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Die schwarze Spinne

Universo da obra

Die schwarze Spinne

Capítulo 2 · Die schwarze Spinne

Teil 2

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„Hör, Aetti“, sagte der Vetter, „mache nicht Schneckentänze, sondern gib die Wahrheit an und aufrichtigen Bericht. Schon Manches habe ich raunen hören, aber Punktum das Wahre nie vernehmen können. Jetzt schickte es sich so wohl, bis die Weiber den Braten z’weg haben, du würdest uns damit so kurze Zeit machen, darum gib aufrichtigen Bericht.“ Noch manchen Schneckentanz machte der Großvater, ehe er sich dazu verstund; aber der Vetter und die Weiber ließen nicht nach bis er es endlich versprach, jedoch unter dem ausdrücklichen Vorbehalt, daß ihm dann lieber wäre, was er erzähle, bliebe unter ihnen und käme nicht weiter. So etwas scheuen gar viele Leute an einem Hause, und er möchte in seinen alten Tagen nicht gerne seinen Leuten böses Spiel machen.

„Allemal wenn ich dieses Holz betrachte“, begann der ehrwürdige Alte, „so muß ich mich verwundern, wie das wohl zuging, daß aus dem fernen Morgenlande, wo das Menschengeschlecht entstanden sein soll, Menschen bis hieher kamen, und diesen Winkel in diesem engen Graben fanden, und muß denken, was die, welche bis hieher verschlagen oder gedrängt wurden, alles ausgestanden haben werden, und wer sie wohl mögen gewesen sein. Ich habe viel darüber nachgefragt, aber nichts erfahren können, als daß diese Gegend schon sehr früh bewohnt gewesen, ja Sumiswald, noch ehe unser Heiland auf der Welt war, eine Stadt gewesen sein soll; aber aufgeschrieben steht das Nirgends. Doch das weiß man, daß es schon mehr als sechshundert Jahre her ist, daß das Schloß steht, wo jetzt der Spital ist, und wahrscheinlich um dieselbe Zeit stund auch hier schon ein Haus, und gehörte sammt einem großen Theil der Umgegend zu dem Schlosse, mußte dorthin Zehnten und Bodenzinse geben, Frohndienste leisten, ja die Menschen waren Leibeigen und nicht eigenen Rechtens, wie jetzt jeder ist, sobald er zu Jahren kömmt. Gar ungleich hatten es damals die Menschen, und nahe bei einander wohnten Leibeigene, welche die besten Händel hatten und solche, die schwer, fast unerträglich, gedrückt wurden, ihres Lebens nicht sicher waren. Ihr Zustand hing jeweilen von ihren Herren ab; die waren gar ungleich und doch fast unumschränkt Meister über ihre Leute und diese fanden Keinen, dem sie so leichtlich und wirksam klagen konnten. Die, welche zu diesem Schlosse gehörten, sollen es schlimmer gehabt haben zu Zeiten als die Meisten, welche zu andern Schlössern gehörten. Die meisten andern Schlösser gehörten einer Familie, kamen von dem Vater auf den Sohn, da kannten der Herr und seine Leute sich von Jugend auf, und gar Mancher war seinen Leuten wie ein Vater. Dieses Schloß kam nämlich frühe in die Hände von Rittern, die man die Teutschen nannte, und der, welcher hier zu befehlen hatte, den nannte man den Comthur. Diese Obern wechselten nun, und bald war Einer da aus dem Sachsenland und bald Einer aus dem Schwabenland; da kam keine Anhänglichkeit auf und ein jeder brachte Brauch und Art mit aus seinem Lande.

Nun sollten sie eigentlich in Polen und im Preußenlande mit den Heiden streiten, und dort, obgleich sie eigentlich geistliche Ritter waren, gewöhnten sie sich fast an ein heidnisch Leben und gingen mit andern Menschen um, als ob kein Gott im Himmel wäre, und wenn sie dann heim kamen, so meinten sie noch immer, sie seien im Heidenland und trieben das gleiche Leben fort. Denn die, welche lieber im Schatten lustig lebten als im wüsten Lande blutig stritten, oder die, welche ihre Wunden heilen, ihren Leib stärken mußten, kamen auf die Güter, welche der Orden, so soll man die Gesellschaft der Ritter genannt haben, in Deutschland und in der Schweiz besaß, und thaten jeder nach seiner Art und was ihm wohlgefiel. Einer der Wüstesten soll der Hans von Stoffeln gewesen sein, aus dem Schwabenlande, und unter ihm soll es sich zugetragen haben, was ihr von mir wissen wollt, und was sich bei uns von Vater auf den Sohn vererbet hat.

Diesem Hans von Stoffeln fiel es bei, dort hinten auf dem Bärhegenhubel ein großes Schloß zu bauen; dort, wo man noch jetzt, wenn es wild Wetter geben will, die Schloßgeister ihre Schätze sonnen sieht, stand das Schloß. Sonst bauten die Ritter ihre Schlösser über den Straßen, wie man jetzt die Wirthshäuser an die Straßen baut, beides um die Leute besser plündern zu können, auf verschiedene Weise freilich. Warum aber der Ritter dort auf dem wilden wüsten Hubel in der Einöde ein Schloß haben wollte, wissen wir nicht, genug er wollte es, und die Bauern welche zum Schloß gehörten, mußten es bauen. Der Ritter fragte nach keinem von der Jahreszeit gebotenen Werk, nicht nach dem Heuet, nicht nach der Ernte, nicht nach dem Säet. So und so viel Züge mußten fahren, so und so viel Hände mußten arbeiten, zu der und der Zeit sollte der letzte Ziegel gedeckt, der letzte Nagel geschlagen sein. Dazu schenkte er keine Zehntgarbe, kein Mäß Bodenzins, kein Fasnachthuhn, ja nicht einmal ein Fasnachtei; Barmherzigkeit kannte er keine, die Bedürfnisse armer Leute kannte er nicht. Er ermunterte sie auf heidnische Weise mit Schlägen und Schimpfen, und wenn einer müde wurde, langsamer sich rührte oder gar ruhen wollte, so war der Vogt hinter ihm mit der Peitsche, und weder Alter noch Schwachheit ward verschont. – Wenn die wilden Ritter oben waren, so hatten sie ihre Freude dran, wenn die Peitsche recht knallte, und sonst trieben sie noch manchen Schabernack mit den Arbeitern; wenn sie ihre Arbeit muthwillig verdoppeln konnten, so sparten sie es nicht, und hatten dann große Freude an ihrer Angst, an ihrem Schweiß.

Endlich war das Schloß fertig, fünf Ellen dick die Mauren, Niemand wußte, warum es da oben stand, aber die Bauren waren froh, daß es einmal stand, wenn es doch stehen mußte, der letzte Nagel geschlagen, der letzte Ziegel oben war.

Sie wischten sich den Schweiß von den Stirnen, sahen mit betrübtem Herzen sich um in ihrem Besitzthum, sahen seufzend wie weit der unselige Bau sie zurückgebracht. Aber war doch ein langer Sommer vor ihnen und Gott über ihnen, darum faßten sie Muth und kräftig den Pflug, und trösteten Weib und Kind, die schweren Hunger gelitten, und denen Arbeit eine neue Pein schien.

Aber kaum hatten sie den Pflug ins Feld geführt, so kam Botschaft, daß alle Hofbauren eines Abends zur bestimmten Stunde im Schlosse zu Sumiswald sich einfinden sollten. Sie bangten und hofften. Freilich hatten sie von den gegenwärtigen Bewohnern des Schlosses noch nichts Gutes genossen, sondern lauter Muthwillen und Härte, aber es dünkte sie billig, daß die Herren ihnen etwas thäten für den unerhörten Frohndienst, und weil es sie so dünkte, so meinten viele, es dünke die Herren auch so, und sie werden an selbem Abend ihnen ein Geschenk machen oder einen Nachlaß verkünden wollen.

Sie fanden sich am bestimmten Abend zeitig und mit klopfendem Herzen ein, mußten aber lange warten im Schloßhofe, den Knechten zum Gespött. Die Knechte waren auch im Heidenlande gewesen. Zudem wird es gewesen sein wie jetzt, wo jedes halbbatzige Herrenknechtlein das Recht zu haben meint, gesessene Bauren verachten zu können und verhöhnen zu dürfen.

Endlich wurden sie in den Rittersaal entboten; vor ihnen öffnete sich die schwere Thüre; drinnen saßen um den schweren Eichentisch die schwarzbraunen Ritter, wilde Hunde zu ihren Füßen, und obenan der von Stoffeln, ein wilder mächtiger Mann, der einen Kopf hatte wie ein doppelt Bernmäß, Augen machte wie Pflugsräder, und einen Bart hatte wie eine alte Löwenmähne. Keiner ging gerne zuerst hinein, einer stieß den andern vor; da lachten die Ritter, daß der Wein über die Humpen spritzte und wüthend stürzten die Hunde vor; denn wenn diese zitternde, zagende Glieder sehen, so meinen sie, dieselben gehören einem zu jagenden Wilde. Den Bauren aber ward nicht gut zu Muthe, es dünkte sie, wenn sie nur wieder daheim wären und einer drückte sich hinter den andern. Als endlich Hunde und Ritter schwiegen, erhob der von Stoffeln seine Stimme und sie tönte wie aus einer hundertjährigen Eiche. „Mein Schloß ist fertig, doch noch eins fehlt, der Sommer kömmt und droben ist kein Schattengang. In Zeit eines Monates sollt ihr mir einen pflanzen, sollt einhundert ausgewachsene Buchen nehmen aus dem Münneberg, mit Aesten und Wurzeln, und sollt sie mir pflanzen auf Bärhegen und wenn eine einzige Buche fehlt, so büßt ihr mir es mit Gut und Blut. Drunten steht Trunk und Imbiß, aber morgen soll die erste Buche auf Bärhegen stehn.“ Als von Trunk und Imbiß einer hörte, meinte er, der Ritter sei gnädig und gut gelaunt, und begann zu reden von ihrer nothwendigen Arbeit und dem Hunger von Weib und Kind und vom Winter, wo die Sache besser zu machen wäre. Da begann der Zorn des Ritters Kopf größer und größer zu schwellen und seine Stimme brach los wie der Donner aus einer Fluh und er sagte ihnen: Wenn er gnädig sei, so seien sie übermüthig. Wenn im Polenlande einer das nackte Leben habe, so küsse er einem die Füße, hier hätten sie Kind und Rind, Dach und Fach, und doch nicht satt. Aber gehorsamer und genügsamer mache ich euch, so wahr ich Hans von Stoffeln bin, und wenn in Monatsfrist die hundert Buchen nicht oben stehen, so lasse ich euch peitschen bis kein Fingerlang mehr ganz an euch ist, und Weiber und Kinder werfe ich den Hunden vor.

Da wagte keiner mehr eine Einrede, aber auch keiner begehrte von dem Trunk und Imbiß; sie drängten sich, als der zornige Befehl gegeben war, zur Thüre hinaus, und jeder wäre gerne der Erste gewesen, und weit hin folgte ihnen des Ritters donnernde Stimme nach, der andern Ritter Gelächter, der Knechte Spott, der Rüden Geheul.

Als der Weg sich beugte, vom Schlosse sie nicht mehr konnten gesehen werden, setzten sie sich an des Weges Rand und weinten bitterlich, Keiner hatte einen Trost für den Andern, und Keiner hatte den Muth zu rechtem Zorn, denn Noth und Plage hatten den Muth ihnen ausgelöscht, so daß sie keine Kraft mehr zum Zorne hatten, sondern nur noch zum Jammer. Ueber 3 Stunden weit sollten sie durch wilde Wege die Buchen führen mit Aesten und Wurzeln den steilen Berg hinauf; und neben diesem Berge wuchsen viele und schöne Buchen, und die mußten sie stehen lassen. In Monatsfrist sollte das Werk geschehen sein, zwei Tage drei, den dritten vier Bäume, sollten sie schleppen durchs lange Thal, den steilen Berg auf, mit ihrem ermatteten Vieh. Und über alles dieses war es der Maimond, wo der Bauer sich rühren muß auf seinem Acker, fast Tag und Nacht ihn nicht verlassen darf, wenn er Brod will und Speise für den Winter.

Wie sie da so rathlos weinten, Keiner den Andern ansehen, in den Jammer des Andern sehen durfte, weil der Seinige schon über ihm zusammenschlug, und keiner heim durfte mit der Botschaft, keiner den Jammer heim tragen mochte zu Weib und Kind, stund plötzlich vor ihnen, sie wußten nicht woher, lang und dürr ein grüner Jägersmann. Auf dem kecken Baret schwankte eine rothe Feder, im schwarzen Gesichte flammte ein rothes Bärtchen, und zwischen der gebogenen Nase und dem zugespitzten Kinn, fast unsichtbar, wie eine Höhle unter überhangendem Gestein, öffnete sich ein Mund und frug : „Was gibt es, ihr guten Leute, daß ihr da sitzet und heulet, daß es Steine aus dem Boden sprengt und Aeste ab den Bäumen?“ Zweimal frug er also, und zweimal erhielt er keine Antwort.

Da ward noch schwärzer des Grünen schwarz Gesicht, noch röther das rothe Bärtchen, es schien darin zu knistern und zu sprezeln, wie Feuer im Tannenholz; wie ein Pfeil spitzte sich der Mund, dann that er sich auseinander und frug ganz holdselig und mild: „Aber ihr guten Leute, was hilft es euch, daß ihr da sitzet und heulet? Ihr könnet da heulen bis es eine neue Sündfluth gibt, oder euer Geschrei die Sterne aus dem Himmel sprengt; aber damit wird euch wahrscheinlich wenig geholfen sein. Wenn euch aber Leute fragen, was ihr hättet, Leute, die es gut mit euch meinen, euch vielleicht helfen könnten, so solltet ihr statt zu heulen, antworten und ein vernünftig Wort reden, das hülfe euch viel mehr.“ Da schüttelte ein alter Mann das weiße Haupt und sprach: „Haltet es nicht für ungut, aber das, worüber wir weinen, nimmt kein Jägersmann uns ab, und wenn das Herz einmal im Jammer verschwollen ist, so kommen keine Worte mehr heraus.“

Da schüttelte sein spitziges Haupt der Grüne und sprach: „Vater, ihr redet nicht dumm, aber so ist es doch nicht. Man mag schlagen was man will, Stein oder Baum, so gibt es einen Ton von sich; es klaget. So soll auch der Mensch klagen, soll alles klagen, soll dem ersten Besten klagen, vielleicht hilft ihm der erste Beste. Ich bin nur ein Jägersmann, wer weiß, ob ich nicht daheim ein tüchtiges Gespann habe, Holz und Steine oder Buchen und Tannen zu führen?“

Als die armen Bauren das Wort Gespann hörten, fiel es ihnen allen ins Herz, ward da zu einem Hoffnungsfunken, und alle Augen sahen auf ihn und dem Alten ging der Mund noch weiter auf; er sprach: „Es sei nicht immer richtig dem Ersten, dem Besten zu sagen, was man auf dem Herzen hätte, da man ihm es aber anhöre, daß er es gut meine, daß er vielleicht helfen könne, so wolle man kein Hehl vor ihm haben. Mehr als zwei Jahre hätten sie schwer gelitten unter dem neuen Schloßbau, kein Hauswesen sei in der ganzen Herrschaft, welches nicht bitterlich im Mangel sei. Jetzt hätten sie frisch aufgeathmet, in der Meinung, endlich freie Hände zu haben zur eigenen Arbeit, hätten mit neuem Muth den Pflug ins Feld geführt, und soeben hätte der Comthur ihnen befohlen, aus im Münneholz gewachsenen Buchen in Monatsfrist beim neuen Schloß einen neuen Schattengang zu pflanzen. Sie wüßten nicht wie das vollbringen in dieser Frist, mit ihrem abgekarrtem Vieh, und wenn sie es vollbrächten, was hülfe es ihnen? Anpflanzen könnten sie nicht und müßten nachher Hungers sterben, im Fall die harte Arbeit sie nicht früher tödtete. Diese Botschaft dürften sie nicht heimtragen, möchten nicht zum alten Elend noch den neuen Jammer schütten.“

„Da machte der Grüne ein gar mitleidiges Gesicht, hob drohend die lange, magere, schwarze Hand gegen das Schloß empor und vermaß sich zu schwerer Strafe gegen solche Tyrannei. Ihnen aber wolle er helfen . Sein Gespann, wie keines sei im Lande, solle vom Kilchstalden an, diesseits Sumiswald, ihnen alle Buchen, so viele sie dorthin zu bringen vermöchten, auf Bärhegen führen, ihnen zu lieb, den Rittern zum Trotz und um geringen Lohn.

„Da horchten hoch auf die armen Männer bei diesem unerwarteten Anerbieten. Konnten sie um den Lohn einig werden, so waren sie gerettet, denn bis an den Kilchstalden konnten sie die Buchen führen, ohne daß ihre Landarbeit darüber versäumt und sie zu Grunde gingen. Darum sagte der Alte: „So sag an, was du verlangst, auf daß wir mit dir des Handels einig werden mögen.“ Da machte der Grüne ein pfiffig Gesicht; es knisterte in seinem Bärtchen und wie Schlangenaugen funkelten sie seine Augen an, und ein gräulich Lachen stand in beiden Mundwinkeln als er ihn von einander that und sagte: „Wie ich gesagt, ich begehre nicht viel, nicht mehr als ein ungetauftes Kind.“

„Das Wort zuckte durch die Männer wie ein Blitz, wie eine Decke fiel es von ihren Augen, und wie Spreu im Wirbelwinde stoben sie auseinander.

„Da lachte hell auf der Grüne, daß die Fische im Bache sich bargen, die Vögel das Dickicht suchten und grausig schwankte die Feder am Hute und auf und nieder ging das Bärtchen.

„„Besinnet euch, oder suchet bei euren Weibern Rath, in der dritten Nacht findet ihr hier mich wieder!““ so rief er den Fliehenden mit scharf tönender Stimme nach, daß die Worte in ihren Ohren hängen blieben, wie Pfeile mit Widerhaken hängen bleiben im Fleische.

„Blaß und zitternd an der Seele und an allen Gliedern stäubten die Männer nach Hause; keiner sah nach dem andern sich um, keiner hätte den Hals gedreht, nicht um alle Güter der Welt. Als so verstört die Männer daher gestoben kamen, wie Tauben vom Vogel gejagt zum Taubenschlag, da drang mit ihnen der Schrecken in alle Häuser, und alle bebten vor der Kunde, welche den Männern die Glieder also durcheinander warf.

„In zitternder Neugierde schlichen die Weiber den Männern nach, bis sie dieselben an den Orten hatten, wo man im Stillen ein vertraut Wort reden konnte. Da mußte jeder Mann seinem Weibe erzählen, was sie im Schloß vernommen, das hörten sie mit Wuth und Fluch; sie mußten erzählen, wer ihnen begegnet, was er ihnen angetragen. Da ergriff namenlose Angst die Weiber, ein Wehgeschrei ertönte über Berg und Thal, einer Jeden ward, als hätte ihr eigen Kind der Ruchlose begehrt. Ein einziges Weib schrie nicht den Andern gleich. Das war ein grausam handlich Weib, eine Lindauerin soll es gewesen sein, und hier auf dem Hofe hat es gewohnt. Sie hatte wilde schwarze Augen und fürchtete sich nicht viel vor Gott und Menschen. Böse war sie schon geworden, daß die Männer dem Ritter nicht rundweg das Begehren abgeschlagen; wenn sie dabei gewesen, sie hätte ihm es sagen wollen, sagte sie. Als sie vom Grünen hörte und seinem Antrage und wie die Männer davon gestoben, da ward sie erst recht böse, und schalt die Männer über ihre Feigheit, und daß sie dem Grünen nicht kecker ins Gesicht gesehen, vielleicht hätte er mit einem andern Lohne sich auch begnügt, und da die Arbeit für das Schloß sei, würde es ihren Seelen nichts schaden, wenn der Teufel sie mache. Sie ergrimmte in der Seele, daß sie nicht dabei gewesen, und wäre es nur, damit sie einmal den Teufel gesehen und auch wüßte, was er für ein Aussehen hätte. Darum weinte dieses Weib nicht, sondern redete in seinem Grimme harte Worte gegen den eigenen Mann und gegen alle andern Männer.

„Des folgenden Tages, als in stilles Gewimmer das Wehgeschrei verglommen war, saßen die Männer zusammen, suchten Rath und fanden keinen. Anfangs war die Rede von neuem Bitten bei dem Ritter, aber Niemand wollte bitten gehen, keinem schien Leib und Leben feil. Einer wollte Weiber und Kinder schicken mit Geheul und Jammer, der aber verstummete schnell als die Weiber zu reden begannen, denn schon damals waren die Weiber in der Nähe, wenn die Männer im Rathe saßen. Sie wußten keinen Rath, als in Gottes Namen Gehorsam zu versuchen, sie wollten Messen lesen lassen, um Gottes Beistand zu gewinnen, wollten Nachbaren um nächtliche geheime Hülfe ansprechen, denn eine offenbare hätten ihnen ihre Herren nicht erlaubt, wollten sich theilen, die Hälfte sollte bei den Buchen schaffen, die andere Hälfte Haber säen und des Viehes warten. Sie hofften auf diese Weise und mit Gottes Hülfe täglich wenigstens 3 Buchen auf Bärhegen hinauf zu schaffen; vom Grünen redete Niemand; ob Niemand an ihn dachte, ist nicht verzeichnet worden.

„Sie theilten sich ein, rüsteten die Werkzeuge, und als der erste Maitag über seine Schwelle kam, sammelten die Männer sich am Münneberg und begannen mit gefaßtem Muthe die Arbeit. Im weiten Ringe mußten die Buchen umgraben, sorgfältig die Wurzeln geschont, sorgfältig die Bäume, damit sie sich nicht verletzen, zur Erde gelassen werden. Noch war der Morgen nicht hoch am Himmel, als drei Buchen zur Abfahrt bereit lagen, denn immer drei sollten zusammen geführt werden, damit man auf dem schweren Weg mit Hand und Vieh sich gegenseitig helfen könne. Aber schon stund die Sonne im Mittag und noch waren sie mit den drei Buchen nicht zum Walde hinaus, schon stand sie hinter den Bergen und noch waren die Züge nicht über Sumiswald hinaus; erst der neue Morgen fand sie am Fuße des Berges, auf dem das Schloß stand, und die Buchen sollten gepflanzet werden. Es war, als ob ein eigener Unstern Macht hätte über sie. Ein Mißgeschick nach dem andern traf sie: die Geschirre zerrissen, die Wagen brachen, Pferde und Ochsen fielen oder weigerten den Gehorsam. Noch ärger ging es am zweiten Tage. Neue Noth brachte immerfort neue Mühe, unter rastloser Arbeit keuchten die Armen und keine Buche war noch oben, keine vierte Buche über Sumiswald hinausgeschafft.

„Der von Stoffeln schalt und fluchte; je mehr er schalt und fluchte, um so größer ward der Unstern, um so stättiger das Vieh. Die andern Ritter lachten und höhnten, und freuten sich gar sehr über das Zappeln der Bauren, den Zorn des von Stoffeln. Sie hatten gelacht über des von Stoffeln neues Schloß auf dem nackten Gipfel. Da hatte der geschworen: in Monatsfrist müßte ein schöner Laubgang droben sein. Darum fluchte er, darum lachten die Ritter, und weinen thaten die Bauren.

„Eine fürchterliche Muthlosigkeit erfaßte diese, keinen Wagen hatten sie mehr ganz, keinen Zug unbeschädigt, in zwei Tagen nicht drei Buchen zur Stelle gebracht, und alle Kraft war erschöpft.

Nacht war es geworden, schwarze Wolken stiegen auf, es blitzte zum ersten Male in diesem Jahre. An den Weg hatten sich die Männer gesetzt, es war die gleiche Beugung des Weges, in welcher sie vor drei Tagen gesessen waren, sie wußten es aber nicht. Da saß der Hornbachbaur, der Lindauerin Mann, mit zwei Knechten und andere mehr saßen auch bei ihnen. Sie wollten da auf Buchen warten, die von Sumiswald kommen sollten, wollten ungestört sinnen über ihr Elend, wollten ruhen lassen ihre zerschlagenen Glieder.

Da kam rasch, daß es fast pfiff wie der Wind pfeift, wenn er aus den Kammern entronnen ist, ein Weib daher, einen großen Korb auf dem Kopfe. Es war Christine, die Lindauerin, des Hornbachbauren Eheweib, zu dem derselbe gekommen, als er einmal mit seinem Herrn zu Felde gezogen war. Sie war nicht von den Weibern die froh sind, daheim zu sein, in der Stille ihre Geschäfte zu beschicken, und die sich um nichts kümmern als um Haus und Kind . Christine wollte wissen was ging, und wo sie ihren Rath nicht dazu geben konnte, da ginge es schlecht, so meinte sie.

Mit der Speise hatte sie daher keine Magd gesandt, sondern den schweren Korb auf den eignen Kopf genommen und die Männer lange gesucht umsonst; bittere Worte ließ sie fallen darüber, sobald sie dieselben gefunden. Unterdessen war sie aber nicht müßig, die konnte noch reden und schaffen zu gleicher Zeit. Sie stellte den Korb ab, deckte den Kübel ab, in welchem der Hafermuß war, legte das Brod und den Käse zurecht, und steckte jedem gegenüber für Mann und Knecht die Löffel ins Muß, und hieß auch die andern zugreifen, die noch speislos waren. Dann frug sie nach der Männer Tagewerk und wie viel geschaffet worden in den zwei Tagen? Aber Hunger und Worte waren den Männern ausgegangen, und keiner griff zum Löffel und keiner hatte eine Antwort. Nur ein leichtfertig Knechtlein, dem es gleichgültig war, regne oder sonnenscheine es in der Ernte, wenn nur das Jahr umging und der Lohn kam, und zu jeder Essenszeit das Essen auf den Tisch, griff zum Löffel und berichtete Christine, daß noch keine Buche gepflanzet sei, und alles gehe als ob sie verhext wären.

Da schalt die Lindauerin, daß das eitel Einbildung wäre und die Männer nichts als Kindbetterinnen; mit Schaffen und Weinen, mit hocken und heulen, werde man keine Buchen auf Bärhegen bringen. Ihnen würde nur ihr Recht widerfahren, wenn die Ritter ihren Muthwillen an ihnen ausließen; aber um Weib und Kinder willen müsse die Sache anders zur Hand genommen werden. Da kam plötzlich über die Achsel des Weibes eine lange schwarze Hand und eine gellende Stimme rief: „Ja, die hat Recht.“ Und mitten unter ihnen stand mit grinsendem Gesicht der Grüne, und lustig schwankte die rothe Feder auf seinem Hute. Da hob der Schreck die Männer von dannen, sie stoben die Halde auf wie Spreu im Wirbelwinde.

Nur Christine, die Lindauerin, konnte nicht fliehen, sie erfuhr es, wie man den Teufel leibhaftig zu sehen kriegt, wenn man ihn an die Wand mahlt. Sie blieb stehen wie gebannt, mußte schauen die rothe Feder am Baret, und wie das rothe Bärtchen lustig auf- und niederging im schwarzen Gesichte. Gellend lachte der Grüne den Männern nach, aber gegen Christine machte er ein zärtlich Gesicht und faßte mit höflicher Geberde ihre Hand. Christine wollte sie wegziehen, aber sie entrann dem Grünen nicht mehr, es war ihr als zische Fleisch zwischen glühenden Zangen. Und schöne Worte begann er zu reden und zu den Worten zwitzerte lüstern sein roth Bärtchen auf und ab. So ein schön Weibchen habe er lange nicht gesehen, sagte er, das Herz lache ihm im Leibe; zudem habe er sie gerne muthig, und gerade die seien ihm die liebsten, welche stehen bleiben dürften, wenn die Männer davon liefen. Wie er so redete kam Christinen der Grüne immer weniger schreckhaft vor: mit dem sei doch noch zu reden, dachte sie, und sie wüßte nicht warum davon laufen, sie hätte schon viel Wüstere gesehen. Der Gedanke kam ihr immer mehr: mit dem ließe sich etwas machen, und wenn man recht mit ihm zu reden wüßte, so thäte er einem wohl einen Gefallen, oder am Ende könnte man ihn übertölpeln wie die andern Männer auch. Er wüßte gar nicht, fuhr der Grüne fort, warum man sich so vor ihm scheue, er meine es doch so gut mit allen Menschen, und wenn man so grob gegen ihn sei, so müsse man sich nicht wundern, wenn er den Leuten nicht immer thäte, was ihnen am liebsten wäre. Da faßte Christine ein Herz und antwortete: Er erschrecke aber die Leute auch, daß es schrecklich wäre. Warum habe er ein ungetauft Kind verlangt, er hätte doch von einem andern Lohn reden können, das komme den Leuten gar verdächtig vor, ein Kind sei immer ein Mensch und ungetauft eins aus den Händen geben, das werde kein Christ thun. „Das ist mein Lohn an den ich gewohnt bin, und um anderen fahre ich nicht, und was frägt man doch so einem Kinde nach, das noch Niemand kennt. So jung gibt man sie am liebsten weg, hat man doch noch keine Freude an ihnen gehabt und keine Mühe mit ihnen. Ich aber habe sie je jünger je lieber, je früher ich ein Kind erziehen kann auf meine Manier, um so weiter bringe ich es, dazu habe ich aber das Taufen gar nicht nöthig und will es nicht.“ Da sah Christine wohl, daß er mit keinem andern Lohne sich werde begnügen wollen; aber es wuchs in ihr immer mehr der Gedanke: das wäre doch der Einzige der nicht zu betrügen wäre.

Darum sagte sie: wenn aber einer etwas verdienen wolle, so müßte er sich mit dem Lohne begnügen, den man ihm geben könne, sie aber hätten gegenwärtig in keinem Hause ein ungetauft Kind und in Monatsfrist gäbe es keins, und in dieser Zeit müßten die Buchen geliefert sein. Da schwänzelte gar höflich der Grüne und sagte: „Ich begehre das Kind gar nicht zum Voraus. Sobald man mir verspricht, das Erste zu liefern ungetauft, welches geboren wird, so bin ich schon zufrieden.“ Das gefiel Christine gar wohl. Sie wußte, daß es in geraumer Zeit kein Kind geben werde in ihrer Herren Gebiet. Wenn nun einmal der Grüne sein Versprechen gehalten und die Buchen gepflanzet seien, so brauche man ihm gar nichts mehr zu geben, weder ein Kind noch etwas anders; man lasse Messen lesen zu Schutz und Trutz und lache tapfer den Grünen aus, so dachte Christine. Sie dankte daher schon ganz herzhaft für das gute Anerbieten und sagte: es sei zu bedenken und sie wolle mit den Männern darüber reden. „Ja“, sagte der Grüne, „da ist gar nichts mehr weder zu denken noch zu reden. Für heute habe ich euch bestellt, und jetzt will ich den Bescheid; ich habe noch an gar vielen Orten zu thun und bin nicht blos wegen euch da. Du mußt mir zu oder ab sagen, nachher will ich von dem ganzen Handel nichts mehr wissen.“ Christine wollte die Sache verdrehen, denn sie nahm sie nicht gerne auf sich, sie wäre sogar gerne zärtlich geworden um Stündigung zu erhalten, allein der Grüne war nicht aufgelegt, wankte nicht, jetzt oder nie, sagte er. Sobald aber der Handel geschlossen sei um ein einzig Kind, so wolle er in jeder Nacht so viel Buchen auf Bärhegen führen, als man ihm vor Mitternacht unten an den Kilchstalden liefere, dort wollte er sie in Empfang nehmen. — „Nun, schöne Frau, bedenke dich nicht“, sagte der Grüne, und klopfte Christine holdselig auf die Wange. Da klopfte doch ihr Herz, sie hätte lieber die Männer hineingestoßen, um hintendrein sie schuld geben zu können. Aber die Zeit drängte, kein Mann war da als Sündenbock, und der Glaube verließ sie nicht, daß sie listiger als der Grüne sei, und wohl ein Einfall kommen werde, ihn mit langer Nase abzuspeisen. Darum sagte Christine: Sie für ihre Person wolle zugesagt haben, wenn aber dann später die Männer nicht wollten, so vermöchte sie sich dessen nicht, und er solle es sie nicht entgelten lassen. Mit dem Versprechen, zu thun was sie könne, sei er hinlänglich zufrieden, sagte der Grüne. Jetzt schauderte es Christine doch an Leib und Seele, jetzt meinte sie, komme der schreckliche Augenblick, wo sie mit Blut von ihrem Blute dem Grünen den Akkord unterschreiben müsse. Aber der Grüne machte es viel leichtlicher und sagte: Von hübschen Weibern begehre er nie eine Unterschrift, mit einem Kuß sei er zufrieden. Somit spitzte er seinen Mund gegen Christinens Gesicht und Christine konnte nicht fliehen, war wiederum wie gebannt, steif und starr. Da berührte der spitzige Mund Christinens Gesicht, und ihr war als ob von spitzigem Eisen das Feuer durch Mark und Bein fahre, durch Leib und Seele; und ein gelber Blitz fuhr zwischen ihnen durch und zeigte Christine freudig verzerrt des Grünen teuflisch Gesicht, und ein Donner fuhr über sie, als ob der Himmel zersprungen wäre.

Verschwunden war der Grüne und Christine stand wie versteinert, als ob tief in den Boden hinunter ihre Füße Wurzeln getrieben hätten in jenem schrecklichen Augenblick. Endlich war sie ihrer Glieder wieder mächtig, aber im Gemüthe brauste und sauste es ihr, als ob ein mächtiges Wasser seine Fluthen wälze über thurmhohe Felsen hinunter in schwarzem Schlund. Wie man im Donner der Wasser die eigene Stimme nicht hört, so ward Christine der eigenen Gedanken sich nicht bewußt im Tosen, das donnerte in ihrem Gemüthe. Unwillkürlich floh sie den Berg hinan, und immer glühender fühlte sie ein Brennen an ihrer Wange, da wo des Grünen Mund sie berührt; sie rieb, sie wusch, aber der Brand nahm nicht ab.

Es ward eine wilde Nacht. In Lüften und Klüften heulte und toste es, als ob die Geister der Nacht Hochzeit hielten in den schwarzen Wolken, die Winde die wilden Reigen spielten zu ihrem grausen Tanze, die Blitze die Hochzeitfackeln wären und der Donner der Hochzeitsegen. In dieser Jahreszeit hatte man eine solche Nacht noch nie erlebt.

In finsterem Bergesthale regte es sich um ein großes Haus und viele drängten sich um sein schirmend Obdach. Sonst treibt im Gewittersturm die Angst um den eigenen Herd den Landmann unter das eigene Dach, und sorgsam wachend so lange das Gewitter am Himmel steht, wahret und hütet er das eigene Haus. Aber jetzt war die gemeinsame Noth größer als die Angst vor dem Gewitter. Diese trieb sie in diesem Hause zusammen, an welchem vorbeigehen mußten die, welche der Sturm aus dem Münneberg trieb, und die, welche von Bärhegen sich geflüchtet. Den Graus der Nacht ob dem eigenen Elend vergessend, hörte man sie klagen und grollen über ihr Mißgeschick. Zu allem Unglück war noch das Toben der Natur gekommen. Pferde und Ochsen waren scheu geworden, betäubt, hatten Wagen zertrümmert, sich über Felsen gestürzt, und schwer verwundet stöhnte Mancher in tiefem Schmerze, laut auf schrie Mancher dem man zerrissene Glieder einzog und zusammenband.

In das Elend hinein flüchteten sich auch in schauerlicher Angst die, welche den Grünen gesehen, und erzählten bebend die wiederholte Erscheinung. Bebend hörte die Menge, was die Männer erzählten, drängte sich aus dem weiten dunkeln Raume dem Feuer zu, um welches die Männer saßen und wenn der Wind durch die Sparren fuhr oder Donner über dem Hause rollte, so schrie laut auf die Menge, und meinte, es breche durchs Dach der Grüne, sich zu zeigen in ihrer Mitte. Als er aber nicht kam, als der Schreck vor ihm verging, als das alte Elend blieb und der Jammer der Leidenden lauter wurde, da stiegen allmälig die Gedanken auf, die den Menschen, der in der Noth ist, so gerne um seine Seele bringen. Sie begannen zu rechnen wie viel mehr werth sie Alle seien als ein einzig ungetauft Kind, sie vergaßen immer mehr, daß die Schuld an einer Seele tausendmal schwerer wiege als die Rettung von tausend und abermal tausend Menschenleben.

Diese Gedanken wurden allmählig laut und begannen sich zu mischen als verständliche Worte in das Schmerzensgestön der Leidenden. Man fragte näher nach dem Grünen, grollte, daß man ihm nicht besser Rede gestanden; genommen hätte er Niemand und je weniger man ihn fürchte, um so weniger thue er den Menschen. Dem ganzen Thale hätten sie vielleicht helfen können, wenn sie das Herz am rechten Orte gehabt hätten. Da begannen die Männer sich zu entschuldigen. Sie sagten nicht, daß es sich mit dem Teufel nicht spaßen lasse, daß, wer ihm ein Ohr leihe, bald den ganzen Kopf ihm geben müsse, sondern sie redeten von des Grünen schrecklicher Gestalt, seinem Flammenbarte, der feurigen Feder auf seinem Hute, einem Schloßthurm gleich, und dem schrecklichen Schwefelgeruch, den sie nicht hätten ertragen mögen. Christinens Mann aber, der gewöhnt worden war, daß sein Wort erst durch die Zustimmung seiner Frau Kraft erhielt, sagte: sie sollten nur seine Frau fragen, die könne ihnen sagen, ob es Jemand hätte aushalten mögen, und daß die ein kuraschirtes Weib sei, wüßten Alle. Da sahen alle nach Christine sich um, aber Keiner sah sie. Es hatte Jeder nur an seine Rettung gedacht, und an Andere nicht, und wie jetzt Jeder am Trockenen saß, so meinte er, die Andern säßen eben so. Jetzt erst fiel Allen bei, daß sie Christine seit jenem schrecklichen Augenblicke nicht mehr gesehen, und ins Haus war sie nicht gekommen. Da begann der Mann zu jammern und alle Andern mit ihm, denn es ward ihnen Allen, als ob Christine allein zu helfen wüßte. Plötzlich ging die Thüre auf und Christine stand mitten unter ihnen, ihre Haare trieften, roth waren ihre Wangen und ihre Augen brannten noch dunkler als sonst in unheimlichem Feuer. Eine Theilnahme, derer Christine sonst nicht gewohnt war, empfieng sie, und Jeder wollte ihr erzählen, was man gedacht und gesagt, und wie man Kummer um sie gehabt. Christine sah bald, was Alles zu bedeuten hatte und verbarg ihre innere Glut hinter spöttische Worte, warf den Männern ihre übereilte Flucht vor und wie Keiner um ein arm Weib sich bekümmert, und Keiner sich umgesehen, was der Grüne mit ihr beginne. Da brach der Sturm der Neugierde aus, und Jeder wollte zuerst wissen, was nun der Grüne mit ihr angefangen, und die Hintersten hoben sich hoch auf, um besser zu hören und die Frau näher zu sehen, die dem Grünen so nahe gestanden. Sie sollte nichts sagen, meinte Christine zuerst, man hätte es nicht um sie verdient, als Fremde sie übel geplaget im Thale, die Weiber ihr einen übeln Namen angehängt, die Männer sie allenthalben im Stiche gelassen, und wenn sie nicht besser gesinnet wäre als Alle und wenn sie nicht mehr Muth als Alle hätte, so wäre noch jetzt weder Trost noch Ausweg da. So redete Christine noch lange, warf harte Worte gegen die Weiber, die ihr nie hätten glauben wollen, daß der Bodensee größer sei als der Schloßteich, und je mehr man ihr anhielt, um so härter schien sie zu werden, und stützte sich besondes darauf, daß, was sie zu sagen hätte, man ihr übel auslegen, und wenn die Sache gut käme, ihr keinen Dank haben werde, käme sie aber übel, so lüde man ihr alle Schuld auf und die ganze Verantwortung.

Als endlich die ganze Versammlung vor Christine wie auf den Knieen lag, mit Bitten und Flehen und die Verwundeten laut aufschrien und anhielten, da schien Christine zu erweichen und begann zu erzählen, wie sie Stand gehalten und mit dem Grünen Abrede getroffen; aber von dem Kusse sagte sie nichts, nichts davon, wie er sie auf der Wange gebrannt, und wie es ihr getoset im Gemüthe. Aber sie erzählte, was sie seither gesinnet im verschlagenen Gemüthe. Das Wichtigste sei, daß die Buchen nach Bärhegen geschafft würden; seien die einmal oben, so könne man immer noch sagen, was man machen wolle, die Hauptsache sei, daß bis dahin, so viel ihr bekannt, unter ihnen kein Kind werde geboren werden.

Vielen lief es kalt den Rücken auf bei der Erzählung, aber daß man dann noch immer sehen könne, was man machen wolle, das gefiel Allen wohl.

Die schwarze Spinne

Sinopse

Kostenlose Lektüre von Die schwarze Spinne, der 1842 veröffentlichten Novelle des Schweizer Autors Jeremias Gotthelf. Diese Aurora-Literunico-Ausgabe bewahrt den deutschen Originaltext in fünf Leseteilen, mit kostenlosem PDF und direktem Verweis auf die brasilianisch-portugiesische Übersetzung A Aranha Negra. Quelle: geprüfter Text der deutschen Wikisource nach der Ausgabe Jent & Gassmann, Solothurn, 1842.

Quelle: https://de.wikisource.org/wiki/Die_schwarze_Spinne. Mit der brasilianisch-portugiesischen Übersetzung A Aranha Negra im Aurora Literunico verknüpft: https://literunico.com.br/aurora/93932.

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