Universo da obra
Universo da obra
Durch die finsteren menschenleeren Gassen eilte er nach Hause, und
wenige Minuten später, nachdem er, wie vierundzwanzig Stunden vorher,
schon in seinem Ordinationszimmer sich entkleidet hatte, so leise als
möglich betrat er das eheliche Schlafgemach.
Er hörte den gleichmäßig-ruhigen Atem Albertinens und sah die Umrisse
ihres Kopfes sich auf dem weichen Polster abzeichnen. Ein Gefühl von
Zärtlichkeit, ja von Geborgenheit, wie er es nicht erwartet, durchdrang
sein Herz. Und er nahm sich vor, ihr bald, vielleicht morgen schon, die
Geschichte der vergangenen Nacht zu erzählen, doch so, als wäre alles,
was er erlebt, ein Traum gewesen -- und dann, erst wenn sie die ganze
Nichtigkeit seiner Abenteuer gefühlt und erkannt hatte, wollte er ihr
gestehen, daß sie Wirklichkeit gewesen waren. Wirklichkeit? fragte
er sich --, und gewahrte in diesem Augenblick, ganz nahe dem Antlitz
Albertines auf dem benachbarten, auf =seinem= Polster etwas Dunkles,
Abgegrenztes, wie die umschatteten Linien eines menschlichen Gesichts.
Einen Moment nur stand ihm das Herz still, im nächsten schon wußte er,
woran er war, griff nach dem Polster hin und hielt die Maske in der
Hand, die er während der vorigen Nacht getragen, die ihm, während
er heute morgen das Paket zusammengerollt, ohne daß er es bemerkt,
entglitten, und von dem Stubenmädchen oder Albertine selbst gefunden
sein mochte. So konnte er auch nicht daran zweifeln, daß Albertine
nach diesem Fund mancherlei ahnte und vermutlich noch mehr und noch
Schlimmeres, als sich tatsächlich ereignet hatte. Doch die Art, wie
sie ihm das zu verstehen gab, ihr Einfall, die dunkle Larve neben
sich auf das Polster hinzulegen, als hätte sie nun sein, des Gatten,
ihr nun rätselhaft gewordenes Antlitz zu bedeuten, diese scherzhafte,
fast übermütige Art, in der zugleich eine milde Warnung und die
Bereitwilligkeit des Verzeihens ausgedrückt schien, gab Fridolin die
sichere Hoffnung, daß sie, wohl in Erinnerung ihres eigenen Traums --,
was auch geschehen sein mochte, geneigt war, es nicht allzu schwer zu
nehmen. Fridolin aber, mit einem Male am Ende seiner Kräfte, ließ die
Maske zu Boden gleiten, schluchzte, sich selbst ganz unerwartet, laut
und schmerzlich auf, sank neben dem Bette nieder und weinte leise in die
Kissen hinein.
Nach wenigen Sekunden fühlte er eine weiche Hand über seine Haare
streichen. Da erhob er sein Haupt, und aus der Tiefe seines Herzens
entrang sich's ihm: »Ich will dir alles erzählen.«
Sie hob zuerst, wie in leiser Abwehr die Hand; er faßte sie, behielt
sie in der seinen, sah wie fragend und zugleich bittend zu ihr auf, sie
nickte ihm zu und er begann.
Der Morgen dämmerte grau durch die Vorhänge, als Fridolin zu Ende war.
Nicht ein einziges Mal hatte ihn Albertine mit einer neugierigen oder
ungeduldigen Frage unterbrochen. Sie fühlte wohl, daß er ihr nichts
verschweigen wollte und konnte. Ruhig lag sie da, die Arme im Nacken
verschlungen, und schwieg noch lange, als Fridolin schon längst geendet
hatte. Endlich -- er lag an ihrer Seite hingestreckt -- beugte er sich
über sie, und in ihr regungsloses Antlitz mit den großen hellen Augen,
in denen jetzt auch der Morgen aufzugehen schien, fragte er zweifelnd
und hoffnungsvoll zugleich: »Was sollen wir tun, Albertine?«
Sie lächelte, und nach kurzem Zögern erwiderte sie: »Dem Schicksal dankbar
sein, glaube ich, daß wir aus allen Abenteuern heil davongekommen sind
-- aus den wirklichen und aus den geträumten.«
»Weißt du das auch ganz gewiß?« fragte er.
»So gewiß, als ich ahne, daß die Wirklichkeit einer Nacht, ja daß nicht
einmal die eines ganzen Menschenlebens zugleich auch seine innerste
Wahrheit bedeutet.«
»Und kein Traum,« seufzte er leise, »ist völlig Traum.«
Sie nahm seinen Kopf in beide Hände und bettete ihn innig an ihre Brust.
»Nun sind wir wohl erwacht,« sagte sie --, »für lange.«
Für immer, wollte er hinzufügen, aber noch ehe er die Worte ausgesprochen,
legte sie ihm einen Finger auf die Lippen und, wie vor sich hin,
flüsterte sie: »Niemals in die Zukunft fragen.«
So lagen sie beide schweigend, beide wohl auch ein wenig schlummernd und
einander traumlos nah -- bis es wie jeden Morgen um sieben Uhr an die
Zimmertür klopfte, und, mit den gewohnten Geräuschen von der Straße her,
einem sieghaften Lichtstrahl durch den Vorhangspalt und einem hellen
Kinderlachen von nebenan der neue Tag begann.
Texto original em alemão de Traumnovelle, de Arthur Schnitzler, organizado para leitura no Aurora e cotejo com a tradução brasileira do Literunico.
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