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Capítulo 1 · Romeo und Julia auf dem Dorfe

ROMEO UND JULIA AUF DEM DORFE

ROMEO UND JULIA AUF DEM DORFE Diese Geschichte zu erzählen, würde eine müßige Nachahmung sein, wenn

sie nicht auf einem wirklichen Vorfall beruhte, zum Beweise, wie tief

im Menschenleben jede jener Fabeln wurzelt, auf welche die großen

alten Werke gebaut sind. Die Zahl solcher Fabeln ist mäßig; aber stets

treten sie in neuem Gewande wieder in die Erscheinung und zwingen

alsdann die Hand, sie festzuhalten.

An dem schönen Flusse, der eine halbe Stunde entfernt an Seldwyl

vorüberzieht, erhebt sich eine weitgedehnte Erdwelle und verliert

sich, selber wohlbebaut, in der fruchtbaren Ebene. Fern an ihrem Fuße

liegt ein Dorf, welches manche große Bauernhöfe enthält, und über die

sanfte Anhöhe lagen vor Jahren drei prächtige lange Äcker

weithingestreckt, gleich drei riesigen Bändern nebeneinander. An einem

sonnigen Septembermorgen pflügten zwei Bauern auf zweien dieser Äcker,

und zwar auf jedem der beiden äußersten; der mittlere schien seit

langen Jahren brach und wüst zu liegen, denn er war mit Steinen und

hohem Unkraut bedeckt und eine Welt von geflügelten Tierchen summte

ungestört über ihm. Die Bauern aber, welche zu beiden Seiten hinter

ihrem Pfluge gingen, waren lange, knochige Männer von ungefähr vierzig

Jahren und verkündeten auf den ersten Blick den sichern, gutbesorgten

Bauersmann. Sie trugen kurze Kniehosen von starkem Zwillich, an dem

jede Falte ihre unveränderliche Lage hatte und wie in Stein gemeißelt

aussah. Wenn sie, auf ein Hindernis stoßend, den Pflug fester faßten,

so zitterten die groben Hemdärmel von der leichten Erschütterung,

indessen die wohlrasierten Gesichter ruhig und aufmerksam, aber ein

wenig blinzelnd in den Sonnenschein vor sich hinschauten, die Furche

bemaßen, oben auch zuweilen sich umsahen, wenn ein fernes Geräusch die

Stille des Landes unterbrach. Langsam und mit einer gewissen

natürlichen Zierlichkeit setzten sie einen Fuß um den andern vorwärts

und keiner sprach ein Wort, außer wenn er etwa dem Knechte, der die

stattlichen Pferde antrieb, eine Anweisung gab. So glichen sie

einander vollkommen in einiger Entfernung; denn sie stellten die

ursprüngliche Art dieser Gegend dar, und man hätte sie auf den ersten

Blick nur daran unterscheiden können, daß der eine den Zipfel seiner

weißen Kappe nach vorn trug, der andere aber hinten im Nacken hängen

hatte. Aber das wechselte zwischen ihnen ab, indem sie in der

entgegengesetzten Richtung pflügten; denn wenn sie oben auf der Höhe

zusammentrafen und aneinander vorüberkamen, so schlug dem, welcher

gegen den frischen Ostwind ging, die Zipfelkappe nach hinten über,

während sie bei dem andern, der den Wind im Rücken hatte, sich nach

vorne sträubte. Es gab auch jedesmal einen mittleren Augenblick, wo

die schimmernden Mützen aufrecht in der Luft schwankten und wie zwei

weiße Flammen gen Himmel züngelten. So pflügten sie beide ruhevoll und

es war schön anzusehen in der stillen goldenen Septembergegend, wenn

sie so auf der Höhe aneinander vorbeizogen, still und langsam und sich

mählich voneinander entfernten, immer weiter auseinander, bis beide

wie zwei untergehende Gestirne hinter die Wölbung des Hügels

hinabgingen und verschwanden, um eine gute Weile darauf wieder zu

erscheinen. Wenn sie einen Stein in ihren Furchen fanden, so warfen

sie denselben auf den wüsten Acker in der Mitte mit lässig kräftigem

Schwunge, was aber nur selten geschah, da derselbe schon fast mit

allen Steinen belastet war, welche überhaupt auf den Nachbaräckern zu

finden gewesen. So war der lange Morgen zum Teil vergangen, als von

dem Dorfe her ein kleines artiges Fuhrwerklein sich näherte, welches

kaum zu sehen war, als es begann, die gelinde Höhe heranzukommen. Das

war ein grünbemaltes Kinderwägelchen, in welchem die Kinder der beiden

Pflüger, ein Knabe und ein kleines Ding von Mädchen, gemeinschaftlich

den Vormittagsimbiß heranfuhren. Für jeden Teil lag ein schönes Brot,

in eine Serviette gewickelt, eine Kanne Wein mit Gläsern und noch

irgendein Zutätchen in dem Wagen, welches die zärtliche Bäuerin für

den fleißigen Meister mitgesandt, und außerdem waren da noch verpackt

allerlei seltsam gestaltete angebissene Äpfel und Birnen, welche die

Kinder am Wege aufgelesen, und eine völlig nackte Puppe mit nur einem

Bein und einem verschmierten Gesicht, welches wie ein Fräulein

zwischen den Broten saß und sich behaglich fahren ließ. Dies Fuhrwerk

hielt nach manchem Anstoß und Aufenthalt endlich auf der Höhe im

Schatten eines jungen Lindengebüsches, welches da am Rande des Feldes

stand, und nun konnte man die beiden Fuhrleute näher betrachten. Es

war ein Junge von sieben Jahren und ein Dirnchen von fünfen, beide

gesund und munter, und weiter war nichts Auffälliges an ihnen, als daß

beide sehr hübsche Augen hatten und das Mädchen dazu noch eine

bräunliche Gesichtsfarbe und ganz krause, dunkle Haare, welche ihm ein

feuriges und treuherziges Ansehen gaben. Die Pflüger waren jetzt auch

wieder oben angekommen, steckten den Pferden etwas Klee vor und ließen

die Pflüge in der halbvollendeten Furche stehen, während sie als gute

Nachbarn sich zu dem gemeinschaftlichen Imbiß begaben und sich da

zuerst begrüßten; denn bislang hatten sie sich noch nicht gesprochen

an diesem Tage.

Wie nun die Männer mit Behagen ihr Frühstück einnahmen, und mit

zufriedenem Wohlwollen den Kindern mitteilten, die nicht von der

Stelle wichen, solange gegessen und getrunken wurde, ließen sie ihre

Blicke in der Nähe und Ferne herumschweifen und sahen das Städtchen

räucherig glänzend in seinen Bergen liegen; denn das reichliche

Mittagsmahl, welches die Seldwyler alle Tage bereiteten, pflegte ein

weithin scheinendes Silbergewölk über ihre Dächer emporzutragen,

welches lachend an ihren Bergen hinschwebte.

„Die Lumpenhunde zu Seldwyl kochen wieder gut!" sagte Manz, der eine

der Bauern, und Marti, der andere, erwiderte: „Gestern war einer bei

mir wegen des Ackers hier." „Aus dem Bezirksrat? bei mir ist er auch

gewesen!" sagte Manz. „So? und meinte wahrscheinlich auch, du solltest

das Land benutzen und den Herren die Pacht zahlen?" „Ja, bis es sich

entschieden habe, wem der Acker gehöre und was mit ihm anzufangen sei.

Ich habe mich aber bedankt, das verwilderte Wesen für einen anderen

herzustellen, und sagte, sie sollten den Acker nur verkaufen und den

Ertrag aufheben, bis sich ein Eigentümer gefunden, was wohl nie

geschehen wird; denn was einmal auf der Kanzlei zu Seldwyl liegt, hat

da gute Weile, und überdem ist die Sache schwer zu entscheiden. Die

Lumpen möchten indessen gar zu gern etwas zu naschen bekommen

durch den Pachtzins, was sie freilich mit der Verkaufssumme auch tun

könnten; allein wir würden uns hüten, dieselbe zu hoch hinaufzutreiben,

und wir wüßten dann doch, was wir hätten und wem das Land gehört!"

„Ganz so meine ich auch und habe dem Steckleinspringer eine ähnliche

Antwort gegeben!"

Sie schwiegen eine Weile, dann fing Manz wiederum an: „Schade ist es

aber doch, daß der gute Boden so daliegen muß, es ist nicht zum

Ansehen, das geht nun schon in die zwanzig Jahre so, und keine Seele

fragt danach; denn hier im Dorf ist niemand, der irgendeinen Anspruch

auf den Acker hat, und niemand weiß auch, wo die Kinder des

verdorbenen Trompeters hingekommen sind!"

„Hm!" sagte Marti, „das wäre so eine Sache! Wenn ich den schwarzen

Geiger ansehe, der sich bald bei den Heimatlosen aufhält, bald in den

Dörfern zum Tanz aufspielt, so möchte ich darauf schwören, daß er ein

Enkel des Trompeters ist, der freilich nicht weiß, daß er noch einen

Acker hat. Was täte er aber damit? Einen Monat lang sich besaufen und

dann nach wie vor! Zudem, wer dürfte da einen Wink geben, da man es

doch nicht sicher wissen kann!"

„Da könnte man eine schöne Geschichte anrichten!" antwortete Manz,

„wir haben so genug zu tun, diesem Geiger das Heimatsrecht in unserer

Gemeinde abzustreiten, da man uns den Fetzel fortwährend aufhalsen

will. Haben sich seine Eltern einmal unter die Heimatlosen begeben, so

mag er auch dableiben und dem Kesselvolk das Geigelein streichen. Wie

in aller Welt können wir wissen, daß er des Trompeters Sohnessohn ist?

Was mich betrifft, wenn ich den Alten auch in dem dunklen Gesicht

vollkommen zu erkennen glaube, so sage ich: Irren ist menschlich, und

das geringste Fetzchen Papier, ein Stücklein von einem Taufschein

würde meinem Gewissen besser tun als zehn sündhafte

Menschengesichter!"

„Eia, sicherlich!" sagte Marti, „er sagt zwar, er sei nicht schuld, daß man

ihn nicht getauft habe! Aber sollen wir unseren Taufstein tragbar machen

und in den Wäldern herumtragen? Nein, er steht fest in der Kirche, und

dafür ist die Totenbahre tragbar, die draußen an der Mauer hängt. Wir

sind schon übervölkert im Dorf und brauchen bald zwei Schulmeister!"

Hiermit war die Mahlzeit und das Zwiegespräch der Bauern geendet, und

sie erhoben sich, den Rest ihrer heutigen Vormittagsarbeit zu

vollbringen. Die beiden Kinder hingegen, welche schon den Plan

entworfen hatten, mit den Vätern nach Hause zu ziehen, zogen ihr

Fuhrwerk unter den Schutz der jungen Linden und begaben sich dann auf

einen Streifzug in dem wilden Acker, da derselbe mit seinen

Unkräutern, Stauden und Steinhaufen eine ungewohnte und merkwürdige

Wildnis darstellte. Nachdem sie in der Mitte dieser grünen Wildnis

einige Zeit hingewandert, Hand in Hand, und sich daran belustigt, die

verschlungenen Hände über die hohen Distelstauden zu schwingen, ließen

sie sich endlich im Schatten einer solchen nieder, und das Mädchen

begann, seine Puppe mit den langen Blättern des Wegekrautes zu

bekleiden, so daß sie einen schönen grünen und ausgezackten Rock

bekam; eine einsame rote Mohnblume, die da noch blühte, wurde ihr als

Haube über den Kopf gezogen und mit einem Grase festgebunden, und nun

sah die kleine Person aus wie eine Zauberfrau, besonders nachdem sie

noch ein Halsband und einen Gürtel von kleinen roten Beerchen

erhalten. Dann wurde sie hoch in die Stengel der Distel gesetzt und

eine Weile mit vereinten Blicken angeschaut, bis der Knabe sie

genugsam besehen und mit einem Steine herunterwarf. Dadurch geriet

aber ihr Putz in Unordnung, und das Mädchen entkleidete sie

schleunigst, um sie aufs neue zu schmücken; doch als die Puppe eben

wieder nackt und bloß war und nur noch der roten Haube sich erfreute,

entriß der wilde Junge seiner Gefährtin das Spielzeug und warf es hoch

in die Luft. Das Mädchen sprang klagend danach, allein der Knabe fing

die Puppe zuerst wieder auf, warf sie aufs neue empor, und indem das

Mädchen sie vergeblich zu haschen bemühte, neckte er es auf diese

Weise eine gute Zeit. Unter seinen Händen aber nahm die fliegende

Puppe Schaden, und zwar am Knie ihres einzigen Beines, allwo ein

kleines Loch einige Kleiekörner durchsickern ließ. Kaum bemerkte der

Peiniger dies Loch, so verhielt er sich mäuschenstill und war mit

offenem Munde eifrig beflissen, das Loch mit seinen Nägeln zu

vergrößern und dem Ursprung der Kleie nachzuspüren. Seine Stille

erschien dem armen Mädchen höchst verdächtig, und es drängte sich

herzu und mußte mit Schrecken sein böses Beginnen gewahren. „Sieh

mal!" rief er und schlenkerte ihr das Bein vor der Nase herum, daß ihr

die Kleie ins Gesicht flog, und wie sie danach langen wollte und

schrie und flehte, sprang er wieder fort und ruhte nicht eher, bis das

ganze Bein dürr und leer herabhing als eine traurige Hülse. Dann warf

er das mißhandelte Spielzeug hin und stellte sich höchst frech und

gleichgültig, als die Kleine sich weinend auf die Puppe warf und

dieselbe in ihre Schürze hüllte. Sie nahm sie aber wieder hervor und

betrachtete wehselig die Ärmste, und als sie das Bein sah, fing sie

abermals an laut zu weinen, denn dasselbe hing an dem Rumpfe nicht

anders, denn das Schwänzchen an einem Molche. Als sie gar so unbändig

weinte, ward es dem Missetäter endlich etwas übel zumut, und er stand

in Angst und Reue vor der Klagenden, und als sie dies merkte, hörte

sie plötzlich auf und schlug ihn einigemal mit der Puppe, und er tat,

als ob es ihm weh täte, und schrie au! so natürlich, daß sie zufrieden

war und nun mit ihm gemeinschaftlich die Zerstörung und Zerlegung

fortsetzte. Sie bohrten Loch auf Loch in den Marterleib und ließen

aller Enden die Kleie entströmen, welche sie sorgfältig auf einem

flachen Steine zu einem Häufchen sammelten, umrührten und aufmerksam

betrachteten. Das einzige Feste, was noch an der Puppe bestand, war

der Kopf und mußte jetzt vorzüglich die Aufmerksamkeit der Kinder

erregen; sie trennten ihn sorgfältig los von dem ausgequetschten

Leichnam und guckten erstaunt in sein hohles Innere. Als sie die

bedenkliche Höhlung sahen und auch die Kleie sahen, war es der nächste

und natürlichste Gedankensprung, den Kopf mit der Kleie auszufüllen,

und so waren die Fingerchen der Kinder nun beschäftigt, um die Wette

Kleie in den Kopf zu tun, so daß zum erstenmal in seinem Leben etwas

in ihm steckte. Der Knabe mochte es aber immer noch für ein totes

Wissen halten, weil er plötzlich eine große blaue Fliege fing und, die

Summende zwischen beiden hohlen Händen haltend, dem Mädchen gebot, den

Kopf von der Kleie zu entleeren. Hierauf wurde die Fliege

hineingesperrt und das Loch mit Gras verstopft. Die Kinder hielten den

Kopf an die Ohren und setzten ihn dann feierlich auf einen Stein; da

er noch mit der roten Mohnblume bedeckt war, so glich der Tönende

jetzt einem weissagenden Haupte, und die Kinder lauschten in tiefer

Stille seinen Kunden und Märchen, indessen sie sich umschlungen

hielten. Aber jeder Prophet erweckt Schrecken und Undank; das wenige

Leben in dem dürftig geformten Bilde erregte die menschliche

Grausamkeit in den Kindern, und es wurde beschlossen, das Haupt zu

begraben. So machten sie ein Grab und legten den Kopf, ohne die

gefangene Fliege um ihre Meinung zu befragen, hinein und errichteten

über dem Grabe ein ansehnliches Denkmal von Feldsteinen. Dann

empfanden sie einiges Grauen, da sie etwas Geformtes und Belebtes

begraben hatten und entfernten sich ein gutes Stück von der

unheimlichen Stätte. Auf einem ganz mit grünen Kräutern bedeckten

Plätzchen legte sich das Dirnchen auf den Rücken, da es müde war, und

begann in eintöniger Weise einige Worte zu singen, immer die

nämlichen, und der Junge kauerte daneben und half, indem er nicht

wußte, ob er auch vollends umfallen solle, so lässig und müßig war er.

Die Sonne schien dem singenden Mädchen in den geöffneten Mund,

beleuchtete dessen blendend weiße Zähnchen und durchschimmerte die

runden Purpurlippen. Der Knabe sah die Zähne, und dem Mädchen den Kopf

haltend und dessen Zähnchen neugierig untersuchend, rief er: „Rate,

wieviel Zähne hat man?" Das Mädchen besann sich einen Augenblick, als

ob es reiflich nachzählte, und sagte dann aufs Geratewohl: „Hundert!"

„Nein, zweiunddreißig!" rief er, „wart', ich will einmal zählen!" Da

zählte er die Zähne des Kindes, und weil er nicht zweiunddreißig

herausbrachte, so fing er immer wieder von neuem an. Das Mädchen hielt

lange still, als aber der eifrige Zähler nicht zu Ende kam, raffte es

sich auf und rief: „Nun will ich deine zählen!" Nun legte sich der

Bursche hin ins Kraut, das Mädchen über ihn, umschlang seinen Kopf, er

sperrte das Maul auf, und es zählte: „Eins, zwei, sieben, fünf, zwei,

eins;" denn die kleine Schöne konnte noch nicht zählen. Der Junge

verbesserte sie und gab ihr Anweisung, wie sie zählen solle, und so

fing auch sie unzähligemal von neuem an, und das Spiel schien ihnen am

besten zu gefallen von allem, was sie heut unternommen. Endlich aber

sank das Mädchen ganz auf den kleinen Rechenmeister nieder, und die

Kinder schliefen ein in der hellen Mittagssonne.

Inzwischen hatten die Väter ihre Äcker fertig gepflügt und in

frischduftende braune Fläche umgewandelt. Als nun, mit der letzten

Furche zu Ende gekommen, der Knecht des einen halten wollte, rief sein

Meister: „Was hältst du? Kehr' noch einmal um!" „Wir sind ja fertig!"

sagte der Knecht. „Halt's Maul, und tu, wie ich dir sage!" der

Meister. Und sie kehrten um und rissen eine tüchtige Furche in den

mittleren herrenlosen Acker hinein, daß Kraut und Steine flogen. Der

Bauer hielt sich aber nicht mit der Beseitigung derselben auf, er

mochte denken, hierzu sei noch Zeit genug vorhanden, und er begnügte

sich, für heute die Sache nur aus dem Gröbsten zu tun. So ging es

rasch die Höhe empor in sanftem Bogen, und als man oben angelangt und

das liebliche Windeswehen eben wieder den Kappenzipfel des Mannes

zurückwarf, pflügte auf der anderen Seite der Nachbar vorüber, mit dem

Zipfel nach vorn, und schnitt ebenfalls eine ansehnliche Furche vom

mittleren Acker, daß die Schollen nur so zur Seite flogen. Jeder sah

wohl, was der andere tat, aber keiner schien es zu sehen, und sie

entschwanden sich wieder, indem jedes Sternbild still am andern

vorüberging und hinter diese runde Welt hinabtauchte. So gehen die

Weberschiffchen des Geschickes aneinander vorbei, und „was er webt,

das weiß kein Weber!"

Es kam eine Ernte um die andere, und jede sah die Kinder größer und

schöner und den herrenlosen Acker schmäler zwischen seinen

breitgewordenen Nachbarn. Mit jedem Pflügen verlor er hüben und drüben

eine Furche, ohne daß ein Wort darüber gesprochen worden wäre und ohne

daß ein Menschenauge den Frevel zu sehen schien. Die Steine wurden

immer mehr zusammengedrängt und bildeten schon einen ordentlichen Grat

auf der ganzen Länge des Ackers, und das wilde Gesträuch darauf war

schon so hoch, daß die Kinder, obgleich sie gewachsen waren, sich

nicht mehr sehen konnten, wenn eines dies- und das andere jenseits

ging. Denn sie gingen nun nicht mehr gemeinschaftlich auf das Feld, da

der zehnjährige Salomon oder Sali, wie er genannt wurde, sich schon

wacker auf Seite der größeren Burschen und der Männer hielt; und das

braune Vrenchen, obgleich es ein feuriges Dirnchen war, mußte bereits

unter der Obhut seines Geschlechts gehen, sonst wäre es von den andern

als ein Bubenmädchen ausgelacht worden. Dennoch nahmen sie während

jeder Ernte, wenn alles auf den Äckern war, einmal Gelegenheit, den

wilden Steinkamm, der sie trennte, zu besteigen und sich gegenseitig

von demselben herunterzustoßen.

Wenn sie auch sonst keinen Verkehr mehr miteinander hatten, so schien

diese jährliche Zeremonie um so sorglicher gewahrt zu werden, als

sonst nirgends die Felder ihrer Väter zusammenstießen.

Indessen sollte der Acker doch endlich verkauft und der Erlös

einstweilen amtlich aufgehoben werden. Die Versteigerung fand an Ort

und Stelle statt, wo sich aber nur einige Gaffer einfanden außer den

Bauern Manz und Marti, da niemand Lust hatte, das seltsame Stückchen

zu erstehen und zwischen den zwei Nachbarn zu bebauen. Denn obgleich

diese zu den besten Bauern des Dorfes gehörten und nichts weiter getan

hatten, als was zwei Drittel der übrigen unter diesen Umständen auch

getan haben würden, so sah man sie doch jetzt stillschweigend darum

an, und niemand wollte zwischen ihnen eingeklemmt sein mit dem

geschmälerten Waisenfelde. Die meisten Menschen sind fähig oder

bereit, ein in den Lüften umgehendes Unrecht zu verüben, wenn sie mit

der Nase daraufstoßen; sowie es aber von einem begangen ist, sind die

übrigen froh, daß sie es doch nicht gewesen sind, daß die Versuchung

nicht sie betroffen hat, und sie machen nun den Auserwählten zu dem

Schlechtigkeitsmesser ihrer Eigenschaften und behandeln ihn mit zarter

Scheu als einen Ableiter des Übels, der von den Göttern gezeichnet

ist, während ihnen zugleich noch der Mund wässert nach den Vorteilen,

die er dabei genossen. Manz und Marti waren also die einzigen, welche

ernstlich auf den Acker boten; nach einem ziemlich hartnäckigen

Überbieten erstand ihn Manz, und er wurde ihm zugeschlagen. Die

Beamten und die Gaffer verloren sich vom Felde; die beiden Bauern,

welche sich auf ihren Äckern noch zu schaffen gemacht, trafen beim

Weggehen wieder zusammen, und Marti sagte: „Du wirst nun dein Land,

das alte und das neue, wohl zusammenschlagen und in zwei gleiche

Stücke teilen? Ich hätte es wenigstens so gemacht, wenn ich das Ding

bekommen hätte." „Ich werde es allerdings auch tun," antwortete Manz,

„denn als ein Acker würde mir das Stück zu groß sein. Doch was ich

sagen wollte: Ich habe bemerkt, daß du neulich noch am unteren Ende

dieses Ackers, der jetzt mir gehört, schräg hineingefahren bist und

ein gutes Dreieck abgeschnitten hast. Du hast es vielleicht getan in

der Meinung, du werdest das ganze Stück an dich bringen, und es sei

dann sowieso dein. Da es nun aber mir gehört, so, wirst du wohl

einsehen, daß ich eine solche ungehörige Einkrümmung nicht brauchen

noch dulden kann, und wirst nichts dagegen haben, wenn ich den Strich

wieder grad mache! Streit wird das nicht abgeben sollen!"

Marti erwiderte ebenso kaltblütig, als ihn Manz angeredet hatte: „Ich

sehe auch nicht, wo der Streit herkommen soll! Ich denke, du hast den

Acker gekauft, wie er da ist, wir haben ihn alle gemeinschaftlich

besehen, und er hat sich seit einer Stunde nicht um ein Haar

verändert!"

„Larifari!" sagte Manz, „was früher geschehen, wollen wir nicht

aufrühren! Was aber zu viel ist, ist zu viel, und alles muß zuletzt

eine ordentliche grade Art haben; diese drei Äcker sind von jeher so

gerade nebeneinander gelegen, wie nach dem Richtscheit gezeichnet; es

ist ein ganz absonderlicher Spaß von dir, wenn du nun einen solchen

lächerlichen und unvernünftigen Schnörkel dazwischen bringen willst,

und wir beide würden einen Übernamen bekommen, wenn wir den krummen

Zipfel da bestehen ließen. Er muß durchaus weg!"

Marti lachte und sagte: „Du hast ja auf einmal eine merkwürdige Furcht

vor dem Gespötte der Leute! Das läßt sich aber ja wohl machen; mich

geniert das Krumme gar nicht; ärgert es dich, gut, machen wir es grad,

aber nicht auf meiner Seite, das geb' ich dir schriftlich, wenn du

willst!"

„Rede doch nicht so spaßhaft," sagte Manz, „es wird wohl grad gemacht,

und zwar auf deiner Seite, darauf kannte du Gift nehmen!"

„Das werden wir ja sehen und erleben!" sagte Marti, und beide Männer

gingen auseinander, ohne sich weiter anzublicken; vielmehr starrten

sie nach verschiedener Richtung ins Blaue hinaus, als ob sie da wunder

was für Merkwürdigkeiten im Auge hätten, die sie betrachten müßten mit

Aufbietung aller ihrer Geisteskräfte.

Schon am nächsten Tage schickte Manz einen Dienstboten, ein

Tagelöhnermädchen und sein eigenes Söhnchen Sali auf den Acker hinaus,

um das wilde Unkraut und Gestrüpp auszureuten und auf Haufen zu

bringen, damit nachher die Steine um so bequemer weggefahren werden

konnten. Dies war eine Änderung in seinem Wesen, daß er den kaum

elfjährigen Jungen, der noch zu keiner Arbeit angehalten worden, nun

mit hinaussandte, gegen die Einsprache der Mutter. Es schien, da er es

mit ernsthaften und gesalbten Worten tat, als ob er mit dieser

Arbeitsstrenge gegen sein eigenes Blut das Unrecht betäuben wollte, in

dem er lebte, und welches nun begann, seine Folgen ruhig zu entfalten.

Das ausgesandte Völklein jätete inzwischen lustig an dem Unkraut und

hackte mit Vergnügen an den wunderlichen Stauden und Pflanzen aller

Art, die da seit Jahren wucherten. Denn da es eine außerordentliche

gleichsam wilde Arbeit war, bei der keine Regel und keine Sorgfalt

erheischt wurde, so galt sie als eine Lust. Das wilde Zeug, an der

Sonne gedörrt, wurde aufgehäuft und mit großem Jubel verbrannt, daß

der Qualm weithin sich verbreitete, und die jungen Leutchen dann

herumsprangen wie besessen. Dies war das letzte Freudenfest auf dem

Unglücksfelde, und das junge Vrenchen, Martis Tochter, kam auch

hinausgeschlichen und half tapfer mit. Das Ungewöhnliche dieser

Begebenheit und die lustige Aufregung gaben einen guten Anlaß, sich

seinem kleinen Jugendgespielen wieder einmal zu nähern, und die Kinder

waren recht glücklich und munter bei ihrem Feuer. Es kamen noch andere

Kinder hinzu, und es sammelte sich eine ganz vergnügte Gesellschaft;

doch immer, sobald sie getrennt wurden, suchte Sali alsobald wieder

neben Vrenchen zu gelangen, und dieses wußte desgleichen immer

vergnügt lächelnd zu ihm zu schlüpfen, und es war beiden Kreaturen,

wie wenn dieser herrliche Tag nie enden müßte und könnte. Doch der

alte Manz kam gegen Abend herbei, um zu sehen, was sie ausgerichtet,

und obgleich sie fertig waren, so schalt er doch ob dieser Lustbarkeit

und scheuchte die Gesellschaft auseinander. Zugleich zeigte sich Marti

auf seinem Grund und Boden und, seine Tochter gewahrend, pfiff er

derselben schrill und gebieterisch durch den Finger, daß sie

erschrocken hineilte, und er gab ihr, ohne zu wissen warum, einige

Ohrfeigen, also daß beide Kinder in großer Traurigkeit und weinend

nach Hause gingen, und sie wußten jetzt eigentlich so wenig, warum sie

so traurig waren, als warum sie vorhin so vergnügt gewesen; denn die

Rauheit der Väter, an sich ziemlich neu, war von den arglosen

Geschöpfen noch nicht begriffen und konnte sie nicht tiefer bewegen.

Die nächsten Tage war es schon eine härtere Arbeit, zu welcher

Mannsleute gehörten, als Manz die Steine aufnehmen und wegfahren ließ.

Es wollte kein Ende nehmen, und alle Steine der Welt schienen da

beisammen zu sein. Er ließ sie aber nicht ganz vom Felde wegbringen,

sondern jede Fuhre auf jenem streitigen Dreiecke abwerfen, welches von

Marti schon säuberlich umgepflügt war. Er hatte vorher einen geraden

Strich gezogen als Grenzscheide und belastete nun dies Fleckchen Erde

mit allen Steinen, welche beide Männer seit unvordenklichen Zeiten

herübergeworfen, so daß eine gewaltige Pyramide entstand, die

wegzubringen sein Gegner bleibenlassen würde, dachte er. Marti hatte

dies am wenigsten erwartet; er glaubte, der andere werde nach alter

Weise mit dem Pfluge zu Werke gehen wollen, und hatte daher

abgewartet, bis er ihn als Pflüger ausziehen sähe. Erst als die Sache

schon beinahe fertig, hörte er von dem schönen Denkmal, welches Manz

da errichtet, rannte voll Wut hinaus, sah die Bescherung, rannte

zurück und holte den Gemeindeammann, um vorläufig gegen den

Steinhaufen zu protestieren und den Fleck gerichtlich in Beschlag

nehmen zu lassen, und von diesem Tage an lagen die zwei Bauern im

Prozeß miteinander und ruhten nicht, ehe sie beide zugrunde gerichtet

waren.

Die Gedanken der sonst so wohlweisen Männer waren nun so kurz

geschnitten wie Häcksel; der beschränkteste Rechtssinn von der Welt

erfüllte jeden von ihnen, indem keiner begreifen konnte noch wollte,

wie der andere so offenbar unrechtmäßig und unwillkürlich den

fraglichen unbedeutenden Ackerzipfel an sich reißen könne. Bei Manz

kam noch ein wunderbarer Sinn für Symmetrie und parallele Linien

hinzu, und er fühlte sich wahrhaft gekränkt durch den aberwitzigen

Eigensinn, mit welchem Marti auf dem Dasein des unsinnigsten und

mutwilligsten Schnörkels beharrte. Beide aber trafen zusammen in der

Überzeugung, daß der andere, den anderen so frech und plump

übervorteilend, ihn notwendig für einen verächtlichen Dummkopf halten

müsse, da man dergleichen etwa einem armen haltlosen Teufel, nicht

aber einem aufrechten, klugen und wehrhaften Manne gegenüber sich

erlauben könne, und jeher sah sich in seiner wunderlichen Ehre

gekränkt und gab sich rückhaltlos der Leidenschaft des Streites und

dem daraus erfolgenden Verfalle hin, und ihr Leben glich fortan der

träumerischen Qual zweier Verdammten, welche auf einem schmalen Brette

einen dunklen Strom hinabtreibend sich befehden, in die Luft hauen und

sich selber anpacken und vernichten, in der Meinung, sie hätten ihr

Unglück gefaßt. Da sie eine faule Sache hatten, so gerieten beide in

die allerschlimmsten Hände von Tausendkünstlern, welche ihre

verdorbene Phantasie auftrieben zu ungeheuren Blasen, die mit den

nichtsnutzigsten Dingen angefüllt wurden. Vorzüglich waren es die

Spekulanten aus der Stadt Seldwyla, welchen dieser Handel ein

gefundenes Essen war, und bald hatte jeder der Streitenden einen

Anhang von Unterhändlern, Zuträgern und Ratgebern hinter sich, die

alles bare Geld auf hundert Wegen abzuziehen wußten. Denn das

Fleckchen Erde mit dem Steinhaufen darüber, auf welchem bereits wieder

ein Wald von Nesseln und Disteln blühte, war nur noch der erste Keim

oder der Grundstein einer verworrenen Geschichte und Lebensweise, in

welcher die zwei Fünfzigjährigen noch neue Gewohnheiten und Sitten,

Grundsätze und Hoffnungen annahmen, als sie bisher geübt. Je mehr Geld

sie verloren, desto sehnsüchtiger wünschten sie welches zu haben, und

je weniger sie besaßen, desto hartnäckiger dachten sie reich zu werden

und es dem andern zuvorzutun. Sie ließen sich zu jedem Schwindel

verleiten und setzten auch jahraus, jahrein in alle fremden Lotterien,

deren Lose massenhaft in Seldwyla zirkulierten. Aber nie bekamen sie

einen Taler Gewinn zu Gesicht, sondern hörten nur immer vom Gewinnen

anderer Leute und wie sie selbst beinahe gewonnen hätten, indessen

diese Leidenschaft ein regelmäßiger Geldabfluß für sie war. Bisweilen

machten sich die Seldwyler den Spaß, beide Bauern, ohne ihr Wissen, am

gleichen Lose teilnehmen zu lassen, so daß beide die Hoffnung auf

Unterdrückung und Vernichtung des andern auf ein und dasselbe Los

setzten. Sie brachten die Hälfte ihrer Zeit in der Stadt zu, wo jeder

in einer Spelunke sein Hauptquartier hatte, sich den Kopf heißmachen

und zu den lächerlichsten Ausgaben und einem elenden und ungeschickten

Schlemmen verleiten ließ, bei welchem ihm heimlich doch selber das

Herz blutete, also daß beide, welche eigentlich nur in diesem Hader

lebten, um für keine Dummköpfe zu gelten, nun solche von der besten

Sorte darstellten und von jedermann dafür angesehen wurden. Die andere

Hälfte der Zeit lagen sie verdrossen zu Hause oder gingen ihrer Arbeit

nach, wobei sie dann durch ein tolles böses Überhasten und Antreiben

das Versäumte einzuholen suchten und damit jeden ordentlichen und

zuverlässigen Arbeiter verscheuchten. So ging es gewaltig rückwärts

mit ihnen, und ehe zehn Jahre vorüber, steckten sie beide von Grund

aus in Schulden und standen wie die Störche auf einem Beine auf der

Schwelle ihrer Besitztümer, von der jeder Lufthauch sie herunterwehte.

Aber wie es ihnen auch erging, der Haß zwischen ihnen wurde täglich

größer, da jeder den andern als den Urheber seines Unsterns

betrachtete, als seinen Erbfeind und ganz unvernünftigen Widersacher,

den der Teufel absichtlich in die Welt gesetzt habe, um ihn zu

verderben. Sie spien aus, wenn sie sich nur von weitem sahen; kein

Glied ihres Hauses durfte mit Frau, Kind oder Gesinde des andern ein

Wort sprechen, bei Vermeidung der gröbsten Mißhandlung. Ihre Weiber

verhielten sich verschieden bei dieser Verarmung und Verschlechterung

des ganzen Wesens. Die Frau des Marti, welche von guter Art war, hielt

den Verfall nicht aus, härmte sich ab und starb, ehe ihre Tochter

vierzehn Jahre alt war. Die Frau des Manz hingegen bequemte sich der

veränderten Lebensweise an, und um sich als eine schlechte Genossin zu

entfalten, hatte sie nichts zu tun, als einigen weiblichen Fehlern,

die ihr von jeher angehaftet, den Zügel schießen zu lassen und

dieselben zu Lastern auszubilden. Ihre Naschhaftigkeit wurde zu wilder

Begehrlichkeit, ihre Zungenfertigkeit zu einem grundfalschen und

verlogenen Schmeichel- und Verleumdungewesen, mit welchem sie jeden

Augenblick das Gegenteil von dem sagte, was sie dachte, alles

hintereinanderhetzte, und ihrem eigenen Manne ein X für ein U

vormachte; ihre ursprüngliche Offenheit, mit der sie sich der

unschuldigeren Plauderei erfreut, ward nun zur abgehärteten

Schamlosigkeit, mit der sie jenes falsche Wesen betrieb, und so, statt

unter ihrem Manne zu leiden, drehte sie ihm eine Nase; wenn er es arg

trieb, so machte sie es bunt, ließ sich nichts abgehen und gedieh zu

der dicksten Blüte einer Vorsteherin des zerfallenden Hauses. So war

es nun schlimm bestellt um die armen Kinder, welche weder eine gute

Hoffnung für ihre Zukunft fassen konnten, noch sich auch nur einer

lieblich frohen Jugend erfreuten, da überall nichts als Zank und Sorge

war. Vrenchen hatte anscheinend einen schlimmeren Stand als Sali, da

seine Mutter tot und es einsam in einem wüsten Hause der Tyrannei

eines verwilderten Vaters anheimgegeben war. Als es sechzehn Jahre

zählte, war es schon ein schlank gewachsenes, ziervolles Mädchen;

seine dunkelbraunen Haare ringelten sich unablässig fast bis über die

blitzenden braunen Augen, dunkelrotes Blut durchschimmerte die Wangen

des bräunlichen Gesichtes und glänzte als tiefer Purpur auf den

frischen Lippen, wie man es selten sah und was dem dunklen Kinde ein

eigentümliches Ansehen und Kennzeichen gab. Feurige Lebenslust und

Fröhlichkeit zitterte in jeder Fiber dieses Wesens; es lachte und war

aufgelegt zu Scherz und Spiel, wenn das Wetter nur im mindesten

lieblich war, d. h. wenn es nicht zu sehr gequält wurde und nicht zu

viel Sorgen ausstand. Diese plagten es aber häufig genug; denn nicht

nur hatte es den Kummer und das wachsende Elend des Hauses mit zu

tragen, sondern es mußte noch sich selber in acht nehmen und mochte

sich gern halbwegs ordentlich und reinlich kleiden, ohne daß der Vater

ihm die geringsten Mittel dazu geben wollte. So hatte Vrenchen die

größte Not, ihre anmutige Person einigermaßen auszustaffieren, sich

ein allerbescheidenstes Sonntagskleid zu erobern und einige bunte,

fast wertlose Halstüchelchen zusammenzuhalten. Darum war das schöne

wohlgemute junge Blut in jeder Weise gedemütigt und gehemmt und konnte

am wenigsten der Hoffart anheimfallen. Überdies hatte es bei schon

erwachendem Verstande das Leiden und den Tod seiner Mutter gesehen,

und dies Andenken war ein weiterer Zügel, der seinem lustigen und

feurigen Wesen angelegt war, so daß es nun höchst lieblich,

unbedenklich und rührend sich ansah, wenn trotz alledem das gute Kind

bei jedem Sonnenblick sich ermunterte und zum Lächeln bereit war. Sali

erging es nicht so hart auf den ersten Anschein; denn er war nun ein

hübscher und kräftiger junger Bursche, der sich zu wehren wußte und

dessen äußere Haltung wenigstens eine schlechte Behandlung von selbst

unzulässig machte. Er sah wohl die üble Wirtschaft seiner Eltern und

glaubte sich erinnern zu können, daß es einst nicht so gewesen; ja er

bewahrte noch das frühere Bild seines Vaters wohl in seinem

Gedächtnisse als eines festen, klugen und ruhigen Bauers, desselben

Mannes, den er jetzt als einen grauen Narren, Händelführer und

Müßiggänger vor sich sah, der mit Toben und Prahlen auf hundert

törichten und verfänglichen Wegen wandelte und mit jeder Stunde

rückwärts ruderte, wie ein Krebs. Wenn ihm nun dies mißfiel und ihn

oft mit Scham und Kummer erfüllte, während es seiner Unerfahrenheit

nicht klar war, wie die Dinge so gekommen, so wurden seine Sorgen

wieder betäubt durch die Schmeichelei, mit der ihn die Mutter

behandelte. Denn um in ihrem Unwesen ungestörter zu sein und einen

guten Parteigänger zu haben, auch um ihrer Großtuerei zu genügen, ließ

sie ihm zukommen, was er wünschte, kleidete ihn sauber und prahlerisch

und unterstützte ihn in allem, was er zu seinem Vergnügen vornahm. Er

ließ sich dies gefallen ohne viel Dankbarkeit, da ihm die Mutter viel

zu viel dazu schwatzte und log; und indem er so wenig Freude daran

empfand, tat er lässig und gedankenlos, was ihm gefiel, ohne daß dies

jedoch etwas Übles war, weil er für jetzt noch unbeschädigt war von

dem Beispiele der Alten und das jugendliche Bedürfnis fühlte, im

ganzen einfach, ruhig und leidlich tüchtig zu sein. Er war ziemlich

genau so, wie sein Vater in diesem Alter gewesen war, und dieses

flößte demselben eine unwillkürliche Achtung vor dem Sohne ein, in

welchem er mit verwirrtem Gewissen und gepeinigter Erinnerung seine

eigene Jugend achtete. Trotz dieser Freiheit, welche Sali genoß, ward

er seines Lebens doch nicht froh und fühlte wohl, wie er nichts

Rechtes vor sich hatte und ebensowenig etwas Rechtes lernte, da von

einem zusammenhängenden und vernunftgemäßen Arbeiten in Manzens Hause

längst nicht mehr die Rede war. Sein bester Trost war daher, stolz auf

seine Unabhängigkeit und einstweilige Unbescholtenheit zu sein, und in

diesem Stolze ließ er die Tage trotzig verstreichen und wandte die

Augen von der Zukunft ab. Der einzige Zwang, dem er unterworfen, war

die Feindschaft seines Vaters gegen alles, was Marti hieß und an

diesen erinnerte. Doch wußte er nichts anderes, als daß Marti seinem

Vater Schaden zugefügt und daß man in dessen Hause ebenso feindlich

gesinnt sei, und es fiel ihm daher nicht schwer, weder den Marti noch

seine Tochter anzusehen und seinerseits auch einen angehenden, doch

ziemlich zahmen Feind vorzustellen. Vrenchen hingegen, welches mehr

erdulden mußte als Sali und in seinem Hause viel verlassener war,

fühlte sich weniger zu einer förmlichen Feindschaft aufgelegt und

glaubte sich nur verachtet von dem wohlgekleideten und scheinbar

glücklicheren Sali; deshalb verbarg sie sich vor ihm, und wenn er

irgendwo nur in der Nähe war, so entfernte sie sich eilig, ohne daß er

sich die Mühe gab, ihr nachzublicken. So kam es, daß er das Mädchen

schon seit ein paar Jahren nicht mehr in der Nähe gesehen und gar

nicht wußte, wie es aussah, seit es herangewachsen. Und doch wunderte

es ihn zuweilen ganz gewaltig, und wenn überhaupt von den Martis

gesprochen wurde, so dachte er unwillkürlich nur an die Tochter, deren

jetziges Aussehen ihm nicht deutlich und deren Andenken ihm gar nicht

verhaßt war.

Doch war sein Vater Manz nun der erste von den beiden Feinden, der

sich nicht mehr halten konnte und von Haus und Hof springen mußte.

Dieser Vortritt rührte daher, daß er eine Frau besaß, die ihm

geholfen, und einen Sohn, der doch auch einiges mit brauchte, während

Marti der einzige Verzehrer war in seinem wackeligen Königreich, und

seine Tochter durfte wohl arbeiten wie ein Haustierchen, aber nichts

gebrauchen. Manz aber wußte nichts anderes anzufangen, als auf den Rat

seiner Seldwyler Gönner in die Stadt zu ziehen und da sich als Wirt

aufzutun. Es ist immer betrüblich anzusehen, wenn ein ehemaliger

Landmann, der auf dem Felde alt geworden ist, mit den Trümmern seiner

Habe in eine Stadt zieht und da eine Schenke oder Kneipe auftut, um

als letzten Rettungsanker den freundlichen und gewandten Wirt zu

machen, während es ihm nichts weniger als freundlich zumut ist. Als

die Manzen vom Hofe zogen, sah man erst, wie arm sie bereits waren;

denn sie luden lauter alten und zerfallenden Hausrat auf, dem man es

ansah, daß seit vielen Jahren nichts erneuert und angeschafft worden

war. Die Frau legte aber nichtsdestominder ihren besten Staat an, als

sie sich oben auf die Gerümpelfuhre setzte, und machte ein Gesicht

voller Hoffnungen, als künftige Stadtfrau schon mit Verachtung auf die

Dorfgenossen herabsehend, welche voll Mitleid hinter den Hecken hervor

dem bedenklichen Zuge zuschauten. Denn sie nahm sich vor, mit ihrer

Liebenswürdigkeit und Klugheit die ganze Stadt zu bezaubern, und was

ihr versimpelter Mann nicht machen könne, das wolle sie schon

ausrichten, wenn sie nur erst einmal als Frau Wirtin in einem

stattlichen Gasthofe säße. Dieser Gasthof bestand aber in einer

trübseligen Winkelschenke in einem abgelegenen schmalen Gäßchen, auf

der eben ein anderer zugrunde gegangen war und welche die Seldwyler

dem Manz verpachteten, da er noch einige hundert Taler einzuziehen

hatte. Sie verkauften ihm auch ein paar Fäßchen angemachten Weines und

das Wirtschaftsmobiliar, das aus einem Dutzend weißen geringen

Flaschen, ebensoviel Gläsern und einigen tannenen Tischen und Bänken

bestand, welche einst blutrot angestrichen gewesen und jetzt

vielfältig abgescheuert waren. Vor dem Fenster knarrte ein eiserner

Reifen in einem Haken, und in dem Reifen schenkte eine blecherne Hand

Rotwein aus einem Schöppchen in ein Glas. Überdies hing ein verdorrter

Busch von Stechpalme über der Haustüre, was Manz alles mit in die

Pacht bekam. Um deswillen war er nicht so wohlgemut wie seine Frau,

sondern trieb mit schlimmer Ahnung und voll Ingrimm die magern Pferde

an, welche er vom neuen Bauern geliehen. Das letzte schäbige

Knechtchen, das er gehabt, hatte ihn schon seit einigen Wochen

verlassen. Als er solcherweise abfuhr, sah er wohl, wie Marti voll

Hohn und Schadenfreude sich unfern der Straße zu schaffen machte,

fluchte ihm und hielt denselben für den alleinigen Urheber seines

Unglückes. Sali aber, sobald das Fuhrwerk im Gange war, beschleunigte

seine Schritte, eilte voraus und ging allein auf Seitenwegen nach der

Stadt.

„Da wären wir!" sagte Manz, als die Fuhre vor dem Spelunkelein

anhielt. Die Frau erschrak darüber, denn das war in der Tat ein

trauriger Gasthof. Die Leute traten eilfertig unter die Fenster und

vor die Häuser, um sich den neuen Bauernwirt anzusehen, und machten

mit ihrer Seldwyler Überlegenheit mitleidig spöttische Gesichter.

Zornig und mit nassen Augen kletterte die Manzin vom Wagen herunter

und lief, ihre Zunge vorläufig wetzend, in das Haus, um sich heute

vornehm nicht wieder blicken zu lassen; denn sie schämte sich des

schlechten Gerätes und der verdorbenen Betten, welche nun abgeladen

wurden. Sali schämte sich auch, aber er mußte helfen und machte mit

seinem Vater einen seltsamen Verlag in dem Gäßchen, auf welchem

alsbald die Kinder der Falliten herumsprangen und sich über das

verlumpte Bauernpack lustig machten. Im Hause aber sah es noch

trübseliger aus, und es glich einer vollkommenen Räuberhöhle. Die

Wände waren schlechtgeweißtes, feuchtes Mauerwerk, außer der dunklen,

unfreundlichen Gaststube mit ihren ehemals blutroten Tischen waren nur

noch ein paar schlechte Kämmerchen da, und überall hatte der

ausgezogene Vorgänger den trostlosesten Schmutz und Kehricht

zurückgelassen.

So war der Anfang, und so ging es auch fort. Während der ersten Woche

kamen, besonders am Abend, wohl hin und wieder ein Tisch voll Leute

aus Neugierde, den Bauernwirt zu sehen, und ob es da vielleicht

einigen Spaß absetzte. Am Wirt hatten sie nicht viel zu betrachten,

denn Manz war ungelenk, starr, unfreundlich und melancholisch und

wußte sich gar nicht zu benehmen, wollte es auch nicht wissen. Er

füllte langsam und ungeschickt die Schöppchen, stellte sie mürrisch

vor die Gäste und versuchte etwas zu sagen, brachte aber nichts

heraus. Desto eifriger warf sich nun seine Frau ins Geschirr und hielt

die Leute wirklich einige Tage zusammen, aber in einem ganz anderen

Sinne, als sie meinte. Die ziemlich dicke Frau hatte sich eine eigene

Haustracht zusammengesetzt, in der sie unwiderstehlich zu sein

glaubte. Zu einem leinenen, ungefärbten Landrock trug sie einen alten,

grünseidenen Spenzer, eine baumwollene Schürze und einen schlimmen,

weißen Halskragen. Von ihrem nicht mehr dichten Haar hatte sie an den

Schläfen possierliche Schnecken gewickelt und in das Zöpfchen hinten

einen hohen Kamm gesteckt. So schwänzelte und tänzelte sie mit

angestrengter Anmut herum, spitzte lächerlich das Maul, daß es süß

aussehen sollte, hüpfte elastisch an die Tische hin, und das Glas oder

den Teller mit gesalzenem Käse hinsetzend, sagte sie lächelnd: „So so?

so soli! herrlich, herrlich, ihr Herren!" und solches dummes Zeug

mehr; denn obwohl sie sonst eine geschliffene Zunge hatte, so wußte

sie jetzt doch nichts Gescheites vorzubringen, da sie fremd war und

die Leute nicht kannte. Die Seldwyler von der schlechtesten Sorte, die

da hockten, hielten die Hand vor den Mund, wollten vor Lachen

ersticken, stießen sich unter dem Tisch mit den Füßen und sagten:

„Potz tausig! Das ist ja eine Herrliche!" „Eine Himmlische!" sagte ein

anderer, „beim ewigen Hagel! Es ist der Mühe wert, hierherzukommen, so

eine haben wir lang nicht gesehen!" Ihr Mann bemerkte das wohl mit

finsterem Blicke; er gab ihr einen Stoß in die Rippen und flüsterte:

„Du alte Kuh! Was machst du denn?" „Störe mich nicht," sagte sie

unwillig, „du alter Tolpatsch! Siehst du nicht, wie ich mir Mühe gebe

und mit den Leuten umzugehen weiß? Das sind aber nur Lumpen von deinem

Anhang! Laß mich nur machen, ich will bald vornehmere Kundschaft hier

haben!" Dies alles war beleuchtet von einem oder zwei dünnen

Talglichten; Sali, der Sohn, aber ging hinaus in die dunkle Küche,

setzte sich auf den Herd und weinte über Vater und Mutter.

Die Gäste hatten aber das Schauspiel bald satt, welches ihnen die gute

Frau Manz gewährte, und blieben wieder, wo es ihnen wohler war und sie

über die wunderliche Wirtschaft lachen konnten; nur dann und wann

erschien ein einzelner, der ein Glas trank und die Wände angähnte,

oder es kam ausnahmsweise eine ganze Bande, die armen Leute mit einem

vorübergehenden Trubel und Lärm zu täuschen. Es ward ihnen angst und

bange in dem engen Mauerwinkel, wo sie kaum die Sonne sahen; und Manz,

welcher sonst gewohnt war, tagelang in der Stadt zu liegen, fand es

jetzt unerträglich zwischen diesen Mauern. Wenn er an die freie Weite

der Felder dachte, so stierte er finster brütend an die Decke oder auf

den Boden, lief unter die enge Haustüre und wieder zurück, da die

Nachbarn den bösen Wirt, wie sie ihn schon nannten, angafften. Nun

dauerte es aber nicht mehr lange und sie verarmten gänzlich und hatten

gar nichts mehr in der Hand; sie mußten, um etwas zu essen, warten,

bis einer kam und für wenig Geld etwas von dem noch vorhandenen Wein

verzehrte, und wenn er eine Wurst oder dergleichen begehrte, so hatten

sie oft die größte Angst und Sorge, dieselbe beizutreiben. Bald hatten

sie auch den Wein nur noch in einer großen Flasche verborgen, die sie

heimlich in einer andern Kneipe füllen ließen, und so sollten sie nun

die Wirte machen ohne Wein und Brot und freundlich sein, ohne

ordentlich gegessen zu haben. Sie waren beinahe froh, wenn nur niemand

kam, und hockten so in ihrem Kneipchen, ohne leben noch sterben zu

können. Als die Frau diese traurigen Erfahrungen machte, zog sie den

grünen Spenzer wieder aus und nahm abermals eine Veränderung vor,

indem sie nun, wie früher die Fehler, so nun einige weibliche Tugenden

aufkommen ließ und mehr ausbildete, da Not an den Mann ging. Sie übte

Geduld und suchte den Alten aufrechtzuhalten und den Jungen zum Guten

anzuweisen; sie opferte sich vielfältig in allerlei Dingen, kurz sie

übte in ihrer Weise eine Art von wohltätigem Einfluß, der zwar nicht

weit reichte und nicht viel besserte, aber immerhin besser war als gar

nichts oder als das Gegenteil und die Zeit wenigstens verbringen half,

welche sonst viel früher hätte brechen müssen für diese Leute. Sie

wußte manchen Rat zu geben nunmehr in erbärmlichen Dingen, nach ihrem

Verstande, und wenn der Rat nichts zu taugen schien und fehlschlug, so

ertrug sie willig den Grimm der Männer, kurzum, sie tat jetzt alles,

da sie alt war, was besser gedient hätte, wenn sie es früher geübt.

Um wenigstens etwas Beißbares zu erwerben und die Zeit zu verbringen,

verlegten sich Vater und Sohn auf die Fischerei, d. h. mit der

Angelrute, soweit es für jeden erlaubt war, sie in den Fluß zu hängen.

Dies war auch eine Hauptbeschäftigung der Seldwyler, nachdem sie

falliert hatten. Bei günstigem Wetter, wenn die Fische gern anbissen,

sah man sie dutzendweise hinauswandern mit Rute und Eimer, und wenn

man an den Ufern des Flusses wandelte, hockte alle Spanne lang einer,

der angelte, der eine in einem langen, braunen Bürgerrock, die bloßen

Füße im Wasser, der andere in einem spitzen, blauen Frack auf einer

alten Weide stehend, den alten Filz schief auf dem Ohre; weiterhin

angelte gar einer im zerrissenen, großblumigen Schlafrock, da er

keinen andern mehr besaß, die lange Pfeife in der einen, die Rute in

der andern Hand, und wenn man um eine Krümmung des Flusses bog, stand

ein alter, kahlköpfiger Dickbauch faselnackt auf einem Stein und

angelte; dieser hatte, trotz des Aufenthaltes am Wasser, so schwarze

Füße, daß man glaubte, er habe die Stiefel anbehalten. Jeder hatte ein

Töpfchen oder ein Schächtelchen neben sich, in welchem Regenwürmer

wimmelten, nach denen sie zu andern Stunden zu graben pflegten. Wenn

der Himmel mit Wolken bezogen und es ein schwüles, dämmeriges Wetter

war, welches Regen verkündete, so standen diese Gestalten am

zahlreichsten an dem ziehenden Strome, regungslos gleich einer Galerie

von Heiligen, oder Prophetenbildern. Achtlos zogen die Landleute mit

Vieh und Wagen an ihnen vorüber, und die Schiffer auf dem Flusse sahen

sie nicht an, während sie leise murrten über die störenden Schiffe.

Wenn man Manz vor zwölf Jahren, als er mit einem schönen Gespann

pflügte auf dem Hügel über dem Ufer, geweissagt hätte, er würde sich

einst zu diesen wunderlichen Heiligen gesellen und gleich ihnen Fische

fangen, so wäre er nicht übel aufgefahren. Auch eilte er jetzt hastig

an ihnen vorüber hinter ihrem Rücken und eilte stromaufwärts gleich

einem eigensinnigen Schatten der Unterwelt, der sich zu seiner

Verdammnis ein bequemes, einsames Plätzchen sucht an den dunkeln

Wässern. Mit der Angelrute zu stehen hatten er und sein Sohn indessen

keine Geduld, und sie erinnerten sich der Art, wie die Bauern auf

manche andere Weise etwa Fische fangen, wenn sie übermütig sind,

besonders mit den Händen in den Bächen; daher nahmen sie die Ruten nur

zum Schein mit und gingen an den Borden der Bäche hinauf, wo sie

wußten, daß es teure und gute Forellen gab.

Dem auf dem Lande zurückgebliebenen Marti ging es inzwischen auch

immer schlimmer, und es war ihm höchst langweilig dabei, so daß er,

anstatt auf seinem vernachlässigten Felde zu arbeiten, ebenfalls auf

das Fischen verfiel und tagelang im Wasser herumplätscherte. Vrenchen

durfte nicht von seiner Seite und mußte ihm Eimer und Geräte

nachtragen durch nasse Wiesengründe, durch Bäche und Wassertümpel

aller Art, bei Regen und Sonnenschein, indessen sie das Notwendigste

zu Hause liegenlassen mußte. Denn es war sonst keine Seele mehr da und

wurde auch keine gebraucht, da Marti das meiste Land schon verloren

hatte und nur noch wenige Äcker besaß, die er mit seiner Tochter

liederlich genug oder gar nicht bebaute.

So kam es, daß, als er eines Abends einen ziemlich tiefen und

reißenden Bach entlang ging, in welchem die Forellen fleißig sprangen,

da der Himmel voll Gewitterwolken hing, er unverhofft auf seinen Feind

Manz traf, der an dem andern Ufer daherkam. Sobald er ihn sah, stieg

ein schrecklicher Groll und Hohn in ihm auf; sie waren sich seit

Jahren nicht so nahe gewesen, ausgenommen vor den Gerichtsschranken,

wo sie nicht schelten durften, und Marti rief jetzt voll Grimm: „Was

tust du hier, du Hund? Kannst du nicht in deinem Lotterneste bleiben,

du Seldwyler Lumpenhund?"

„Wirst nächstens wohl auch ankommen, du Schelm!" rief Manz. „Fische

fängst du ja auch schon und wirst deshalb nicht viel mehr zu versäumen

haben!"

„Schweig, du Galgenhund!" schrie Marti, da hier die Wellen des Baches

stärker rauschten, „du hast mich ins Unglück gebracht!" Und da jetzt

auch die Weiden am Bache gewaltig zu rauschen anfingen im aufgehenden

Wetterwind, so mußte Manz noch lauter schreien: „Wenn dem nur so wäre,

so wollte ich mich freuen, du elender Tropf!" „O du Hund!" schrie

Marti herüber und Manz hinüber: „O du Kalb, wie dumm tust du!" Und

jener sprang wie ein Tiger den Bach entlang und suchte herüberzukommen.

Der Grund, warum er der Wütendere war, lag in seiner Meinung, daß Manz

als Wirt wenigstens genug zu essen und zu trinken hätte und

gewissermaßen ein kurzweiliges Leben führe, während es

ungerechterweise ihm so langweilig wäre auf seinem zertrümmerten Hofe.

Manz schritt indessen auch grimmig genug an der andern Seite hin,

hinter ihm sein Sohn, welcher, statt auf den bösen Streit zu hören,

neugierig und verwundert nach Vrenchen hinübersah, welche hinter ihrem

Vater ging, vor Scham in die Erde sehend, daß ihr die braunen, krausen

Haare ins Gesicht fielen. Sie trug einen hölzernen Fischeimer in der

einen Hand, in der andern hatte sie Schuh und Strümpfe getragen und

ihr Kleid der Nässe wegen aufgeschürzt. Seit aber Sali auf der andern

Seite ging, hatte sie es schamhaft sinken lassen und war nun dreifach

belästigt und gequält, da sie all das Zeug tragen, den Rock

zusammenhalten und des Streites wegen sich grämen mußte. Hätte sie

aufgesehen und nach Sali geblickt, so würde sie entdeckt haben, daß er

weder vornehm noch sehr stolz mehr aussah und selbst bekümmert genug

war. Während Vrenchen so ganz beschämt und verwirrt auf die Erde sah

und Sali nur diese in allem Elende schlanke und anmutige Gestalt im

Auge hatte, die so verlegen und demütig dahinschritt, beachteten sie

dabei nicht, wie ihre Väter stillgeworden, aber mit verstärkter Wut

einem hölzernen Stege zueilten, der in kleiner Entfernung über den

Bach führte und eben sichtbar wurde. Es fing an zu blitzen und

erleuchtete seltsam die dunkle, melancholische Wassergegend; es

donnerte auch in den grauschwarzen Wolken mit dumpfem Grolle, und

schwere Regentropfen fielen, als die verwilderten Männer gleichzeitig

auf die schmale, unter ihren Tritten schwankende Brücke stürzten, sich

gegenseitig packten und die Fäuste in die vor Zorn und ausbrechendem

Kummer bleichen, zitternden Gesichter schlugen. Es ist nichts

Anmutiges und nichts weniger als artig, wenn sonst gesetzte Menschen

noch in den Fall kommen, aus Übermut, Unbedacht oder Notwehr unter

allerhand Volk, das sie nicht näher berührt, Schläge auszuteilen oder

welche zu bekommen; allein dies ist eine harmlose Spielerei gegen das

tiefe Elend, das zwei alte Menschen überwältigt, die sich wohl kennen

und seit lange kennen, wenn diese aus innerster Feindschaft und aus

dem Gange einer ganzen Lebensgeschichte heraus sich mit nackten Händen

anfassen und mit Fäusten schlagen. So taten jetzt diese beiden

ergrauten Männer; vor fünfzig Jahren vielleicht hatten sie sich als

Buben zum letztenmal gerauft, dann aber fünfzig lange Jahre mit keiner

Hand mehr berührt, ausgenommen in ihrer guten Zeit, wo sie sich etwa

zum Gruße die Hände geschüttelt, und auch dies nur selten bei ihrem

trockenen und sicheren Wesen. Nachdem sie ein= oder zweimal

geschlagen, hielten sie inne und rangen still zitternd miteinander,

nur zuweilen aufstöhnend und elendiglich knirschend, und einer suchte

den andern über das knackende Geländer ins Wasser zu werfen. Jetzt

waren aber auch ihre Kinder nachgekommen und sahen den erbärmlichen

Auftritt. Sali sprang eines Satzes heran, um seinem Vater beizustehen

und ihm zu helfen, dem gehaßten Feinde den Garaus zu machen, der

ohnehin der schwächere schien und eben zu unterliegen drohte: Aber

auch Vrenchen sprang, alles wegwerfend, mit einem langen Aufschrei

herzu und umklammerte ihren Vater, um ihn zu schützen, während sie ihn

dadurch nur hinderte und beschwerte. Tränen strömten aus ihren Augen,

und sie sah flehend den Sali an, der im Begriff war, ihren Vater

ebenfalls zu fassen und vollends zu überwältigen. Unwillkürlich legte

er aber seine Hand an seinen eigenen Vater und suchte denselben mit

festem Arm von dem Gegner loszubringen und zu beruhigen, so daß der

Kampf eine kleine Weile ruhte oder vielmehr die ganze Gruppe unruhig

hin und her drängte, ohne auseinander zu kommen. Darüber waren die

jungen Leute, sich mehr zwischen die Alten schiebend, in dichte

Berührung gekommen, und in diesem Augenblicke erhellte ein Wolkenriß,

der den grellen Abendschein durchließ, das nahe Gesicht des Mädchens,

und Sali sah in dies ihm so wohlbekannte und doch so viel anders und

schöner gewordene Gesicht. Vrenchen sah in diesem Augenblicke auch

sein Erstaunen, und es lächelte ganz kurz und geschwind mitten in

seinem Schrecken und seinen Tränen ihn an. Doch ermannte sich Sali,

geweckt durch die Anstrengungen seines Vaters, ihn abzuschütteln, und

brachte ihn mit eindringlich bittenden Worten und fester Haltung

endlich ganz von seinem Feinde weg. Beide alten Gesellen atmeten hoch

auf und begannen jetzt wieder zu schelten und zu schreien, sich

voneinander abwendend; ihre Kinder aber atmeten kaum und waren still

wie der Tod, gaben sich aber im Wegwenden und Trennen, ungesehen von

den Alten, schnell die Hände, welche vom Wasser und von den Fischen

feucht und kühl waren.

Als die grollenden Parteien ihrer Wege gingen, hatten die Wolken sich

wieder geschlossen, es dunkelte mehr und mehr und der Regen goß nun in

Bächen durch die Luft. Manz schlenderte voraus auf den dunklen, nassen

Wegen, er duckte sich, beide Hände in den Taschen, unter den

Regengüssen, zitterte noch in seinen Gesichtszügen und mit den Zähnen,

und ungesehene Tränen rieselten ihm in den Stoppelbart, die er fließen

ließ, um sie durch das Wegwischen nicht zu verraten. Sein Sohn hatte

aber nichts gesehen, weil er in glückseligen Bildern verloren

daherging. Er merkte weder Regen noch Sturm, weder Dunkelheit, noch

Elend; sondern leicht, hell und warm war es ihm innen und außen, und

er fühlte sich so reich und wohlgeborgen wie ein Königssohn. Er sah

fortwährend das sekundenlange Lächeln des nahen schönen Gesichtes und

erwiderte dasselbe erst jetzt, eine gute halbe Stunde nachher, indem

er voll Liebe in Nacht und Wetter hinein und das liebe Gesicht

anlachte, das ihm allerwegen aus dem Dunkel entgegentrat, so daß er

glaubte, Vrenchen müsse auf seinen Wegen dies Lachen notwendig sehen

und seiner innewerden.

Sein Vater war des andern Tags wie zerschlagen und wollte nicht aus

dem Hause. Der ganze Handel und das vieljährige Elend nahm heute eine

neue, deutlichere Gestalt an und breitete sich dunkel aus in der

drückenden Luft der Spelunke, also daß Mann und Frau matt und scheu um

das Gespenst herumschlichen, aus der Stube in die dunklen Kämmerchen,

von da in die Küche und aus dieser wieder sich in die Stube

schleppten, in welcher kein Gast sich sehen ließ. Zuletzt hockte jedes

in einem Winkel und begann den Tag über ein müdes, halbtotes Zanken

und Vorhalten mit dem andern, wobei sie zeitweise einschliefen, von

unruhigen Tagträumen geplagt, welche aus dem Gewissen kamen und sie

wieder weckten. Nur Sali sah und hörte nichts davon, denn er dachte

nur an Vrenchen. Es war ihm immer noch zumut, nicht nur als ob er

unsäglich reich wäre, sondern auch was Rechtes gelernt hätte und

unendlich viel Schönes und Gutes wüßte, da er nun so deutlich und

bestimmt um das wußte, was er gestern gesehen. Diese Wissenschaft war

ihm wie vom Himmel gefallen, und er war in einer unaufhörlichen

glücklichen Verwunderung darüber; und doch war es ihm, als ob er es

eigentlich von jeher gewußt und gekannt hätte, was ihn jetzt mit so

wundersamer Süßigkeit erfüllte. Denn nichts gleicht dem Reichtum und

der Unergründlichkeit eines Glückes, das an den Menschen herantritt in

einer so klaren und deutlichen Gestalt, vom Pfäfflein getauft und

wohlversehen mit einem eigenen Namen, der nicht tönt wie andere Namen.

Sali fühlte sich an diesem Tage weder müßig noch unglücklich, weder

arm noch hoffnungslos; vielmehr war er vollauf beschäftigt, sich

Vrenchens Gesicht und Gestalt vorzustellen, unaufhörlich, eine Stunde

wie die andere; über dieser aufgeregten Tätigkeit aber verschwand ihm

der Gegenstand derselben fast vollständig, das heißt, er bildete sich

endlich ein, nun doch nicht zu wissen, wie Vrenchen recht genau

aussehe, er habe wohl ein allgemeines Bild von ihr im Gedächtnis, aber

wenn er sie beschreiben sollte, so könnte er das nicht. Er sah

fortwährend dies Bild, als ob es vor ihm stände, und fühlte seinen

angenehmen Eindruck, und doch sah er es nur, wie etwas, das man eben

nur einmal gesehen, in dessen Gewalt man liegt und das man doch noch

nicht kennt. Er erinnerte sich genau der Gesichtszüge, welche das

kleine Dirnchen einst gehabt, mit großem Wohlgefallen, aber nicht

eigentlich derjenigen, welche er gestern gesehen. Hätte er Vrenchen

nie wieder zu sehen bekommen, so hätten sich seine Erinnerungskräfte

schon behelfen müssen und das liebe Gesicht säuberlich wieder

zusammengetragen, daß nicht ein Zug daran fehlte. Jetzt aber versagten

sie schlau und hartnäckig ihren Dienst, weil die Augen nach ihrem

Recht und ihrer Lust verlangten, und als am Nachmittage die Sonne warm

und hell die oberen Stockwerke der schwarzen Häuser beschien, strich

Sali aus dem Tore und seiner alten Heimat zu, welche ihm jetzt erst

ein himmlisches Jerusalem zu sein schien mit zwölf glänzenden Pforten,

und die sein Herz klopfen machte, als er sich ihr näherte.

Er stieß auf dem Wege auf Vrenchens Vater, welcher nach der Stadt zu

gehen schien. Der sah sehr wild und liederlich aus, sein

graugewordener Bart war seit Wochen nicht geschoren, und er sah aus

wie ein recht böser, verlorener Bauersmann, der sein Feld verscherzt

hat und nun geht, um andern Übles zuzufügen. Dennoch sah ihn Sali, als

sie sich vorübergingen, nicht mehr mit Haß, sondern voll Furcht und

Scheu an, als ob sein Leben in dessen Hand stände und er es lieber von

ihm erflehen als ertrotzen möchte. Marti aber maß ihn mit einem bösen

Blicke von oben bis unten und ging seines Weges. Das war indessen dem

Sali recht, welchem es nun, da er den Alten das Dorf verlassen sah,

deutlicher wurde, was er eigentlich da wolle, und er schlich sich auf

altbekannten Pfaden so lange um das Dorf herum und durch dessen

verdeckte Gäßchen, bis er sich Martis Haus und Hof gegenüber befand.

Seit mehreren Jahren hatte er diese Stätte nicht mehr so nah gesehen;

denn auch als sie noch hier wohnten, hüteten sich die verfeindeten

Leute gegenseitig, sich ins Gehege zu kommen. Deshalb war er nun

erstaunt über das, was er doch an seinem eigenen Vaterhause erlebt,

und starrte voll Verwunderung in die Wüstenei, die er vor sich sah.

Dem Marti war ein Stück Ackerland um das andere abgepfändet worden, er

besaß nichts mehr als das Haus und den Platz davor nebst etwas Garten

und dem Acker auf der Höhe am Flusse, von welchem er hartnäckig am

längsten nicht lassen wollte.

Es war aber keine Rede mehr von einer ordentlichen Bebauung, und auf

dem Acker, der einst so schön im gleichmäßigen Korne gewogt, wenn die

Ernte kam, waren jetzt allerhand abfällige Samenreste gesät und

aufgegangen, aus alten Schachteln und zerrissenen Tüten

zusammengekehrt, Rüben, Kraut und dergleichen und etwas Kartoffeln, so

daß der Acker aussah wie ein recht übel gepflegter Gemüseplatz, und

eine wunderliche Musterkarte war, dazu angelegt, um von der Hand in

den Mund zu leben, hier eine Handvoll Rüben auszureißen, wenn man

Hunger hatte und nichts Besseres wußte, dort eine Tracht Kartoffeln

oder Kraut, und das übrige fortwuchern oder verfaulen zu lassen, wie

es mochte. Auch lief jedermann darin herum, wie es ihm gefiel, und das

schöne breite Stück Feld sah beinahe so aus, wie einst der herrenlose

Acker, von dem alles Unheil herkam. Deshalb war um das Haus nicht eine

Spur von Ackerwirtschaft zu sehen. Der Stall war leer, die Türe hing

nur in einer Angel, und unzählige Kreuzspinnen, den Sommer hindurch

halbgroß geworden, ließen ihre Fäden in der Sonne glänzen vor dem

dunklen Eingang. An dem offenstehenden Scheunentor, wo einst die

Früchte des festen Landes eingefahren, hing schlechtes Fischergeräte,

zum Zeugnis der verkehrten Wasserpfuscherei; auf dem Hofe war nicht

ein Huhn und nicht eine Taube, weder Katze noch Hund zu sehen; nur der

Brunnen war noch als etwas Lebendiges da, aber er floß nicht mehr

durch die Röhre, sondern sprang durch einen Riß nahe am Boden über

diesen hin und setzte überall kleine Tümpel an, so daß er das beste

Sinnbild der Faulheit abgab. Denn während mit wenig Mühe des Vaters

das Loch zu verstopfen und die Röhre herzustellen gewesen wäre, mußte

sich Vrenchen nun abquälen, selbst das lautere Wasser dieser

Verkommenheit abzugewinnen und seine Wäscherei in den seichten

Sammlungen am Boden vorzunehmen, statt in dem vertrockneten und

zerspellten Troge. Das Haus selbst war ebenso kläglich anzusehen; die

Fenster waren vielfältig zerbrochen und mit Papier verklebt, aber doch

waren sie das Freundlichste an dem Verfall; denn sie waren, selbst die

zerbrochenen Scheiben, klar und sauber gewaschen, ja förmlich poliert

und glänzten so hell, wie Vrenchens Augen, welche ihm in seiner Armut

ja auch allen übrigen Staat ersetzen mußten. Und wie die krausen Haare

und die rotgelben Kattunhalstücher zu Vrenchens Augen, stand zu diesen

blinkenden Fenstern das wilde grüne Gewächs, was da durcheinander

rankte um das Haus, flatternde Bohnenwäldchen und eine ganze duftende

Wildnis von rotgelbem Goldlack. Die Bohnen hielten sich, sogut sie

konnten, hier an einem Harkenstiel, oben an einem verkehrt in die Erde

gesteckten Stumpfbesen, dort an einer von Rost zerfressenen Helbarte

oder Sponton, wie man es nannte, als Vrenchens Großvater das Ding als

Wachtmeister getragen, welches es jetzt aus Not in die Bohnen

gepflanzt hatte; dort kletterten sie wieder lustig eine verwitterte

Leiter empor, die am Hause lehnte seit undenklichen Zeiten, und hingen

von da an in die klaren Fensterchen hinunter wie Vrenchens

Kräuselhaare in seine Augen. Dieser mehr malerische als wirtliche Hof

lag etwas beiseit und hatte keine näheren Nachbarhäuser, auch ließ

sich in diesem Augenblicke nirgends eine lebendige Seele wahrnehmen;

Sali lehnte daher in aller Sicherheit an einem alten Scheunchen, etwa

dreißig Schritte entfernt, und schaute unverwandt nach dem stillen,

wüsten Hause hinüber. Eine geraume Zeit lehnte und schaute er so, als

Vrenchen unter die Haustür kam und lange vor sich hinblickte, wie mit

allen ihren Gedanken an einem Gegenstande hängend. Sali rührte sich

nicht und wandte kein Auge von ihr. Als sie endlich zufällig in dieser

Richtung hinsah, fiel er ihr in die Augen. Sie sahen sich eine Weile

an, herüber und hinüber, als ob sie eine Lufterscheinung betrachteten,

bis sich Sali endlich aufrichtete und langsam über die Straße und über

den Hof ging auf Vrenchen los. Als er dem Mädchen nahe war, streckte

es seine Hände gegen ihn aus und sagte: „Sali!" Er ergriff die Hände

und sah ihr immerfort ins Gesicht. Tränen stürzten aus ihren Augen,

während sie unter seinen Blicken vollends dunkelrot wurde, und sie

sagte: „Was willst du hier?" „Nur dich sehen!" erwiderte er, „wollen

wir nicht wieder gute Freunde sein?" „Und unsere Eltern?" fragte

Vrenchen, sein weinendes Gesicht zur Seite neigend, da es die Hände

nicht frei hatte, um es zu bedecken. „Sind wir schuld an dem, was sie

getan und geworden sind?" sagte Sali, „vielleicht können wir das Elend

nur gutmachen, wenn wir zwei zusammenhalten und uns recht lieb sind!"

„Es wird nie gut kommen," antwortete Vrenchen mit einem tiefen

Seufzer, „geh in Gottes Namen deiner Wege, Sali!" „Bist du allein?"

fragte dieser, „kann ich einen Augenblick hineinkommen?" „Der Vater

ist zur Stadt, wie er sagte, um deinem Vater irgend etwas anzuhängen;

aber hereinkommen kannst du nicht, weil du später vielleicht nicht so

ungesehen weggehen kannst wie jetzt. Noch ist alles still und niemand

um den Weg, ich bitte dich, geh jetzt!" „Nein, so geh' ich nicht! Ich

mußte seit gestern immer an dich denken, und ich geh' nicht so fort,

wir müssen miteinander reden, wenigstens eine halbe Stunde lang oder

eine Stunde, das wird uns gut tun!" Vrenchen besann sich ein Weilchen

und sagte dann: „Ich geh' gegen Abend auf unsern Acker hinaus, du

weißt welchen, wir haben nur noch den, und hole etwas Gemüse. Ich

weiß, daß niemand weiter dort sein wird, weil die Leute anderswo

schneiden; wenn du willst, so komm dorthin, aber jetzt geh und nimm

dich in acht, daß dich niemand sieht! Wenn auch kein Mensch hier mehr

mit uns umgeht, so würden sie doch ein solches Gerede machen, daß es

der Vater sogleich vernähme." Sie ließen sich jetzt die Hände frei,

ergriffen sie aber auf der Stelle wieder, und beide sagten

gleichzeitig: „Und wie geht es dir auch?" Aber statt sich zu

antworten, fragten sie das gleiche aufs neue, und die Antwort lag nur

in den beredten Augen, da sie nach Art der Verliebten die Worte nicht

mehr zu lenken wußten und ohne sich weiter etwas zu sagen, endlich

halb selig und halb traurig auseinanderhuschten. „Ich komme recht bald

hinaus, geh nur gleich hin!" rief Vrenchen noch nach.

Sali ging auch alsobald auf die stille, schöne Anhöhe hinaus, über

welche die zwei Äcker sich erstreckten, und die prächtige, stille

Junisonne, die fahrenden, weißen Wolken, welche über das reife,

wallende Kornfeld wegzogen, der glänzende, blaue Fluß, der unten

vorüberwallte, alles dies erfüllte ihn zum ersten Male seit langen

Jahren wieder mit Glück und Zufriedenheit, statt mit Kummer, und er

warf sich der Länge nach in den durchsichtigen Halbschatten des

Kornes, wo dasselbe Martis wilden Acker begrenzte, und guckte

glückselig in den Himmel.

Obgleich es kaum eine Viertelstunde währte, bis Vrenchen nachkam und

er an nichts anderes dachte, als an sein Glück und dessen Namen, stand

es doch plötzlich und unverhofft vor ihm, auf ihn niederlächelnd, und

froh erschreckt sprang er auf. „Vreeli!" rief er, und dieses gab ihm

still und lächelnd beide Hände, und Hand in Hand gingen sie nun das

flüsternde Korn entlang bis gegen den Fluß hinunter und wieder zurück,

ohne viel zu reden; sie legten zwei- oder dreimal den Hin- und Herweg

zurück, still, glückselig und ruhig, so daß dieses einige Paar nun

auch einem Sternbilde glich, welches über die sonnige Rundung der

Anhöhe und hinter derselben niederging, wie einst die sichergehenden

Pflugzüge ihrer Väter. Als sie aber einsmals die Augen von den blauen

Kornblumen aufschlugen, an denen sie gehaftet, sahen sie plötzlich

einen andern dunkeln Stern vor sich hergehen, einen schwärzlichen

Kerl, von dem sie nicht wußten, woher er so unversehens gekommen. Er

mußte im Korne gelegen haben; Vrenchen zuckte zusammen, und Sali sagte

erschreckt: „Der schwarze Geiger!" In der Tat trug der Kerl, der vor

ihnen herstrich, eine Geige mit dem Bogen unter dem Arm und sah

übrigens schwarz genug aus; neben einem schwarzen Filzhütchen und

einem schwarzen, rußigen Kittel, den er trug, war auch sein Haar

pechschwarz, so wie der ungeschorene Bart, das Gesicht und die Hände

aber ebenfalls geschwärzt; denn er trieb allerlei Handwerk, meistens

Kesselflicken, half auch den Kohlenbrennern und Pechsiedern in den

Wäldern und ging mit der Geige nur auf einen guten Schick aus, wenn

die Bauern irgendwo lustig waren und ein Fest feierten. Sali und

Vrenchen gingen mäuschenstill hinter ihm drein und dachten, er würde

vom Felde gehen und verschwinden, ohne sich umzusehen, und so schien

es auch zu sein, denn er tat, als ob er nichts von ihnen merkte. Dazu

waren sie in einem seltsamen Bann, daß sie nicht wagten, den schmalen

Pfad zu verlassen, und dem unheimlichen Gesellen unwillkürlich

folgten, bis an das Ende des Feldes, wo jener ungerechte Steinhaufen

lag, der das immer noch streitige Ackerzipfelchen bedeckte. Eine

zahllose Menge von Mohnblumen oder Klatschrosen hatte sich darauf

angesiedelt, weshalb der kleine Berg feuerrot aussah zurzeit.

Plötzlich sprang der schwarze Geiger mit einem Satze auf die

rotgekleidete Steinmasse hinauf, kehrte sich und sah ringsum. Das

Pärchen blieb stehen und sah verlegen zu dem dunklen Burschen hinauf;

denn vorbei konnten sie nicht gehen, weil der Weg in das Dorf führte,

und umkehren mochten sie auch nicht vor seinen Augen. Er sah sie

scharf an und rief: „Ich kenne euch, ihr seid die Kinder derer, die

mir den Boden hier gestohlen haben! Es freut mich zu sehen, wie gut

ihr gefahren seid, und werde gewiß noch erleben, daß ihr vor mir den

Weg alles Fleisches geht! Seht mich nur an, ihr zwei Spatzen! Gefällt

euch meine Nase, wie?" In der Tat besaß er eine schreckbare Nase,

welche wie ein großes Winkelmaß aus dem dürren, schwarzen Gesicht

ragte oder eigentlich mehr einem tüchtigen Knebel oder Prügel glich,

welcher in dies Gesicht geworfen worden war, und unter dem ein

kleines, rundes Löchelchen von einem Munde sich seltsam stutzte und

zusammenzog, aus dem er unaufhörlich pustete, pfiff und zischte. Dazu

stand das kleine Filzhütchen ganz unheimlich, welches nicht rund und

nicht eckig und so sonderlich geformt war, daß es alle Augenblicke

seine Gestalt zu verändern schien, obgleich es unbeweglich saß, und

von den Augen des Kerls war fast nichts als das Weiße zu sehen, da die

Sterne unaufhörlich auf einer blitzschnellen Wanderung begriffen waren

und wie zwei Hasen im Zickzack umhersprangen. „Seht mich nur an," fuhr

er fort, „eure Väter kennen mich wohl, und jedermann in diesem Dorfe

weiß, wer ich bin, wenn er nur meine Nase sieht. Da haben sie vor

Jahren ausgeschrieben, daß ein Stück Geld für den Erben dieses Ackers

bereitliege; ich habe mich zwanzigmal gemeldet, aber ich habe keinen

Taufschein und keinen Heimatschein, und meine Freunde, die

Heimatlosen, die meine Geburt gesehen, haben kein gültiges Zeugnis,

und so ist die Frist längst verlaufen, und ich bin um den blutigen

Pfennig gekommen, mit dem ich hätte auswandern können! Ich habe eure

Väter angefleht, daß sie mir bezeugen möchten, sie müßten mich nach

ihrem Gewissen für den rechten Erben halten; aber sie haben mich von

ihren Höfen gejagt, und nun sind sie selbst zum Teufel gegangen! Item,

das ist der Welt Lauf, mir kann's recht sein, ich will euch doch

geigen, wenn ihr tanzen wollt!" Damit sprang er auf der andern Seite

von den Steinen hinunter und machte sich dem Dorfe zu, wo gegen Abend

der Erntesegen eingebracht wurde und die Leute guter Dinge waren. Als

er verschwunden, ließ sich das Paar ganz mutlos und betrübt auf die

Steine nieder; sie ließen ihre verschlungenen Hände fahren und

stützten die traurigen Köpfe darauf; denn die Erscheinung des Geigers

und seine Worte hatten sie aus der glücklichen Vergessenheit gerissen,

in welcher sie wie zwei Kinder auf und ab gewandelt; und wie sie nun

auf dem harten Grund ihres Elendes saßen, verdunkelte sich das heitere

Lebenslicht, und ihre Gemüter wurden so schwer wie Steine.

Da erinnerte sich Vrenchen unversehens der wunderlichen Gestalt und

der Nase des Geigers, es mußte plötzlich hell auslachen und rief: „Der

arme Kerl sieht gar zu spaßhaft aus! Was für eine Nase!" und eine

allerliebste, sonnenhelle Lustigkeit verbreitete sich über des

Mädchens Gesicht, als ob sie nur geharrt hätte, bis des Geigers Nase

die trüben Wolken wegstieße. Sali sah Vrenchen an und sah diese

Fröhlichkeit. Es hatte die Ursache aber schon wieder vergessen und

lachte nur noch auf eigene Rechnung dem Sali ins Gesicht. Dieser,

verblüfft und erstaunt, starrte unwillkürlich mit lachendem Munde auf

die Augen, gleich einem Hungrigen, der ein süßes Weizenbrot erblickt,

und rief: „Bei Gott, Vreeli! Wie schön bist du!" Vrenchen lachte ihn

nur noch mehr an und hauchte dazu aus klangvoller Kehle einige kurze,

mutwillige Lachtöne, welche dem armen Sali nicht anders dünkten, als

der Gesang einer Nachtigall. „O du Hexe!" rief er, „wo hast du das

gelernt? Welche Teufelskünste treibst du da?" „Ach du lieber Gott!"

sagte Vrenchen mit schmeichelnder Stimme und nahm Salis Hand, „das

sind keine Teufelskünste! Wie lange hätte ich gern einmal gelacht! Ich

habe wohl zuweilen, wenn ich ganz allein war, über irgend etwas lachen

müssen, aber es war nichts Rechtes dabei; jetzt aber möchte ich dich

immer und ewig anlachen, wenn ich dich sehe, und ich möchte dich wohl

immer und ewig sehen! Bist du mir auch ein bißchen recht gut?" „O

Vreeli!" sagte er und sah ihr ergeben und treuherzig in die Augen,

„ich habe noch nie ein Mädchen angesehen, es war mir immer, als ob ich

dich einst liebhaben müßte, und ohne daß ich wollte oder wußte, hast

du mir doch immer im Sinn gelegen!" „Und du mir auch," sagte Vrenchen,

„und das noch viel mehr; denn du hast mich nie angesehen und wußtest

nicht, wie ich geworden bin; ich aber habe dich zuzeiten aus der Ferne

und sogar heimlich aus der Nähe recht gut betrachtet und wußte immer,

wie du aussiehst! Weißt du noch, wie oft wir als Kinder

hierhergekommen sind? Denkst du noch des kleinen Wagens? Wie kleine

Leute sind wir damals gewesen und wie lang ist es her! Man sollte

denken, wir wären recht alt." „Wie alt bist du jetzt?" fragte Sali

voll Vergnügen und Zufriedenheit, „du mußt ungefähr siebzehn sein?"

„Siebzehn und ein halbes Jahr bin ich alt!" erwiderte Vrenchen, „und

wie alt bist du? Ich weiß aber schon, du bist bald zwanzig?" „Woher

weißt du das?" fragte Sali. „Gelt, wenn ich es sagen wollte!" „Du

willst es nicht sagen?" „Nein!" „Gewiß nicht?" „Nein, nein!" „Du

sollst es sagen!" „Willst du mich etwa zwingen?" „Das wollen wir

sehen!" Diese einfältigen Reden führte Sali, um seine Hände zu

beschäftigen und mit ungeschickten Liebkosungen, welche wie eine

Strafe aussehen sollten, das schöne Mädchen zu bedrängen. Sie führte

auch, sich wehrend, mit vieler Langmut den albernen Wortwechsel fort,

der trotz seiner Leerheit beide witzig und süß genug dünkte, bis Sali

erbost und kühn genug war, Vrenchens Hände zu bezwingen und es in die

Mohnblumen zu drücken. Da lag es nun und zwinkerte in der Sonne mit

den Augen; seine Wangen glühten wie Purpur und sein Mund war halb

geöffnet und ließ zwei Reihen weiße Zähne durchschimmern. Fein und

schön flossen die dunklen Augenbrauen ineinander und die junge Brust

hob und senkte sich mutwillig unter sämtlichen vier Händen, welche

sich kunterbunt darauf streichelten und bekriegten. Sali wußte sich

nicht zu lassen vor Freuden, das schlanke schöne Geschöpf vor sich zu

sehen, es sein eigen zu wissen, und es dünkte ihm ein Königreich.

„Alle deine weißen Zähne hast du noch!" lachte er, „weißt du noch, wie

oft wir sie einst gezählt haben? Kannst du jetzt zählen?" „Das sind ja

nicht die gleichen, du Kind!" sagte Vrenchen, „jene sind längst

ausgefallen!" Sali wollte nun in seiner Einfalt jenes Spiel wieder

erneuern und die glänzenden Zahnperlen zählen; aber Vrenchen verschloß

plötzlich den roten Mund, richtete sich auf und begann einen Kranz von

Mohnrosen zu winden, den es sich auf den Kopf setzte. Der Kranz war

voll und breit und gab der bräunlichen Dirne ein fabelhaftes,

reizendes Ansehen, und der arme Sali hielt in seinem Arm, was reiche

Leute teuer bezahlt hätten, wenn sie es nur gemalt an ihren Wänden

hätten sehen können. Jetzt sprang sie aber empor und rief: „Himmel,

wie heiß ist es hier! Da sitzen wir wie die Narren und lassen uns

versengen! Komm, mein Lieber! laß uns ins hohe Korn sitzen!" Sie

schlüpften hinein so geschickt und sachte, daß sie kaum eine Spur

zurückließen, und bauten sich einen engen Kerker in den goldenen

Ähren, die ihnen hoch über den Kopf ragten, als sie drin saßen, so daß

sie nur den tiefblauen Himmel über sich sahen und sonst nichts von der

Welt. Sie umhalsten sich und küßten sich unverweilt und so lange, bis

sie einstweilen müde waren, oder wie man es nennen will, wenn das

Küssen zweier Verliebter auf eine oder zwei Minuten sich selbst

überlebt und die Vergänglichkeit alles Lebens mitten im Rausche der

Blütezeit ahnen läßt. Sie hörten die Lerchen singen hoch über sich und

suchten dieselben mit ihren scharfen Augen, und wenn sie glaubten,

flüchtig eine in der Sonne aufblitzen zu sehen, gleich einem plötzlich

aufleuchtenden oder hinschießenden Stern am blauen Himmel, so küßten

sie sich wieder zur Belohnung und suchten einander zu übervorteilen

und zu täuschen, soviel sie konnten. „Siehst du, dort blitzt eine!"

flüsterte Sali und Vrenchen erwiderte ebenso leise: „Ich höre sie

wohl, aber ich sehe sie nicht!" „Doch, paß nur auf, dort, wo das weiße

Wölkchen steht, ein wenig rechts davon!" Und beide sahen eifrig hin

und sperrten vorläufig ihre Schnäbel auf, wie die jungen Wachteln im

Neste, um sie unverzüglich aufeinanderzuheften, wenn sie sich

einbildeten, die Lerche gesehen zu haben. Auf einmal hielt Vrenchen

inne und sagte: „Dies ist also eine ausgemachte Sache, daß jedes von

uns einen Schatz hat, dünkt es dich nicht so?" „Ja," sagte Sali, „es

scheint mir auch so!" „Wie gefällt dir denn dein Schätzchen," sagte

Vrenchen, „was ist es für ein Ding, was hast du von ihm zu melden?"

„Es ist ein gar feines Ding," sagte Sali, „es hat zwei braune Augen,

einen roten Mund und läuft auf zwei Füssen; aber seinen Sinn kenn' ich

weniger, als den Papst zu Rom! Und was kannst du von deinem Schatz

berichten?" „Er hat zwei blaue Augen, einen nichtsnutzigen Mund und

braucht zwei verwegene starke Arme; aber seine Gedanken sind mir

unbekannter, als der türkische Kaiser!" „Es ist eigentlich wahr,"

sagte Sali, „daß wir uns weniger kennen, als wenn wir uns nie gesehen

hätten, so fremd hat uns die lange Zeit gemacht, seit wir groß

geworden sind! Was ist alles vorgegangen in deinem Köpfchen, mein

liebes Kind?" „Ach, nicht viel! Tausend Narrenspossen haben sich

wollen regen, aber es ist mir immer so trübselig ergangen, daß sie

nicht aufkommen konnten!" „Du armes Schätzchen," sagte Sali, „ich

glaube aber, du hast es hinter den Ohren, nicht?" „Das kannst du ja

nach und nach erfahren, wenn du mich recht lieb hast!" „Wenn du einst

meine Frau bist?" Vrenchen zitterte leis bei diesem letzten Worte und

schmiegte sich tiefer in Salis Arme, ihn von neuem lange und zärtlich

küssend. Es traten ihr dabei Tränen in die Augen und beide wurden auf

einmal traurig, da ihnen ihre hoffnungsarme Zukunft in den Sinn kam

und die Feindschaft ihrer Eltern. Vrenchen seufzte und sagte: „Komm,

ich muß nun gehen!" und so erhoben sie sich und gingen Hand in Hand

aus dem Kornfeld, als sie Vrenchens Vater spähend vor sich sahen. Mit

dem kleinlichen Scharfsinn des müßigen Elends hatte dieser, als er dem

Sali begegnet, neugierig gegrübelt, was der wohl allein im Dorfe zu

suchen ginge, und sich des gestrigen Vorfalles erinnernd, verfiel er,

immer nach der Stadt zu schlendernd, endlich auf die richtige Spur,

rein aus Groll und unbeschäftigter Bosheit, und nicht so bald gewann

der Verdacht eine bestimmte Gestalt, als er mitten in den Gassen von

Seldwyla umkehrte und wieder in das Dorf hinaustrollte, wo er seine

Tochter in Haus und Hof und rings in den Hecken vergeblich suchte. Mit

wachsender Neugier rannte er auf den Acker hinaus, und als er da

Vrenchens Korb liegen sah, in welchem es die Früchte zu holen pflegte,

das Mädchen selbst aber nirgends erblickte, spähte er eben am Korne

des Nachbars herum, als die erschrockenen Kinder herauskamen. Sie

standen wie versteinert und Marti stand erst auch da und beschaute sie

mit bösen Blicken, bleich wie Blei; dann fing er fürchterlich an zu

toben in Gebärden und Schimpfworten und langte zugleich grimmig nach

dem jungen Burschen, um ihn zu würgen; Sali wich aus und floh einige

Schritte zurück, entsetzt über den wilden Mann, sprang aber sogleich

wieder zu, als er sah, daß der Alte statt seiner nun das zitternde

Mädchen faßte, ihm eine Ohrfeige gab, daß der rote Kranz herunterflog,

und seine Haare um die Hand wickelte, um es mit sich fortzureißen und

weiter zu mißhandeln. Ohne sich zu besinnen, raffte er einen Stein auf

und schlug mit demselben den Alten gegen den Kopf, halb in Angst um

Vrenchen und halb im Jähzorn. Marti taumelte erst ein wenig, sank dann

bewußtlos auf den Steinhaufen nieder und zog das erbärmlich

aufschreiende Vrenchen mit. Sali befreite noch dessen Haare aus der

Hand des Bewußtlosen und richtete es auf; dann stand er da wie eine

Bildsäule, ratlos und gedankenlos. Das Mädchen, als es den wie tot

daliegenden Vater sah, fuhr sich mit den Händen über das erbleichende

Gesicht, schüttelte sich und sagte: „Hast du ihn erschlagen?" Sali

nickte lautlos und Vrenchen schrie: „O Gott, du lieber Gott! Es ist

mein Vater! Der arme Mann!" und sinnlos warf es sich über ihn und hob

seinen Kopf auf, an welchem indessen kein Blut floß. Es ließ ihn

wieder sinken; Sali ließ sich auf der andern Seite den Mannes nieder,

und beide schauten, still wie das Grab und mit erlahmten, reglosen

Händen in das leblose Gesicht. Um nur etwas anzufangen, sagte endlich

Sali: „Er wird doch nicht gleich tot sein müssen? Das ist gar nicht

ausgemacht!" Vrenchen riß ein Blatt von einer Klatschrose ab und legte

es auf die erblaßten Lippen und es bewegte sich schwach. „Er atmet

noch," rief es, „so lauf doch ins Dorf und hol' Hilfe." Als Sali

aufsprang und laufen wollte, streckte es ihm die Hand nach und rief

ihn zurück: „Komm aber nicht mit zurück und sage nichts, wie es

zugegangen, ich werde auch schweigen, man soll nichts aus mir

herausbringen!" sagte es und sein Gesicht, das es dem armen, ratlosen

Burschen zuwandte, überfloß von schmerzlichen Tränen. „Komm, küß' mich

noch einmal! Nein, geh, mach' dich fort! Es ist aus, es ist ewig aus,

wir können nicht zusammenkommen!" Es stieß ihn fort und er lief

willenlos dem Dorfe zu. Er begegnete einem Knäbchen, das ihn nicht

kannte; diesem trug er auf, die nächsten Leute zu holen, und beschrieb

ihm genau, wo die Hilfe nötig sei. Dann machte er sich verzweifelt

fort und irrte die ganze Nacht im Gehölze herum. Am Morgen schlich er

in die Felder, um zu spähen, wie es gegangen sei, und hörte von frühen

Leuten, welche miteinander sprachen, daß Marti noch lebe, aber nichts

von sich wisse, und wie das eine seltsame Sache wäre, da kein Mensch

wisse, was ihm zugestoßen. Erst jetzt ging er in die Stadt zurück und

verbarg sich in dem dunkeln Elend des Hauses.

Vrenchen hielt ihm Wort; es war nichts aus ihm herauszufragen, als daß

es selbst den Vater so gefunden habe, und da er am andern Tage sich

wieder tüchtig regte und atmete, freilich ohne Bewußtsein, und

überdies kein Kläger da war, so nahm man an, er sei betrunken gewesen

und auf die Steine gefallen, und ließ die Sache auf sich beruhen.

Vrenchen pflegte ihn und ging nicht von seiner Seite, außer um die

Arzneimittel zu holen beim Doktor und etwa für sich selbst eine

schlechte Suppe zu kochen; denn es lebte beinahe von nichts, obgleich

es Tag und Nacht wach sein mußte und niemand ihm half. Es dauerte

beinahe sechs Wochen, bis der Kranke allmählich zu seinem Bewußtsein

kam, obgleich er vorher schon wieder aß und in seinem Bette ziemlich

munter war. Aber es war nicht das alte Bewußtsein, das er jetzt

erlangte, sondern es zeigte sich immer deutlicher, je mehr er sprach,

daß er blödsinnig geworden, und zwar auf die wunderlichste Weise. Er

erinnerte sich nur dunkel an das Geschehene und wie an etwas sehr

Lustiges, was ihn nicht weiter berühre, lachte immer wie ein Narr und

war guter Dinge. Noch im Bette liegend, brachte er hundert närrische,

sinnlos mutwillige Redensarten und Einfälle zum Vorschein, schnitt

Gesichter und zog sich die schwarzwollene Zipfelmütze in die Augen und

über die Nase herunter, daß diese aussah, wie ein Sarg unter einem

Bahrtuch. Das bleiche und abgehärmte Vrenchen hörte ihm geduldig zu,

Tränen vergießend über das törichte Wesen, welches die arme Tochter

noch mehr ängstigte, als die frühere Bosheit; aber wenn der Alte

zuweilen etwas gar zu Drolliges anstellte, so mußte es mitten in

seiner Qual laut auflachen, da sein unterdrücktes Wesen immer zur Lust

aufzuspringen bereit war, wie ein gespannter Bogen, worauf dann eine

um so tiefere Betrübnis erfolgte. Als der Alte aber aufstehen konnte,

war gar nichts mehr mit ihm anzustellen; er machte nichts als

Dummheiten, lachte und stöberte um das Haus herum, setzte sich in die

Sonne und streckte die Zunge heraus oder hielt lange Reden in die

Bohnen hinein.

Um die gleiche Zeit aber war es auch aus mit den wenigen Überbleibseln

seines ehemaligen Besitzes und die Unordnung so weit gediehen, daß

auch sein Haus und der letzte Acker, seit geraumer Zeit verpfändet,

nun gerichtlich verkauft wurden. Denn der Bauer, welcher die zwei

Äcker des Manz gekauft, benutzte die gänzliche Verkommenheit Martis

und seine Krankheit und führte den alten Streit wegen des streitigen

Steinfleckes kurz und entschlossen zu Ende, und der verlorene Prozeß

trieb Martis Faß vollends den Boden aus, indessen er in seinem

Blödsinne nichts mehr von diesen Dingen wußte. Die Versteigerung fand

statt; Marti wurde von der Gemeinde in einer Stiftung für dergleichen

arme Tröpfe auf öffentliche Kosten untergebracht. Diese Anstalt befand

sich in der Hauptstadt des Ländchens; der gesunde und eßbegierige

Blödsinnige wurde noch gut gefüttert, dann auf ein mit Ochsen

bespanntes Wägelchen geladen, das ein ärmlicher Bauersmann nach der

Stadt führte, um zugleich einen oder zwei Säcke Kartoffeln zu

verkaufen, und Vrenchen setzte sich zu dem Vater auf das Fuhrwerk, um

ihn auf diesem letzten Gange zu dem lebendigen Begräbnis zu begleiten.

Es war eine traurige und bittere Fahrt, aber Vrenchen wachte

sorgfältig über seinen Vater und ließ es ihm an nichts fehlen, und es

sah sich nicht um und ward nicht ungeduldig, wenn durch die Kapriolen

des Unglücklichen die Leute aufmerksam wurden und dem Wägelchen

nachliefen, wo sie durchfuhren. Endlich erreichten sie das weitläufige

Gebäude in der Stadt, wo die langen Gänge, die Höfe und ein

freundlicher Garten von einer Menge ähnlicher Tröpfe belebt waren, die

alle in weiße Kittel gekleidet waren und dauerhafte Lederkäppchen auf

den harten Köpfen trugen. Auch Marti wurde noch vor Vrenchens Augen in

diese Tracht gekleidet, und er freute sich wie ein Kind darüber und

tanzte singend umher. „Gott grüß euch, ihr geehrten Herren!" rief er

seine neuen Genossen an, „ein schönes Haus habt ihr hier! Geh heim,

Vrenggel, und sag' der Mutter, ich komme nicht mehr nach Haus, hier

gefällt's mir bei Gott! Juchhei! Es kreucht ein Igel über den Hag, ich

hab' ihn hören bellen! O Meitli, küß' kein' alten Knab', küß' nur die

jungen Gesellen! Alle die Wässerlein laufen in Rhein, die mit dem

Pflaumenaug', die muß es sein! Gehst du schon, Vreeli? Du siehst ja

aus wie der Tod im Häfelein und geht es mir doch so erfreulich! Die

Füchsin schreit im Felde: Halleo, halleo! Das Herz tut ihr weho!

hoho!" Ein Aufseher gebot ihm Ruhe und führte ihn zu einer leichten

Arbeit, und Vrenchen ging das Fuhrwerk aufzusuchen. Es setzte sich auf

den Wagen, zog ein Stückchen Brot hervor und aß dasselbe; dann schlief

es, bis der Bauer kam und mit ihm nach dem Dorfe zurückfuhr. Sie kamen

erst in der Nacht an. Vrenchen ging nach dem Hause, in dem es geboren

und nur zwei Tage bleiben durfte, und es war jetzt zum erstenmal in

seinem Leben ganz allein darin. Es machte ein Feuer, um das letzte

Restchen Kaffee zu kochen, das es noch besaß, und setzte sich auf den

Herd, denn es war ihm ganz elendiglich zumut. Es sehnte sich und

härmte sich ab, den Sali nur ein einziges Mal zu sehen, und dachte

inbrünstig an ihn; aber die Sorgen und der Kummer verbitterten seine

Sehnsucht und diese machten die Sorgen wieder viel schwerer. So saß es

und stützte den Kopf in die Hände, als jemand durch die offenstehende

Tür hereinkam. „Sali!" rief Vrenchen, als es aufsah, und fiel ihm um

den Hals; dann sahen sich aber beide erschrocken an und riefen: „Wie

siehst du elend aus!" Denn Sali sah nicht minder als Vrenchen bleich

und abgezehrt aus. Alles vergessend, zog es ihn zu sich auf den Herd

und sagte: „Bist du krank gewesen, oder ist es dir auch so schlimm

gegangen?" Sali antwortete: „Nein, ich bin gerade nicht krank, außer

vor Heimweh nach dir! Bei uns geht es jetzt hoch und herrlich zu; der

Vater hat einen Einzug und Unterschleif von auswärtigem Gesindel und

ich glaube, soviel ich merke, ist er ein Diebeshehler geworden.

Deshalb ist jetzt einstweilen Hülle und Fülle in unserer Taverne,

solang es geht und bis es ein Ende mit Schrecken nimmt. Die Mutter

hilft dazu, aus bitterlicher Gier, nur etwas im Hause zu sehen, und

glaubt den Unfug noch durch eine gewisse Aufsicht und Ordnung

annehmlich und nützlich zu machen! Mich fragt man nicht und ich konnte

mich nicht viel darum kümmern; denn ich kann nur an dich denken Tag

und Nacht. Da allerhand Landstreicher bei uns einkehren, so haben wir

alle Tage gehört, was bei euch vorgeht, worüber mein Vater sich freut

wie ein kleines Kind. Daß dein Vater heute nach dem Spittel gebracht

wurde, haben wir auch vernommen; ich habe gedacht, du werdest jetzt

allein sein, und bin gekommen, um dich zu sehen!" Vrenchen klagte ihm

jetzt auch alles, was sie drückte und was sie erlitt, aber mit so

leichter, zutraulicher Zunge, als ob sie ein großes Glück beschriebe,

weil sie glücklich war, Sali neben sich zu sehen. Sie brachte

inzwischen notdürftig ein Becken voll warmen Kaffee zusammen, welchen

mit ihr zu teilen sie den Geliebten zwang. „Also übermorgen mußt du

hier weg?" sagte Sali, „was soll denn ums Himmels willen werden?" „Das

weiß ich nicht," sagte Vrenchen, „ich werde dienen müssen und in die

Welt hinaus! Ich werde es aber nicht aushalten ohne dich, und doch

kann ich dich nie bekommen, auch wenn alles andere nicht wäre, bloß

weil du meinen Vater geschlagen und um dem Verstand gebracht hast!

Dies würde immer ein schlechter Grundstein unserer Ehe sein und wir

beide nie sorglos werden, nie!" Sali seufzte und sagte: „Ich wollte

auch schon hundertmal Soldat werden oder mich in einer fremden Gegend

als Knecht verdingen, aber ich kann noch nicht fortgehen, solange du

hier bist, und hernach wird es mich aufreiben. Ich glaube, das Elend

macht meine Liebe zu dir stärker und schmerzhafter, so daß es um Leben

und Tod geht! Ich habe von dergleichen keine Ahnung gehabt!" Vrenchen

sah ihn liebevoll lächelnd an; sie lehnten sich an die Wand zurück und

sprachen nichts mehr, sondern gaben sich schweigend der glückseligen

Empfindung hin, die sich über allen Gram erhob, daß sie sich im

größten Ernste gut wären und geliebt wüßten. Darüber schliefen sie

friedlich ein auf dem unbequemen Herde, ohne Kissen und Pfühl, und

schliefen so sanft und ruhig wie zwei Kinder in einer Wiege. Schon

graute der Morgen, als Sali zuerst erwachte; er weckte Vrenchen, so

sacht er konnte; aber es duckte sich immer wieder an ihn,

schlaftrunken, und wollte sich nicht ermuntern. Da küßte er es heftig

auf den Mund und Vrenchen fuhr empor, machte die Augen weit auf, und

als es Sali erblickte, rief es: „Herrgott! Ich habe eben noch von dir

geträumt! Es träumte mir, wir tanzten miteinander auf unserer

Hochzeit, lange, lange Stunden! und waren so glücklich, sauber

geschmückt und es fehlte uns an nichts. Da wollten wir uns endlich

küssen und dürsteten danach, aber immer zog uns etwas auseinander und

nun bist du es selbst gewesen, der uns gestört und gehindert hat! Aber

wie gut, daß du gleich da bist!" Gierig fiel es ihm um den Hals und

küßte ihn, als ob es kein Ende nehmen sollte. „Und was hast du denn

geträumt?" fragte sie und streichelte ihm Wangen und Kinn. „Mir

träumte, ich ginge endlos auf einer langen Straße durch einen Wald und

du in der Ferne immer vor mir her; zuweilen sahest du nach mir um,

winktest mir und lachtest und dann war ich wie im Himmel. Das ist

alles!" Sie traten unter die offengebliebene Küchentüre, die

unmittelbar ins Freie führte, und mußten lachen, als sie sich ins

Gesicht sahen. Denn die rechte Wange Vrenchens und die linke Salis,

welche im Schlafe aneinandergelehnt hatten, waren von dem Drucke ganz

rotgefärbt, während die Blässe der andern durch die kühle Nachtluft

noch erhöht war. Sie rieben sich zärtlich die kalte bleiche Seite

ihrer Gesichter, um sie auch rot zu machen; die frische Morgenluft,

der tauige stille Frieden, der über der Gegend lag, das junge

Morgenrot machten sie fröhlich und selbstvergessen und besonders in

Vrenchen schien ein freundlicher Geist der Sorglosigkeit gefahren zu

sein. „Morgen abend muß ich also aus diesem Hause fort," sagte es,

„und ein anderes Obdach suchen. Vorher aber möchte ich einmal, nur

einmal recht lustig sein, und zwar mit dir; ich möchte recht herzlich

und fleißig mit dir tanzen irgendwo, denn das Tanzen aus dem Traume

steckt mir immerfort im Sinn!" „Jedenfalls will ich dabei sein und

sehen, wo du unterkommst," sagte Sali, „und tanzen wollte ich auch

gerne mit dir, du herziges Kind! Aber wo?" „Es ist morgen Kirchweih an

zwei Orten nicht sehr weit von hier," erwiderte Vrenchen, „da kennt

und beachtet man uns weniger; draußen am Wasser will ich auf dich

warten und dann können wir gehen, wohin es uns gefällt, um uns lustig

zu machen, einmal, Einmal nur! Aber je, wir haben ja gar kein Geld!"

setzte es traurig hinzu, „da kann nichts daraus werden!" „Laß nur,"

sagte Sali, „ich will schon etwas mitbringen!" „Doch nicht von deinem

Vater, von--von dem Gestohlenen?" „Nein, sei nur ruhig! Ich habe noch

meine silberne Uhr bewahrt bis dahin, die will ich verkaufen." „Ich

will dir nicht abraten," sagte Vrenchen errötend, „denn ich glaube,

ich müßte sterben, wenn ich nicht morgen mit dir tanzen könnte." „Es

wäre das beste, wir beide könnten sterben!" sagte Sali; sie umarmten

sich wehmütig und schmerzlich zum Abschied, und als sie

voneinanderließen, lachten sie sich doch freundlich an in der sicheren

Hoffnung auf den nächsten Tag. „Aber wann willst du denn kommen?" rief

Vrenchen noch. „Spätestens um elf Uhr mittags," erwiderte er, „wir

wollen recht ordentlich zusammen Mittag essen!" „Gut, gut! Komm lieber

um halb elf schon!" Doch als Sali schon im Gehen war, rief sie ihn

noch einmal zurück und zeigte ein plötzlich verändertes

verzweiflungsvolles Gesicht. „Es wird doch nichts daraus," sagte sie

bitterlich weinend, „ich habe keine Sonntagsschuhe mehr. Schon gestern

habe ich diese groben hier anziehen müssen, um nach der Stadt zu

kommen! Ich weiß keine Schuhe aufzubringen!" Sali stand ratlos und

verblüfft. „Keine Schuhe!" sagte er, „da mußt du halt in diesen

kommen!" „Nein, nein, in denen kann ich nicht tanzen!" „Nun, so müssen

wir welche kaufen!" „Wo, mit was?" „Ei, in Seldwyl da gibt es

Schuhläden genug! Geld werde ich in minder als zwei Stunden haben."

„Aber, ich kann doch nicht mit dir in Seldwyl herumgehen, und dann

wird das Geld nicht langen, auch noch Schuhe zu kaufen!" „Es muß! Und

ich will die Schuhe kaufen und morgen mitbringen!" „O du Närrchen, sie

werden ja nicht passen, die du kaufst!" „So gib mir einen alten Schuh

mit, oder halt, noch besser, ich will dir das Maß nehmen, das wird

doch kein Hexenwerk sein!" „Das Maß nehmen? Wahrhaftig, daran hab' ich

nicht gedacht! Komm, komm, ich will dir ein Schnürchen suchen!" Sie

setzte sich wieder auf den Herd, zog den Rock etwas zurück und

streifte den Schuh vom Fuße, der noch von der gestrigen Reise her mit

einem weißen Strumpfe bekleidet war. Sali kniete nieder und nahm, so

gut er es verstand, das Maß, indem er den zierlichen Fuß der Länge und

Breite nach umspannte mit dem Schnürchen und sorgfältig Knoten in

dasselbe knüpfte. „Du Schuhmacher!" sagte Vrenchen und lachte errötend

und freundschaftlich zu ihm nieder. Sali wurde aber auch rot und hielt

den Fuß fest in seinen Händen, länger als nötig war, so daß Vrenchen

ihn noch tiefer errötend zurückzog, den verwirrten Sali aber noch

einmal stürmisch umhalste und küßte, dann aber fortschickte.

Sobald er in der Stadt war, trug er seine Uhr zu einem Uhrmacher, der

ihm sechs oder sieben Gulden dafür gab; für die silberne Kette bekam

er auch einige Gulden, und er dünkte sich nun reich genug, denn er

hatte, seit er groß war, nie so viel Geld besessen auf einmal. Wenn

nur erst der Tag vorüber und der Sonntag angebrochen wäre, um das

Glück damit zu erkaufen, das er sich von dem Tage versprach, dachte

er; denn wenn das Übermorgen auch um so dunkler und unbekannter

hereinragte, so gewann die ersehnte Lustbarkeit von morgen nur einen

seltsamern erhöhten Glanz und Schein. Indessen brachte er die Zeit

noch leidlich hin, indem er ein Paar Schuhe für Vrenchen suchte, und

dies war ihm das vergnügteste Geschäft, das er je betrieben. Er ging

von einem Schuhmacher zum andern, ließ sich alle Weiberschuhe zeigen,

die vorhanden waren, und endlich handelte er ein leichtes und feines

Paar ein, so hübsch, wie sie Vrenchen noch nie getragen. Er verbarg

die Schuhe unter seiner Weste und tat sie die übrige Zeit des Tages

nicht mehr von sich; er nahm sie sogar mit ins Bett und legte sie

unter das Kopfkissen. Da er das Mädchen heute früh noch gesehen und

morgen wieder sehen sollte, so schlief er fest und ruhig, war aber in

aller Frühe munter und begann seinen dürftigen Sonntagsstaat

zurechtzumachen und auszuputzen, so gut es gelingen wollte. Es fiel

seiner Mutter auf und sie fragte verwundert, was er vorhabe, da er

sich schon lange nicht mehr so sorglich angezogen. Er wolle einmal

über Land gehen und sich ein wenig umtun, erwiderte er, er werde sonst

krank in diesem Hause. „Das ist mir die Zeit her ein merkwürdiges

Leben," murrte der Vater, „und ein Herumschleichen!" „Laß ihn nur

gehen," sagte aber die Mutter, „es tut ihm vielleicht gut, es ist ja

ein Elend, wie er aussieht!" „Hast du Geld zum Spazierengehen? Woher

hast du es?" fragte der Alte. „Ich brauche keines!" sagte Sali. „Da

hast du einen Gulden!" versetzte der Alte und warf ihm denselben hin.

„Du kannst im Dorf ins Wirtshaus gehen und ihn dort verzehren, damit

sie nicht glauben, wir seien hier so übel dran." „Ich will nicht ins

Dorf und brauche den Gulden nicht, behaltet ihn nur!" „So hast du ihn

gehabt, es wäre schad, wenn du ihn haben müßtest, du Starrkopf!" rief

Manz und schob seinen Gulden wieder in die Tasche. Seine Frau aber,

welche nicht wußte, warum sie heute ihres Sohnes wegen so wehmütig und

gerührt war, brachte ihm ein großes schwarzes Mailänder Halstuch mit

rotem Rande, das sie nur selten getragen und er schon früher gern

gehabt hätte. Er schlang es um den Hals und ließ die langen Zipfel

fliegen; auch stellte er zum erstenmal den Hemdkragen, den er sonst

immer umgeschlagen, ehrbar und männlich in die Höhe, bis über die

Ohren hinauf, in einer Anwandlung ländlichen Stolzes, und machte sich

dann, seine Schuhe in der Brusttasche des Rockes, schon nach sieben

Uhr auf den Weg. Als er die Stube verließ, drängte ihn ein seltsames

Gefühl, Vater und Mutter die Hand zu geben, und auf der Straße sah er

sich noch einmal nach dem Hause um. „Ich glaube am Ende," sagte Manz,

„der Bursche streicht irgendeinem Weibsbild nach; das hätten wir

gerade noch nötig!" Die Frau sagte: „O wollte Gott! daß er vielleicht

ein Glück machte! Das täte dem armen Buben gut!" „Richtig!" sagte der

Mann, „das fehlt nicht! Das wird ein himmlisches Glück geben, wenn er

nur erst an eine solche Maultasche zu geraten das Unglück hat! Das

täte dem armen Bübchen gut! Natürlich!"

Sali richtete seinen Schritt erst nach dem Flusse zu, wo er Vrenchen

erwarten wollte; aber unterwegs ward er anderen Sinnes und ging

geradezu ins Dorf, um Vrenchen im Hause selbst abzuholen, weil es ihm

zu lang währte bis halb elf! „Was kümmern uns die Leute!" dachte er.

„Niemand hilft uns und ich bin ehrlich und fürchte niemand!" So trat

er unerwartet in Vrenchens Stube und ebenso unerwartet fand er es

schon vollkommen angekleidet und geschmückt dasitzen und der Zeit

harren, wo es gehen könne, nur die Schuhe fehlten ihm noch. Aber Sali

stand mit offenem Munde still in der Mitte der Stube, als er das

Mädchen erblickte, so schön sah es aus. Es hatte nur ein einfaches

Kleid an von blaugefärbter Leinwand, aber dasselbe war frisch und

sauber und saß ihm sehr gut um den schlanken Leib. Darüber trug es ein

schneeweißes Musselinehalstuch und dies war der ganze Anzug. Das

braune gekräuselte Haar war sehr wohl geordnet und die sonst so wilden

Löckchen lagen nun fein und lieblich um den Kopf; da Vrenchen seit

vielen Wochen fast nicht aus dem Hause gekommen, so war seine Farbe

zarter und durchsichtiger geworden, so wie auch vom Kummer; aber in

diese Durchsichtigkeit goß jetzt die Liebe und die Freude ein Rot um

das andere, und an der Brust trug es einen schönen Blumenstrauß von

Rosmarin, Rosen und prächtigen Astern. Es saß am offenen Fenster und

atmete still und hold die frischdurchsonnte Morgenluft; wie es aber

Sali erscheinen sah, streckte es ihm beide hübsche Arme entgegen,

welche vom Ellbogen an bloß waren, und rief: „Wie recht hast du, daß

du schon jetzt und hierher kommst! Aber hast du mir Schuhe gebracht?

Gewiß? Nun steh' ich nicht auf, bis ich sie anhabe!" Er zog die

ersehnten aus der Tasche und gab sie dem begierigen schönen Mädchen;

es schleuderte die alten von sich, schlüpfte in die neuen und sie

paßten sehr gut. Erst jetzt erhob es sich vom Stuhl, wiegte sich in

den neuen Schuhen und ging eifrig einigemal auf und nieder. Es zog das

lange, blaue Kleid etwas zurück und beschaute wohlgefällig die roten

wollenen Schleifen, welche die Schuhe zierten, während Sali

unaufhörlich die feine reizende Gestalt betrachtete, welche da in

lieblicher Aufregung vor ihm sich regte und freute. „Du beschaust

meinen Strauß?" sagte Vrenchen, „hab' ich nicht einen schönen

zusammengebracht? Du mußt wissen, dies sind die letzten Blumen, die

ich noch aufgefunden in dieser Wüstenei. Hier war noch ein Röschen,

dort eine Aster, und wie sie nun gebunden sind, würde man es ihnen

nicht ansehen, daß sie aus einem Untergange zusammengesucht sind! Nun

ist es aber Zeit, daß ich fortkomme, nicht ein Blümchen mehr im Garten

und das Haus auch leer!" Sali sah sich um und bemerkte erst jetzt, daß

alle Fahrhabe, die noch dagewesen, weggebracht war. „Du armes Vreeli!"

sagte er, „haben sie dir schon alles genommen?" „Gestern," erwiderte

es, „haben sie's weggeholt, was sich von der Stelle bewegen ließ, und

mir kaum mehr als mein Bett gelassen. Ich hab's aber auch gleich

verkauft und hab' jetzt auch Geld, sieh!" Es holte einige neue

glänzende Talerstücke aus der Tasche seines Kleides und zeigte sie

ihm. „Damit," fuhr es fort, „sagte der Waisenvogt, der auch hier war,

solle ich mir einen Dienst suchen in einer Stadt und ich solle mich

heute gleich auf den Weg machen!" „Da ist aber auch gar nichts mehr

vorhanden," sagte Sali, nachdem er in die Küche geguckt hatte, „ich

sehe kein Hölzchen, kein Pfännchen, kein Messer! Hast du denn auch

nicht zu Morgen gegessen?" „Nichts!" sagte Vrenchen, „ich hätte mir

etwas holen können, aber ich dachte, ich wolle lieber hungrig bleiben,

damit ich recht viel essen könne mit dir zusammen, denn ich freue mich

so sehr darauf, du glaubst nicht, wie ich mich freue!" „Wenn ich dich

nur anrühren dürfte," sagte Sali, „so wollte ich dir zeigen, wie es

mir ist, du schönes, schönes Ding!" „Du hast recht, du würdest meinen

ganzen Staat verderben, und wenn wir die Blumen ein bißchen schonen,

so kommt es zugleich meinem armen Kopf zugut, den du mir übel

zuzurichten pflegst!" „So komm, jetzt wollen wir ausrücken!" „Noch

müssen wir warten, bis das Bett abgeholt wird; denn nachher schließe

ich das leere Haus zu und gehe nicht mehr hierher zurück! Mein

Bündelchen gebe ich der Frau aufzuheben, die das Bett gekauft hat."

Sie setzten sich daher einander gegenüber und warteten; die Bäuerin

kam bald, eine vierschrötige Frau mit lautem Mundwerk, und hatte einen

Burschen bei sich, welcher die Bettstelle tragen sollte. Als diese

Frau Vrenchens Liebhaber erblickte und das geputzte Mädchen selbst,

sperrte sie Mund und Augen auf, stemmte die Arme unter und schrie:

„Ei, sieh da, Vreeli! Du treibst es ja schon gut! Hast einen Besucher

und bist gerüstet wie eine Prinzeß?" „Gelt aber!" sagte Vrenchen

freundlich lachend, „wißt Ihr auch, wer das ist?" „Ei, ich denke, das

ist wohl der Sali Manz? Berg und Tal kommen nicht zusammen, sagt man,

aber die Leute! Aber nimm dich doch in acht, Kind, und denk, wie es

euren Eltern ergangen ist!" „Ei, das hat sich jetzt gewendet und alles

ist gut geworden," erwiderte Vrenchen lächelnd und freundlich

mitteilsam, ja beinahe herablassend, „seht, Sali ist mein Hochzeiter!"

„Dein Hochzeiter! Was du sagst!" „Ja und er ist ein reicher Herr, er

hat hunderttausend Gulden in der Lotterie gewonnen! Denket einmal,

Frau!" Diese tat einen Sprung, schlug ganz erschrocken die Hände

zusammen und schrie: „Hund--hunderttausend Gulden!" „Hunderttausend

Gulden!" versicherte Vrenchen ernsthaft. „Herr du meines Lebens! Es

ist aber nicht wahr, du lügst mich an, Kind!" „Nun, glaubt was Ihr

wollt!" „Aber, wenn es wahr ist und du heiratest ihn, was wollt ihr

denn machen mit dem Gelde? Willst du wirklich eine vornehme Frau

werden?" „Versteht sich, in drei Wochen halten wir die Hochzeit!" „Geh

mir weg, du bist eine häßliche Lügnerin!" „Das schönste Haus hat er

schon gekauft in Seldwyl mit einem großen Garten und Weinberg; Ihr

müßt mich auch besuchen, wenn wir eingerichtet sind, ich zähle

darauf!" „Allweg, du Teufelshexlein, was du bist!" „Ihr werdet sehen,

wie schön es da ist! Einen herrlichen Kaffee werde ich machen und Euch

mit seinem Eierbrot aufwarten, mit Butter und Honig!" „O du

Schelmenkind! Zähl' drauf, daß ich komme!" rief die Frau mit lüsternem

Gesicht und der Mund wässerte ihr. „Kommt Ihr aber um die Mittagszeit

und seid ermüdet vom Markt, so soll Euch eine kräftige Fleischbrühe

und ein Glas Wein immer bereitstehen!" „Das wird mir baß tun!" „Und an

etwas Zuckerwerk oder weißen Wecken für die lieben Kinder zu Hause

soll es Euch auch nicht fehlen!" „Es wird mir ganz schmachtend!" „Ein

artiges Halstüchelchen oder ein Restchen Seidenzeug oder ein hübsches

altes Band für Eure Röcke, oder ein Stück Zeug zu einer neuen Schürze

wird gewiß auch zu finden sein, wenn wir meine Kisten und Kasten

durchmustern in einer vertrauten Stunde!" Die Frau drehte sich auf den

Hacken herum und schüttelte jauchzend ihre Röcke. „Und wenn Euer Mann

ein vorteilhaftes Geschäft machen könnte mit einem Land- oder

Viehhandel, und er mangelt des Geldes, so wißt Ihr, wo Ihr anklopfen

sollt. Mein lieber Sali wird froh sein, jederzeit ein Stück Bares

sicher und erfreulich anzulegen! Ich selbst werde auch etwa einen

Sparpfennig haben, einer vertrauten Freundin beizustehen!" Jetzt war

der Frau nicht mehr zu helfen, sie sagte gerührt: „Ich habe immer

gesagt, du seiest ein braves und gutes und schönes Kind! Der Herr

wolle es dir wohlergehen lassen immer und ewiglich und es dir

gesegnen, was du an mir tust!" „Dagegen verlange ich aber auch, daß

Ihr es gut mit mir meint!" „Allweg kannst du das verlangen!" „Und daß

Ihr jederzeit Eure Ware, sei es Obst, seien es Kartoffeln, sei es

Gemüse, erst zu mir bringet und mir anbietet, ehe Ihr auf den Markt

gehet, damit ich sicher sei, eine rechte Bäuerin an der Hand zu haben,

auf die ich mich verlassen kann! Was irgendeiner gibt für die Ware,

werde ich gewiß auch geben mit tausend Freuden, Ihr kennt mich ja!

Ach, es ist nichts Schöneres, als wenn eine wohlhabende Stadtfrau, die

so ratlos in ihren Mauern sitzt und doch so vieler Dinge benötigt ist,

und eine rechtschaffene ehrliche Landfrau, erfahren in allem Wichtigen

und Nützlichen, eine gute und dauerhafte Freundschaft zusammen haben!

Es kommt einem zugut in hundert Fällen, in Freud und Leid, bei

Gevatterschaften und Hochzeiten, wenn die Kinder unterrichtet werden

und konfirmiert, wenn sie in die Lehre kommen und wenn sie in die

Fremde sollen! Bei Mißwachs und Überschwemmungen, bei Feuersbrünsten

und Hagelschlag, wofür uns Gott behüte!" „Wofür uns Gott behüte!"

sagte die gute Frau schluchzend und trocknete mit ihrer Schürze die

Augen; „welch ein verständiges und tiefsinniges Bräutlein bist du, ja,

dir wird es gut gehen, da müßte keine Gerechtigkeit in der Welt sein!

Schön, sauber, klug und weise bist du, arbeitsam und geschickt zu

allen Dingen! Keine ist feiner und besser als du, in und außer dem

Dorfe, und wer dich hat, der muß meinen, er sei im Himmelreich, oder

er ist ein Schelm und hat es mit mir zu tun. Hör', Sali! Daß du nur

recht artlich bist mit meinem Vreeli, oder ich will dir den Meister

zeigen, du Glückskind, das du bist, ein solches Röslein zu brechen!"

„So nehmt jetzt auch hier noch mein Bündel mit, wie Ihr mir

versprochen habt, bis ich es abholen lassen werde! Vielleicht komme

ich aber selbst in der Kutsche und hole es ab, wenn Ihr nichts dagegen

habt! Ein Töpfchen Milch werdet Ihr mir nicht abschlagen alsdann, und

etwa eine schöne Mandeltorte dazu werde ich schon selbst mitbringen!"

„Tausendskind! Gib her den Bündel!" Vrenchen lud ihr auf das

zusammengebundene Bett, das sie schon auf dem Kopfe trug, einen langen

Sack, in welchen es sein Plunder und Habseliges gestopft, so daß die

arme Frau mit einem schwankenden Turme auf dem Haupte dastand. „Es

wird mir doch fast zu schwer auf einmal," sagte sie, „könnte ich nicht

zweimal dran machen?" „Nein, nein! Wir müssen jetzt augenblicklich

gehen, denn wir haben einen weiten Weg, um vornehme Verwandte zu

besuchen, die sich jetzt gezeigt haben, seit wir reich sind! Ihr wißt

ja, wie es geht!" „Weiß wohl! So behüt' dich Gott, und denk' an mich

in deiner Herrlichkeit!"

Die Bäuerin zog ab mit ihrem Bündelturme, mit Mühe das Gleichgewicht

behauptend, und hinter ihr drein ging ihr Knechtchen, das sich in

Vrenchens einst buntbemalte Bettstatt hineinstellte, den Kopf gegen

den mit verblichenen Sternen bedeckten Himmel derselben stemmte und,

ein zweiter Simson, die zwei vorderen zierlich geschnitzten Säulen

faßte, welche diesen Himmel trugen. Als Vrenchen, an Sali gelehnt, dem

Zuge nachschaute und den wandelnden Tempel zwischen den Gärten sah,

sagte es: „Das gäbe noch ein artiges Gartenhäuschen oder eine Laube,

wenn man's in einen Garten pflanzte, ein Tischchen und ein Bänklein

dreinstellte und Winden drum herumsäte! Wolltest du mit darin sitzen,

Sali?" „Ja, Vreeli! Besonders wenn die Winden aufgewachsen wären!"

„Was stehen wir noch?" sagte Vrenchen, „nichts hält uns mehr zurück!"

„So komm und schließ das Haus zu!" „Wem willst du denn den Schlüssel

übergeben?" Vrenchen sah sich um. „Hier an die Helbart wollen wir ihn

hängen; sie ist über hundert Jahr in diesem Hause gewesen, habe ich

den Vater oft sagen hören, nun steht sie da als der letzte Wächter!"

Sie hingen den rostigen Hausschlüssel an einen rostigen Schnörkel der

alten Waffe, an welcher die Bohnen rankten, und gingen davon. Vrenchen

wurde aber bleicher und verhüllte ein Weilchen die Augen, daß Sali es

führen mußte, bis sie ein Dutzend Schritte entfernt waren. Es sah aber

nicht zurück. „Wo gehen wir nun zuerst hin?" fragte es. „Wir wollen

ordentlich über Land gehen," erwiderte Sali, „wo es uns freut den

ganzen Tag, uns nicht übereilen, und gegen Abend werden wir dann schon

einen Tanzplatz finden!" „Gut!" sagte Vrenchen, „den ganzen Tag werden

wir beisammensein und gehen, wo wir Lust haben. Jetzt ist mir aber

elend, wir wollen gleich im andern Dorf einen Kaffee trinken!"

„Versteht sich!" sagte Sali, „mach' nur, daß wir aus diesem Dorf

wegkommen!" Bald waren sie auch im freien Felde und gingen still

nebeneinander durch die Fluren; es war ein schöner Sonntagmorgen im

September, keine Wolke stand am Himmel, die Höhen und die Wälder waren

mit einem zarten Duftgewebe bekleidet, welches die Gegend

geheimnisvoller und feierlicher machte, und von allen Seiten tönten

die Kirchenglocken herüber, hier das harmonische tiefe Geläute einer

reichen Ortschaft, dort die geschwätzigen zwei Bimmelglöcklein eines

kleinen armen Dörfchens. Das liebende Paar vergaß, was am Ende dieses

Tages werden sollte, und gab sich einzig der hochaufatmenden wortlosen

Freude hin, sauber gekleidet und frei, wie zwei Glückliche, die sich

von Rechts wegen angehören, in den Sonntag hineinzuwandeln. Jeder in

der Sonntagsstille verhallende Ton oder ferne Ruf klang ihnen

erschütternd durch die Seele; denn die Liebe ist eine Glocke, welche

das Entlegenste und Gleichgültigste widertönen läßt und in eine

besondere Musik verwandelt. Obgleich sie hungrig waren, dünkte sie die

halbe Stunde Weges bis zum nächsten Dorfe nur ein Katzensprung lang zu

sein und sie betraten zögernd das Wirtshaus am Eingange des Ortes.

Sali bestellte ein gutes Frühstück, und während es bereitet wurde,

sahen sie mäuschenstill der sichern und freundlichen Wirtschaft in der

großen reinlichen Gaststube zu. Der Wirt war zugleich ein Bäcker, das

eben Gebackene durchduftete angenehm das ganze Haus, und Brot aller

Art wurde in gehäuften Körben herbeigetragen, da nach der Kirche die

Leute hier ihr Weißbrot holten oder ihren Frühschoppen tranken. Die

Wirtin, eine artige und saubere Frau, putzte gelassen und freundlich

ihre Kinder heraus, und sowie eines entlassen war, kam es zutraulich

zu Vrenchen gelaufen, zeigte ihm seine Herrlichkeiten und erzählte von

allem, dessen es sich erfreute und rühmte. Wie nun der wohlduftende

starke Kaffee kam, setzten sich die zwei Leutchen schüchtern an den

Tisch, als ob sie da zu Gast gebeten wären. Sie ermunterten sich

jedoch bald und flüsterten bescheiden, aber glückselig miteinander;

ach, wie schmeckte dem aufblühenden Vrenchen der gute Kaffee, der

fette Rahm, die frischen noch warmen Brötchen, die schöne Butter und

der Honig, der Eierkuchen und was alles noch für Leckerbissen da

waren! Sie schmeckten ihm, weil es den Sali dazu ansah, und es aß so

vergnügt, als ob es ein Jahr lang gefastet hätte. Dazu freute es sich

über das feine Geschirr, über die silbernen Kaffeelöffelchen; denn die

Wirtin schien sie für rechtliche junge Leutchen zu halten, die man

anständig bedienen müsse, und setzte sich auch ab und zu plaudernd zu

ihnen, und die beiden gaben ihr verständigen Bescheid, welches ihr

gefiel. Es war dem guten Vrenchen so wählig zumut, daß es nicht wußte,

mochte es lieber wieder ins Freie, um allein mit seinem Schatz

herumzuschweifen durch Auen und Wälder, oder mochte es lieber in der

gastlichen Stube bleiben, um wenigstens auf Stunden sich an einem

stattlichen Orte zu Hause zu träumen. Doch Sali erleichterte die Wahl,

indem er ehrbar und geschäftig zum Aufbruch mahnte, als ob sie einen

bestimmten und wichtigen Weg zu machen hätten. Die Wirtin und der Wirt

begleiteten sie bis vor das Haus und entließen sie auf das

wohlwollendste wegen ihres guten Benehmens, trotz der durchscheinenden

Dürftigkeit, und das arme junge Blut verabschiedete sich mit den

besten Manieren von der Welt und wandelte sittig und ehrbar von

hinnen. Aber auch als sie schon wieder im Freien waren und einen

stundenlangen Eichwald betraten, gingen sie noch in dieser Weise

nebeneinander her, in angenehme Träume vertieft, als ob sie nicht aus

zank- und elenderfüllten vernichteten Häusern herkämen, sondern guter

Leute Kinder wären, welche in lieblicher Hoffnung wandelten. Vrenchen

senkte das Köpfchen tiefsinnig gegen seine blumengeschmückte Brust und

ging, die Hände sorglich an das Gewand gelegt, einher auf dem glatten

feuchten Waldboden; Sali dagegen schritt schlank aufgerichtet, rasch

und nachdenklich, die Augen auf die festen Eichenstämme geheftet wie

ein Bauer, der überlegt, welche Bäume er am vorteilhaftesten fällen

soll. Endlich erwachten sie aus diesen vergeblichen Träumen, sahen

sich an und entdeckten, daß sie immer noch in der Haltung gingen, in

welcher sie das Gasthaus verlassen, erröteten und ließen traurig die

Köpfe hängen. Aber Jugend hat keine Tugend, der Wald war grün, der

Himmel blau und sie allein in der weiten Welt, und sie überließen sich

alsbald wieder diesem Gefühle. Doch blieben sie nicht lange mehr

allein, da die schöne Waldstraße sich belebte mit lustwandelnden

Gruppen von jungen Leuten, sowie mit einzelnen Paaren, welche

schäkernd und singend die Zeit nach der Kirche verbrachten. Denn die

Landleute haben so gut ihre ausgesuchten Promenaden und Lustwälder,

wie die Städter, nur mit dem Unterschied, daß dieselben keine

Unterhaltung kosten und noch schöner sind; sie spazieren nicht nur mit

einem besonderen Sinn des Sonntags durch ihre blühenden und reifenden

Felder, sondern sie machen sehr gewählte Gänge durch Gehölze und an

grünen Halden entlang, setzen sich hier auf eine anmutige,

fernsichtige Höhe, dort an einen Waldrand, lassen ihre Lieder ertönen

und die schöne Wildnis ganz behaglich auf sich einwirken; und da sie

dies offenbar nicht zu ihrer Pönitenz tun, sondern zu ihrem Vergnügen,

so ist wohl anzunehmen, daß sie Sinn für die Natur haben, auch

abgesehen von ihrer Nützlichkeit. Immer brechen sie was Grünes ab,

junge Bursche wie alte Mütterchen, welche die alten Wege ihrer Jugend

aufsuchen, und selbst steife Landmänner in den besten Geschäftsjahren,

wenn sie über Land gehen, schneiden sich gern eine schlanke Gerte,

sobald sie durch einen Wald gehen, und schälen die Blätter ab, von

denen sie nur oben ein grünes Büschel stehenlassen. Solche Rute tragen

sie wie ein Zepter vor sich hin; wenn sie in eine Amtsstube oder

Kanzlei treten, so stellen sie die Gerte ehrerbietig in einen Winkel,

vergessen aber auch nach den ernstesten Verhandlungen nie, dieselbe

säuberlich wieder mitzunehmen und unversehrt nach Hause zu tragen, wo

es erst dem kleinsten Söhnchen gestattet ist, sie zugrunde zu

richten.--Als Sali und Vrenchen die vielen Spaziergänger sahen,

lachten sie ins Fäustchen und freuten sich, auch gepaart zu sein,

schlüpften aber seitwärts auf engere Waldpfade, wo sie sich in tiefen

Einsamkeiten verloren. Sie hielten sich auf, wo es sie freute, eilten

vorwärts und ruhten wieder, und wie keine Wolke am reinen Himmel

stand, trübte auch keine Sorge in diesen Stunden ihr Gemüt; sie

vergaßen, woher sie kamen und wohin sie gingen, und benahmen sich so

fein und ordentlich dabei, daß trotz aller frohen Erregung und

Bewegung Vrenchens niedlicher einfacher Aufputz so frisch und

unversehrt blieb, wie er am Morgen gewesen war. Sali betrug sich auf

diesem Wege nicht wie ein beinahe zwanzigjähriger Landbursche oder der

Sohn eines verkommenen Schenkwirtes, sondern wie wenn er einige Jahre

jünger und sehr wohlerzogen wäre, und es war beinahe komisch, wie er

nur immer sein feines lustiges Vrenchen ansah, voll Zärtlichkeit,

Sorgfalt und Achtung. Denn die armen Leutchen mußten an diesem einen

Tage, der ihnen vergönnt war, alle Manieren und Stimmungen der Liebe

durchleben und sowohl die verlorenen Tage der zarteren Zeit nachholen

als das leidenschaftliche Ende vorausnehmen mit der Hingabe ihres

Lebens.

So liefen sie sich wieder hungrig und waren erfreut, von der Höhe

eines schattenreichen Berges ein glänzendes Dorf vor sich zu sehen, wo

sie Mittag halten wollten. Sie stiegen rasch hinunter, betraten dann

ebenso sittsam diesen Ort, wie sie den vorigen verlassen. Es war

niemand um den Weg, der sie erkannt hätte; denn besonders Vrenchen war

die letzten Jahre hindurch gar nicht unter die Leute und noch weniger

in andere Dörfer gekommen. Deshalb stellten sie ein wohlgefälliges

ehrsames Pärchen vor, das irgendeinen angelegentlichen Gang tut. Sie

gingen ins erste Wirtshaus des Dorfes, wo Sali ein erkleckliches Mahl

bestellte; ein eigener Tisch wurde ihnen sonntäglich gedeckt, und sie

saßen wieder still und bescheiden daran und beguckten die

schöngetäfelten Wände von gebohntem Nußbaumholz, das ländliche aber

glänzende und wohlbestellte Büfett von gleichem Holze, und die klaren

weißen Fenstervorhänge. Die Wirtin trat zutulich herzu und setzte ein

Geschirr voll frischer Blumen auf den Tisch. „Bis die Suppe kommt",

sagte sie, „könnt ihr, wenn es euch gefällig ist, einstweilen die

Augen sättigen an dem Strauße. Allem Anschein nach, wenn es erlaubt

ist zu fragen, seit ihr ein junges Brautpaar, das gewiß nach der Stadt

geht, um sich morgen kopulieren zu lassen?" Vrenchen wurde rot und

wagte nicht aufzusehen, Sali sagte auch nichts, und die Wirtin fuhr

fort: „Nun, ihr seid freilich beide noch wohl jung, aber jung

geheiratet lebt lang, sagt man zuweilen, und ihr seht wenigstens

hübsch und brav aus und braucht euch nicht zu verbergen. Ordentliche

Leute können etwas zuwege bringen, wenn sie so jung zusammenkommen und

fleißig und treu sind. Aber das muß man freilich sein, denn die Zeit

ist kurz und doch lang, und es kommen viele Tage, viele Tage! Je nun,

schön genug sind sie und amüsant dazu, wenn man gut haushält damit!

Nichts für ungut, aber es freut mich, euch anzusehen, so ein schmuckes

Pärchen seid ihr!" Die Kellnerin brachte die Suppe, und da sie einen

Teil dieser Worte noch gehört und lieber selbst geheiratet hätte, so

sah sie Vrenchen mit scheelen Augen an, welches nach ihrer Meinung so

gedeihliche Wege ging. In der Nebenstube ließ die unliebliche Person

ihren Unmut frei und sagte zur Wirtin, welche dort zu schaffen hatte,

so laut, daß man es hören konnte: „Das ist wieder ein rechtes

Hudelvölkchen, das wie es geht und steht nach der Stadt läuft und sich

kopulieren läßt, ohne einen Pfennig, ohne Freunde, ohne Aussteuer und

ohne Aussicht, als auf Armut und Bettelei! Wo soll das noch hinaus,

wenn solche Dinger heiraten, die die Jüppe noch nicht allein anziehen

und keine Suppe kochen können? Ach, der hübsche junge Mensch kann mich

nur dauern, der ist schön petschiert mit seiner jungen Gungeline!"

„Bscht! Willst du wohl schweigen, du gehässiges Ding!" sagte die

Wirtin, „denen lasse ich nichts geschehen! Das sind gewiß zwei recht

ordentliche Leutlein aus den Bergen, wo die Fabriken sind; dürftig

sind sie gekleidet, aber sauber, und wenn sie sich nur gernhaben und

arbeitsam sind, so werden sie weiter kommen, als du mit deinem bösen

Maul! Du kannst freilich noch lang warten, bis dich einer abholt, wenn

du nicht freundlicher bist, du Essighafen!"

So genoß Vrenchen alle Wonnen einer Braut, die zur Hochzeit reiset:

die wohlwollende Ansprache und Aufmunterung einer sehr vernünftigen

Frau, den Neid einer heiratslustigen bösen Person, welche aus Ärger

den Geliebten lobte und bedauerte, und ein leckeres Mittagsmahl an der

Seite eben dieses Geliebten. Es glühte im Gesicht, wie eine rote

Nelke, das Herz klopfte ihm, aber es aß und trank nichtsdestominder

mit gutem Appetit und war mit der aufwartenden Kellnerin nur um so

artiger, konnte aber nicht unterlassen, dabei den Sali zärtlich

anzusehen und mit ihm zu lispeln, so daß es diesem auch ganz kraus im

Gemüt wurde. Sie saßen indessen lang und gemächlich am Tische, wie

wenn sie zögerten und sich scheuten, aus der halben Täuschung

herauszugehen. Die Wirtin brachte zum Nachtisch süßes Backwerk, und

Sali bestellte feineren und stärkeren Wein dazu, welcher Vrenchen

feurig durch die Adern rollte, als es ein wenig davon trank; aber es

nahm sich in acht, nippte bloß zuweilen und saß so züchtig und

verschämt da, wie eine wirkliche Braut. Halb spielte es aus Schalkheit

diese Rolle und aus Lust, zu versuchen, wie es tue, halb war es ihm in

der Tat so zumut und vor Bangigkeit und heißer Liebe wollte ihm das

Herz brechen, so daß es ihm zu eng ward innerhalb der vier Wände und

es zu gehen begehrte. Es war, als ob sie sich scheuten, auf dem Wege

wieder so abseits und allein zu sein; denn sie gingen unverabredet auf

der Hauptstraße weiter, mitten durch die Leute und sahen weder rechts

noch links. Als sie aber aus dem Dorfe waren und auf das

nächstgelegene zugingen, wo Kirchweih war, hing sich Vrenchen an Salis

Arm und flüsterte mit zitternden Worten: „Sali! warum sollen wir uns

nicht haben und glücklich sein!" „Ich weiß auch nicht warum!"

erwiderte er und heftete seine Augen an den milden Herbstsonnenschein,

der auf den Auen webte, und er mußte sich bezwingen und das Gesicht

ganz sonderbar verziehen. Sie standen still, um sich zu küssen; aber

es zeigten sich Leute und sie unterließen es und zogen weiter. Das

große Kirchdorf, in dem Kirchweih war, belebte sich schon von der Lust

des Volkes; und aus dem stattlichen Gasthofe tönte eine pomphafte

Tanzmusik, da die jungen Dörfler bereits um Mittag den Tanz angehoben,

und auf dem Platz vor dem Wirtshause war ein kleiner Markt

aufgeschlagen, bestehend aus einigen Tischen mit Süßigkeiten und

Backwerk und ein paar Buden mit Flitterstaat, um welche sich die

Kinder und dasjenige Volk drängten, welches sich einstweilen mehr mit

Zusehen begnügte. Sali und Vrenchen traten auch zu den Herrlichkeiten

und ließen ihre Augen darüberfliegen; denn beide hatten zugleich die

Hand in der Tasche und jedes wünschte dem andern etwas zu schenken, da

sie zum ersten und einzigen Male miteinander zu Markt waren; Sali

kaufte ein großes Haus von Lebkuchen, das mit Zuckerguß freundlich

geweißt war, mit einem grünen Dach, auf welchem weiße Tauben saßen und

aus dessen Schornstein ein Amörchen guckte als Kaminfeger; an den

offenen Fenstern umarmten sich pausbäckige Leutchen mit winzig kleinen

roten Mündchen, die sich recht eigentlich küßten, da der flüchtige

praktische Maler mit einem Kleckschen gleich zwei Mündchen gemacht,

die so ineinander verflossen. Schwarze Pünktchen stellten muntere

Äuglein vor. Auf der rosenroten Haustür aber waren diese Verse zu

lesen:

Tritt in mein Haus, o Liebste!

Doch sei dir unverhehlt:

Drin wird allein nach Küssen

Gerechnet und gezählt!

Die Liebste sprach: „O Liebster,

Mich schrecket nichts zurück!

Hab' alles wohl erwogen:

In dir nur lebt mein Glück!

Und wenn ich's recht bedenke,

Kam ich deswegen auch!"

Nun denn, spazier' mit Segen

Herein und üb' den Brauch!

Ein Herr in einem blauen Frack und eine Dame mit einem sehr hohen

Busen komplimentierten sich diesen Versen gemäß in das Haus hinein,

links und rechts an die Mauer gemalt. Vrenchen schenkte Sali dagegen

ein Herz, auf dessen einer Seite ein Zettelchen klebte mit den Worten:

Ein süßer Mandelkern steckt in dem Herze hier,

Doch süßer als der Mandelkern ist meine Lieb' zu dir!

Und auf der andern Seite:

Wenn du dies Herz gegessen, vergiß dies Sprüchlein nicht!

Viel eh'r als meine Liebe mein braunes Auge bricht!

Sie lasen eifrig die Sprüche und nie ist etwas Gereimtes und

Gedrucktes schöner befunden und tiefer empfunden worden, als diese

Pfefferkuchensprüche; sie hielten, was sie lasen, in besonderer

Absicht auf sich gemacht, so gut schien es ihnen zu passen. „Ach,"

seufzte Vrenchen, „du schenkst mir ein Haus! Ich habe dir auch eines

und erst das wahre geschenkt; denn unser Herz ist jetzt unser Haus,

darin wir wohnen, und wir tragen so unsere Wohnung mit uns, wie die

Schnecken! Andere haben wir nicht!" „Dann sind wir aber zwei

Schnecken, von denen jede das Häuschen der andern trägt!" sagte Sali,

und Vrenchen erwiderte: „Desto weniger dürfen wir voneinander gehen,

damit jedes seiner Wohnung nahbleibt!" Doch wußten sie nicht, daß sie

in ihren Reden ebensolche Witze machten, als auf den vielfach

geformten Lebkuchen zu lesen waren, und fuhren fort, diese süße

einfache Liebesliteratur zu studieren, die da ausgebreitet lag und

besonders auf vielfach verzierte kleine und große Herzen geklebt war.

Alles dünkte sie schön und einzig zutreffend; als Vrenchen auf einem

vergoldeten Herzen, das wie eine Lyra mit Saiten bespannt war, las:

Mein Herz ist wie ein Zitherspiel, rührt man es viel, so tönt es viel!

ward ihm so musikalisch zumut, daß es glaubte, sein eigenes Herz

klingen zu hören. Ein Napoleonsbild war da, welches aber auch der

Träger eines verliebten Spruches sein mußte, denn es stand darunter

geschrieben: Groß war der Held Napoleon, sein Schwert von Stahl, sein

Herz von Ton; meine Liebe trägt ein Röslein frei, doch ist ihr Herz

wie Stahl so treu!--Während sie aber beiderseitig in das Lesen

vertieft schienen, nahm jedes die Gelegenheit wahr, einen heimlichen

Einkauf zu machen. Sali kaufte für Vrenchen ein vergoldetes Ringelchen

mit einem grünen Glassteinchen, und Vrenchen einen Ring von schwarzem

Gemshorn, auf welchem ein goldenes Vergißmeinnicht eingelegt war.

Wahrscheinlich hatten sie die gleichen Gedanken, sich diese armen

Zeichen bei der Trennung zu geben.

Romeo und Julia auf dem Dorfe

Sinopse

Texto original em DE preservado no Literunico para leitura comparada com a edição/tradução da Copa Literunico. Fonte-base: https://www.gutenberg.org/ebooks/6696

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