So oft der Zug hält, springe ich heraus, laufe zu ihrem Waggon und Venus im Pelz · Capítulo 3 de 3
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So oft der Zug hält, springe ich heraus, laufe zu ihrem Waggon und

So oft der Zug hält, springe ich heraus, laufe zu ihrem Waggon und

erwarte mit abgezogener Mütze ihre Befehle. Sie wünscht bald einen

Kaffee, bald ein Glas Wasser, einmal ein kleines Souper, ein anderesmal

ein Becken mit warmem Wasser, um sich die Hände zu waschen, so geht

es fort, sie läßt sich von ein paar Kavalieren, die in ihr Coupé

gestiegen sind, den Hof machen; ich sterbe vor Eifersucht und muß

Sätze machen wie ein Springbock, um jedesmal das Verlangte rasch zur

Stelle zu schaffen und den Zug nicht zu versäumen. So bricht die Nacht

herein. Ich kann weder einen Bissen essen noch schlafen, atme dieselbe

verzwiebelte Luft mit polnischen Bauern, Handelsjuden und gemeinen

Soldaten, und sie liegt, wenn ich die Stufen ihres Coupé ersteige,

in ihrem behaglichen Pelz auf den Polstern ausgestreckt, mit den

Tierfellen bedeckt, eine orientalische Despotin, und die Herren sitzen

gleich indischen Göttern aufrecht an der Wand und wagen kaum zu atmen.

* * *

In Wien, wo sie einen Tag bleibt, um Einkäufe zu machen, und vor allem

eine Reihe luxuriöser Toiletten anzuschaffen, fährt sie fort, mich als

ihren Bedienten zu behandeln. Ich gehe hinter ihr, respektvoll zehn

Schritte entfernt, sie reicht mir, ohne mich nur eines freundlichen

Blickes zu würdigen, die Pakete und läßt mich zuletzt wie einen Esel

beladen nachkeuchen.

Vor der Abfahrt nimmt sie alle meine Kleider, um sie an die Kellner

des Hotels zu verschenken, und befiehlt mir, ihre Livree anzuziehen,

ein Krakusenkostüm in ihren Farben, hellblau mit rotem Aufschlag und

viereckiger, roter Mütze, mit Pfauenfedern verziert, das mir gar nicht

übel steht.

Die silbernen Knöpfe tragen ihr Wappen. Ich habe das Gefühl, als wäre

ich verkauft oder hätte meine Seele dem Teufel verschrieben.

* * *

Mein schöner Teufel führte mich in einer Tour von Wien bis Florenz,

statt der leinenen Masuren und fettlockigen Juden leisten mir

jetzt krausköpfige Contadini, ein prächtiger Sergeant des ersten

italienischen Grenadierregiments und ein armer deutscher Maler,

Gesellschaft. Der Tabakdampf riecht jetzt nicht mehr nach Zwiebel,

sondern nach Salami und Käse.

Es ist wieder Nacht geworden. Ich liege auf meinem hölzernen Ruhebette

auf der Folter, Arme und Beine sind mir wie zerbrochen. Aber poetisch

ist die Geschichte doch, die Sterne funkeln ringsum, der Sergeant hat

ein Gesicht wie Apollo von Belvedere, und der deutsche Maler singt ein

wunderbares deutsches Lied:

„Nun alle Schatten dunkeln

Und Stern auf Stern erwacht,

Welch Hauch der heißen Sehnsucht

Flutet durch die Nacht!“

„Durch das Meer der Träume

Steuert ohne Ruh’,

Steuert meine Seele

Deiner Seele zu.“

Und ich denke an die schöne Frau, die königlich ruhig in ihren weichen

Pelzen schläft.

* * *

Florenz! Getümmel, Geschrei, zudringliche Fachini und Fiaker. Wanda

wählt einen Wagen und weist die Träger ab.

„Wozu hätte ich denn einen Diener,“ spricht sie, „Gregor -- hier ist

der Schein -- hole das Gepäck.“

Sie wickelt sich in ihren Pelz und sitzt ruhig im Wagen, während

ich die schweren Koffer, einen nach dem anderen herbeitrage. Unter

dem letzten breche ich einen Augenblick zusammen, ein freundlicher

Carabiniere mit intelligentem Gesicht steht mir bei. Sie lacht.

„Der muß schwer sein,“ sagte sie, „denn in dem sind alle meine Pelze.“

Ich steige auf den Bock und wische mir die hellen Tropfen von der

Stirne. Sie nennt das Hotel, der Fiaker treibt sein Pferd an. In

wenigen Minuten halten wir vor der glänzend erleuchteten Einfahrt.

„Sind Zimmer da?“ fragt sie den Portier.

„Ja, Madame.“

„Zwei für mich, eines für meinen Diener, alle mit Öfen.“

„Zwei elegante, Madame, beide mit Kaminen für Sie,“ entgegnete der

Garçon, der herbeigeeilt ist, „und eines ohne Heizung für den

Bedienten.“

„Zeigen Sie mir die Zimmer.“

Sie besichtigt sie, dann sagt sie kurzweg: „Gut. Ich bin zufrieden,

machen Sie nur rasch Feuer, der Diener kann im ungeheizten Zimmer

schlafen.“

Ich sehe sie nur an.

„Bringe die Koffer herauf, Gregor,“ befiehlt sie, ohne meine Blicke zu

beachten, „ich mache indes Toilette und gehe in den Speisesaal hinab.

Du kannst dann auch etwas zu Nacht essen.“

Während sie in das Nebenzimmer geht, schleppe ich die Koffer herauf,

helfe dem Garçon, der mich über meine „Herrschaft“ in schlechtem

Französisch auszufragen versucht, in ihrem Schlafzimmer Feuer machen

und sehe einen Augenblick mit stillem Neide den flackernden Kamin, das

duftige, weiße Himmelbett, die Teppiche, mit denen der Boden belegt

ist. Dann steige ich müde und hungrig eine Treppe hinab und verlange

etwas zu essen. Ein gutmütiger Kellner, der österreichischer Soldat

war und sich alle Mühe gibt, mich deutsch zu unterhalten, führt mich

in den Speisesaal und bedient mich. Eben habe ich nach sechsunddreißig

Stunden den ersten frischen Trunk getan, den ersten warmen Bissen auf

der Gabel, als sie hereintritt.

Ich erhebe mich.

[Illustration]

„Wie können Sie mich in ein Speisezimmer führen, in dem mein Bedienter

ißt,“ fährt sie den Garçon an, vor Zorn flammend, dreht sich um und

geht hinaus.

Ich danke indes dem Himmel, daß ich wenigstens ruhig weiteressen kann.

Hierauf steige ich vier Treppen zu meinem Zimmer empor, in dem bereits

mein kleiner Koffer steht und ein schmutziges Öllämpchen brennt, es

ist ein schmales Zimmer ohne Kamin, ohne Fenster, mit einem kleinen

Luftloch. Es würde mich -- wenn es nicht so hundekalt wäre -- an die

venetianischen Bleikammern erinnern. Ich muß unwillkürlich laut lachen,

so daß es widerhallt und ich über mein eigenes Gelächter erschrecke.

Plötzlich wird die Türe aufgerissen und der Garçon mit einer

theatralischen Geste, echt italienisch, ruft: „Sie sollen zu Madame

hinabkommen, augenblicklich!“ Ich nehme meine Mütze, stolpere einige

Stufen hinab, komme endlich glücklich im ersten Stockwerke vor ihrer

Türe an und klopfe.

„Herein!“

* * *

Ich trete ein, schließe und bleibe an der Türe stehen.

Wanda hat es sich bequem gemacht, sie sitzt im Negligé von weißer

Mousseline und Spitzen auf einem kleinen, roten Samtdiwan, die Füße auf

einem Polster von gleichem Stoffe und hat ihren Pelzmantel umgeworfen,

denselben, in dem sie mir zuerst als Göttin der Liebe erschien.

Die gelben Lichter der Armleuchter, die auf dem Trumeau stehen, ihre

Reflexe in dem großen Spiegel und die roten Flammen des Kaminfeuers

spielen herrlich auf dem grünen Samt, dem dunkelbraunen Zobel des

Mantels, auf der weißen, glatt gespannten Haut und in dem roten,

flammenden Haare der schönen Frau, welche mir ihr helles, aber kaltes

Antlitz zukehrt und ihre kalten, grünen Augen auf mir ruhen läßt.

„Ich bin mit dir zufrieden, Gregor,“ begann sie.

Ich verneigte mich.

„Komm näher.“

Ich gehorchte.

„Noch näher,“ sie blickte hinab und strich mit der Hand über den

Zobel. „Venus im Pelz empfängt ihren Sklaven. Ich sehe, daß Sie doch

mehr sind als ein gewöhnlicher Phantast, Sie bleiben mindestens hinter

Ihren Träumen nicht zurück, Sie sind der Mann, was Sie sich auch

einbilden mögen, und wäre es das Tollste, auszuführen; ich gestehe,

das gefällt mir, das imponiert mir. Es liegt Stärke darin, und nur

die Stärke achtet man. Ich glaube sogar, Sie würden in ungewöhnlichen

Verhältnissen, in einer großen Zeit, das was Ihre Schwäche scheint,

als eine wunderbare Kraft offenbaren. Unter den ersten Kaisern wären

Sie ein Märtyrer, zur Zeit der Reformation ein Anabaptist, in der

französischen Revolution einer jener begeisterten Girondisten geworden,

die mit der Marseillaise auf den Lippen die Guillotine bestiegen. So

aber sind Sie mein Sklave, mein --“

Sie sprang plötzlich auf, so daß der Pelz herabsank, und schlang die

Arme mit sanfter Gewalt um meinen Hals.

„Mein geliebter Sklave, Severin, o! wie ich dich liebe, wie ich dich

anbete, wie schmuck du in dem Krakauerkostüme aussiehst, aber du wirst

heute Nacht frieren in dem elenden Zimmer da oben ohne Kamin, soll ich

dir meinen Pelz geben, mein Herzchen, den großen da --“

Sie hob ihn rasch auf, warf ihn mir auf die Schultern und hatte mich,

ehe ich mich versah, vollkommen darin eingewickelt.

„Ah! wie gut das Pelzwerk dir zu Gesichte steht, deine noblen Züge

treten erst recht hervor. Sobald du nicht mehr mein Sklave bist, wirst

du einen Samtrock tragen mit Zobel, verstehst du, sonst ziehe ich nie

mehr eine Pelzjacke an --“

Und wieder begann sie mich zu streicheln, zu küssen und zog mich

endlich auf den kleinen Samtdiwan nieder.

„Du gefällst dir, glaube ich, in dem Pelze,“ sagte sie, „gib ihn mir,

rasch, rasch, sonst verliere ich ganz das Gefühl meiner Würde.“

Ich legte den Pelz um sie, und Wanda schlüpfte mit dem rechten Arme in

den Ärmel.

„So ist es auf dem Bilde von Titian. Nun aber genug des Scherzes. Sieh

doch nicht immer so unglücklich drein, das macht mich traurig, du bist

ja vorläufig nur für die Welt mein Diener, mein Sklave bist du noch

nicht, du hast den Vertrag noch nicht unterzeichnet, du bist noch frei,

kannst mich jeden Augenblick verlassen; du hast deine Rolle herrlich

gespielt. Ich war entzückt, aber hast du es nicht schon satt, findest

du mich nicht abscheulich? Nun, so sprich doch -- ich befehle es dir.“

„Muß ich es dir gestehen, Wanda?“ begann ich.

„Ja, du mußt.“

„Und wenn du es dann auch mißbrauchst,“ fuhr ich fort, „ich bin

verliebter als je in dich, und ich werde dich immer mehr, immer

fanatischer verehren, anbeten, je mehr du mich mißhandelst, so wie du

jetzt gegen mich warst, entzündest du mein Blut, berauschest du alle

meine Sinne“ -- ich preßte sie an mich und hing einige Augenblicke

an ihren feuchten Lippen -- „du schönes Weib,“ rief ich dann, sie

betrachtend, und riß in meinem Enthusiasmus den Zobelpelz von ihren

Schultern und preßte meinen Mund auf ihren Nacken.

„Du liebst mich also, wenn ich grausam bin,“ sprach Wanda, „geh jetzt!

-- du langweilst mich -- hörst du nicht --“

Sie gab mir eine Ohrfeige, daß es mir in dem Auge blitzte und im Ohr

läutete.

„Hilf mir in meinen Pelz, Sklave.“

Ich half, so gut ich konnte.

„Wie ungeschickt,“ rief sie, und kaum hatte sie ihn an, schlug sie mich

wieder ins Gesicht. Ich fühlte es, wie ich mich entfärbte.

„Habe ich dir weh getan?“ fragte sie und legte die Hand sanft auf mich.

„Nein, nein,“ rief ich.

„Du darfst dich allerdings nicht beklagen, du willst es ja so; nun, gib

mir noch einen Kuß.“

Ich schlang die Arme um sie, und ihre Lippen sogen sich an den meinen

fest, und wie sie in dem großen, schweren Pelze an meiner Brust lag,

hatte ich ein seltsames, beklemmendes Gefühl, wie wenn mich ein wildes

Tier, eine Bärin umarmen würde, und mir war es, als müßte ich jetzt

ihre Krallen in meinem Fleische fühlen. Aber für diesmal entließ mich

die Bärin gnädig.

Die Brust von lachenden Hoffnungen erfüllt, stieg ich in mein elendes

Bedientenzimmer und warf mich auf mein hartes Bett.

„Das Leben ist doch eigentlich urkomisch,“ dachte ich mir, „vor kurzem

hat noch das schönste Weib, Venus selbst, an deiner Brust geruht, und

jetzt hast du Gelegenheit, die Hölle der Chinesen zu studieren, welche

die Verdammten nicht, gleich uns, in die Flammen werfen, sondern durch

die Teufel auf Eisfelder treiben lassen.

Wahrscheinlich haben ihre Religionsstifter auch in ungeheizten Zimmern

geschlafen.“

* * *

Ich bin heute Nacht mit einem Schrei aus dem Schlafe aufgeschreckt,

ich habe von einem Eisfelde geträumt, auf dem ich mich verirrt hatte

und vergebens den Ausweg suchte. Plötzlich kam ein Eskimo in einem mit

Renntier bespannten Schlitten und hatte das Gesicht des Garçons, der

mir das ungeheizte Zimmer angewiesen.

„Was suchen Sie hier, Monsieur?“ rief er, „hier ist der Nordpol.“

Im nächsten Augenblicke war er verschwunden, und Wanda flog auf kleinen

Schlittschuhen über die Eisfläche heran, ihr weißer Atlasrock flatterte

und knisterte, der Hermelin ihrer Jacke und Mütze, vor allem aber ihr

Antlitz schimmerte weißer als der weiße Schnee, sie schoß auf mich zu,

schloß mich in ihre Arme und begann mich zu küssen, plötzlich fühlte

ich mein Blut warm an mir herabrieseln.

„Was tust du?“ fragte ich entsetzt.

Sie lachte, und wie ich sie jetzt ansah, war es nicht mehr Wanda,

sondern eine große, weiße Bärin, welche ihre Tatzen in meinen Leib

bohrte.

Ich schrie verzweifelt auf und hörte ihr teuflisches Gelächter noch,

als ich erwacht war und erstaunt im Zimmer herumsah.

* * *

Früh am Morgen stand ich bereits an Wandas Türe, und als der Garçon den

Kaffee brachte, nahm ich ihm denselben und servierte ihn meiner schönen

Herrin. Sie hatte bereits Toilette gemacht und sah prächtig aus, frisch

und rosig, lächelte mir freundlich zu und rief mich zurück, als ich

mich respektvoll entfernen wollte.

„Nimm auch rasch dein Frühstück, Gregor,“ sprach sie, „wir gehen dann

sofort Wohnungen suchen, ich will so kurz als möglich im Hotel bleiben,

hier sind wir furchtbar geniert, und wenn ich etwas länger mit dir

plaudre, heißt es gleich: die Russin hat mit ihrem Bedienten ein

Liebesverhältnis, man sieht, die Rasse der Katharina stirbt nicht aus.“

Eine halbe Stunde später gingen wir aus, Wanda in ihrem Tuchkleide,

ihrer russischen Mütze, ich in meinem Krakauerkostüm. Wir erregten

Aufsehen. Ich ging etwa zehn Schritte entfernt hinter ihr und machte

ein finsteres Gesicht, während ich jede Sekunde in lautes Lachen

auszubrechen fürchtete. Es gab kaum eine Straße, in der nicht an

einem der hübschen Häuser eine kleine Tafel mit dem „~Camere

ammobiliate~“ prangte. Wanda sendete mich jedesmal die Treppe

hinauf, und nur wenn ich die Meldung machte, daß die Wohnung ihren

Absichten zu entsprechen scheine, stieg sie selbst empor. So war ich um

Mittag herum bereits so müde, wie ein Jagdhund nach einer Parforcejagd.

Wieder traten wir in ein Haus und wieder verließen wir es, ohne eine

passende Wohnung gefunden zu haben. Wanda war bereits etwas ärgerlich.

Plötzlich sagte sie zu mir: „Severin, der Ernst, mit dem du deine Rolle

spielst, ist reizend, und der Zwang, den wir uns auferlegt haben, regt

mich geradezu auf, ich halte es nicht mehr aus, du bist zu lieb, ich

muß dir einen Kuß geben. Komm in ein Haus hinein.“

„Aber gnädige Frau --“ wendete ich ein.

„Gregor!“ sie trat in die nächste offene Flur, ging einige Stufen der

dunklen Stiege hinauf, schlang dann mit heißer Zärtlichkeit die Arme um

mich und küßte mich.

[Illustration]

„Ach! Severin, du warst sehr klug, du bist als Sklave weit

gefährlicher, als ich dachte, ja, ich finde dich unwiderstehlich, ich

fürchte, ich werde mich noch einmal in dich verlieben.“

„Liebst du mich denn nicht mehr?“ fragte ich, von einem jähen Schrecken

ergriffen.

Sie schüttelte ernsthaft den Kopf, küßte mich aber wieder mit ihren

schwellenden, köstlichen Lippen.

Wir kehrten in das Hotel zurück. Wanda nahm das Gabelfrühstück und

gebot mir, ebenfalls rasch etwas zu essen.

Ich wurde aber selbstverständlich nicht so rasch bedient wie sie, und

so geschah es, daß ich eben den zweiten Bissen meines Beefsteaks zum

Munde führte, als der Garçon eintrat und mit seiner theatralischen

Geste rief: „Augenblicklich zu Madame.“

Ich nahm einen raschen und schmerzlichen Abschied von meinem Frühstück

und eilte müde und hungrig Wanda nach, welche bereits in der Straße

stand.

„Für so grausam habe ich Sie doch nicht gehalten, Herrin,“ sagte ich

vorwurfsvoll, „daß Sie mich nach allen diesen Fatiguen nicht einmal

ruhig essen lassen.“

Wanda lachte herzlich. „Ich dachte, du bist fertig,“ sprach sie, „aber

es ist auch so gut. Der Mensch ist zum Leiden geboren und du ganz

besonders. Die Märtyrer haben auch keine Beefsteaks gegessen.“

Ich folgte ihr grollend, in meinen Hunger verbissen.

„Ich habe die Idee, eine Wohnung in der Stadt zu nehmen, aufgegeben,“

fuhr Wanda fort, „man findet schwer ein ganzes Stockwerk, in dem man

abgeschlossen ist und tun kann, was man will. Bei einem so seltsamen,

phantastischen Verhältnisse, wie es das unsere ist, muß alles

zusammenstimmen. Ich werde eine ganze Villa mieten und -- nun, warte

nur, du wirst staunen. Ich erlaube dir jetzt, dich satt zu essen und

dich dann etwas in Florenz umzusehen. Vor dem Abend komme ich nicht

nach Hause. Wenn ich dich dann brauche, werde ich dich schon rufen

lassen.“

* * *

Ich habe den Dom gesehen, den Palazzo vecchio, die Loggia di Lanzi und

bin dann lange am Arno gestanden. Immer wieder ließ ich meinen Blick

auf dem herrlichen, altertümlichen Florenz ruhen, dessen runde Kuppeln

und Türme sich weich in den blauen, wolkenlosen Himmel zeichneten, auf

den prächtigen Brücken, durch deren weite Bogen der schöne, gelbe Fluß

seine lebhaften Wellen trieb, auf den grünen Hügeln, welche, schlanke

Zypressen und weitläufige Gebäude, Paläste oder Klöster tragend, die

Stadt umgeben.

Es ist eine andere Welt, in der wir uns befinden, eine heitere,

sinnliche und lachende. Auch die Landschaft hat nichts von dem Ernst,

der Schwermut der unseren. Da ist weithin, bis zu den letzten weißen

Villen, die im hellgrünen Gebirge zerstreut sind, kein Fleckchen, das

die Sonne nicht in das hellste Licht setzen würde, und die Menschen

sind weniger ernst wie wir, und mögen weniger denken, sie sehen aber

alle aus, wie wenn sie glücklich wären.

Man behauptet auch, daß man im Süden leichter stirbt.

Mir ahnt jetzt, daß es eine Schönheit gibt ohne Stachel und eine

Sinnlichkeit ohne Qual.

Wanda hat eine allerliebste kleine Villa auf einem der reizenden Hügel

an dem linken Ufer des Arno, gegenüber der Cascine, entdeckt und für

den Winter gemietet. Dieselbe liegt in einem hübschen Garten mit

reizenden Laubgängen, Grasplätzen und einer herrlichen Camelienflur.

Sie hat nur ein Stockwerk und ist im italienischen Stile im Viereck

erbaut; die eine Front entlang läuft eine offene Galerie, eine Art

Loggia mit Gypsabgüssen antiker Statuen, von der steinerne Stufen in

den Garten hinabführen. Aus der Galerie gelangt man in ein Badezimmer

mit einem herrlichen Marmorbassin, aus dem eine Wendeltreppe in das

Schlafgemach der Herrin führt.

Wanda bewohnt das erste Stockwerk allein.

Mir wurde ein Zimmer ebener Erde angewiesen, es ist sehr hübsch und hat

sogar einen Kamin.

Ich habe den Garten durchstreift und auf einem runden Hügel einen

kleinen Tempel entdeckt, dessen Tor ich verschlossen fand; aber das Tor

hat eine Ritze, und wie ich das Auge an dieselbe lege, sehe ich auf

weißem Piedestal die Liebesgöttin stehen.

Mich ergreift ein leiser Schauer. Mir ist, als lächle sie mir zu: „Bist

du da? Ich habe dich erwartet.“

* * *

Es ist Abend. Eine hübsche kleine Zofe bringt mir den Befehl, vor

der Herrin zu erscheinen. Ich steige die breite Marmortreppe empor,

gehe durch den Vorsaal, einen großen mit verschwenderischer Pracht

eingerichteten Salon und klopfe an die Türe des Schlafgemachs. Ich

klopfe sehr leise, denn der Luxus, den ich überall entfaltet sehe,

beängstigt mich, und so werde ich nicht gehört und stehe einige Zeit

vor der Türe. Mir ist zumute, als stände ich vor dem Schlafgemach

der großen Katharina und als müßte sie jeden Augenblick im grünen

Schlafpelz mit dem roten Ordensbande auf der bloßen Brust und mit ihren

kleinen, weißen, gepuderten Löckchen heraustreten.

Ich klopfe wieder. Wanda reißt ungeduldig den Flügel auf.

„Warum so spät?“ fragt sie.

„Ich stand vor der Türe, du hast mein Klopfen nicht gehört,“ entgegne

ich schüchtern. Sie schließt die Türe, hängt sich in mich ein und führt

mich zu der rotdamastenen Ottomane, auf der sie geruht hat. Die ganze

Einrichtung des Zimmers, Tapeten, Vorhänge, Portieren, Himmelbett,

alles ist von rotem Damast, und die Decke bildet ein herrliches

Gemälde, Simson und Delila.

Wanda empfängt mich in einem betörenden Deshabillee, das weiße

Atlasgewand fließt leicht und malerisch an ihrem schlanken Leib herab

und läßt Arme und Büste bloß, welche sich weich und nachlässig in die

dunklen Felle des großen grünsamtenen Zobelpelzes schmiegen. Ihr rotes

Haar fällt, halb offen, von Schnüren schwarzer Perlen gehalten, über

den Rücken bis zur Hüfte herab.

„Venus im Pelz,“ flüstre ich, während sie mich an ihre Brust zieht und

mit ihren Küssen zu ersticken droht. Dann spreche ich kein Wort mehr

und denke auch nicht mehr, alles geht unter in einem Meere niegeahnter

Seligkeit.

Wanda machte sich endlich sanft los und betrachtete sich, auf den einen

Arm gestützt. Ich war zu ihren Füßen herabgesunken, sie zog mich an

sich und spielte mit meinem Haare.

„Liebst du mich noch?“ fragte sie, ihr Auge verschwamm in süßer

Leidenschaft.

„Du fragst!“ rief ich.

„Erinnerst du dich noch deines Schwures,“ fuhr sie mit einem reizenden

Lächeln fort, „nun, da alles eingerichtet, alles bereit ist, frage ich

dich noch einmal: ist es wirklich dein Ernst, mein Sklave zu werden?“

„Bin ich es denn nicht bereits?“ fragte ich erstaunt.

„Du hast die Dokumente noch nicht unterschrieben.“

„Dokumente -- was für Dokumente?“

„Ah! ich sehe, du denkst nicht mehr daran,“ sagte sie, „also lassen wir

es bleiben.“

„Aber Wanda,“ sprach ich, „du weißt ja, daß ich keine größere Seligkeit

kenne, als dir zu dienen, dein Sklave zu sein, und daß ich alles um

das Gefühl geben würde, mich ganz in deiner Hand zu wissen, mein Leben

sogar --“

„Wie du schön bist,“ flüsterte sie, „wenn du so begeistert bist, wenn

du so leidenschaftlich sprichst. Ach! ich bin mehr als je in dich

verliebt und da soll ich herrisch sein gegen dich und strenge und

grausam, ich fürchte, ich werde es nicht können.“

„Mir ist nicht bange darum,“ entgegnete ich lächelnd, „wo hast du also

die Dokumente?“

„Hier,“ sie zog sie halb verschämt aus ihrem Busen hervor und reichte

sie mir.

„Damit du das Gefühl hast, ganz in meiner Hand zu sein, habe ich

noch ein zweites Dokument aufgesetzt, in welchem du erklärst, daß du

entschlossen bist, dir das Leben zu nehmen. Ich kann dich dann sogar

töten, wenn ich will.“

„Gib.“

Während ich die Dokumente entfaltete und zu lesen begann, holte Wanda

Tinte und Feder, dann setzte sie sich zu mir, legte den Arm um meinen

Nacken und blickte über meine Schultern in das Papier.

Das erste lautete:

=Vertrag zwischen Frau Wanda von Dunajew und Herrn Severin von

Kusiemski.=

Herr Severin von Kusiemski hört mit dem heutigen Tage auf, der

Bräutigam der Frau Wanda von Dunajew zu sein und verzichtet auf

alle seine Rechte als Geliebter; er verpflichtet sich dagegen mit

seinem Ehrenworte als Mann und Edelmann, fortan der +Sklave+

derselben zu sein und zwar so lange sie ihm nicht selbst die

Freiheit zurückgibt.

Er hat als der Sklave der Frau von Dunajew den Namen Gregor zu

führen, unbedingt jeden ihrer Wünsche zu erfüllen, jedem ihrer

Befehle zu gehorchen, seiner Herrin mit Unterwürfigkeit zu

begegnen, jedes Zeichen ihrer Gunst als eine außerordentliche Gnade

anzusehen.

Frau von Dunajew darf ihren Sklaven nicht allein bei dem geringsten

Versehen oder Vergehen nach Gutdünken strafen, sondern sie hat

auch das Recht, ihn nach Laune oder nur zu ihrem Zeitvertreib zu

mißhandeln, wie es ihr eben gefällt, ja sogar zu töten, wenn es ihr

beliebt, kurz, er ist ihr unbeschränktes Eigentum.

Sollte Frau von Dunajew ihrem Sklaven je die Freiheit schenken, so

hat Herr Severin von Kusiemski alles, was er als Sklave erfahren

oder erduldet, zu vergessen und +nie und niemals, unter keinen

Umständen und in keiner Weise an Rache oder Wiedervergeltung zu

denken+.

Frau von Dunajew verspricht dagegen, als seine Herrin so oft als

möglich im Pelz zu erscheinen, besonders wenn sie gegen ihren

Sklaven grausam sein wird.“

Unter dem Vertrage stand das Datum des heutigen Tages.

Das zweite Dokument entielt nur wenige Worte.

„Seit Jahren des Daseins und seiner Täuschungen überdrüssig, habe ich

meinem wertlosen Leben freiwillig ein Ende gemacht.“

Mich faßte ein tiefes Grauen, als ich zu Ende war, noch war es Zeit,

noch konnte ich zurück, aber der Wahnsinn der Leidenschaft, der Anblick

des schönen Weibes, das aufgelöst an meiner Schulter lehnte, rissen

mich fort.

„Dieses hier mußt du zuerst abschreiben, Severin,“ sprach Wanda, auf

das zweite Dokument deutend, „es muß vollkommen in deinen Schriftzügen

abgefaßt sein, bei dem Vertrage ist das natürlich nicht nötig.“

Ich kopierte rasch die wenigen Zeilen, in denen ich mich als

Selbstmörder bezeichnete, und gab sie Wanda. Sie las und legte sie dann

lächelnd auf den Tisch.

„Nun, hast du den Mut, das zu unterzeichnen?“ fragte sie, den Kopf

neigend, mit einem feinen Lächeln.

Ich nahm die Feder.

„Laß mich zuerst,“ sprach Wanda, „dir zittert die Hand, fürchtest du

dich so sehr vor deinem Glück?“

Sie nahm den Vertrag und die Feder -- ich blickte im Kampfe mit

mir selbst einen Augenblick empor und jetzt erst fiel mir, wie auf

vielen Gemälden italienischer und holländischer Schule, der durchaus

unhistorische Charakter des Deckengemäldes auf, der demselben ein

seltsames, für mich geradezu unheimliches Gepräge gab. Delila, eine

üppige Dame mit flammendem roten Haare, liegt halb entkleidet in einem

dunklen Pelzmantel auf einer roten Ottomane und beugt sich lächelnd

zu Simson herab, den die Philister niedergeworfen und gebunden

haben. Ihr Lächeln ist in seiner spöttischen Koketterie von wahrhaft

infernalischer Grausamkeit, ihr Auge, halb geschlossen, begegnet jenem

Simsons, das noch im letzten Blicke mit wahnsinniger Liebe an dem ihren

hängt, denn schon kniet einer der Feinde auf seiner Brust, bereit, ihm

das glühende Eisen hineinzustoßen.

„So --“ rief Wanda, „du bist ja ganz verloren, was hast du nur, es

bleibt ja doch alles beim Alten, auch wenn du unterschrieben hast,

kennst du mich denn noch immer nicht, Herzchen?“

Ich blickte in den Vertrag. Da stand in großen kühnen Zügen ihr Name.

Noch einmal schaute ich in ihr zauberkräftiges Auge, dann nahm ich die

Feder und unterschrieb rasch den Vertrag.

„Du hast gezittert,“ sprach Wanda ruhig, „soll ich dir die Feder

führen?“

Sie faßte in demselben Augenblick sanft meine Hand, und da stand mein

Name auch auf dem zweiten Papier. Wanda sah beide Dokumente noch einmal

an und schloß sie dann in den Tisch, welcher zu Häupten der Ottomane

stand.

„So -- nun gib mir noch deinen Paß und dein Geld.“

Ich ziehe meine Brieftasche hervor und reiche sie ihr, sie blickt

hinein, nickt und legt sie zu dem Übrigen, während ich vor ihr knie und

mein Haupt in süßer Trunkenheit an ihrer Brust ruhen lasse.

Da stößt sie mich plötzlich mit dem Fuße von sich, springt auf und

zieht die Glocke, auf deren Ton drei junge, schlanke Negerinnen,

wie aus Ebenholz geschnitzt und ganz in roten Atlas gekleidet,

hereintreten, jede einen Strick in der Hand.

[Illustration]

Jetzt begreife ich auf einmal meine Lage und will mich erheben, aber

Wanda, welche, hoch aufgerichtet, ihr kaltes, schönes Antlitz mit

den finsteren Brauen, den höhnischen Augen mir zugewendet, als

Herrin gebietend vor mir steht, winkt mit der Hand, und ehe ich noch

recht weiß, was mit mir geschieht, haben mich die Negerinnen zu Boden

gerissen, mir Beine und Hände fest zusammengeschnürt und die Arme wie

einem, der hingerichtet werden soll, auf den Rücken gebunden, so daß

ich mich kaum bewegen kann.

„Gib mir die Peitsche, Haydée,“ befiehlt Wanda mit unheimlicher Ruhe.

Die Negerin reicht sie kniend der Gebieterin.

„Und nimm mir den schweren Pelz ab,“ fährt diese fort, „er hindert

mich.“

Die Negerin gehorchte.

„Die Jacke dort!“ befahl Wanda weiter.

Haydée brachte rasch die hermelinbesetzte Kazabaika, welche auf dem

Bette lag, und Wanda schlüpfte mit zwei unnachahmlich reizenden

Bewegungen hinein.

„Bindet ihn an die Säule hier.“

Die Negerinnen heben mich auf, schlingen ein dickes Seil um meinen Leib

und binden mich stehend an eine der massiven Säulen, welche den Himmel

des breiten italienischen Bettes tragen.

Dann sind sie auf einmal verschwunden, wie wenn die Erde sie

verschlungen hätte.

Wanda tritt rasch auf mich zu, das weiße Atlasgewand fließt ihr in

langer Schleppe wie Silber, wie Mondlicht nach, ihre Haare lodern

gleich Flammen auf dem weißen Pelz der Jacke; jetzt steht sie vor mir,

die linke Hand in die Seite gestemmt, in der Rechten die Peitsche, und

stößt ein kurzes Lachen aus.

„Jetzt hat das Spiel zwischen uns aufgehört,“ spricht sie mit herzloser

Kälte, „jetzt ist es Ernst, du Tor! den ich verlache und verachte, der

sich +mir+, dem übermütigen, launischen Weibe, in wahnsinniger

Verblendung als Spielzeug hingegeben. Du bist nicht mehr mein

Geliebter, sondern +mein Sklave+, auf Tod und Leben meiner Willkür

preisgegeben.

Du sollst mich kennen lernen!

Vor allem wirst du mir jetzt einmal im Ernste die Peitsche kosten, ohne

daß du etwas verschuldet hast, damit du begreifst, was dich erwartet,

wenn du dich ungeschickt, ungehorsam oder widerspenstig zeigst.“

Sie schürzte hierauf mit wilder Grazie den pelzbesetzten Ärmel auf und

hieb mich über den Rücken.

Ich zuckte zusammen, die Peitsche schnitt wie ein Messer in mein

Fleisch.

„Nun, wie gefällt dir das?“ rief sie.

Ich schwieg.

„Wart’ nur, du sollst mir noch wie ein Hund wimmern unter der

Peitsche,“ drohte sie und begann mich zugleich zu peitschen.

Die Hiebe fielen rasch und dicht, mit entsetzlicher Gewalt auf meinen

Rücken, meine Arme, meinen Nacken, ich biß die Zähne zusammen, um nicht

aufzuschreien. Jetzt traf sie mich ins Gesicht, das warme Blut rann mir

herab, sie aber lachte und peitschte fort.

„Jetzt erst versteh ich dich,“ rief sie dazwischen, „es ist wirklich

ein Genuß, einen Menschen so in seiner Gewalt zu haben und noch dazu

einen Mann, der mich liebt -- du liebst mich doch? -- Nicht -- Oh! ich

zerfleische dich noch, so wächst mir bei jedem Hiebe das Vergnügen;

nun krümme dich doch ein wenig, schreie, wimmere! Bei mir sollst du

kein Erbarmen finden.“

Endlich scheint sie müde.

Sie wirft die Peitsche weg, streckt sich auf der Ottomane aus und

klingelt.

Die Negerinnen treten ein.

„Bindet ihn los.“

[Illustration]

Wie sie mir das Seil lösen, schlage ich wie ein Stück Holz zu Boden.

Die schwarzen Weiber lachen und zeigen die weißen Zähne.

„Löst ihm die Stricke an den Füßen.“

Es geschieht. Ich kann mich erheben.

„Komm zu mir, Gregor.“

Ich nähere mich dem schönen Weibe, das mir noch nie so verführerisch

erschien wie heute in seiner Grausamkeit, in seinem Hohne.

„Noch einen Schritt,“ gebietet Wanda, „knie nieder und küsse mir den

Fuß.“

Sie streckt den Fuß unter dem weißen Atlassaum hervor und ich

übersinnlicher Tor presse meine Lippen darauf.

„Du wirst mich jetzt einen ganzen Monat nicht sehen, Gregor,“ spricht

sie ernst, „damit ich dir fremd werde, du dich leichter in deine neue

Stellung mir gegenüber findest; du wirst während dieser Zeit im Garten

arbeiten und meine Befehle erwarten. Und nun marsch, Sklave!“

* * *

Ein Monat ist in monotoner Regelmäßigkeit, in schwerer Arbeit, in

schwermütiger Sehnsucht vergangen, in Sehnsucht nach ihr, die mir alle

diese Leiden bereitet. Ich bin dem Gärtner zugewiesen, helfe ihm die

Bäume, die Hecken stutzen, die Blumen umsetzen, die Beete umgraben, die

Kieswege kehren, teile seine grobe Kost und sein hartes Lager, bin mit

den Hühnern auf und gehe mit den Hühnern zur Ruhe, und höre von Zeit

zu Zeit, daß unsere Herrin sich amüsiert, daß sie von Anbetern umringt

ist, und einmal höre ich sogar ihr mutwilliges Lachen bis in den Garten

hinab.

Ich komme mir so dumm vor. Bin ich es bei diesem Leben geworden oder

war ich es schon vorher? Der Monat geht zu Ende, übermorgen -- was wird

sie nun mit mir beginnen, oder hat sie mich vergessen, und ich kann bis

zu meinem seligen Ende Hecken stutzen und Bukette binden?

* * *

Ein schriftlicher Befehl.

„Der Sklave Gregor wird hiermit zu meinem persönlichen Dienst befohlen.

Wanda Dunajew.“

* * *

Mit klopfendem Herzen teile ich am nächsten Morgen die damastene

Gardine und trete in das Schlafgemach meiner Göttin, das noch von

holdem Halbdunkel erfüllt ist.

„Bist du es, Gregor?“ fragt sie, während ich vor dem Kamin knie und

Feuer mache. Ich erzitterte bei dem Tone der geliebten Stimme. Sie

selbst kann ich nicht sehen, sie ruht unnahbar hinter den Vorhängen des

Himmelbettes.

„Ja, gnädige Frau,“ antworte ich.

„Wie spät?“

„Neun Uhr vorbei.“

„Das Frühstück.“

Ich eile es zu holen und knie dann mit dem Kaffeebrett vor ihrem Bette

nieder.

„Hier ist das Frühstück, Herrin.“

Wanda schlägt die Vorhänge zurück und seltsam, wie ich sie in ihren

weißen Kissen mit dem aufgelösten flutenden Haare sehe, erscheint sie

mir im ersten Augenblick vollkommen fremd, ein schönes Weib; aber die

geliebten Züge sind es nicht, dieses Antlitz ist hart und hat einen

unheimlichen Ausdruck von Müdigkeit, von Übersättigung.

Oder habe ich für dies alles früher kein Auge gehabt?

Sie heftet die grünen Augen mehr neugierig als drohend oder etwa

mitleidig auf mich und zieht den dunklen Schlafpelz, in dem sie ruht,

träge über die entblößte Schulter herauf.

In diesem Augenblicke ist sie so reizend, so sinnverwirrend, daß ich

mein Blut zu Kopf und Herzen steigen fühle, und das Brett in meiner

Hand zu schwanken beginnt. Sie bemerkt es und greift nach der Peitsche,

die auf ihrem Nachttisch liegt.

„Du bist ungeschickt, Sklave,“ sagte sie, die Stirne runzelnd.

Ich senke den Blick zur Erde und halte das Brett, so fest ich nur kann,

und sie nimmt ihr Frühstück und gähnt und dehnt ihre üppigen Glieder in

dem herrlichen Pelz.

* * *

Sie hat geklingelt. Ich trete ein.

„Diesen Brief an den Fürsten Corsini.“

Ich eile in die Stadt, übergebe den Brief dem Fürsten, einem jungen

schönen Mann mit glühenden schwarzen Augen und bringe ihr von

Eifersucht verzehrt die Antwort.

„Was ist dir?“ fragt sie hämisch lauernd, „du bist so entsetzlich

bleich.“

„Nichts, Herrin, ich bin nur etwas rasch gegangen.“

* * *

Beim Dejeuner ist der Fürst an ihrer Seite, und ich bin verurteilt,

sie und ihn zu bedienen, während sie scherzen und ich für beide gar

nicht auf der Welt bin. Einen Augenblick wird es mir schwarz vor den

Augen, ich schenke eben Bordeaux in sein Glas und schütte ihn über das

Tischtuch, über ihre Robe.

„Wie ungeschickt,“ ruft Wanda und gibt mir eine Ohrfeige, der Fürst

lacht und sie lacht gleichfalls und mir schießt das Blut ins Gesicht.

* * *

Nach dem Dejeuner fährt sie in die Cascine. Sie kutschiert selbst den

kleinen Wagen mit den hübschen englischen Braunen, ich sitze hinter ihr

und sehe wie sie kokettiert und lächelnd dankt, wenn sie von einem der

vornehmen Herren gegrüßt wird.

Wie ich ihr aus dem Wagen helfe, stützt sie sich leicht auf meinen

Arm, die Berührung durchzuckt mich elektrisch. Ach! das Weib ist doch

wunderbar und ich liebe sie mehr als je.

* * *

Zum Diner um sechs abends ist eine kleine Gesellschaft von Damen und

Herren da. Ich serviere und diesmal schütte ich keinen Wein über das

Tischtuch.

Eine Ohrfeige ist doch eigentlich mehr als zehn Vorlesungen, man

begreift dabei so schnell, besonders wenn es eine kleine volle

Frauenhand ist, die uns belehrt.

* * *

Nach dem Diner fährt sie in die Pergola; wie sie die Treppe hinabkommt

in ihrem schwarzen Samtkleide, mit dem großen Kragen von Hermelin, ein

Diadem aus weißen Rosen im Haare, sieht sie wahrhaft blendend aus.

Ich öffne den Schlag, helfe ihr in den Wagen. Vor dem Theater springe

ich vom Bock, sie stützt sich beim Aussteigen auf meinen Arm, welcher

unter der süßen Last erbebt. Ich öffne ihr die Türe der Loge und warte

dann im Gange. Vier Stunden dauert die Vorstellung, während welcher

sie die Besuche ihrer Kavaliere empfängt und ich die Zähne vor Wut

zusammenbeiße.

* * *

Es ist weit über Mitternacht, als die Klingel der Herrin zum letzten

Male tönt.

„Feuer!“ befiehlt sie kurz, und wie es im Kamine prasselt, „Tee“.

Als ich mit dem Samowar zurückkehre, hat sie sich bereits entkleidet

und schlüpft eben mit Hilfe der Negerin in ihr weißes Negligée.

Haydée entfernt sich hierauf.

„Gib mir den Schlafpelz,“ sagt Wanda, ihre schönen Glieder schläfrig

dehnend. Ich hebe ihn vom Fauteuil und halte ihn, während sie langsam

träge in die Ärmel schlüpft. Dann wirft sie sich in die Polster der

Ottomane.

„Ziehe mir die Schuhe aus und dann die Samtpantoffel an.“

Ich knie nieder und ziehe an dem kleinen Schuh, welcher mir widersteht.

„Rasch! rasch!“ ruft Wanda, „du tust mir weh! warte nur -- ich werde

dich noch abrichten.“ Sie schlägt mich mit der Peitsche, schon ist es

gelungen!

„Und jetzt marsch!“ noch ein Fußtritt -- dann darf ich zur Ruhe gehen.

* * *

Heute habe ich sie zu einer Soirée begleitet. Im Vorzimmer befahl sie

mir, ihr den Pelz abzunehmen, dann trat sie mit einem stolzen Lächeln,

ihres Sieges gewiß, in den glänzend erleuchteten Saal, und ich konnte

wieder Stunde auf Stunde in trüben einförmigen Gedanken verrinnen

sehen; von Zeit zu Zeit tönte Musik zu mir heraus, wenn die Türe einen

Augenblick geöffnet blieb. Ein paar Lakaien versuchten ein Gespräch

mit mir einzuleiten, da ich aber nur wenige Worte Italienisch spreche,

gaben sie es bald auf.

Ich schlafe endlich ein und träume, daß ich Wanda in einem wütenden

Anfall von Eifersucht morde und zum Tode verurteilt werde, ich sehe

mich an das Brett geschnallt, das Beil fällt, ich fühle es im Nacken,

aber ich lebe noch --

Da schlägt mich der Henker ins Gesicht --

Nein, es ist nicht der Henker, es ist Wanda, welche zornig vor mir

steht und ihren Pelz verlangt. Ich bin im Augenblick bei ihr und helfe

ihr hinein.

Es ist doch ein Genuß, einem schönen üppigen Weibe einen Pelz

umzugeben, zu sehen, zu fühlen, wie ihr Nacken, ihre herrlichen Glieder

sich in die köstlichen weichen Felle schmiegen, und die wogenden

Locken aufzuheben und über den Kragen zu legen, und dann wenn sie ihn

abwirft und die holde Wärme und ein leichter Duft ihres Leibes hängen

an den goldenen Haarspitzen des Zobels -- es ist um die Sinne zu

verlieren!

* * *

Endlich ein Tag ohne Gäste, ohne Theater, ohne Gesellschaft. Ich atme

auf. Wanda sitzt in der Galerie und liest, für mich scheint sie keinen

Auftrag zu haben. Mit der Dämmerung, dem silbernen Abendnebel zieht sie

sich zurück. Ich bediene sie beim Diner, sie speist allein, aber sie

hat keinen Blick, keine Silbe für mich, nicht einmal -- eine Ohrfeige.

Ach! wie sehne ich mich nach einem Schlag von ihrer Hand.

Mir kommen die Tränen, ich fühle, wie tief sie mich erniedrigt hat, so

tief, daß sie es nicht einmal der Mühe wert findet, mich zu quälen, zu

mißhandeln.

Ehe sie zu Bette geht, ruft mich ihre Klingel.

„Du wirst heute nacht bei mir schlafen, ich habe die vorige Nacht

abscheuliche Träume gehabt und fürchte mich, allein zu sein. Nimm dir

ein Polster von der Ottomane und lege dich auf das Bärenfell zu meinen

Füßen.“

Hierauf verlöschte Wanda die Lichter, so daß nur eine kleine Ampel von

der Decke herab das Zimmer beleuchtete, und stieg in das Bett. „Rühre

dich nicht, damit du mich nicht weckst.“

Ich tat, wie sie befohlen hatte, aber ich konnte lange nicht

einschlafen; ich sah das schöne Weib, schön wie eine Göttin, in ihrem

dunklen Schlafpelz ruhen, auf dem Rücken liegend, die Arme unter dem

Nacken, von ihren roten Haaren überflutet; ich hörte, wie sich ihre

herrliche Brust in tiefem regelmäßigen Atemholen hob, und jedesmal,

wenn sie sich nur regte, war ich wach und lauschte, ob sie meiner

bedürfe.

Aber sie bedurfte meiner nicht.

Ich hatte keine andere Aufgabe zu erfüllen, keine höhere Bedeutung für

sie, als ein Nachtlicht oder ein Revolver, den man sich zum Bette legt.

* * *

Bin ich toll oder ist sie es? Entspringt dies alles in einem

erfinderischen mutwilligen Frauengehirne, in der Absicht, meine

übersinnlichen Phantasien zu übertreffen, oder ist dies Weib wirklich

eine jener neronischen Naturen, welche einen teuflischen Genuß darin

finden, Menschen, welche denken und empfinden und einen Willen haben

wie sie selbst, gleich einem Wurme unter dem Fuße zu haben?

Was habe ich erlebt!

Als ich mit dem Kaffeebrett vor ihrem Bette niederkniete, legte Wanda

plötzlich die Hand auf meine Schulter und tauchte ihre Augen tief in

die meinen.

„Was du für schöne Augen hast,“ sprach sie leise, „und jetzt erst

recht, seitdem du leidest. Bist du recht unglücklich?“

Ich senkte den Kopf und schwieg.

„Severin! liebst du mich noch,“ rief sie plötzlich leidenschaftlich,

„kannst du mich noch lieben?“ und sie riß mich mit solcher Gewalt an

sich, daß das Brett umklappte, die Kannen und Tassen zu Boden fielen

und der Kaffee über den Teppich lief.

„Wanda -- meine Wanda,“ schrie ich auf und preßte sie heftig an mich

und bedeckte ihren Mund, ihr Antlitz, ihre Brust mit Küssen. „Das ist

ja mein Elend, daß ich dich immer mehr, immer wahnsinniger liebe, je

mehr du mich mißhandelst, je öfter du mich verratest! o! ich werde noch

sterben vor Schmerz und Liebe und Eifersucht.“

„Aber ich habe dich ja noch gar nicht verraten, Severin,“ erwiderte

Wanda lächelnd.

„Nicht? Wanda! Um Gotteswillen! scherze nicht so unbarmherzig mit mir,“

rief ich. „Habe ich nicht selbst den Brief zum Fürsten --“

„Allerdings, eine Einladung zum Dejeuner.“

„Du hast, seitdem wir in Florenz sind --“

„Dir die Treue vollkommen bewahrt,“ entgegnete Wanda, „ich schwöre es

dir bei allem, was mir heilig ist. Ich habe alles nur getan, um deine

Phantasie zu erfüllen, nur deinetwegen.

„Aber ich werde mir einen Anbeter nehmen, sonst ist die Sache nur halb,

und du machst mir am Ende noch Vorwürfe, daß ich nicht grausam genug

gegen dich war. Mein lieber, schöner Sklave! Heute aber sollst du

wieder einmal Severin, sollst du ganz nur mein Geliebter sein. Ich habe

deine Kleider nicht fortgegeben, du findest sie hier im Kasten, ziehe

dich so an, wie du damals warst in dem kleinen Karpathenbade, wo wir

uns so innig liebten; vergiß alles, was seitdem geschehen ist, o, du

wirst es leicht vergessen in meinen Armen, ich küsse dir allen Kummer

weg.“

Sie begann mich wie ein Kind zu zärteln, zu küssen, zu streicheln.

Endlich bat sie mit holdem Lächeln: „Zieh dich jetzt an, auch ich will

Toilette machen; soll ich meine Pelzjacke nehmen? Ja, ja, ich weiß

schon, geh nur!“

Als ich zurückkam, stand sie in ihrer weißen Atlasrobe, der roten mit

Hermelin besetzten Kazabaika, das Haar weiß gepudert, ein kleines

Diamantendiadem über der Stirne, in der Mitte des Zimmers. Einen

Augenblick erinnerte sie mich unheimlich an Katharina II., aber

sie ließ mir keine Zeit zu Erinnerungen, sie zog mich zu sich auf die

Ottomane und wir verbrachten zwei selige Stunden; sie war jetzt nicht

die strenge, launische Herrin, sie war ganz nur die feine Dame, die

zärtliche Geliebte. Sie zeigte mir Photographien, Bücher, welche eben

erschienen waren, und sprach mit mir über dieselben mit so viel Geist

und Klarheit und Geschmack, daß ich mehr als einmal entzückt ihre

Hand an die Lippen führte. Sie ließ mich dann ein paar Gedichte von

Lermontow vortragen, und als ich recht im Feuer war -- legte sie die

kleine Hand liebevoll auf die meine und fragte, während ein holdes

Vergnügen auf ihren weichen Zügen, in ihrem sanften Blicke lag, „bist

du glücklich?“

„Noch nicht.“

Sie legte sich hierauf in die Polster zurück und öffnete langsam ihre

Kazabaika.

Ich aber deckte den Hermelin rasch wieder über ihre halbentblößte

Brust. „Du machst mich wahnsinnig,“ stammelte ich.

„So komm.“

Schon lag ich in ihren Armen, schon küßte sie mich wie eine Schlange

mit der Zunge; da flüsterte sie noch einmal: „Bist du glücklich?“

„Unendlich!“ rief ich.

Sie lachte auf; es war ein böses, gellendes Gelächter, bei dem es mich

kalt überrieselte.

„Früher träumtest du, der Sklave, das Spielzeug eines schönen Weibes

zu sein, jetzt bildest du dir ein, ein freier Mensch, ein Mann, mein

Geliebter zu sein, du Thor! Ein Wink von mir, und du bist wieder

Sklave. -- Auf die Knie.“

Ich sank von der Ottomane herab zu ihren Füßen, mein Auge hing noch

zweifelnd an dem ihren.

„Du kannst es nicht glauben,“ sprach sie, mich mit auf der Brust

verschränkten Armen betrachtend, „ich langweile mich, und du bist eben

gut genug, mir ein paar Stunden die Zeit zu vertreiben. Sieh mich nicht

so an --“

Sie trat mich mit dem Fuße.

„Du bist eben, was ich will, ein Mensch, ein Ding, ein Tier --“

Sie klingelte. Die Negerinnen traten ein.

„Bindet ihm die Hände auf den Rücken.“

Ich blieb knien und ließ es ruhig geschehen. Dann führten sie mich in

den Garten hinab bis zu dem kleinen Weinberg, der ihn gegen den Süden

begrenzt. Zwischen den Traubengeländen war Mais angebaut gewesen, da

und dort ragten noch einzelne dürre Stauden. Seitwärts stand ein Pflug.

Die Negerinnen banden mich an einen Pflock und unterhielten sich damit,

mich mit ihren goldenen Haarnadeln zu stechen. Es dauerte jedoch nicht

lange, so kam Wanda, die Hermelinmütze auf dem Kopf, die Hände in den

Taschen ihrer Jacke, sie ließ mich losbinden, mir die Arme auf den

Rücken schnüren, mir ein Joch auf den Nacken setzen und mich in den

Pflug spannen.

Dann stießen mich ihre schwarzen Teufelinnen in den Acker, die eine

führte den Pflug, die andere lenkte mich mit dem Seil, die dritte trieb

mich mit der Peitsche an, und Venus im Pelz stand zur Seite und sah zu.

* * *

Wie ich ihr am nächsten Tage das Diner serviere, sagt Wanda: „Bringe

noch ein Gedeck, ich will, daß du heute mit mir speisest,“ und als ich

ihr gegenüber Platz nehmen will: „Nein, zu mir, ganz nahe zu mir.“

[Illustration]

Sie ist in bester Laune, gibt mir Suppe mit ihrem Löffel, füttert

mich mit ihrer Gabel, legt dann den Kopf wie ein spielendes Kätzchen

auf den Tisch und kokettiert mit mir. Es will das Unglück, daß ich

Haydée, welche statt mir die Gerichte bringt, etwas länger ansehe, als

es vielleicht nötig ist; mir fällt erst jetzt ihre edle, beinahe

europäische Gesichtsbildung, die herrliche, statuenhafte Büste, wie aus

schwarzem Marmor gemeißelt, auf. Die schöne Teufelin bemerkt, daß sie

mir gefällt, und blökt lächelnd die Zähne -- kaum hat sie das Gemach

verlassen, so springt Wanda vor Zorn flammend auf.

„Was, du wagst es, vor mir ein anderes Weib so anzusehen! sie gefällt

dir am Ende besser wie ich, sie ist noch dämonischer.“

Ich erschrecke, so habe ich sie noch nie gesehen, sie ist plötzlich

bleich bis in die Lippen und zittert am ganzen Leibe -- Venus im

Pelz ist eifersüchtig auf ihren Sklaven -- sie reißt die Peitsche

vom Nagel herab und haut mich ins Gesicht, dann ruft sie die

schwarzen Dienerinnen, läßt mich durch sie binden und in den Keller

herabschleppen, wo sie mich in ein dunkles, feuchtes, unterirdisches

Gewölbe, einen förmlichen Kerker werfen.

Dann fällt die Türe in das Schloß, Riegel werden vorgeschoben, ein

Schlüssel singt im Schloß. Ich bin gefangen, begraben.

* * *

Da liege ich nun, ich weiß nicht wie lange, gebunden wie ein Kalb,

das zur Schlachtbank geschleppt wird, auf einem Bund feuchten Strohs,

ohne Licht, ohne Speise, ohne Trank, ohne Schlaf -- sie ist imstande

und läßt mich verhungern, wenn ich nicht früher erfriere. Die Kälte

schüttelt mich. Oder ist es das Fieber. Ich glaube, ich fange an,

dieses Weib zu hassen.

* * *

Ein roter Streifen, wie Blut, schwimmt über dem Boden, es ist Licht,

das durch die Türe fällt, jetzt wird sie geöffnet.

Wanda erscheint an der Schwelle, in ihren Zobelpelz gehüllt, und

leuchtet mit einer Fackel hinein.

[Illustration]

„Lebst du noch?“ fragt sie.

„Kommst du, mich zu töten?“ antworte ich mit matter, heiserer Stimme.

Mit zwei hastigen Schritten ist Wanda bei mir, kniet an meinem Lager

nieder und nimmt meinen Kopf in ihren Schoß. -- „Bist du krank -- wie

deine Augen glühen, liebst du mich? Ich will, daß du mich liebst.“

Sie zieht einen kurzen Dolch hervor, ich schrecke zusammen, wie seine

Klinge mir vor den Augen blitzt, ich glaube wirklich, daß sie mich

töten will. Sie aber lacht und durchschneidet die Stricke, die mich

fesseln.

* * *

Sie läßt mich jetzt jeden Abend nach dem Diner kommen, läßt sich von

mir vorlesen und bespricht mit mir allerhand anziehende Fragen und

Gegenstände. Dabei scheint sie ganz verwandelt, es ist, als schäme

sie sich der Wildheit, die sie mir verraten, der Roheit, mit welcher

sie mich behandelt hat. Eine rührende Sanftmut verklärt ihr ganzes

Wesen, und wenn sie mir zum Abschied die Hand reicht, dann liegt in

ihrem Auge jene übermenschliche Gewalt der Güte und Liebe, welche uns

Tränen entlockt, bei der wir alle Leiden des Daseins vergessen und alle

Schrecken des Todes.

* * *

Ich lese ihr die Manon l’Escault. Sie fühlt die Beziehung, sie spricht

zwar kein Wort, aber sie lächelt von Zeit zu Zeit, und endlich klappt

sie das kleine Buch zu.

„Wollen Sie nicht weiter lesen, gnädige Frau?“

„Heute nicht. Heute spielen wir selbst Manon l’Escault. Ich habe ein

Rendezvous in den Cascinen und Sie, mein lieber Chevalier, werden mich

zu demselben begleiten; ich weiß, Sie tun es, nicht?“

„Sie befehlen.“

„Ich befehle nicht, ich bitte Sie darum,“ spricht sie mit

unwiderstehlichem Liebreiz, dann steht sie auf, legt die Hände auf

meine Schultern und sieht mich an. „Diese Augen!“ ruft sie aus, „ich

liebe dich so, Severin, du weißt nicht, wie ich dich liebe.“

„Ja,“ entgegne ich bitter, „so sehr, daß Sie einem anderen ein

Rendezvous geben.“

„Das tue ich ja nur, um dich zu reizen,“ antwortet sie lebhaft, „ich

muß Anbeter haben, damit ich dich nicht verliere, ich will dich nie

verlieren, niemals, hörst du, denn ich liebe nur dich, dich allein.“

Sie hing leidenschaftlich an meinen Lippen.

„O! könnte ich dir, wie ich möchte, meine ganze Seele im Kusse hingeben

-- so -- nun aber komme.“

Sie schlüpfte in einen einfachen, schwarzen Samtpaletot und umhüllte

ihr Haupt mit einem dunklen Baschlik. Dann ging sie rasch durch die

Galerie und stieg in den Wagen.

„Gregor wird mich fahren,“ rief sie dem Kutscher zu, der sich befremdet

zurückzog.

Ich stieg auf den Bock und peitschte zornig in die Pferde.

In den Cascinen, dort, wo die Hauptallee zu einem dichten Laubgang

wird, stieg Wanda aus. Es war Nacht, nur einzelne Sterne blickten durch

die grauen Wolken, welche über den Himmel zogen. Am Arno stand ein

Mann in einem dunklen Mantel und einem Räuberhut und blickte in die

gelben Wellen. Wanda schritt rasch durch das Gebüsch zur Seite und

schlug ihn auf die Achsel. Ich sah noch, wie er sich zu ihr wendete,

ihre Hand faßte -- dann verschwanden sie hinter der grünen Wand.

Eine qualvolle Stunde. Endlich raschelt es seitwärts im Laube, sie

kehrten zurück.

Der Mann begleitet sie an den Wagen. Das Licht der Laterne fällt voll

und grell auf ein unendlich jugendliches, sanftes und schwärmerisches

Gesicht, das ich nie gesehen habe, und spielt in langen, blonden Locken.

Sie reicht ihm die Hand, die er ehrfurchtsvoll küßt, dann winkt sie

mir und im Nu fliegt der Wagen längs der langen Laubwand, die wie eine

grüne Tapete gegen den Fluß zu steht, davon.

Man läutet an der Gartenpforte. Ein bekanntes Gesicht. Der Mann aus den

Cascinen.

„Wen darf ich melden?“ frage ich französisch. Der Angeredete schüttelt

beschämt den Kopf.

„Verstehen Sie vielleicht etwas deutsch?“ fragt er schüchtern.

„Jawohl. Ich bitte also um Ihren Namen.“

„Ah! ich habe leider noch keinen,“ antwortet er verlegen -- „sagen Sie

Ihrer Herrin nur, der deutsche Maler aus den Cascinen wäre da und bäte

-- doch da ist sie selbst.“

Wanda war auf den Balkon herausgetreten und nickte dem Fremden zu.

„Gregor, führe den Herrn zu mir,“ rief sie mir zu.

Ich wies dem Maler die Treppe.

„Ich bitte, ich finde jetzt schon; ich danke, danke sehr,“ damit sprang

er die Stufen empor. Ich blieb unten stehen und sah dem armen Deutschen

mit tiefem Mitleid nach.

Venus im Pelz hat seine Seele in ihren roten Haarschlingen gefangen. Er wird sie malen und dabei verrückt werden.

* * *

Ein sonniger Wintertag, auf den Blättern der Baumgruppen, auf dem

grünen Plan der Wiese zittert es wie Gold. Die Kamelien am Fuße der

Galerie prangen im reichsten Knospenschmuck. Wanda sitzt in der Loggia

und zeichnet, der deutsche Maler aber steht ihr gegenüber, die Hände

wie anbetend ineinander gelegt und sieht ihr zu, nein, er blickt in ihr

Antlitz und ist ganz versunken in ihren Anblick, wie entrückt.

Sie aber sieht es nicht, sie sieht auch mich nicht, wie ich mit dem

Spaten in der Hand die Blumenbeete umgrabe, nur um sie zu sehen, ihre

Nähe zu fühlen, die wie Musik, wie Poesie auf mich wirkt.

* * *

Der Maler ist fort. Es ist ein Wagnis, aber ich wage es. Ich trete zur

Galerie hin, ganz nahe und frage Wanda: „Liebst du den Maler, Herrin?“

Sie sieht mich an, ohne mir zu zürnen, schüttelt den Kopf, und endlich

lächelt sie sogar.

„Ich habe Mitleid mit ihm,“ antwortet sie, „aber ich liebe ihn

nicht. Ich liebe niemand. +Dich habe ich geliebt, so innig, so

leidenschaftlich, so tief wie ich nur lieben konnte+, aber jetzt

liebe ich auch dich nicht mehr, mein Herz ist öde, tot, und das macht

mich wehmütig.“

„Wanda!“ rief ich schmerzlich ergriffen.

„Auch du wirst mich bald nicht mehr lieben,“ fuhr sie fort, „sag’

es mir, wenn es einmal so weit ist, ich will dir dann die Freiheit

zurückgeben.“

„Dann bleibe ich mein ganzes Leben dein Sklave, denn ich bete dich an

und werde dich immer anbeten,“ rief ich, von jenem Fanatismus der Liebe

ergriffen, der mir schon wiederholt so verderblich war.

Wanda betrachtete mich mit einem seltsamen Vergnügen. „Bedenke es

wohl,“ sprach sie, „ich habe dich unendlich geliebt und war despotisch

gegen dich, um deine Phantasie zu erfüllen, jetzt zittert noch etwas

von jenem süßen Gefühl als innige Teilnahme für dich in meiner Brust,

wenn auch dies verschwunden ist, wer weiß, ob ich dich dann frei

gebe, ob ich dann nicht wirklich grausam, unbarmherzig, ja roh gegen

dich werde, ob es mir nicht eine diabolische Freude macht, während

ich gleichgültig bin oder einen anderen liebe, den Mann, der mich

abgöttisch anbetet, zu quälen, zu foltern, und an seiner Liebe für mich

sterben zu sehen. Bedenke das wohl!“

„Ich habe alles längst bedacht,“ erwiderte ich, wie im Fieber glühend,

„ich kann nicht sein, nicht leben ohne dich; ich sterbe, wenn du mir

die Freiheit gibst, laß mich dein Sklave sein, töte mich, aber stoße

mich nicht von dir.“

„Nun, so sei mein Sklave,“ erwiderte sie, „aber vergiß nicht, daß ich

dich nicht mehr liebe, und daß deine Liebe daher keinen größeren Wert

für mich hat, wie die Ähnlichkeit eines Hundes, und Hunde tritt man.“

* * *

Heute habe ich die mediceische Venus besucht.

Es war noch zeitig, der kleine achteckige Saal der Tribuna wie ein

Heiligtum mit Dämmerlicht gefüllt, und ich stand, die Hände gefaltet,

in tiefer Andacht vor dem stummen Götterbilde.

Aber ich stand nicht lange.

Es war noch kein Mensch in der Galerie, nicht einmal ein Engländer,

und da lag ich auf meinen Knien und blickte auf den holden, schlanken

Leib, die knospende Brust, in das jungfräulich wollüstige Angesicht mit

den halbgeschlossenen Augen, auf die duftigen Locken, welche zu beiden

Seiten kleine Hörner zu verbergen scheinen.

* * *

Die Klingel der Gebieterin.

Es ist Mittag. Sie aber liegt noch im Bett, die Arme im Nacken

verschlungen.

„Ich werde baden,“ spricht sie, „und du wirst mich bedienen. Schließe

die Türe.“

Ich gehorchte.

„Nun geh hinab und versichere dich, daß auch unten gesperrt ist.“

Ich stieg die Wendeltreppe hinab, die aus ihrem Schlafgemache in das

Badezimmer führte, die Füße brachen mir, ich mußte mich auf das eiserne

Geländer stützen. Nachdem ich die Türe, welche in die Loggia und den

Garten mündete, verschlossen fand, kehrte ich zurück. Wanda saß jetzt

mit offenem Haar, in ihrem grünen Sammetpelz auf dem Bett. Bei einer

raschen Bewegung, welche sie machte, sah ich, daß sie nur mit dem Pelze

bekleidet war und erschrak, ich weiß nicht warum, so furchtbar, wie ein

zum Tode Verurteilter, welcher weiß, daß er dem Schafott entgegen geht,

doch beim Anblick desselben zu zittern beginnt.

„Komm, Gregor, nimm mich auf die Arme.“

„Wie, Herrin?“

„Nun, du sollst mich tragen, verstehst du nicht?“

Ich hob sie auf, so daß sie auf meinen Armen saß, während die ihren

sich um meinen Nacken schlangen, und wie ich so mit ihr die Treppe

langsam, Stufe für Stufe, hinabstieg und ihr Haar von Zeit zu Zeit

an meine Wange schlug und ihr Fuß sich leicht auf mein Knie stemmte,

da erbebte ich unter der schönen Last und dachte, ich müßte jeden

Augenblick unter ihr zusammenbrechen.

Das Badezimmer bestand aus einer weiten und hohen Rotunde, welche ihr

weiches, ruhiges Licht von oben durch die rote Glaskuppel bekam. Zwei

Palmen breiteten ihre großen Blätter als grünes Dach über ein Ruhebett

aus roten, sammetnen Polstern, von dem mit türkischen Teppichen belegte

Stufen in das weite Marmorbassin hinabführten, welches die Mitte

einnahm.

„Oben auf meinem Nachttisch liegt ein grünes Band,“ sagte Wanda,

während ich sie auf dem Ruhebett niederließ, „bringe es mir und bringe

mir auch die Peitsche.“

Ich flog die Treppe hinauf und zurück und legte beides kniend in die

Hand der Gebieterin, welche sich hierauf das schwere elektrische Haar

von mir in einen großen Knoten binden und mit dem grünen Sammetband

befestigen ließ. Dann bereitete ich das Bad und zeigte mich recht

ungeschickt dabei, da mir Hände und Füße den Dienst versagten, und

jedesmal, wenn ich das schöne Weib, das auf den rotsammetnen Polstern

lag und dessen holder Leib von Zeit zu Zeit, da und dort, aus dem

dunklen Pelzwerk hervorleuchtete, betrachten mußte -- denn es war nicht

mein Wille, es zwang mich eine magnetische Gewalt -- empfand ich,

wie alle Wollust, alle Lüsternheit nur in dem Halbverhüllten, pikant

Entblößten liegt, und ich empfand es noch lebhafter, als endlich das

Bassin gefüllt war und Wanda mit einer einzigen Bewegung den Pelzmantel

abwarf, und wie die Göttin in der Tribuna vor mir stand.

In diesem Augenblicke erschien sie mir in ihrer unverhüllten Schönheit

so heilig, so keusch, daß ich vor ihr, wie damals vor der Göttin, in

die Knie sank und meine Lippen andächtig auf ihren Fuß preßte.

Meine Seele, welche vor kurzem noch so wilde Wogen geschlagen, floß auf

einmal ruhig, und Wanda hatte jetzt auch nichts Grausames mehr für mich.

Sie stieg langsam die Stufen hinab, und ich konnte mit einer stillen

Freude, der kein Atom von Qual oder Sehnsucht beigemischt war, sie

betrachten, wie sie in der krystallenen Flut auf und ab tauchte, und

wie die Wellen, welche sie selbst erregte, gleichsam verliebt um sie

spielten.

Unser nihilistischer Ästhetiker hat doch recht: ein wirklicher Apfel

ist schöner als ein gemalter, und ein lebendiges Weib ist schöner als

eine Venus aus Stein.

Und als sie dann aus dem Bade stieg, und die silbernen Tropfen und das

rosige Licht rieselten nur so an ihr herab -- eine stumme Verzückung

umfing mich. Ich schlug die Linnen um sie, ihren herrlichen Leib

trocknend, und jene ruhige Seligkeit blieb mir jetzt auch, als sie

wieder, den einen Fuß auf mich, wie auf einen Schemel setzend, in dem

großen Sammetmantel auf den Polstern ruhte, die elastischen Zobelfelle

sich begehrlich an ihren kalten Marmorleib schmiegten, und der linke

Arm, auf den sie sich stützte, wie ein schlafender Schwan, in dem

dunklen Pelz des Ärmels lag, während ihre Rechte nachlässig mit der

Peitsche spielte.

[Illustration]

Zufällig glitt mein Blick über den massiven Spiegel an der Wand

gegenüber, und ich schrie auf, denn ich sah uns in seinem goldenen

Rahmen wie im Bilde, und dieses Bild war so wunderbar schön, so

seltsam, so phantastisch, daß mich eine tiefe Trauer bei dem Gedanken

faßte, daß seine Linien, seine Farben zerrinnen sollen wie Nebel.

„Was hast du?“ fragte Wanda.

Ich deutete auf den Spiegel.

„Ah! es ist in der Tat schön,“ rief sie aus, „schade, daß man den

Augenblick nicht festhalten kann.“

„Und warum nicht?“ fragte ich, „wird nicht jeder Künstler, auch der

berühmteste, stolz darauf sein, wenn du ihm gestattet, dich durch

seinen Pinsel zu verewigen?“

„Der Gedanke, daß diese außerordentliche Schönheit,“ fuhr ich, sie mit

Begeisterung betrachtend, fort, „diese herrliche Bildung des Gesichtes,

dieses seltsame Auge mit seinem grünen Feuer, dieses dämonische Haar,

diese Pracht des Leibes für die Welt verloren gehen sollen, ist

entsetzlich und faßt mich mit allen Schauern des Todes, der Vernichtung

an; dich aber soll die Hand des Künstlers ihr entreißen, du darfst

nicht wie wir anderen ganz und für immer untergehen, ohne eine Spur

deines Daseins zurückzulassen, dein Bild muß leben, wenn du selbst

schon längst zu Staub zerfallen bist, deine Schönheit muß über den Tod

triumphieren!“

Wanda lächelte.

„Schade, daß das heutige Italien keinen Titian oder Raphael hat,“

sprach sie, „indes vielleicht ersetzt die Liebe das Genie, wer weiß,

unser kleiner Deutscher?“ Sie sann nach.

„Ja -- er soll mich malen -- und ich werde dafür sorgen, daß ihm Amor

die Farben mischt.“

* * *

Der junge Maler hat in ihrer Villa sein Atelier aufgeschlagen, sie

hat ihn vollkommen im Netz. Er hat eben eine Madonna angefangen, eine

Madonna mit rotem Haare und grünen Augen! Aus diesem Rasseweibe ein

Bild der Jungfräulichkeit machen, das kann nur der Idealismus eines

Deutschen. Der arme Bursche ist wirklich beinahe noch ein größerer Esel

als ich. Das Unglück ist nur, daß unsere Titania unsere Eselohren +zu

früh+ entdeckt hat.

Nun lacht sie über uns, und wie sie lacht, ich höre ihr übermütiges,

melodisches Lachen in seinem Studio, unter dessen offenem Fenster ich

stehe und eifersüchtig lausche.

„Sind Sie toll, mich -- ah! es ist nicht zu glauben, mich als Mutter

Gottes!“ -- rief sie und lachte wieder, „warten Sie nur, ich will Ihnen

ein anderes Bild von mir zeigen, ein Bild, das ich selbst gemalt habe,

sie sollen es mir kopieren.“

Ihr Kopf, im Sonnenlichte flammend, erschien am Fenster.

„Gregor!“

Ich eilte die Stufen hinauf, durch die Galerie in das Atelier.

„Führe ihn in das Badezimmer,“ befahl Wanda, während sie selbst

davoneilte.

Wenige Augenblicke und Wanda kam, nur mit dem Zobelpelz bekleidet, die

Peitsche in der Hand, die Treppe herab und streckte sich wie damals

auf den Sammetpolstern aus; ich lag zu ihren Füßen und sie setzte den

Fuß auf mich, und ihre Rechte spielte mit der Peitsche. „Sieh mich an,“

sprach sie, „mit deinem tiefen, fanatischen Blick -- so -- so ist es

recht.“

Der Maler war entsetzlich bleich geworden, er verschlang die Szene mit

seinen schönen, schwärmerischen, blauen Augen, seine Lippen öffneten

sich, aber blieben stumm.

„Nun, wie gefällt Ihnen das Bild?“

„Ja -- so will ich Sie malen,“ sprach der Deutsche, aber es war

eigentlich keine Sprache, es war ein beredtes Stöhnen, das Weinen einer

kranken, sterbenskranken Seele.

* * *

Die Zeichnung mit der Kohle ist fertig, die Köpfe, die Fleischpartien

sind grundiert, ihr diabolisches Antlitz tritt bereits in einigen

kecken Strichen hervor, in dem grünen Auge blitzt Leben.

Wanda steht, die Arme auf der Brust verschränkt, vor der Leinwand.

„Das Bild soll, wie viele der venetianischen Schule, zugleich ein

Porträt und eine Historie werden,“ erklärt der Maler, der wieder

totenbleich ist.

„Und wie wollen Sie es dann nennen?“ fragte sie; „aber was ist Ihnen,

sind Sie krank?“

„Ich fürchte --“ antwortete er, mit einem verzehrenden Blicke auf das

schöne Weib im Pelz, „aber sprechen wir von dem Bilde.“

„Ja, sprechen wir von dem Bilde.“

[Illustration]

„Ich denke mir die Liebesgöttin, welche zu einem sterblichen Manne aus

dem Olymp herabgestiegen ist und auf dieser modernen Erde frierend

ihren hehren Leib in einem großen, schweren Pelz, und ihre Füße in dem

Schoße des Geliebten zu wärmen sucht; ich denke mir den Günstling einer

schönen Despotin, welche den Sklaven peitscht, wenn sie müde ist, ihn

zu küssen, und von ihm um so wahnsinniger geliebt wird, je mehr sie

ihn mit Füßen tritt, und so werde ich das Bild ‚+Venus im Pelz+‘

nennen.“

* * *

Der Maler malt langsam. Um so rascher wächst seine Leidenschaft. Ich

fürchte, er nimmt sich am Ende noch das Leben. Sie spielt mit ihm und

gibt ihm Rätsel auf, und er kann sie nicht lösen und fühlt sein Blut

rieseln -- sie aber unterhält sich dabei.

Während der Sitzung nascht sie Bonbons, dreht aus den Papierhülsen

kleine Kugeln und bewirft ihn damit.

„Es freut mich, daß Sie so gut aufgelegt sind, gnädige Frau,“ spricht

der Maler, „aber Ihr Gesicht hat ganz jenen Ausdruck verloren, den ich

zu meinem Bilde brauche.“

„Jenen Ausdruck, den Sie zu Ihrem Bilde brauchen,“ erwiderte sie

lächelnd, „gedulden Sie sich nur einen Augenblick.“

Sie richtet sich auf und versetzt mir einen Hieb mit der Peitsche; der

Maler blickt sie starr an, in seinem Antlitz malt sich ein kindliches

Staunen, mischt sich Abscheu und Bewunderung.

Während sie mich peitscht, gewinnt Wandas Antlitz immer mehr jenen

grausamen, höhnischen Charakter, der mich so unheimlich entzückt.

„Ist das jetzt jener Ausdruck, den Sie zu Ihrem Bilde brauchen?“ ruft

sie. Der Maler senkt verwirrt den Blick vor dem kalten Strahl ihres

Auges.

„Es ist der Ausdruck --“ stammelt er, „aber ich kann jetzt nicht malen

--“

„Wie?“ spricht Wanda spöttisch, „kann ich Ihnen vielleicht helfen?“

„Ja --“ schreit der Deutsche wie im Wahnsinn auf -- „peitschen Sie mich

auch.“

„O! mit Vergnügen,“ erwidert sie, die Achseln zuckend, „aber wenn ich

peitschen soll, so will ich im Ernste peitschen.“

„Peitschen Sie mich tot,“ ruft der Maler.

„Lassen Sie sich also von mir binden?“ frägt sie lächelnd.

„Ja“ -- stöhnt er --

Wanda verließ für einen Augenblick das Gemach und kehrte mit den

Stricken zurück.

„Also -- haben Sie noch den Mut, sich Venus im Pelz, der schönen

Despotin, auf Gnade und Ungnade in die Hände zu geben?“ begann sie

jetzt spöttisch.

„Binden Sie mich,“ antwortete der Maler dumpf. Wanda band ihm die Hände

auf den Rücken, zog ihm einen Strick durch die Arme und einen zweiten

um seinen Leib und fesselte ihn so an das Fensterkreuz, dann schlug sie

den Pelz zurück, ergriff die Peitsche und trat vor ihn hin.

Für mich hatte die Szene einen schauerlichen Reiz, den ich nicht

beschreiben kann, ich fühlte mein Herz schlagen, als sie lachend zum

ersten Hiebe ausholte und die Peitsche durch die Luft pfiff und er

unter ihr leicht zusammenzuckte, und dann, als sie mit halb geöffnetem

Munde, so daß ihre Zähne zwischen den roten Lippen blitzten, auf ihn

lospeitschte, und ehe er sie mit seinen rührenden, blauen Augen um

Gnade zu bitten schien -- es ist nicht zu beschreiben.

* * *

Sie sitzt ihm jetzt allein. Er arbeitet an ihrem Kopfe.

Mich hat sie im Nebenzimmer hinter dem schweren Türvorhang postiert, wo

ich nicht gesehen werden kann und alles sehe.

Was sie nur hat.

Fürchtet sie sich vor ihm? wahnsinnig genug hat sie ihn gemacht, oder

soll es eine neue Folter für mich werden? Mir zittern die Knie.

Sie sprechen zusammen. Er dämpft seine Stimme so sehr, daß ich nichts

verstehen kann, und sie antwortet ebenso. Was soll das heißen? Besteht

ein Einverständnis zwischen ihnen?

Ich leide furchtbar, mir droht das Herz zu springen.

Jetzt kniet er vor ihr, er umschlingt sie und preßt seinen Kopf an ihre

Brust -- und sie -- die Grausame -- sie lacht -- und jetzt höre ich,

wie sie laut ausruft:

„Ah! Sie brauchen wieder die Peitsche.“

„Weib! Göttin! hast du denn kein Herz -- kannst du nicht lieben,“ ruft

der Deutsche, „weißt du nicht einmal, was das heißt, lieben, sich

in Sehnsucht, in Leidenschaft verzehren, kannst du dir nicht einmal

denken, was ich leide? Hast du denn kein Erbarmen für mich?“

„Nein!“ erwidert sie stolz und spöttisch, „aber die Peitsche.“

Sie zieht sie rasch aus der Tasche ihres Pelzes und schlägt ihn mit dem

Stiel ins Gesicht. Er richtet sich auf und weicht um ein paar Schritte

zurück.

„Können Sie jetzt wieder malen?“ frägt sie gleichgültig. Er antwortet

ihr nicht, sondern tritt wieder vor die Staffelei und ergreift Pinsel

und Palette.

Sie ist wunderbar gelungen, es ist ein Porträt, das an Ähnlichkeit

seinesgleichen sucht, und scheint zugleich ein Ideal, so glühend, so

übernatürlich, so teuflisch, möchte ich sagen, sind die Farben.

Der Maler hat eben alle seine Qualen, seine Anbetung und seinen Fluch

in das Bild hineingemalt.

* * *

Jetzt malt er mich, wir sind täglich einige Stunden allein. Heute

wendet er sich plötzlich zu mir mit seiner vibrierenden Stimme und sagt:

„Sie lieben dieses Weib?“

„Ja.“

„Ich liebe sie auch.“ Seine Augen schwammen in Tränen. Er schwieg

einige Zeit und malte weiter.

„Bei uns in Deutschland ist ein Berg, in dem sie wohnt,“ murmelte er

dann vor sich hin, „sie ist eine Teufelin.“

* * *

Das Bild ist fertig. Sie wollte ihm dafür zahlen, großmütig, wie

Königinnen zahlen.

„O! Sie haben mich bereits bezahlt,“ sprach er ablehnend mit einem

schmerzlichen Lächeln.

Ehe er ging, öffnete er geheimnisvoll seine Mappe und ließ mich

hineinblicken -- ich erschrak. Ihr Kopf sah mich gleichsam lebendig wie

aus einem Spiegel an.

„Den nehme ich mit,“ sprach er, „der ist mein, den kann sie mir nicht

entreißen, ich habe ihn mir sauer genug verdient.“

* * *

„Mir ist eigentlich doch leid um den armen Maler,“ sagte sie heute zu

mir, „es ist albern, so tugendhaft zu sein, wie ich es bin. Meinst du

nicht auch?“

Ich wagte nicht, ihr eine Antwort zu geben.

„O, ich vergaß, daß ich mit einem Sklaven spreche, ich muß hinaus, ich

will mich zerstreuen, will vergessen.“

„Schnell, meinen Wagen!“

* * *

Eine neue phantastische Toilette, russische Halbstiefel von

veilchenblauem Samt, mit Hermelin besetzt, eine Robe von gleichem

Stoff, durch schmale Streifen und Kokarden desselben Pelzwerkes

emporgehalten und geschürzt, ein entsprechender, anliegender kurzer

Paletot, gleichfalls reich mit Hermelin ausgeschlagen und gefüttert;

eine hohe Mütze von Hermelinpelz im Stile Katharinas II., mit

kleinem Reiherbusch, der von einer Brillanten-Agraffe gehalten wird,

das rote Haar aufgelöst über den Rücken. So steigt sie auf den Bock und

kutschiert selbst, ich nehme den Platz hinter ihr ein. Wie sie in die

Pferde peitscht. Das Gespann fliegt wie rasend dahin.

Sie will heute offenbar Aufsehen erregen, erobern, und das gelingt ihr

vollständig. Heute ist sie die Löwin der Cascine. Man grüßt sie aus den

Wagen; auf dem Pfade für die Fußgeher bilden sich Gruppen, welche von

ihr sprechen. Doch niemand wird von ihr beachtet, hie und da der Gruß

eines älteren Kavaliers mit einem leichten Kopfnicken erwidert.

Da sprengt ein junger Mann auf schlankem wilden Rappen heran; wie

er Wanda sieht, pariert er sein Pferd und läßt es im Schritte gehen

-- schon ist er ganz nahe -- er hält und läßt sie vorbei, und jetzt

erblickt auch sie ihn -- die Löwin den Löwen. Ihre Augen begegnen sich

-- und wie sie an ihm vorbeijagt, kann sie sich von der magischen

Gewalt der seinen nicht losreißen und wendet den Kopf nach ihm.

Mir steht das Herz still bei diesem halb staunenden, halb verzückten

Blick, mit dem sie ihn verschlingt, aber er verdient ihn.

Er ist bei Gott ein schöner Mann. Nein, mehr, er ist ein Mann, wie

ich noch nie einen lebendig gesehen habe. Im Belvedere steht er in

Marmor gehauen, mit derselben schlanken und doch eisernen Muskulatur,

demselben Antlitz, denselben wehenden Locken, und was ihn so

eigentümlich schön macht, ist, daß er keinen Bart trägt. Wenn er minder

feine Hüften hätte, könnte man ihn für ein verkleidetes Weib halten,

und der seltsame Zug um den Mund, die Löwenlippe, welche die Zähne

etwas sehen läßt und dem schönen Gesichte momentan etwas Grausames

verleiht --

Apollo, der den Marsyas schindet.

Er trägt hohe schwarze Stiefel, eng anliegende Beinkleider von weißem

Leder, einen kurzen Pelzrock, in der Art, wie ihn die italienischen

Reiteroffiziere tragen, von schwarzem Tuche mit Astrachanbesatz und

reicher Verschnürung, auf den schwarzen Locken ein rotes Fez.

Jetzt verstehe ich den männlichen Eros und bewundere den Sokrates, der

einem solchen Alcibiades gegenüber tugendhaft blieb.

* * *

So aufgeregt habe ich meine Löwin noch nie gesehen. Ihre Wangen

loderten, als sie vor der Treppe ihrer Villa vom Wagen sprang, die

Stufen hinaufeilte und mich mit einem gebieterischen Wink ihr folgen

hieß.

Mit großen Schritten in ihrem Gemache auf und ab eilend, begann sie mit

einer Hast, die mich erschreckte.

[Illustration]

„Du wirst erfahren, wer der Mann in den Cascinen war, heute noch,

sofort. --

O welch ein Mann! Hast du ihn gesehen? Was sagst du? Sprich.“

„Der Mann ist schön,“ erwiderte ich dumpf.

„Er ist so schön --“ sie hielt inne und stützte sich auf die Lehne

eines Sessels -- „daß es mir den Atem benommen hat.“

„Ich begreife den Eindruck, den er dir gemacht hat,“ antworte ich;

meine Phantasie riß mich wieder im wilden Wirbel fort -- „ich selbst

war außer mir, und ich kann mir denken --“

„Du kannst dir denken,“ lachte sie auf, „daß dieser Mann mein Geliebter

ist, und daß er dich peitscht, und es dir ein Genuß ist, von ihm

gepeitscht zu werden.

Geh jetzt, geh.“

* * *

Ehe es Abend war, hatte ich ihn ausgekundschaftet.

Wanda war noch in voller Toilette, als ich zurückkehrte, sie lag auf

der Ottomane, das Gesicht in den Händen vergraben, das Haar verwirrt,

gleich einer roten Löwenmähne.

„Wie nennt er sich?“ fragte sie mit unheimlicher Ruhe.

„Alexis Papadopolis.“

„Ein Grieche also.“

Ich nickte.

„Er ist sehr jung?“

„Kaum älter als du selbst. Man sagt, er sei in Paris gebildet und

nennt ihn einen Atheisten. Er hat auf Candia gegen die Türken gekämpft

und soll sich dort nicht weniger durch seinen Rassehaß und seine

Grausamkeit, wie durch seine Tapferkeit ausgezeichnet haben.“

„Also alles in allem, ein Mann,“ rief sie mit funkelnden Augen.

„Gegenwärtig lebt er in Florenz,“ fuhr ich fort, „er soll enorm reich

sein --“

„Um das habe ich nicht gefragt,“ fiel sie mir rasch und schneidend ins

Wort.

„Der Mann ist gefährlich. Fürchtest du dich nicht vor ihm? Ich fürchte

mich vor ihm. Hat er eine Frau?“

„Nein.“

„Eine Geliebte?“

„Auch nicht.“

„Welches Theater besucht er?“

„Heute abend ist er im Theater Nicolini, wo die geniale Virginia Marini

und Salvini, der erste lebende Künstler Italiens, vielleicht Europas,

spielen.“

„Sieh, daß du eine Loge bekommst -- rasch! rasch!“ befahl sie.

„Aber Herrin --“

„Willst du die Peitsche kosten?“

* * *

„Du kannst im Parterre warten,“ sprach sie, als ich ihr Opernglas und

Affiche auf die Logenbrüstung gelegt hatte und eben den Schemel zurecht

schob.

Da stehe ich nun und muß mich an die Wand lehnen, um nicht umzusinken

vor Neid und Wut -- nein, Wut ist nicht das Wort dafür, vor Todesangst.

Ich sehe sie im blauen Moirékleide, mit dem großen Hermelinmantel um

die bloßen Schultern in ihrer Loge und ihn ihr gegenüber. Ich sehe,

wie sie sich gegenseitig mit den Augen verschlingen, wie für sie beide

heute die Bühne, Goldonis Pamela, Salvini, die Marini, das Publikum,

ja die Welt untergegangen ist -- und ich, was bin ich in diesem

Augenblicke? --

* * *

Heute besucht sie den Ball bei dem griechischen Gesandten. Weiß sie,

daß sie ihn dort trifft?

Sie hat sich wenigstens darnach angezogen. Ein schweres meergrünes

Seidenkleid schließt sich plastisch an ihre göttlichen Formen und zeigt

Büste und Arme unverhüllt; in dem Haare, das einen einzigen flammenden

Knoten bildet, blüht eine weiße Seerose, von der grünes Schilf, mit

einzelnen losen Flechten vermischt, auf den Nacken herabfällt. Keine

Spur mehr von Erregung, von jener zitternden Fieberhaftigkeit in ihrem

Wesen, sie ist ruhig, so ruhig, daß mir das Blut dabei erstarrt, und

ich mein Herz unter ihrem Blicke kalt werden fühle. Langsam, mit müder

träger Majestät, steigt sie die Marmorstufen hinauf, läßt ihre kostbare

Umhüllung herabgleiten und tritt nachlässig in den Saal, den Rauch von

hundert Kerzen mit silbernem Nebel gefüllt hat.

Einige Augenblicke sehe ich ihr wie verloren nach, dann hebe ich ihren

Pelz auf, der, ohne daß ich es wußte, meinen Händen entsunken war. Er

ist noch warm von ihren Schultern.

Ich küsse die Stelle, und Tränen füllen meine Augen.

* * *

Da ist er.

In seinem, mit dunklem Zobel verschwenderisch ausgeschlagenen schwarzen

Samtrock, ein schöner, übermütiger Despot, der mit Menschenleben und

Menschenseelen spielt. Er steht im Vorsaal, sieht stolz umher und läßt

seine Augen unheimlich lange auf mir ruhen.

Mich faßt unter seinem eisigen Blick wieder jene entsetzliche

Todesangst, die Ahnung, daß dieser Mann sie fesseln, sie berücken, sie

unterjochen kann, und ein Gefühl von Scham seiner wilden Männlichkeit

gegenüber, von Neid, von Eifersucht.

Wie ich mich so recht als den verschraubten schwächlichen

Geistesmenschen fühle! Und was das Schmachvollste ist: ich möchte ihn

hassen und kann es nicht. Und wie kommt es, daß auch er mich, gerade

mich unter dem Schwarm von Dienern herausgefunden hat.

Er winkt mich mit einer unnachahmlichen vornehmen Kopfbewegung zu sich,

und ich -- ich folge seinem Winke -- gegen meinen Willen.

„Nimm mir den Pelz ab,“ befiehlt er ruhig.

Ich zittere am ganzen Leibe vor Empörung, aber ich gehorche, demütig

wie ein Sklave.

* * *

Ich harre die ganze Nacht im Vorsaal, wie im Fieber phantasierend.

Seltsame Bilder schweben meinem innern Auge vorbei, ich sehe, wie sie

sich begegnen -- den ersten langen Blick -- ich sehe sie in seinen

Armen durch den Saal schweben, trunken, mit halbgeschlossenen Lidern

an seiner Brust liegen -- ich sehe ihn im Heiligtum der Liebe, nicht

als Sklaven, als Herrn auf der Ottomane liegend und sie zu seinen

Füßen, ich sehe mich ihn kniend bedienen, das Teebrett in meiner Hand

schwanken und ihn nach der Peitsche greifen. Jetzt sprechen die Diener

von ihm.

Es ist ein Mann wie ein Weib, er weiß, daß er schön ist und benimmt

sich darnach; er wechselt vier bis fünfmal im Tage seine kokette

Toilette, gleich einer eitlen Kurtisane.

In Paris erschien er zuerst in Frauenkleidern, und die Herren

bestürmten ihn mit Liebesbriefen. Ein durch seine Kunst und

Leidenschaft gleich berühmter italienischer Sänger drang bis in seine

Wohnung und drohte, vor ihm auf den Knien, sich das Leben zu nehmen,

wenn er ihn nicht erhöre.

„Ich bedaure,“ erwiderte er lächelnd, „ich würde Sie mit Vergnügen

begnadigen, aber so bleibt nichts übrig, als Ihr Todesurteil zu

vollstrecken, denn ich bin -- ein Mann.“

* * *

Der Saal hat sich schon bedeutend geleert -- sie aber denkt offenbar

noch gar nicht daran, aufzubrechen.

Schon dringt der Morgen durch die Jalousien.

Endlich rauscht ihr schweres Gewand, das ihr gleich grünen Wellen

nachfließt, sie kommt Schritt für Schritt im Gespräche mit ihm.

Ich bin für sie kaum mehr auf der Welt, sie nimmt sich nicht einmal

mehr die Mühe, mir einen Befehl zu erteilen.

„Den Mantel für Madame,“ befiehlt er, er denkt natürlich gar nicht

daran, sie zu bedienen.

Während ich ihr den Pelz umgebe, steht er mit gekreuzten Armen neben

ihr. Sie aber stützt, als ich ihr auf meinen Knien liegend die

Pelzschuhe anziehe, die Hand leicht auf seine Schulter und frägt:

„Wie war das mit der Löwin?“

„Wenn der Löwe, den sie gewählt, mit dem sie lebt, von einem anderen

angegriffen wird,“ erzählte der Grieche, „legt sich die Löwin ruhig

nieder und sieht dem Kampfe zu, und wenn ihr Gatte unterliegt, sie

hilft ihm nicht -- sie sieht ihn gleichgültig unter den Klauen des

Gegners in seinem Blute enden und folgt dem Sieger, dem Stärkeren, das

ist die Natur des Weibes.“

Meine Löwin sah mich in diesem Augenblicke rasch und seltsam an.

Mich schauerte es, ich weiß nicht warum, und das rote Frühlicht tauchte

mich und sie und ihn in Blut.

* * *

Sie ging nicht zu Bette, sondern warf nur ihre Balltoilette ab und

löste ihr Haar, dann befahl sie mir, Feuer zu machen, und saß beim

Kamine und starrte in die Glut.

„Bedarfst du noch meiner, Herrin?“ fragte ich, die Stimme versagte mir

bei dem letzten Worte.

Wanda schüttelte den Kopf.

Ich verließ das Gemach, ging durch die Galerie und setzte mich auf die

Stufen nieder, welche von derselben in den Garten hinabführen. Vom Arno

her wehte ein leichter Nordwind frische feuchte Kühle, die grünen Hügel

standen weithin in rosigem Nebel, goldner Duft schwebte um die Stadt,

die runde Kuppel des Domes.

An dem blaßblauen Himmel zitterten noch einzelne Sterne.

Ich riß meinen Rock auf und preßte die glühende Stirne gegen den

Marmor. Alles, was bis jetzt gewesen, erschien mir als ein kindisches

Spiel; nun aber war es Ernst, furchtbarer Ernst.

Ich ahnte eine Katastrophe, ich sah sie vor mir, ich konnte sie mit

Händen greifen, aber mir fehlte der Mut, ihr zu begegnen, meine Kraft

war gebrochen. Und wenn ich ehrlich bin, nicht die Schmerzen, die

Leiden, die über mich hereinbrechen konnten, nicht die Mißhandlungen,

die mir vielleicht bevorstanden, schreckten mich.

Ich fühle nun eine Furcht, die Furcht, sie, die ich mit einer Art

Fanatismus liebte, zu verlieren, diese aber so gewaltig, so zermalmend,

daß ich plötzlich wie ein Kind zu schluchzen begann.

* * *

Den Tag über blieb sie in ihrem Zimmer eingeschlossen und ließ sich von

der Negerin bedienen. Als der Abendstern in dem blauen Äther aufglühte,

sah ich sie durch den Garten gehen, und da ich ihr behutsam von weitem

folgte, in den Tempel der Venus treten. Ich schlich ihr nach und

blickte durch die Ritze der Türe.

Sie stand vor dem hehren Bilde der Göttin, wie betend die Hände

gefaltet, und das heilige Licht des Sternes der Liebe warf seine blauen

Strahlen über sie.

* * *

Nachts auf meinem Lager faßte mich die Angst, sie zu verlieren, die

Verzweiflung mit einer Gewalt, welche mich zum Helden, zum Libertiner

machte. Ich entzündete die kleine, rote Öllampe, welche unter einem

Heiligenbilde im Korridor hängt, und trat, das Licht mit einer Hand

dämpfend, in ihr Schlafgemach.

Die Löwin war endlich matt gehetzt, zu Tode gejagt, in ihren Polstern

eingeschlafen, sie lag auf dem Rücken, die Fäuste geballt, und atmete

schwer. Ein Traum schien sie zu beängstigen. Langsam zog ich die Hand

zurück und ließ das volle, rote Licht auf ihr wunderbares Antlitz

fallen.

Doch sie erwachte nicht.

Ich stellte die Lampe sachte zu Boden, sank vor Wandas Bette nieder und

legte meinen Kopf auf ihren weichen, glühenden Arm.

Sie bewegte sich einen Augenblick, doch sie erwachte auch jetzt nicht.

Wie lange ich so lag, mitten in der Nacht, in entsetzlichen Qualen

versteinert, ich weiß es nicht.

Endlich faßte mich ein heftiges Zittern und ich konnte weinen -- meine

Tränen flossen über ihren Arm. Sie zuckte mehrmals zusammen, endlich

fuhr sie empor, strich mit der Hand über die Augen und blickte auf mich.

„Severin,“ rief sie, mehr erschreckt als zornig.

Ich fand keine Antwort.

„Severin,“ fuhr sie leise fort, „was ist dir? Bist du krank?“

Ihre Stimme klang so teilnehmend, so gut, so liebevoll, daß sie mir

wie mit glühenden Zangen in die Brust griff und ich laut zu schluchzen

begann.

„Severin!“ begann sie von neuem, „du armer unglücklicher Freund.“ Ihre

Hand strich sanft über meine Locken. „Mir ist leid, sehr leid um dich;

aber ich kann dir nicht helfen, ich weiß beim besten Willen keine

Arznei für dich.“

„O! Wanda, muß es denn sein?“ stöhnte ich in meinem Schmerze auf.

„Was, Severin? Wovon sprichst du?“

„Liebst du mich denn gar nicht mehr?“ fuhr ich fort, „fühlst du nicht

ein wenig Mitleid mit mir? Hat der fremde, schöne Mann dich schon ganz

an sich gerissen?“

[Illustration]

„Ich kann nicht lügen,“ entgegnete sie sanft nach einer kleinen Pause,

„er hat mir einen Eindruck gemacht, den ich nicht fassen kann, unter

dem ich selbst leide und zittere, einen Eindruck, wie ich ihn von

Dichtern geschildert gefunden habe, wie ich ihn auf der Bühne sah,

aber für ein Gebilde der Phantasie hielt. O! das ist ein Mann wie ein

Löwe, stark und schön und stolz und doch weich, nicht roh wie unsere

Männer im Norden. Mir tut es leid um dich, glaub’ mir, Severin; aber

ich muß ihn besitzen, was sage ich? ich muß mich ihm hingeben, wenn er

mich will.“

„Denk an deine Ehre, Wanda, die du bisher so makellos bewahrt hast,“

rief ich, „wenn ich dir schon nichts mehr bedeute.“

„Ich denke daran,“ erwiderte sie, „ich will stark sein, so lange ich

kann, ich will --“ sie barg ihr Gesicht verschämt in den Polstern --

„ich will sein Weib werden -- wenn er mich will.“

„Wanda!“ schrie ich, wieder von jener Todesangst erfaßt, die mir

jedesmal den Atem, die Besinnung raubte; „du willst sein Weib werden,

du willst ihm gehören für immer, o! stoße mich nicht von dir! Er liebt

dich nicht --“

„Wer sagt dir das!“ rief sie aufflammend.

„Er liebt dich nicht,“ fuhr ich leidenschaftlich fort, „ich aber liebe

dich, ich bete dich an, ich bin dein Sklave, ich will mich treten

lassen von dir, dich auf meinen Armen durch das Leben tragen.“

„Wer sagt dir, daß er mich nicht liebt!“ unterbrach sie mich heftig.

„O! sei mein,“ flehte ich, „sei mein! Ich kann ja nicht mehr sein,

nicht leben ohne dich. Hab doch Erbarmen, Wanda, Erbarmen!“

Sie sah mich an, und jetzt war es wieder jener kalte, herzlose Blick,

jenes böse Lächeln.

„Du sagst ja, daß er mich nicht liebt,“ sprach sie höhnisch; „nun gut,

tröste dich also damit.“ Zugleich wendete sie sich auf die andere Seite

und kehrte mir schnöd’ den Rücken.

„Mein Gott, bist du denn kein Weib aus Fleisch und Blut, hast du kein

Herz wie ich!“ rief ich, während sich meine Brust wie im Krampfe hob.

„Du weißt es ja,“ entgegnete sie boshaft, „ich bin ein Weib aus Stein,

‚+Venus im Pelz+‘, dein Ideal, knie nur und bete mich an.“

„Wanda!“ flehte ich, „Erbarmen!“

Sie begann zu lachen. Ich drückte mein Gesicht in ihre Polster und ließ

die Tränen, in denen sich mein Schmerz löste, herabströmen.

Lange Zeit war alles stille, dann richtete sich Wanda langsam auf.

„Du langweilst mich,“ begann sie.

„Wanda!“

„Ich bin schläfrig, laß mich schlafen.“

„Erbarmen,“ flehte ich, „stoß mich nicht von dir, es wird dich kein

Mann, es wird dich keiner so lieben, wie ich.“

„Laß mich schlafen,“ -- sie kehrte mir den Rücken.

Ich sprang auf, riß den Dolch, der neben ihrem Bette hing, aus der

Scheide und setzte ihn auf meine Brust.

„Ich töte mich hier vor deinen Augen,“ murmelte ich dumpf.

„Tu, was du willst,“ erwiderte Wanda mit vollkommener Gleichgültigkeit,

„aber laß mich schlafen.“

Dann gähnte sie laut. „Ich bin sehr schläfrig.“

Einen Augenblick stand ich versteinert, dann begann ich zu lachen und

wieder laut zu weinen, endlich steckte ich den Dolch in meinen Gürtel

und warf mich wieder vor ihr auf die Knie.

„Wanda -- höre mich doch nur an, nur noch wenige Augenblicke,“ bat ich.

„Ich will schlafen! hörst du nicht,“ schrie sie zornig, sprang von

ihrem Lager und stieß mich mit dem Fuße von sich, „vergißt du, daß

ich deine Herrin bin?“ und als ich mich nicht von der Stelle rührte,

ergriff sie die Peitsche und schlug mich. Ich erhob mich -- sie traf

mich noch einmal -- und diesmal ins Gesicht.

„Mensch, Sklave!“

Mit geballter Faust gegen den Himmel deutend, verließ ich, plötzlich

entschlossen, ihr Schlafgemach. Sie warf die Peitsche weg und brach in

ein helles Gelächter aus -- und ich kann mir auch denken, daß ich in

meiner theatralischen Attitude recht komisch war.

* * *

Entschlossen, mich von dem herzlosen Weibe loszureißen, das mich so

grausam behandelt hat und nun im Begriffe ist, mich zum Lohne für meine

sklavische Anbetung, für alles, was ich von ihr geduldet, noch treulos

zu verraten, packe ich meine wenigen Habseligkeiten in ein Tuch, dann

schreibe ich an sie:

„+Gnädige Frau+!“

„Ich habe Sie geliebt wie ein Wahnsinniger, ich habe mich Ihnen

hingegeben, wie noch nie ein Mann einem Weibe, Sie aber haben meine

heiligsten Gefühle mißbraucht und mit mir ein freches, frivoles

Spiel getrieben. Solange Sie jedoch nur grausam und unbarmherzig

waren, konnte ich Sie noch lieben, jetzt aber sind Sie im Begriffe,

+gemein+ zu werden. Ich bin nicht mehr der Sklave, der sich

von Ihnen treten und peitschen läßt. Sie selbst haben mich frei

gemacht, und ich verlasse eine Frau, die ich nur noch hassen und

+verachten+ kann.

+Severin Kusiemski+.“

Diese Zeilen übergebe ich der Mohrin und eile dann, so rasch ich nur

kann, davon. Atemlos erreiche ich den Bahnhof, da fühle ich einen

heftigen Stich im Herzen -- ich halte -- ich beginne zu weinen -- O!

es ist schmachvoll -- ich will fliehen und kann nicht. Ich kehre um --

wohin? -- zu ihr -- die ich verabscheue und anbete zu gleicher Zeit.

Wieder besinne ich mich. Ich kann nicht zurück. Ich darf nicht zurück.

Wie soll ich aber Florenz verlassen? Mir fällt ein, daß ich ja kein

Geld habe, keinen Groschen. Nun also zu Fuß, ehrlich betteln ist

besser, als das Brot einer Kurtisane essen.

Aber ich kann ja nicht fort.

Sie hat mein Wort, mein Ehrenwort. Ich muß zurück. Vielleicht entbindet

sie mich dessen.

Nach einigen raschen Schritten bleibe ich wieder stehen.

Sie hat mein Ehrenwort, meinen Schwur, daß ich ihr Sklave bin, solange

sie es will, solange sie mir nicht selbst die Freiheit schenkt; aber

ich kann mich ja töten.

Ich gehe durch die Cascine an den Arno hinab, ganz hinab, wo sein

gelbes Wasser eintönig plätschernd ein paar verlorene Weiden bespült

-- dort sitze ich und schließe meine Rechnung mit dem Dasein ab --

ich lasse mein ganzes Leben an mir vorüberziehen und finde es recht

erbärmlich, einzelne Freuden, unendlich viel Gleichgültiges und

Wertloses, dazwischen reich gesäte Schmerzen, Leiden, Beängstigungen,

Enttäuschungen, gescheiterte Hoffnungen, Gram, Sorge und Trauer.

Ich dachte an meine Mutter, die ich so sehr geliebt und an

entsetzlicher Krankheit dahinsiechen sah, an meinen Bruder, der voll

Ansprüche auf Genuß und Glück in der Blüte seiner Jugend starb,

ohne nur seine Lippen an den Becher des Lebens gesetzt zu haben --

ich dachte an meine tote Amme, die Spielgenossen meiner Kindheit,

die Freunde, welche mit mir gestrebt und gelernt, sie alle, welche

die kalte, tote, gleichgültige Erde deckt; ich dachte an meinen

Turteltäuber, der nicht selten mir, statt seinem Weibchen, gurrend

Verbeugungen machte -- alles Staub zum Staube zurückgekehrt.

Ich lachte laut auf und gleite in das Wasser -- im selben Augenblicke

aber halte ich mich an einer Weidenrute fest, die über den gelben

Wellen hängt -- und ich sehe das Weib, das mich elend gemacht hat, vor

mir, sie schwebt über dem Wasserspiegel, von der Sonne durchleuchtet,

als wäre sie durchsichtig, rote Flammen um Haupt und Nacken, und wendet

mir ihr Antlitz zu und lächelt.

[Illustration]

* * *

Da bin ich wieder, triefend, durchnäßt, glühend vor Scham und Fieber.

Die Negerin hat meinen Brief übergeben, so bin ich gerichtet, verloren,

in der Hand eines herzlosen, beleidigten Weibes.

Nun, sie soll mich töten, ich, ich kann es nicht, und doch will ich

nicht länger leben.

Wie ich um das Haus herumgehe, steht sie in der Galerie, über die

Brüstung gelehnt, das Gesicht im vollen Lichte der Sonne, mit den

grünen Augen blinzelnd.

„Lebst du noch?“ fragt sie, ohne sich zu bewegen. Ich stehe stumm, das

Haupt auf die Brust gesenkt.

„Gib mir meinen Dolch zurück,“ fährt sie fort, „dir nützt er so nichts.

Du hast ja nicht einmal den Mut, dir das Leben zu nehmen.“

„Ich habe ihn nicht mehr,“ erwiderte ich, zitternd, vom Frost

geschüttelt.

Sie überfliegt mich mit einem stolzen, höhnischen Blick.

„Du hast ihn wohl im Arno verloren?“ Sie zuckte die Achseln.

„Meinetwegen. Nun und warum bist du nicht fort?“

Ich murmelte etwas, was weder sie noch ich selbst verstehen konnte.

„O! du hast kein Geld,“ rief sie, „da!“ und sie warf mir mit einer

unsäglich geringschätzenden Bewegung ihre Börse zu.

Ich hob sie nicht auf.

Wir schwiegen beide geraume Zeit.

„Du willst also nicht fort?“

„Ich kann nicht.“

* * *

Wanda fährt ohne mich in die Cascine, sie ist im Theater ohne mich,

sie empfängt Gesellschaft, die Negerin bedient sie. Niemand fragt nach

mir. Ich irre unstät im Garten umher, wie ein Tier, das seinen Herrn

verloren hat.

Im Gebüsch liegend, sehe ich ein paar Sperlingen zu, die um ein

Samenkorn kämpfen.

Da rauscht ein Frauengewand.

Wanda nähert sich, in einem dunklen Seidenkleide, züchtig bis zum Halse

geschlossen, mit ihr der Grieche. Sie sind im lebhaften Gespräche, doch

kann ich kein Wort davon verstehen. Jetzt stampft er mit dem Fuße, daß

der Kies ringsum auseinanderstäubt, und haut mit der Reitpeitsche in

die Luft. Wanda schrickt zusammen.

Fürchtet sie, daß er sie schlägt?

Sind sie so weit?

* * *

Er hat sie verlassen, sie ruft ihn, er hört sie nicht, er will sie

nicht hören.

Wanda nickt traurig mit dem Kopfe und setzt sich auf die nächste

Steinbank; sie sitzt lange in Gedanken versunken. Ich sehe ihr mit

einer Art boshafter Freude zu, endlich raffe ich mich gewaltsam auf und

trete höhnisch vor sie hin. Sie fährt empor und zittert am ganzen Leibe.

„Ich komme, Ihnen nur Glück zu wünschen,“ sage ich, mich verneigend,

„ich sehe, gnädige Frau, Sie haben Ihren Herrn gefunden.“

„Ja, Gott sei gedankt!“ ruft sie, „keinen neuen Sklaven, ich habe deren

genug gehabt: einen Herrn. Das Weib braucht einen Herrn und betet ihn

an.“

„Du betest ihn also an, Wanda!“ schrie ich auf, „diesen rohen Menschen

--“

„Ich liebe ihn so, wie ich noch niemand geliebt habe.“

„Wanda!“ -- ich ballte die Fäuste, aber schon kamen mir die Tränen und

der Taumel der Leidenschaft ergriff mich, ein süßer Wahnsinn. „Gut, so

wähle ihn, nimm ihn zum Gatten, er soll dein Herr sein, ich aber will

dein Sklave bleiben, solange ich lebe.“

„Du willst mein Sklave sein, auch dann?“ sprach sie, „das wäre pikant,

ich fürchte aber, er wird es nicht dulden.“

„Er?“

„Ja, er ist jetzt schon eifersüchtig auf dich,“ rief sie, „er auf dich!

er verlangte von mir, daß ich dich sofort entlasse, und als ich ihm

sagte, wer du bist --“

„Du hast ihm gesagt --“ wiederholte ich starr.

„Alles habe ich ihm gesagt,“ erwiderte sie, „unsere ganze Geschichte

erzählt, alle deine Seltsamkeiten, alles -- und er -- statt zu lachen

-- wurde zornig und stampfte mit dem Fuße.“

„Und drohte, dich zu schlagen?“

Wanda sah zu Boden und schwieg.

„Ja, ja,“ sprach ich mit höhnischer Bitterkeit, „du fürchtest dich vor

ihm, Wanda!“ -- ich warf mich ihr zu Füßen und umschlang erregt ihre

Knie -- „ich will ja nichts von dir, nichts, als immer in deiner Nähe

sein, dein Sklave! -- ich will dein Hund sein --“

„Weißt du, daß du mich langweilst?“ sprach Wanda apathisch.

Ich sprang auf. Alles kochte in mir.

„Jetzt bist du nicht mehr grausam, jetzt bist du gemein!“ sprach ich,

jedes Wort scharf und herb betonend.

„Das steht bereits in Ihrem Briefe,“ entgegnete Wanda mit einem stolzen

Achselzucken, „ein Mann von Geist soll sich nie wiederholen.“

„Wie handelst du an mir!“ brach ich los, „wie nennst du das?“

„Ich könnte dich züchtigen,“ entgegnete sie höhnisch, „aber ich ziehe

vor, dir diesmal statt mit Peitschenhieben mit Gründen zu antworten.

Du hast kein Recht, mich anzuklagen, war ich nicht jederzeit ehrlich

gegen dich? Habe ich dich nicht mehr als einmal gewarnt? Habe ich dich

nicht herzlich, ja leidenschaftlich geliebt und habe ich dir etwa

verheimlicht, daß es gefährlich ist, sich mir hinzugeben, sich vor mir

zu erniedrigen, daß ich beherrscht sein will? Du aber wolltest mein

Spielzeug sein, mein Sklave! Du fandest den höchsten Genuß darin, den

Fuß, die Peitsche eines übermütigen, grausamen Weibes zu fühlen. Was

willst du also jetzt?

In mir haben gefährliche Anlagen geschlummert, aber du erst hast sie

geweckt; wenn ich jetzt Vergnügen daran finde, dich zu quälen, zu

mißhandeln, bist nur du schuld, du hast aus mir gemacht, was ich jetzt

bin, und nun bist du noch unmännlich, schwach und elend genug, mich

anzuklagen.“

„Ja, ich bin schuldig,“ sprach ich, „aber habe ich nicht gelitten

dafür? Laß es jetzt genug sein, ende das grausame Spiel.“

„Das will ich auch,“ entgegnete sie mit einem seltsamen, falschen Blick!

„Wanda!“ rief ich heftig, „treibe mich nicht auf das Äußerste, du

siehst, daß ich wieder Mann bin.“

„Strohfeuer,“ erwiderte sie, „das einen Augenblick Lärm macht und

ebenso schnell verlöscht, wie es aufgeflammt ist. Du glaubst mich

einzuschüchtern und bist mir nur lächerlich. Wärst du der Mann gewesen,

für den ich dich anfangs hielt, ernst, gedankenvoll, streng, ich hätte

dich treu geliebt und wäre dein Weib geworden. Das Weib verlangt nach

einem Manne, zu dem es aufblicken kann, einen -- der so wie du --

freiwillig seinen Nacken darbietet, damit es seine Füße darauf setzen

kann, braucht es als willkommenes Spielzeug und wirft ihn weg, wenn es

seiner müde ist.“

„Versuch’ es nur, mich wegzuwerfen,“ sprach ich höhnisch, „es gibt

Spielzeug, das gefährlich ist.“

„Fordere mich nicht heraus,“ rief Wanda, ihre Augen begannen zu

funkeln, ihre Wangen röteten sich.

„Wenn ich dich nicht besitzen soll,“ fuhr ich mit von Wut erstickter

Stimme fort, „so soll dich auch kein anderer besitzen.“

„Aus welchem Theaterstück ist diese Stelle?“ höhnte sie, dann faßte sie

mich bei der Brust; sie war in diesem Augenblicke ganz bleich vor Zorn,

„fordere mich nicht heraus,“ fuhr sie fort, „ich bin nicht grausam,

aber ich weiß selbst nicht, wie weit ich noch kommen kann, und ob es

dann noch eine Grenze gibt.“

„Was kannst du mir Ärgeres tun, als ihn zu deinem Geliebten, deinem

Gatten machen?“ antwortete ich, immer mehr aufflammend.

„Ich kann dich zu seinem Sklaven machen,“ entgegnete sie rasch, „bist

du nicht in meiner Hand? habe ich nicht den Vertrag? Aber freilich, für

dich wird es nur ein Genuß sein, wenn ich dich binden lasse und zu ihm

sage:

„Machen Sie jetzt mit ihm, was Sie wollen.“

[Illustration]

„Weib, bist du toll!“ schrie ich auf.

„Ich bin sehr vernünftig,“ sagte sie ruhig, „ich warne dich zum letzten

Male. Leiste mir jetzt keinen Widerstand, jetzt, wo ich so weit

gegangen bin, kann ich leicht noch weiter gehen. Ich fühle eine Art Haß

auf dich, ich würde dich mit wahrer Lust von ihm totpeitschen sehen,

aber noch bezähme ich mich, noch --“

Meiner kaum mehr mächtig, faßte ich sie beim Handgelenke und riß sie zu

Boden, so daß sie vor mir auf den Knien lag.

„Severin!“ rief sie, auf ihrem Gesichte malten sich Wut und Schrecken.

„Ich töte dich, wenn du sein Weib wirst,“ drohte ich, die Töne kamen

heiser und dumpf aus meiner Brust, „du bist mein, ich lasse dich nicht,

ich habe dich zu lieb,“ dabei umklammerte ich sie und drückte sie an

mich und meine Rechte griff unwillkürlich nach dem Dolche, der noch in

meinem Gürtel stak.

Wanda heftete einen großen, ruhigen, unbegreiflichen Blick auf mich.

„So gefällst du mir,“ sprach sie gelassen, „jetzt bist du Mann, und ich

weiß in diesem Augenblicke, daß ich dich noch liebe.“

„Wanda“ -- mir kamen vor Entzücken die Tränen, ich beugte mich über sie

und bedeckte ihr reizendes Gesichtchen mit Küssen und sie -- plötzlich

in lautes, mutwilliges Lachen ausbrechend -- rief: „Hast du jetzt genug

von deinem Ideal, bist du mit mir zufrieden?“

„Wie?“ -- stammelte ich -- „es ist nicht dein Ernst.“

„Es ist mein Ernst,“ fuhr sie heiter fort, „daß ich dich lieb habe,

dich allein, und du -- du kleiner, guter Narr, hast nicht gemerkt, daß

alles nur Scherz und Spiel war -- und wie schwer es mir wurde, dir

oft einen Peitschenhieb zu geben, wo ich dich eben gerne beim Kopfe

genommen und abgeküßt hätte. Aber jetzt ist es genug, nicht wahr? Ich

habe meine grausame Rolle besser durchgeführt, als du erwartet hast,

nun wirst du wohl zufrieden sein, dein kleines, gutes, kluges und auch

ein wenig hübsches Weibchen zu haben -- nicht? -- Wir wollen recht

vernünftig leben und --“

„Du wirst mein Weib!“ rief ich in überströmender Seligkeit.

„Ja -- dein Weib -- du lieber, teurer Mann,“ flüsterte Wanda, indem sie

meine Hände küßte.

Ich zog sie an meine Brust empor.

„So, nun bist du nicht mehr Gregor, mein Sklave,“ sprach sie, „jetzt

bist du wieder mein lieber Severin, mein Mann --“

„Und er? -- du liebst ihn nicht?“ fragte ich erregt.

„Wie konntest du nur glauben, daß ich den rohen Menschen liebe -- aber

du warst ganz verblendet -- mir war bang um dich --“

„Ich hätte mir fast das Leben genommen um deinetwillen.“

„Wirklich?“ rief sie, „ach! ich zittere noch bei dem Gedanken, daß du

schon im Arno warst --“

„Du aber hast mich errettet,“ entgegnete ich zärtlich, „du schwebtest

über den Gewässern und lächeltest, und dein Lächeln rief mich zurück

ins Leben.“

* * *

Es ist ein seltsames Gefühl, das ich habe, wie ich sie jetzt in

meinen Armen halte, und sie ruht stumm an meiner Brust und läßt

sich von mir küssen und lächelt; mir ist es, als wäre ich plötzlich

aus Fieberphantasien erwacht, oder ein Schiffbrüchiger, der tagelang

mit den Wogen gekämpft hat, die ihn jeden Augenblick zu verschlingen

drohten, und endlich an das Land geworfen wurde.

* * *

„Ich hasse dieses Florenz, wo du so unglücklich warst,“ sprach sie, als

ich ihr gute Nacht sagte, „ich will sofort abreisen, morgen schon, du

wirst die Güte haben, einige Briefe für mich zu schreiben, und während

du damit beschäftigt bist, fahre ich in die Stadt und mache meine

Abschiedsbesuche. Ist’s dir so recht?“

„Gewiß, mein liebes, gutes, schönes Weib.“

* * *

Sie klopfte früh am Morgen an meine Türe und fragte, wie ich

geschlafen. Ihre Liebenswürdigkeit ist wahrhaft entzückend, ich hätte

nie gedacht, daß ihr die Sanftmut so gut läßt.

* * *

Nun ist sie mehr als vier Stunden fort, ich bin mit meinen Briefen

längst fertig und sitze in der Galerie und blicke auf die Straße

hinaus, ob ich nicht ihren Wagen in der Ferne entdecke. Mir wird ein

wenig bange um sie, und doch habe ich weiß Gott keinen Anlaß mehr zu

Zweifeln oder Befürchtungen; aber es liegt da auf meiner Brust und ich

werde es nicht los. Vielleicht sind es die Leiden vergangener Tage, die

noch ihren Schatten in meine Seele werfen.

* * *

Da ist sie, strahlend von Glück, von Zufriedenheit.

„Nun, ist alles nach Wunsch gegangen?“ fragte ich sie, zärtlich ihre

Hand küssend.

„Ja, mein Herz,“ erwidert sie, „und wir reisen heute nacht, hilf mir

meine Koffer packen.“

* * *

[Illustration]

Gegen Abend bittet sie mich, selbst auf die Post zu fahren und ihre

Briefe zu besorgen. Ich nehme ihren Wagen und bin in einer Stunde

zurück.

„Die Herrin hat nach Ihnen gefragt,“ spricht die Negerin lächelnd, als

ich die breite Marmortreppe hinaufsteige.

„War jemand da?“

„Niemand,“ erwiderte sie und kauert sich wie eine schwarze Katze auf

den Stufen nieder.

Ich gehe langsam durch den Saal und stehe jetzt vor der Türe ihres

Schlafgemaches.

Warum klopft mir das Herz? Ich bin doch so glücklich.

Leise öffnend, schlage ich die Portière zurück. Wanda liegt auf der

Ottomane, sie scheint mich nicht zu bemerken. Wie schön sie ist in dem

Kleide von silbergrauer Seide, das sich verräterisch an ihre herrlichen

Formen anschließt und ihre wunderbare Büste und ihre Arme unverhüllt

läßt. Ihr Haar ist mit einem schwarzen Sammetbande durchschlungen und

aufgebunden. Im Kamin lodert ein mächtiges Feuer, die Ampel wirft ihr

rotes Licht, das ganze Zimmer schwimmt im Blut.

„Wanda!“ sage ich endlich.

„O Severin!“ ruft sie freudig, „ich habe dich mit Ungeduld erwartet,“

sie springt auf und schließt mich in ihre Arme; dann setzt sie sich

wieder in die üppigen Polster und will mich zu sich ziehen, ich gleite

indes sanft zu ihren Füßen nieder und lege mein Haupt in ihren Schoß.

„Weißt du, daß ich heute sehr verliebt in dich bin?“ flüstert sie und

streicht mir ein paar lose Härchen aus der Stirne und küßt mich auf die

Augen.

„Wie schön deine Augen sind, sie haben mir immer am besten an dir

gefallen, heute aber machen sie mich förmlich trunken. Ich vergehe“ --

sie dehnte ihre herrlichen Glieder und blinzelte mich durch die roten

Wimpern zärtlich an.

„Und du -- du bist kalt -- du hältst mich wie ein Stück Holz; warte

nur, ich will dich noch verliebt machen!“ rief sie und hing wieder

schmeichelnd und kosend an meinen Lippen.

„Ich gefalle dir nicht mehr, ich muß wieder einmal grausam gegen dich

sein, ich bin heute offenbar zu gut gegen dich; weißt du was, Närrchen,

ich werde dich ein wenig peitschen --“

„Aber Kind --“

„Ich will es.“

„Wanda!“

„Komm, laß dich binden,“ fuhr sie fort und sprang mutwillig durch das

Zimmer, „ich will dich recht verliebt sehen, verstehst du? Da sind die

Stricke. Ob ich es noch kann?“

Sie begann damit, mir die Füße zu fesseln, dann band sie mir die Hände

fest auf den Rücken und endlich schnürte sie mir die Arme wie einem

Delinquenten zusammen.

„So,“ sprach sie in heiterem Eifer, „kannst du dich noch rühren?“

„Nein.“

„Gut --“

Sie machte hierauf aus einem starken Seile eine Schlinge, warf sie mir

über den Kopf und ließ sie bis zu den Hüften hinabgleiten, dann zog sie

sie fest zusammen und band mich an die Säule.

Mich faßte in diesem Augenblicke ein seltsamer Schauer.

„Ich habe das Gefühl, wie wenn ich hingerichtet würde,“ sagte ich leise.

„Du sollst auch heute einmal ordentlich gepeitscht werden!“ rief Wanda.

„Aber nimm die Pelzjacke dazu,“ sagte ich, „ich bitte dich.“

„Dies Vergnügen kann ich dir schon machen,“ antwortete sie, holte ihre

Kazabaika und zog sie lächelnd an, dann stand sie, die Arme auf der

Brust verschränkt, vor mir und betrachtete mich mit halbgeschlossenen

Augen.

„Kennst du die Geschichte vom Ochsen des Dionys?“ fragte sie.

„Ich erinnere mich nur dunkel, was ist damit?“

„Ein Höfling ersann für den Tyrannen von Syrakus ein neues

Marterwerkzeug, einen eisernen Ochsen, in welchen der zum Tode

Verurteilte gesperrt und in ein mächtiges Feuer gesetzt wurde.

Sobald nun der eiserne Ochse zu glühen begann, und der Verurteilte

in seinen Qualen aufschrie, klang sein Jammern wie das Gebrüll eines

Ochsen.

Dionys lächelte dem Erfinder gnädig zu und ließ, um auf der Stelle

einen Versuch mit seinem Werk zu machen, ihn selbst zuerst in den

eisernen Ochsen sperren.

Die Geschichte ist sehr lehrreich.

So warst du es, der mir die Selbstsucht, den Übermut, die Grausamkeit

eingeimpft hat, und +du sollst ihr erstes Opfer werden+. Ich finde

jetzt in der Tat Vergnügen daran, einen Menschen, der denkt und fühlt

und will, wie ich, einen Mann, der an Geist und Körper stärker ist,

wie ich, in meiner Gewalt zu haben, zu mißhandeln, und ganz besonders

einen Mann, der mich liebt.

Liebst du mich noch?“

„Bis zum Wahnsinn!“ rief ich.

„Um so besser,“ erwiderte sie, „um so mehr Genuß wirst du bei dem

haben, was ich jetzt mit dir anfangen will.“

„Was hast du nur?“ fragte ich, „ich verstehe dich nicht, in deinen

Augen blitzt es heute wirklich wie Grausamkeit und du bist so seltsam

schön -- so ganz ‚Venus im Pelz‘.“

Wanda legte, ohne mir zu antworten, die Arme um meinen Nacken und küßte

mich. Mich ergriff in diesem Augenblicke wieder der volle Fanatismus

meiner Leidenschaft.

„Nun, wo ist die Peitsche?“ fragte ich.

Wanda lachte und trat zwei Schritte zurück.

„Du willst also durchaus gepeitscht werden?“ rief sie, indem sie den

Kopf übermütig in den Nacken warf.

„Ja.“

Auf einmal war Wandas Gesicht vollkommen verändert, wie vom Zorne

entstellt, sie schien mir einen Moment sogar häßlich.

„Also peitschen Sie ihn!“ rief sie laut.

In demselben Augenblicke steckte der schöne Grieche seinen schwarzen

Lockenkopf durch die Gardinen ihres Himmelbettes. Ich war anfangs

sprachlos, starr. Die Situation war entsetzlich komisch, ich hätte

selbst laut aufgelacht, wenn sie nicht zugleich so verzweifelt traurig,

so schmachvoll für mich gewesen wäre.

Das übertraf meine Phantasie. Es lief mir kalt über den Rücken, als

mein Nebenbuhler heraustrat in seinen Reitstiefeln, seinem engen,

weißen Beinkleid, seinem knappen Samtrock, und mein Blick auf seine

athletischen Glieder fiel.

„Sie sind in der Tat grausam,“ sprach er, zu Wanda gekehrt.

„Nur genußsüchtig,“ entgegnete sie mit wildem Humor, „der Genuß macht

allein das Dasein wertvoll, wer genießt, der scheidet schwer vom

Leben, wer leidet oder darbt, grüßt den Tod wie einen Freund; wer

aber genießen will, muß das Leben heiter nehmen, im Sinne der Antike,

er muß sich nicht scheuen, auf Kosten anderer zu schwelgen, er darf

nie Erbarmen haben, er muß andere vor seinen Wagen, vor seinen Pflug

spannen, wie Tiere; Menschen, die fühlen, die genießen möchten, wie er,

zu seinen Sklaven machen, sie ausnützen in seinem Dienste, zu seinen

Freuden, ohne Reue; nicht fragen, ob ihnen auch wohl dabei geschieht,

ob sie zugrunde gehen. Er muß immer vor Augen haben: wenn sie mich

so in der Hand hätten, wie ich sie, täten sie mir dasselbe, und ich

müßte mit meinem Schweiße, meinem Blute, meiner Seele ihre Genüsse

bezahlen. So war die Welt der Alten, Genuß und Grausamkeit, Freiheit

und Sklaverei gingen von jeher Hand in Hand; Menschen, welche gleich

olympischen Göttern leben wollen, müssen Sklaven haben, welche sie

in ihre Fischteiche werfen, und Gladiatoren, die sie während ihres

üppigen Gastmahls kämpfen lassen und sich nichts daraus machen, wenn

dabei etwas Blut auf sie spritzt.“

Ihre Worte brachten mich vollends zu mir.

„Binde mich los!“ rief ich zornig.

„Sind Sie nicht mein Sklave, mein Eigentum?“ erwiderte Wanda, „soll ich

Ihnen den Vertrag zeigen?“

„Binde mich los!“ drohte ich laut, „sonst --“ ich riß an den Stricken.

„Kann er sich losreißen?“ fragte sie, „denn er hat gedroht, mich zu

töten.“

„Seien Sie ruhig,“ sprach der Grieche, meine Fesseln prüfend.

„Ich rufe um Hilfe,“ begann ich wieder.

„Es hört Sie niemand,“ entgegnete Wanda, „und niemand wird mich

hindern, Ihre heiligsten Gefühle wieder zu mißbrauchen und mit Ihnen

ein frivoles Spiel zu treiben,“ fuhr sie fort, mit satanischem Hohne

die Phrasen meines Briefes an sie wiederholend.

„Finden Sie mich in diesem Augenblicke bloß grausam und unbarmherzig,

oder bin ich im Begriffe, +gemein+ zu werden? Was? Lieben Sie mich

noch oder hassen und verachten Sie mich bereits? Hier ist die Peitsche“

-- sie reichte sie dem Griechen, der sich mir rasch näherte.

„Wagen Sie es nicht!“ rief ich, vor Entrüstung bebend, „von Ihnen dulde

ich nichts --“

„Das glauben Sie nur, weil ich keinen Pelz habe,“ erwiderte der

Grieche mit einem frivolen Lächeln, und nahm seinen kurzen Zobelpelz

vom Bette.

„Sie sind köstlich!“ rief Wanda, gab ihm einen Kuß und half ihm in den

Pelz hinein.

„Darf ich ihn wirklich peitschen?“ fragte er.

„Machen Sie mit ihm, was Sie wollen,“ entgegnete Wanda.

„Bestie!“ stieß ich empört hervor.

Der Grieche heftete seinen kalten Tigerblick auf mich und versuchte

die Peitsche, seine Muskeln schwollen, während er ausholte und sie

durch die Luft pfeifen ließ, und ich war gebunden wie Marsyas und mußte

sehen, wie sich Apollo anschickte, mich zu schinden.

Mein Blick irrte im Zimmer umher und blieb auf der Decke haften, wo

Simson zu Delilas Füßen von den Philistern geblendet wird. Das Bild

erschien mir in diesem Augenblicke wie ein Symbol, ein ewiges Gleichnis

der Leidenschaft, der Wollust, der Liebe des Mannes zum Weibe. „Ein

jeder von uns ist am Ende ein Simson,“ dachte ich, „und wird zuletzt

wohl oder übel von dem Weibe, das er liebt, verraten, sie mag ein

Tuchmieder tragen oder einen Zobelpelz.“

„Nun sehen Sie zu,“ rief der Grieche, „wie ich ihn dressieren werde.“

Er zeigte die Zähne und sein Gesicht bekam jenen blutgierigen Ausdruck,

der mich gleich das erste Mal an ihm erschreckt hatte.

[Illustration]

Und er begann mich zu peitschen -- so unbarmherzig, so furchtbar, daß

ich unter jedem Hiebe zusammenzuckte und vor Schmerz am ganzen Leibe

zu zittern begann, ja die Tränen liefen mir über die Wangen, während

Wanda in ihrer Pelzjacke auf der Ottomane lag, auf den Arm gestützt,

mit grausamer Neugier zusah und sich vor Lachen wälzte.

Das Gefühl, vor einem angebeteten Weibe von dem glücklichen Nebenbuhler

mißhandelt zu werden, ist nicht zu beschreiben, ich verging vor Scham

und Verzweiflung.

Und das Schmachvollste war, daß ich in meiner jämmerlichen Lage, unter

Apollos Peitsche und bei meiner Venus grausamem Lachen anfangs eine Art

phantastischen, übersinnlichen Reiz empfand, aber Apollo peitschte mir

die Poesie heraus, Hieb für Hieb, bis ich endlich in ohnmächtiger Wut

die Zähne zusammenbiß und mich, meine wollüstige Phantasie, Weib und

Liebe verfluchte.

Ich sah jetzt auf einmal mit entsetzlicher Klarheit, wohin die blinde

Leidenschaft, die Wollust, seit Holofernes und Agamemnon den Mann

geführt hat, in den Sack, in das Netz des verräterischen Weibes, in

Elend, Sklaverei und Tod.

Mir war es, wie das Erwachen aus einem Traum.

Schon floß mein Blut unter seiner Peitsche, ich krümmte mich wie ein

Wurm, den man zertritt, aber er peitschte fort ohne Erbarmen und sie

lachte fort ohne Erbarmen, während sie die gepackten Koffer schloß, in

ihren Reisepelz schlüpfte, und lachte noch, als sie an seinem Arme die

Treppe hinab, in den Wagen stieg.

Dann war es einen Augenblick stille.

Ich lauschte atemlos.

Jetzt fiel der Schlag zu, die Pferde zogen an -- noch einige Zeit das

Rollen des Wagens -- dann war alles vorbei.

* * *

Einen Augenblick dachte ich daran, Rache zu nehmen, ihn zu töten, aber

ich war ja durch den elenden Vertrag gebunden, mir blieb also nichts

übrig, als mein Wort zu halten und meine Zähne zusammenzubeißen.

* * *

Die erste Empfindung nach der grausamen Katastrophe meines Lebens war

die Sehnsucht nach Mühen, Gefahren und Entbehrungen. Ich wollte Soldat

werden und nach Asien gehen oder Algier, aber mein Vater, der alt und

krank war, verlangte nach mir.

So kehrte ich still in die Heimat zurück und half ihm zwei Jahre seine

Sorgen tragen und die Wirtschaft führen und lernte, was ich bisher

nicht gekannt, und mich jetzt gleich einem Trunk frischen Wassers

labte, +arbeiten+ und +Pflichten erfüllen+. Dann starb mein

Vater, und ich wurde Gutsherr, ohne daß sich dadurch etwas geändert

hätte. Ich habe mir selbst die spanischen Stiefel angelegt und lebe

hübsch vernünftig weiter, wie wenn der Alte hinter mir stünde und mit

seinen großen, klugen Augen über meine Schulter blicken würde.

Eines Tages kam eine Kiste an, von einem Briefe begleitet. Ich erkannte

Wandas Schrift.

Seltsam bewegt öffnete ich ihn und las.

„+Mein Herr!+

Jetzt, wo mehr als drei Jahre seit jener Nacht in Florenz

verflossen sind, darf ich Ihnen noch einmal gestehen, daß ich Sie

sehr geliebt habe, Sie selbst aber haben mein Gefühl erstickt durch

Ihre phantastische Hingebung, durch Ihre wahnsinnige Leidenschaft.

Von dem Augenblicke an, wo Sie mein Sklave waren, fühlte ich, daß

Sie nicht mehr mein Mann werden konnten, aber ich fand es pikant,

Ihnen Ihr Ideal zu verwirklichen und Sie vielleicht -- während ich

mich köstlich amüsierte -- zu heilen.

Ich habe den starken Mann gefunden, dessen ich bedurfte und mit dem

ich so glücklich war, wie man es nur auf dieser komischen Lehmkugel

sein kann.

Aber mein Glück war, wie jedes menschliche, nur von kurzer Dauer.

Er ist, vor einem Jahre etwa, im Duell gefallen und ich lebe

seitdem in Paris, wie eine Aspasia.

Und Sie? -- Ihrem Leben wird es gewiß nicht an Sonnenschein fehlen,

wenn Ihre Phantasie die Herrschaft über Sie verloren hat und jene

Eigenschaften bei Ihnen hervorgetreten sind, welche mich anfangs so

sehr anzogen, die Klarheit des Gedankens, die Güte des Herzens und

vor allem -- +der sittliche Ernst+.

Ich hoffe, Sie sind unter meiner Peitsche gesund geworden, die Kur

war grausam aber radikal. Zur Erinnerung an jene Zeit und eine

Frau, welche Sie leidenschaftlich geliebt hat, sende ich Ihnen das

Bild des armen Deutschen.

+Venus im Pelz.+“

Ich mußte lächeln, und wie ich in Gedanken versank, stand plötzlich

das schöne Weib in der hermelinbesetzten Samtjacke, die Peitsche in

der Hand, vor mir und ich lächelte weiter über das Weib, das ich so

wahnsinnig geliebt, die Pelzjacke, die mich einst so sehr entzückt,

über die Peitsche, und lächelte endlich über meine Schmerzen und sagte

mir: die Kur war grausam, aber radikal, und die Hauptsache ist: ich bin

gesund geworden.

* * *

„Nun, und die Moral von der Geschichte?“ sagte ich zu Severin, indem

ich das Manuskript auf den Tisch legte.

„Daß ich ein Esel war,“ rief er, ohne sich zu mir zu wenden, er schien

sich zu genieren. „Hätte ich sie nur gepeitscht!“

„Ein kurioses Mittel,“ erwiderte ich, „das mag bei deinen Bäuerinnen --“

„O! die sind daran gewöhnt,“ antwortete er lebhaft, „aber denke dir die

Wirkung bei unsern feinen, nervösen, hysterischen Damen --“

„Aber die Moral?“

„Daß das Weib, wie es die Natur geschaffen und wie es der Mann

gegenwärtig heranzieht, sein Feind ist und nur seine Sklavin oder seine

Despotin sein kann, +nie aber seine Gefährtin+. Dies wird sie erst

dann sein können, wenn sie ihm gleich steht an Rechten, wenn sie ihm

ebenbürtig ist durch Bildung und Arbeit.

Jetzt haben wir nur die Wahl, Hammer oder Ambos zu sein, und ich war

der Esel, aus mir den Sklaven eines Weibes zu machen, verstehst du?

Daher die Moral der Geschichte: Wer sich peitschen läßt, verdient,

gepeitscht zu werden.

Mir sind die Hiebe, wie du siehst, sehr gut bekommen, der rosige,

übersinnliche Nebel ist zerronnen und mir wird niemand mehr die

heiligen Affen von Benares[5] oder den Hahn des Plato[6] für ein

Ebenbild Gottes ausgeben.“

[Illustration]

Anmerkungen zu „Venus im Pelz“.

[1] Lange Peitsche am kurzen Stiel.

[2] Lemberg.

[3] Frauenjacke.

[4] Judengasse in Lemberg.

[5] So nennt Arthur Schopenhauer die Frauen.

[6] Diogenes warf einen gerupften Hahn in die Schule des Plato und

rief: „Da habt Ihr den Menschen des Plato“.

Druck: Otto Wigand’sche Buchdruckerei G. m. b. H., Leipzig.

Georg H. Wigand’sche Verlagsbuchhandlung in Leipzig

Novellen von Leopold Ritter von Sacher-Masoch

Grausame Frauen

Mit farbigem Künstlerumschlag von

A. Scheiner

Preis brosch. M. 7.-- gebunden M. 11.--

Das Rätsel Weib

Mit farbigem Künstlerumschlag von

A. Scheiner

Preis brosch. M. 7.-- gebunden M. 11.--

Dämonen und Sirenen

Mit farbigem Künstlerumschlag von

A. Scheiner

Preis brosch. M. 7.--, gebund. M. 11.--

In diesen fein pointierten kleinen Erzählungen zeigt sich des genialen

Erzählers Kunst im schönsten Lichte. Von jeher wurden sie von seinen

Verehrern ganz besonders geschätzt, und in den vorliegenden, besonders

sorgfältigen Ausgaben dürften sie noch mehr Freunde finden als zuvor.

Keiner, der Sacher-Masochs Werke sammelt, darf an diesen Bänden

vorübergehen, in denen sich manches aus der allerletzten Zeit des

Dichters befindet.

Georg H. Wigand’sche Verlagsbuchhandlung in Leipzig

Die Starken

Ein Ringkämpferroman

von

Dolorosa

Mit farbigem Künstlerumschlag von =R. Kirchner=

Preis brosch. M. 8.--, gebunden M. 12.--

Ein Hauch derb-frischer Männlichkeit weht durch dieses eigenartige

Buch, das uns in die Welt der Helden der Arena einführt. Dieser

modernen Gladiatoren, die die Bewunderung der Männer erregen, und denen

die Herzen der Frauen in ungestümer Leidenschaft entgegenschlagen.

Das überaus eigenartige Buch ist ein interessanter Beitrag zur

Sittengeschichte unserer Zeit.

[Illustration]

Unfruchtbarkeit

Roman von

Dolorosa

Mit einem Titelbilde von =Fritz Buchholz= und

mit farbigem Künstlerumschlag von

=Raphael Kirchner=

Preis brosch. M. 8.--, gebunden M. 12.--

Die Verfasserin rollt hier die Frage auf, ob Unfruchtbarkeit ein Segen

oder ein Fluch sei, und tut es mit einer Kühnheit, die fast beispiellos

genannt werden muß. Als das Buch erschien, machte es ungeheures

Aufsehen. Mehr als ein berufener Beurteiler nannte Dolorosa seinetwegen

einen weiblichen Zola und ihr Werk ein Gegenstück zu des großen

Franzosen „Fruchtbarkeit“.

End of Project Gutenberg's Venus im Pelz, by Leopold von Sacher-Masoch

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