Vorwort
Vorwort
Vorliegende Erzählung ist ein Teil eines großen, aber niemals von dem
Dichter vollendeten Novellenzyklus, „Das Vermächtnis Kains“, der nach
Sacher-Masochs eigenem Ausspruche „eine bilderreiche Naturgeschichte
des Menschen sein sollte“. Das Ganze sollte in sechs Unterabteilungen
zu je sechs Novellen zerfallen, für welche die Obertitel „Die Liebe“,
„Das Eigentum“, „Das Geld“, „Der Staat“, „Der Krieg“ und „Der Tod“
vorgesehen waren. Sacher-Masoch hatte sich somit ein sehr hohes
Ziel gesteckt, er wollte in diesen geplanten Erzählungen alles
Menschenleid und -schicksal in seinen verschiedensten Möglichkeiten und
Ausdrucksformen schildern und zugleich in der Schlußnovelle eines jeden
Teiles die Antwort auf die behandelte Frage und deren Lösung geben.
Von dem gesamten Werke liegen nur die beiden ersten Teile „Die Liebe“
und „Das Eigentum“ abgeschlossen vor. Von den andern existieren nur
Bruchstücke. Die „Venus im Pelz“ gehört als fünfte der Novellen zu dem
Zyklus „Die Liebe“.
Der Dichter schildert hierin die Erlebnisse eines Idealisten und
Phantasten zugleich, den sein Unstern in den Bannkreis eines herzlosen
und brutalen Weibes treibt.
Zur Zeit, als Sacher-Masoch diese seine berühmteste Novelle verfaßte,
stand er ganz im Banne eines Schopenhauerschen Pessimismus. Was seine
Lebensumstände anbetrifft, so ist zu bemerken, daß er damals als
Privatdozent an der Universität Graz habilitiert war.
Sofort beim Erscheinen der „Venus im Pelz“ spalteten sich die Leser in
zwei Parteien. Die einen verwarfen sie wegen der bis dahin unerhörten
Kühnheit der Schilderungen und fühlten sich zugleich durch das Motiv
abgestoßen. Die anderen dagegen, und gerade die besten Männer deutscher
Wissenschaft und Literatur, säumten nicht, anzuerkennen, hier liege
ein einzigartiges ~document humain~ vor, und es zeuge zudem von
ungewöhnlicher Genialität des Verfassers.
In rascher Folge entstanden weitere Schöpfungen, und eine wie die
andere waren vollwertiges Gold.
Um so peinlicher überrascht fühlten sich daher alle Freunde des
Dichters, als plötzlich höchst oberflächliche und zum Teil direkt
minderwertige Produkte seiner Feder auf dem Markt erschienen.
Verwundert und verstimmt fragte man sich, wie es möglich sei, daß ein
Poet, der die Klassizität gestreift, sein eigenes Renommee in solcher
Weise verderben könne. Nach Sacher-Masochs Tode ist dies Rätsel gelöst.
Die Not, die bitterste äußere Not zwang ihn dazu, dem Gott in sich
selbst Gewalt anzutun, um Brot für sich und die Seinen um jeden Preis
zu schaffen. In jener Zeit entstanden die vielberufenen „Messalinen
Wiens“, „Falscher Hermelin“ usw. Aber seltsam, gerade diese seichten
Arbeiten hatten bei dem Publikum ungeahnten Erfolg. Es brauchte dabei
nicht zu denken, wohl aber fühlte es sich seltsam erregt durch das
eigenartige, ihnen entströmende Gemisch von Stall- und Boudoirparfüm.
So wurde Sacher-Masoch in den Augen vieler zu einem oberflächlichen und
frivolen Skribenten erniedrigt, und es konnte leider nicht anders sein,
denn die Welt urteilt stets nach den Resultaten, aber nicht nach den
Motiven.
Selbst in der Spätzeit, als der Dichter sich wieder großen und
bedeutenden Aufgaben zuwandte, vermochte er die alten peinlichen
Erinnerungen nicht wieder zu verwischen. Und -- es ist traurig zu sagen
-- auch das große Publikum wollte nichts Gehaltvolles mehr von ihm,
sondern verlangte von ihm geradezu Mindergut.
Nur eine verhältnismäßig kleine Gemeinde wirklicher Verehrer blieb ihm
dauernd treu, jener, die das Unvergängliche, was er geschaffen, seinem
vollen Werte nach zu schätzen wußten und trotz seiner späteren Mängel
niemals an dem genialen Meister irre wurden.
Den Wünschen dieser zu entsprechen -- da die älteren Ausgaben
vollständig vergriffen sind --, entschlossen wir uns, einige seiner
besten Arbeiten in Neudrucken auf den Markt zu bringen. Darunter auch
die Novellen „Die Liebe des Plato“ und die „Venus im Pelz“.
Obwohl diese beiden Werke seit über 50 Jahren der Literatur angehören
und in allen Literaturgeschichten gewürdigt sind, ist es ihnen -- und
namentlich der „Venus im Pelz“ -- nicht erspart geblieben, neuerdings
seitens der Polizeibehörden und Staatsanwaltschaften verschiedensten
Titels beanstandet zu werden.
Es sei allerdings gern anerkannt, daß Kenntnis der Literatur
und Phantasie von Polizeiorganen und solchen der öffentlichen
Anklagebehörde nicht erwartet werden darf. Beides gehört nicht zu ihrem
Ressort.
Die Folgen dieser Beanstandungen blieben nicht aus. In der Regel
wurden „Plato“ und die „Venus im Pelz“ seitens der Polizeibehörden
und der Staatsanwaltschaften ohne weiteres als nicht zu beanstandende
Dichtungen und Kunstwerke dem öffentlichen Verkehr zurückgegeben.
Gleichwohl kam es gelegentlich vor, daß die „Venus“ Gegenstand einer
Gerichtsverhandlung wurde. Von den Resultaten dieser ist zu sagen, daß
sie allemal mit einer Niederlage der Staatsanwaltschaft endeten.
Die Welt der deutschen Schriftsteller hatte das nicht anders erwartet.
Als es bekannt wurde, daß ein Einschreiten gegen die „Venus im
Pelz“ im Gange sei, erhob sich überall befremdetes Kopfschütteln.
In geschlossener Phalanx traten die Koryphäen deutschen Schrifttums
regelmäßig für Erhaltung des Werkes ein und mit ihnen zugleich die
Männer der Wissenschaft.
So erklärte z. B. anläßlich eines solchen Prozesses der Geheime
Medizinalrat Professor Dr. Albert Eulenberger in Berlin: Die „Venus im
Pelz“ besitze unschätzbaren Wert und sei ein Unikum in der deutschen
Literatur. So wenig sie in dieser zu vermissen sei, ebensowenig
vermöge die Wissenschaft ihrer zu entbehren.
Als der Geheime Hofrat Professor ~Dr.~ Koester in Leipzig gelegentlich
seitens der Dresdener Staatsanwaltschaften aufgefordert wurde, ein
Gutachten über die „Venus im Pelz“ abzugeben, kam er ebenfalls zu dem
Resultat, das Werk gehöre der Literatur an, und es sei nicht angängig,
es aus der Reihe der Lebenden zu streichen.
Wir glauben, daß die gemachten Mitteilungen mehr als einem Leser und in
mehr als einer Hinsicht interessant sein dürften.
+Der Verlag+
Ich hatte liebenswürdige Gesellschaft.
Mir gegenüber an dem massiven Renaissancekamin saß Venus, aber nicht
etwa eine Dame der Halbwelt, die unter diesem Namen Krieg führte gegen
das feindliche Geschlecht, gleich Mademoiselle Cleopatra, sondern die
wahrhafte Liebesgöttin.
[Illustration]
Sie saß im Fauteuil und hatte ein prasselndes Feuer angefacht, dessen
Widerschein in roten Flammen ihr bleiches Antlitz mit den weißen Augen
leckte und von Zeit zu Zeit ihre Füße, wenn sie dieselben zu wärmen
suchte.
Ihr Kopf war wunderbar trotz der toten Steinaugen, aber das war auch
alles, was ich von ihr sah. Die Hehre hatte ihren Marmorleib in einen
großen Pelz gewickelt und sich zitternd wie eine Katze zusammengerollt.
„Ich begreife nicht, gnädige Frau,“ rief ich, „es ist doch wahrhaftig
nicht mehr kalt, wir haben seit zwei Wochen das herrlichste Frühjahr.
Sie sind offenbar nervös.“
„Ich danke für euer Frühjahr,“ sprach sie mit tiefer steinerner
Stimme und nieste gleich darnach himmlisch und zwar zweimal rasch
nacheinander; „da kann ich es wahrhaftig nicht aushalten, und ich fange
an zu verstehen --“
„Was, meine Gnädige?“
„Ich fange an das Unglaubliche zu glauben, das Unbegreifliche zu
begreifen. Ich verstehe auf einmal die germanische Frauentugend und
die deutsche Philosophie, und ich erstaune auch nicht mehr, daß ihr im
Norden nicht lieben könnt, ja nicht einmal eine Ahnung davon habt, was
Liebe ist.“
„Erlauben Sie, Madame,“ erwiderte ich aufbrausend, „ich habe Ihnen
wahrhaftig keine Ursache gegeben.“
„Nun, Sie --“ die Göttliche nieste zum dritten Male und zuckte mit
unnachahmlicher Grazie die Achseln, „dafür bin ich auch immer gnädig
gegen Sie gewesen und besuche Sie sogar von Zeit zu Zeit, obwohl ich
mich jedesmal trotz meines vielen Pelzwerks rasch erkälte. Erinnern
Sie sich noch, wie wir uns das erste Mal trafen?“
„Wie könnte ich es vergessen,“ sagte ich, „Sie hatten damals reiche
braune Locken und braune Augen und einen roten Mund, aber ich erkannte
Sie doch sogleich an dem Schnitt Ihres Gesichtes und an dieser
Marmorblässe -- Sie trugen stets eine veilchenblaue Samtjacke mit
Fehpelz besetzt.“
„Ja, Sie waren ganz verliebt in diese Toilette, und wie gelehrig Sie
waren.“
„Sie haben mich gelehrt, was Liebe ist, Ihr heiterer Gottesdienst ließ
mich zwei Jahrtausende vergessen.“
„Und wie beispiellos treu ich Ihnen war!“
„Nun, was die Treue betrifft --“
„Undankbarer!“
„Ich will Ihnen keine Vorwürfe machen. Sie sind zwar ein göttliches
Weib, aber doch ein Weib, und in der Liebe grausam wie jedes Weib.“
„Sie nennen grausam,“ entgegnete die Liebesgöttin lebhaft, „was eben
das Element der Sinnlichkeit, der heiteren Liebe, die Natur des Weibes
ist, sich hinzugeben, wo es liebt und alles zu lieben, was ihm gefällt.“
„Gibt es für den Liebenden etwa eine größere Grausamkeit als die
Treulosigkeit der Geliebten?“
„Ach!“ -- entgegnete sie -- „wir sind treu, solange wir lieben, ihr
aber verlangt vom Weibe Treue ohne Liebe, und Hingebung ohne Genuß,
wer ist da grausam, das Weib oder der Mann? -- Ihr nehmt im Norden die
Liebe überhaupt zu wichtig und zu ernst. Ihr sprecht von Pflichten, wo
nur vom Vergnügen die Rede sein sollte.“
„Ja, Madame, wir haben dafür auch sehr achtbare und tugendhafte Gefühle
und dauerhafte Verhältnisse.“
„Und doch diese ewig rege, ewig ungesättigte Sehnsucht nach dem nackten
Heidentum,“ fiel Madame ein, „aber jene Liebe, welche die höchste
Freude, die göttliche Heiterkeit selbst ist, taugt nicht für euch
Modernen, euch Kinder der Reflexion. Sie bringt euch Unheil. +Sobald
ihr natürlich sein wollt, werdet ihr gemein.+ Euch erscheint die
Natur als etwas Feindseliges, ihr habt aus uns lachenden Göttern
Griechenlands Dämonen, aus mir eine Teufelin gemacht. Ihr könnt mich
nur bannen und verfluchen oder euch selbst in bacchantischem Wahnsinn
vor meinem Altar als Opfer schlachten, und hat einmal einer von euch
den Mut gehabt, meinen roten Mund zu küssen, so pilgert er dafür
barfuß im Büßerhemd nach Rom und erwartet Blüten von dem dürren Stock,
während unter meinem Fuße zu jeder Stunde Rosen, Veilchen und Myrten
emporschießen, aber euch bekömmt ihr Duft nicht; bleibt nur in eurem
nordischen Nebel und christlichem Weihrauch; laßt uns Heiden unter
dem Schutt, unter der Lava ruhen, grabt uns nicht aus, für euch wurde
Pompeji, für euch wurden unsere Villen, unsere Bäder, unsere Tempel
nicht gebaut. Ihr braucht keine Götter! Uns friert in eurer Welt!“
Die schöne Marmordame hustete und zog die dunkeln Zobelfelle um ihre
Schultern noch fester zusammen.
„Wir danken für die klassische Lektion,“ erwiderte ich, „aber Sie
können doch nicht leugnen, daß Mann und Weib, in Ihrer heiteren
sonnigen Welt ebenso gut wie in unserer nebligen, von Natur Feinde
sind, daß die Liebe für die kurze Zeit zu einem einzigen Wesen vereint,
das nur eines Gedankens, einer Empfindung, eines Willens fähig ist, um
sie dann noch mehr zu entzweien, und -- nun Sie wissen es besser als
ich -- wer dann nicht zu unterjochen versteht, wird nur zu rasch den
Fuß des anderen auf seinem Nacken fühlen --“
„Und zwar in der Regel der Mann den Fuß des Weibes,“ rief Frau Venus
mit übermütigem Hohne, „was Sie wieder besser wissen als ich.“
„Gewiß, und eben deshalb mache ich mir keine Illusionen.“
„Das heißt, Sie sind jetzt mein Sklave ohne Illusionen, und ich werde
Sie dafür auch ohne Erbarmen treten.“
„Madame!“
„Kennen Sie mich noch nicht? Ja, ich bin +grausam+ -- weil Sie
denn schon an dem Worte so viel Vergnügen finden -- und habe ich nicht
recht, es zu sein? Der Mann ist der Begehrende, das Weib das Begehrte,
dies ist des Weibes ganzer, aber entscheidender Vorteil, die Natur hat
ihm den Mann durch seine Leidenschaft preisgegeben, und das Weib, das
aus ihm nicht seinen Untertan, seinen Sklaven, ja sein Spielzeug zu
machen und ihn zuletzt lachend zu verraten versteht, ist nicht klug.“
„Ihre Grundsätze, meine Gnädige,“ warf ich entrüstet ein.
„Beruhen auf tausendjähriger Erfahrung,“ entgegnete Madame spöttisch,
während ihre weißen Finger in dem dunkeln Pelz spielten, „je
hingebender das Weib sich zeigt, um so schneller wird der Mann nüchtern
und herrisch werden; je grausamer und treuloser es aber ist, je mehr es
ihn mißhandelt, je frevelhafter es mit ihm spielt, je weniger Erbarmen
es zeigt, um so mehr wird es die Wollust des Mannes erregen, von ihm
geliebt, angebetet werden. So war es zu allen Zeiten, seit Helena und
Delila, bis zur zweiten Katharina und Lola Montez herauf.“
„Ich kann es nicht leugnen,“ sagte ich, „es gibt für den Mann nichts,
das ihn mehr reizen könnte, als das Bild einer schönen, wollüstigen und
grausamen Despotin, welche ihre Günstlinge übermütig und rücksichtslos
nach Laune wechselt --“
„Und noch dazu einen Pelz trägt,“ rief die Göttin.
„Wie kommen Sie darauf?“
„Ich kenne ja Ihre Vorliebe.“
„Aber wissen Sie,“ fiel ich ein, „daß Sie, seitdem wir uns nicht
gesehen haben, sehr kokett geworden sind.“
„Inwiefern, wenn ich bitten darf?“
„Insofern es keine herrlichere Folie für Ihren weißen Leib geben
könnte, als diese dunklen Felle und es Ihnen --“
Die Göttin lachte.
„Sie träumen,“ rief sie, „wachen Sie auf!“ und sie faßte mich mit
ihrer Marmorhand beim Arme, „wachen Sie doch auf!“ dröhnte ihre Stimme
nochmals im tiefsten Brustton. Ich schlug mühsam die Augen auf.
[Illustration]
Ich sah die Hand, die mich rüttelte, aber diese Hand war auf einmal
braun wie Bronze, und die Stimme war die schwere Schnapsstimme meines
Kosaken, der in seiner vollen Größe von nahe sechs Fuß vor mir stand.
„Stehen Sie doch auf,“ fuhr der Wackere fort, „es ist eine wahrhafte
Schande.“
„Und weshalb eine Schande?“
„Eine Schande in Kleidern einzuschlafen und noch dazu bei einem Buche,“
er putzte die heruntergebrannten Kerzen und hob den Band auf, der
meiner Hand entsunken war, „bei einem Buche von -- er schlug den Deckel
auf, von Hegel -- dabei ist es die höchste Zeit zu Herrn Severin zu
fahren, der uns zum Tee erwartet.“
* * *
„Ein seltsamer Traum,“ sprach Severin, als ich zu Ende war, stützte die
Arme auf die Knie, das Gesicht in die feinen zartgeäderten Hände und
versank in Nachdenken.
Ich wußte, daß er sich nun lange Zeit nicht regen, ja kaum atmen würde,
und so war es in der Tat, für mich hatte indes sein Benehmen nichts
Auffallendes, denn ich verkehrte seit beinahe drei Jahren in guter
Freundschaft mit ihm und hatte mich an alle seine Sonderbarkeiten
gewöhnt. Denn sonderbar war er, das ließ sich nicht leugnen, wenn
auch lange nicht der gefährliche Narr, für den ihn nicht allein seine
Nachbarschaft, sondern der ganze Kreis von Kolomea hielt. Mir war sein
Wesen nicht bloß interessant, sondern -- und deshalb passierte ich auch
bei vielen als ein wenig vernarrt -- in hohem Grade sympathisch.
Er zeigte für einen galizischen Edelmann und Gutsbesitzer wie für sein
Alter -- er war kaum über dreißig -- eine auffallende Nüchternheit des
Wesens, einen gewissen Ernst, ja sogar Pedanterie. Er lebte nach einem
minutiös ausgeführten, halb philosophischen, halb praktischen Systeme,
gleichsam nach der Uhr, und nicht das allein, zu gleicher Zeit nach dem
Thermometer, Barometer, Aerometer, Hydrometer, Hippokrates, Hufeland,
Plato, Kant, Knigge und Lord Chesterfield; dabei bekam er aber zu
Zeiten heftige Anfälle von Leidenschaftlichkeit, wo er Miene machte,
mit dem Kopfe durch die Wand zu gehen, und ihm ein jeder gerne aus dem
Wege ging.
Während er also stumm blieb, sang dafür das Feuer im Kamin, sang der
große ehrwürdige Samowar, und der Ahnherrnstuhl, in dem ich, mich
schaukelnd, meine Zigarre rauchte, und das Heimchen im alten Gemäuer
sang auch, und ich ließ meinen Blick über das absonderliche Geräte, die
Tiergerippe, ausgestopften Vögel, Globen, Gypsabgüsse schweifen, welche
in seinem Zimmer angehäuft waren, bis er zufällig auf einem Bilde
haften blieb, das ich oft genug gesehen hatte, das mir aber gerade
heute im roten Widerschein des Kaminfeuers einen unbeschreiblichen
Eindruck machte.
Es war ein großes Ölgemälde in der kräftigen farbensatten Manier der
belgischen Schule gemalt, sein Gegenstand seltsam genug.
Ein schönes Weib, ein sonniges Lachen auf dem feinen Antlitz, mit
reichem, in einen antiken Knoten geschlungenem Haare, auf dem der
weiße Puder wie leichter Reif lag, ruhte, auf den linken Arm gestützt,
nackt in einem dunkeln Pelz auf einer Ottomane; ihre rechte Hand
spielte mit einer Peitsche, während ihr bloßer Fuß sich nachlässig auf
den Mann stützte, der vor ihr lag wie ein Sklave, wie ein Hund, und
dieser Mann, mit den scharfen, aber wohlgebildeten Zügen, auf denen
brütende Schwermut und hingebende Leidenschaft lag, welcher mit dem
schwärmerischen brennenden Auge eines Märtyrers zu ihr emporsah, dieser
Mann, der den Schemel ihrer Füße bildete, war Severin, aber ohne Bart,
wie es schien um zehn Jahre jünger.
„+Venus im Pelz!+“ rief ich, auf das Bild deutend, „so habe ich
sie im Traume gesehen.“ „Ich auch,“ sagte Severin, „nur habe ich meinen
Traum mit offenen Augen geträumt.“
„Wie?“
„Ach! das ist eine dumme Geschichte.“
„Dein Bild hat offenbar Anlaß zu meinem Traum gegeben,“ fuhr ich
fort, „aber sage mir endlich einmal, was damit ist, daß es eine Rolle
gespielt hat in deinem Leben, und vielleicht eine sehr entscheidende,
kann ich mir denken, aber das weitere erwarte ich von dir.“
„Sieh dir einmal das Gegenstück an,“ entgegnete mein seltsamer Freund,
ohne auf meine Frage einzugehen.
Das Gegenstück bildete eine treffliche Kopie der bekannten „Venus mit
dem Spiegel“ von Titian in der Dresdener Galerie.
„Nun, was willst du damit?“
Severin stand auf und wies mit dem Finger auf den Pelz, mit dem Titian
seine Liebesgöttin bekleidet hat.
„Auch hier ‚Venus im Pelz‘,“ sprach er fein lächelnd, „ich glaube
nicht, daß der alte Venetianer damit eine Absicht verbunden hat. Er hat
einfach das Portrait irgendeiner vornehmen Messaline gemacht und die
Artigkeit gehabt, ihr den Spiegel, in welchem sie ihre majestätischen
Reize mit kaltem Behagen prüft, durch Amor halten zu lassen, dem
die Arbeit sauer genug zu werden scheint. Das Bild ist eine gemalte
Schmeichelei. Später hat irgendein ‚Kenner‘ der Rokokozeit die Dame auf
den Namen Venus getauft, und der Pelz der Despotin, in den sich Titians
schönes Modell wohl mehr aus Furcht vor dem Schnupfen als Keuschheit
gehüllt hat, ist zu einem Symbol der Tyrannei und Grausamkeit geworden,
welche im Weibe und seiner Schönheit liegt.
Aber genug, so wie das Bild jetzt ist, erscheint es uns als die
pikanteste Satire auf unsere Liebe. Venus, die im abstrakten Norden, in
der eisigen christlichen Welt in einen großen schweren Pelz schlüpfen
muß, um sich nicht zu erkälten. --“
Severin lachte und zündete eine neue Zigarette an.
Eben ging die Türe auf und eine hübsche volle Blondine mit klugen
freundlichen Augen, in einer schwarzen Seidenrobe, kam herein und
brachte uns kaltes Fleisch und Eier zum Tee. Severin nahm eines der
letzteren und schlug es mit dem Messer auf. „Habe ich dir nicht gesagt,
daß ich sie weich gekocht haben will?“ rief er mit einer Heftigkeit,
welche die junge Frau zittern machte.
„Aber lieber Sewtschu --“ sprach sie ängstlich.
„Was Sewtschu,“ schrie er, „gehorchen sollst du, gehorchen, verstehst
du,“ und er riß den Kantschuk[1], welcher neben seinen Waffen hing, vom
Nagel.
Die hübsche Frau floh wie ein Reh rasch und furchtsam aus dem Gemache.
„Warte nur, ich erwische dich noch,“ rief er ihr nach.
„Aber Severin,“ sagte ich, meine Hand auf seinen Arm legend, „wie
kannst du die hübsche kleine Frau so traktieren!“
„Sieh dir das Weib nur an,“ erwiderte er, indem er humoristisch mit den
Augen zwinkerte, „hätte ich ihr geschmeichelt, so hätte sie mir die
Schlinge um den Hals geworfen, so aber, weil ich sie mit dem Kantschuk
erziehe, betet sie mich an.“
„Geh mir!“
„Geh du mir, so muß man die Weiber dressieren.“
„Leb’ meinetwegen wie ein Pascha in deinem Harem, aber stelle mir nicht
Theorien auf --“
„Warum nicht,“ rief er lebhaft, „nirgends paßt Goethes ‚Du mußt Hammer
oder Ambos sein‘ so vortrefflich hin wie auf das Verhältnis von Mann
und Weib, das hat dir beiläufig Frau Venus im Traume auch eingeräumt.
In der Leidenschaft des Mannes ruht die Macht des Weibes, und es
versteht sie zu benützen, wenn der Mann sich nicht vorsieht. Er hat
nur die Wahl, der Tyrann oder der Sklave des Weibes zu sein. Wie er
sich hingibt, hat er auch schon den Kopf im Joche und wird die Peitsche
fühlen.“
„Seltsame Maximen!“
„Keine Maximen, sondern Erfahrungen,“ entgegnete er mit dem Kopfe
nickend, „+ich bin im Ernste gepeitscht worden+, ich bin kuriert,
willst du lesen wie?“
Er erhob sich und holte aus seinem massiven Schreibtisch eine kleine
Handschrift, welche er vor mich auf den Tisch legte.
„Du hast früher nach jenem Bilde gefragt. Ich bin dir lange schon eine
Erklärung schuldig. Da -- lies!“
Severin setzte sich zum Kamin, den Rücken gegen mich, und schien mit
offenen Augen zu träumen. Wieder war es still geworden, und wieder sang
das Feuer im Kamin und der Samowar und das Heimchen im alten Gemäuer
und ich schlug die Handschrift auf und las:
„+Bekenntnisse eines Übersinnlichen+,“ an dem Rande des
Manuskriptes standen als Motto die bekannten Verse aus dem Faust
variiert:
„Du übersinnlicher sinnlicher Freier,
Ein Weib nasführet dich!“
Mephistopheles.
Ich schlug das Titelblatt um und las: „Das Folgende habe ich aus meinem
damaligen Tagebuche zusammengestellt, weil man seine Vergangenheit nie
unbefangen darstellen kann, so aber hat alles seine frischen Farben,
die Farben der Gegenwart.“
* * *
Gogol, der russische Molière, sagt -- ja wo? -- nun irgendwo -- „die
echte komische Muse ist jene, welcher unter der lachenden Larve die
Tränen herabrinnen.“
Ein wunderbarer Ausspruch!
So ist es mir recht seltsam zumute, während ich dies niederschreibe.
Die Luft scheint mir mit einem aufregenden Blumenduft gefüllt, der
mich betäubt und mir Kopfweh macht, der Rauch des Kamines kräuselt und
ballt sich mir zu Gestalten, kleinen graubärtigen Kobolden zusammen,
die spöttisch mit dem Finger auf mich deuten, pausbackige Amoretten
reiten auf den Lehnen meines Stuhles und auf meinen Knien, und ich
muß unwillkürlich lächeln, ja laut lachen, indem ich meine Abenteuer
niederschreibe, und doch schreibe ich nicht mit gewöhnlicher Tinte,
sondern mit dem roten Blute, das aus meinem Herzen träufelt, denn alle
seine längst vernarbten Wunden haben sich geöffnet und es zuckt und
schmerzt, und hie und da fällt eine Träne auf das Papier.
* * *
Träge schleichen die Tage in dem kleinen Karpathenbade dahin. Man
sieht niemand und wird von niemand gesehen. Es ist langweilig zum
Idyllenschreiben. Ich hätte hier Muße, eine Galerie von Gemälden zu
liefern, ein Theater für eine ganze Saison mit neuen Stücken, ein
Dutzend Virtuosen mit Konzerten, Trios und Duos zu versorgen, aber
-- was spreche ich da -- ich tue am Ende doch nicht viel mehr, als
die Leinwand aufspannen, die Bogen zurecht glätten, die Notenblätter
liniieren, denn ich bin -- ach! nur keine falsche Scham, Freund
Severin, lüge andere an; aber es gelingt dir nicht mehr recht, dich
selbst anzulügen -- also ich bin nichts weiter, als ein Dilettant; ein
Dilettant in der Malerei, in der Poesie, der Musik und noch in einigen
anderen jener sogenannten brotlosen Künste, welche ihren Meistern
heutzutage das Einkommen eines Ministers, ja eines kleinen Potentaten
sichern, und vor allem bin ich ein Dilettant im Leben.
Ich habe bis jetzt gelebt, wie ich gemalt und gedichtet habe, das
heißt, ich bin nie weit über die Grundierung, den Plan, den ersten Akt,
die erste Strophe gekommen. Es gibt einmal solche Menschen, die alles
anfangen und doch nie mit etwas zu Ende kommen, und ein solcher Mensch
bin ich.
Aber was schwatze ich da.
Zur Sache.
Ich liege in meinem Fenster und finde das Nest, in dem ich verzweifle,
eigentlich unendlich poetisch, welcher Blick auf die blaue, von
goldenem Sonnenduft umwobene hohe Wand des Gebirges, durch welche
sich Sturzbäche wie Silberbänder schlingen, und wie klar und blau der
Himmel, in den die beschneiten Kuppen ragen, und wie grün und frisch
die waldigen Abhänge, die Wiesen, auf denen kleine Herden weiden, bis
zu den gelben Wogen des Getreides hinab, in denen die Schnitter stehen
und sich bücken und wieder emportauchen.
Das Haus, in dem ich wohne, steht in einer Art Park, oder Wald, oder
Wildnis, wie man es nennen will, und ist sehr einsam.
Es wohnt niemand darin als ich, eine Witwe aus Lwow[2], die Hausfrau
Madame Tartakowska, eine kleine alte Frau, die täglich älter und
kleiner wird, ein alter Hund, der auf einem Beine hinkt, und eine junge
Katze, welche stets mit einem Zwirnknäuel spielt, und der Zwirnknäuel
gehört, glaube ich, der schönen Witwe.
Sie soll wirklich schön sein, die Witwe, und noch sehr jung, höchstens
vierundzwanzig, und sehr reich. Sie wohnt im ersten Stock und ich wohne
ebener Erde. Sie hat immer die grünen Jalousien geschlossen und hat
einen Balkon, der ganz mit grünen Schlingpflanzen überwachsen ist; ich
aber habe dafür unten meine liebe, trauliche Gaisblattlaube, in der ich
lese und schreibe und male und singe, wie ein Vogel in den Zweigen. Ich
kann auf den Balkon hinaufsehen. Manchmal sehe ich auch wirklich hinauf
und dann schimmert von Zeit zu Zeit ein weißes Gewand zwischen dem
dichten, grünen Netz.
Eigentlich interessiert mich die schöne Frau dort oben sehr wenig, denn
ich bin in eine andere verliebt und zwar höchst unglücklich verliebt,
noch weit unglücklicher, als Ritter Toggenburg und der Chevalier in
Manon l’Escault, denn meine Geliebte ist von Stein.
Im Garten, in der kleinen Wildnis, befindet sich eine graziöse kleine
Wiese, auf der friedlich ein paar zahme Rehe weiden. Auf dieser Wiese
steht ein Venusbild von Stein, das Original, glaube ich, ist in
Florenz; diese Venus ist das schönste Weib, das ich in meinem Leben
gesehen habe.
[Illustration]
Das will freilich nicht viel sagen, denn ich habe wenig schöne
Frauen, ja überhaupt wenig Frauen gesehen und bin auch in der Liebe
nur ein Dilettant, der nie über die Grundierung, über den ersten Akt
hinausgekommen ist.
Wozu auch in Superlativen sprechen, als wenn etwas, was schön ist, noch
übertroffen werden könnte.
Genug, diese Venus ist schön und ich liebe sie, so leidenschaftlich, so
krankhaft innig, so wahnsinnig, wie man nur ein Weib lieben kann, das
unsere Liebe mit einem ewig gleichen, ewig ruhigen, steinernen Lächeln
erwidert. Ja, ich bete sie förmlich an.
Oft liege ich, wenn die Sonne im Gehölze brütet, unter dem Laubdach
einer jungen Buche und lese, oft besuche ich meine kalte, grausame
Geliebte auch bei Nacht und liege dann vor ihr auf den Knieen, das
Antlitz gegen die kalten Steine gepreßt, auf denen ihre Füße ruhen, und
bete zu ihr.
Es ist unbeschreiblich, wenn dann der Mond heraufsteigt -- er ist
eben im Zunehmen -- und zwischen den Bäumen schwimmt und die Wiese in
silbernen Glanz taucht, und die Göttin steht dann wie verklärt und
scheint sich in seinem weichen Lichte zu baden.
Einmal, wie ich von meiner Andacht zurückkehrte, durch eine der Alleen,
die zum Hause führen, sah ich plötzlich, nur durch die grüne Galerie
von mir getrennt, eine weibliche Gestalt, weiß wie Stein, vom Mondlicht
beglänzt; da war mir’s, als hätte sich das schöne Marmorweib meiner
erbarmt und sei lebendig geworden und mir gefolgt -- mich aber faßte
eine namenlose Angst, das Herz drohte mir zu springen, und statt --
Nun, ich bin ja ein Dilettant. Ich blieb, wie immer, beim zweiten Verse
stecken, nein, im Gegenteil, ich blieb nicht stecken, ich lief, so
rasch ich laufen konnte.
* * *
Welcher Zufall! ein Jude, der mit Photographien handelt, spielt mir das
Bild meines Ideals in die Hände; es ist ein kleines Blatt, die „Venus
mit dem Spiegel“ von Titian, welch ein Weib! Ich will ein Gedicht
machen. Nein! Ich nehme das Blatt und schreibe darauf: „+Venus im
Pelz.+“
Du frierst, während du selbst Flammen erregst. Hülle dich nur in deinen
Despotenpelz, wem gebührt er, wenn nicht dir, grausame Göttin der
Schönheit und Liebe! --
Und nach einer Weile fügte ich einige Verse von Goethe hinzu, die ich
vor kurzem in seinen Paralipomena zum Faust gefunden hatte.
+An Amor!+
„Erlogen ist das Flügelpaar,
Die Pfeile, die sind Krallen,
Die Hörnerchen verbirgt der Kranz,
Er ist ohn’ allen Zweifel,
Wie alle Götter Griechenlands,
Auch ein verkappter Teufel.“
Dann stellte ich das Bild vor mich auf den Tisch, indem ich es mit
einem Buche stützte und betrachtete es.
Die kalte Koketterie, mit der das herrliche Weib seine Reize mit
den dunklen Zobelfellen drapiert, die Strenge, Härte, welche in dem
Marmorantlitz liegt, entzücken mich und flößen mir zugleich Grauen ein.
Ich nehme noch einmal die Feder; da steht es nun:
„Lieben, geliebt werden, welch ein Glück! und doch wie verblaßt der
Glanz desselben gegen die qualvolle Seligkeit, ein Weib anzubeten, das
uns zu seinem Spielzeug macht, der Sklave einer schönen Tyrannin zu
sein, die uns unbarmherzig mit Füßen tritt. Auch Simson, der Held, der
Riese, gab sich Delila, die ihn verraten hatte, noch einmal in die Hand
und sie verriet ihn noch einmal und die Philister banden ihn vor ihr
und stachen ihm die Augen aus, die er bis zum letzten Augenblicke von
Wut und Liebe trunken auf die schöne Verräterin heftete.“
* * *
Ich nahm das Frühstück in meiner Gaisblattlaube und las im Buche Judith
und beneidete den grimmen Heiden Holofernes um das königliche Weib, das
ihm den Kopf herunter hieb, und um sein blutig schönes Ende.
„Gott hat ihn gestraft und hat ihn in eines Weibes Hände gegeben.“
Der Satz frappierte mich.
Wie ungalant diese Juden sind, dachte ich, und ihr Gott, er könnte auch
anständigere Ausdrücke wählen, wenn er von dem schönen Geschlechte
spricht.
„+Gott hat ihn gestraft und hat ihn in eines Weibes Hände
gegeben+“, wiederholte ich für mich. Nun, was soll ich etwa
anstellen, damit er mich straft?
Um Gottes willen! da kommt unsere Hausfrau, sie ist über Nacht wieder
etwas kleiner geworden. Und dort oben zwischen den grünen Ranken und
Ketten wieder das weiße Gewand. Ist es Venus oder die Witwe?
Diesmal ist es die Witwe, denn Madame Tartakowska knixt und ersucht
mich in ihrem Namen um Lektüre. Ich eile in mein Zimmer und raffe ein
paar Bände zusammen.
Zu spät erinnere ich mich, daß mein Venusbild in einem derselben liegt,
nun hat es die weiße Frau dort oben, samt meinen Ergüssen. Was wird sie
dazu sagen?
Ich höre sie lachen.
Lacht sie über mich?
* * *
Vollmond! da blickt er schon über die Wipfel der niederen Tannen,
welche den Park einsäumen, und silberner Duft erfüllt die Terrasse,
die Baumgruppen, die ganze Landschaft, so weit das Auge reicht, in der
Ferne sanft verschwimmend, gleich zitternden Gewässern.
Ich kann nicht widerstehen, es mahnt und ruft mich so seltsam, ich
kleide mich wieder an und trete in den Garten.
Es zieht mich hin zur Wiese, zu ihr, meiner Göttin, meiner Geliebten.
Die Nacht ist kühl. Mich fröstelt. Die Luft ist schwer von Blumen- und
Waldgeruch, sie berauscht.
Welche Feier! Welche Musik ringsum. Eine Nachtigall schluchzt. Die
Sterne zucken nur leise in blaßblauem Schimmer. Die Wiese scheint
glatt, wie ein Spiegel, wie die Eisdecke eines Teiches.
Hehr und leuchtend ragt das Venusbild.
Doch -- was ist das?
Von den marmornen Schultern der Göttin fließt bis zu ihren Sohlen ein
großer dunkler Pelz herab -- ich stehe starr und staune sie an, und
wieder faßt mich jenes unbeschreibliche Bangen und ich ergreife die
Flucht.
Ich beschleunige meine Schritte; da sehe ich, daß ich die Allee
verfehlt habe, und wie ich seitwärts in einen der grünen Gänge
einbiegen will, sitzt Venus, das schöne, steinerne Weib, nein, die
wirkliche Liebesgöttin, mit warmem Blute und pochenden Pulsen, vor mir
auf einer steinernen Bank. Ja, sie ist mir lebendig geworden, wie jene
Statue, die für ihren Meister zu atmen begann; zwar ist das Wunder
erst halb vollbracht. Ihr weißes Haar scheint noch von Stein und ihr
weißes Gewand schimmert wie Mondlicht, oder ist es Atlas? und von ihren
Schultern fließt der dunkle Pelz -- aber ihre Lippen sind schon rot
und ihre Wangen färben sich, und aus ihren Augen treffen mich zwei
diabolische, grüne Strahlen, und jetzt lacht sie.
Ihr Lachen ist so seltsam, so -- ach! es ist unbeschreiblich, es
benimmt mir den Atem, ich flüchte weiter und muß immer wieder nach
wenigen Schritten Atem holen, und dieses spöttische Lachen verfolgt
mich durch die düsteren Laubgänge, über die hellen Rasenplätze, in
das Dickicht, durch das nur einzelne Mondstrahlen brechen; ich finde
den Weg nicht mehr, ich irre umher, kalte Tropfen perlen mir auf der
Stirne.
Endlich bleibe ich stehen und halte einen kurzen Monolog.
Er lautet -- nun -- man ist ja immer sich selbst gegenüber entweder
sehr artig oder sehr grob.
Ich sage also zu mir:
Esel!
Dieses Wort übt eine großartige Wirkung, gleich einer Zauberformel, die
mich erlöst und zu mir bringt.
Ich bin im Augenblicke ruhig.
Vergnügt wiederhole ich: Esel!
Ich sehe nun wieder alles klar und deutlich, da ist der Springbrunnen,
dort die Allee von Buchsbaum, dort das Haus, auf das ich jetzt langsam
zugehe.
Da -- plötzlich noch einmal -- hinter der grünen, vom Mondlicht
durchleuchteten, gleichsam in Silber gestickten Wand, die weiße
Gestalt, das schöne Weib von Stein, das ich anbete, das ich fürchte,
vor dem ich fliehe.
Mit ein paar Sätzen bin ich im Hause und hole Atem und denke nach.
Nun, was bin ich jetzt eigentlich, ein kleiner Dilettant oder ein
großer Esel?
[Illustration]
Ein schwüler Morgen, die Luft ist matt, stark gewürzt, aufregend. Ich
sitze wieder in meiner Gaisblattlaube und lese in der Odyssee von der
reizenden Hexe, die ihre Anbeter in Bestien verwandelt. Köstliches Bild
der antiken Liebe.
In den Zweigen und Halmen rauscht es leise und die Blätter meines
Buches rauschen und auf der Terrasse rauscht es auch.
Ein Frauengewand --
Da ist sie -- Venus -- aber ohne Pelz -- nein, diesmal ist es die Witwe
-- und doch -- Venus -- oh! welch ein Weib!
Wie sie dasteht im leichten, weißen Morgengewande und auf mich blickt,
wie poetisch und anmutig zugleich erscheint ihre feine Gestalt; sie ist
nicht groß, aber auch nicht klein, und der Kopf, mehr reizend, pikant
-- im Sinne der französischen Marquisenzeit -- als streng schön, aber
doch wie bezaubernd, welche Weichheit, welcher holde Mutwille umspielen
diesen vollen, nicht zu kleinen Mund -- die Haut ist so unendlich zart,
daß überall die blauen Adern durchschimmern, auch durch den Mousselin,
welcher Arm und Busen bedeckt, wie üppig ringelt sich das rote Haar --
ja, es ist rot -- nicht blond oder goldig -- wie dämonisch und doch
lieblich spielt es um ihren Nacken, und jetzt treffen mich ihre Augen
wie grüne Blitze -- ja, sie sind grün, diese Augen, deren sanfte Gewalt
unbeschreiblich ist -- grün, aber so wie es Edelsteine, wie es tiefe,
unergründliche Bergseen sind.
Sie bemerkt meine Verwirrung, die mich sogar unartig macht, denn ich
bin sitzen geblieben und habe noch meine Mütze auf dem Kopfe.
Sie lächelt schelmisch.
Ich erhebe mich endlich und grüße sie. Sie nähert sich und bricht
in ein lautes, beinahe kindliches Lachen aus. Ich stottere, wie nur
ein kleiner Dilettant oder großer Esel in einem solchen Augenblicke
stottern kann.
So machen wir unsere Bekanntschaft.
Die Göttin fragte um meinen Namen und nennt mir den ihren.
Sie heißt Wanda von Dunajew.
Und sie ist wirklich meine Venus.
„Aber Madame, wie kamen Sie auf den Einfall?“
„Durch das kleine Bild, das in einem Ihrer Bücher lag --“
„Ich habe es vergessen.“
„Die seltsamen Bemerkungen auf der Rückseite --“
„Warum seltsam?“
Sie sah mich an. „Ich habe immer den Wunsch gehabt, einmal einen
ordentlichen Phantasten kennen zu lernen -- der Abwechslung wegen --
nun, Sie scheinen mir nach allem einer der tollsten.“
„Meine Gnädige -- in der Tat --“ wieder das fatale, eselhafte Stottern
und noch dazu ein Erröten, wie es für einen jungen Menschen von
sechzehn Jahren wohl passen mag, aber für mich, der beinahe volle zehn
Jahre älter --
„Sie haben sich heute Nacht vor mir gefürchtet.“
„Eigentlich -- allerdings -- aber wollen Sie sich nicht setzen?“
Sie nahm Platz und weidete sich an meiner Angst -- denn ich fürchtete
mich jetzt, bei hellem Tageslichte, noch mehr vor ihr -- ein reizender
Hohn zuckte um ihre Oberlippe.
„Sie sehen die Liebe und vor allem das Weib,“ begann sie, „als etwas
Feindseliges an, etwas, wogegen Sie sich, wenn auch vergebens, wehren,
dessen Gewalt Sie aber als eine süße Qual, eine prickelnde Grausamkeit
fühlen; eine echt moderne Anschauung.“
„Sie teilen sie nicht.“
„Ich teile sie nicht,“ sprach sie rasch und entschieden und schüttelte
den Kopf, daß ihre Locken wie rote Flammen emporschlugen.
„Mir ist die heitere Sinnlichkeit der Hellenen -- Freude ohne Schmerz
-- ein Ideal, das ich in meinem Leben zu verwirklichen strebe. Denn an
jene Liebe, welche das Christentum, welche die Modernen, die Ritter vom
Geiste predigen, glaube ich nicht. Ja, sehen Sie mich nur an, ich bin
weit schlimmer als eine Ketzerin, ich bin eine Heidin.
„Glaubst du, es habe sich lange die Göttin der Liebe besonnen,
Als im Idäischen Hain einst ihr Anchises gefiel?“
Diese Verse aus Goethes römischer Elegie haben mich stets sehr entzückt.
In der Natur liegt nur jene Liebe der heroischen Zeit, „da Götter und
Göttinnen liebten“. Damals
„folgte Begierde dem Blick, folgte Genuß der Begier“.
Alles andere ist gemacht, affektiert, erlogen. Durch das Christentum --
dessen grausames Emblem -- das Kreuz -- etwas Entsetzliches für mich
hat -- wurde erst etwas Fremdes, Feindliches in die Natur und ihre
unschuldigen Triebe hineingetragen.
Der Kampf des Geistes mit der sinnlichen Welt ist das Evangelium der
Modernen. Ich will keinen Teil daran.“
„Ja, Ihr Platz wäre im Olymp, Madame,“ entgegnete ich, „aber wir
Modernen ertragen einmal die antike Heiterkeit nicht, am wenigsten
in der Liebe; die Idee, ein Weib, und wäre es auch eine Aspasia, mit
anderen zu teilen, empört uns, wir sind eifersüchtig wie unser Gott.
So ist der Name der herrlichen Phryne bei uns zu einem Schimpfworte
geworden.
Wir ziehen eine dürftige, blasse, Holbeinsche Jungfrau, welche uns
allein gehört, einer antiken Venus vor, wenn sie noch so göttlich schön
ist, aber heute den Anchises, morgen den Paris, übermorgen den Adonis
liebt, und wenn die Natur in uns triumphiert, wenn wir uns in glühender
Leidenschaft einem solchen Weibe hingeben, erscheint uns dessen heitere
Lebenslust als Dämonie, als Grausamkeit, und wir sehen in unserer
Seligkeit eine Sünde, die wir büßen müssen.“
„Also auch Sie schwärmen für die moderne Frau, für jene armen,
hysterischen Weiblein, welche im somnambulen Jagen nach einem
erträumten, männlichen Ideal den besten Mann nicht zu schätzen
verstehen und unter Tränen und Krämpfen täglich ihre christlichen
Pflichten verletzen, betrügend und betrogen, immer wieder suchen und
wählen und verwerfen, nie glücklich sind, nie glücklich machen und
das Schicksal anklagen, statt ruhig zu gestehen, ich will lieben und
leben, wie Helena und Aspasia gelebt haben. Die Natur kennt keine Dauer
in dem Verhältnis von Mann und Weib.“
„Gnädige Frau --“
„Lassen Sie mich ausreden. Es ist nur der Egoismus des Mannes, der das
Weib wie einen Schatz vergraben will. Alle Versuche, durch heilige
Zeremonien, Eide und Verträge Dauer in das Wandelbarste im wandelbaren
menschlichen Dasein, in die Liebe hineinzutragen, sind gescheitert.
Können Sie leugnen, daß unsere christliche Welt in Fäulnis übergegangen
ist?“
„Aber --“
„Aber der Einzelne, der sich gegen die Einrichtungen der Gesellschaft
empört, wird ausgestoßen, gebrandmarkt, gesteinigt, wollen Sie sagen.
Nun gut. Ich wage es, meine Grundsätze sind recht heidnisch, ich will
mein Dasein ausleben. Ich verzichte auf euren heuchlerischen Respekt,
ich ziehe es vor, glücklich zu sein. Die Erfinder der christlichen
Ehe haben gut daran getan, auch gleich dazu die Unsterblichkeit zu
erfinden. Ich denke jedoch nicht daran, ewig zu leben, und wenn mit
dem letzten Atemzuge hier für mich als Wanda von Dunajew alles zu Ende
ist, was habe ich davon, ob mein reiner Geist in den Chören der Engel
mitsingt oder ob mein Staub zu neuen Wesen zusammenquillt? Sobald
ich aber, so wie ich bin, nicht fortlebe, aus welcher Rücksicht soll
ich dann entsagen? Einem Manne angehören, den ich nicht liebe, bloß
deshalb, weil ich ihn einmal geliebt habe? Nein, ich entsage nicht,
ich liebe jeden, der mir gefällt, und mache jeden glücklich, der mich
liebt. Ist das häßlich? Nein, es ist mindestens weit schöner, als
wenn ich mich grausam der Qualen freue, die meine Reize erregen, und
mich tugendhaft von dem Armen abkehre, der um mich verschmachtet. Ich
bin jung, reich und schön, und so, wie ich bin, lebe ich heiter dem
Vergnügen, dem Genuß.“
Ich hatte, während sie sprach und ihre Augen schelmisch funkelten,
ihre Hände ergriffen, ohne recht zu wissen, was ich mit ihnen anfangen
wollte, aber als echter Dilettant ließ ich sie jetzt wieder eilig los.
„Ihre Ehrlichkeit,“ sagte ich, „entzückt mich, und nicht diese allein
--“
Wieder der verdammte Dilettantismus, der mir den Hals mit einem
Hemmseil zuschnürt.
„Was wollten Sie doch sagen...“
„Was ich sagen wollte -- ja, ich wollte -- vergeben Sie -- meine
Gnädige -- ich habe Sie unterbrochen.“
„Wie?“
Eine lange Pause. Sie hält gewiß einen Monolog, der, in meine Sprache
übersetzt, sich in das einzige Wort „Esel“ zusammenfassen läßt.
„Wenn Sie erlauben, gnädige Frau,“ begann ich endlich, „wie sind Sie zu
diesen -- zu diesen Ideen gekommen?“
„Sehr einfach, mein Vater war ein vernünftiger Mann. Ich war von der
Wiege an mit Abgüssen antiker Bildwerke umgeben, ich las mit zehn
Jahren den Gil Blas, mit zwölf die Pucelle. Wie andere in ihrer
Kindheit den Däumling, Blaubart, Aschenbrödel, nannte ich Venus und
Apollo, Herkules und Laokoon meine Freunde. Mein Gatte war eine
heitere, sonnige Natur; nicht einmal das unheilbare Leiden, das ihn
nicht lange nach unserer Vermählung ergriff, konnte seine Stirne jemals
für die Dauer umwölken. Noch die Nacht vor dem Tode nahm er mich in
sein Bett und während der vielen Monate, wo er sterbend in seinem
Rollsessel lag, sagte er öfter scherzend zu mir: „Nun, hast du schon
einen Anbeter?“ Ich wurde schamrot. „Betrüge mich nicht,“ fügte er
einmal hinzu, „das fände ich häßlich, aber suche dir einen hübschen
Mann aus, oder lieber gleich mehrere. Du bist ein braves Weib, aber
dabei noch ein halbes Kind, du brauchst Spielzeug.““
„Es ist wohl nicht nötig, Ihnen zu sagen, daß ich, so lange er lebte,
keinen Anbeter hatte, aber genug, er erzog mich zu dem, was ich bin, zu
einer Griechin.“
„Zu einer Göttin,“ fiel ich ein.
Sie lächelte. „Zu welcher etwa?“
„Zu einer Venus.“
Sie drohte mit dem Finger und zog die Brauen zusammen. „Am Ende gar zu
einer ‚+Venus im Pelz+‘, warten Sie nur -- ich habe einen großen,
großen Pelz, mit dem ich Sie ganz zudecken kann, ich will Sie darin
fangen, wie in einem Netz.“
„Glauben Sie auch,“ sagte ich rasch, denn mir kam etwas in den Sinn,
was ich -- so gewöhnlich und abgeschmackt es war -- für einen sehr
guten Gedanken hielt -- „glauben Sie, daß Ihre Ideen sich in unserer
Zeit durchführen lassen, daß Venus ungestraft in ihrer unverhüllten
Schönheit und Heiterkeit unter Eisenbahnen und Telegraphen wandeln
dürfte?“
„+Unverhüllt+ gewiß nicht, aber im Pelz,“ rief sie lachend,
„wollen Sie den meinen sehen?“
„Und dann --“
„Was dann?“
„Schöne, freie, heitere und glückliche Menschen, wie es die Griechen
waren, sind nur dann möglich, wenn sie +Sklaven+ haben, welche für
sie die unpoetischen Geschäfte des täglichen Lebens verrichten und vor
allem für sie arbeiten.“
„Gewiß,“ erwiderte sie mutwillig, „vor allem braucht aber eine
olympische Göttin, wie ich, ein ganzes Heer von Sklaven. Hüten Sie sich
also vor mir.“
„Warum?“
Ich erschrak selbst über die Kühnheit, mit der ich dieses „Warum“
herausgebracht hatte; sie indes erschrak durchaus nicht, sie zog die
Lippen etwas empor, so daß die kleinen, weißen Zähne sichtbar wurden,
und sprach dann leichthin, als handle es sich um etwas, was nicht der
Rede wert sei: „Wollen Sie mein Sklave sein?“
„In der Liebe gibt es kein Nebeneinander,“ erwiderte ich mit
feierlichem Ernst, „sobald ich aber die Wahl habe, zu herrschen oder
unterjocht zu werden, scheint es mir weit reizender, der Sklave
eines schönen Weibes zu sein. Aber wo finde ich das Weib, das nicht
mit kleinlicher Zanksucht Einfluß zu erringen, sondern ruhig und
selbstbewußt, ja streng zu herrschen versteht?“
„Nun, das wäre am Ende nicht so schwer.“
„Sie glauben --“
„Ich -- zum Beispiel -- --“ sie lachte und bog sich dabei weit zurück
-- „ich habe Talent zur Despotin -- die nötigen Pelze besitze ich auch
-- aber Sie haben sich heute nacht in allem Ernste vor mir gefürchtet!“
„In allem Ernste.“
„Und jetzt?“
„Jetzt -- jetzt fürchte ich mich erst recht vor Ihnen!“
* * *
Wir sind täglich beisammen, ich und -- Venus; viel beisammen,
wir nehmen das Frühstück in meiner Gaisblattlaube und den Tee in
ihrem kleinen Salon, und ich habe Gelegenheit, alle meine kleinen,
sehr kleinen Talente zu entfalten. Wozu hätte ich mich in allen
Wissenschaften unterrichtet, in allen Künsten versucht, wenn ich nicht
imstande wäre, ein kleines hübsches Weib --
Aber dieses Weib ist durchaus nicht so klein und imponiert mir ganz
ungeheuer. Heute zeichnete ich sie und da fühlte ich erst so recht
deutlich, wie wenig unsere moderne Toilette für diesen Kameenkopf paßt.
Sie hat wenig Römisches, aber viel Griechisches in der Bildung ihrer
Züge.
Bald möchte ich sie als Psyche, bald als Astarte malen, je nachdem ihre
Augen den schwärmerisch seelischen, oder jenen halb verschmachtenden,
halb versengenden, müdwollüstigen Ausdruck haben, aber sie wünscht, daß
es ein Porträt werden soll.
Nun, ich werde ihr einen Pelz geben.
Ach! wie konnte ich nur zweifeln, für wen gehört ein fürstlicher Pelz,
wenn nicht für sie?
* * *
Ich war gestern abend bei ihr und las ihr die römischen Elegien. Dann
legte ich das Buch weg und sprach einiges aus dem Kopfe. Sie schien
zufrieden, ja noch mehr, sie hing förmlich an meinen Lippen und ihr
Busen flog.
Oder habe ich mich getäuscht?
Der Regen pochte melancholisch an die Scheiben, das Feuer am Kamin
prasselte winterlich traulich, mir wurde so heimatlich bei ihr, ich
hatte einen Augenblick allen Respekt vor dem schönen Weibe verloren und
küßte ihre Hand und sie ließ es geschehen.
Dann saß ich zu ihren Füßen und las ihr ein kleines Gedicht, das ich
für sie gemacht habe.
+Venus im Pelz.+
„Setz’ den Fuß auf deinen Sklaven,
Teuflisch holdes Mythenweib,
Unter Myrten und Agaven
Hingestreckt den Marmorleib.“
Ja -- nun weiter! Diesmal bin ich wirklich über die erste Strophe
hinausgekommen, aber ich habe ihr an jenem Abend das Gedicht auf ihren
Befehl gegeben und habe keine Abschrift, und heute, wo ich dies aus
meinem Tagebuche herausschreibe, fällt mir nur diese erste Strophe ein.
Es ist eine merkwürdige Empfindung, die ich habe. Ich glaube nicht,
daß ich in Wanda verliebt bin, wenigstens habe ich bei unserer ersten
Begegnung nichts von jenem blitzartigen Zünden der Leidenschaft
gefühlt. Aber ich empfinde, wie ihre außerordentliche, wahrhaft
göttliche Schönheit allmählich magische Schlingen um mich legt. Es
ist auch keine Neigung des Gemütes, die in mir entsteht, es ist eine
physische Unterwerfung, langsam, aber um so vollständiger.
Ich leide täglich mehr, und sie -- sie lächelt nur dazu.
* * *
Heute sagte sie mir plötzlich, ohne jede Veranlassung: „Sie
interessieren mich. Die meisten Männer sind so gewöhnlich, ohne
Schwung, ohne Poesie; in Ihnen ist eine gewisse Tiefe und Begeisterung,
vor allem ein Ernst, der mir wohltut. Ich könnte Sie lieb gewinnen.“
* * *
Nach einem kurzen, aber heftigen Gewitterregen besuchen wir zusammen
die Wiese und das Venusbild. Die Erde dampft ringsum, Nebel steigen wie
Opferdünste gegen den Himmel, ein zerstückter Regenbogen schwebt in der
Luft, noch tropfen die Bäume, aber Sperlinge und Finken springen schon
von Zweig zu Zweig und zwitschern lebhaft, wie wenn sie über etwas
hoch erfreut wären, und alles ist mit frischem Wohlgeruch erfüllt.
Wir können die Wiese nicht überschreiten, denn sie ist noch ganz naß
und erscheint von der Sonne beglänzt, wie ein kleiner Teich, aus
dessen bewegtem Spiegel die Liebesgöttin emporsteigt, um deren Haupt
ein Mückenschwarm tanzt, welcher, von der Sonne beschienen, wie eine
Aureole über ihr schwebt.
Wanda freute sich des lieblichen Anblicks, und da auf den Bänken in der
Allee noch das Wasser steht, stützt sie sich, um etwas auszuruhen, auf
meinen Arm, eine süße Müdigkeit liegt in ihrem ganzen Wesen, ihre Augen
sind halb geschlossen, ihr Atem streift meine Wange.
[Illustration]
Ich ergreife ihre Hand und -- wie es mir gelingt, weiß ich wahrhaftig
nicht -- ich frage sie:
„Könnten Sie mich lieben?“
„Warum nicht,“ erwidert sie und läßt ihren ruhigen, sonnigen Blick auf
mir ruhen, aber nicht lange.
Im nächsten Augenblicke knie ich vor ihr und presse mein flammendes
Antlitz in den duftigen Mousselin ihrer Robe.
„Aber Severin -- das ist ja unanständig!“ ruft sie.
Ich aber ergreife ihren kleinen Fuß und presse meine Lippen darauf.
„Sie werden immer unanständiger!“ ruft sie, macht sich los und flieht
in raschen Sätzen gegen das Haus, während ihr allerliebster Pantoffel
in meiner Hand zurückbleibt.
Soll das ein Omen sein?
* * *
Ich wagte mich den ganzen Tag über nicht in ihre Nähe. Gegen Abend,
ich saß in meiner Laube, blickte plötzlich ihr pikantes rotes Köpfchen
durch die grünen Gewinde ihres Balkons. „Warum kommen Sie denn nicht?“
schrie sie ungeduldig herab.
Ich lief die Treppe empor, oben verlor ich wieder den Mut und klopfte
ganz leise an. Sie sagte nicht herein, sondern öffnete und trat auf die
Schwelle.
„Wo ist mein Pantoffel?“
„Er ist -- ich habe -- ich will,“ stotterte ich.
„Holen Sie ihn und dann nehmen wir den Tee zusammen und plaudern.“
Als ich zurückkehrte, war sie mit der Teemaschine beschäftigt. Ich
legte den Pantoffel feierlich auf den Tisch und stand im Winkel, wie
ein Kind, das seine Strafe erwartet.
Ich bemerkte, daß sie die Stirne etwas zusammengezogen hatte und um
ihren Mund etwas Strenges, Herrisches lag, das mich entzückte.
Auf einmal brach sie in Lachen aus.
„Also -- Sie sind wirklich verliebt -- in mich?“
„Ja, und ich leide dabei mehr, als Sie glauben.“
„Sie leiden?“ sie lachte wieder.
Ich war empört, beschämt, vernichtet, aber alles ganz unnötig.
„Wozu?“ fuhr sie fort, „ich bin Ihnen ja gut, von Herzen gut.“ Sie gab
mir die Hand und blickte mich überaus freundlich an.
„Und Sie wollen meine Frau werden?“
Wanda sah mich -- ja, wie sah sie mich an? -- ich glaube vor allem
erstaunt und dann ein wenig spöttisch.
„Woher haben Sie auf einmal so viel Mut?“ sagte sie.
„Mut?“
„Ja den Mut überhaupt, eine Frau zu nehmen, und insbesondere mich?“ Sie
hob den Pantoffel in die Höhe. „Haben Sie sich so schnell mit diesem da
befreundet? Aber Scherz beiseite. Wollen Sie mich wirklich heiraten?“
„Ja.“
„Nun, Severin, das ist eine ernste Geschichte. Ich glaube, daß Sie mich
lieb haben und auch ich habe Sie lieb, und was noch besser ist, wir
interessieren uns für einander, es ist keine Gefahr vorhanden, daß wir
uns so bald langweilen, aber Sie wissen, ich bin eine leichtsinnige
Frau, und eben deshalb nehme ich die Ehe sehr ernst, und wenn ich
Pflichten übernehme, so will ich sie auch erfüllen können. Ich fürchte
aber -- nein -- es muß Ihnen wehe tun.“
„Ich bitte Sie, seien Sie ehrlich gegen mich,“ entgegnete ich.
„Also ehrlich gesprochen. Ich glaube nicht, daß ich einen Mann länger
lieben kann -- als --“ sie neigte ihr Köpfchen anmutig zur Seite und
sann nach.
„Ein Jahr.“
„Wo denken Sie hin -- einen Monat vielleicht.“
„Auch mich nicht?“
„Nun Sie -- Sie vielleicht zwei.“
„Zwei Monate!“ schrie ich auf.
„Zwei Monate, das ist sehr lange.“
„Madame, das ist mehr als antik.“
„Sehen Sie, Sie ertragen die Wahrheit nicht.“
Wanda ging durch das Zimmer, lehnte sich dann gegen den Kamin zurück
und betrachtete mich, mit dem Arme auf dem Sims ruhend.
„Was soll ich also mit Ihnen anfangen?“ begann sie wieder.
„Was Sie wollen,“ antwortete ich resigniert, „was Ihnen Vergnügen
macht.“
„Wie inkonsequent!“ rief sie, „erst wollen Sie mich zur Frau und dann
geben Sie sich mir zum Spielzeug.“
„Wanda -- ich liebe Sie.“
„Da wären wir wieder dort, wo wir angefangen haben. Sie lieben mich und
wollen mich zur Frau, ich aber will keine neue Ehe schließen, weil ich
an der Dauer meiner und Ihrer Gefühle zweifle.“
„Wenn ich es aber mit Ihnen wagen will?“ erwiderte ich.
„Dann kommt es noch darauf an, ob ich es mit Ihnen wagen will,“ sprach
sie ruhig, „ich kann mir ganz gut denken, daß ich einem Mann für
das Leben gehöre, aber es müßte ein voller Mann sein, ein Mann, der
mir imponiert, der mich durch die Gewalt seines Wesens unterwirft,
verstehen Sie? und jeder Mann -- ich kenne das -- wird, sobald er
verliebt ist -- schwach, biegsam, lächerlich, wird sich in die Hand
des Weibes geben, vor ihr auf den Knien liegen, während ich nur jenen
dauernd lieben könnte, vor dem ich knien würde. Aber Sie sind mir so
lieb geworden, daß ich es mit Ihnen versuchen will.“
Ich stürze zu ihren Füßen.
„Mein Gott! da knien Sie schon,“ sprach sie spöttisch, „Sie fangen
gut an,“ und als ich mich wieder erhoben hatte, fuhr sie fort: „Ich
gebe Ihnen ein Jahr Zeit, mich zu gewinnen, mich zu überzeugen, daß
wir für einander passen, daß wir zusammen leben können. Gelingt Ihnen
dies, dann bin ich Ihre Frau und dann, Severin, eine Frau, welche ihre
Pflichten streng und gewissenhaft erfüllen wird. Während dieses Jahres
werden wir wie in einer Ehe leben --“
Mir stieg das Blut zu Kopfe.
Auch ihre Augen flammten plötzlich auf. -- „Wir werden zusammen
wohnen,“ fuhr sie fort, „alle unsere Gewohnheiten teilen, um zu sehen,
ob wir uns ineinander finden können. +Ich räume Ihnen alle Rechte
eines Gatten, eines Anbeters, eines Freundes ein+. Sind Sie damit
zufrieden?“
„Ich muß wohl.“
„Sie müssen nicht.“
„Also ich will --“
„Vortrefflich. So spricht ein Mann. Da haben Sie meine Hand.“
* * *
Seit zehn Tagen war ich keine Stunde ohne sie, die Nächte ausgenommen.
Ich durfte immerfort in ihre Augen sehen, ihre Hände halten, ihren
Reden lauschen, sie überall hin begleiten.
Meine Liebe kommt mir wie ein tiefer, bodenloser Abgrund vor, in dem
ich immer mehr versinke, aus dem mich jetzt schon nichts mehr retten
kann.
Wir hatten uns heute nachmittag auf der Wiese zu den Füßen der
Venusstatue gelagert, ich pflückte Blumen und warf sie in ihren Schoß
und sie band sie zu Kränzen, mit denen wir unsere Göttin schmückten.
Plötzlich sah mich Wanda so eigentümlich, so sinnverwirrend an, daß
meine Leidenschaft gleich Flammen über mich zusammenschlug. Meiner
nicht mehr mächtig, schlang ich meine Arme um sie und hing an ihren
Lippen und sie -- sie preßte mich an ihre wogende Brust.
„Sind Sie böse?“ fragte ich dann.
„Ich werde nie über etwas böse, was natürlich ist --“ antwortete sie,
„ich fürchte nur, Sie leiden.“
„O, ich leide furchtbar.“
„Armer Freund,“ sie strich mir die wirren Haare aus der Stirne, „ich
hoffe aber, nicht durch meine Schuld.“
„Nein --“ antwortete ich -- „und doch, meine Liebe zu Ihnen ist zu
einer Art Wahnsinn geworden. Der Gedanke, daß ich Sie verlieren kann,
ja vielleicht in der Tat verlieren soll, quält mich Tag und Nacht.“
„Aber Sie besitzen mich ja noch gar nicht,“ sagte Wanda und sah mich
wieder an mit jenem vibrierenden, feuchten, verzehrenden Blicke, der
mich schon einmal hingerissen hatte, dann erhob sie sich und legte mit
ihren kleinen durchsichtigen Händen einen Kranz von blauen Anemonen auf
das weiße Lockenhaupt der Venus. Halb gegen meinen Willen schlang ich
den Arm um ihren Leib.
„Ich kann nicht mehr sein ohne dich, du schönes Weib,“ sprach ich,
„glaube mir, dies eine Mal nur glaube mir, es ist keine Phrase, keine
Phantasie, ich fühle tief im Innersten, wie mein Leben mit dem deinen
zusammenhängt; wenn du dich von mir trennst, werde ich vergehen,
zugrunde gehen.“
„Aber das wird ja gar nicht nötig sein, denn ich liebe dich, Mann,“ sie
nahm mich beim Kinn, „dummer Mann!“
„Aber du willst nur mein sein unter Bedingungen, während ich dir
bedingungslos gehöre --“
„Das ist nicht gut, Severin,“ erwiderte sie beinahe erschreckt; „kennen
Sie mich denn noch nicht, wollen Sie mich durchaus nicht kennen lernen?
Ich bin gut, wenn man mich ernst und vernünftig behandelt, aber wenn
man sich mir zu sehr hingibt, werde ich übermütig --“
„Sei’s denn, sei übermütig, sei despotisch,“ rief ich in voller
Exaltation, „nur sei mein, sei mein für immer.“ Ich lag zu ihren Füßen
und umfaßte ihre Knie.
„Das wird nicht gut enden, mein Freund,“ sprach sie ernst, ohne sich zu
regen.
„O! es soll eben nie ein Ende nehmen,“ rief ich erregt, ja heftig, „nur
der Tod soll uns trennen. Wenn du nicht mein sein kannst, ganz mein und
für immer, +so will ich dein Sklave sein+, dir dienen, alles von
dir dulden, nur stoß mich nicht von dir.“
„Fassen Sie sich doch,“ sagte sie, beugte sich zu mir und küßte mich
auf die Stirne. „Ich bin Ihnen ja von Herzen gut, aber das ist nicht
der Weg, mich zu erobern, mich festzuhalten.“
„Ich will ja alles, alles tun, was Sie wollen, nur Sie nie verlieren,“
rief ich, „nur das nicht, den Gedanken kann ich nicht mehr fassen.“
„Stehen Sie doch auf.“
Ich gehorchte.
„Sie sind wirklich ein seltsamer Mensch,“ fuhr Wanda fort, „Sie wollen
mich also besitzen um jeden Preis?“
„Ja, um jeden Preis.“
„Aber welchen Wert hätte z. B. mein Besitz für Sie?“ -- Sie sann nach,
ihr Auge bekam etwas Lauerndes, Unheimliches -- „wenn ich Sie nicht
mehr lieben, wenn ich einem andern gehören würde?“ --
Es überlief mich. Ich sah sie an, sie stand so fest und selbstbewußt
vor mir, und ihr Auge zeigte einen kalten Glanz.
„Sehen Sie,“ fuhr sie fort, „Sie erschrecken bei dem Gedanken.“ Ein
liebenswürdiges Lächeln erhellte plötzlich ihr Antlitz.
„Ja, mich faßt ein Grauen, wenn ich mir lebhaft vorstelle, daß ein
Weib, das ich liebe, das meine Liebe erwidert hat, sich ohne Erbarmen
für mich einem anderen hingibt; aber habe ich dann noch eine Wahl? Wenn
ich dieses Weib liebe, wahnsinnig liebe, soll ich ihm stolz den Rücken
kehren und an meiner prahlerischen Kraft zugrunde gehen, soll ich mir
eine Kugel durch den Kopf jagen? Ich habe zwei Frauenideale. Kann
ich mein edles, sonniges, eine Frau, welche mir treu und gütig mein
Schicksal teilt, nicht finden, nun dann nur nichts Halbes oder Laues!
Dann will ich lieber einem Weibe ohne Tugend, ohne Treue, ohne Erbarmen
hingegeben sein. Ein solches Weib in seiner selbstsüchtigen Größe
ist auch ein Ideal. Kann ich nicht das Glück der Liebe voll und ganz
genießen, dann will ich ihre Schmerzen, ihre Qualen auskosten bis zur
Neige; dann will ich von dem Weibe, das ich liebe, mißhandelt, verraten
werden, und je grausamer, um so besser. Auch das ist ein Genuß!“
„Sind Sie bei Sinnen!“ rief Wanda.
„Ich liebe Sie so mit ganzer Seele,“ fuhr ich fort, „so mit allen
meinen Sinnen, daß Ihre Nähe, Ihre Atmosphäre mir unentbehrlich ist,
wenn ich noch weiter leben soll. Wählen Sie also zwischen meinen
Idealen. Machen Sie aus mir, was Sie wollen, Ihren Gatten oder Ihren
Sklaven.“
„Gut denn,“ sprach Wanda, die kleinen aber energisch geschwungenen
Brauen zusammenziehend, „ich denke mir das sehr amüsant, einen Mann,
der mich interessiert, der mich liebt, so ganz in meiner Hand zu haben;
es wird mir mindestens nicht an Zeitvertreib fehlen. Sie waren so
unvorsichtig, mir die Wahl zu lassen. Ich wähle also, ich will, daß Sie
mein Sklave sind, ich werde mein Spielzeug aus Ihnen machen!“
„O! tun Sie das,“ rief ich halb schauernd, halb entzückt, „wenn eine
Ehe nur auf Gleichheit, auf Übereinstimmung gegründet sein kann, so
entstehen dagegen die größten Leidenschaften durch Gegensätze. Wir sind
solche Gegensätze, die sich beinahe feindlich gegenüberstehen, daher
diese Liebe bei mir, die zum Teil Haß, zum Teil Furcht ist. In einem
solchen Verhältnisse aber kann nur eines Hammer, das andere Ambos sein.
Ich will Ambos sein. Ich kann nicht glücklich sein, wenn ich auf die
Geliebte herabsehe. Ich will ein Weib anbeten können, und das kann ich
nur dann, wenn es grausam gegen mich ist.“
„Aber, Severin,“ entgegnete Wanda beinahe zornig, „halten Sie mich denn
dessen für fähig, einen Mann, der mich so liebt wie Sie, den ich liebe,
zu mißhandeln?“
„Warum nicht, wenn ich Sie dafür um so mehr anbete? +Man kann nur
wahrhaft lieben, was über uns steht+, ein Weib, das uns durch
Schönheit, Temperament, Geist, Willenskraft unterwirft, das unsere
Despotin wird.“
„Also das, was andere abstößt, zieht Sie an?“
„So ist es. Es ist eben meine Seltsamkeit.“
„Nun, am Ende ist an allen Ihren Passionen nichts so Apartes oder
Seltsames, denn wem gefällt nicht ein schöner Pelz? und jeder weiß und
fühlt, wie nahe Wollust und Grausamkeit verwandt sind.“
„Bei mir ist dies alles aber auf das Höchste gesteigert,“ erwiderte ich.
„Das heißt, die Vernunft hat wenig Gewalt über Sie, und Sie sind eine
weiche hingebende sinnliche Natur.“
„Waren die Märtyrer auch weiche sinnliche Naturen?“
„Die Märtyrer?“
„Im Gegenteil, es waren +übersinnliche Menschen+, welche im Leiden
einen Genuß fanden, welche die furchtbarsten Qualen, ja den Tod suchten
wie andere die Freude, und so ein +Übersinnlicher+ bin ich,
Madame.“
„Geben Sie nur acht, daß Sie dabei nicht auch zum Märtyrer der Liebe,
zum +Märtyrer eines Weibes+ werden.“
* * *
Wir sitzen auf Wandas kleinem Balkon in der lauen, duftigen
Sommernacht, ein zweifaches Dach über uns, zuerst den grünen
Plafond von Schlingpflanzen, dann die mit unzähligen Sternen besäte
Himmelsdecke. Aus dem Park tönt der leise, weinerlich verliebte Lockton
einer Katze, und ich sitze auf einem Schemel zu den Füßen meiner Göttin
und erzähle von meiner Kindheit.
„Und damals schon waren alle diese Seltsamkeiten bei Ihnen ausgeprägt?“
fragte Wanda.
„Gewiß, ich erinnere mich keiner Zeit, wo ich sie nicht hatte, ja
schon in der Wiege, so erzählte mir meine Mutter später, war ich
+übersinnlich+, verschmähte die gesunde Brust der Amme, und man
mußte mich mit Ziegenmilch nähren. Als kleiner Knabe zeigte ich eine
rätselhafte Scheu vor Frauen, in welcher sich eigentlich nur ein
unheimliches Interesse für dieselben ausdrückte. Das graue Gewölbe,
das Halbdunkel einer Kirche beängstigten mich, und vor den glitzernden
Altären und Heiligenbildern faßte mich eine förmliche Angst. Dagegen
schlich ich heimlich, wie zu einer verbotenen Freude, zu einer Venus
aus Gyps, welche in dem kleinen Bibliothekszimmer meines Vaters stand,
kniete nieder und sprach zu ihr die Gebete, die man mir eingelernt, das
Vaterunser, das Gegrüßt seist du Maria und das Credo.
Einmal verließ ich nachts mein Bett, um sie zu besuchen, die Mondsichel
leuchtete mir und ließ die Göttin in einem fahlblauen kalten Licht
erscheinen. Ich warf mich vor ihr nieder, küßte ihre kalten Füße, wie
ich es bei unsern Landleuten gesehen hatte, wenn sie die Füße des toten
Heilands küßten.
Eine unbezwingliche Sehnsucht ergriff mich.
Ich stieg empor und umschlang den schönen kalten Leib und küßte die
kalten Lippen, da sank ein tiefer Schauer auf mich herab und ich
entfloh, und im Traume war es mir, als stünde die Göttin vor meinem
Lager und drohe mir mit erhobenem Arm.
Man schickte mich frühzeitig in die Schule und so kam ich bald auf das
Gymnasium und ergriff alles mit Leidenschaft, was mir die antike Welt
zu erschließen versprach. Ich war bald mit den Göttern Griechenlands
vertrauter als mit der Religion Jesu, ich gab mit Paris Venus den
verhängnisvollen Apfel, ich sah Troja brennen und folgte Odysseus auf
seinen Irrfahrten. Die Urbilder alles Schönen senkten sich tief in
meine Seele, und so zeigte ich zu jener Zeit, wo andere Knaben sich
roh und unflätig gebärden, einen unüberwindlichen Abscheu gegen alles
Niedere, Gemeine, Unschöne.
Als etwas ganz besonders Niederes und Unschönes erschien jedoch dem
reifenden Jüngling die Liebe zum Weibe, so wie sie sich ihm zuerst in
ihrer vollen Gewöhnlichkeit zeigte. Ich mied jede Berührung mit dem
schönen Geschlechte, kurz, ich war übersinnlich bis zur Verrücktheit.
Meine Mutter bekam -- ich war damals etwa vierzehn Jahre alt -- ein
reizendes Stubenmädchen, jung, hübsch, mit schwellenden Formen. Eines
Morgens, ich studierte meinen Tacitus und begeisterte mich an den
Tugenden der alten Germanen, kehrte die Kleine bei mir aus; plötzlich
hielt sie inne, neigte sich, den Besen in der Hand, zu mir, und zwei
volle frische köstliche Lippen berührten die meinen. Der Kuß der
verliebten kleinen Katze durchschauerte mich, aber ich erhob meine
‚Germania‘ wie ein Schild gegen die Verführerin und verließ entrüstet
das Zimmer.“
Wanda brach in lautes Lachen aus. „Sie sind in der Tat ein Mann, der
seines Gleichen sucht, aber fahren Sie nur fort.“
„Eine andere Szene aus jener Zeit bleibt mir unvergeßlich,“ erzählte
ich weiter, „Gräfin Sobol, eine entfernte Tante von mir, kam zu meinen
Eltern auf Besuch, eine majestätische schöne Frau mit einem reizenden
Lächeln; ich aber haßte sie, denn sie galt in der Familie als eine
Messalina, und benahm mich so unartig, boshaft und täppisch, wie nur
möglich gegen sie.
Eines Tages fuhren meine Eltern in die Kreisstadt. Meine Tante
beschloß ihre Abwesenheit zu benützen und Gericht über mich zu halten.
Unerwartet trat sie in ihrer pelzgefütterten Kazabaika[3] herein,
gefolgt von der Köchin, Küchenmagd und der kleinen Katze, die ich
verschmäht hatte. Ohne viel zu fragen, ergriffen sie mich und banden
mich, trotz meiner heftigen Gegenwehr, an Händen und Füßen, dann
schürzte meine Tante mit einem bösen Lächeln den Ärmel empor und begann
mich mit einer großen Rute zu hauen, und sie hieb so tüchtig, daß Blut
floß und ich zuletzt, trotz meinem Heldenmut, schrie und weinte und um
Gnade bat. Sie ließ mich hierauf losbinden, aber ich mußte ihr kniend
für die Strafe danken und die Hand küssen.
Nun sehen Sie den übersinnlichen Toren! Unter der Rute der schönen
üppigen Frau, welche mir in ihrer Pelzjacke wie eine zürnende Monarchin
erschien, erwachte in mir zuerst der Sinn für das Weib und meine Tante
erschien mir fortan als die reizendste Frau auf Gottes Erdboden.
Meine katonische Strenge, meine Scheu vor dem Weibe war eben nichts,
als ein auf das Höchste getriebener Schönheitssinn; die Sinnlichkeit
wurde in meiner Phantasie jetzt zu einer Art Kultur, und ich schwur
mir, ihre heiligen Empfindungen ja nicht an ein gewöhnliches Wesen
zu verschwenden, sondern für eine ideale Frau, wo möglich für die
Liebesgöttin selbst aufzusparen.
Ich kam sehr jung auf die Universität und in die Hauptstadt, in
welcher meine Tante wohnte. Meine Stube glich damals jener des Doktor
Faust. Alles stand in derselben wirr und kraus, hohe Schränke mit
Büchern vollgepfropft, welche ich um Spottpreise bei einem jüdischen
Antiquar in der Servanica[4] erhandelte, Globen, Atlanten, Phiolen,
Himmelskarten, Tiergerippe, Totenköpfe, Büsten großer Geister. Hinter
dem großen grünen Ofen konnte jeden Augenblick Mephistopheles als
fahrender Scholast hervortreten.
Ich studierte alles durcheinander, ohne System, ohne Wahl,
Chemie, Alchimie, Geschichte, Astronomie, Philosophie, die
Rechtswissenschaften, Anatomie und Literatur; las Homer, Virgil,
Ossian, Schiller, Goethe, Shakespeare, Cervantes, Voltaire, Molière,
den Koran, den Kosmos, Casanovas Memoiren. Ich wurde jeden Tag wirrer,
phantastischer und übersinnlicher. Und immer hatte ich ein schönes
ideales Weib im Kopfe, das mir von Zeit zu Zeit gleich einer Vision
auf Rosen gebettet, von Amoretten umringt, zwischen meinen Lederbänden
und Totenbeinen erschien, bald in olympischer Toilette, mit dem
strengen weißen Antlitz der gipsernen Venus, bald mit den üppigen
braunen Flechten, den lachenden blauen Augen und in der rotsamtenen
hermelinbesetzten Kazabaika meiner schönen Tante.
Eines Morgens, nachdem sie mir wieder in vollem lachenden Liebreiz aus
dem goldenen Nebel meiner Phantasie aufgetaucht war, ging ich zu Gräfin
Sobol, welche mich freundlich, ja herzlich empfing und mir zum Willkomm
einen Kuß gab, der alle meine Sinne verwirrte. Sie war jetzt wohl nahe
an vierzig Jahre, aber wie die meisten jener unverwüstlichen Lebefrauen
noch immer begehrenswert, sie trug auch jetzt stets eine pelzbesetzte
Jacke, und zwar diesmal von grünem Samt mit braunem Edelmarder, aber
von jener Strenge, die mich damals an ihr entzückt hatte, war nichts zu
entdecken.
Im Gegenteil sie war so wenig grausam gegen mich, daß sie mir ohne viel
Umstände die Erlaubnis gab, sie anzubeten.
Sie hatte meine übersinnliche Torheit und Unschuld nur zu bald
entdeckt, und es machte ihr Vergnügen, mich glücklich zu machen. Und
ich -- ich war in der Tat selig wie ein junger Gott. Welcher Genuß
war es für mich, wenn ich, vor ihr auf den Knien liegend, ihre Hände
küssen durfte, mit denen sie mich damals gezüchtigt hatte. Ach! was für
wunderbare Hände! von so schöner Bildung, so fein und voll und weiß,
und mit welch allerliebsten Grübchen. Ich war eigentlich nur in diese
Hände verliebt. Ich trieb mein Spiel mit ihnen, ließ sie in dem dunklen
Pelz auf- und abtauchen, ich hielt sie gegen die Flamme und konnte mich
nicht sattsehen an ihnen.“
Wanda betrachtete unwillkürlich ihre Hände, ich bemerkte es und mußte
lächeln.
„Wie zu jeder Zeit das Übersinnliche bei mir überwog, sehen Sie daraus,
daß ich bei meiner Tante in die grausamen Rutenhiebe, welche ich von
ihr empfangen hatte, und bei einer jungen Schauspielerin, welcher ich
etwa zwei Jahre später den Hof machte, nur in ihre Rollen verliebt war.
Ich habe dann auch für eine sehr achtbare Frau geschwärmt, welche die
unnahbare Tugend spielte, um mich schließlich an einen reichen Juden
zu verraten. Sehen Sie, weil ich von einer Frau, welche die strengsten
Grundsätze, die idealsten Empfindungen heuchelte, betrogen, verkauft
wurde: deshalb hasse ich diese Sorte poetischer, sentimentaler Tugenden
so sehr; geben Sie mir ein Weib, das ehrlich genug ist, mir zu sagen:
ich bin eine Pompadour, eine Lucretia Borgia, und ich will sie anbeten.“
Wanda stand auf und öffnete das Fenster.
„Sie haben eine eigentümliche Manier, die Phantasie zu erhitzen, einem
alle Nerven aufzuregen, alle Pulse höher schlagen zu machen. Sie geben
dem Laster eine Aureole, wenn es nur ehrlich ist. Ihr Ideal ist eine
kühne geniale Courtisane; o! Sie sind mir der Mann, eine Frau von Grund
aus zu verderben!“
* * *
Mitten in der Nacht klopfte es an mein Fenster, ich stand auf, öffnete
und schrak zusammen. Draußen stand Venus im Pelz, genau so wie sie mir
das erste Mal erschienen war.
„Sie haben mich mit Ihren Geschichten aufgeregt, ich wälze mich auf
meinem Lager und kann nicht schlafen,“ sprach sie, „kommen Sie jetzt
nur, mir Gesellschaft leisten.“
„Im Augenblicke.“
Als ich eintrat, kauerte Wanda vor dem Kamin, in dem sie ein kleines
Feuer angefacht hatte.
„Der Herbst meldet sich,“ begann sie, „die Nächte sind schon recht
kalt. Ich fürchte, Ihnen zu mißfallen, aber ich kann meinen Pelz nicht
abwerfen, ehe das Zimmer nicht warm genug ist.“
„Mißfallen -- Schalk! -- Sie wissen doch --“ ich schlang den Arm um sie
und küßte sie.
„Freilich weiß ich, aber woher haben Sie diese große Vorliebe für den
Pelz?“
„Sie ist mir angeboren,“ erwiderte ich, „ich zeigte sie schon als
Kind. Übrigens übt Pelzwerk auf alle nervösen Naturen eine aufregende
Wirkung, welche auf ebenso allgemeinen als natürlichen Gesetzen
beruht. Es ist ein physischer Reiz, welcher wenigstens ebenso
seltsam prickelnd ist, und dem sich niemand ganz entziehen kann. Die
Wissenschaft hat in neuester Zeit eine gewisse Verwandtschaft zwischen
Elektrizität und Wärme nachgewiesen, verwandt sind ja jedenfalls ihre
Wirkungen auf den menschlichen Organismus. Die heiße Zone erzeugt
leidenschaftlichere Menschen, eine warme Atmosphäre Aufregung. Genau
so die Elektrizität. Daher der hexenhaft wohltätige Einfluß, welchen
die Gesellschaft von +Katzen+ auf reizbare geistige Menschen übt
und diese langgeschwänzten Grazien der Tierwelt, diese niedlichen,
funkensprühenden, elektrischen Batterien zu den Lieblingen eines
Mahomed, Kardinal Richelieu, Crebillon, Rousseau, Wieland gemacht hat.“
„Eine Frau, die also einen Pelz trägt,“ rief Wanda, „ist also nichts
anderes als eine große Katze, eine verstärkte elektrische Batterie?“
„Gewiß,“ erwiderte ich, „und so erkläre ich mir auch die symbolische
Bedeutung, welche der Pelz als Attribut der Macht und Schönheit bekam.
In diesem Sinne nahmen ihn in früheren Zeiten Monarchen und ein
gebietender Adel durch Kleiderordnungen ausschließlich für sich in
Anspruch und große Maler für die Königinnen der Schönheit. So fand ein
Raphael für die göttlichen Formen der Fornarina, Titian für den rosigen
Leib seiner Geliebten keinen köstlicheren Rahmen als dunklen Pelz.“
„Ich danke für die gelehrt erotische Abhandlung,“ sprach Wanda, „aber
Sie haben mir nicht alles gesagt, Sie verbinden noch etwas ganz Apartes
mit dem Pelz.“
„Allerdings,“ rief ich, „ich habe Ihnen schon wiederholt gesagt, daß im
Leiden ein seltsamer Reiz für mich liegt, daß nichts so sehr im stande
ist, meine Leidenschaft anzufachen als die Tyrannei, die Grausamkeit,
und vor allem die Treulosigkeit eines schönen Weibes. Und dieses Weib,
dieses seltsame Ideal aus der Ästhetik des Häßlichen, die Seele eines
Nero im Leibe einer Phryne, kann ich mir nicht ohne Pelz denken.“
„Ich begreife,“ warf Wanda ein, „er gibt einer Frau etwas Herrisches,
Imponierendes.“
„Es ist nicht das allein,“ fuhr ich fort, „Sie wissen, daß ich ein
‚+Übersinnlicher+‘ bin, daß bei mir alles mehr in der Phantasie
wurzelt und von dort seine Nahrung empfängt. Ich war früh entwickelt
und überreizt, als ich mit zehn Jahren etwa die Legenden der Märtyrer
in die Hand bekam; ich erinnere mich, daß ich mit einem Grauen, das
eigentlich Entzücken war, las, wie sie im Kerker schmachteten, auf den
Rost gelegt, mit Pfeilen durchschossen, in Pech gesotten, wilden Tieren
vorgeworfen, an das Kreuz geschlagen wurden, und das Entsetzlichste mit
einer Art Freude litten. Leiden, grausame Qualen erdulden, erschien
mir fortan als ein Genuß, und ganz besonders durch ein schönes Weib,
da sich mir von jeher alle Poesie, wie alles Dämonische im Weibe
konzentrierte. Ich trieb mit demselben einen förmlichen Kultus.
Ich sah in der Sinnlichkeit etwas Heiliges, ja das einzig Heilige, in
dem Weibe und seiner Schönheit etwas Göttliches, indem die wichtigste
Aufgabe des Daseins: die Fortpflanzung der Gattung vor allem ihr Beruf
ist; ich sah im Weibe die Personifikation der Natur, die +Isis+,
und in dem Manne ihren Priester, ihren Sklaven und sah sie ihm
gegenüber grausam wie die Natur, welche, was ihr gedient hat, von sich
stößt, sobald sie seiner nicht mehr bedarf, während ihm noch ihre
Mißhandlungen, ja der Tod durch sie zur wollüstigen Seligkeit werden.
Ich beneidete König Gunther, den die gewaltige Brunhilde in der
Brautnacht band; den armen Troubadour, den seine launische Herrin in
Wolfsfelle nähen ließ, um ihn dann gleich einem Wild zu jagen; ich
beneidete den Ritter Ctirad, den die kühne Amazone Scharka durch List
im Walde bei Prag gefangen nahm, auf die Burg Divin schleppte, und
nachdem sie sich einige Zeit mit ihm die Zeit vertrieben hatte, auf das
Rad flechten ließ --“
„Abscheulich!“ rief Wanda, „ich würde Ihnen wünschen, daß Sie einem
Weibe dieser wilden Rasse in die Hände fielen, im Wolfsfell, unter
den Zähnen der Rüden oder auf dem Rade würde Ihnen schon die Poesie
vergehen.“
„Glauben Sie? ich glaube nicht.“
„Sie sind wirklich nicht ganz gescheit.“
„Möglich. Aber hören Sie weiter, ich las fortan mit einer wahren Gier
Geschichten, in denen die furchtbarsten Grausamkeiten geschildert, und
sah mit besonderer Lust Bilder, Stiche, auf denen sie zur Darstellung
kamen, und alle die blutigen Tyrannen, die je auf einem Throne saßen,
die Inquisitoren, welche die Ketzer foltern, braten, schlachten
ließen, alle jene Frauen, welche in den Blättern der Weltgeschichte
als wollüstig, schön und gewalttätig verzeichnet sind, wie Libussa,
Lucretia Borgia, Agnes von Ungarn, Königin Margot, Isabeau, die
Sultanin Roxolane, die russischen Zarinnen des vorigen Jahrhunderts,
alle sah ich in Pelzen oder hermelinverbrämten Roben.“
„Und so erweckt Ihnen jetzt der Pelz Ihre seltsamen Phantasien,“ rief
Wanda, und sie begann zu gleicher Zeit sich mit ihrem prächtigen
Pelzmantel kokett zu drapieren, so daß die dunklen glänzenden
Zobelfelle entzückend um ihre Büste, ihre Arme spielten. „Nun, wie ist
Ihnen jetzt zumute, fühlen Sie sich schon halb gerädert?“
Ihre grünen durchdringenden Augen ruhten mit einem seltsamen,
höhnischen Behagen auf mir, als ich mich von Leidenschaften übermannt
vor ihr niederwarf und die Arme um sie schlang.
„Ja -- Sie haben in mir meine Lieblingsphantasie erweckt,“ rief ich,
„die lange genug geschlummert.“
„Und diese wäre?“ sie legte die Hand auf meinen Nacken.
Mich ergriff unter dieser kleinen warmen Hand, unter ihrem Blick, der
zärtlich forschend durch die halbgeschlossenen Lider auf mich fiel,
eine süße Trunkenheit.
„+Der Sklave eines Weibes, eines schönen Weibes zu sein, das ich
liebe, das ich anbete!+“
„Und das Sie dafür mißhandelt!“ unterbrach mich Wanda lachend.
„Ja, das mich bindet und peitscht, das mir Fußtritte gibt, während es
einem andern gehört.“
„Und das, wenn Sie durch Eifersucht wahnsinnig gemacht, dem beglückten
Nebenbuhler entgegentreten, in seinem Übermute so weit geht, Sie an
denselben zu verschenken und seiner Roheit preiszugeben. Warum nicht?
Gefällt Ihnen das Schlußtableau weniger?“
Ich sah Wanda erschreckt an.
„Sie übertreffen meine Träume.“
„Ja, wir Frauen sind erfinderisch,“ sprach sie, „geben Sie acht, wenn
Sie Ihr Ideal finden, kann es leicht geschehen, daß es Sie grausamer
behandelt, als Ihnen lieb ist.“
„Ich fürchte, ich habe mein Ideal bereits gefunden!“ rief ich, und
preßte mein glühendes Antlitz in ihren Schoß.
„Doch nicht in mir?“ rief Wanda, warf den Pelz ab und sprang lachend
im Zimmer herum; sie lachte noch, als ich die Treppe hinabstieg, und
als ich nachdenkend im Hofe stand, hörte ich noch oben ihr mutwilliges
ausgelassenes Gelächter.
* * *
„Soll ich Ihnen also Ihr Ideal verkörpern?“ sprach Wanda schelmisch,
als wir uns heute im Parke trafen.
Anfangs fand ich keine Antwort. In mir kämpften die widersprechendsten
Empfindungen. Sie ließ sich indes auf eine der steinernen Bänke nieder
und spielte mit einer Blume.
„Nun -- soll ich?“
Ich kniete nieder und faßte ihre Hände.
„Ich bitte Sie noch einmal, werden Sie meine Frau, mein treues,
ehrliches Weib; können Sie das nicht, dann seien Sie mein Ideal, aber
dann ganz, ohne Rückhalt, ohne Milderung.“
„Sie wissen, daß ich in einem Jahre Ihnen meine Hand reichen will,
wenn Sie der Mann sind, den ich suche,“ entgegnete Wanda sehr ernst,
„aber ich glaube, Sie würden mir dankbarer sein, wenn ich Ihnen Ihre
Phantasie verwirkliche. Nun, was ziehen Sie vor?“
„Ich glaube, daß alles das, was mir in meiner Einbildung vorschwebt, in
Ihrer Natur liegt.“
„Sie täuschen sich.“
„Ich glaube,“ fuhr ich fort, „daß es Ihnen Vergnügen macht, einen Mann
ganz in Ihrer Hand zu haben, zu quälen --“
„Nein, nein!“ rief sie lebhaft, „oder doch“ -- sie sann nach. „Ich
verstehe mich selbst nicht mehr,“ fuhr sie fort, „aber ich muß Ihnen
ein Geständnis machen. Sie haben meine Phantasie verdorben, mein
Blut erhitzt, ich fange an, an allem dem Gefallen zu finden, die
Begeisterung, mit der Sie von einer Pompadour, einer Katharina II. und
von all den anderen selbstsüchtigen, frivolen und grausamen Frauen
sprechen, reißt mich hin, senkt sich in meine Seele und treibt mich,
diesen Frauen ähnlich zu werden, welche trotz ihrer Schlechtigkeit, so
lange sie lebten, sklavisch angebetet wurden und noch im Grabe Wunder
wirken.
Am Ende machen Sie aus mir noch eine Miniaturdespotin, eine Pompadour
zum Hausgebrauche.“
„Nun denn,“ sprach ich erregt, „wenn dies in Ihnen liegt, dann geben
Sie sich dem Zuge Ihrer Natur hin, nur nichts Halbes; können Sie nicht
ein braves, treues Weib sein, so seien Sie ein Teufel.“
Ich war übernächtig, aufgeregt, die Nähe der schönen Frau ergriff mich
wie ein Fieber, ich weiß nicht mehr, was ich sprach, aber ich erinnere
mich, daß ich ihre Füße küßte und zuletzt ihren Fuß aufhob und auf
meinen Nacken setzte. Sie aber zog ihn rasch zurück und erhob sich
beinahe zornig.
„Wenn Sie mich lieben, Severin,“ sprach sie rasch, ihre Stimme klang
scharf und gebieterisch, „so sprechen Sie nicht mehr von diesen Dingen.
Verstehen Sie mich, nie mehr. Ich könnte am Ende wirklich --“ sie
lächelte und setzte sich wieder.
„Es ist mein voller Ernst,“ rief ich halb phantasierend, „ich bete Sie
so sehr an, daß ich alles von Ihnen dulden will um den Preis, mein
ganzes Leben in Ihrer Nähe sein zu dürfen.“
„Severin, ich warne Sie noch einmal.“
„Sie warnen mich vergebens. Machen Sie mit mir, was Sie wollen, nur
stoßen Sie mich nicht ganz von sich.“
„Severin,“ entgegnete Wanda, „ich bin ein leichtsinniges, junges Weib,
es ist gefährlich für Sie, sich mir so ganz hinzugeben, Sie werden am
Ende in der Tat mein Spielzeug; wer schützt Sie dann, daß ich Ihren
Wahnsinn nicht mißbrauche?“
„Ihr edles Wesen.“
„Gewalt macht übermütig.“
„So sei übermütig,“ rief ich, „tritt mich mit Füßen.“
Wanda schlang ihre Arme um meinen Nacken, sah mir in die Augen und
schüttelte den Kopf.
„Ich fürchte, ich werde es nicht können, aber ich will es versuchen,
dir zu lieb, denn ich liebe dich, Severin, wie ich noch keinen Mann
geliebt habe.“
* * *
Sie nahm heute plötzlich Hut und Shawl und ich mußte sie in den Bazar
begleiten. Dort ließ sie sich Peitschen zeigen, lange Peitschen an
kurzem Stiel, wie man sie für Hunde hat.
„Diese dürften genügen,“ sprach der Verkäufer.
„Nein, sie sind viel zu klein,“ erwiderte Wanda mit einem Seitenblick
auf mich, „ich brauche eine große --“
„Für eine Bulldogge wohl?“ meinte der Kaufmann.
„Ja,“ rief sie, „in der Art, wie man sie in Rußland hatte für
widerspenstige Sklaven.“
Sie suchte und wählte endlich eine Peitsche, bei deren Anblick es mich
etwas unheimlich beschlich.
„Nun adieu, Severin,“ sagte sie, „ich habe noch einige Einkäufe, bei
denen Sie mich nicht begleiten dürfen.“
Ich verabschiedete mich und machte einen Spaziergang, auf dem Rückwege
sah ich Wanda aus dem Gewölbe eines Kürschners heraustreten. Sie winkte
mir.
„Überlegen Sie sich’s noch,“ begann sie vergnügt, „ich habe Ihnen
nie ein Geheimnis daraus gemacht, daß mich vorzüglich Ihr ernstes,
sinnendes Wesen gefesselt hat; es reizt mich nun freilich, den ernsten
Mann mir ganz hingegeben, ja geradezu verzückt zu meinen Füßen zu sehen
-- ob aber dieser Reiz auch anhalten wird? Das Weib liebt den Mann, den
Sklaven mißhandelt es und stößt ihn zuletzt noch mit dem Fuße weg.“
„Nun, so stoße mich mit dem Fuße fort, wenn du mich satt hast,“
entgegnete ich, „ich will dein Sklave sein.“
„Ich sehe, daß gefährliche Anlagen in mir schlummern,“ sagte Wanda,
nachdem wir wieder einige Schritte gegangen waren, „du weckst sie
und nicht zu deinem Besten, du verstehst es, die Genußsucht, die
Grausamkeit, den Übermut so verlockend zu schildern -- was wirst du
sagen, wenn ich mich darin versuche und wenn ich es zuerst an dir
versuche, wie Dionys, welcher den Erfinder des eisernen Ochsen zuerst
in demselben braten ließ, um sich zu überzeugen, ob sein Jammern, sein
Todesröcheln auch wirklich wie das Brüllen eines Ochsen klinge.“
„Vielleicht bin ich so ein weiblicher Dionys?“
„Sei es,“ rief ich, „dann ist meine Phantasie erfüllt. Ich gehöre dir
im Guten oder Bösen, wähle du selbst. Mich treibt das Schicksal, das in
meiner Brust ruht -- dämonisch -- übermächtig.“
* * *
„+Mein Geliebter!+
Ich will dich heute und morgen nicht sehen und übermorgen erst am
Abend, und dann +als meinen Sklaven+.
Deine Herrin
+Wanda+.“
„Als meinen Sklaven“ war unterstrichen. Ich las das Billett, das ich
früh am Morgen erhielt, noch einmal, ließ mir dann einen Esel, ein
echtes Gelehrtentier, satteln und ritt in das Gebirge, um meine
Leidenschaft, meine Sehnsucht in der großartigen Karpathennatur zu
betäuben.
* * *
Da bin ich wieder, müde, hungrig, durstig und vor allem verliebt. Ich
kleide mich rasch um und klopfe wenige Augenblicke darnach an ihre Türe.
„Herein!“
Ich trete ein. Sie steht mitten im Zimmer, in einer weißen Atlasrobe,
welche wie Licht an ihr herunterfließt, und einer Kazabaika von
scharlachrotem Atlas mit reichem, üppigem Hermelinbesatz, in dem
gepuderten, schneeigen Haar ein kleines Diamantendiadem, die Arme auf
der Brust gekreuzt, die Brauen zusammengezogen.
„Wanda!“ Ich eile auf sie zu, will den Arm um sie schlingen, sie
küssen; sie tritt einen Schritt zurück und mißt mich von oben bis unten.
„Sklave!“
„Herrin!“ Ich knie nieder und küsse den Saum ihres Gewandes.
„So ist es recht.“
„O! wie schön du bist.“
„Gefall’ ich dir?“ Sie trat vor den Spiegel und betrachtete sich mit
stolzem Wohlgefallen.
„Ich werde noch wahnsinnig!“
Sie zuckte verächtlich mit der Unterlippe und sah mich mit
halbgeschlossenen Lidern spöttisch an.
„Gib mir die Peitsche.“
Ich blickte im Zimmer umher.
„Nein,“ rief sie, „bleib nur knien!“ Sie schritt zum Kamine, nahm die
Peitsche vom Sims und ließ sie, mich mit einem Lächeln betrachtend,
durch die Luft pfeifen, dann schürzte sie den Ärmel ihrer Pelzjacke
langsam auf.
„Wunderbares Weib!“ rief ich.
„Schweig, Sklave!“ sie blickte plötzlich finster, ja wild und hieb mich
mit der Peitsche; im nächsten Augenblicke schlang sie jedoch den Arm
zärtlich um meinen Nacken und bückte sich mitleidig zu mir. „Habe ich
dir weh getan?“ fragte sie halb verschämt, halb ängstlich.
„Nein!“ entgegnete ich, „und wenn es wäre, mir sind Schmerzen, die du
mir bereitest, ein Genuß. Peitsche mich nur, wenn es dir ein Vergnügen
macht.“
„Aber es macht mir kein Vergnügen.“
Wieder ergriff mich jene seltsame Trunkenheit.
„Peitsche mich,“ bat ich, „peitsche mich ohne Erbarmen.“
Wanda schwang die Peitsche und traf mich zweimal. „Hast du jetzt genug?“
„Nein.“
„Im Ernste, nein?“
„Peitsche mich, ich bitte dich, es ist mir ein Genuß.“
„Ja, weil du gut weißt, daß es nicht Ernst ist,“ erwiderte sie, „daß
ich nicht das Herz habe, dir weh zu tun. Mir widerstrebt das ganze rohe
Spiel. Wäre ich wirklich das Weib, das seinen Sklaven peitscht, du
würdest dich entsetzen.“
„Nein, Wanda,“ sprach ich, „ich liebe dich mehr als mich selbst, ich
bin dir hingegeben auf Tod und Leben, du kannst im Ernste mit mir
anfangen, was dir beliebt, ja, was dir nur dein Übermut eingibt.“
„Severin!“
„Tritt mich mit Füßen!“ rief ich und warf mich, das Antlitz zur Erde,
vor ihr nieder.
„Ich hasse alles, was Komödie ist,“ sprach Wanda ungeduldig.
„Nun, so mißhandle mich im Ernste.“
Eine unheimliche Pause.
„Severin, ich warne dich noch ein letztes Mal,“ begann Wanda.
„Wenn du mich liebst, so sei grausam gegen mich,“ flehte ich, das Auge
zu ihr erhoben.
„Wenn ich dich liebe?“ wiederholte Wanda. „Nun gut!“ sie trat zurück
und betrachtete mich mit einem finsteren Lächeln. „+So sei denn mein
Sklave und fühle, was es heißt, in die Hände eines Weibes gegeben zu
sein.+“ Und in demselben Augenblicke gab sie mir einen Fußtritt.
„Nun, wie behagt dir das, Sklave?“
Dann schwang sie die Peitsche.
„Richte dich auf!“
Ich wollte mich erheben. „Nicht so,“ gebot sie, „auf die Knie.“
Ich gehorchte und sie begann mich zu peitschen.
Die Hiebe fielen rasch und kräftig auf meinen Rücken, meine Arme, ein
jeder schnitt in mein Fleisch und brannte hier fort, aber die Schmerzen
entzückten mich, denn sie kamen ja von ihr, die ich anbetete, für die
ich jede Stunde bereit war, mein Leben zu lassen.
[Illustration]
Jetzt hielt sie inne. „Ich fange an, Vergnügen daran zu finden,“ sprach
sie, „für heute ist es genug, aber mich ergreift eine teuflische
Neugier, zu sehen, wie weit deine Kraft reicht, eine grausame
Lust, dich unter meiner Peitsche beben, sich krümmen zu sehen und
endlich dein Stöhnen, dein Jammern zu hören und so fort, bis du um
Gnade bittest und ich ohne Erbarmen fortpeitsche, bis dir die Sinne
schwinden. Du hast gefährliche Elemente in meiner Natur geweckt. Nun
aber steh’ auf.“
Ich ergriff ihre Hand, um sie an meine Lippen zu drücken.
„Welche Frechheit.“
Sie stieß mich mit dem Fuße von sich.
„Aus meinen Augen, Sklave!“
* * *
Nachdem ich die Nacht wie im Fieber in wirren Träumen gelegen, bin ich
erwacht. Es dämmert kaum.
Was ist wahr von dem, was in meiner Erinnerung schwebt? was habe ich
erlebt und was nur geträumt? Gepeitscht bin ich worden, das ist gewiß,
ich fühle noch jeden einzelnen Hieb, ich kann die roten, brennenden
Streifen an meinem Leib zählen. Und sie hat mich gepeitscht. Ja, jetzt
weiß ich alles.
Meine Phantasie ist Wahrheit geworden. Wie ist mir? Hat mich die
Wirklichkeit meines Traumes enttäuscht?
Nein, ich bin nur etwas müde, aber ihre Grausamkeit erfüllt mich mit
Entzücken. Oh! wie ich sie liebe, sie anbete! Ach! dies alles drückt
nicht im entferntesten aus, was ich für sie empfinde, wie ich mich
ganz ihr hingegeben fühle. Welche Seligkeit, ihr Sklave zu sein.
* * *
Sie ruft mich vom Balkon. Ich eile die Treppe hinauf. Da steht sie auf
der Schwelle und bietet mir freundlich die Hand. „Ich schäme mich,“
sagte sie, während ich sie umschlinge und sie den Kopf an meiner Brust
birgt.
„Wie?“
„Suchen Sie die häßliche Szene von gestern zu vergessen,“ sprach sie
mit bebender Stimme, „ich habe Ihnen Ihre tolle Phantasie erfüllt,
jetzt wollen wir vernünftig sein und glücklich und uns lieben, und in
einem Jahre bin ich Ihre Frau.“
„Meine Herrin,“ rief ich, „und ich Ihr Sklave!“
„Kein Wort mehr von Sklaverei, von Grausamkeit und Peitsche,“
unterbrach mich Wanda, „ich passiere Ihnen von dem allen nichts mehr,
als die Pelzjacke; kommen Sie und helfen Sie mir hinein.“
* * *
Die kleine Bronzeuhr, auf welcher ein Amor steht, der eben seinen Pfeil
abgeschossen hat, schlug Mitternacht.
Ich stand auf, ich wollte fort.
Wanda sagte nichts, aber sie umschlang mich und zog mich auf die
Ottomane zurück und begann mich von neuem zu küssen, und diese stumme
Sprache hatte etwas so Verständliches, so Überzeugendes --
Und sie sagte noch mehr, als ich zu verstehen wagte, eine solche
schmachtende Hingebung lag in Wandas ganzem Wesen und welche wollüstige
Weichheit in ihren halbgeschlossenen, dämmernden Augen, in der unter
dem weißen Puder leicht schimmernden roten Flut ihres Haares, in dem
weißen und roten Atlas, welcher bei jeder Bewegung um sie knisterte,
dem schwellenden Hermelin der Kazabaika, in den sie sich nachlässig
schmiegte.
„Ich bitte dich,“ stammelte ich, „aber du wirst böse sein.“
„Mache mit mir, was du willst,“ flüsterte sie.
„Nun, so tritt mich, ich bitte dich, ich werde sonst verrückt.“
„Habe ich dir nicht verboten,“ sprach Wanda strenge, „aber du bist
unverbesserlich.“
„Ach! ich bin so entsetzlich verliebt.“ Ich war in die Knie gesunken
und preßte mein glühendes Gesicht in ihren Schoß.
„Ich glaube wahrhaftig,“ sagte Wanda, nachsinnend, „dein ganzer
Wahnsinn ist nur eine dämonische, ungesättigte Sinnlichkeit. +Unsere
Unnatur muß solche Krankheiten erzeugen.+ Wärst du weniger
tugendhaft, so wärst du vollkommen vernünftig.“
„Nun, so mach’ mich gescheit,“ murmelte ich. Meine Hände wühlten in
ihrem Haare und in dem schimmernden Pelz, welcher sich, wie eine vom
Mondlicht beglänzte Welle, alle Sinne verwirrend, auf ihrer wogenden
Brust hob und senkte.
Und ich küßte sie -- nein, sie küßte mich, so wild, so unbarmherzig,
als wenn sie mich mit ihren Küssen morden wollte. Ich war wie im
Delirium, meine Vernunft hatte ich längst verloren, aber ich hatte
endlich auch keinen Atem mehr. Ich suchte mich loszumachen.
„Was ist dir?“ fragte Wanda.
„Ich leide entsetzlich.“
„Du leidest?“ -- sie brach in ein lautes, mutwilliges Lachen aus.
„Du kannst lachen!“ stöhnte ich, „ahnst du denn nicht --“
Sie war auf einmal ernst, richtete meinen Kopf mit ihren Händen auf und
zog mich dann mit einer heftigen Bewegung an ihre Brust.
„Wanda!“ stammelte ich.
„Richtig, es macht dir ja Vergnügen, zu leiden,“ sprach sie und begann
von neuem zu lachen, „aber warte nur, ich will dich schon vernünftig
machen.“
„Nein, ich will nicht weiter fragen,“ rief ich, „ob du mir für immer
oder nur für einen seligen Augenblick gehören willst, ich will mein
Glück genießen; jetzt bist du mein und besser dich verlieren, als dich
nie besitzen.“
„So bist du vernünftig,“ sagte sie und küßte mich wieder mit ihren
mörderischen Lippen, und ich riß den Hermelin, die Spitzenhülle
auseinander und ihre bloße Brust wogte gegen die meine.
Dann vergingen mir die Sinne. --
Ich erinnere mich erst wieder auf den Augenblick, wo ich Blut von
meiner Hand tropfen sah und sie apathisch fragte: „Hast du mich
gekratzt?“
„Nein, ich glaube, ich habe dich gebissen.“
* * *
Es ist doch merkwürdig, wie jedes Verhältnis des Lebens ein anderes
Gesicht bekommt, sobald eine neue Person hinzutritt.
Wir haben herrliche Tage zusammen verlebt, wir besuchten die Berge,
die Seen, wir lasen zusammen und ich vollendete Wandas Bild. Und wie
liebten wir uns, wie lächelnd war ihr reizendes Antlitz.
Da kommt eine Freundin, eine geschiedene Frau, etwas älter, etwas
erfahrener und etwas weniger gewissenhaft als Wanda, und schon macht
sich ihr Einfluß in jeder Richtung geltend.
Wanda runzelte die Stirne und zeigt mir gegenüber eine gewisse Ungeduld.
Liebt sie mich nicht mehr?
* * *
Seit beinahe vierzehn Tagen dieser unerträgliche Zwang. Die Freundin
wohnt bei ihr, wir sind nie allein. Ein Kreis von Herren umgibt die
beiden jungen Frauen. Ich spiele als Liebender mit meinem Ernste,
meiner Schwermut eine alberne Rolle. Wanda behandelt mich wie einen
Fremden.
Heute, bei einem Spaziergange, blieb sie mit mir zurück. Ich sah, daß
es mit Absicht geschah und jubelte. Was sagte sie mir aber.
„Meine Freundin begreift nicht, wie ich Sie lieben kann, sie findet Sie
weder schön noch sonst besonders anziehend, und dazu unterhält sie mich
vom Morgen bis in die Nacht hinein mit dem glänzenden frivolen Leben
in der Hauptstadt, mit den Ansprüchen, welche ich machen könnte, den
großen Partien, welche ich finden, den vornehmen, schönen Anbetern,
welche ich fesseln müßte. Aber was hilft dies alles, ich liebe Sie
einmal.“
Mir verging einen Augenblick der Atem, dann sagte ich: „Ich wünsche
bei Gott nicht, Ihrem Glück im Wege zu sein, Wanda. Nehmen Sie auf
mich keine Rücksicht mehr.“ Dabei zog ich meinen Hut ab und ließ sie
vorangehen. Sie sah mich erstaunt an, erwiderte jedoch keine Silbe.
Als ich aber auf dem Rückwege wieder zufällig in ihre Nähe kam, drückte
sie mir verstohlen die Hand und ihr Blick traf mich so warm, so
glückverheißend, daß alle Qualen dieser Tage im Augenblick vergessen,
alle Wunden geheilt waren.
Jetzt weiß ich wieder so recht, wie ich sie liebe.
* * *
„Meine Freundin hat sich über dich beklagt,“ sagte mir Wanda heute.
„Sie mag fühlen, daß ich sie verachte.“
„Weshalb verachtest du sie denn, kleiner Narr?“ rief Wanda und nahm
mich mit beiden Händen bei den Ohren.
„Weil sie heuchelt,“ sagte ich, „ich achte nur eine Frau, die
tugendhaft ist oder offen dem Genusse lebt.“
„So wie ich,“ entgegnete Wanda scherzend, „aber siehst du, mein Kind,
die Frau kann das nur in den seltensten Fällen. Sie kann weder so
heiter sinnlich, noch so geistig frei sein, wie der Mann, ihre Liebe
ist stets ein aus Sinnlichkeit und geistiger Neigung gemischter
Zustand. Ihr Herz verlangt darnach, den Mann dauernd zu fesseln,
während sie selbst dem Wechsel unterworfen ist; so kommt ein Zwiespalt,
kommt Lüge und Trug, meist gegen ihren Willen, in ihr Handeln, in ihr
Wesen und verdirbt ihren Charakter.“
„Gewiß ist es so,“ sagte ich, „der transszendentale Charakter, welchen
die Frau der Liebe aufdrücken will, führt sie zum Betrug.“
„Aber die Welt verlangt ihn auch,“ fiel mir Wanda in das Wort, „sieh
diese Frau an, sie hat in Lemberg ihren Mann und ihren Liebhaber und
hier hat sie einen neuen Anbeter gefunden, und sie betrügt sie alle und
ist doch von allen verehrt und von der Welt geachtet.“
„Meinetwegen,“ rief ich, „sie soll dich nur aus dem Spiele lassen, aber
sie behandelt dich ja wie eine Ware.“
„Warum nicht?“ unterbrach mich das schöne Weib lebhaft. „Jede Frau hat
den Instinkt, die Neigung, aus ihren Reizen Nutzen zu ziehen, und es
hat viel für sich, sich ohne Liebe, ohne Genuß hinzugeben, man bleibt
hübsch kaltblütig dabei und kann seinen Vorteil wahrnehmen.“
„Wanda, du sagst das?“
„Warum nicht,“ sprach sie, „merk’ dir überhaupt, was ich dir jetzt
sage: +fühle dich nie sicher bei dem Weibe, das du liebst+, denn die
Natur des Weibes birgt mehr Gefahren, als du glaubst. Die Frauen
sind weder so +gut+, wie ihre Verehrer und Verteidiger, noch so
+schlecht+, wie ihre Feinde sie machen. +Der Charakter der Frau ist
die Charakterlosigkeit.+ Die beste Frau sinkt momentan in den Schmutz,
die schlechteste erhebt sich unerwartet zu großen, guten Handlungen
und beschämt ihre Verächter. Kein Weib ist so gut oder so böse, daß es
nicht jeden Augenblick sowohl der teuflischsten, als der göttlichsten,
der schmutzigsten, wie der reinsten Gedanken, Gefühle, Handlungen fähig
wäre. Das Weib ist eben, trotz allen Fortschritten der Zivilisation,
so geblieben, wie es aus der Hand der Natur hervorgegangen ist, es hat
den Charakter des +Wilden+, welcher sich treu und treulos, großmütig
und grausam zeigt, je nach der Regung, die ihn gerade beherrscht. Zu
allen Zeiten hat nur ernste, tiefe Bildung den sittlichen Charakter
geschaffen; so folgt der Mann, auch wenn er selbstsüchtig, wenn er
böswillig ist, stets +Prinzipien+, das Weib aber folgt immer nur
+Regungen+. Vergiß das nie und fühle dich nie sicher bei dem Weibe, das
du liebst.“
* * *
Die Freundin ist fort. Endlich ein Abend mit ihr allein. Es ist, als
hätte Wanda alle Liebe, welche sie mir entzogen hat, für diesen einen
seligen Abend aufgespart, so gütig, so innig, so voll der Gnaden ist
sie.
Welche Seligkeit, an ihren Lippen zu hängen, in ihren Armen
hinzusterben und dann, wie sie so ganz aufgelöst, so ganz mir
hingegeben an meiner Brust ruht und unsere Augen wonnetrunken
ineinander tauchen.
Ich kann es noch nicht glauben, nicht fassen, daß dieses Weib mein ist,
ganz mein.
„In einem Punkte hat sie doch recht,“ begann Wanda, ohne sich zu regen,
ohne nur die Augen zu öffnen, wie im Schlaf.
„Wer?“
Sie schwieg.
„Deine Freundin?“
Sie nickte. „Ja, sie hat recht, du bist kein Mann, du bist ein
Phantast, ein reizender Anbeter, und wärst gewiß ein unbezahlbarer
Sklave, aber als Gatten kann ich dich mir nicht denken.“
Ich erschrak.
„Was hast du? du zitterst?“
„Ich bebe bei dem Gedanken, wie leicht ich dich verlieren kann,“
erwiderte ich.
„Nun, bist du deshalb jetzt weniger glücklich?“ entgegnete sie, „raubt
es dir etwas von deinen Freuden, daß ich vor dir anderen gehört habe,
daß mich andere nach dir besitzen werden, und würdest du weniger
genießen, wenn ein anderer mit dir zugleich glücklich wäre?“
„Wanda!“
„Siehst du,“ fuhr sie fort, „das wäre ein Ausweg. Du willst mich nie
verlieren, mir bist du lieb und sagst mir geistig so zu, daß ich immer
mit dir leben möchte, wenn ich neben dir --“
„Welch ein Gedanke!“ schrie ich auf, „ich empfinde eine Art Grauen vor
dir.“
„Und liebst du mich weniger?“
„Im Gegenteil.“
Wanda hatte sich auf ihren linken Arm aufgerichtet. „Ich glaube,“
sprach sie, „daß man, um einen Mann für immer zu fesseln, ihm vor allem
nicht treu sein darf. Welche brave Frau ist je so angebetet worden, wie
eine Hetäre?“
„In der Tat liegt in der Treulosigkeit eines geliebten Weibes ein
schmerzhafter Reiz, die höchste Wollust.“
„Auch für dich?“ fragte Wanda rasch.
„Auch für mich.“
„Wenn ich dir also dies Vergnügen mache?“ rief Wanda spöttisch.
„So werde ich entsetzlich leiden, dich aber um so mehr anbeten,“
entgegnete ich, „nur dürftest du mich nie betrügen, sondern müßtest die
dämonische Größe haben, mir zu sagen: ich werde dich allein lieben,
aber jeden glücklich machen, der mir gefällt.“
Wanda schüttelte den Kopf. „Mir widerstrebt der Betrug, ich bin
ehrlich, aber welcher Mann erliegt nicht unter der Wucht der Wahrheit.
Wenn ich dir sagen würde: dies sinnlich heitere Leben, dies Heidentum
ist mein Ideal, würdest du die Kraft haben, es zu ertragen?“
„Gewiß. Ich will alles von dir ertragen, nur dich nicht verlieren. Ich
fühle ja, wie wenig ich dir eigentlich bin.“
„Aber Severin --“
„Es ist doch so,“ sprach ich, „und eben deshalb --“
„Deshalb möchtest du --“ sie lächelte schelmisch -- „hab’ ich es
erraten?“
„Dein Sklave sein!“ rief ich, „dein willenloses, unbeschränktes
Eigentum, mit dem du nach Belieben schalten kannst, und das dir daher
nie zur Last werden kann. Ich möchte, während du das Leben in vollen
Zügen schlürfst, in üppigem Luxus gebettet das heitere Glück, die Liebe
des Olymps genießest, dir dienen, dir die Schuhe an- und ausziehen.“
„Eigentlich hast du nicht so unrecht,“ erwiderte Wanda, „denn nur als
mein Sklave könntest du es ertragen, daß ich andere liebe, und dann,
die Freiheit des Genusses der antiken Welt ist nicht denkbar ohne
Sklaverei. O! es muß ein Gefühl von Gottähnlichkeit geben, wenn man
Menschen vor sich knien, zittern sieht. Ich will Sklaven haben, hörst
du, Severin?“
„Bin ich nicht dein Sklave?“
„Hör’ mich also,“ sprach Wanda aufgeregt, meine Hand fassend, „ich will
dein sein, so lange ich dich liebe.“
„Einen Monat?“
„Vielleicht auch zwei.“
„Und dann?“
„Dann bist du mein Sklave.“
„Und du?“
„Ich? was fragst du noch? ich bin eine Göttin und steige manchmal
leise, ganz leise und heimlich aus meinem Olymp zu dir herab.“
„Aber was ist dies alles,“ sprach Wanda, den Kopf in beide Hände
gestützt, den Blick in die Weite verloren, „eine goldene Phantasie,
welche nie wahr werden kann.“ Eine unheimliche, brütende Schwermut war
über ihr ganzes Wesen ausgegossen; so hatte ich sie noch nie gesehen.
„Und warum unausführbar?“ begann ich.
„Weil es bei uns keine Sklaverei gibt.“
„So gehen wir in ein Land, wo sie noch besteht, in den Orient, in die
Türkei,“ sagte ich lebhaft.
„Du wolltest -- Severin -- im Ernste,“ entgegnete Wanda. Ihre Augen
brannten.
„Ja, ich will im Ernste dein Sklave sein,“ fuhr ich fort, „ich will,
daß deine Gewalt über mich durch das Gesetz geheiligt, daß mein Leben
in deiner Hand ist, nichts auf dieser Welt mich vor dir schützen oder
retten kann. O! welche Wollust, wenn ich mich ganz nur von deiner
Willkür, deiner Laune, einem Winke deines Fingers abhängig fühle. Und
dann -- welche Seligkeit, -- wenn du einmal gnädig bist, wenn der
Sklave die Lippen küssen darf, an denen für ihn Tod und Leben hängt!“
Ich kniete nieder und lehnte meine heiße Stirne an ihre Knie.
„Du fieberst, Severin,“ sprach Wanda erregt, „und du liebst mich
wirklich so unendlich?“ Sie schloß mich an ihre Brust und bedeckte mich
mit Küssen.
„Willst du also?“ begann sie zögernd.
„Ich schwöre dir hier, bei Gott und meiner Ehre, ich bin dein Sklave,
wo und wann du willst, sobald du es befiehlst,“ rief ich, meiner kaum
mehr mächtig.
„Und wenn ich dich beim Worte nehme?“ rief Wanda.
„Tu es.“
„Es hat einen Reiz für mich,“ sprach sie hierauf, „der kaum
seinesgleichen hat, einen Mann, der mich anbetet und den ich von ganzer
Seele liebe, mir so ganz hingegeben, von meinem Willen, meiner Laune
abhängig zu wissen, diesen Mann als Sklaven zu besitzen, während ich --“
Sie sah mich seltsam an.
„Wenn ich recht frivol werde, so bist du schuld --“ fuhr sie fort --
„ich glaube beinahe, du fürchtest dich jetzt schon vor mir, aber ich
habe deinen Schwur.“
„Und ich werde ihn halten.“
„Dafür laß mich sorgen,“ entgegnete sie. „Jetzt finde ich Genuß darin,
jetzt soll es bei Gott nicht lange mehr beim Phantasieren bleiben.
Du wirst mein Sklave, und ich -- ich werde versuchen, ‚+Venus im
Pelz+‘ zu sein.“
* * *
Ich dachte diese Frau endlich zu kennen, zu verstehen, und ich sehe
nun, daß ich wieder von vorne anfangen kann. Mit welchem Widerwillen
nahm sie noch vor kurzem meine Phantasien auf und mit welchem Ernste
betreibt sie jetzt die Ausführung derselben.
Sie hat einen Vertrag entworfen, durch den ich mich bei Ehrenwort und
Eid verbinde, ihr Sklave zu sein, so lange sie es will.
Den Arm um meinen Nacken geschlungen, liest sie mir das unerhörte,
unglaubliche Dokument vor, nach jedem Satze macht ein Kuß den
Schlußpunkt.
„Aber der Vertrag enthält nur Pflichten für mich,“ sprach ich, sie
neckend.
„Natürlich,“ entgegnete sie mit großem Ernste, „du hörst auf, mein
Geliebter zu sein, ich bin also aller Pflichten, aller Rücksichten
gegen dich entbunden. Meine Gunst hast du dann als eine Gnade
anzusehen, Recht hast du keines mehr und darfst daher auch keines
geltend machen. Meine Macht über dich darf keine Grenzen haben.
Bedenke, Mann, du bist ja dann nicht viel besser als ein Hund, ein
lebloses Ding; du bist meine Sache, mein Spielzeug, das ich zerbrechen
kann, sobald es mir eine Stunde Zeitvertreib verspricht. Du bist nichts
und ich bin alles. Verstehst du?“ Sie lachte und küßte mich wieder und
doch überlief mich eine Art Schauer.
„Erlaubst du mir nicht einige Bedingungen --“ begann ich.
„Bedingungen?“ sie runzelte die Stirne. „Ah! du hast bereits Furcht,
oder bereust gar, doch das kommt alles zu spät, ich habe deinen Eid,
dein Ehrenwort. Aber laß hören.“
„Zuerst möchte ich in unserem Vertrag aufgenommen wissen, daß du dich
nie ganz von mir trennst, und dann, daß du mich nie der Roheit eines
deiner Anbeter preisgibst --“
„Aber Severin,“ rief Wanda mit bewegter Stimme, Tränen in den Augen,
„du kannst glauben, daß ich dich, einen Mann, der mich so liebt, der
sich so ganz in meine Hand gibt --“ sie stockte.
„Nein! nein!“ sprach ich, ihre Hände mit Küssen bedeckend, „ich fürchte
nichts von dir, was mich entehren könnte, vergib mir den häßlichen
Augenblick.“
Wanda lächelte selig, legte ihre Wange an die meine und schien
nachzusinnen.
„Etwas hast du vergessen,“ flüsterte sie jetzt schelmisch, „das
Wichtigste.“
„Eine Bedingung?“
„Ja, daß ich immer im Pelz erscheinen muß,“ rief Wanda, „aber dies
verspreche ich dir so, ich werde ihn schon deshalb tragen, weil er mir
das Gefühl einer Despotin gibt, und ich will sehr grausam gegen dich
sein, verstehst du?“
„Soll ich den Vertrag unterzeichnen?“ fragte ich.
„Noch nicht,“ sprach Wanda, „ich werde vorher deine Bedingungen
hinzufügen, und überhaupt wirst du ihn erst an Ort und Stelle
unterzeichnen.“
„In Konstantinopel?“
„Nein. Ich habe es mir überlegt. Welchen Wert hat es für mich, dort
einen Sklaven zu haben, wo jeder Sklaven hat; ich will, hier in unserer
gebildeten, nüchternen, philisterhaften Welt, ich +allein einen
Sklaven haben+, und zwar einen Sklaven, den nicht das Gesetz, nicht
mein Recht oder rohe Gewalt, sondern ganz allein die Macht meiner
Schönheit und meines Wesens willenlos in meine Hand gibt. Das finde
ich pikant. Jedenfalls gehen wir in ein Land, wo man uns nicht kennt,
und wo du daher ohne Anstand vor der Welt als mein Diener auftreten
kannst. Vielleicht nach Italien, nach Rom oder Neapel.“
* * *
Wir saßen auf Wandas Ottomane, sie in der Hermelinjacke, das offene
Haar wie eine Löwenmähne über den Rücken, und sie hing an meinen Lippen
und sog mir die Seele aus dem Leibe. Mir wirbelte der Kopf, das Blut
begann mir zu sieden, mein Herz pochte heftig gegen das ihre.
„Ich will ganz in deiner Hand sein, Wanda,“ rief ich plötzlich, von
jenem Taumel der Leidenschaft ergriffen, in dem ich kaum mehr klar
denken oder frei beschließen kann, „ohne jede Bedingung, ohne jede
Beschränkung deiner Gewalt über mich, ich will mich auf Gnade und
Ungnade deiner Willkür überliefern.“ Während ich dies sprach, war ich
von der Ottomane zu ihren Füßen herabgesunken und blickte trunken zu
ihr empor.
„Wie schön du jetzt bist,“ rief sie, „dein Auge wie in einer Verzückung
halb gebrochen, entzückt mich, reißt mich hin, dein Blick müßte
wunderbar sein, wenn du totgepeitscht würdest, im Verenden. Du hast das
Auge eines Märtyrers.“
* * *
Manchmal wird mir doch etwas unheimlich, mich so ganz, so bedingungslos
in die Hand eines Weibes zu geben. Wenn sie meine Leidenschaft, ihre
Macht mißbraucht?
Nun dann erlebe ich, was seit Kindesbeinen meine Phantasie
beschäftigte, mich stets mit süßem Grauen erfüllte. Törichte Besorgnis!
Es ist ein mutwilliges Spiel, das sie mit mir treibt, mehr nicht.
Sie liebt mich ja, und sie ist so gut, eine noble Natur, jeder
Treulosigkeit unfähig; aber es liegt dann in ihrer Hand -- +sie kann,
wenn sie will+ -- welcher Reiz in diesem Zweifel, dieser Furcht.
* * *
Jetzt verstehe ich die Manon l’Escault und den armen Chevalier, der sie
auch noch als die Maitresse eines anderen, ja auf dem Pranger anbetet.
Die Liebe kennt keine Tugend, kein Verdienst, sie liebt und vergibt und
duldet alles, weil sie muß; nicht unser Urteil leitet uns, nicht die
Vorzüge oder Fehler, welche wir entdecken, reizen uns zur Hingebung
oder schrecken uns zurück.
Es ist eine süße, wehmütige, geheimnisvolle Gewalt, die uns treibt, und
wir hören auf zu denken, zu empfinden, zu wollen, wir lassen uns von
ihr treiben und fragen nicht wohin?
* * *
Auf der Promenade erschien heute zum erstenmal ein russischer Fürst,
welcher durch seine athletische Gestalt, seine schöne Gesichtsbildung,
den Luxus seines Auftretens allgemeines Aufsehen erregte. Die Damen
besonders staunten ihn wie ein wildes Tier an, er aber schritt finster,
niemand beachtend, von zwei Dienern, einem Neger ganz in roten
Atlas gekleidet und einem Tscherkessen in voller blitzender Rüstung
begleitet, durch die Alleen. Plötzlich sah er Wanda, heftete seinen
kalten durchdringenden Blick auf sie, ja wendete den Kopf nach ihr, und
als sie vorüber war, blieb er stehen und sah ihr nach.
Und sie -- sie verschlang ihn nur mit ihren funkelnden grünen Augen --
und bot alles auf, ihm wieder zu begegnen.
Die raffinierte Koketterie, mit der sie ging, sich bewegte, ihn ansah,
schnürte mir den Hals zusammen. Als wir nach Hause gingen, machte ich
eine Bemerkung darüber. Sie runzelte die Stirne.
„Was willst du denn,“ sprach sie, „der Fürst ist ein Mann, der mir
gefallen könnte, der mich sogar blendet, und ich bin frei, ich kann
tun, was ich will --“
„Liebst du mich denn nicht mehr --“ stammelte ich erschrocken.
„Ich liebe nur dich,“ entgegnete sie, „aber ich werde mir von dem
Fürsten den Hof machen lassen.“
„Wanda!“
„Bist du nicht mein Sklave?“ sagte sie ruhig. „Bin ich nicht Venus, die
grausame nordische Venus im Pelz?“
Ich schwieg; ich fühlte mich von ihren Worten förmlich zermalmt, ihr
kalter Blick drang mir wie ein Dolch in das Herz.
„Du wirst sofort den Namen, die Wohnung, alle Verhältnisse des Fürsten
erfragen, verstehst du?“ fuhr sie fort.
„Aber --“
„Keine Einwendung. Gehorche!“ rief Wanda mit einer Strenge, die ich bei
ihr nie für möglich gehalten hätte. „Komme mir nicht unter die Augen,
ehe du alle meine Fragen beantworten kannst.“
Erst Nachmittag konnte ich Wanda die gewünschten Auskünfte bringen.
Sie ließ mich wie einen Bedienten vor sich stehen, während sie mir im
Fauteuil zurückgelehnt lächelnd zuhörte. Dann nickte sie, sie schien
zufrieden.
„Gib mir den Fußschemel!“ befahl sie kurz.
Ich gehorchte und blieb, nachdem ich ihn vor sie gestellt und sie ihre
Füße darauf gesetzt hatte, vor ihr knien.
„Wie wird dies enden?“ fragte ich nach einer kurzen Pause traurig.
Sie brach in ein mutwilliges Gelächter aus. „Es hat ja noch gar nicht
angefangen.“
„Du bist herzloser, als ich dachte,“ erwiderte ich verletzt.
„Severin,“ begann Wanda ernst. „Ich habe noch nichts getan, nicht das
Geringste, und du nennst mich schon herzlos. Wie wird das werden, wenn
ich deine Phantasien erfülle, wenn ich ein lustiges, freies Leben
führe, einen Kreis von Anbetern um mich habe, und ganz dein Ideal, dir
Fußtritte und Peitschenhiebe gebe?“
„Du nimmst meine Phantasie zu ernst.“
„Zu ernst? Sobald ich sie ausführe, kann ich doch nicht beim Scherze
stehen bleiben,“ entgegnete sie, „du weißt, wie verhaßt mir jedes
Spiel, jede Komödie ist. Du hast es so gewollt. War es meine Idee oder
die deine? Habe ich dich dazu verführt oder hast du meine Einbildung
erhitzt? Nun ist es mir allerdings Ernst.“
„Wanda,“ erwiderte ich liebevoll, „höre mich ruhig an. Wir lieben uns
so unendlich, wir sind so glücklich, willst du unsere ganze Zukunft
einer Laune opfern?“
„Es ist keine Laune mehr!“ rief sie.
„Was denn?“ fragte ich erschrocken.
„Es lag wohl in mir,“ sprach sie ruhig, gleichsam nachsinnend,
„vielleicht wäre es nie an das Licht getreten, aber du hast es geweckt,
entwickelt, und jetzt, wo es zu einem mächtigen Trieb geworden ist, wo
es mich ganz erfüllt, wo ich einen Genuß darin finde, wo ich nicht mehr
anders kann und will, jetzt willst du zurück -- du -- bist du ein Mann?“
„Liebe, teure Wanda!“ ich begann sie zu streicheln, zu küssen.
„Laß mich -- du bist kein Mann --“
„Und du!“ brauste ich auf.
„Ich bin eigensinnig,“ sagte sie, „das weißt du. Ich bin nicht im
Phantasieren stark und im Ausführen schwach wie du; wenn ich mir etwas
vornehme, führe ich es aus, und um so gewisser, je mehr Widerstand ich
finde. Laß mich!“
Sie stieß mich von sich und stand auf.
„Wanda!“ Ich erhob mich gleichfalls und stand ihr Aug’ in Auge
gegenüber.
„Du kennst mich jetzt,“ fuhr sie fort, „ich warne dich noch einmal. Du
hast noch die Wahl. Ich zwinge dich nicht, mein Sklave zu werden.“
„Wanda,“ antwortete ich bewegt, mir traten Tränen in die Augen, „du
weißt nicht, wie ich dich liebe.“
Sie zuckte verächtlich die Lippen.
„Du irrst dich, du machst dich häßlicher, als du bist, deine Natur ist
viel zu gut, zu nobel --“
„Was weißt du von meiner Natur,“ unterbrach sie mich heftig, „du sollst
mich noch kennen lernen.“
„Wanda!“
„Entschließe dich, willst du dich fügen, unbedingt?“
„Und wenn ich nein sage.“
„Dann --“
Sie trat kalt und höhnisch auf mich zu, und wie sie jetzt vor mir
stand, die Arme auf der Brust verschränkt, mit dem bösen Lächeln um die
Lippen, war sie in der Tat das despotische Weib meiner Phantasie und
ihre Züge erschienen hart, und in ihrem Blicke lag nichts, was Güte
oder Erbarmen versprach. „Gut --“ sprach sie endlich.
„Du bist böse,“ sagte ich, „du wirst mich peitschen.“
„O nein!“ entgegnete sie, „ich werde dich gehen lassen. Du bist frei.
Ich halte dich nicht.“
„Wanda -- mich, der dich so liebt --“
„Ja, Sie, mein Herr, der Sie mich anbeten,“ rief sie verächtlich, „aber
ein Feigling, ein Lügner, ein Wortbrüchiger sind. Verlassen Sie mich
augenblicklich --“
„Wanda! --“
„Mensch!“
Mir stieg das Blut zum Herzen. Ich warf mich zu ihren Füßen und begann
zu weinen.
„Noch Tränen!“ sie begann zu lachen. O! Dieses Lachen war furchtbar.
„Gehen Sie -- ich will Sie nicht mehr sehen.“
„Mein Gott!“ rief ich außer mir. „Ich will ja alles tun, was du
befiehlst, dein Sklave sein, deine Sache, mit der du nach Willkür
schaltest -- nur stoße mich nicht von dir -- ich gehe zugrunde -- ich
kann nicht leben ohne dich,“ ich umfaßte ihre Knie und bedeckte ihre
Hand mit Küssen.
„Ja, du mußt Sklave sein, die Peitsche fühlen -- denn ein Mann bist du
nicht,“ sprach sie ruhig, und das war es, was mir so an das Herz griff,
daß sie nicht im Zorne, ja nicht einmal erregt, sondern mit voller
Überlegung zu mir sprach. „Ich kenne dich jetzt, deine Hundenatur, die
anbetet, wo sie mit Füßen getreten wird und um so mehr, je mehr sie
mißhandelt wird. Ich kenne dich jetzt, du aber sollst mich erst kennen
lernen.“
Sie ging mit großen Schritten auf und ab, während ich vernichtet auf
meinen Knien liegen blieb, das Haupt war mir herabgesunken, die Tränen
rannen mir herab.
„Komm zu mir,“ herrschte mir Wanda zu, sich auf der Ottomane
niederlassend. Ich folgte ihrem Wink und setzte mich zu ihr. Sie sah
mich finster an, dann wurde ihr Auge plötzlich, gleichsam von innen
heraus erhellt, sie zog mich lächelnd an ihre Brust und begann mir die
Tränen aus den Augen zu küssen.
* * *
Das eben ist das Humoristische meiner Lage, daß ich, wie der Bär in
Lilis Park, fliehen kann und nicht will, daß ich alles dulde, sobald
sie droht, mir die Freiheit zu geben.
* * *
Wenn sie nur einmal wieder die Peitsche in die Hand nehmen würde! Diese
Liebenswürdigkeit, mit der sie mich behandelt, hat etwas Unheimliches
für mich. Ich komme mir wie eine kleine, gefangene Maus vor, mit der
eine schöne Katze zierlich spielt, jeden Augenblick bereit, sie zu
zerreißen, und mein Mausherz droht mir zu zerspringen.
Was hat sie vor? Was wird sie mit mir anfangen?
* * *
Sie scheint den Vertrag, scheint meine Sklaverei vollkommen vergessen
zu haben, oder war es wirklich nur Eigensinn, und sie hat den ganzen
Plan in demselben Augenblicke aufgegeben, wo ich ihr keinen Widerstand
mehr entgegensetzte, wo ich mich ihrer souveränen Laune beugte?
Wie gut sie jetzt gegen mich ist, wie zärtlich, wie liebevoll. Wir
verleben selige Tage.
* * *
Heute ließ sie mich die Szene zwischen Faust und Mephistopheles lesen,
in welcher letzterer als fahrender Skolast erscheint; ihr Blick hing
mit seltsamer Befriedigung an mir.
„Ich verstehe nicht,“ sprach sie, als ich geendet hatte, „wie ein Mann
große und schöne Gedanken im Vortrage so wunderbar klar, so scharf,
so vernünftig auseinandersetzen und dabei ein solcher Phantast, ein
übersinnlicher Schlemihl sein kann.“
„Warst du zufrieden,“ sagte ich und küßte ihre Hand.
Sie strich mir freundlich über die Stirne. „Ich liebe dich, Severin,“
flüsterte sie, „ich glaube, ich könnte keinen anderen Mann mehr lieben.
Wir wollen vernünftig sein, willst du?“
Statt zu antworten, schloß ich sie in meine Arme; ein tief inniges,
wehmütiges Glück erfüllte meine Brust, meine Augen wurden naß, eine
Träne fiel auf ihre Hand herab.
„Wie kannst du weinen!“ rief sie, „du bist ein Kind.“
* * *
Wir begegneten bei einer Spazierfahrt dem russischen Fürsten im Wagen.
Er war offenbar unangenehm überrascht, mich an Wandas Seite zu sehen
und schien sie mit seinen elektrischen, grauen Augen durchbohren zu
wollen, sie aber -- ich hätte in diesem Augenblicke vor ihr niederknien
und ihre Füße küssen mögen -- sie schien ihn nicht zu bemerken,
sie ließ ihren Blick gleichgültig über ihn gleiten, wie über einen
leblosen Gegenstand, einen Baum etwa, und wendete sich dann mit ihrem
liebreizenden Lächeln zu mir.
* * *
Als ich ihr heute gute Nacht sagte, schien sie mir plötzlich ohne jeden
Anlaß zerstreut und verstimmt. Was sie wohl beschäftigen mochte?
„Mir ist leid, daß du gehst,“ sagte sie, als ich schon auf der Schwelle
stand.
„Es liegt ja nur bei dir, die schwere Zeit meiner Prüfung abzukürzen,
gib es auf, mich zu quälen --“ flehte ich.
„Du nimmst also nicht an, daß dieser Zwang auch für mich eine Qual
ist,“ warf Wanda ein.
„So ende sie,“ rief ich, sie umschlingend, „werde mein Weib.“
„+Nie, Severin+,“ sprach sie sanft, aber mit großer Festigkeit.
„Was ist das?“
Ich war bis an das Innerste meiner Seele erschrocken.
„+Du bist kein Mann für mich.+“
Ich sah sie an, zog meinen Arm, welcher noch immer um ihre Taille lag,
langsam zurück und verließ das Gemach, und sie -- sie rief mich nicht
zurück.
* * *
Eine schlaflose Nacht, ich habe so und so viel Entschlüsse gefaßt und
wieder verworfen. Am Morgen schrieb ich einen Brief, worin ich unser
Verhältnis für gelöst erklärte. Mir zitterte die Hand dabei, und wie
ich ihn siegelte, verbrannte ich mir die Finger.
Als ich die Treppe emporstieg, um ihn dem Stubenmädchen zu übergeben,
drohten mir die Knie zu brechen.
Da öffnete sich die Türe und Wanda steckte den Kopf voll Papilloten
heraus.
„Ich bin noch nicht frisiert,“ sprach sie lächelnd. „Was haben Sie da?“
„Einen Brief --“
„An mich?“
Ich nickte.
„Ah! Sie wollen mit mir brechen,“ rief sie spöttisch.
„Haben Sie nicht gestern erklärt, daß ich kein Mann für Sie bin?“
„+Ich wiederhole es Ihnen+,“ sprach sie.
„Also,“ ich zitterte am ganzen Leibe, die Stimme versagte mir, ich
reichte ihr den Brief.
„Behalten Sie ihn,“ sagte sie, mich kalt betrachtend, „Sie vergessen,
daß ja gar nicht mehr davon die Rede ist, ob sie mir als +Mann+
genügen oder nicht, und zum +Sklaven+ sind Sie jedenfalls gut
genug.“
„Gnädige Frau!“ rief ich empört.
„Ja, so haben Sie mich in Zukunft zu nennen,“ erwiderte Wanda, den
Kopf mit unsäglicher Geringschätzung emporwerfend, „ordnen Sie Ihre
Angelegenheiten binnen vierundzwanzig Stunden, ich reise übermorgen
nach Italien, und Sie begleiten mich als mein Diener.“
„Wanda --“
„Ich verbitte mir jede Vertraulichkeit,“ sagte sie, mir scharf das Wort
abschneidend, „ebenso, daß Sie, ohne daß ich rufe oder klingle, bei
mir eintreten und zu mir sprechen, ohne von mir angeredet zu sein. Sie
heißen von nun an nicht mehr Severin, sondern +Gregor+.“
Ich bebte vor Wut und doch -- ich kann es leider nicht leugnen -- auch
vor Genuß und prickelnder Aufregung.
„Aber, Sie kennen doch meine Verhältnisse, gnädige Frau,“ begann ich
verwirrt, „ich bin noch von meinem Vater abhängig und zweifle, daß er
mir eine so große Summe als ich zu dieser Reise brauche --“
„Das heißt, du hast kein Geld, Gregor,“ bemerkte Wanda vergnügt, „um so
besser, dann bist du vollkommen von mir abhängig und in der Tat mein
Sklave.“
„Sie bedenken nicht,“ versuchte ich einzuwenden, „daß ich als Mann von
Ehre unmöglich --“
„Ich habe wohl bedacht,“ erwiderte sie fast im Tone des Befehls, „daß
Sie als Mann von Ehre vor allem Ihren Schwur, Ihr Wort einzulösen
haben, mir als Sklave zu folgen, wohin ich es gebiete, und mir in allem
zu gehorchen, was ich auch befehlen mag. Nun geh, Gregor!“
Ich wendete mich zur Türe.
„Noch nicht -- du darfst mir vorher die Hand küssen,“ damit reichte sie
mir dieselbe mit einer gewissen stolzen Nachlässigkeit zum Kusse, und
ich -- ich Dilettant -- ich Esel -- ich elender Sklave -- preßte sie
mit heftiger Zärtlichkeit an meine von Hitze und Erregung trockenen
Lippen.
Noch ein gnädiges Kopfnicken.
Dann war ich entlassen.
* * *
Ich brannte noch spät am Abend Licht und Feuer im großen, grünen Ofen,
denn ich hatte noch manches an Briefen und Schriften zu ordnen, und
der Herbst war, wie es gewöhnlich bei uns der Fall ist, auf einmal mit
voller Gewalt hereingebrochen.
Plötzlich klopfte sie mit dem Stiel der Peitsche an mein Fenster.
Ich öffnete und sah sie draußen stehen in ihrer mit Hermelin besetzten
Jacke und einer hohen, runden Kosakenmütze von Hermelin, in der Art,
wie sie die große Katharina zu tragen liebte.
„Bist du bereit, Gregor?“ fragte sie finster.
„Noch nicht, Herrin,“ entgegnete ich.
„Das Wort gefällt mir,“ sagte sie hierauf, „du darfst mich immer
Herrin nennen, verstehst du? Morgen früh um 9 Uhr fahren wir hier
fort. Bis zur Kreisstadt bist du mein Begleiter, mein Freund, von dem
Augenblicke, wo wir in den Waggon steigen, -- mein Sklave, mein Diener.
Nun schließe das Fenster und öffne die Türe.“
Nachdem ich getan, wie sie geheißen, und sie hereingetreten war,
fragte sie, die Brauen spöttisch zusammenziehend, „nun, wie gefall’ ich
dir?“
„Du --“
„Wer hat dir das erlaubt,“ sie gab mir einen Hieb mit der Peitsche.
„Sie sind wunderbar schön, Herrin.“
Wanda lächelte und setzte sich in meinen Lehnstuhl. „Knie hier nieder
-- hier neben meinem Sessel.“
Ich gehorchte.
„Küss’ mir die Hand.“
Ich faßte ihre kleine kalte Hand und küßte sie.
„Und den Mund --“
Ich schlang meine Arme in leidenschaftlicher Aufwallung um die schöne,
grausame Frau und bedeckte ihr Antlitz, Mund und Büste mit glühenden
Küssen, und sie gab sie mir mit gleichem Feuer zurück -- die Lider wie
im Traum geschlossen -- bis nach Mitternacht.
* * *
Pünktlich um 9 Uhr morgens, wie sie es befohlen hatte, war alles zur
Abreise bereit, und wir verließen in einer bequemen Kalesche das kleine
Karpathenbad, in dem sich das interessanteste Drama meines Lebens zu
einem Knoten geschürzt hatte, dessen Auflösung damals kaum von jemandem
geahnt werden konnte.
[Illustration]
Noch ging alles gut. Ich saß an Wandas Seite, und sie plauderte auf
das Liebenswürdigste und Geistreichste mit mir, wie mit einem guten
Freunde, über Italien, über Pisemskis neuen Roman und Wagnerische
Musik. Sie trug auf der Reise eine Art Amazone, ein Kleid von
schwarzem Tuche und eine kurze Jacke von gleichem Stoffe mit dunklem
Pelzbesatz, welche sich knapp an ihre schlanken Formen schlossen und
dieselben prächtig hoben, darüber einen dunklen Reisepelz. Das Haar,
in einen antiken Knoten geschlungen, ruhte unter einer kleinen dunklen
Pelzmütze, von welcher ein schwarzer Schleier ringsum herabfiel. Wanda
war sehr gut aufgelegt, steckte mir Bonbons in den Mund, frisierte
mich, löste mein Halstuch und schlang es in eine reizende, kleine
Masche, deckte ihren Pelz über meine Knie, um dann verstohlen die
Finger meiner Hand zusammenzupressen, und wenn unser jüdischer Kutscher
einige Zeit konsequent vor sich hinnickte, gab sie mir sogar einen Kuß
und ihre kalten Lippen hatten dabei jenen frischen, frostigen Duft
einer jungen Rose, welche im Herbste einsam zwischen kahlen Stauden
und gelben Blättern blüht, und deren Kelch der erste Reif mit kleinen,
eisigen Diamanten behangen hat.
* * *
Das ist die Kreisstadt. Wir steigen vor dem Bahnhofe aus. Wanda wirft
ihren Pelz ab und mir mit einem reizenden Lächeln über den Arm, dann
geht sie die Karten lösen.
Wie sie zurückkehrt, ist sie vollkommen verändert.
„Hier ist dein Billett, Gregor,“ spricht sie in dem Tone, in welchem
hochmütige Damen zu ihren Lakaien sprechen.
„Ein Billett dritter Klasse,“ erwidere ich mit komischem Entsetzen.
„Natürlich,“ fährt sie fort, „nun gib aber acht, du steigst erst dann
ein, wenn ich im Coupé bin und deiner nicht mehr bedarf. Auf jeder
Station hast du zu meinem Waggon zu eilen und nach meinen Befehlen zu
fragen. Versäume dies ja nicht. Und nun gib mir meinen Pelz.“
Nachdem ich ihr demütig wie ein Sklave hineingeholfen, suchte sie,
von mir gefolgt, ein leeres Coupé erster Klasse auf, sprang auf meine
Schulter gestützt hinein und ließ sich von mir die Füße in Bärenfelle
einhüllen und auf die Wärmflasche setzen.
Dann nickte sie mir zu und entließ mich. Ich stieg langsam in einen
Waggon dritter Klasse, der mit dem niederträchtigsten Tabaksqualm, wie
die Vorhölle mit dem Nebel des Acheron gefüllt war, und hatte nun
Muße, über die Rätsel des menschlichen Daseins nachzudenken, und über
das größte dieser Rätsel -- +das Weib+.
* * *