagen. Plötzlich fiel Vrenchen etwas ein: es suchte in seinem

Brustgewand und sagte: „Ich habe dir noch ein Andenken gekauft, das

ich dir geben wollte!" Und es gab ihm den einfachen Ring und steckte

ihm denselben selbst an den Finger. Sali nahm sein Ringlein auch

hervor und steckte ihn an Vrenchens Hand, indem er sagte: „So haben

wir die gleichen Gedanken gehabt!" Vrenchen hielt seine Hand in das

bleiche Silberlicht und betrachtete den Ring. „Ei, wie ein feiner

Ring!" sagte es lachend; „nun sind wir aber doch verlobt und

versprochen, du bist mein Mann und ich deine Frau, wir wollen es

einmal einen Augenblick lang denken, nur bis jener Nebelstreif am Mond

vorüber ist, oder bis wir zwölf gezählt haben! Küsse mich zwölfmal!"

Sali liebte gewiß ebenso stark als Vrenchen, aber die Heiratsfrage war

in ihm doch nicht so leidenschaftlich lebendig, als ein bestimmtes

Entweder--Oder, als ein unmittelbares Sein oder Nichtsein, wie in

Vrenchen, welches nur das eine zu fühlen fähig war und mit

leidenschaftlicher Entschiedenheit unmittelbar Tod oder Leben darin

sah. Aber jetzt ging ihm endlich ein Licht auf und das weibliche

Gefühl des jungen Mädchens ward in ihm auf der Stelle zu einem wilden

und heißen Verlangen und eine glühende Klarheit erhellte ihm die

Sinne. So heftig er Vrenchen schon umarmt und liebkost hatte, tat er

es jetzt doch ganz anders und stürmischer und übersäte es mit Küssen.

Vrenchen fühlte trotz aller eigenen Leidenschaft auf der Stelle diesen

Wechsel und ein heftiges Zittern durchfuhr sein ganzes Wesen, aber ehe

jener Nebelstreif am Monde vorüber war, war es auch davon ergriffen.

Im heftigen Schmeicheln und Ringen begegneten sich ihre

ringgeschmückten Hände und faßten sich fest, wie von selbst eine

Trauung vollziehend, ohne den Befehl eines Willens. Salis Herz klopfte

halb wie mit Hämmern, bald stand es still, er atmete schwer und sagte

leise: „Es gibt eines für uns, Vrenchen, wir halten Hochzeit zu dieser

Stunde und gehen dann aus der Welt--dort ist das tiefe Wasser--dort

scheidet uns niemand mehr und wir sind zusammengewesen--ob kurz oder

lang, das kann uns dann gleich sein."--

Vrenchen sagte sogleich: „Sali--was du da sagst, habe ich schon lang

bei mir gedacht und ausgemacht, nämlich, daß wir sterben könnten und

dann alles vorbei wäre--so schwöre mir es, daß du es mit mir tun

willst!"

„Es ist schon so gut wie getan, es nimmt dich niemand mehr aus meiner

Hand, als der Tod!" rief Sali außer sich. Vrenchen aber atmete hoch

auf, Tränen der Freude entströmten seinen Augen; es raffte sich auf

und sprang leicht wie ein Vogel über das Feld gegen den Fluß hinunter.

Sali eilte ihm nach; denn er glaubte, es wolle ihm entfliehen, und

Vrenchen glaubte, er wolle es zurückhalten, so sprangen sie einander

nach und Vrenchen lachte wie ein Kind, welches sich nicht will fangen

lassen. „Bereust du es schon?" rief eines zum andern, als sie am

Flusse angekommen waren und sich ergriffen; „nein, es freut mich immer

mehr!" erwiderte ein jedes. Aller Sorgen ledig, gingen sie am Ufer

hinunter und überholten die eilenden Wasser, so astig suchten sie eine

Stätte, um sich niederzulassen; denn ihre Leidenschaft sah jetzt nur

den Rausch der Seligkeit, der in ihrer Vereinigung lag, und der ganze

Wert und Inhalt des übrigen Lebens drängte sich in diesem zusammen;

was danach kam, Tod und Untergang, war ihnen ein Hauch, ein Nichts,

und sie dachten weniger daran, als ein Leichtsinniger denkt, wie er

den anderen Tag leben will, wenn er seine letzte Habe verzehrt.

„Meine Blumen gehen mir voraus," rief Vrenchen, „sieh, sie sind ganz

dahin und verwelkt!" Es nahm sie von der Brust, warf sie ins Wasser

und sang laut dazu: „Doch süßer als ein Mandelkern ist meine Lieb' zu

dir!"

„Halt!" rief Sali, „hier ist dein Brautbett!"

Sie waren an einen Fahrweg gekommen, der vom Dorfe her an den Fluß

führte, und hier war eine Landungsstelle, wo ein großes Schiff, hoch

mit Heu beladen, angebunden lag. In wilder Laune begann er unverweilt

die starken Seile loszubinden, Vrenchen fiel ihm lachend in den Arm

und rief: „Was willst du tun? Wollen mir den Bauern ihr Heuschiff

stehlen zu guter Letzt?" „Das soll die Aussteuer sein, die sie uns

geben, eine schwimmende Bettstelle und ein Bett, wie noch keine Braut

gehabt! Sie werden überdies ihr Eigentum unten wieder finden, wo es ja

dochhin soll, und werden nicht wissen, was damit geschehen ist. Sieh,

schon schwankt es und will hinaus!"

Das Schiff lag einige Schritte vom Ufer entfernt im tieferen Wasser.

Sali hob Vrenchen mit seinen Armen hoch empor und schritt durch das

Wasser gegen das Schiff; aber es liebkoste ihn so heftig ungebärdig

und zappelte wie ein Fisch, daß er im ziehenden Wasser keinen Stand

halten konnte. Es strebte Gesicht und Hände ins Wasser zu tauchen und

rief: „Ich will auch das kühle Wasser versuchen! Weißt du noch, wie

kalt und naß unsere Hände waren, als wir sie uns zum erstenmal gaben?

Fische fingen wir damals, jetzt werden wir selber Fische sein und zwei

schöne große!" „Sei ruhig, du lieber Teufel!" sagte Sali, der Mühe

hatte, zwischen dem tobenden Liebchen und den Wellen sich

aufrechtzuhalten, „es zieht mich sonst fort!" Er hob seine Last in das

Schiff und schwang sich nach; er hob sie auf die hochgebettete weiche

und duftende Ladung und schwang sich auch hinauf, und als sie oben

saßen, trieb das Schiff allmählich in die Mitte des Stromes hinaus und

schwamm dann, sich langsam drehend, zu Tal.

Der Fluß zog bald durch hohe dunkle Wälder, die ihn überschatteten,

bald durch offenes Land; bald an stillen Dörfern vorbei, bald an

einzelnen Hütten; hier geriet er in eine Stille, daß er einem ruhigen

See glich und das Schiff beinah stillhielt, dort strömte er um Felsen

und ließ die schlafenden Ufer schnell hinter sich; und als die

Morgenröte auf stieg, tauchte zugleich eine Stadt mit ihren Türmen aus

dem silbergrauen Strome. Der untergehende Mond, rot wie Gold, legte

eine glänzende Bahn den Strom hinauf und auf dieser kam das Schiff

langsam überquer gefahren. Als es sich der Stadt näherte, glitten im

Froste des Herbstmorgens zwei bleiche Gestalten, die sich fest

umwanden, von der dunklen Masse herunter in die kalten Fluten.

Das Schiff legte sich eine Weile nachher unbeschädigt an eine Brücke

und blieb da stehen. Als man später unterhalb der Stadt die Leichen

fand und ihre Herkunft ausgemittelt hatte, war in den Zeitungen zu

lesen, zwei junge Leute, die Kinder zweier blutarmen zugrunde

gegangenen Familien, welche in unversöhnlicher Feindschaft lebten,

hätten im Wasser den Tod gesucht, nachdem sie einen ganzen Nachmittag

herzlich miteinander getanzt und sich belustigt auf einer Kirchweih.

Es sei dies Ereignis vermutlich in Verbindung zu bringen mit einem

Heuschiff aus jener Gegend, welches ohne Schiffsleute in der Stadt

gelandet sei, und man nehme an, die jungen Leute haben das Schiff

entwendet, um darauf ihre verzweifelte und gottverlassene Hochzeit zu

halten, abermals ein Zeichen von der umsichgreifenden Entsittlichung

und Verwilderung der Leidenschaften.

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