Universo da obra
Universo da obra
Es war vier Uhr morgens, als er die Treppe zu seiner Wohnung
hinaufschritt. Er begab sich vor allem in sein Sprechzimmer, verschloß
das Maskengewand sorgfältig in einen Schrank, und da er es vermeiden
wollte, Albertine zu wecken, legte er Schuhe und Kleider ab, noch ehe
er ins Schlafzimmer trat. Vorsichtig schaltete er das gedämpfte Licht
seiner Nachttischlampe ein. Albertine lag ruhig, die Arme im Nacken
verschlungen, ihre Lippen waren halb geöffnet, schmerzliche Schatten
zogen rings um sie; es war ein Antlitz, das Fridolin nicht kannte.
Er beugte sich über ihre Stirne, die sich sofort, wie unter einer
Berührung, in Falten legte, ihre Mienen verzerrten sich sonderbar;
und plötzlich, immer noch im Schlafe, lachte sie so schrill auf, daß
Fridolin erschrak. Unwillkürlich rief er sie beim Namen. Sie lachte
von neuem, wie zur Antwort, in einer völlig fremden, fast unheimlichen
Weise. Nochmals und lauter rief Fridolin sie an. Nun öffnete sie die
Augen, langsam, mühselig, groß, blickte ihn starr an, als erkenne sie
ihn nicht.
»Albertine!« rief er zum dritten Male. Nun erst schien sie sich zu
besinnen. Ein Ausdruck der Abwehr, der Furcht, ja des Entsetzens trat in
ihr Auge. Sie streckte die Arme empor, sinnlos und wie verzweifelt, ihr
Mund blieb geöffnet.
»Was ist dir?« fragte Fridolin stockenden Atems. Und da sie ihn immer
noch wie mit Entsetzen anstarrte, fügte er wie beruhigend hinzu: »Ich
bin's, Albertine.« Sie atmete tief, versuchte ein Lächeln, ließ die Arme
auf die Bettdecke sinken, und wie aus der Ferne fragte sie: »Ist es
schon Morgen?«
»Bald«, erwiderte Fridolin. »Vier Uhr vorüber. Eben erst bin ich nach
Hause gekommen.« Sie schwieg. Er fuhr fort: »Der Hofrat ist tot. Er
lag schon im Sterben, als ich kam, -- und ich konnte natürlich -- die
Angehörigen nicht gleich allein lassen.«
Sie nickte, schien ihn aber kaum gehört oder verstanden zu haben,
starrte wie durch ihn hindurch ins Leere, und ihm war, -- so unsinnig
ihm selbst der Einfall im gleichen Augenblick erschien, als müßte ihr
bekannt sein, was er in dieser Nacht erlebt hatte. Er neigte sich über
sie und berührte ihre Stirn. Sie erschauerte leicht.
»Was ist dir?« fragte er wieder.
Sie schüttelte nur langsam den Kopf. Er strich ihr über die Haare.
»Albertine, was ist dir?«
»Ich habe geträumt«, sagte sie fern.
»Was hast du denn geträumt?« fragte er mild.
»Ach, so viel. Ich kann mich nicht recht besinnen.«
»Vielleicht doch.«
»Es war so wirr -- und ich bin müde. Und du mußt doch auch müde sein?«
»Nicht im geringsten, Albertine, ich werde kaum mehr schlafen. Du weißt
ja, wenn ich so spät nach Hause komme -- -- das Vernünftigste wäre
eigentlich, ich setzte mich sofort an den Schreibtisch --gerade in
solchen Morgenstunden -- --« Er unterbrach sich. »Aber willst du mir
nicht doch lieber deinen Traum erzählen?« Er lächelte etwas gezwungen.
Sie antwortete: »Du solltest dich doch noch ein wenig hinlegen.«
Er zögerte eine Weile, dann tat er nach ihrem Wunsch und streckte sich
an ihrer Seite aus. Doch er hütete sich, sie zu berühren. Ein Schwert
zwischen uns, dachte er in der Erinnerung an eine halb scherzhafte
Bemerkung gleicher Art, die einmal bei ähnlicher Gelegenheit von seiner
Seite gefallen war. Sie schwiegen beide, lagen mit offenen Augen,
fühlten gegenseitig ihre Nähe, ihre Ferne. Nach einer Weile stützte er
den Kopf auf seinen Arm, betrachtete sie lange, als vermöchte er mehr zu
sehen als nur die Umrisse ihres Antlitzes.
»Deinen Traum!« sagte er plötzlich noch einmal, und es war, als hätte
sie diese Aufforderung nur erwartet. Sie streckte ihm eine Hand
entgegen; er nahm sie, und gewohnheitsmäßig, mehr zerstreut als
zärtlich, hielt er wie spielend ihre schlanken Finger umklammert. Sie
aber begann:
»Erinnerst du dich noch des Zimmers in der kleinen Villa am Wörthersee,
wo ich mit den Eltern im Sommer unserer Verlobung gewohnt habe?«
Er nickte.
»So fing der Traum nämlich an, daß ich in dieses Zimmer trat, ich weiß
nicht woher -- wie eine Schauspielerin auf die Szene. Ich wußte nur, daß
die Eltern sich auf Reisen befanden und mich allein gelassen hatten.
Das wunderte mich, denn morgen sollte unsere Hochzeit sein. Aber das
Brautkleid war noch nicht da. Oder irrte ich mich vielleicht? Ich
öffnete den Schrank, um nachzusehen, da hingen statt des Brautkleides
eine ganze Menge von anderen Kleidern, Kostüme eigentlich, opernhaft,
prächtig, orientalisch. Welches soll ich denn nur zur Hochzeit anziehen?
dachte ich. Da fiel der Schrank plötzlich wieder zu oder war fort, ich
weiß nicht mehr. Das Zimmer war ganz hell, aber draußen vor dem Fenster
war finstere Nacht ... Mit einem Male standest du davor, Galeerensklaven
hatten dich hergerudert, ich sah sie eben im Dunkel verschwinden. Du
warst sehr kostbar gekleidet, in Gold und Seide, hattest einen Dolch mit
Silbergehänge an der Seite und hobst mich aus dem Fenster. Ich war jetzt
auch herrlich angetan, wie eine Prinzessin, beide standen wir im Freien
im Dämmerschein und feine graue Nebel reichten uns bis an die Knöchel.
Es war die wohlvertraute Gegend: dort war der See, vor uns die
Berglandschaft, auch die Landhäuser sah ich, sie standen da wie aus
einer Spielzeugschachtel. Wir zwei aber, du und ich, wir schwebten,
nein, wir flogen über die Nebel hin, und ich dachte: Dies ist also
unsere Hochzeitsreise. Bald aber flogen wir nicht mehr, wir gingen einen
Waldweg hin, den zur Elisabethhöhe, und plötzlich befanden wir uns sehr
hoch im Gebirge in einer Art Lichtung, die auf drei Seiten von Wald
umfriedet war, während rückwärts eine steile Felswand in die Höhe ragte.
Über uns aber war ein Sternenhimmel so blau und weit gespannt, wie er
in Wirklichkeit gar nicht existiert, und das war die Decke unseres
Brautgemachs. Du nahmst mich in die Arme und liebtest mich sehr.«
»Du mich hoffentlich auch«, meinte Fridolin mit einem unsichtbaren bösen
Lächeln.
»Ich glaube, noch viel mehr«, erwiderte Albertine ernst. »Aber, wie
soll ich dir das erklären -- trotz der innigsten Umarmung war unsere
Zärtlichkeit ganz schwermütig wie mit einer Ahnung von vorbestimmtem
Leid. Mit einemmal war der Morgen da. Die Wiese war licht und bunt,
der Wald ringsum köstlich betaut, und über der Felswand zitterten
Sonnenstrahlen. Und wir beide sollten nun wieder zurück in die Welt,
unter die Menschen, es war die höchste Zeit. Doch nun war etwas
Fürchterliches geschehen. Unsere Kleider waren fort. Ein Entsetzen
ohnegleichen erfaßte mich, brennende Scham bis zu innerer Vernichtung,
zugleich Zorn gegen dich, als wärst du allein an dem Unglück schuld;
-- und all das: Entsetzen, Scham, Zorn war an Heftigkeit mit nichts zu
vergleichen, was ich jemals im Wachsein empfunden habe. Du aber im
Bewußtsein deiner Schuld stürztest davon, nackt wie du warst, um
hinabzusteigen und uns Gewänder zu verschaffen. Und als du verschwunden
warst, wurde mir ganz leicht zumut. Du tatest mir weder leid, noch
war ich in Sorge um dich, ich war nur froh, daß ich allein war, lief
glückselig auf der Wiese umher und sang: es war die Melodie eines
Tanzes, die wir auf der Redoute gehört haben. Meine Stimme klang
wundervoll, und ich wünschte, man sollte mich unten in der Stadt hören.
Diese Stadt sah ich nicht, aber ich =wußte= sie. Sie lag tief unter mir
und war von einer hohen Mauer umgeben; eine ganz phantastische Stadt,
die ich nicht schildern kann. Nicht orientalisch, auch nicht eigentlich
altdeutsch, und doch bald das eine, bald das andere, jedenfalls eine
längst und für immer versunkene Stadt. Ich aber lag plötzlich auf der
Wiese hingestreckt im Sonnenglanz, -- viel schöner, als ich je in
Wirklichkeit war, und während ich so dalag, trat aus dem Wald ein Herr,
ein junger Mensch hervor, in einem hellen, modernen Anzug, er sah, wie
ich jetzt weiß, ungefähr aus wie der Däne, von dem ich dir gestern
erzählt habe. Er ging seines Weges, grüßte sehr höflich, als er an mir
vorüberkam, beachtete mich aber nicht weiter, ging geradenwegs auf die
Felswand zu und betrachtete sie aufmerksam, als überlegte er, wie man
sie bezwingen könnte. Zugleich aber sah ich auch dich. Du eiltest in der
versunkenen Stadt von Haus zu Haus, von Kaufladen zu Kaufladen, bald
unter Laubengängen, bald durch eine Art von türkischem Bazar, und
kauftest die schönsten Dinge ein, die du für mich nur finden konntest:
Kleider, Wäsche, Schuhe, Schmuck; -- und all das tatest du in eine
kleine gelblederne Handtasche, in der doch alles Platz fand. Immerfort
aber warst du von einer Menschenmenge verfolgt, die ich nicht wahrnahm,
ich hörte nur ihr dumpfes, drohendes Geheul. Und nun erschien der andere
wieder, der Däne, der früher vor der Felswand stehengeblieben war.
Wieder kam er vom Walde her auf mich zu, --und ich wußte, daß er
indessen um die ganze Welt gewandert war. Er sah anders aus als zuvor,
aber doch war er derselbe. Er blieb wie das erstemal vor der Felswand
stehen, verschwand wieder, dann kam er wieder aus dem Wald hervor,
verschwand, kam aus dem Wald; das wiederholte sich zwei- oder drei-oder
hundertmal. Es war immer derselbe und immer ein anderer, jedesmal grüßte
er, wenn er an mir vorüberkam, endlich aber blieb er vor mir stehen,
sah mich prüfend an, ich lachte verlockend, wie ich nie in meinem Leben
gelacht habe, er streckte die Arme nach mir aus, nun wollte ich fliehen,
doch ich vermochte es nicht, -- und er sank zu mir auf die Wiese hin.«
Sie schwieg. Fridolin war die Kehle trocken, im Dunkel des Zimmers
merkte er, wie Albertine das Gesicht in den Händen gleichsam verborgen
hielt.
»Ein merkwürdiger Traum«, sagte er. »Ist er schon zu Ende?« Und da sie
verneinte: »So erzähl' doch weiter.«
»Es ist nicht so leicht«, begann sie wieder. »In Worten lassen sich
diese Dinge eigentlich kaum ausdrücken. Also -- mir war, als erlebte
ich unzählige Tage und Nächte, es gab weder Zeit noch Raum, es war auch
nicht mehr die von Wald und Fels eingefriedete Lichtung, in der ich
mich befand, es war eine weit, unendlich weithin gedehnte, blumenbunte
Fläche, die sich nach allen Seiten in den Horizont verlor. Ich war auch
längst -- seltsam: dieses längst! -- nicht mehr mit diesem einen Mann
allein auf der Wiese. Aber ob außer mir noch drei oder zehn oder noch
tausend Paare da waren, ob ich sie sah oder nicht, ob ich nur jenem
einen oder auch andern gehörte, ich könnte es nicht sagen. Aber so
wie jenes frühere Gefühl von Entsetzen und Scham über alles im Wachen
Vorstellbare weit hinausging, so gibt es gewiß nichts in unserer
bewußten Existenz, das der Gelöstheit, der Freiheit, dem Glück
gleichkommt, das ich nun in diesem Traum empfand. Und dabei hörte ich
keinen Augenblick lang auf, von dir zu wissen. Ja, ich sah dich, ich
sah, wie du ergriffen wurdest, von Soldaten, glaube ich, auch Geistliche
waren darunter; irgendwer, ein riesengroßer Mensch, fesselte deine
Hände, und ich wußte, daß du hingerichtet werden solltest. Ich wußte
es ohne Mitleid, ohne Schauer, ganz von fern. Man führte dich in einen
Hof, in eine Art von Burghof. Da standest du nun mit nach rückwärts
gefesselten Händen und nackt. Und so wie ich dich sah, obwohl ich
anderswo war, so sahst du auch mich, auch den Mann, der mich in seinen
Armen hielt, und alle die andern Paare, diese unendliche Flut von
Nacktheit, die mich umschäumte und von der ich und der Mann, der mich
umschlungen hielt, gleichsam nur eine Welle bedeuteten. Während du nun
im Burghof standest, erschien an einem hohen Bogenfenster zwischen
roten Vorhängen eine junge Frau mit einem Diadem auf dem Haupt und im
Purpurmantel. Es war die Fürstin des Landes. Sie sah hinab zu dir mit
einem strenge fragenden Blick. Du standest allein, die andern, so viele
es waren, hielten sich abseits, an die Mauern gedrückt, ich hörte ein
tückisches, gefahrdrohendes Murmeln und Raunen. Da beugte sich die
Fürstin über die Brüstung. Es wurde still, und die Fürstin gab dir ein
Zeichen, als gebiete sie dir, zu ihr hinaufzukommen, und ich wußte, daß
sie entschlossen war, dich zu begnadigen. Aber du merktest ihren Blick
nicht oder wolltest ihn nicht bemerken. Plötzlich aber, immer noch mit
gefesselten Händen, doch in einen schwarzen Mantel gehüllt, standest du
ihr gegenüber, nicht etwa in einem Gemach, sondern irgendwie in freier
Luft, schwebend gleichsam. Sie hielt ein Pergamentblatt in der Hand,
dein Todesurteil, in dem auch deine Schuld und die Gründe deiner
Verurteilung aufgezeichnet waren. Sie fragte dich -- ich hörte die Worte
nicht, aber ich wußte es --, ob du bereit seist, ihr Geliebter zu
werden, in diesem Fall war dir die Todesstrafe erlassen. Du schütteltest
verneinend den Kopf. Ich wunderte mich nicht, denn es war vollkommen in
der Ordnung und konnte gar nicht anders sein, als daß du mir auf alle
Gefahr hin und in alle Ewigkeit die Treue halten mußtest. Da zuckte
die Fürstin die Achseln, winkte ins Leere, und da befandest du dich
plötzlich in einem unterirdischen Kellerraum, und Peitschen sausten auf
dich nieder, ohne daß ich die Leute sah, die die Peitschen schwangen.
Das Blut floß wie in Bächen an dir herab, ich sah es fließen, war mir
meiner Grausamkeit bewußt, ohne mich über sie zu wundern. Nun trat
die Fürstin auf dich zu. Ihre Haare waren aufgelöst, flossen um ihren
nackten Leib, das Diadem hielt sie in beiden Händen dir entgegen -- und
ich wußte, daß sie das Mädchen vom dänischen Strande war, das du einmal
des Morgens nackt auf der Terrasse einer Badehütte gesehen hattest. Sie
sprach kein Wort, aber der Sinn ihres Hierseins, ja ihres Schweigens
war, ob du ihr Gatte und der Fürst des Landes werden wolltest. Und da
du wieder ablehntest, war sie plötzlich verschwunden, ich aber sah
zugleich, wie man ein Kreuz für dich aufrichtete; -- nicht unten im
Burghof, nein, auf der blumenübersäten unendlichen Wiese, wo ich in den
Armen eines Geliebten ruhte, unter all den andern Liebespaaren. Dich
aber sah ich, wie du durch altertümliche Gassen allein dahinschrittest
ohne jede Bewachung, doch wußte ich, daß dein Weg dir vorgezeichnet und
jede Flucht unmöglich war. Jetzt gingst du den Waldpfad bergan. Ich
erwartete dich mit Spannung, aber ohne jedes Mitgefühl. Dein Körper war
mit Striemen bedeckt, die aber nicht mehr bluteten. Du stiegst immer
höher hinan, der Pfad wurde breiter, der Wald trat zu beiden Seiten
zurück, und nun standest du am Wiesenrand in einer ungeheuern,
unbegreiflichen Ferne. Doch du grüßtest mich lächelnd mit den Augen,
wie zum Zeichen, daß du meinen Wunsch erfüllt hattest und mir alles
brachtest, wessen ich bedurfte: -- Kleider und Schuhe und Schmuck. Ich
aber fand dein Gebaren über alle Maßen töricht und sinnlos, und es
lockte mich, dich zu verhöhnen, dir ins Gesicht zu lachen, -- und gerade
darum, weil du aus Treue zu mir die Hand einer Fürstin ausgeschlagen,
Foltern erduldet und nun hier heraufgewankt kamst, um einen furchtbaren
Tod zu erleiden. Ich lief dir entgegen, auch du schlugst einen immer
rascheren Gang ein -- ich begann zu schweben, auch du schwebtest in den
Lüften; doch plötzlich entschwanden wir einander, und ich wußte: wir
waren aneinander vorbeigeflogen. Da wünschte ich, du solltest doch
wenigstens mein Lachen hören, gerade während man dich ans Kreuz schlüge.
-- Und so lachte ich auf, so schrill, so laut ich konnte. Das war das
Lachen, Fridolin, --mit dem ich erwacht bin.«
Sie schwieg und blieb ohne jede Regung. Auch er rührte sich nicht und
sprach kein Wort. Jedes wäre in diesem Augenblick matt, lügnerisch
und feig erschienen. Je weiter sie in ihrer Erzählung fortgeschritten
war, um so lächerlicher und nichtiger erschienen ihm seine eigenen
Erlebnisse, so weit sie bisher gediehen waren, und er schwor sich zu,
sie alle zu Ende zu erleben, sie ihr dann getreulich zu berichten und
so Vergeltung zu üben an dieser Frau, die sich in ihrem Traum enthüllt
hatte als die, die sie war, treulos, grausam und verräterisch, und die
er in diesem Augenblick tiefer zu hassen glaubte, als er sie jemals
geliebt hatte.
Nun merkte er, daß er immer noch ihre Finger mit seinen Händen umfaßt
hielt und daß er, wie sehr er diese Frau auch zu hassen gewillt war, für
diese schlanken, kühlen, ihm so vertrauten Finger eine unveränderte,
nur schmerzlicher gewordene Zärtlichkeit empfand; und unwillkürlich, ja
gegen seinen Willen, -- ehe er diese vertraute Hand aus der seinen
löste, berührte er sie sanft mit seinen Lippen.
Albertine öffnete noch immer nicht die Augen, Fridolin glaubte zu
sehen, wie ihr Mund, ihre Stirn, ihr ganzes Antlitz mit beglücktem,
verklärtem, unschuldsvollem Ausdruck lächelte, und er fühlte einen ihm
selbst unbegreiflichen Drang, sich über Albertine zu beugen und auf
ihre blasse Stirn einen Kuß zu drücken. Aber er bezwang sich in der
Erkenntnis, daß es nur die allzu begreifliche Ermüdung nach den
aufwühlenden Ereignissen der letzten Stunden war, die in der
trügerischen Atmosphäre des Ehegemachs sich in sehnsüchtige Zärtlichkeit
verkleidet hatte.
Doch wie immer es in diesem Augenblicke mit ihm stand -- zu welchen
Entschlüssen er im Laufe der nächsten Stunden gelangen sollte, das
dringende Gebot des Augenblicks für ihn war, sich auf eine Weile
wenigstens in Schlaf und Vergessen zu flüchten. Auch in der Nacht, die
dem Tod seiner Mutter gefolgt war, hatte er geschlafen, hatte tief und
traumlos schlafen können, und er sollte es in dieser nicht? Und er
streckte sich an der Seite Albertinens hin, die schon eingeschlummert zu
sein schien. Ein Schwert zwischen uns, dachte er wieder. Und dann: wie
Todfeinde liegen wir hier nebeneinander. Aber es war nur ein Wort.
Texto original em alemão de Traumnovelle, de Arthur Schnitzler, organizado para leitura no Aurora e cotejo com a tradução brasileira do Literunico.
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