Universo da obra
Universo da obra
Das leise Klopfen des Dienstmädchens weckte ihn um sieben Uhr früh. Er
warf einen raschen Blick auf Albertine. Manchmal, nicht immer, weckte
dieses Klopfen auch sie. Heute schlief sie regungslos, allzu regungslos
weiter. Fridolin machte sich rasch fertig. Ehe er fortging, wollte er
seine kleine Tochter sehen. Sie lag ruhig in ihrem weißen Bett, die
Hände nach Kinderart zu kleinen Fäustchen verkrampft. Er küßte sie auf
die Stirn. Und noch einmal, auf den Fußspitzen, schlich er zur Tür des
Schlafzimmers, wo Albertine immer noch ruhte, unbeweglich wie vorher.
Dann ging er. In seiner schwarzen Arztenstasche, wohl verwahrt, trug er
Mönchskutte und Pilgerhut mit sich. Das Programm für den Tag hatte er
sorgfältig, ja mit einiger Pedanterie entworfen. An erster Stelle stand
ein Besuch ganz in der Nähe bei einem schwerkranken jungen Rechtsanwalt.
Fridolin nahm eine sorgfältige Untersuchung vor, fand den Zustand etwas
gebessert, gab seiner Befriedigung darüber ehrlich erfreuten Ausdruck
und versah ein altes Rezept mit dem üblichen Repetatur. Dann begab er
sich unverzüglich nach dem Hause, in dessen Kellertiefen Nachtigall
gestern abend Klavier gespielt hatte. Das Lokal war noch gesperrt, doch
im Café oben die Kassiererin wußte, daß Nachtigall in einem kleinen
Hotel der Leopoldstadt wohne. Eine Viertelstunde darauf fuhr Fridolin
dort vor. Es war ein elender Gasthof. Im Flur roch es nach ungelüfteten
Betten, schlechtem Fett und Zichorienkaffee. Ein übel aussehender
Portier, mit rotgeränderten pfiffigen Augen, stets auf polizeiliche
Einvernahme gefaßt, gab bereitwillig Auskunft. Herr Nachtigall sei heute
morgen um fünf Uhr in Gesellschaft zweier Herren vorgefahren, die ihr
Gesicht durch hochgeschlungene Halstücher vielleicht absichtlich beinahe
unkenntlich gemacht hätten. Während Nachtigall sich in sein Zimmer
begeben, hätten die Herren seine Rechnung für die letzten vier Wochen
bezahlt; als er nach einer halben Stunde nicht wieder erschienen war,
hätte ihn der eine Herr persönlich heruntergeholt, worauf alle drei zum
Nordbahnhof gefahren wären. Nachtigall hatte einen höchst aufgeregten
Eindruck gemacht; ja -- warum sollte man einem so vertrauenerweckenden
Herrn nicht die ganze Wahrheit sagen -- er hatte dem Portier einen Brief
zuzustecken versucht, was die beiden Herren aber sofort verhindert
hatten. Briefe, die für Herrn Nachtigall kämen, --so hatten die Herren
weiter erklärt -- würden von einer hierzu legitimierten Person abgeholt
werden. Fridolin empfahl sich, es war ihm angenehm, daß er seine
Arztenstasche in der Hand trug, als er aus dem Haustor trat; so würde
man ihn wohl nicht für einen Bewohner dieses Hotels halten, sondern für
eine Amtsperson. Mit Nachtigall war es also vorderhand nichts. Man war
recht vorsichtig gewesen und hatte wohl allen Anlaß dazu.
Nun fuhr er zur Maskenverleihanstalt. Herr Gibiser öffnete selbst. »Hier
bringe ich das entliehene Kostüm zurück«, sagte Fridolin, »und wünsche
meine Schuld zu begleichen.« Herr Gibiser nannte einen mäßigen Betrag,
nahm das Geld in Empfang, machte eine Eintragung in ein großes
Geschäftsbuch und sah vom Bürotisch einigermaßen verwundert zu Fridolin
auf, der keine Miene machte, sich zu entfernen.
»Ich bin ferner hier,« sagte Fridolin im Ton eines Untersuchungsrichters,
»um ein Wort wegen Ihres Fräulein Tochter mit Ihnen zu reden.«
Irgend etwas zuckte um die Nasenflügel des Herrn Gibiser; -- Unbehagen,
Spott oder Ärger, es war nicht recht zu entscheiden.
»Wie meinen der Herr?« fragte er in einem gleichfalls völlig
unbestimmbaren Ton.
»Sie bemerkten gestern,« sagte Fridolin, die eine Hand mit gespreizten
Fingern auf den Bürotisch gestützt, »daß Ihr Fräulein Tochter geistig
nicht ganz normal sei. Die Situation, in der wir sie betrafen, legte
diese Vermutung tatsächlich nahe. Und da mich der Zufall nun einmal zum
Teilnehmer oder wenigstens zum Zuschauer jener sonderbaren Szene gemacht
hat, so möchte ich Ihnen doch nahelegen, Herr Gibiser, einen Arzt zu
Rate zu ziehen.«
Gibiser, einen unnatürlich langen Federstiel in der Hand hin und her
drehend, maß Fridolin mit einem unverschämten Blick.
»Und Herr Doktor wären vielleicht selbst so gütig, die Behandlung zu
übernehmen?«
»Ich bitte mir keine Worte in den Mund zu legen«, erwiderte Fridolin
scharf, aber etwas heiser, »die ich nicht ausgesprochen habe.«
In diesem Augenblick öffnete sich die Tür, die nach den Innenräumen
führte, und ein junger Herr mit offenem Überzieher über dem Frackanzug
trat heraus. Fridolin wußte sofort, daß es niemand anders sein konnte
als einer der Femrichter von heute nacht. Kein Zweifel, er kam aus
Pierrettens Zimmer. Er schien betreten, als er Fridolins ansichtig
wurde, faßte sich aber sofort, grüßte Gibiser flüchtig durch ein Winken
mit der Hand, zündete sich dann noch eine Zigarette an, wozu er sich
eines auf dem Bürotisch befindlichen Feuerzeugs bediente, und verließ
die Wohnung.
»Ach so«, bemerkte Fridolin mit einem verächtlichen Zucken der
Mundwinkel und mit einem bitterem Geschmack auf der Zunge.
»Wie meinen der Herr?« fragte Gibiser mit vollkommenem Gleichmut.
»Sie haben also darauf verzichtet, Herr Gibiser,« und er ließ den Blick
überlegen von der Wohnungstür nach der andern schweifen, aus der der
Femrichter getreten war, »verzichtet, die Polizei zu verständigen.«
»Man hat sich auf anderm Weg geeinigt, Herr Doktor«, bemerkte Gibiser
kühl und erhob sich, als wäre eine Audienz beendet. Fridolin wandte sich
zum Gehen, Gibiser öffnete beflissen die Türe, und mit unbeweglicher
Miene sagte er: »Wenn der Herr Doktor wieder einen Bedarf haben
sollten ... Es muß ja nicht gerade ein Mönchsgewand sein.«
Fridolin schlug die Tür hinter sich zu. Dies wäre nun erledigt, dachte
er mit einem Gefühl des Ärgers, das ihn selbst unverhältnismäßig
dünkte. Er eilte die Treppen hinab, begab sich ohne besondere Eile
auf die Poliklinik und telephonierte vor allem nach Hause, um sich zu
erkundigen, ob ein Patient nach ihm geschickt habe, ob Post gekommen
sei, was es sonst Neues gebe. Das Dienstmädchen hatte kaum ihre
Antworten erteilt, als Albertine selbst an den Apparat kam und Fridolin
begrüßte. Sie wiederholte alles, was das Dienstmädchen schon gesagt,
dann erzählte sie unbefangen, daß sie eben erst aufgestanden sei und mit
dem Kinde gemeinsam frühstücken wolle. »Gib ihr einen Kuß von mir,«
sagte Fridolin, »und laßt es euch gut schmecken.«
Ihre Stimme hatte ihm wohlgetan, und gerade darum läutete er rasch ab.
Er hatte eigentlich noch fragen wollen, was Albertine im Laufe dieses
Vormittags vorhabe, aber was ging ihn das an? In der Tiefe seiner Seele
war er doch fertig mit ihr, wie immer das äußere Leben weitergehen
sollte. Die blonde Schwester half ihm aus den Ärmeln seines Rocks und
reichte ihm den weißen Ärztekittel. Dabei lächelte sie ihn ein wenig an,
wie sie eben alle zu lächeln pflegen, ob man sich um sie kümmerte oder
nicht.
Ein paar Minuten darauf war er im Krankensaal. Der Chefarzt hatte
melden lassen, daß er eines Konsiliums wegen plötzlich habe verreisen
müssen, die Herren Assistenten möchten ohne ihn Visite machen. Fridolin
fühlte sich beinahe glücklich, als er, von den Studenten gefolgt,
von Bett zu Bett ging, Untersuchungen vornahm, Rezepte schrieb, mit
Hilfsärzten und Wärterinnen sich fachlich besprach. Es gab allerlei
Neuigkeiten. Der Schlossergeselle Karl Rödel war in der Nacht gestorben.
Sektion nachmittag halb fünf. Im Weibersaal war ein Bett frei geworden,
aber schon wieder belegt. Die Frau von Bett siebzehn hatte man auf die
chirurgische Abteilung transferieren müssen. Zwischendurch wurden auch
Personalfragen berührt. Die Neubesetzung der Augenabteilung sollte
übermorgen entschieden werden; Hügelmann, jetzt Professor in Marburg,
vor vier Jahren noch zweiter Assistent bei Stellwag, hatte die meisten
Chancen. Rasche Karriere, dachte Fridolin. Ich werde nie für die Leitung
einer Abteilung in Betracht kommen, schon weil mir die Dozentur fehlt.
Zu spät. Warum eigentlich? Man müßte eben wieder wissenschaftlich zu
arbeiten anfangen oder manches Begonnene mit größerem Ernst wieder
aufnehmen. Die Privatpraxis ließ immer noch Zeit genug.
Er bat Herrn Doktor Fuchstaler, die Ambulanz zu leiten, und mußte sich
gestehen, daß er lieber hier geblieben als auf den Galitzinberg gefahren
wäre. Und doch, es mußte sein. Nicht nur sich allein gegenüber war er
verpflichtet, der Sache weiter nachzugehen; noch allerlei anderes gab
es heute zu erledigen. Und so entschloß er sich für alle Fälle, Herrn
Doktor Fuchstaler auch mit der Abendvisite zu betrauen. Das junge Mädchen
mit dem verdächtigen Spitzenkatarrh dort im letzten Bett lächelte ihm
zu. Es war dieselbe, die neulich bei Gelegenheit einer Untersuchung ihre
Brüste so zutraulich an seine Wange gepreßt hatte. Fridolin erwiderte
ihren Blick ungnädig und wandte sich stirnrunzelnd ab. Eine wie die
andere, dachte er mit Bitterkeit, und Albertine ist wie sie alle -- sie
ist die Schlimmste von allen. Ich werde mich von ihr trennen. Es kann
nie wieder gut werden.
Auf der Treppe wechselte er noch ein paar Worte mit einem Kollegen von
der chirurgischen Abteilung. Nun, wie stand es eigentlich mit der Frau,
die heute nacht hinübertransferiert worden war? Er für seinen Teil
glaube nicht recht an die Notwendigkeit einer Operation. Man werde ihm
doch das Resultat der histologischen Untersuchung berichten?
»Selbstverständlich, Herr Kollega.«
An der Ecke nahm er einen Wagen. Er zog sein Notizbuch zu Rate,
lächerliche Komödie vor dem Kutscher, als müsse er sich jetzt erst
entscheiden. »Nach Ottakring,« sagte er dann, »die Straße gegen den
Galitzinberg. Ich werde Ihnen sagen, wo Sie zu halten haben.«
Im Wagen kam plötzlich wieder eine schmerzlich-sehnsüchtige Erregung
über ihn, ja beinahe ein Schuldbewußtsein, daß er in den letzten Stunden
seiner schönen Retterin kaum mehr gedacht hatte. Ob es ihm nun gelingen
würde, das Haus zu finden? Nun, das konnte nicht sonderlich schwierig
sein. Die Frage war nur: was dann? polizeiliche Anzeige? Das konnte
gerade für die Frau, die sich vielleicht für ihn geopfert oder bereit
gewesen war, sich für ihn zu opfern, üble Folgen nach sich ziehen. Oder
sollte er sich an einen Privatdetektiv wenden? Das erschien ihm ziemlich
abgeschmackt und seiner nicht ganz würdig. Aber was blieb ihm sonst noch
übrig? Er hatte doch weder die Zeit noch wahrscheinlich das Talent, die
nötigen Nachforschungen kunstgerecht durchzuführen. -- Eine geheime
Gesellschaft? Nun ja, jedenfalls geheim. Aber untereinander kannten sie
sich doch? Aristokraten, vielleicht gar Herren vom Hof? Er dachte an
gewisse Erzherzöge, denen man dergleichen Scherze schon zutrauen konnte.
Und die Damen? Vermutlich ... aus Freudenhäusern zusammengetrieben. Nun,
das war keineswegs sicher. Jedenfalls ausgesuchte Ware. Aber die Frau,
die sich ihm geopfert hatte? Geopfert? Warum er nur immer wieder sich
einbilden wollte, daß es wirklich ein Opfer gewesen war! Eine Komödie.
Selbstverständlich war das Ganze eine Komödie gewesen. Eigentlich sollte
er froh sein, so leichten Kaufs davongekommen zu sein. Nun ja, er
hatte gute Haltung bewahrt. Die Kavaliere konnten wohl merken, daß er
nicht der erste beste war. Und sie hatte es jedenfalls auch gemerkt.
Wahrscheinlich war er ihr lieber als alle diese Erzherzöge oder was sie
sonst gewesen sein mochten.
Am Ende des Liebhartstals, wo der Weg entschiedener nach aufwärts
führte, stieg er aus und schickte den Wagen vorsichtshalber wieder fort.
Der Himmel war blaßblau, mit weißen Wölkchen, und die Sonne schien
frühlingswarm. Er blickte zurück -- nichts Verdächtiges war zu sehen.
Kein Wagen, kein Fußgänger. Langsam stieg er bergan. Der Mantel wurde
ihm schwer; er legte ihn ab und warf ihn um die Schultern. Er kam
an die Stelle, wo rechts die Seitenstraße abbiegen mußte, in der das
geheimnisvolle Haus stand; er konnte nicht fehlgehen; sie führte nach
abwärts, aber keineswegs so steil, als es ihn nachts im Fahren gedünkt
hatte. Eine stille Gasse. In einem Vorgarten standen Rosenstöcke,
sorgfältig in Stroh gehüllt, in einem nächsten stand ein Kinderwägelchen;
ein Bub, ganz in blaue Wolle gekleidet, tollte hin und her, vom
Parterrefenster aus schaute eine junge Frau lachend zu. Dann kam ein
unbebauter Platz, dann ein wilder eingezäunter Garten, dann eine kleine
Villa, dann ein Rasenplatz, und nun, kein Zweifel --, dies hier war das
Haus, das er suchte. Es sah keineswegs groß oder prächtig aus, es war
eine einstöckige Villa in bescheidenem Empirestil und offenbar vor
nicht allzu langer Zeit renoviert. Die grünen Jalousien waren überall
heruntergelassen, nichts deutete darauf hin, daß die Villa bewohnt sein
könnte. Fridolin blickte rings um sich. Niemand war in der Gasse zu
sehen; nur weiter unten gingen, sich entfernend, zwei Knaben mit Büchern
unter dem Arm. Er stand vor der Gartentür. Und was nun? Einfach wieder
zurückspazieren? Das wäre ihm geradezu lächerlich erschienen. Er suchte
nach dem elektrischen Taster. Und wenn man ihm aufschlösse, was sollte
er sagen? Nun, ganz einfach -- ob das hübsche Landhaus nicht über den
Sommer zu vermieten wäre? Doch schon tat sich das Haustor von selbst
auf, ein alter Diener in einfacher Morgenlivree trat heraus und ging
langsam den schmalen Pfad bis zur Gartentür. Er hielt einen Brief in der
Hand und reichte ihn stumm zwischen den Gitterstäben Fridolin, dem das
Herz klopfte.
»Für mich?« fragte er stockend. Der Diener nickte, wandte sich, ging,
und die Haustür fiel hinter ihm zu. Was bedeutet das? fragte sich
Fridolin. Am Ende von ihr? Sie ist es vielleicht selbst, der das Haus
gehört --? Rasch schritt er wieder die Straße aufwärts, jetzt erst
merkte er, daß auf dem Kuvert sein Name stand in steiler, hoheitsvoller
Schrift. An der Ecke öffnete er den Brief; entfaltete ein Blatt und
las: »Geben Sie Ihre Nachforschungen auf, die völlig nutzlos sind, und
betrachten Sie diese Worte als zweite Warnung. Wir hoffen in Ihrem
Interesse, daß keine weitere nötig sein wird.« Er ließ das Blatt sinken.
Diese Botschaft enttäuschte ihn in jeder Hinsicht; jedenfalls aber war
es eine andere, als die er törichterweise für möglich gehalten hatte.
Immerhin, der Ton war merkwürdig zurückhaltend, gänzlich ohne Schärfe.
Er ließ erkennen, daß die Leute, die diese Botschaft gesandt, sich
keineswegs sicher fühlten.
Zweite Warnung --? Wieso? Ach ja, in der Nacht war die erste an ihn
ergangen. Warum aber =zweite= -- und nicht letzte? Wollten sie seinen
Mut nochmals erproben? Sollte er eine Prüfung zu bestehen haben? Und
woher kannten sie seinen Namen? Nun, das war weiter nicht sonderbar,
wahrscheinlich hatte man Nachtigall gezwungen, ihn zu verraten. Und
überdies -- er lächelte unwillkürlich über seine Zerstreutheit -- im
Futter seines Pelzes war sein Monogramm und seine genaue Adresse
eingenäht.
Doch wenn er auch nicht weiter war als vorher, -- der Brief hatte ihn
im ganzen beruhigt -- ohne daß er recht zu sagen gewußt hätte, warum.
Insbesondere war er überzeugt, daß die Frau, um deren Schicksal er
gebangt hatte, sich noch am Leben befand und daß es nur an ihm lag,
sie zu finden, wenn er mit Vorsicht und Schlauheit zu Werke ging.
Als er etwas ermüdet, aber in einer seltsam erlösten Stimmung, die
er doch zugleich als trügerisch empfand, zu Hause anlangte, hatten
Albertine und das Kind schon zu Mittag gegessen, leisteten ihm aber
Gesellschaft, während er selbst sein Mahl einnahm. Da saß sie ihm
gegenüber, die ihn heute nacht ruhig ans Kreuz hatte schlagen lassen,
mit engelhaftem Blick, hausfraulich-mütterlich, und er verspürte zu
seiner Verwunderung keinerlei Haß gegen sie. Er ließ es sich schmecken;
befand sich in etwas erregter, aber eigentlich heiterer Laune, und nach
seiner Art sprach er sehr lebhaft von den kleinen Berufserlebnissen
des Tages, insbesondere von den ärztlichen Personalfragen, über die er
Albertine immer genau zu unterrichten pflegte. Er erzählte, daß die
Ernennung Hügelmanns so gut wie sicher sei und sprach von seinem eigenen
Vorsatz, die wissenschaftlichen Arbeiten wieder mit etwas größerer
Energie aufzunehmen. Albertine kannte diese Stimmung, wußte, daß sie
nicht allzulange anzuhalten pflegte, und ein leises Lächeln verriet ihre
Zweifel. Fridolin ereiferte sich, worauf Albertine mit milder Hand ihm
beruhigend über die Haare strich. Jetzt zuckte er leicht zusammen und
wandte sich dem Kinde zu, wodurch er seine Stirn weiterer peinlicher
Berührung entzog. Er nahm die Kleine auf den Schoß, schickte sich eben
an, sie auf den Knien zu schaukeln, als das Dienstmädchen meldete,
daß schon einige Patienten warteten. Fridolin erhob sich wie befreit,
erwähnte noch beiläufig, daß doch Albertine und das Kind die schöne
sonnige Nachmittagsstunde zum Spazierengehen benützen sollten, und begab
sich in sein Sprechzimmer.
Im Laufe der nächsten zwei Stunden hatte Fridolin sechs alte Patienten
und zwei neue vorzunehmen. Er war in jedem einzelnen Fall völlig bei der
Sache, untersuchte, machte Notizen, verordnete -- und freute sich, daß
er nach den zwei letzten, fast ohne Schlaf verbrachten Nächten sich so
wunderbar frisch und geistesklar fühlte.
Nach Erledigung der Sprechstunde sah er noch einmal, wie es seine
Gewohnheit war, nach Frau und Kind und stellte nicht ohne Befriedigung
fest, daß Albertine eben Besuch von ihrer Mutter hatte, sowie daß die
Kleine mit dem Fräulein Französisch lernte. Und erst auf der Stiege kam
ihm wieder zu Bewußtsein, daß all diese Ordnung, all dies Gleichmaß, all
diese Sicherheit seines Daseins nur Schein und Lüge zu bedeuten hatten.
Trotzdem er die Nachmittagsvisite abgesagt hatte, zog es ihn doch
unwiderstehlich auf die Abteilung. Es lagen zwei Fälle dort, die für die
wissenschaftliche Arbeit, die er vor allem plante, besonders in Betracht
kamen, und er beschäftigte sich eine Weile eingehender mit ihnen, als er
es bisher getan. Dann hatte er noch einen Krankenbesuch in der inneren
Stadt zu erledigen, und so war es sieben Uhr abends geworden, als er vor
dem alten Hause in der Schreyvogelgasse stand. Nun erst, da er zu
Mariannens Fenster aufblickte, wurde ihm ihr Bild, das indes völlig
verblaßt war, noch mehr als das aller anderen wieder lebendig. Nun
-- hier konnte es ihm nicht fehlen. Ohne Aufwand besonderer Mühe
konnte er hier sein Rachewerk beginnen, hier gab es für ihn keine
Schwierigkeit, keine Gefahr; und das, wovor andere vielleicht
zurückgeschreckt wären, der Verrat an dem Bräutigam, das bedeutete für
ihn beinahe einen Anreiz mehr. Ja, verraten, betrügen, lügen, Komödie
spielen, da und dort, vor Marianne, vor Albertine, vor diesem guten
Doktor Roediger, vor der ganzen Welt; -- eine Art von Doppelleben
führen, zugleich der tüchtige, verläßliche, zukunftsreiche Arzt, der
brave Gatte und Familienvater sein -- und zugleich ein Wüstling, ein
Verführer, ein Zyniker, der mit den Menschen, mit Männern und Frauen
spielte, wie ihm just die Laune ankam -- das erschien ihm in diesem
Augenblick als etwas ganz Köstliches; --und das Köstlichste dran war,
daß er später einmal, wenn Albertine sich schon längst in der Sicherheit
eines ruhigen Ehe- und Familienlebens geborgen wähnte, ihr kühl lächelnd
alle seine Sünden eingestehen wollte, um so Vergeltung zu üben für das,
was sie ihm in einem Traume Bitteres und Schmachvolles angetan hatte.
Im Hausflur fand er sich dem Doktor Roediger gegenüber, der ihm
harmlos-herzlich die Hand entgegenreichte.
»Wie geht es Fräulein Marianne?« fragte Fridolin. »Hat sie sich ein
wenig beruhigt?«
Doktor Roediger zuckte die Achseln. »Sie war lange genug auf das Ende
vorbereitet, Herr Doktor. -- Nur als man heute gegen Mittag die Leiche
holte -- --«
»Ah, ist das schon geschehen?«
Doktor Roediger nickte. »Morgen nachmittag drei Uhr findet das Begräbnis
statt ...«
Fridolin sah vor sich hin. »Es sind wohl -- die Verwandten bei Fräulein
Marianne?«
»Nicht mehr,« erwiderte Doktor Roediger, »jetzt ist sie allein. Es wird
sie gewiß freuen, Sie noch zu sehen, Herr Doktor. Morgen bringen wir
sie nämlich nach Mödling, meine Mutter und ich«, und auf einen höflich
fragenden Blick Fridolins: »Meine Eltern haben nämlich dort ein kleines
Häuschen. Auf Wiedersehen, Herr Doktor. Ich habe noch allerlei zu
besorgen. Ja, was so ein -- Fall zu tun gibt! Ich hoffe, Sie noch oben
anzutreffen, Herr Doktor, wenn ich zurückkomme.« Und schon trat er aus
dem Haustor auf die Straße.
Fridolin zögerte einen Augenblick, dann schritt er langsam die Treppe
hinauf. Er klingelte; und Marianne selbst war es, die ihm öffnete. Sie
war schwarz gekleidet, um den Hals trug sie eine schwarze Jettkette, die
er noch nie an ihr gesehen. Ihr Antlitz rötete sich leise.
»Sie lassen mich lange warten«, sagte sie mit einem schwachen Lächeln.
»Verzeihen Sie, Fräulein Marianne, ich hatte heute einen besonders
angestrengten Tag.«
Er folgte ihr durch das Sterbezimmer, in dem das Bett nun leer stand, in
den Nebenraum, wo er gestern unter dem Bilde mit dem weißuniformierten
Offizier den Totenschein für den Hofrat geschrieben hatte. Auf dem
Schreibtisch brannte schon eine kleine Lampe, so daß Zwielicht im Zimmer
war. Marianne wies ihm einen Platz auf dem schwarzen Lederdiwan an, sie
selbst setzte sich ihm gegenüber an den Schreibtisch.
»Eben bin ich im Hausflur Herrn Doktor Roediger begegnet. -- Also morgen
schon fahren Sie aufs Land?«
Marianne sah ihn an, als wundere sie sich über den kühlen Ton seiner
Fragen, und ihre Schultern senkten sich, als er mit beinahe harter
Stimme fortsetzte: »Ich finde das sehr vernünftig.« Und er erläuterte
sachlich, wie günstig die gute Luft, die neue Umgebung auf sie wirken
würde.
Sie saß unbeweglich, und Tränen flossen ihr über die Wangen. Er sah
es ohne Mitgefühl, eher mit Ungeduld; und die Vorstellung, daß sie
vielleicht in der nächsten Minute wieder zu seinen Füßen liegen, ihr
gestriges Geständnis wiederholen könnte, erfüllte ihn mit Angst. Und da
sie schwieg, stand er brüsk auf. »So leid es mir tut, Fräulein Marianne
--« Er sah auf die Uhr.
Sie hob den Kopf, blickte Fridolin an, und ihre Tränen flossen weiter.
Er hätte ihr gern irgendein gutes Wort gesagt und war es nicht imstande.
»Sie bleiben wohl einige Tage auf dem Land«, begann er gezwungen. »Ich
hoffe, Sie geben mir Nachricht ... Herr Doktor Roediger sagt mir
übrigens, daß die Hochzeit bald stattfinden werde. Erlauben Sie mir
schon heute Ihnen meinen Glückwunsch auszusprechen.«
Sie rührte sich nicht, als hätte sie seinen Glückwunsch, seinen Abschied
überhaupt nicht zur Kenntnis genommen. Er streckte ihr die Hand entgegen,
die sie nicht nahm, und fast in einem Ton des Vorwurfs wiederholte
er: »Also, ich hoffe zuversichtlich, Sie geben mir Nachricht über Ihr
Befinden. Auf Wiedersehen, Fräulein Marianne.« Sie saß da wie versteinert.
Er ging, eine Sekunde lang blieb er in der Türe stehen, als gewähre
er ihr noch eine letzte Frist, ihn zurückzurufen, sie schien den Kopf
eher wegzuwenden, und nun schloß er die Türe hinter sich. Auf dem Gang
draußen verspürte er irgend etwas wie Reue. Einen Augenblick dachte
er daran, umzukehren, aber er fühlte, daß das vor allem andern sehr
lächerlich gewesen wäre.
Aber was nun? Nach Hause? Wohin sonst! Heute konnte er ja doch nichts
mehr unternehmen. Und morgen? Was? Und wie? Er fühlte sich ungeschickt,
hilflos, alles zerfloß ihm unter den Händen; alles wurde unwirklich,
sogar sein Heim, seine Frau, sein Kind, sein Beruf, ja, er selbst, wie
er so mit schweifenden Gedanken die abendlichen Straßen mechanisch
weiterging.
Von der Uhr des Rathausturmes schlug es halb acht. Es war übrigens
gleichgültig, wie spät es war; die Zeit lag in völliger Überflüssigkeit
vor ihm. Nichts, niemand ging ihn an. Er verspürte ein leises Mitleid
mit sich selbst. Ganz flüchtig, nicht etwa wie ein Vorsatz, kam ihm der
Einfall, zu irgendeinem Bahnhof zu fahren, abzureisen, gleichgültig
wohin, zu verschwinden für alle Leute, die ihn gekannt, irgendwo in
der Fremde wieder aufzutauchen und ein neues Leben zu beginnen als
ein anderer, neuer Mensch. Er besann sich gewisser merkwürdiger
Krankheitsfälle, die er aus psychiatrischen Büchern kannte, sogenannter
Doppelexistenzen: ein Mensch verschwand plötzlich aus ganz geordneten
Verhältnissen, war verschollen, kehrte nach Monaten oder nach Jahren
wieder, erinnerte sich selbst nicht, wo er in dieser Zeit gewesen, aber
später erkannte ihn irgendwer, der irgendwo in einem fernen Land mit
ihm zusammengetroffen war, und der Heimgekehrte wußte gar nichts davon.
Solche Dinge kamen freilich selten vor, aber immerhin, sie waren
erwiesen. Und in abgeschwächter Form erlebte sie wohl mancher. Wenn man
aus Träumen wiederkehrte zum Beispiel? Freilich, man erinnerte sich ...
Aber gewiß gab es auch Träume, die man völlig vergaß, von denen nichts
übrig blieb als irgendeine rätselhafte Stimmung, eine geheimnisvolle
Benommenheit. Oder man erinnerte sich erst später, viel später und
wußte nicht mehr, ob man etwas erlebt oder nur geträumt hatte. Nur
-- nur -- --!
Und wie er so weiterging und doch unwillkürlich die Richtung nach
seiner Wohnung zu nahm, geriet er in die Nähe der dunklen, ziemlich
verrufenen Gasse, in der er vor weniger als vierundzwanzig Stunden einem
verlorenen Geschöpf nach ihrer armseligen und doch traulichen Behausung
gefolgt war. =Verloren=, gerade die? Und gerade diese Gasse =verrufen=?
Wie man doch immer wieder, durch Worte verführt, Straßen, Schicksale,
Menschen in träger Gewohnheit benennt und beurteilt. War dieses junge
Mädchen nicht im Grunde von allen, mit denen seltsame Zufälle ihn in der
letzten Nacht zusammengeführt, das anmutigste, ja geradezu das reinste
gewesen? Er fühlte einige Rührung, wenn er ihrer dachte. Und nun
erinnerte er sich auch seines Vorsatzes von gestern; rasch entschlossen
kaufte er im nächsten Laden allerlei Eßbares ein; und als er mit
dem kleinen Päckchen die Häusermauern entlangschritt, fühlte er sich
geradezu froh in dem Bewußtsein, daß er im Begriffe war, eine zum
mindesten vernünftige, vielleicht sogar lobenswerte Handlung zu begehen.
Immerhin schlug er den Kragen hoch, als er in den Hausflur trat, nahm
beim Treppensteigen einige Stufen auf einmal, die Wohnungsglocke tönte
ihm mit unerwünschter Schrille ins Ohr; und als er von einer übel
aussehenden Frauensperson den Bescheid erhielt, daß das Fräulein Mizzi
nicht zu Hause sei, atmete er auf. Doch ehe die Frau noch Gelegenheit
hatte, das Päckchen für die Abwesende in Empfang zu nehmen, trat ein
anderes, noch junges, nicht unhübsches Frauenzimmer, in eine Art von
Bademantel gehüllt, ins Vorzimmer und sagte: »Wen sucht der Herr? Die
Fräuln Mizzi? Die wird so bald nicht z'haus kommen.«
Die Alte gab ihr ein Zeichen, zu schweigen; Fridolin aber, als wünschte
er dringend eine Bestätigung zu erhalten für das, was er irgendwie doch
schon geahnt hatte, bemerkte einfach: »Sie ist im Spital, nicht wahr?«
»Na, wenn's der Herr eh weiß. Aber mir sein g'sund, Gott sei Dank«, rief
sie fröhlich aus und trat ganz nahe an Fridolin heran mit halbgeöffneten
Lippen und einem frechen Zurückwerfen ihres üppigen Leibes, so daß der
Bademantel sich öffnete. Fridolin sagte ablehnend: »Ich bin nur im
Vorbeigehen heraufgekommen, um der Mizzi was zu bringen«, und er
erschien sich plötzlich wie ein Gymnasiast. Und in einem neuen,
sachlichen Ton fragte er: »Auf welcher Abteilung liegt sie denn?«
Die Junge nannte ihm den Namen eines Professors, auf dessen Klinik
Fridolin vor einigen Jahren Sekundararzt gewesen war. Und dann fügte sie
gutmütig hinzu: »Geben S' es her, die Packerln, ich bring ihr's morgen.
Können sich drauf verlassen, daß ich nichts wegnaschen werde. Und grüßen
werd ich sie auch von Ihnen und ihr ausrichten, Sie sein ihr nicht
untreu worden.«
Zugleich aber trat sie näher auf ihn zu und lachte ihn an. Doch als er
leicht zurückwich, gab sie es sofort auf und bemerkte tröstend: »In
sechs, spätestens acht Wochen, hat der Doktor g'sagt, is sie wieder zu
Haus.«
Als Fridolin aus dem Haustor auf die Straße trat, fühlte er Tränen
in der Kehle; aber er wußte, daß das nicht so sehr Ergriffenheit zu
bedeuten hatte als ein allmähliches Versagen seiner Nerven. Er nahm
absichtlich einen rascheren und lebhafteren Schritt an, als seiner
Stimmung gemäß war. Sollte dieses Erlebnis ein weiteres, ein letztes
Zeichen sein, daß ihm alles mißlingen mußte? Warum? Daß er einer so
großen Gefahr entgangen war, konnte immerhin auch ein gutes Zeichen
bedeuten. Und war es gerade das, worauf es ankam: Gefahren zu entgehen?
Allerlei andere standen ihm wohl noch bevor. Er dachte keineswegs
daran, die Nachforschungen nach der wunderbaren Frau von heute nacht
aufzugeben. Nun war freilich nicht mehr Zeit dazu. Und überdies
mußte genau erwogen werden, auf welche Art diese Nachforschungen
weiterzuführen waren. Ja, wenn man jemanden hätte, mit dem man sich
beraten könnte! Aber er wußte keinen, den er in die Abenteuer der
vergangenen Nacht gerne eingeweiht hätte. Seit Jahren war er mit keinem
Menschen wirklich vertraut als mit seiner Frau, und mit der konnte er
sich in diesem Fall doch kaum beraten, in diesem nicht und in keinem
andern. Denn man mochte es nehmen, wie man wollte: heute nacht hatte sie
ihn ans Kreuz schlagen lassen.
Und nun wußte er, warum seine Schritte ihn statt in der Richtung seines
Hauses unwillkürlich immer weiter in die entgegengesetzte führten.
Er wollte, er konnte Albertine jetzt nicht entgegentreten. Das
Vernünftigste war es, irgendwo auswärts zur Nacht zu essen, dann auf die
Abteilung nach seinen zwei Fällen sehen -- und keinesfalls daheim sein
-- »daheim!« -- bevor er sicher sein konnte, Albertine schon schlafend
anzutreffen.
Er trat in ein Café, eines der vornehmeren, stilleren in der Nähe des
Rathauses, telephonierte nach Hause, daß man ihn zum Abendessen nicht
erwarten solle, läutete rasch ab, damit nicht etwa Albertine noch ans
Telephon käme, dann setzte er sich an ein Fenster und zog den Vorhang
zu. In einer entfernten Ecke nahm eben ein Herr Platz; in dunklem
Überzieher, auch sonst ganz unauffällig gekleidet. Fridolin erinnerte
sich, diese Physiognomie im Laufe dieses Tages schon irgendwo gesehen zu
haben. Das konnte natürlich auch Zufall sein. Er nahm ein Abendblatt zur
Hand und las, so wie er es gestern nacht in einem anderen Kaffeehaus
getan, da und dort ein paar Zeilen: Berichte über politische Ereignisse,
Theater, Kunst, Literatur, über kleine und große Unglücksfälle aller
Art. In irgendeiner Stadt Amerikas, deren Namen er niemals gehört hatte,
war ein Theater abgebrannt. Der Rauchfangkehrermeister Peter Korand
hatte sich zum Fenster hinausgestürzt. Es kam Fridolin irgendwie
sonderbar vor, daß auch Rauchfangkehrer sich zuweilen umbrachten, und er
fragte sich unwillkürlich, ob der Mann sich vorher ordentlich gewaschen
oder schwarz, wie er war, ins Nichts gestürzt hatte. In einem vornehmen
Hotel der inneren Stadt hatte sich heute früh eine Frau vergiftet, eine
Dame, die unter dem Namen einer Baronin D. vor wenigen Tagen dort
abgestiegen war, eine auffallend hübsche Dame. Fridolin fühlte sich
sofort ahnungsvoll berührt. Die Dame war morgens um vier Uhr in
Begleitung zweier Herren nach Hause gekommen, die am Tore sich von ihr
verabschiedeten. Vier Uhr. Gerade zu der Stunde, da auch er nach Hause
gekommen war. Und gegen Mittag war sie bewußtlos -- so hieß es weiter
-- mit den Anzeichen einer schweren Vergiftung im Bette aufgefunden
worden ... Eine auffallend hübsche junge Dame ... Nun, es gab manche
auffallend hübsche junge Damen ... Es war kein Anlaß, anzunehmen, daß
die Baronin D., vielmehr die Dame, die unter dem Namen Baronin D. in dem
Hotel abgestiegen war, und eine gewisse andere ein und dieselbe Person
vorstellen. Und doch -- ihm klopfte das Herz, und das Blatt bebte in
seiner Hand. In einem vornehmen Stadthotel ... in welchem --? Warum so
geheimnisvoll? -- So diskret?...
Er ließ das Blatt sinken und sah, wie zugleich der Herr dort in der
fernen Ecke eine Zeitung, eine große illustrierte Zeitung, wie einen
Vorhang vor sein Gesicht schob. Sofort nahm auch Fridolin sein Blatt
wieder zur Hand, und er wußte in diesem Augenblick, daß die Baronin D.
unmöglich jemand anders sein konnte als die Frau von heute nacht ... In
einem vornehmen Stadthotel ... Es gab nicht so viele, die in Betracht
kamen -- für eine Baronin D ... Und nun mochte geschehen, was da wolle
-- diese Spur mußte verfolgt werden. Er rief nach dem Kellner, zahlte,
ging. An der Tür wandte er sich noch einmal nach dem verdächtigen Herrn
in der Ecke um. Der aber war sonderbarerweise schon verschwunden....
Schwere Vergiftung ... Aber sie lebte ... In dem Augenblick, da man
sie aufgefunden hatte, lebte sie noch. Und es war am Ende kein Grund,
anzunehmen, daß sie nicht gerettet war. Jedenfalls, ob sie lebte oder
tot war -- er würde sie finden. Und er würde sie sehen -- in jedem Fall
-- ob tot oder lebendig. Sehen würde er sie; kein Mensch auf der Erde
konnte ihn daran hindern, die Frau zu sehen, die seinetwegen, ja, die
für ihn in den Tod gegangen war. Er war schuldig an ihrem Tod -- er
allein -- wenn sie es war. Ja, sie war es. Um vier Uhr morgens nach
Hause gekommen in Begleitung zweier Herren! Wahrscheinlich derselben,
die ein paar Stunden später Nachtigall zur Bahn gebracht hatten. Sie
hatten kein sonderlich reines Gewissen, diese Herren.
Er stand auf dem großen weiten Platz vor dem Rathaus und blickte nach
allen Seiten. Nur wenige Menschen befanden sich innerhalb seiner
Sehweite, der verdächtige Herr aus dem Kaffeehaus war nicht unter ihnen.
Und wenn auch -- die Herren fürchteten sich, der Überlegene war er.
Fridolin eilte weiter, auf dem Ring nahm er einen Wagen, ließ sich
zuerst zum Hotel Bristol fahren und erkundigte sich bei dem Portier, als
wäre er dazu befugt oder beauftragt, ob die Frau Baronin D., die sich
heute morgen bekanntlich vergiftet, hier in dem Hotel gewohnt habe. Der
Portier schien weiter nicht erstaunt, hielt Fridolin vielleicht für
einen Herrn von der Polizei oder sonst eine Amtsperson, in jedem Fall
erwiderte er höflich, daß sich der traurige Fall nicht hier, sondern im
Hotel Erzherzog Karl zugetragen habe ...
Fridolin fuhr sofort in das bezeichnete Hotel und erhielt dort die
Auskunft, daß die Baronin D. unverzüglich nach ihrer Auffindung ins
Allgemeine Krankenhaus geschafft worden sei. Fridolin erkundigte sich,
auf welche Weise die Entdeckung des Selbstmordversuches erfolgt sei. Was
für Anlaß denn vorgelegen habe, sich schon um die Mittagstunde um eine
Dame zu kümmern, die doch erst um vier Uhr früh nach Hause gekommen war?
Nun, das war ganz einfach: zwei Herren (also wieder zwei Herren!) hatten
vormittags um elf Uhr nach ihr gefragt. Da die Dame sich auf wiederholten
telephonischen Anruf nicht gemeldet, hatte das Stubenmädchen an die Türe
geklopft; da sich darauf wieder nichts gerührt hatte und die Türe von
innen verriegelt blieb, war nichts übriggeblieben, als sie aufzusprengen,
und da hatte man die Baronin bewußtlos im Bette liegend gefunden. Man
hatte sofort Rettungsgesellschaft und Polizei verständigt.
»Und die zwei Herren?« fragte Fridolin scharf und kam sich selbst vor
wie ein Geheimpolizist.
Ja, die Herren, das gab freilich zu denken, die waren indes spurlos
verschwunden. Im übrigen dürfte es sich keineswegs um eine Baronin
Dubieski gehandelt haben, unter welchem Namen die Dame im Hotel gemeldet
war. Sie war das erstemal in diesem Hotel abgestiegen, und es gab
überhaupt keine Familie dieses Namens, jedenfalls keine adlige.
Fridolin dankte für die Auskunft, entfernte sich ziemlich rasch, da
einer der eben hinzugetretenen Hoteldirektoren ihn mit unangenehmer
Neugier zu mustern begann, stieg wieder in den Wagen und ließ sich
zum Krankenhaus fahren. Wenige Minuten später, in der Aufnahmekanzlei,
erfuhr er nicht nur, daß die angebliche Baronin Dubieski auf die zweite
interne Klinik eingeliefert worden, sondern daß sie nachmittags um fünf,
trotz aller ärztlichen Bemühungen -- ohne das Bewußtsein wiedererlangt
zu haben -- gestorben war.
Fridolin holte tief Atem, so glaubte er, doch es war ein schwerer
Seufzer gewesen, der sich ihm entrungen. Der diensthabende Beamte
blickte mit einiger Verwunderung zu ihm auf. Fridolin faßte sich gleich
wieder, empfahl sich höflich und stand in der nächsten Minute im Freien.
Der Krankenhausgarten war fast menschenleer. In einer benachbarten Allee
unter einer Laterne ging eben eine Wärterin in blauweiß gestreiftem
Kittel und weißem Häubchen. »Tot«, sagte Fridolin vor sich hin. --Wenn
sie es ist. Und wenn sie es nicht ist? Wenn sie noch lebt, wie kann ich
sie finden?
Wo der Leichnam der Unbekannten sich in diesem Augenblick befand, diese
Frage konnte er sich leicht beantworten. Da sie erst vor wenigen Stunden
gestorben war, lag sie jedenfalls in der Totenkammer, nur wenige hundert
Schritte von hier. Schwierigkeiten für ihn als Arzt, sich auch in dieser
späten Stunde dort Eingang zu verschaffen, gab es natürlich nicht. Doch
-- was wollte er dort? Er kannte ja nur ihren Körper, ihr Antlitz hatte
er nie gesehen, nur eben einen flüchtigen Schimmer davon erhascht in der
Sekunde, da er heute nacht den Tanzsaal verlassen hatte oder, richtiger
gesagt, aus dem Saal gejagt worden war. Doch daß er diesen Umstand
bis jetzt gar nicht erwogen, das kam daher, daß er in diesen ganzen
letztverflossenen Stunden, seit er die Zeitungsnotiz gelesen, die
Selbstmörderin, deren Antlitz er nicht kannte, sich mit den Zügen
Albertinens vorgestellt hatte, ja, daß ihm, wie er nun erst erschauernd
wußte, ununterbrochen seine Gattin als die Frau vor Augen geschwebt war,
die er suchte. Und nochmals fragte er sich, was er eigentlich in der
Totenkammer wollte? Ja, hätte er sie lebend wiedergefunden, heute,
morgen -- in Jahren, wann, wo und in welcher Umgebung immer -- an ihrem
Gang, ihrer Haltung, ihrer Stimme vor allem hätte er sie, so war er
überzeugt, unwidersprechlich erkannt. Nun aber sollte er nur den Körper
wiedersehen, einen toten Frauenkörper und ein Antlitz, von dem er nichts
kannte als die Augen -- Augen, die nun gebrochen waren. Ja -- diese Augen
kannte er und die Haare, die sich in jenem letzten Augenblick, ehe man
ihn aus dem Saal gejagt, plötzlich gelöst und die nackte Gestalt verhüllt
hatten. Würde das genug sein, um ihn untrüglich wissen zu lassen, ob sie
es sei oder nicht?
Und langsamen, zögernden Schritts nahm er den Weg durch die wohlbekannten
Höfe nach dem Pathologisch-anatomischen Institut. Er fand das Tor
unverschlossen, so daß er nicht nötig hatte zu klingeln. Der steinerne
Fußboden hallte unter seinen Tritten, als er durch den schwach
beleuchteten Gang schritt. Ein vertrauter, gewissermaßen heimatlicher
Geruch von allerlei Chemikalien, der den angestammten Duft dieses
Gebäudes übertönte, umfing Fridolin. Er klopfte an die Tür des
histologischen Kabinetts, wo er wohl noch einen Assistenten bei der
Arbeit vermuten durfte. Auf ein etwas unwirsches »Herein« trat Fridolin
in den hohen, geradezu festlich erhellten Raum, in dessen Mitte, das
Auge eben vom Mikroskop entfernend, wie Fridolin beinahe erwartet, sein
alter Studienkollege, der Assistent des Institutes, Doktor Adler, sich
von seinem Stuhl erhob.
»Oh, lieber Kollege,« begrüßte ihn Doktor Adler immer noch etwas
unwillig, aber zugleich verwundert, »was verschafft mir die Ehre zu so
ungewohnter Stunde?«
»Entschuldige die Störung«, sagte Fridolin. »Du bist gerade mitten in
der Arbeit.«
»Allerdings«, erwiderte Adler in dem scharfen Ton, der ihm noch von
seiner Burschenzeit eigen war. Und leichter fügte er hinzu: »Was sollte
man in diesen heiligen Hallen sonst um Mitternacht zu schaffen haben?
Aber du störst mich natürlich nicht im geringsten. Womit kann ich
dienen?«
Und da Fridolin nicht gleich antwortete: »Der Addison, den ihr uns heute
heruntergeliefert habt, liegt noch in holder Unberührtheit da drüben.
Sektion morgen früh acht Uhr dreißig.«
Und auf eine verneinende Bewegung Fridolins: »Ah so -- der Pleuratumor!
Nun -- die histologische Untersuchung hat unwiderleglich Sarkom ergeben.
Darüber braucht ihr euch also auch keine grauen Haare wachsen zu
lassen.«
Fridolin schüttelte wieder den Kopf. »Es handelt sich um keine
-- dienstliche Angelegenheit.«
»Na, um so besser,« sagte Adler, »ich hab' schon geglaubt, das schlechte
Gewissen treibt dich da herunter zu nachtschlafender Zeit.«
»Mit schlechtem Gewissen oder wenigstens mit Gewissen überhaupt hängt es
schon eher zusammen«, erwiderte Fridolin.
»Oh!«
»Kurz und gut,« -- er befliß sich eines harmlos-trockenen Tones -- »ich
möchte gern Auskunft wegen einer Frauensperson, die heute abend auf der
zweiten Klinik an Morphiumvergiftung gestorben ist und die jetzt da
herunten liegen dürfte, eine gewisse Baronin Dubieski.« Und rascher fuhr
er fort: »Ich habe nämlich die Vermutung, daß diese angebliche Baronin
Dubieski eine Person ist, die ich vor Jahren flüchtig gekannt habe. Und
es würde mich interessieren, ob meine Vermutung stimmt.«
»Suicidium?« fragte Adler.
Fridolin nickte. »Ja. Selbstmord«, übersetzte er, als wünschte er damit
der Angelegenheit wieder ihren privaten Charakter zu verleihen.
Adler deutete mit humoristisch gestrecktem Zeigefinger auf Fridolin.
»Unglückliche Liebe zu Euer Hochwohlgeboren?«
Fridolin verneinte etwas ärgerlich. »Der Selbstmord dieser Baronin
Dubieski hat mit meiner Person nicht das geringste zu tun.«
»Bitte, bitte, ich will nicht indiskret sein. Wir können uns ja sofort
überzeugen. Meines Wissens ist heute abend keine Anforderung von der
gerichtlichen Medizin gekommen. Also jedenfalls --«
Gerichtliche Obduktion, zuckte es durch Fridolins Hirn. Das könnte
wohl noch der Fall sein. Wer weiß, ob ihr Selbstmord überhaupt ein
freiwilliger war? Die zwei Herren fielen ihm wieder ein, die so
plötzlich aus dem Hotel verschwunden waren, nachdem sie von dem
Selbstmordversuch erfahren hatten. Die Angelegenheit könnte sich wohl
noch zu einer Kriminalaffäre ersten Ranges entwickeln. Und ob er
--Fridolin -- nicht gar als Zeuge vorgeladen würde -- ja, ob er nicht
eigentlich verpflichtet wäre, sich freiwillig bei Gericht zu melden?
Er folgte Doktor Adler über den Gang zu der gegenüberliegenden Türe,
die halb offen stand. Der kahle hohe Raum war durch die zwei offenen,
etwas heruntergeschraubten Flammen eines zweiarmigen Gaslüsters schwach
beleuchtet. Von den zwölf oder vierzehn Leichentischen waren nur die
geringere Anzahl belegt. Einige Körper lagen nackt da, über die andern
waren Leinentücher gebreitet. Fridolin trat zu dem ersten Tisch gleich
an der Türe und zog vorsichtig das Tuch von dem Kopf der Leiche weg. Ein
greller Lichtschein von der elektrischen Taschenlampe des Doktor Adler
fiel plötzlich hin. Fridolin sah ein gelbes, graubärtiges Männergesicht
und bedeckte es gleich wieder mit dem Leichentuch. Auf dem nächsten
Tisch lag ein hagerer nackter Jünglingsleib. Doktor Adler, von einem
anderen Tische her, sagte: »Eine zwischen sechzig und siebzig, die
wird's also wohl auch nicht sein.«
Fridolin aber, wie plötzlich hingezogen, schritt ans Ende des Saales,
von wo ein Frauenleib ihm fahl entgegenleuchtete. Der Kopf war zur Seite
gesenkt; lange, dunkle Haarsträhnen fielen fast bis zum Fußboden herab.
Unwillkürlich streckte Fridolin die Hand aus, um den Kopf zurechtzurücken,
doch mit einer Scheu, die ihm, dem Arzt, sonst fremd war, zögerte er
wieder. Doktor Adler war herzugetreten und bemerkte hinter sich deutend:
»Kommen alle nicht in Betracht -- -- also die?« Und er leuchtete mit der
elektrischen Lampe auf den Frauenkopf, den Fridolin eben, seine Scheu
überwindend, mit beiden Händen gefaßt und ein wenig emporgehoben hatte.
Ein weißes Antlitz mit halbgeschlossenen Lidern starrte ihm entgegen.
Der Unterkiefer hing schlaff herab, die schmale, hinaufgezogene
Oberlippe ließ das bläuliche Zahnfleisch und eine Reihe weißer Zähne
sehen. Ob dieses Antlitz irgendeinmal, ob es vielleicht gestern noch
schön gewesen -- Fridolin hätte es nicht zu sagen vermocht -- es war ein
völlig nichtiges, leeres, es war ein totes Antlitz. Es konnte ebensogut
einer Achtzehnjährigen als einer Achtunddreißigjährigen angehören.
»Ist sie's?« fragte Doktor Adler.
Fridolin beugte sich unwillkürlich tiefer herab, als könnte sein
bohrender Blick den starren Zügen eine Antwort entreißen. Und er wußte
doch zugleich, auch wenn es wirklich ihr Antlitz wäre, =ihre= Augen,
dieselben Augen, die gestern so lebensheiß in die seinen geleuchtet, er
wüßte es nicht, könnte es --wollte es am Ende gar nicht wissen. Und
sanft legte er den Kopf wieder auf die Platte hin und ließ seinen
Blick den toten Körper entlang schweifen, vom wandernden Schein der
elektrischen Lampe geleitet. War es ihr Leib? -- der wunderbare,
blühende, gestern noch so qualvoll ersehnte? Er sah einen gelblichen,
faltigen Hals, er sah zwei kleine und doch etwas schlaff gewordene
Mädchenbrüste, zwischen denen, als wäre das Werk der Verwesung schon
vorgebildet, das Brustbein mit grausamer Deutlichkeit sich unter
der bleichen Haut abzeichnete, er sah die Rundung des mattbraunen
Unterleibs, er sah, wie von einem dunklen, nun geheimnis- und sinnlos
gewordenen Schatten aus wohlgeformte Schenkel sich gleichgültig
öffneten, sah die leise auswärts gedrehten Kniewölbungen, die scharfen
Kanten der Schienbeine und die schlanken Füße mit den einwärts
gekrümmten Zehen. All dies versank nacheinander rasch wieder im Dunkel,
da der Lichtkegel der elektrischen Lampe den Weg zurück mit vielfacher
Geschwindigkeit zurücklegte, bis er endlich leicht zitternd über
dem bleichen Antlitz ruhen blieb. Unwillkürlich, ja wie von einer
unsichtbaren Macht gezwungen und geführt, berührte Fridolin mit beiden
Händen die Stirne, die Wangen, die Schultern, die Arme der toten Frau;
dann schlang er seine Finger wie zu einem Liebesspiel in die der Toten,
und so starr sie waren, es schien ihm, als versuchten sie sich zu regen,
die seinen zu ergreifen; ja ihm war, als irrte unter den halbgeschlossenen
Lidern ein ferner, farbloser Blick nach dem seinen; und wie magisch
angezogen beugte er sich herab.
Da flüsterte es plötzlich hinter ihm: »Aber was treibst du denn?«
Fridolin kam jählings zur Besinnung. Er löste seine Finger aus denen
der Toten, umklammerte ihre schmalen Handgelenke und legte sorglich, ja
mit einer gewissen Pedanterie die eiskalten Arme zu seiten des Rumpfes
hin. Und ihm war, als ob jetzt, eben erst in diesem Augenblick, dieses
Weib gestorben sei. Dann wandte er sich ab, lenkte die Schritte zur Türe
und über den hallenden Gang, trat in das Arbeitskabinett zurück, das man
früher verlassen. Doktor Adler folgte ihm schweigend und schloß hinter
ihnen ab.
Fridolin trat ans Waschbecken. »Du erlaubst«, sagte er und reinigte
seine Hände sorgfältig mit Lysol und Seife. Indes schien Doktor Adler
ohne weiteres seine unterbrochene Arbeit wieder aufnehmen zu wollen. Er
hatte die entsprechende Lichtvorrichtung neu eingeschaltet, drehte die
Mikrometerschraube und blickte ins Mikroskop. Als Fridolin zu ihm trat,
um sich zu verabschieden, war Doktor Adler völlig in seine Arbeit
vertieft.
»Willst du dir das Präparat einmal anschauen?« fragte er.
»Warum?« fragte Fridolin abwesend.
»Nun, zur Beruhigung deines Gewissens«, erwiderte Doktor
Adler, -- als nähme er doch an, daß Fridolins Besuch nur einen
medizinisch-wissenschaftlichen Zweck gehabt hätte.
»Findest du dich zurecht?« fragte er, während Fridolin ins Mikroskop
schaute. »Es ist nämlich eine ziemlich neue Färbungsmethode.«
Fridolin nickte, ohne das Auge vom Glas zu entfernen. »Geradezu
ideal«, bemerkte er, »ein farbenprächtiges Bild, könnte man sagen.«
Und er erkundigte sich nach verschiedenen Einzelheiten der neuen
Technik.
Doktor Adler gab ihm die gewünschten Aufklärungen, und Fridolin äußerte
die Ansicht, daß ihm diese neue Methode bei einer Arbeit, die er für die
nächste Zeit vorhabe, voraussichtlich gute Dienste leisten würde. Er
erbat sich die Erlaubnis, morgen oder übermorgen wiederkommen zu dürfen,
um sich weitere Aufschlüsse zu holen.
»Stets gerne zu Diensten«, sagte Doktor Adler, begleitete Fridolin über
die hallenden Steinfliesen bis zum Tore, das indessen geschlossen worden
war, und sperrte es mit seinem eigenen Schlüssel auf.
»Du bleibst noch?« fragte Fridolin.
»Aber natürlich«, erwiderte Doktor Adler, »das sind ja die allerschönsten
Arbeitsstunden -- so von Mitternacht bis früh. Da ist man wenigstens vor
Störungen ziemlich sicher.«
»Na«, -- sagte Fridolin mit einem leisen, wie schuldbewußten Lächeln.
Doktor Adler legte die Hand beruhigend auf Fridolins Arm, dann fragte er
mit einiger Zurückhaltung: »Also -- war sie's?«
Fridolin zögerte einen Augenblick, dann nickte er wortlos, und war
sich kaum bewußt, daß diese Bejahung möglicherweise eine Unwahrheit
bedeutete. Denn ob die Frau, die nun da drin in der Totenkammer lag,
dieselbe war, die er vor vierundzwanzig Stunden zu den wilden Klängen
von Nachtigalls Klavierspiel nackt in den Armen gehalten, oder ob diese
Tote irgendeine andere, eine Unbekannte, eine ganz Fremde war, der er
niemals vorher begegnet; er wußte: auch wenn das Weib noch am Leben war,
das er gesucht, das er verlangt, das er eine Stunde lang vielleicht
geliebt hatte, und, wie immer sie dieses Leben weiter lebte; -- was da
hinter ihm lag in der gewölbten Halle, im Scheine von flackernden
Gasflammen, ein Schatten unter andern Schatten, dunkel, sinn- und
geheimnislos wie sie --, ihm bedeutete es, ihm konnte es nichts anderes
mehr bedeuten als, zu unwiderruflicher Verwesung bestimmt, den bleichen
Leichnam der vergangenen Nacht.
Texto original em alemão de Traumnovelle, de Arthur Schnitzler, organizado para leitura no Aurora e cotejo com a tradução brasileira do Literunico.
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