Universo da obra
Universo da obra
Hans, des armen Weibes Mann, hatte sein Versprechen nur zu gut gehalten. Langsam war er seines Weges gegangen, hatte bedächtig jeden Acker beschaut, jedem Vogel nachgesehen, den Fischen im Bache abgewartet, wie sie sprangen und Mücken fingen vor dem eintretenden Gewitter. Dann juckte er vorwärts, rasche Schritte that er, einen Ansatz zum Springen nahm er; es war etwas in ihm, das ihn jagte, das ihm die Haare auf dem Kopfe emportrieb; es war das Gewissen, das ihm sagte, was ein Vater verdiene, der Weib und Kind verrathe; es war die Liebe, die er doch noch hatte zu seinem Weibe und seiner Leibesfrucht. Aber dann hielt ihn wieder ein anderes, und das war stärker als das erste, es war die Furcht vor den Menschen, die Furcht vor dem Teufel und die Liebe zu dem, was dieser ihm nehmen konnte. Dann ging er wieder langsamer, langsam wie ein Mensch, der seinen letzten Gang thut, der zu seiner Richtstätte geht. Vielleicht war es auch so; weiß doch gar mancher Mensch nicht, daß er den letzten Gang thut; wenn er es wüßte, er thäte ihn nicht, oder anders.
So war es spät geworden, ehe er auf Sumiswald kam. Schwarze Wolken jagten über den Münneberg her; schwere Tropfen fielen, versengten im Staube, und dumpf begann das Glöcklein im Thurme die Menschen zu mahnen, daß sie denken möchten an Gott und ihn bitten, daß er sein Gewitter nicht zum Gerichte werden lasse über sie. Vor seinem Hause stand der Priester, zu jeglichem Gange gerüstet, damit er bereit sei, wenn sein Herr, der über seinem Haupte daher fuhr, zu einem Sterbenden oder einem brennenden Hause oder sonst wohin ihn rufe. Als er Hans kommen sah, erkannte er den Ruf zum schweren Gange, schürzte sein Gewand und sandte Botschaft seinem läutenden Sigrist, daß er sich ablösen lasse am Glockenstrang und sich einfinde zu seinem Begleit. Unterdessen stellte er Hans einen Labetrunk vor, so wohlthätig nach raschem Laufe in schwüler Luft, dessen Hans nicht bedürftig war; der Priester ahndete die Tücke des Menschen nicht. Bedächtig labte sich Hans. Zögernd fand der Sigrist sich ein, und nahm gerne Theil an dem Tranke, den Hans ihm bot. Gerüstet stand vor ihnen der Priester, verschmähend jeden Trank, den er zu solchem Gang und Kampf nicht bedurfte. Er hieß ungerne von der Kanne weggehen, die er aufgestellt, ungerne verletzte er die Rechte des Gastes; aber er kannte ein Recht, das höher war als das Gastrecht, das säumige Trinken fuhr ihm zornig durch die Glieder.
Er sei fertig, sagte er endich, ein bekümmert Weib harre, und über ihm sei eine grauenvolle Unthat, und zwischen das Weib und die Unthat müßte er stehen mit heiligen Waffen, darum sollten sie nicht säumen, sondern kommen, droben werde wohl noch etwas sein, für den, der den Durst hier unten nicht gelöscht. Da sprach Hans, des harrenden Weibes Mann: es eile nicht so sehr, bei seinem Weibe gehe jede Sache schwer. Und alsobald flammte ein Blitz in die Stube, daß Alle geblendet waren, und ein Donner brach los überm Hause, daß jeder Pfosten am Hause, jedes Glied im Hause bebte. Da sprach der Sigrist, als er seinen Segenspruch vollendet: Hört wie es macht draußen, und der Himmel hat selbst bestätigt, was Hans gesagt, daß wir warten sollen, und was nützte es, wenn wir gingen, lebendig kämen wir doch nimmer hinauf, und er selbst hat ja gesagt, daß es bei seinem Weibe nicht solche Eile habe. Und allerdings stürmte ein Gewitter daher, wie man in Menschengedenken nicht oft erlebt. Aus allen Schlünden und Gründen stürmte es heran, stürmte von allen Seiten, von allen Winden getrieben über Sumiswald zusammen; und jede Wolke ward zum Kriegesheer und eine Wolke stürmte an die andere, eine Wolke wollte der andern Leben, und eine Wolkenschlacht begann und das Gewitter stund, und Blitz auf Blitz ward entbunden, und Blitz auf Blitz schlug zur Erde nieder, als ob sie sich einen Durchgang bahnen wollten durch der Erde Mitte auf der Erde andere Seite. Ohne Unterlaß brüllte der Donner, zornesvoll heulte der Sturm, geborsten war der Wolken Schooß, Fluthen stürzten nieder, aber seiner Gefährten wegen zauderte er. Als so plötzlich und gewaltig die Wolkenschlacht losbrach, da hatte der Priester dem Sigristen nicht geantwortet, aber sich nicht niedergesetzt, und ein immersteigendes Bangen ergriff ihn, ein Drang kam ihn an, sich hinauszustürzen in der Elemente Toben; da ward ihm als höre er durch des Donners schreckliche Stimme eines Weibes markdurchschneidenden Wehruf; der Donner ward ihm plötzlich zu Gottes schrecklichem Scheltwort seiner Säumniß; er machte sich auf, was auch die beiden andern sagen mochten. Er schritt, gefaßt auf Alles, hinaus in die feurigen Wetter, in des Sturmes Wuth, der Wolken Fluth; langsam, unwillig kamen die Beiden ihm nach.
Es sauste und brauste und tosete, als sollten diese Töne zusammenschmelzen zur letzten Posaune, die der Welten Untergang verkündet, und feurige Garben fielen über das Dorf, als sollte jede Hütte auflammen; aber der Diener dessen, der dem Donner seine Stimme gibt und den Blitz zu seinem Knechte hat, hat sich vor diesem Mitknechte des gleichen Herrn nicht zu fürchten, und wer auf Gottes Wegen geht, kann getrost Gottes Wettern das Seine überlassen. Darum schritt der Priester unerschrocken durch die Wetter dem Kilchstalden zu. Aber nicht in gleichem Muthe folgten ihm die andern, denn nicht am gleichen Orte war ihr Herz; sie wollten nicht den Kilchstalden ab, nicht in solchem Wetter, nicht in später Nacht, und Hans hatte noch einen besondern Grund, warum er nicht wollte. Sie baten den Priester umzukehren, auf andern Wegen zu gehen, Hans wußte nähere, der Sigrist bessere, beide warnten vor den Wassern im Thale, der aufgeschwollenen Grüne. Aber der Priester hörte nicht, achtete ihrer Rede nicht; von einem wunderbaren Drange getrieben, eilte er auf den Flügeln des Gebetes dem Kilchstalden zu, sein Fuß stieß an keinen Stein, sein Auge ward durch keinen Blitz geblendet; bebend und weit hinter ihm, gedeckt, wie sie meinten, durch das Heiligste, das der Priester selbsten trug, folgten Hans und der Sigrist ihm nach.
Als sie aber hinaus kamen vor das Dorf, wo ins Thal hinunter der Stalden sich senkt, da steht der Priester plötzlich still und schirmt mit der Hand die Augen. Unterhalb der Kapelle schimmert in des Blitzes Schein eine rothe Feder, und des Priesters scharfes Auge sieht aus grünem Haage hervorragen ein schwarzes Haupt, und auf diesem schwankt die rothe Feder. Und wie er noch länger schaut, sieht er am jenseitigen Abhange in schnellstem Laufe, wie gejagt von des Windes wildestem Stoße, daher fliegen eine wilde Gestalt dem dunkeln Haupte zu, auf dem einer Fahne gleich die rothe Feder schwankte.
Da loderte im Priester auf der heilige Kampfesdrang, der, den Bösen ahnend, über die kömmt, die Gott geweihten Herzens sind, wie der Trieb über das Samenkorn kömmt, wenn das Leben in dasselbe dringt, wie er in die Blume dringt, wenn sie sich entfalten soll, wie er über den Helden kömmt, wenn sein Feind das Schwert erhebt. Und wie der Lechzende in des Stromes kühle Fluth, wie der Held zur Schlacht, stürzte der Priester den Stalden nieder, stürzte zum kühnsten Kampf, drang zwischen den Grünen und Christine, die eben das Kindlein in des andern Arme legen wollte, mitten hinein, schmetterte zwischen sie die drei höchsten heiligen Namen, hält das Heiligste dem Grünen ans Gesicht, sprengt heiliges Wasser über das Kind und trifft Christine zugleich. Da fährt mit fürchterlichem Wehegeheul der Grüne von dannen, wie ein glutrother Streifen zuckt er dahin, bis die Erde ihn verschlingt; vom geweihten Wasser berührt, schrumpft mit entsetzlichem Zischen Christine zusammen, wie Wolle im Feuer, wie Kalk im Wasser, schrumpft zischend, Flammen sprühend zusammen, bis auf die schwarze, hochaufgeschwollene, grauenvolle Spinne in ihrem Gesichte, schrumpft mit dieser zusammen, zischt in diese hinein, und diese sitzt nun giftstrotzend trotzig mitten auf dem Kinde, und sprüht aus ihren Augen zornige Blicke dem Priester entgegen. Dieser sprengt ihr Weihwasser entgegen, es zischt wie auf heißem Steine gewöhnliches Wasser; immer größer wird die Spinne, streckt immer weiter ihre schwarzen Beine aus über das Kind, glotzt immer giftiger den Priester an; da faßt dieser in feuriger Glaubenswuth nach ihr mit kühner Hand. Es ist als wenn er griffe in glühende Stacheln hinein, aber unerschüttert greift er fest, schleudert das Ungeziefer weg, faßt das Kind, und eilt mit ihm sonder Weile der Mutter zu.
Und wie sein Kampf zu Ende war, stillte sich auch der Kampf der Wolken, sie eilten wieder in ihre dunkeln Kammern; bald flimmerte in stillem Sternenlicht das Thal, in dem kurz vorher die wildeste Schlacht getobet, und fast athemlos ereilte der Priester das Haus, in welchem an Mutter und Kind die Frevelthat begangen worden.
Dort war die Mutter noch ohnmächtig, mit dem gellenden Schrei hatte sie ihr Leben fortgesendet; neben ihr saß betend die Alte, sie baute noch auf Gott, daß er mächtiger sei als der Teufel böse. Mit dem Kinde brachte der Priester der Mutter auch das Leben zurück. Als sie erwachend das Kindlein wieder sah, durchfloß sie eine Wonne, wie sie nur die Engel im Himmel kennen, und auf der Mutter Armen taufte der Priester das Kind im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes; und jetzt war es entrissen des Teufels Gewalt auf immer, bis es sich ihm freiwillig übergeben wollte. Aber vor dem hütete es Gott, in dessen Gewalt jetzt seine Seele übergeben worden, während der Leib von der Spinne vergiftet blieb.
Bald schied seine Seele wieder, und wie mit Brandflecken war das Leibchen gezeichnet. Die arme Mutter weinte wohl, aber wo jeder Theil wieder dahin gehet, wo er hin gehöret: zu Gott die Seele, zur Erde der Leib, da findet sich der Trost ein, früher dem, später jenem.
Sobald der Priester sein heilig Amt verrichtet hatte, begann er ein seltsam Jucken zu fühlen in Hand und Arm, womit er die Spinne weggeschleudert. Kleine schwarze Flecken sah er auf der Hand, sichtbarlich wurden sie größer und schwollen auf; Todesschauer rieselte ihm durchs Herz. Er segnete die Weiber und eilte heim; die heiligen Waffen wollte er als getreuer Streiter wieder dahin bringen, wo sie hin gehörten, damit sie einem andern nach ihm zur Hand seien. Hoch auf schwoll der Arm, schwarze Beulen quollen immer höher auf; er kämpfte mit des Todes Mattigkeit, aber er erlag ihr nicht.
Als er an den Kilchstalden kam, da sah er Hans, den gottvergeßnen Vater, von dem man nicht wußte wo er geblieben, mitten im Wege auf dem Rücken liegen. Hochgeschwollen und brandschwarz war sein Gesicht, und mitten auf demselben saß groß und schwarz und grausig die Spinne. Als der Pfarrer kam, blähte sie sich auf, giftig bäumten sich die Haare auf ihrem Rücken, giftig und sprühend glotzten ihre Augen ihn an, sie that wie die Katze, wenn sie sich rüstet zu einem Sprunge in ihres Todfeindes Gesicht. Da begann der Priester einen guten Spruch und hob die heiligen Waffen und die Spinne schrack zusammen, kroch langbeinig vom schwarzen Gesichte, verlor sich in zischendem Grase. Darauf ging der Pfarrer vollends heim, stellte das Allerheiligste an seinen Ort, und während wilde Schmerzen den Leib zum Tode rissen, harrte in süßem Frieden seine Seele ihres Gottes, für den sie recht gestritten in kühnem Gotteskampfe, und lange ließ Gott sie nicht harren.
Aber solch süßer Friede, der still des Herrn harret, war hinten im Thale, war oben auf den Bergen nicht.
Von dem Augenblicke an, als Christine mit dem geraubten Kinde den Berg hinunter gefahren war dem Teufel zu, war heilloser Schreck in alle Herzen gefahren. Während dem fürchterlichen Ungewitter bebten die Menschen in den Schrecken des Todes, denn ihre Herzen wußten wohl, wenn Gottes Hand vernichtend über sie komme, so sei es mehr als wohlverdient. Als das Gewitter vorüber war, lief die Kunde von Haus zu Haus, wie der Pfarrer das Kindlein zurückgebracht und getauft, aber kein Hans, keine Christine gesehen worden.
Der grauende Morgen fand lauter bleiche Gesichter, und die schöne Sonne färbte sie nicht, denn Alle wußten wohl, daß nun erst das Schreckliche kommen werde. Da hörte man, daß mit schwarzen Beulen der Pfarrer gestorben, man fand Hans mit schrecklichem Gesichte, und von der gräßlichen Spinne, in die Christine verwandelt worden, hörte man seltsam verwirrte Worte.
Es war ein schöner Erndtetag, aber keine Hand rührte sich zur Arbeit; die Leute liefen zusammen, wie man es pflegt, am Tage nach dem Tage, an welchem ein großes Unglück begegnet ist. Sie fühlten erst jetzt in ihren bebenden Seelen so recht was es heiße, von irdischer Noth und Plage mit einer unsterblichen Seele sich loskaufen zu wollen; fühlten, daß ein Gott im Himmel sei, der alles Unrecht, das armen Kindern, die sich nicht wehren können, angethan wird, fürchterlich räche. So stunden sie bebend zusammen, und jammerten, und wer bei den Andern war, der durfte nicht mehr heim, und doch war Zank und Streit unter ihnen, und Einer gab dem Andern Schuld, und Jeder wollte abgemahnt und gewarnt haben, und Jeder hatte nichts darwieder, daß Strafe die Schuldigen treffe, sich und sein Haus wollte aber Jeder ohne Strafe. Und wenn sie in diesem schrecklichen Harren und Streiten ein neu unschuldig Opfer gewußt hätten, es wäre Keiner gewesen, der nicht an demselben gefrevelt, in der Hoffnung, sich selbst zu retten.
Da schrie mitten im Haufen Einer entsetzlich auf, es war ihm, als sei er in einen glühenden Dorn getreten, als nagle man mit glühendem Nagel den Fuß an den Boden, als ströme Feuer durch das Mark seiner Gebeine. Der Haufe fuhr auseinander, und alle Augen sahen nach dem Fuße, gegen den die Hand des Schreienden fuhr. Auf dem Fuße aber saß schwarz und groß die Spinne und glotzte giftig und schadenfroh in die Runde. Da starrte Allen zuerst das Blut in den Adern, der Athem in der Brust, der Blick im Auge, und ruhig und schadenfroh glotzte die Spinne umher, und der Fuß ward schwarz und im Leibe wars, als kämpft zischend und wüthend Feuer mit Wasser; die Angst sprengte die Fesseln des Schreckens, der Haufe stob auseinander. Aber in wunderbarer Schnelle hatte die Spinne ihren ersten Sitz verlassen, und kroch diesem über den Fuß und jenem an die Ferse, und Glut fuhr durch ihren Leib und ihr gräßlich Geschrei jagte die Fliehenden noch heftiger. In Windeseile, in Todesschrecken, wie das gespenstige Wild vor der wilden Jagd, stoben sie ihren Hütten zu, und Jeder meinte hinter sich die Spinne, verrammelte die Thüre, und hörte doch nicht auf zu beben in unsäglicher Angst.
Und einen Tag war die Spinne verschwunden, kein neues Todesgeschrei hörte man, die Leute mußten die verrammelten Häuser verlassen, mußten Speise suchen fürs Vieh und für sich, sie thaten es mit Todesangst. Denn wo war jetzt die Spinne, und konnte sie nicht hier sein und unversehens auf den Fuß sich setzen? Und wer am vorsichtigsten niedertrat und mit den Augen am schärfsten spähte, der sah die Spinne plötzlich sitzend auf Hand oder Fuß, sie lief ihm übers Gesicht, saß schwarz und groß ihm auf der Nase, und glotzte ihm in die Augen, feurige Stacheln wühlten sich in sein Gebein, der Brand der Hölle schlug über ihn zusammen, bis der Tod ihn streckte.
So war die Spinne bald nirgends, bald hier, bald dort, bald im Thale unten, bald auf den Bergen oben; sie zischte durchs Gras, sie fiel von der Decke, sie tauchte aus dem Boden auf. Am hellen Mittage, wenn die Leute um ihr Habermuß saßen, erschien sie glotzend unten am Tisch, und ehe die Menschen vom Schrecken auseinander gesprengt, war sie allen über die Hände gelaufen, saß oben am Tisch auf des Hausvaters Haupte, und glotzte über den Tisch, über die schwarz werdenden Hände weg. Sie fiel des Nachts den Leuten ins Gesicht, begegnete ihnen im Walde, suchte sie heim im Stalle. Die Menschen konnten sie nicht meiden, sie war nirgends und allenthalben, konnten im Wachen vor ihr sich nicht schützen, waren schlafend vor ihr nicht sicher. Wenn sie am sichersten sich wähnten unterem freien Himmel, auf eines Baumes Gipfel, so kroch Feuer ihnen den Rücken auf, der Spinne feurige Füße fühlten sie im Nacken, sie glotzte ihnen über die Achsel. Das Kind in der Wiege, den Greis auf dem Sterbebette schonte sie nicht; es war ein Sterbet, wie man noch von keinem wußte, und das Sterben daran war schrecklicher, als man es je erfahren; und schrecklicher noch als das Sterben war die namenlose Angst vor der Spinne, die allenthalben war und nirgends, die, wenn man am sichersten sich wähnte, einem todtbringend plötzlich in die Augen glotzte.
Die Kunde von diesen Schrecken war natürlich alsobald ins Schloß gedrungen, und hatte auch dorthin Schreck und Streit gebracht, so weit er bei den Regeln des Ordens stattfinden konnte. Dem von Stoffeln machte es bange, daß auch sie eben so heimgesucht werden möchten, wie früher ihr Vieh, und der verstorbene Priester hatte manches geäußert, welches ihm jetzt die Seele aufrührte. Er hatte ihm manchmal gesagt, daß alles Leid, welches er den Bauern anthue, auf ihn zurück fahre; aber er hatte es nie geglaubt, weil er meinte, Gott werde einen Unterschied zu machen wissen zwischen einem Ritter und einem Bauer, hätte er sie doch sonst nicht so verschieden erschaffen. Aber jetzt war ihm doch Angst, es gehe nach des Priesters Wort, gab harte Worte seinen Rittern und meinte, es käme jetzt schwere Strafe ihrer leichtfertigen Worte wegen. Die Ritter aber wollten auch nicht Schuld sein, und Einer schob es dem Andern zu, und wenn es auch Keiner sagte, so meintens doch Alle, das gehe eigentlich nur den von Stoffeln an, denn wenn man es recht nehme, so sei der an Allem Schuld. Und neben diesem sahen sie einen jungen Polenritter an, der hatte eigentlich die meisten leichtfertigen Worte über das Schloß gesprochen, und den von Stoffeln am meisten zum neuen Bau und vermessenen Schattengange gereizt. Der war noch sehr jung, aber der wildeste von Allen, und wenn es eine vermessene That galt, so war er voran; er war wie ein Heide und fürchtete weder Gott noch Teufel. Der merkte wohl, was die Andern meinten, aber ihm nicht sagen durften, merkte auch ihre heimliche Angst. Darum höhnte er sie und sagte, wenn sie vor einer Spinne sich fürchteten, was sie dann gegen Drachen machen wollten? Dann wappnete er sich gut und ritt ins Thal hinauf, sich vermessend, nicht zurückkehren zu wollen, bis sein Stoß die Spinne hingestreckt, seine Faust sie zerdrückt.
Wilde Hunde sprangen um ihn her, der Falke saß ihm auf der Faust, am Sattel hing die Lanze, lustig bäumte sich das Pferd; halb schadenfroh, halb ängstlich sah man ihn aus dem Schlosse reiten und gedachte der nächtlichen Wache auf Bärhegen, wo die Kraft der weltlichen Waffen gegen diesen Feind so schlecht sich bewährt hatte.
Er ritt am Saume eines Tannenwaldes dem nächsten Gehöfte zu, scharfen Auges spähend um und über sich. Als er das Haus erblickte, Leute darum, rief er den Hunden, machte das Haupt des Falken frei, lose klirrte in der Scheide der Dolch. Wie der Falke die geblendeten Augen zum Ritter kehrte, seines Winkes gewärtig, prallte er ab der Faust und schoß in die Luft, die hergesprungenen Hunde heulten auf und suchten mit dem Schweife zwischen den Beinen das Weite. Vergebens ritt und rief der Ritter, seine Thiere sah er nicht wieder. Da ritt er den Menschen zu, wollte Kunde einziehen, sie stunden ihm, bis er nahe kam. Da schrien sie gräßlich auf und flohen in Wald und Schlucht, denn auf des Ritters Helm saß schwarz, in übernatürlicher Größe die Spinne und glotzte giftig und schadenfroh ins Land. Was er suchte, das trug der Ritter und wußte es nicht; in glühendem Zorne rief und ritt er den Menschen nach, rief immer wüthender, ritt immer toller, brüllte immer entsetzlicher, bis er und sein Roß über eine Fluh hinab zu Thale stürzten. Dort fand man Helm und Leib, und durch den Helm hindurch hatten die Füße der Spinne sich gebrannt, dem Ritter bis ins Gehirn hinein, den schrecklichsten Brand ihm dort entzündet, bis er den Tod gefunden.
Da kehrte der Schreck erst recht ein ins Schloß; sie schlossen sich ein und fühlten sich doch nicht sicher; sie suchten nach geistigen Waffen, fanden aber lange Niemand, der sie zu führen wußte und zu führen wagte. Endlich ließ sich ein ferner Pfaffe locken mit Geld und Worte; er kam und wollte ausziehen mit heiligem Wasser und heiligen Sprüchen gegen den bösen Feind. Dazu aber stärkte er sich nicht mit Gebet und Fasten, sondern er tafelte des Morgens früh mit den Rittern, und zählte die Becher nicht und lebte wohl an Hirsch und Bär. Dazwischen redete er viel von seinen geistigen Heldenthaten, und die Ritter von ihren weltlichen, und die Becher zählte man sich nicht nach und die Spinne vergaß man. Da löschte auf einmal alles Leben aus, die Hände hielten erstarrt Becher oder Gabel, der Mund blieb offen, stier waren alle Augen auf einen Punkt gerichtet; nur der von Stoffeln trank den Becher leer und erzählte an einer Heldenthat im Heidenlande. Aber auf seinem Kopfe saß groß die Spinne und glotzte um den Rittertisch, und der Ritter fühlte sie nicht. Da begann die Gluth zu strömen durch Gehirn und Blut, gräßlich schrie er auf, fuhr mit der Hand nach dem Kopfe, aber die Spinne war nicht mehr dort, war in ihrer schrecklichen Schnelle den Rittern allen über ihre Gesichter gelaufen, keiner konnte es wehren; einer nach dem andern schrie auf, von Gluth verzehrt, und von des Pfaffen Glatze nieder glotzte sie in den Gräuel hinein, und mit dem Becher, der nicht aus seiner Hand wollte, wollte der Pfaffe den Brand löschen, welcher loderte vom Kopfe herab durch Mark und Bein. Aber dieser Waffe trotzte die Spinne und glotzte von ihrem Throne herab in den Gräuel, bis der letzte Ritter den letzten Schrei ausgestoßen, am letzten Athemzuge geendet.
Im Schlosse blieben nur wenige Diener verschont, die nie Hohn mit den Bauern getrieben; sie erzählten, wie schrecklich es gegangen. Das Gefühl, daß den Rittern ihr Recht geschehen, tröstete aber die Bauern nicht, der Schreck ward immer größer, gräßlicher. Mancher suchte zu fliehen. Die Einen wollten das Thal verlassen, aber gerade die fielen der Spinne zu. Auf dem Wege fand man ihre Leichname. Andere flohen auf die hohen Berge, aber droben vor ihnen war die Spinne, und wenn sie sich gerettet glaubten, so saß ihnen die Spinne im Nacken oder im Gesicht. Das Unthier ward immer boshafter, immer teuflischer. Es überraschte nicht mehr unerwartet, brannte nicht mehr unversehens den Tod ein; es saß vor dem Menschen im Grase, hing über ihm am Baume, glotzte giftig ihn an. Dann floh der Mensch, so weit seine Füße ihn trugen, und stund er athemlos stille, so saß die Spinne vor ihm, und glotzte giftig ihn an. Floh er abermal, und mußte er abermals die Schritte hemmen, so saß sie wieder vor ihm, und konnte er nicht mehr fliehen, dann erst kroch sie langsam an ihn heran und gab ihm den Tod. Da versuchte wohl Mancher in der Verzweiflung Widerstand, und ob die Spinne nicht zu tödten sei; warf zentnerige Steine auf sie, wenn sie vor ihm im Grase saß, schlug mit Keulen, mit Beilen nach ihr; aber Alles war umsonst, der schwerste Stein erdrückte sie nicht, das schärfste Beil verletzte sie nicht, unversehens saß sie dem Menschen im Gesicht, unversehrt kroch sie an ihn heran. Flucht, Widerstand, alles war eitel. Da ging alles Hoffen aus, und Verzweiflung füllte das Thal, saß auf den Bergen.
Ein einziges Haus hatte das Unthier bis dahin verschont, und war nie in demselben erschienen; es war das Haus, in welchem Christine gewohnt, aus welchem sie das Kindlein geraubet. Ihren eigenen Mann hatte sie auf einsamer Weide angefallen; dort fand man seinen Leichnam gräßlich zugerichtet, wie keinen andern, seine Züge zerrissen in unaussprechlichem Schmerze; an ihm hatte sie ihren gräßlichsten Zorn ausgelassen, das gräßlichste Wiedersehen dem Ehemanne bereitet. Aber wie es zuging, hat Niemand gesehen.
Zum Hause war sie noch nicht gekommen; ob sie es bis zuletzt sparen wollte, oder ob sie sich scheute davor, das errieth man nicht.
Aber nicht weniger als an andern Orten war die Angst dort eingekehrt.
Das fromme Weibchen war genesen, und es zagte nicht für sich, aber fast sehr um sein treues Bübchen und dessen Schwesterchen, und wachte über sie Tag und Nacht, und die treue Großmutter theilte ihre Sorgen und Wachen. Und gemeinsam beteten sie zu Gott, daß er ihnen ihre Augen offen halten möchte zur Wache, daß er sie erleuchten und stärken möchte zur Rettung der unschuldigen Kindlein.
Oft war es ihnen, wenn sie wachten lange Nächte durch, als sehen sie die Spinne glimmen und glitzern im dunkeln Winkel, als glotze sie zum Fenster hinein, dann ward ihre Angst groß, denn sie wußten keinen Rath, wie vor der Spinne die Kindlein schützen, und um so brünstiger baten sie Gott um seinen Rath und Beistand. Sie hatten allerlei Waffen zur Hand gelegt, aber wie sie hörten, daß der Stein seine Schwere, das Beil seine Schärfe verliere, sie wieder bei Seite gelegt. Da kam es der Mutter immer deutlicher vor, immer lebendiger in den Sinn: wenn Jemand es wagen würde, die Spinne mit der Hand zu fassen, so vermöchte man sie zu überwältigen. Sie hörte auch von Leuten, die, als der Stein nichts half, mit der Hand sie zu erdrücken versuchten, allein vergeblich. Ein gräßlicher Gluthstrom, der durch Hand und Arm zuckte, tilgte jede Kraft und brachte den Tod ins Herz. Es kam ihr auch vor, zu erdrücken vermöchte sie die Spinne nicht, aber sie erfassen dürfte sie wohl, und so viel Kraft würde ihr Gott verleihen, dieselbe irgend wohin zu thun, sie unschädlich zu machen. Sie hatte schon oft gehört, wie kundige Männer Geister eingesperrt hätten in ein Loch in Felsen oder Holz, welches sie mit einem Nagel zugeschlagen, und so lange den Nagel Niemand ausziehe, müsse der Geist gebannt im Loche sein.
Gleiches zu versuchen drängte der Geist sie immer mehr. Sie bohrte ein Loch in das Bystal, das ihr am nächsten lag zur rechten Hand, wenn sie bei der Wiege saß, rüstete einen Zapfen, der scharf ins Loch paßte, weihte ihn mit geheiligtem Wasser, legte einen Hammer zurecht, und betete nun Tag und Nacht zu Gott um Kraft zur That. Aber manchmal war das Fleisch stärker als der Geist, und schwerer Schlaf drückte ihr die Augen zu, dann sah sie im Traume die Spinne, glotzend auf ihres Bübchens goldenen Locken, dann fuhr sie aus dem Traume, fuhr nach des Bübchens Locken. Dort aber war keine Spinne, ein Lächeln saß auf seinem Gesichtchen, wie Kindlein lächeln, wenn sie ihren Engel im Traume sehen; der Mutter aber glitzerten in allen Ecken der Spinne giftige Augen, und auf lange wich der Schlaf von ihr.
So hatte sie auch einmal nach strengem Wachen der Schlaf überwältigt, und dicht umnachtete er sie. Da war es ihr, als stürze der fromme Priester, der in der Rettung ihres Kindleins gestorben, herbei aus weiten Räumen und rufe aus der Ferne her: Weib, wache auf, der Feind ist da! Dreimal rief er so, und erst beim dritten Mal rang sie sich aus des Schlafes engen Banden; aber wie sie die schweren Augenlieder mühsam hob, sah sie langsam, giftgeschwollen die Spinne schreiten übers Bettlein hinauf, dem Gesichte ihres Bübchens zu. Da dachte sie an Gott und ergriff mit rascher Hand die Spinne. Da fuhren Feuerströme von derselben aus, der treuen Mutter durch Hand und Arm bis ins Herz hinein; aber Muttertreue und Mutterliebe drückten die Hand ihr zu, und zum Aushalten gab Gott die Kraft. Unter tausendfachen Todesschmerzen drückte sie mit der einen Hand die Spinne ins bereitete Loch, mit der andern den Zapfen davor und schlug mit dem Hammer ihn fest.
Drinnen sauste und brauste es, wie wenn mit dem Meere die Wirbelwinde streiten, das Haus wankte in seinen Grundfesten, aber fest saß der Zapfen, gefangen blieb die Spinne.
Die treue Mutter aber freute sich noch, daß ihr Kindlein gerettet, dankte Gott für seine Gnade, dann starb sie auch den gleichen Tod wie Alle, aber ihre Muttertreue löschte die Schmerzen aus, und die Engel geleiteten ihre Seele zu Gottes Thron, wo alle Helden sind, die ihr Leben eingesetzt für Andere, die für Gott und die Ihren Alles gewagt. Nun war der schwarze Tod zu Ende. Ruhe und Leben kehrten ins Thal zurück. Die schwarze Spinne ward nicht mehr gesehen zur selben Zeit, denn sie saß in jenem Loche gefangen, wo sie jetzt noch sitzt.“
„Was, dort im schwarzen Holz?“ schrie die Gotte, und fuhr eines Satzes vom Boden auf, als ob sie in einem Ameisenhaufen gesessen wäre. An jenem Holze hatte sie gesessen in der Stube. Und jetzt brannte sie der Rücken; sie drehte sich, sie schaute hinter sich, fuhr mit der Hand auf und ab, und kam nicht aus der Angst: die schwarze Spinne sitze ihr im Nacken. Auch den Andern waren die Herzen zugeklemmt, als der Großvater schwieg. Es war ein banges Schweigen über sie gekommen. Spott mochte Niemand wagen, der Sache beistimmen auch nicht gerne; es hörte Jeder lieber auf das erste Wort des Andern, um darnach die eigene Rede richten zu können, so verfehlte man sich am wenigsten. Da kam die Hebamme, die schon mehrere Male gerufen hatte, ohne Antwort zu bekommen, hergelaufen, ihr Gesicht brannte hochroth, es war, als ob die Spinne auf demselben herumgekrochen wäre. Sie begann zu schmählen, daß Niemand kommen wolle, wie laut sie auch rufe. „Das sei ihr doch auch eine wunderliche Sache; wenn man gekochet habe, so wolle Niemand zum Tisch, und wenn dann Alles nicht mehr gut sei, so solle sie Schuld sein an Allem, sie wisse wohl wie es gehe. So fettes Fleisch wie drinnen stehe, könne Niemand mehr essen, wenn es kalt geworden; dazu sei es noch gar ungesund.“ Nun kamen die Leute wohl, aber gar langsam, und Keiner wollte der Erste bei der Thüre sein, der Großvater mußte voran. Es war dießmal nicht sowohl die übliche Sitte, nicht den Schein haben zu wollen, als möge man nicht warten, bis man zum Essen komme, es war das Zögern, das Alle befällt, wenn sie am Eingang stehen eines schauerlichen Ortes, und doch war drinnen nichts schauerliches. Hell glänzten auf dem Tische, frisch gefüllt, die schönen Weinflaschen, zwei glänzende Schinken prangten, gewaltige Kalbs- und Schafbraten dampften, frische Züpfen lagen dazwischen, Teller mit Tateren (Torten), Teller mit dreierlei Küchlene waren dazwischen gezwängt, und auch die Kännchen mit dem süßen Thee fehlten nicht. So wars ein schönes Schauen, und doch achteten sich Alle desselben wenig, aber Alle sahen sich um mit ängstlichen Augen, ob nicht die Spinne aus irgend einer Ecke glitzere oder gar vom prangenden Schinken herab sie anglotze mit ihren giftigen Augen. Man sah sie nirgends, und doch machte Niemand die üblichen Komplimente: was man doch sinne, noch so viel aufzustellen; wer das doch essen solle, man habe bereits mehr als zu viel, sondern Alle drängten sich an die untern Ecken des Tisches, Niemand wollte hinauf.
Umsonst mahnte man die Gäste nach oben und zeigte auf die leeren Plätze, sie stunden unten wie angenagelt; vergebens schenkte der Kindbettimann ein und rief, sie sollten doch kommen und Gesundheit machen, es sei eingeschenkt! Da nahm derselbe die Gotte beim Arme und sagte: Sei du das Witzigeste und gieb das Exempel. Aber mit aller Kraft, und die war nicht klein, sperrte sich die Gotte und rief: Nicht um tausend Pfund sitze ich mehr da oben. Es gramselt mir den Rücken auf und nieder als führe man mit Nesseln daran herum. Und säße ich dort vor dem Bystal, so fühlte ich die schreckliche Spinne sonder Unterlaß im Nacken. Daran bist du Schuld, Großvater, sagte die Großmutter, warum bringst du solche Dinge aufs Tapet. So etwas trägt heut zu Tag nichts mehr ab, und kann dem ganzen Hause schaden. Und wenn einst die Kinder aus der Schule kommen und weinen und klagen, die andern Kinder hielten ihnen vor, ihre Großmutter sei eine Hexe gewesen und in’s Bystal gebannt, so hast du es dann.
Sei ruhig, Großmutter, sagte der Großvater, man hat heut zu Tag Alles bald wieder vergessen, und behält nichts mehr lange im Gedächtniß wie ehedem. Man hat die Sache von mir haben wollen und es ist besser die Leute vernehmen Punktum die Wahrheit, als daß sie selbst etwas ersinnen; die Wahrheit bringt unserm Hause keine Unehr. Aber kommt und sitzet, seht, vor den Zapfen will ich selbsten sitzen. Bin ich doch schon viel tausend Tage da gesessen ohne Furcht und ohne Zagen und darum auch ohne Gefährde. Nur wenn böse Gedanken in mir aufstiegen, die dem Teufel zur Handhabe werden konnten, so war es mir, als schnurre es hinter mir, wie eine Katze schnurret, wenn man sich mit ihr anläßt, ihr den Balg streicht, ihr behaglich wird, und mir fuhr es den Rücken auf seltsam und absonderlich. Sonst aber hält sie sich mäusestill da innen, und so lange man hier Außen Gott nicht vergißt, muß sie warten da Innen.
Da faßten die Gäste Muth und setzten sich, aber ganz nahe zum Großvater rückte Niemand. Jetzt endlich konnte der Kindbettimann vorlegen, legte ein mächtiges Stück Braten seiner Nachbarin auf den Teller, diese schnitt ein Stückchen davon ab, und legte den Rest auf des Nachbars Teller, ihn mit dem Daumen von der Gabel streifend. So ging das Stück um, bis einer sagte: er denke, er behalte es, es sei noch mehr, wo das gewesen sei; ein neues Stück begann die Runde. Während der Kindbettimann einschenkte und vorlegte, und die Gäste ihm sagten, er hätte heute einen strengen Tag, ging die Hebamme herum mit dem süßen Thee, stark gewürzt mit Safran und Zimmet, bot Allen an und fragte: wer ihn liebe, solle es nur sagen, er sei für Alle da. Und wer sagte, er sei Liebhaber, dem schenkte sie Thee in den Wein und sagte: sie liebe ihn auch, man möge den Wein viel besser ertragen, er mache einem nicht Kopfweh. Man aß und trank. Aber kaum war der Lärm vorbei, der allemal entsteht, wenn man hinter neue Gerichte geht, so ward man wieder stille, und ernst wurden die Gesichter, man merkte wohl, alle Gedanken waren bei der Spinne. Scheu und verstohlen blickten die Augen nach dem Zapfen hinter des Großvaters Rücken, und doch scheute Jeder sich, wieder davon anzufangen. Da schrie laut auf die Gotte und wäre fast vom Stuhle gefallen.
Eine Fliege war über den Zapfen gelaufen, sie hatte geglaubt, der Spinne schwarze Beine gramselten zum Loche heraus, und zitterte vor Schreck am ganzen Leibe. Kaum ward sie ausgelacht; ihr Schreck war willkommener Anlaß, von neuem von der Spinne anzufangen, denn, wenn einmal eine Sache unsere Seele recht berührt hat, so kommt dieselbe nicht so schnell davon los.
„Aber hör mal Vetter, sagte der ältere Götti, ist die Spinne seither nie aus dem Loche gekommen, sondern immer darin geblieben seit so vielen hundert Jahren.“ „Eh, sagte die Großmutter, es wäre besser man schwiege von der ganzen Sache, man hätte ja den ganzen Nachmittag davon geredet.“ „Eh Mutter, sagte der Vetter, laß deinen Alten reden, er hat uns recht kurze Zeit gemacht, und vorhalten wird Euch das Ding Niemand, stammet ihr ja nicht von Christine ab. Und du bringst unsere Gedanken doch nicht von der Sache ab, und wenn wir nicht von ihr reden dürfen, so reden wir auch von nichts anderm, dann gibts keine kurze Zeit mehr. Nun Großvater, rede, deine Alte wird es uns nicht vergönnen.“ „He wenn ihr es zwingen wollet, so zwinget es meinethalben, aber gescheidter wäre es gewesen, man hätte jetzt von etwas Anderm angefangen und besonders jetzt auf die Nacht hin“, sagte die Großmutter.
Da begann der Großvater, und alle Gesichter spannten sich wieder: „Was ich weiß, ist nicht mehr viel, aber was ich weiß, will ich sagen, es kann sich vielleicht in der heutigen Zeit Jemand ein Exempel daran nehmen, schaden würde es wahrhaftig vielen nichts.
Als die Leute die Spinne eingesperrt wußten, sie ihres Lebens wieder sicher waren, da soll es ihnen gewesen sein, als seien sie im Himmel und der liebe Gott mit seiner Seligkeit mitten unter ihnen, und lange ging es gut. Sie hielten sich zu Gott und flohen den Teufel, und auch die Ritter, die frisch eingezogen waren ins Schloß, hatten Respekt vor Gottes Hand und hielten milde die Menschen und halfen ihnen auf.
Kostenlose Lektüre von Die schwarze Spinne, der 1842 veröffentlichten Novelle des Schweizer Autors Jeremias Gotthelf. Diese Aurora-Literunico-Ausgabe bewahrt den deutschen Originaltext in fünf Leseteilen, mit kostenlosem PDF und direktem Verweis auf die brasilianisch-portugiesische Übersetzung A Aranha Negra. Quelle: geprüfter Text der deutschen Wikisource nach der Ausgabe Jent & Gassmann, Solothurn, 1842.
Quelle: https://de.wikisource.org/wiki/Die_schwarze_Spinne. Mit der brasilianisch-portugiesischen Übersetzung A Aranha Negra im Aurora Literunico verknüpft: https://literunico.com.br/aurora/93932.
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