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Die schwarze Spinne

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Die schwarze Spinne

Capítulo 3 · Die schwarze Spinne

Teil 3

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Nur ein junges Weibchen weinte gar bitterlich, daß man unter seinen Augen die Hände hätte waschen können, aber sagen that es nichts. Ein alt ehrwürdig Weib dagegen, hochgestaltet und mit einem Gesichte, vor dem man sonst sich beugen oder vor ihm fliehen mußte, trat in die Mitte und sprach: Gottvergessen wäre es gehandelt, auf das Ungewisse das Gewisse stellen und spielen mit dem ewigen Leben. Wer mit dem Bösen sich einlasse, komme vom Bösen nimmer los, und wer ihm den Finger gebe, den behalte er mit Leib und Seele. Aus diesem Elend könne Niemand helfen als Gott, wer ihn aber verlasse in der Noth, der versinke in der Noth. Aber dießmal verachtete man der Alten Rede und schweigen hieß man das junge Weibchen, mit Weinen und Heulen sei einem dießmal nicht geholfen, da bedürfe man Hülfe anderer Art, hieß es.

Räthig wurde man bald die Sache zu versuchen. Bös könne das kaum gehen im bösesten Falle; aber nicht das erste Mal sei es, daß Menschen die schlimmsten Geister betrogen, und wenn sie selbst nichts wüßten, so fände wohl ein Priester Rath und Ausweg. Aber im finstern Gemüthe soll mancher gedacht haben, wie er später bekannte: gar viel Geld und Umtriebe wage er nicht eines ungetauften Kindes wegen.

Als der Rath nach Christinens Sinn gefaßt wurde, da war es als ob alle Wirbelwinde über dem Hause zusammenstießen, die Heere der wilden Jäger vorübersausten; die Pfosten des Hauses wankten, die Balken bogen sich, Bäume splitterten am Hause, wie Speere auf einer Ritterbrust. Blaß wurden drinnen die Menschen, Grauen überfiel sie, aber den Rath lösten sie nicht; bei grauendem Morgen begannen sie seine Ausführung.

Schön und hell war der Morgen. Gewitter und Hexenwerk verschwunden, die Aexte hieben noch einmal so scharf als sonst, der Boden war locker und jede Buche fiel gerade wie man sie sonst haben wollte, kein Wagen brach mehr, das Vieh war willig und stark und die Menschen geschützt vor jedem Unfall, wie durch unsichtbare Hand. Nur eines war sonderbar. Unterhalb Sumiswald führte damals noch kein Weg ins hintere Thal; dort war noch Sumpf, den die zügellose Grüne bewässerte, man mußte den Stalden auf durchs Dorf fahren, an der Kirche vorbei.

Sie fuhren wie an den frühern Tagen immer drei Züge auf einmal, um einander helfen zu können mit Rath, Kraft und Vieh, und hatten nun nur durch Sumiswald zu fahren, außerhalb des Dorfes den Kirchstalden ab, an dem eine kleine Kapelle stand; unterhalb desselben auf ebenem Wege hatten sie die Buchen abzulegen. Sobald sie den Stalden auf waren und auf ebenem Wege gegen die Kirche kamen, so ward das Gewicht der Wagen nicht leichter, sondern schwerer und schwerer, sie mußten Thiere vorspannen, so viele sie deren hatten, mußten unmenschlich auf sie schlagen, mußten selbst Hand an die Speichen legen, dazu scheuten die sanftesten Rosse, als ob etwas Unsichtbares vom Kirchhofe her ihnen im Wege stehe, und ein dumpfer Glockenton, fast wie der verirrte Schall einer fernen Todtenglocke, kam von der Kirche her, daß ein eigenthümlich Grauen die stärksten Männer ergriff und jedesmal Menschen und Thiere bebten, wenn man gegen die Kirche kam. War man einmal vorbei, so konnte man ruhig fahren, ruhig abladen, ruhig zu frischer Ladung wieder gehen.

Sechs Buchen lud man selbigen Tages neben einander ab an die abgeredete Stelle, sechs Buchen waren am folgenden Morgen zu Bärhegen oben gepflanzet, und durchs ganze Thal hin hatte Niemand eine Achse gehört, die sich umgedreht um ihre Spule, Niemand der Fuhrleute üblich Geschrei, der Pferde Wiehern, der Ochsen einförmig Gebrüll. Aber sechs Buchen standen oben, die konnte sehen, wer wollte, und es waren die sechs Buchen, die man unten an dem Stalden hingelegt hatte, und nicht andere.

Da war das Staunen groß im ganzen Thale und die Neugierde regte sich bei Männiglich. Absonderlich die Ritter nahm es Wunder, welche Pacht die Bauern geschlossen und auf welche Weise die Buchen zur Stelle geschafft würden. Sie hätten gerne auf heidnische Weise den Bauern das Geheimniß ausgepreßt. Allein sie sahen bald, daß die Bauern auch nicht Alles wüßten, da sie selbst halb erschrocken waren. Zudem wehrte der von Stoffeln. Dem war es nicht nur gleichgültig, wie die Buchen nach Bärhegen kommen, im Gegentheil, wenn nur die Buchen heraufkommen, so sah er gerne, daß die Bauern dabei geschont wurden. Er hatte wohl gesehen, daß der Spott der Ritter ihn zu einer Unbesonnenheit verleitet hatte, denn wenn die Bauern zu Grunde gingen, die Felder unbestellt blieben, so hatte die Herrschaft den größten Schaden dabei; allein was der von Stoffeln einmal gesagt hatte, dabei blieb es. Die Erleichterung, welche die Bauern sich verschafft, war ihm daher ganz recht, und es war ihm auch ganz gleichgültig, ob sie dafür ihre Seelen verschrieben; denn was gingen ihn der Bauern Seelen an, wenn einmal der Tod ihre Leiber genommen. Er lachte jetzt über seine Ritter und schützte die Bauern vor ihrem Muthwillen. Diese wollten den Handel doch ergründen und sandten Knappen zur Wache; die fand man des Morgens halb todt in Gräben, wohin eine unsichtbare Hand sie geschleudert.

Da zogen zwei Ritter hin nach Bärhegen; es waren kühne Degen, und wo ein Wagniß zu bestehen gewesen im Heidenland, da hatten sie es bestanden. Am Morgen fand man sie erstarrt am Boden, und als sie der Rede wieder mächtig waren, sagten sie, ein rother Ritter mit feuriger Lanze hätte sie niedergerannt. Hie und da konnte eine neugierige Weibsseele sich nicht enthalten, wenn es Mitternacht war, durch eine Spalte oder Lucke nach dem Wege im Thale zu sehen. Alsbald wehete ein giftiger Wind sie an; das Gesicht schwoll auf, Wochen lang konnte man weder Nase noch Augen sehen, den Mund mit Mühe finden. Da verging den Leuten das Spähen, und kein Auge sah mehr zu Thale, wenn Mitternacht über demselben lag.

Einmal aber kam plötzlich einen Mann das Sterben an; er bedurfte des letzten Trostes, aber Niemand durfte den Priester holen, denn Mitternacht war nahe und der Weg führte am Kilchstalden vorbei. Da lief ein unschuldig Bübchen, Gott und Menschen lieb, aus Angst um den Vater ungeheißen Sumiswald zu. Als es gegen den Kilchstalden kam, sah er von dort die Buchen auffahren vom Boden, jede von zwei feurigen Eichhörnchen gezogen und nebenbei sah es reiten auf schwarzem Bocke einen grünen Mann, eine feurige Geisel hatte er in der Hand, einen feurigen Bart im Gesichte, und auf dem Hute schwankte glutroth eine Feder. So sei der Zug gefahren hoch durch die Lüfte über alle Egg weg, und schnell wie ein Augenblick. Solches sah der Knabe, und Niemand that ihm was.

Noch waren nicht drei Wochen vergangen, so stunden neunzig Buchen auf Bärhegen, machten einen schönen Schattengang, denn alle schlugen üppig aus, keine einzige verdorrte. Aber die Ritter und auch der von Stoffeln ergingen sich nicht oft darin, es wehte sie allemal ein heimlich Grauen an; sie hätten von der Sache lieber nichts mehr gewußt, aber Keiner machte ihr ein Ende, es tröstete ein Jeder sich: fehle es, so trage der Andere die Schuld.

Den Bauern aber wohlete es mit jeder Buche, welche oben war, denn mit jeder Buche wuchs die Hoffnung, dem Herrn zu genügen, den Grünen zu betrügen; er hatte ja kein Unterpfand, und war die Hunderteste einmal oben, was frugen sie dann dem Grünen nach? Indessen waren sie der Sache noch nicht sicher; alle Tage fürchteten sie, er spiele ihnen einen Schabernack und lasse sie im Stiche. Am Urbanustage brachten sie ihm die letzten Buchen an den Kilchstalden und Alt und Jung schlief wenig in selber Nacht; man konnte fast nicht glauben, daß er ohne Umstände und ohne Kind oder Pfand die Arbeit vollende.

Am folgenden Morgen, lange vor der Sonne, waren Alt und Jung auf den Beinen, in Allen regte sich die gleiche neugierige Angst; aber lange wagte sich Keiner auf den Platz, wo die Buchen lagen; man wußte nicht, lag dort eine Beize, für die, welche den Grünen betrügen wollten.

Ein wilder Küherbub, der Ziger von der Alp gebracht, wagte es endlich, sprang voran und fand keine Buchen mehr, und keine Hinterlist that auf dem Platze sich kund. Noch trauten sie dem Spiele nicht; ihnen voraus mußte der Küherbub nach Bärhegen. Dort war Alles in der Ordnung, hundert Buchen standen in Reih und Glied, keine war verdorret, Keinem aus ihnen lief das Gesicht auf, Keinem that ein Glied weh. Da stieg der Jubel hoch in ihren Herzen und viel Spott gegen den Grünen und gegen die Ritter floß. Zum dritten Mal sandten sie aus den wilden Küherbub und ließen dem von Stoffeln sagen: es sei auf Bärhegen nun Alles in der Ordnung, er möchte kommen und die Buchen zählen. Dem aber ward es graulicht und er ließ ihnen sagen, sie sollten machen, daß sie heimkämen. Gerne hätte er ihnen sagen lassen, sie sollten den ganzen Schattengang wieder wegschaffen, aber er that es nicht, seiner Ritter wegen, es sollte nicht heißen, er fürchte sich; aber er wußte nicht um der Bauern Pacht und wer sich in den Handel mischen könnte.

Als der Kühersbub den Bescheid brachte, da schwollen die Herzen noch trotziger auf; die wilde Jugend tanzte im Schattengange, wildes Jodeln hallte von Kluft zu Kluft, von Berg zu Berg, hallte an den Mauern des Schlosses Sumiswald wieder. Bedächtige Alte warnten und baten, aber trotzige Herzen achten bedächtiger Alten Warnung nicht; wenn dann das Unglück da ist, so sollen es die Alten mit ihrem Zagen und Warnen herbeigezogen haben. Die Zeit ist noch nicht da, wo man es erkennt, daß der Trotz das Unglück aus dem Boden stampft. Der Jubel zog sich über Berg und Thal in alle Häuser, und wo noch eines Fingers lang Fleisch im Rauche hing, da ward es gekocht, und wo noch eine Hand groß Butter im Hafen war, da wurde geküchelt.

Das Fleisch ward gegessen, die Küchli schwanden, der Tag war veronnen, und ein anderer Tag stieg am Himmel auf. Immer näher kam der Tag, an welchem ein Weib ein Kind gebären sollte; und je näher der Tag kam, um so dringlicher ward die Angst wieder: der Grüne werde sich wieder künden, fordern was ihm gehöre, oder ihnen eine Beize legen.

Den Jammer jenes jungen Weibes, welches das Kind gebären sollte, wer will ihn ermessen? Im ganzen Hause tönte er wieder, ergriff nach und nach alle Glieder des Hauses, und Rath wußte Niemand, wohl aber, daß dem, mit dem man sich eingelassen, nicht zu trauen sei. Je näher die verhängnißvolle Stunde kam, um so näher drängte das arme Weibchen sich zu Gott, umklammerte nicht mit den Armen allein, sondern mit dem Leibe und der Seele und aus ganzem Gemüthe die heilige Mutter bittend um Schutz um ihres gebenedeiten Sohnes willen. Und ihr ward immer klarer, daß im Leben und Sterben in jeder Noth der größte Trost bei Gott sei, denn wo der sei, da dürfe der Böse nicht sein, und hätte keine Macht.

Immer deutlicher trat der Glaube vor ihre Seele, daß wenn ein Priester des Herrn mit dem Allerheiligsten, dem heiligen Leibe des Erlösers bei der Geburt zugegen wäre, und bewaffnet mit kräftigen Bannsprüchen, so dürfte kein böser Geist sich nahen, und alsobald könnte der Priester das neugeborne Kind mit dem Sakramente der Taufe versehen, was die damalige Sitte erlaubte, dann wäre das arme Kind der Gefahr für immer entrissen, welche die Vermessenheit der Väter über dasselbe gebracht. Dieser Glaube stieg auch bei den andern auf, und der Jammer der jungen Weiber ging ihnen zu Herzen, aber sie scheuten sich, dem Priester ihre Pacht mit dem Satan zu bekennen, und Niemand war seither zur Beichte gegangen, und Niemand hatte ihm Rede gestanden. Er war ein gar frommer Mann, selbst die Ritter des Schlosses trieben keinen Kurzweil mit ihm, denn er sagte ihnen die Wahrheit. Wenn einmal die Sache gethan sei, so könne er sie nicht mehr hindern, hatten die Bauern gedacht; aber jetzt war doch Niemand gern der Erste, der es ihm berichtete, das Gewissen sagte ihnen wohl warum?

Endlich drang einem Weibe der Jammer zu Herzen; es lief hin und offenbarte dem Priester den Handel und des armen Weibes Wunsch. Gewaltig entsetzte sich der fromme Mann, aber mit leeren Worten verlor er die Zeit nicht; kühn trat er für eine arme Seele in den Kampf mit dem gewaltigen Widersacher. Er war einer von denen, die den härtesten Kampf nicht scheuen, weil sie gekrönt werden wollen mit der Krone des ewigen Lebens und weil sie wohl wissen, es werde Keiner gekrönt, er kämpfe dann recht.

Ums Haus, in welchem das Weib ihrer Stunde harrte, zog er den heiligen Bann mit geweihtem Wasser, den böse Geister nicht überschreiten dürfen, segnete die Schwelle ein, die ganze Stube und ruhig gebar das Weib, und ungestört taufte der Priester das Kind. Ruhig blieb es auch draußen, am klaren Himmel flimmerten die hellen Sterne, leise Lüfte spielten in den Bäumen. Ein wihernd Gelächter wollten die Einen gehört haben von ferne her; die Andern aber meinten, es seien nur die Käuzlein gewesen an des Waldes Saum.

Alle, die da waren aber freuten sich höchlich, und alle Angst war verschwunden, auf immer wie sie meinten; hätten sie den Grünen einmal angeführt, so konnten sie es immer thun mit dem gleichen Mittel.

Ein großes Mahl ward zugerichtet, weit her wurden die Gäste entboten. Umsonst mahnte der Priester des Herrn von Schmaus und Jubel ab, mahnte zu zagen und zu beten, denn noch sei der Feind nicht besiegt, Gott nicht gesühnt. Es sei ihm im Geiste, als dürfe er ihnen keine Buße zur Sühnung auferlegen, als nahe sich eine Buße gewaltig und schwer aus Gottes selbsteigener Hand. Aber sie hörten ihn nicht, wollten ihn befriedigen mit Speise und Trank. Er aber ging betrübt weg, bat für die, welche nicht wüßten, was sie thäten, und rüstete sich mit Beten und Fasten zu kämpfen als ein getreuer Hirt für die anvertraute Herde.

Mitten unter den Jubelirenden ist auch Christine gesessen, aber sonderbar stille mit glühenden Wangen, düstern Augen, seltsam sah man es zucken in ihrem Gesichte. Christine war bei der Geburt zugegen gewesen als erfahrne Wehmutter, war bei der plötzlichen Taufe zu Gevatter gestanden mit frechem Herzen ohne Furcht, aber wie der Priester das Wasser sprengte über das Kind und es taufte in den drei höchsten Namen, da war es ihr, als drucke man ihr plötzlich ein feurig Eisen auf die Stelle, wo sie des Grünen Kuß empfangen. In jähem Schrecken war sie zusammen gezuckt, das Kind fast zur Erde gefallen und seither hatte der Schmerz nicht abgenommen, sondern ward glühender von Stunde zu Stunde. Anfangs war sie stille gesessen, hatte den Schmerz erdrückt und heimlich die schweren Gedanken gewälzet in ihrer erwachten Seele, aber immer häufiger fuhr sie mit der Hand nach dem brennenden Fleck, auf dem ihr eine giftige Wespe zu sitzen schien, die ihr einen glühenden Stachel bohre bis ins Mark hinein. Als keine Wespe zu verjagen war, die Stiche immer heißer wurden, die Gedanken immer schrecklicher, da begann Christine ihre Wange zu zeigen, zu fragen, was darauf zu sehen sei, und immer von Neuem frug Christine, aber Niemand sah etwas, und bald mochte Niemand mehr mit dem Spähen auf den Wangen die Lust sich kürzen. Endlich konnte sie noch ein altes Weib erbitten; eben krähte der Hahn, der Morgen graute, da sah die Alte auf Christinens Wange einen fast unsichtbaren Fleck. Es sei nichts, sagte die Alte, das werde schon vergehen, und ging weiter.

Und Christine wollte sich trösten, es sei nichts und werde bald vergehen; aber die Pein nahm nicht ab und unmerklich wuchs der kleine Punkt und alle sahen ihn und frugen sie: was es da schwarzes gebe in ihrem Gesichte? Sie dachten nichts besonders, aber die Reden fuhren ihr wie Stiche ins Herz, weckten die schweren Gedanken wieder auf, und immer und immer mußte sie denken, daß auf den gleichen Fleck der Grüne sie geküßt, und daß die gleiche Glut, die damals wie ein Blitz durch ihr Gebein gefahren, jetzt bleibend in demselben brenne und zehre. So wich der Schlaf von ihr, das Essen schmeckte ihr wie Feuerbrand, unstät lief sie hiehin, dorthin, suchte Trost und fand keinen, denn der Schmerz wuchs immer noch, und der schwarze Punkt ward größer und schwärzer; einzelne dunkle Streifen liefen von ihm aus, und nach dem Munde hin schien sich auf dem runden Flecke ein Höcker zu pflanzen.

So litt und lief Christine manchen langen Tag und manche lange Nacht, und hatte keinem Menschen die Angst ihres Herzens geoffenbaret, und was sie vom Grünen auf diese Stelle erhalten; aber wenn sie gewußt hätte, auf welche Weise sie dieser Pein los werden könnte, sie hätte Alles im Himmel und auf Erden geopfert. Sie war von Natur ein vermessen Weib, jetzt aber ganz erwildet in wüthendem Schmerze.

Da geschah es, daß wiederum ein Weib ein Kind erwartete. Dießmal war die Angst nicht groß, die Leute wohlgemuth, sobald sie zu rechter Zeit für den Priester sorgten, meinten sie, des Grünen spotten zu können. Nur Christine war es nicht so. Je näher der Tag der Geburt kam, desto schrecklicher ward der Brand auf ihrer Wange, desto mächtiger dehnte der schwarze Punkt sich aus; deutliche Beine streckte er von sich aus, kurze Haare trieb er empor, glänzende Punkte und Streifen erschienen auf seinem Rücken, und zum Kopfe ward der Höcker, und glänzend und giftig blitzte es aus demselben, wie aus zwei Augen hervor. Laut auf schrien Alle, wenn sie die giftige Kreuzspinne sahen auf Christines Gesicht, und voll Angst und Grauen flohen sie, wenn sie sahen, wie sie fest saß im Gesichte aus demselben herausgewachsen. Allerlei redeten die Leute, der Eine rieth dieß, der Andere ein anderes, aber Alle mochten Christine gönnen, was es auch sein mochte, und Alle wichen ihr aus, und flohen sie, wo es nur möglich war. Je mehr die Leute flohen, desto mehr trieb es Christine ihnen nach; sie fuhr von Haus zu Haus; sie fühlte wohl der Teufel mahne sie an das verheißene Kind, und um das Opfer den Leuten einzureden mit unumwundenen Worten, fuhr sie ihnen nach in Höllenangst. Aber das kümmerte die Andern wenig; was Christine peinigte, that ihnen nicht weh; was sie litt, hatte, nach ihrer Meinung, sie verschuldet, und weil sie ihr nicht mehr entrinnen konnten, so sagten sie zu ihr: „Da siehe du zu. Keiner hat ein Kind verheißen, darum gibt auch Keiner eins.“ Mit wüthender Rede setzte sie dem eigenen Manne zu. Dieser floh wie die Andern, und wenn er nicht mehr fliehen konnte, so sprach er Christine kaltblütig zu, das werde schon bessern, das sei ein Malzeichen, wie gar viele deren hätten, wenn es einmal ausgewachsen sei, so höre der Schmerz auf und leicht sei es dann abzubinden.

Unterdessen aber hörte der Schmerz nicht auf, jedes Bein ward ein Höllenbrand, der Spinne Leib die Hölle selbst, und als des Weibes erwartete Stunde kam, da war es Christine als umwalle sie ein Feuermeer, als wühlten feurige Messer in ihrem Mark, als führen feurige Wirbelwinde durch ihr Gehirn. Die Spinne aber schwoll an, bäumte sich auf, und zwischen den kurzen Borsten hervor quollen giftig ihre Augen. Als Christine in ihrer glühenden Pein nirgends Theilnahme, die Kreisende wohl bewacht fand, da stürzte sie einer Wirbelsinnigen gleich den Weg entlang, den der Priester kommen mußte.

Raschen Schrittes kam derselbe der Halde entlang, begleidet vom handfesten Sigrist; die heiße Sonne und der steile Weg hemmten die Schritte nicht, denn es galt eine Seele zu retten, ein unendlich Unglück zu wenden, und von entferntem Kranken kommend, bangte dem Priester vor schrecklicher Säumniß. Verzweifelnd warf Christine sich ihm in den Weg, umfaßte seine Knie, bat um Lösung aus ihrer Hölle, um das Opfer des Kindes, das noch kein Leben kenne, und die Spinne schwoll noch höher auf, funkelte schrecklich schwarz in Christines roth angelaufenem Gesichte und mit gräßlichen Blicken glotzte sie nach des Priesters heiligen Geräthen und Zeichen. Dieser aber schob Christine rasch zur Seite, und schlug das heilige Zeichen; er sah da den Feind wohl, aber er ließ den Kampf, um eine Seele zu retten. Christine aber fuhr auf, stürmte ihm nach und versuchte das Aeußerste; doch des Sigristen starke Hand hielt das wüthende Weib vom Priester ab und zur Zeit noch konnte er das Haus schützen, in geweihte Hände das Kind empfangen und in die Hände dessen legen, den die Hölle nie überwältigt. Draußen hatte unterdessen Christine einen schrecklichen Kampf gekämpfet. Sie wollte das Kind ungetauft in ihre Hände, wollte hinein ins Haus, aber starke Männer wehrten es.

Windstöße stießen an das Haus, der fahle Blitz umzüngelte es, aber die Hand des Herrn war über ihm; es wurde das Kind getauft und Christine umkreiste vergeblich und machtlos das Haus. Von immer wilderer Höllenqual ergriffen stieß sie Töne aus, die nicht Tönen glichen einer Menschenbrust; das Vieh schlotterte in den Ställen und riß von den Stricken; die Eichen im Walde rauschten auf, sich entsetzend.

Im Hause begann der Jubel über den neuen Sieg, des Grünen Ohnmacht, seiner Helfershelferin vergeblich Ringen; draußen aber lag Christine von entsetzlicher Pein zu Boden geworfen, und in ihrem feurigen Gesichte begannen Wehen zu kreisen, wie sie noch keine Wöchnerin erfahren auf Erden, und die Spinne im Gesichte schwoll immer höher auf und brannte immer glühender durch ihr Gebein.

Da war es Christine, als ob plötzlich das Gesicht ihr platze, als ob glühende Kohlen geboren würden in demselben, lebendig würden, ihr gramselten über das Gesicht weg, über alle Glieder weg, als ob alles an ihr lebendig würde und glühend gramsle über den ganzen Leib weg. Da sah sie in der Blitze fahlem Scheine langbeinig giftig, unzählbare schwarze Spinnen laufen über ihre Glieder, hinaus in die Nacht, und den entschwundenen liefen langbeinig giftig, unzählbare andere nach. Endlich sah sie keine mehr den frühern folgen, der Brand im Gesichte legte sich, die Spinne ließ sich nieder, ward zum fast unsichtbaren Punkte wieder, schaute mit erlöschenden Augen ihrer Höllenbrut nach, die sie geboren hatte, und ausgesandt, zum Zeichen, wie der Grüne mit sich spassen lasse.

Matt, einer Wöchnerin gleich, schlich Christine nach Hause, wenn schon die Glut so heiß nicht mehr brannte auf dem Gesichte, die Glut im Herzen hatte nicht abgenommen; wenn schon die matten Glieder nach Ruhe sich sehnten, der Grüne ließ ihr keine Ruhe mehr; wen er einmal hat, dem macht er es so.

Drinnen im Hause aber da jubelten sie und freuten sich, und hörten lange nicht, wie das Vieh brüllte und tobte im Stalle. Endlich fuhren sie doch auf, man ging nachzusehen, schreckensblaß kamen die wieder, die gegangen waren, und brachten die Kunde, die schönste Kuh liege todt, die Uebrigen tobten und wütheten, wie sie es nie gesehen. Da sei es nicht richtig, etwas Absonderliches walte da. Da verstummte der Jubel, Alles lief nach dem Vieh, dessen Gebrüll erscholl über Berg und Thal, aber Keiner hatte Rath. Gegen den Zauber versuchte man weltliche und geistliche Künste; aber alle umsonst; ehe noch der Tag graute, hatte der Tod das sämmtliche Vieh im Stalle gestreckt. Wie es aber hier stumm wurde, so begann es da zu brüllen und dort zu brüllen; die da waren, hörten wie in ihre Ställe die Noth gebrochen, wehlich das Vieh seine Meister zu Hülfe rief in seiner grausen Angst.

Als ob die Flamme aus ihrem Dache schlüge eilten sie heim, aber Hülfe brachten sie keine; hier wie dort streckte der Tod das Vieh; Wehgeschrei von Menschen und Thieren erfüllten Berge und Thäler, und die Sonne, welche das Thal so fröhlich verlassen, sah in entsetzlichem Jammer hinein. Als die Sonne schien, sahen endlich die Menschen, wie es in den Ställen, in denen das Vieh gefallen war, wimmle von zahllosen schwarzen Spinnen. Diese krochen über das Vieh, das Futter, und was sie berührten, war vergiftet, und was lebendig war, begann zu toben, ward bald vom Tode gestreckt. Von diesen Spinnen konnte man keinen Stall, in dem sie waren, säubern, es war als wüchsen sie aus dem Boden herauf; konnte keinen Stall, in dem sie noch nicht waren, vor ihnen behüten, unversehens krochen sie aus allen Wänden, fielen Haufenweise von der Diele. Man trieb das Vieh auf die Weiden, man trieb es nur dem Tode in den Rachen. Denn wie eine Kuh auf eine Weide den Fuß setzte, so begann es lebendig zu werden am Boden, schwarze lange Spinnen sproßten auf, schreckliche Alpenblumen, krochen auf am Vieh, und ein fürchterlich wehlich Geschrei erschallt von den Bergen nieder zu Thale. Und alle diese Spinnen sahen der Spinne auf Christinens Gesicht ähnlich wie Kinder der Mutter, und solche hatte man noch keine gesehen.

Das Geschrei der armen Thiere war auch zum Schlosse gedrungen, und bald kamen ihm auch Hirten nach, verkündend, daß ihr Vieh gefallen von den giftigen Thieren, und in immer höherm Zorne vernahm der von Stoffeln, wie Herde um Herde verloren gegangen, vernahm, welchen Pacht man mit dem Grünen gehabt, wie man ihn zum zweitenmale betrogen und daß die Spinnen so ähnlich seien wie Kinder der Mutter, der Spinne in der Lindauerin Gesicht, die mit dem Grünen den Bund gemacht alleine, und nie rechten Bericht darüber gegeben. Da ritt der von Stoffeln in grimmem Zorn den Berg hinauf und donnerte die Armen an, daß er nicht um ihretwillen Herde um Herde verlieren wolle, um was er geschädigt worden, müßten sie ersetzen, und was sie versprochen, das müßten sie halten, was sie freiwillig gethan, das müßten sie tragen. Schaden leiden ihretwegen wolle er nicht, oder leide er, so müßten sie ihn büßen tausendfältig. Sie könnten sich vorsehen. So redete er zu ihnen, unbekümmert um das, was er ihnen zumuthete, und daß er sie dazu getrieben, fiel ihm nicht bei, und was sie gethan, rechnete er ihnen zu.

Den Meisten schon war es aufgedämmert, daß die Spinnen eine Plage des Bösen seien, eine Mahnung, den Pacht zu halten, und daß Christine Näheres darum wissen müßte, ihnen nicht Alles gesagt hätte, was sie mit dem Grünen verhandelt. Nun zitterten sie wieder vor dem Grünen, lachten seiner nicht mehr, zitterten vor ihrem weltlichen Herren; und wenn sie jenen befriedigten, was sagte der geistliche Herr dazu, erlaubte er es, und hätte dann der keine Buße für sie? So in der Angst versammelten sich die Angesehensten in einsamer Scheuer, und Christine mußte kommen und klaren Bescheid geben, was sie eigentlich verhandelt.

Christine kam verwildert, rachedurstig, aufs neue von der wachsenden Spinne gefoltert.

Als sie das Zagen der Männer sah und keine Weiber, da erzählte sie Punktum, was ihr begegnet: wie der Grüne sie schnell beim Worte genommen und ihr zum Pfande einen Kuß gegeben, den sie nicht mehr geachtet als andere. Wie ihr jetzt auf selbigem Fleck die Spinne gewachsen sei unter Höllenpein vom Augenblicke an, als man das erste Kind getauft. Wie die Spinne, eben als man das zweite Kind getauft und den Grünen genarrt, unter Höllenpein die Spinnen geboren in ungemessener Zahl; denn narren lasse er sich nicht ungestraft, wie sie es fühle in tausendfachen Todesschmerzen. Jetzt wachse die Spinne wieder, die Pein mehre sich, und wenn das nächste Kind nicht des Grünen werde, so wisse Niemand, wie gräßlich die einbrechende Plage sei, wie gräßlich des Ritters Rache.

So erzählte Christine und die Herzen der Männer bebten, und lange wollte Keiner reden. Nach und nach kamen aus den angstgepreßten Kehlen abgebrochene Laute hervor, und wenn man sie zusammensetzte, so meinten sie gerade was Christine meinte, aber kein Einzelner hatte seine Einwilligung gegeben in ihren Rath. Nur einer stand auf und redete kurz und deutlich: das Beste schiene ihm, Christine todt zu schlagen, sei einmal die todt, so könnte der Grüne an der Todten sich halten, hätte keine Handhabe mehr an den Lebendigen. Da lachte Christine wild auf, trat ihm unter das Gesicht und sagte: er solle zuschlagen, ihr sei es recht, aber der Grüne wolle nicht sie, sondern ein ungetauft Kind, und wie er sie gezeichnet, eben so gut könne er die Hand zeichnen, die an ihr sich vergreife. Da zuckte es in des Mannes Hand, der allein geredet, er setzte sich und hörte schweigend dem Rathe der Andern. Und abgebrochen, wo Keiner Alles sagte, sondern Jeder nur etwas, das wenig bedeuten sollte, kam man überein, das nächste Kind zu opfern, aber Keiner wollte seine Hand bieten dazu, Niemand das Kind an den Kilchstalden tragen, wo man die Buchen hingelegt hatte. Zum allgemeinen Besten, wie sie meinten, den Teufel zu brauchen, hatte Keiner sich gescheut, aber persönliche Bekanntschaft mit ihm zu machen begehrte Keiner. Da erbot sich Christine willig dazu; denn hat man einmal mit dem Teufel zu thun gehabt, so kann es das zweite Mal wenig mehr schaden. Man wußte wohl, wer das nächste Kind gebären sollte, aber man redete nichts davon und der Vater desselben war nicht zugegen.

Verständigt mit und ohne Worte, ging man auseinander.

Das junge Weib, welches in jener grauenvollen Nacht, wo Christine Bericht vom Grünen brachte, gezaget und geweinet hatte, sie wußte damals nicht warum, erwartete nun das nächste Kind. Die frühern Vorgänge machten sie nicht getrost und zuversichtlich; eine unnennbare Angst lag auf ihrem Herzen, sie konnte sie weder mit Beten noch Beichten wegbringen. Ein verdächtiges Schweigen schien ihr, sie zu umringen, Niemand sprach von der Spinne mehr; verdächtig schienen ihr alle Augen, die auf ihr ruhten, schienen ihr zu berechnen die Stunde, in welcher sie ihres Kindes habhaft werden, den Teufel versöhnen könnten.

So einsam und verlassen fühlte sie sich gegen die unheimliche Macht um sich; keinen Beistand hatte sie als ihre Schwiegermutter, eine fromme Frau, die zu ihr stund, aber was vermag eine alte Frau gegen eine wilde Menge. Sie hatte ihren Mann; der hatte alles Gute wohl versprochen; aber wie jammerte der um sein Vieh und gedachte so wenig des armen Weibes Angst! Es hatte der Priester verheißen, zu kommen, so schnell und so früh zu kommen als man ihn verlange, aber was konnte begegnen vom Augenblicke an, da man gesandt, bis daß er kam, und das arme Weib hatte keinen zu verlässigern Boten als den eignen Mann, der ihm Schutz und Wache sein sollte; und sie wohnte dazu noch mit Christine in einem Hause und ihre Männer waren Brüder und keine eigenen Verwandte hatte sie; als Waise war sie ins Haus gekommen! Man kann sich des armen Weibes Herzensangst denken, nur im Beten mit der frommen Mutter fand sie einiges Vertrauen, das allsobald wieder schwand, sobald sie in die bösen Augen sah.

Unterdessen war die Krankheit noch immer da; sie unterhielt den Schrecken. Freilich nur hie und da fiel ein Stück, nur selten zeigten sich die Spinnen. Aber sobald bei Jemand der Schreck nachließ, sobald irgend einer dachte oder sagte: das Uebel lasse von selbsten nach und man sollte sich wohl bedenken, ehe man an einem Kinde sich versündige, so nahm Christinens Höllenpein zu, die Spinne blähte sich hoch auf, und dem der so gedacht oder geredet, kehrte mit neuer Wuth der Tod in seine Herde ein. Je näher die erwartete Stunde kam, um so mehr schien die Noth wieder zuzunehmen, und sie erkannten, daß sie bestimmte Abrede treffen müßten, wie sie des Kindes sicher und sonder Fehl sich bemächtigen könnten. Den Mann fürchteten sie am meisten, und Gewalt gegen ihn zu brauchen, war ihnen zuwider. Da übernahm Christine ihn zu gewinnen, und sie gewann ihn. Er wollte um die Sache nicht wissen, seinem Weibe zu Willen sein, den Priester holen, aber nicht eilen, und was in seiner Abwesenheit vorgehe, darnach wolle er nicht fragen; so fand er sich mit seinem Gewissen ab; mit Gott wollte er sich durch Messen abfinden, und für des armen Kindes Seele sei vielleicht auch noch etwas zu thun, dachte er, vielleicht gewinne der fromme Priester es dem Teufel wieder ab, dann seien sie aus dem Handel, hatten das Ihre gethan und den Bösen doch geprellt. So dachte der Mann, und jedenfalls, es möge nun gehen, wie es wolle, so hätte er an der ganzen Sache keine Schuld, sobald er nicht mit selbst eigenen Händen dabei thätig sei.

So war das arme Weibchen verkauft, und wußte es nicht, hoffte mit Bangen nach Rettung; und beschlossen im Rathe der Menschen war der Stoß in sein Herz – aber was der droben beschlossen hatte, das deckten noch die Wolken, die vor der Zukunft liegen.

Es war ein gewitterhaftes Jahr und die Erndte gekommen; alle Kräfte wurden angespannt, um in den heitern Stunden das Korn unter das sichere Dach zu bringen. Es war ein heißer Nachmittag, schwarze Häupter streckten die Wolken über die dunkeln Berge empor, ängstlich ums Dach flatterten die Schwalben, und dem armen Weibchen ward so eng und bang allein im Hause, denn selbst die Großmutter war draußen auf dem Acker zu helfen mit dem Willen mehr als mit der That. Da zuckte zweischneidend der Schmerz ihr durch Mark und Bein, es dunkelte vor ihren Augen, sie fühlte das Nahen ihrer Stunde, und war allein. Die Angst trieb sie aus dem Hause; schwerfällig schritt sie dem Acker zu, aber bald mußte sie sich niedersetzen; sie wollte in die Ferne die Stimme schicken, aber diese wollte nicht aus der beklemmten Brust. Bei ihr war ein klein Bübchen, das erst seine Beinchen brauchen lernte, das nie noch auf eignen Beinen auf dem Acker gewesen war, sondern nur auf der Mutter Arm. Dieses Bübchen mußte das arme Weib als ihren Boten brauchen, wußte nicht, ob es den Acker finden, ob seine Beinchen dahin es tragen würden. Aber das treue Bübchen sah, in welcher Angst die Mutter war, und lief und fiel und stand wieder auf, und die Katze jagte seine Kaninchen, Tauben und Hühner liefen ihm um die Füße, stoßend und spielend sprang sein Lamm ihm nach; aber das Bübchen sah Alles nicht, ließ sich nicht säumen und richtete treulich seine Botschaft aus.

Athemlos erschien die Großmutter, aber der Mann säumte; nur das Fuder solle er noch ausladen, hieß es. Eine Ewigkeit verstrich, endlich kam er, und wiederum verstrich eine Ewigkeit, endlich ging er langsam auf den langen Weg, und in Todesangst fühlte das arme Weib, wie ihre Stunde schneller und schneller nahte.

Frohlockend hatte Christine draußen auf dem Acker Allem zugesehen. Heiß brannte wohl die Sonne zu der schweren Arbeit, aber die Spinne brannte fast gar nicht mehr und leicht schien ihr der Gang in den nächsten Stunden. Sie trieb fröhlich die Arbeit und eilte mit dem Heimgehn nicht, wußte sie doch, wie langsam der Bote war. Erst als die letzte Garbe geladen war, und Windstöße das nahe Gewitter verkündeten, eilte Christine ihrer Beute zu, die ihr gesichert war; so meinte sie. Und als sie heimging, da winkte sie bedeutungsvoll manchem Begegnenden; sie nickten ihr zu, trugen rasch die Botschaft heim; da schlotterte manches Knie und manche Seele wollte beten in unwillkürlicher Angst, aber sie konnte nicht.

Drinnen im Stübchen wimmerte das arme Weib und zu Ewigkeiten wurden die Minuten, und die Großmutter vermochte den Jammer nicht zu stillen, mit Beten und Trösten. Sie hatte das Stübchen wohl verschlossen und schweres Geräthe vor die Thüre gestellt. So lange sie allein im Hause waren, war es noch dabei zu sein, aber als sie Christine heimkommen sahen, als sie schleichende Tritte an der Thüre hörten, als sie draußen noch manch andern Tritt hörten und heimliches Flüstern, kein Priester sich zeigte, kein anderer treuer Mensch, und näher und näher der sonst so ersehnte Augenblick trat, da kann man sich denken, in welcher Angst die armen Weiber schwammen, wie in siedendem Oele, ohne Hülfe und ohne Hoffnung. Sie hörten, wie Christine nicht von der Thüre wich; es fühlte das arme Weib ihrer wilden Schwägerin feurige Augen durch die Thüre hindurch, und sie brannten sie durch Leib und Seele. Da wimmerte das erste Lebenszeichen eines Kindes durch die Thüre, unterdrückt so schnell als möglich, aber zu spät. Die Thüre flog auf von wüthendem vorbereiteten Stoße, und wie auf seinen Raub der Tiger stürzt, stürzt Christine auf die arme Wöchnerin. Die alte Frau, die dem Sturm sich entgegenwirft, fällt nieder; in heiliger Mutterangst rafft die Wöchnerin sich auf, aber der schwache Leib bricht zusammen, in Christinens Händen ist das Kind; ein gräßlicher Schrei bricht aus dem Herzen der Mutter, dann hüllt sie in schwarzen Schatten die Ohnmacht.

Zagen und Grauen ergriff die Männer, als Christine mit dem geraubten Kinde heraus kam. Das Ahnen einer grausen Zukunft ging ihnen auf, aber keiner hatte Muth, die That zu hemmen, und die Furcht vor des Teufels Plagen war stärker, als die Furcht vor Gott. Nur Christine zagte nicht; glühend leuchtete ihr Gesicht, wie es dem Sieger leuchtet nach überstandenem Kampfe; es war ihr, als ob die Spinne in sanftem Jucken ihr liebkose; die Blitze, die auf ihrem Wege zum Kilchstalden sie umzüngelten, schienen ihr fröhliche Lichter, der Donner ein zärtlich Grollen, ein lieblich Säuseln der racheschnaubende Sturm.

Die schwarze Spinne

Sinopse

Kostenlose Lektüre von Die schwarze Spinne, der 1842 veröffentlichten Novelle des Schweizer Autors Jeremias Gotthelf. Diese Aurora-Literunico-Ausgabe bewahrt den deutschen Originaltext in fünf Leseteilen, mit kostenlosem PDF und direktem Verweis auf die brasilianisch-portugiesische Übersetzung A Aranha Negra. Quelle: geprüfter Text der deutschen Wikisource nach der Ausgabe Jent & Gassmann, Solothurn, 1842.

Quelle: https://de.wikisource.org/wiki/Die_schwarze_Spinne. Mit der brasilianisch-portugiesischen Übersetzung A Aranha Negra im Aurora Literunico verknüpft: https://literunico.com.br/aurora/93932.

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