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Die schwarze Spinne

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Die schwarze Spinne

Capítulo 5 · Die schwarze Spinne

Teil 5

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Dieses Haus aber betrachteten alle mit Ehrfurcht, fast wie eine Kirche. Anfangs schauderte es sie freilich, wenn sie es ansahen, den Kerker der schrecklichen Spinne sahen und dachten, wie leicht sie da losbrechen und das Elend von vornen anfangen könnte mit des Teufels Gewalt. Aber sie sahen bald, daß da Gottes Gewalt stärker sei als die des Teufels, und aus Dank gegen die Mutter, die für Alle gestorben, halfen sie den Kindern und bauten ihnen unentgeltlich den Hof, bis sie ihn selbsten arbeiten konnten. Die Ritter wollten ihnen bewilligen, ein neues Haus zu bauen, damit sie vor der Spinne sich nicht zu fürchten hätten, oder diese durch Zufall im bewohnten Hause los komme, und viele Nachbarn wollten ihnen helfen, die der Scheu vor dem Unthier, vor dem sie so schrecklich gezittert, nicht los werden konnten. Aber die alte Großmutter wollte es nicht thun. Sie lehrte ihre Enkel: hier sei die Spinne gebannt durch Gott Vater, Sohn und heiligen Geist, so lange diese drei heiligen Namen gelten in diesem Hause, so lange in diesen drei heiligen Namen an diesem Tische gegessen und getrunken werde, so lange seien sie vor der Spinne sicher und diese fest im Loche, und kein Zufall mache etwas an der Sache.

Hier an diesem Tische, hinter ihnen die Spinne, werden sie nie vergessen, wie nöthig ihnen Gott und wie mächtig er sei; so mahne sie die Spinne an Gott und müsse dem Teufel zum Trotz, ihnen zum Heil werden. Ließen sie aber von Gott, und wäre es hundert Stunden von da, so könnte die Spinne sie finden oder der Teufel selbst. Das faßten die Kinder, blieben im Hause, wuchsen gottesfürchtig auf, und über dem Hause war der Segen Gottes.

Das Bübchen, welches so treu an der Mutter gewesen, so treu die Mutter an ihm, wuchs auf zu einem stattlichen Manne, der lieb war Gott und Menschen, und Gnade bei den Rittern fand. Darum ward er auch gesegnet mit zeitlichem Gut, und vergaß Gott nie darob, ward nie geizig damit; er half Andern in ihren Nöthen, wie er wünschte, daß ihm geholfen werde in der letzten Noth; und wo er zu schwach zu eigener Hülfe war, da ward er ein um so kräftiger Fürsprecher bei Gott und Menschen. Er ward gesegnet mit einem weisen Weibe, und zwischen ihnen war ein unergründlicher Friede, darum blühten fromm ihre Kinder auf, und beide fanden spät einen sanften Tod. Seine Familie blühte fort in Gottesfurcht und Rechtthun.

Ja über dem ganzen Thale lag der Segen Gottes, und Glück war in Feld und Stall, und Friede unter den Menschen. Die schreckliche Lehre war den Menschen zu Herzen gegangen, sie hielten fest an Gott; was sie thaten, thaten sie in seinem Namen, und wo Einer dem Andern helfen konnte, da säumte er nicht. Vom Schlosse her ward ihnen kein Uebel, aber viel Gutes. Immer weniger Ritter wohnten dort, denn immer härter ward der Streit im Heidenlande und immer nöther jede Hand, die fechten konnte; die aber, welche im Schlosse waren, mahnte täglich die große Todtenhalle, in der die Spinne an Rittern wie an den Bauern ihre Macht geübt, daß Gott mit gleicher Kraft über Jedem sei, der von ihm abfalle, sei er Bauer oder Ritter.

So schwanden viele Jahre in Glück und Segen, und das Thal ward berühmt vor allen andern. Stattlich waren ihre Häuser, groß ihre Vorräthe, manch Geldstück ruhte im Kasten, ihr Vieh war das schönste zu Berg und Thal, und ihre Töchter waren berühmt Land auf und Land ab, und ihre Söhne gerne gesehen überall. Und dieser Ruhm welkte nicht über Nacht, wie dem Jonas seine Schattenstaude, sondern er dauerte von Geschlecht zu Geschlecht; denn in der gleichen Gottesfurcht und Ehrbarkeit wie die Väter lebten auch die Söhne von Geschlecht zu Geschlecht. Aber wie gerade in den Birnbaum, der am flüssigsten genähret wird, am stärksten treibt, der Wurm sich bohrt, ihn umfrißt, welken läßt und tödtet, so geschieht es, daß, wo Gottes Segenstrom am reichsten über die Menschen fließt, der Wurm in den Segen kömmt, die Menschen bläht und blind macht, daß sie ob dem Segen Gott vergessen, ob dem Reichthum, den, der ihn gegeben hat, daß sie werden wie die Israeliten, die, wenn Gott ihnen geholfen, ob goldenen Kälbern ihn vergaßen.

So wurden, nachdem viele Geschlechter dahingegangen, Hochmuth und Hoffart heimisch im Thale, fremde Weiber brachten und mehrten beides. Die Kleider wurden hoffärtiger, Kleinode sah man glänzen, ja selbst an die heiligen Zeichen wagte die Hoffart sich, und statt daß ihre Herzen während dem Beten inbrünstig bei Gott gewesen wären, hingen ihre Augen hoffärtig an den goldenen Kugeln ihres Rosenkranzes. So ward ihr Gottesdienst Pracht und Hoffart, ihre Herzen aber hart gegen Gott und Menschen. Um Gottes Gebote bekümmerte man sich nicht; seines Dienstes seiner Diener spottete man; denn wo viel Hoffart ist oder viel Geld, da kömmt gerne der Wahn, daß man seine Gelüsten für Weisheit hält, und diese Weisheit höher als Gottes Weisheit. Wie sie früher von den Rittern geplagt worden waren, so wurden sie jetzt hart gegen das Gesinde und plagten dieses; und je weniger sie selbst arbeiteten, um so mehr mutheten sie diesem zu, und je mehr sie Arbeit von Knechten und Mägden forderten, um so mehr behandelten sie dieselben wie unvernünftiges Vieh; und daß diese auch Seelen hätten, die zu wahren seien, dachten sie nicht. Wo viel Geld oder viel Hoffart ist, da fängt das Bauen an, Einer schöner als der Andere, und wie früher die Ritter bauten, so bauten jetzt sie, und wie früher die Ritter sie plagten, so schonten sie jetzt weder Gesinde noch Vieh, wenn der Bauteufel über sie kam. Dieser Wandel war auch über dieses Haus gekommen, während der alte Reichthum geblieben war.

Fast zweihundert Jahre waren verflossen, seit die Spinne im Loche gefangen saß; da war ein schlau und kräftig Weib hier Meister; sie war keine Lindauerin, aber doch glich sie Christine in vielen Stücken. Sie war auch aus der Fremde, der Hoffart, dem Hochmuthe ergeben, und hatte einen einzigen Sohn; der Mann war unter ihrer Meisterschaft gestorben. Dieser Sohn war ein schöner Bube, hatte ein gutes Gemüth und war freundlich mit Mensch und Vieh; sie hatte ihn auch gar lieb, aber sie ließ es ihn nicht merken. Sie meisterte ihn jeden Schritt und Tritt und keiner war ihr recht, den sie ihm nicht erlaubt, und längst war er erwachsen und durfte nicht zur Kameradschaft und an keine Kilbi, ohne der Mutter Begleit. Als sie ihn endlich alt genug glaubte, gab sie ihm ein Weib aus ihrer Verwandtschaft, eins nach ihrem Sinn. Jetzt hatte er zwei Meister statt nur einen, und beide waren gleich hoffärtig und gleich hochmüthig, und weil sie es waren, so sollte auch Christen es sein, und wenn er freundlich war und demüthig, wie es ihm so wohl anstund, so erfuhr er, wer Meister sei.

Schon lange war das alte Haus ihnen ein Dorn im Auge, und sie schämten sich seiner, da die Nachbarn neue Häuser hatten und doch kaum so reich als sie waren. Die Sage von der Spinne und was die Großmutter gesagt, war damals noch in Jedermanns Gedächtniß, sonst wäre das alte Haus längst schon eingerissen worden, aber Alle wehrten es ihnen. Sie nahmen aber dieses Wehren immer mehr für Neid, der ihnen kein neues Haus gönne. Zudem ward es ihnen immer unheimeliger im alten Hause. Wenn sie hier am Tische saßen, so war es ihnen entweder als schnurre hinter ihnen behaglich die Katze, oder als ginge leise das Loch auf und die Spinne ziele nach ihrem Nacken. Ihnen fehlte der Sinn, der das Loch vermachte, darum fürchteten sie sich immer mehr, das Loch möchte sich öffnen. Darum fanden sie einen guten Grund, ein neues Haus zu bauen, in welchem sie die Spinne nicht zu fürchten hätten, wie sie meinten. Das alte wollten sie dem Gesinde überlassen, das ihrer Hoffart oft im Wege war, so wurden sie räthig.

Christen that es sehr ungern, er wußte, was die alte Großmutter gesagt, und glaubte, daß der Familiensegen an das Familienhaus geknüpfet sei, und vor der Spinne fürchtete er sich nicht, und wenn er hier oben am Tische saß, so schien es ihm, er könne am andächtigsten beten. Er sagte, wie er es meinte, aber seine Weiber hießen ihn schweigen; und weil er ihr Knecht war, so schwieg er auch, weinte aber oft bitterlich, wenn sie es nicht sahen.

Dort oberhalb des Baumes, unter welchem wir gesessen, sollte ein Haus gebaut werden, wie keiner eines hätte in der ganzen Gegend.

In hoffärtiger Ungeduld, weil sie keinen Verstand vom Bauen hatten und nicht warten mochten, bis sie mit dem neuen Hause hochmüthig thun konnten, plagten sie beim Bauen Gesinde und Vieh übel, schonten selbst die heiligen Feiertage nicht, und gönnten ihnen auch des Nachts nicht Ruhe, und kein Nachbar war, der ihnen helfen konnte, daß sie zufrieden waren, dem sie nicht Böses nach gewünscht, wenn er nach unentgeltlicher Hülfe, wie man sie schon damals einander leistete, wieder heim ging, um auch zu seiner Sache zu sehen.

Als man aufrichtete und den ersten Zapfen in die Schwelle schlug, so rauchte es aus dem Loche herauf, wie nasses Stroh, wenn man es anbrennen will; da schüttelten die Werkleute bedenklich die Köpfe, und sagten es heimlich und laut, daß der neue Bau nicht alt werden werde, aber die Weiber lachten darüber, und achteten des Zeichens sich nicht. Als endlich das Haus erbaut war, zogen sie hinüber, richteten sich ein mit unerhörter Pracht und gaben als sogenannte Hausräuchi eine Kilbi, die drei Tage lang dauerte, und Kind und Kindeskinder noch davon erzählten im ganzen Emmenthal.

Aber während allen dreien Tagen soll man im ganzen Hause ein seltsam Surren gehört haben, wie das einer Katze, welcher es behaglich wird, weil man ihr den Balg streicht. Doch die Katze, von welcher es kam, konnte man trotz alles Suchens nicht finden, da ward Manchem unheimlich, und trotz aller Herrlichkeit lief er Mitten aus dem Feste. Nur die Weiber hörten nichts oder achteten sich dessen nicht, mit dem neuen Hause meinten sie alles gewonnen.

Ja, wer blind ist, sieht auch die Sonne nicht, und wer taub ist, hört auch den Donner nicht. Darum freuten die Weiber des neuen Hauses sich, wurden alle Tage hoffärtiger, dachten an die Spinne nicht, sondern führten im neuen Hause ein üppiges, arbeitsloses Leben mit putzen und essen; kein Mensch konnte es ihnen treffen, und an Gott dachten sie nicht.

Im alten Hause blieb das Gesinde alleine, lebte wie es wollte, und wenn Christen dasselbe auch unter seiner Aufsicht haben wollte, so duldeten die Weiber es nicht, und schalten ihn, die Mutter aus Hochmuth hauptsächlich, das Weib aus Eifersucht zu meist. Daher war drunten keine Ordnung und bald auch keine Gottesfurcht, und wo kein Meister ist, geht es so durchweg. Wenn kein Meister oben am Tische sitzt, kein Meister draußen und drinnen die Zügel hält, so meint sich bald der der Größte, welcher am wüstesten thut, und der der Beste, welcher die ruchlosesten Reden führt.

So ging es zu im Hause drunten, und das sämmtliche Gesinde glich bald einer Rudel Katzen, wenn sie am wüstesten thun. Von beten wußte man nichts mehr, hatte darum weder vor Gottes Willen, noch vor seinen Gaben Respekt. Wie die Hoffart der Meisterweiber keine Grenzen mehr kannte, so hatte der thierische Uebermuth des Gesindes keine Schranken mehr. Man schändete ungescheut das Brod, trieb das Habermuß über den Tisch weg mit den Löffeln sich an die Köpfe, ja, verunreinigte viehisch die Speise, um boshaft den Andern die Lust am Essen zu vertreiben. Sie neckten die Nachbarn, quälten das Vieh, höhnten jeden Gottesdienst, läugneten alle höhere Gewalt und plagten auf alle Weise den Priester, der strafend zu ihnen geredet hatte; kurz sie hatten keine Furcht mehr vor Gott und Menschen und thaten alle Tage wüster. Das wüsteste Leben führten Knechte und Mägde, und doch plagten sie einander wie nur möglich, und als die Knechte nicht mehr wußten, wie sie auf neue Art die Mägde quälen konnten, da fiel es einem ein, mit der Spinne im Loche die Mägde zu schrecken oder zahm zu machen. Er schmiß Löffel voll Habermuß oder Milch an den Zapfen, und schrie, die drinnen werde wohl hungerig sein, weil sie so viele hundert Jahre nichts gehabt.

Da schrien die Mägde gräßlich auf und versprachen alles was sie konnten, und selbst den andern Knechten graute es. Da das Spiel sich ungestraft wiederholte, so wirkte es nicht mehr, die Mägde schrien nicht mehr, versprachen nichts mehr, und die andern Knechte begannen es auch zu treiben. Nun fing der an mit dem Messer gegen das Loch zu fahren, mit den gräßlichsten Flüchen sich zu vermessen, er mache den Zapfen los, und wolle sehen was drinnen sei, und sie müßten einmal auch was neues sehn. Das weckte neues Entsetzen, und der Bursche, der das that, ward Allen Meister, und konnte zwingen was er wollte, besonders bei den Mägden.

Das soll aber auch ein seltsamer Mensch gewesen sein, man wußte nicht woher er kam. Er konnte sanft thun wie ein Lamm, und reißend wie ein Wolf; war er alleine bei einem Weibsbilde, so war er ein sanftes Lamm, vor der Gesellschaft aber war er wie ein reißender Wolf und that als ob er Alle haßte, als ob er über Alles aus wolle mit wüsten Thaten und Worten; solche sollen den Weibsbildern aber gerade die liebsten sein. Darum entsetzten sich die Mägde öffentlich vor ihm, sollen ihn aber doch, wenn sie alleine waren, am liebsten von Allen gehabt haben. Er hatte ungleiche Augen, aber man wußte nicht von welcher Farbe, und beide haßten einander, sahen nie den gleichen Weg, aber unter langem Augenhaar und demüthigem Niedersehen wußte er es zu verbergen. Sein Haar war schön gelockt, aber man wußte nicht war es roth oder falb; im Schatten war es das schönste Flachshaar, schien aber die Sonne darauf, so hatte kein Eichhörnchen einen röthern Pelz. Er quälte wie Keiner das Vieh. Dasselbe haßte ihn auch darnach. Von den Knechten meinte ein Jeder, er sei sein Freund, und gegen Jeden wies er die Andern auf. Den Meisterweibern war er unter Allen alleine recht; er alleine war oft im obern Hause, dann thaten unten die Mägde wüst; so bald er es merkte, steckte er sein Messer an den Zapfen und begann sein Drohen, bis die Mägde zum Kreuze krochen. Doch behielt dieses Spiel auch nicht lange seine Wirkung. Die Mägde wurden dessen gewohnt und sagten endlich: thue es doch, wenn du darfst, aber du darfst nicht.

Es nahte Weihnacht, die heilige Nacht. An das, was dieselbe uns weihet, dachten sie nicht; ein lustiges Leben hatten sie abgerathen in derselben. Im Schlosse drunten hauste ein alter Ritter nur, und der bekümmerte sich wenig mehr um das Zeitliche; ein schelmischer Vogt verwaltete Alles zu seinem Vortheil. Um ein Schelmenstück hatten sie diesem edlen Ungarwein abgehandelt, neben welchem Lande die Ritter in großem Streite lagen; des edlen Weines Kraft und Feuer kannten sie nicht. Ein fürchterliches Unwetter kam herauf, mit Blitz und Sturm, wie selten sonst um diese Zeit, keinen Hund hätte man unter dem Ofen hervorgejagt. Zur Kirche zu gehen hielt sie das Unwetter nicht ab, sie wären bei schönem Wetter auch nicht gegangen, hätten den Meister alleine gehen lassen; aber es hielt andere ab, die Kirche zu besuchen; sie blieben allein im alten Hause beim edlen Weine.

Sie begannen den heiligen Abend mit Fluchen und Tanzen, mit wüstern und ärgern Dingen; dann setzten sie sich zum Mahle, wozu die Mägde Fleisch gekocht hatten, weißen Brei und was sie sonst Gutes stehlen konnten. Da ward die Rohheit immer gräßlicher, sie schändeten alle Speisen, lästerten alles Heilige; der genannte Knecht spottete des Priesters, theilte Brod aus und trank seinen Wein, als ob er die heilige Messe verwaltete, taufte den Hund unterm Ofen, trieb es bis es angst und bange den Andern wurde, wie ruchlos sie sonst auch waren. Da stach er mit dem Messer ins Loch und fluchte, er wolle ihnen noch ganz andere Dinge zeigen. Als sie darob nicht erschrecken wollten, weil er das Gleiche schon manchmal getrieben, und mit dem Messer gegen den Zapfen kaum viel abzubringen war, so griff er in halber Raserei nach einem Bohrer, vermaß sich aufs schrecklichste, sie sollten es erfahren, was er könne, büßen ihr Lachen, daß ihnen die Haare zu Berge stünden, und drehte mit wildem Stoße den Bohrer in den Zapfen hinein. Laut aufschreiend stürzten Alle auf ihn zu; aber ehe Jemand es hindern konnte, lachte er wie der Teufel selbst, that einen kräftigen Ruck am Bohrer. Da bebte von ungeheurem Donnerschlag das ganze Haus, der Missethäter stürzte rücklings nieder; ein rother Gluthstrom brach aus dem Loche hervor, und mittendrin saß groß und schwarz aufgeschwollen im Gifte von Jahrhunderten die Spinne und glotzte in giftiger Lust über die Frevler hin, die versteinert in tödtlicher Angst kein Glied bewegen konnten, dem schrecklichen Unthiere zu entrinnen, das langsam und schadenfroh ihnen über die Gesichter kroch, ihnen einimpfte den feurigen Tod. Da erbebte das Haus von schrecklichem Wehgeheul, wie hundert Wölfe es nicht auszustoßen vermögen, wenn der Hunger sie peinigt. Und bald erscholl ein ähnliches Wehgeschrei aus dem neuen Hause, und Christen, der eben den Berg heraufkam von der heiligen Messe, meinte, es seien Räuber eingebrochen, und seinem starken Arme trauend, stürzte er den Seinen zu Hülfe. Er fand keine Räuber, aber den Tod; mit diesem rangen Weib und Mutter und hatten schon keine Stimme mehr in den hochaufgelaufenen schwarzen Gesichtern; ruhig schlummerten seine Kinder und gesund und roth waren ihre muntern Gesichter. Es stieg in Christen die schreckliche Ahnung dessen auf, was geschehen war; er stürzte ins untere Haus, dort sah er die Diensten alle verendet, die Stube zur Todtenkammer geworden, geöffnet das schauerliche Loch im Bystal, in des scheußlich entstellten Knechtes Hand den Bohrer und auf des Bohrers Spitze den schrecklichen Zapfen. Jetzt wußte er was da geschehen war, schlug die Hände über dem Kopfe zusammen, und wenn die Erde ihn verschlungen hätte, so wäre es ihm recht gewesen. Da kroch etwas hinterem Ofen hervor, schmiegte sich ihm an; entsetzt fuhr er zusammen, aber es war nicht die Spinne, es war ein armes Bübchen, das er um Gotteswillen ins Haus genommen und unter dem ruchlosen Gesinde gelassen hatte, wie es ja auch jetzt viel geschieht, daß man Kinder um Gotteswillen nimmt und sie dem Teufel in die Hände spielt. Das hatte keinen Theil genommen an den Gräueln des Gesindes, war erschreckt hinter den Ofen geflohen; es allein blieb von der Spinne verschont, und konnte nun den Hergang erzählen.

Aber noch während das Bübchen erzählte, scholl durch Wind und Wetter Angstgeschrei von andern Häusern her. Wie in hundertjähriger aufgeschwellter Lust flog die Spinne durch die Thalschaft, las zuerst die üppigsten Häuser sich aus, wo man am wenigsten an Gott dachte, aber am meisten an die Welt, daher von dem Tode am wenigsten wissen mochte.

Noch war es nicht Tag geworden, so war die Kunde in jeglichem Hause: die alte Spinne sei losgebrochen, gehe aufs Neue todtbringend um in der Gemeinde; schon lägen Viele todt und hinten im Thale fahre Schrei auf Schrei zum Himmel auf von den Gezeichneten, die sterben müßten. Da kann man sich denken, welch Jammer im Lande war, welche Angst in allen Herzen, was das für eine Weihnacht war in Sumiswald. An die Freude, die sie sonst bringt, konnte kein Mensch denken, und solcher Jammer kam vom Frevel der Menschen. Der Jammer aber ward alle Tage größer, denn schneller, giftiger als das frühere Mal war die Spinne jetzt. Bald war sie zu vorderst, bald zu hinderst in der Gemeinde, auf den Bergen, im Thale erschien sie zu gleicher Zeit. Wie sie früher meist hier Einen, dort Einen gezeichnet hatte zum Tode, so verließ sie jetzt selten ein Haus, ehe sie Alle vergiftet; erst wenn Alle im Tode sich wanden, setzte sie sich auf die Schwelle und glotzte schadenfroh in die Vergiftung, als ob sie sagen wollte: sie sei es und sei doch wieder da, wie lange man sie auch eingesperrt.

Es schien als ob sie wüßte, ihr sei wenig Zeit vergönnt, oder als ob sie sich viele Mühe sparen wollte, sie that, wo sie konnte, Viele auf einmal ab. Darum lauerte sie am liebsten auf die Züge, welche die Todten zur Kirche geleiten wollten. Bald hier, bald dort, am liebsten unten am Kilchstalden, tauchte sie mitten in den Haufen auf, oder glotzte plötzlich vom Sarge herab auf die Begleitenden. Da fuhr dann ein schreckliches Wehgeschrei aus dem begleitenden Zuge zum Himmel auf, Mann um Mann fiel nieder, bis der ganze Zug der Begleitenden am Wege lag und rang mit dem Tode; bis kein Leben mehr unter ihnen war, und um den Sarg ein Haufen Todte lag, wie tapfere Krieger um ihre Fahne liegen, von der Uebermacht erfaßt. Da wurden keine Todten mehr zur Kirche gebracht, Niemand wollte sie tragen, Niemand geleiten, wo der Tod sie streckte, da ließ man sie liegen.

Verzweiflung lag überem ganzen Thale. Wuth kochte in allen Herzen, strömte in schrecklichen Verwünschungen gegen den armen Christen aus; an Allem sollte jetzt er Schuld sein.

Jetzt auf einmal wußten Alle, daß Christen das alte Haus nicht hätte verlassen, das Gesinde nicht sich selbst überlassen sollen. Auf einmal wußten Alle, daß der Meister für sein Gesinde mehr oder minder verantwortlich sei, daß er wachen solle über Beten und Essen, wehren solle gottlosem Leben, gottlosen Reden und gottlosem Schänden der Gaben Gottes. Jetzt war Allen auf einmal Hoffart und Hochmuth vergangen, sie thaten diese Laster in die unterste Hölle hinunter, und hätten es kaum Gott geglaubt, daß sie dieselben noch vor wenig Tagen so schmählich an sich getragen; sie waren Alle wieder fromm, hatten die schlechtesten Kleider an, und die alten verachteten Rosenkränze wieder in den Händen, und überredeten sich selbst, sie seien immer gleich fromm gewesen, und an ihnen fehlte es nicht, daß sie Gott nicht das Gleiche überredeten. Christen allein unter ihnen Allen sollte gottlos sein, und Flüche wie Berge kamen von allen Seiten auf ihn her. Und war er doch vielleicht unter Allen der Beste; aber sein Wille lag gebunden in seiner Weiber Willen, und dieses Gebundensein ist allerdings eine schwere Schuld für jeden Mann, und schwerer Verantwortung entrinnt er nicht, weil er anders ist, als Gott ihn will. Das sah Christen auch ein, darum war er nicht trotzig, pochte nicht, gab sich schuldiger dar, als er war; aber damit versöhnte er die Leute nicht, erst jetzt schrien sie einander zu, wie groß seine Schuld sein müsse, da er so viel auf sich nehme, so weit sich unterziehe, er ja selbst bekenne, er sei nichts werth.

Er aber betete Tag und Nacht zu Gott, daß er das Uebel wende; aber es ward schrecklicher von Tag zu Tag. Er ward es inne, daß er gut machen müsse, was er gefehlt, daß er sich selbst zum Opfer geben müsse, daß an ihm liege, die That, die seine Ahnfrau gethan. Er betete zu Gott, bis ihm so recht feurig im Herzen der Entschluß empor wuchs, die Thalschaft zu retten, das Uebel zu sühnen, und zum Entschluß kam der standhafte Muth, der nicht wankt, immer bereit ist zur gleichen That, am Morgen wie am Abend.

Da zog er herab mit seinen Kindern aus dem neuen Haus ins alte Haus, schnitt zum Loch einen neuen Zapfen, ließ ihn weihen mit heiligem Wasser und heiligen Sprüchen, legte zum Zapfen den Hammer, setzte zu den Betten der Kinder sich, und harrte der Spinne.

Da saß er, betete und wachte, und rang mit dem schweren Schlafe festen Muthes und wankte nicht; aber die Spinne kam nicht, ob sie sonst allenthalben war, denn immer größer war der Sterbet, immer wilder die Wuth der Ueberlebenden. Mitten in diesen Schrecken sollte ein wildes Weib ein Kind gebären. Da kam den Leuten die alte Angst, ungetauft möchte die Spinne das Kindlein holen, das Pfand ihrer alten Pacht. Das Weib gebehrdete sich wie unsinnig, hatte kein Gottvertrauen, desto mehr Haß und Rache im Herzen.

Man wußte, wie die Alten gegen den Grünen sich geschützt vor Zeiten, wenn ein Kind geboren werden sollte, wie der Priester der Schild war, den sie zwischen sich und den ewigen Feind gestellt. Man wollte auch nach dem Priester senden, aber wer sollte der Bote sein? Die unbegrabenen Todten, welche die Spinne bei den Leichenzügen erfaßt, sperrten die Wege, und würde wohl ein Bote über die wilden Höhen der Spinne, die Alles zu wissen schien, entgehen können, wenn er den Priester holen wollte? Es zagten Alle. Da dachte endlich der Mann des Weibes, wenn die Spinne ihn haben wolle, so könne sie ihn daheim fassen wie auf dem Wege; wenn ihm der Tod bestimmt sei, so entrinne er ihm hier nicht und dort nicht.

Er machte sich auf den Weg, aber Stunde um Stunde rann vorüber, kein Bote kam wieder. Wuth und Jammer wurden immer entsetzlicher, die Geburt rückte immer näher. Da riß das Weib in der Wuth der Verzweiflung vom Lager sich auf und stürzte hin nach Christens Haus, dem tausendfach Verwünschten, der betend bei seinen Kindern saß, des Kampfes mit der Spinne gewärtig. Weither schon tönte ihr Geschrei, ihre Verwünschungen donnerten an Christens Thüre lange, ehe sie dieselbe aufriß und den Donner in die Stube ihm brachte. Als sie hereinstürzte so schrecklichen Angesichtes, da fuhr er auf, er wußte erst nicht, war es Christine in ihrer ursprünglichen Gestalt. Aber unter der Thüre hemmte der Schmerz ihren Lauf, an den Thürpfosten wand sie sich, die Fluth ihrer Verwünschungen ausgießend über den armen Christen. Er sollte der Bote sein, wenn er nicht verflucht sein wolle mit Kind und Kindeskindern in Zeit und Ewigkeit. Da überwallete der Schmerz ihr Fluchen, und ein Söhnlein war geboren vom wilden Weibe auf Christens Schwelle, und Alle die ihr gefolget waren, stoben ins Weite, des Schrecklichsten gewärtig. Das unschuldige Kindlein hielt Christen in den Armen; stechend und wild und giftig starrten aus des Weibes verzerrten Zügen dessen Augen ihn an und es ward ihm immer mehr, als trete die Spinne aus ihnen heraus, als sei sie es selbst. Da kam eine Kraft Gottes in ihn und ein übermenschlicher Wille ward in ihm mächtig; einen innigen Blick warf er auf seine Kinder, hüllte das neugeborne Kind in sein warm Gewand, sprang über das glotzende Weib, den Berg hinunter das Thal entlang, Sumiswald zu. Zur heiligen Weihe wollte er das Kindlein selbsten tragen, zur Sühne der Schuld, die auf ihm lag, dem Haupte seines Hauses; das Uebrige überließ er Gott. Todte hemmten seinen Lauf; vorsichtig mußte er seine Tritte setzen. Da ereilte ihn ein leichter Fuß, es war das arme Bübchen, dem es graute bei dem wilden Weibe, das ein kindlicher Trieb dem Meister nachgetrieben. Wie Stacheln fuhr es durch Christens Herz, daß seine Kinder alleine bei dem wüthenden Weibe seien. Aber sein Fuß stund nicht stille, strebte dem heiligen Ziele zu.

Schon war er unten am Kilchstalden, hatte die Kapelle im Auge, da glühte es plötzlich vor ihm mitten im Wege, es regte sich im Busche, im Wege saß die Spinne, im Busche wankte roth ein Federbusch und hoch hob sich die Spinne als wie zum Sprunge. Da rief Christen mit lauter Stimme zum dreieinigen Gott, und aus dem Busche tönte ein wilder Schrei; es schwand die rothe Feder; in des Bübchens Arme legte er das Kind und ergriff, dem Herren seinen Geist empfehlend, mit starker Hand die Spinne, die wie gebannt durch die heiligen Worte am gleichen Flecke sitzen blieb. Gluth strömte durch sein Gebein, aber er hielt fest; der Weg war frei und das Bübchen verständigen Sinnes eilte dem Priester zu mit dem Kinde. Christen aber, Feuer in der starken Hand, eilte geflügelten Laufes seinem Hause zu. Schrecklich war der Brand in seiner Hand, der Spinne Gift drang durch alle Glieder. Zu Gluth ward sein Blut. Die Kraft wollte erstarren, der Athem stocken, aber er betete fort und fort, hielt Gott fest vor Augen, hielt aus in der Hölle Gluth. Schon sah er sein Haus, mit dem Schmerz wuchs sein Hoffen, unter der Thüre war das Weib. Als dasselbe ihn kommen sah ohne Kind, stürzte es sich ihm entgegen, einer Tigerin gleich, der man die Jungen geraubt, es glaubte an den schändlichsten Verrath. Es achtete sich seines Winkens nicht, hörte nicht die Worte aus seiner keuchenden Brust, stürzte in seine vorgestreckten Hände, klammerte an sie sich an; in Todtesangst muß er die Wüthende schleppen zum Hause herein, muß frei die Arme kämpfen, ehe es ihm gelingt, ins Loch die Spinne zu drängen, mit sterbenden Händen den Zapfen vorzuschlagen. Er vermags mit Gottes Hülfe. Den sterbenden Blick wirft er auf die Kinder, hold lächeln sie im Schlafe. Da wird es ihm leicht, eine höhere Hand schien seine Gluth zu löschen, und laut betend schließt er zum Tode seine Augen, und Frieden und Freude fanden die auf seinem Gesichte, die vorsichtig und angstvoll kamen, zu schauen, wo das Weib geblieben. Erstaunt sahen sie das Loch verschlagen, aber das Weib fanden sie versengt und verzerrt im Tode liegen; an Christens Hand hatte sie den feurigen Tod geholt. Noch standen sie und wußten nicht, was geschehen war, als mit dem Kinde das Bübchen wiederkehrte, vom Priester begleitet, der das Kind schnell getauft nach damaliger Sitte, und wohlgerüstet und muthvoll dem gleichen Kampfe entgegen gehen wollte, in dem sein Vorgänger siegreich das Leben gelassen. Aber ein solch Opfer forderte Gott nicht von ihm, den Kampf hatte schon ein Anderer bestanden. Lange faßten die Leute nicht, welch große That Christen vollbracht. Als ihnen endlich Glaube und Erkenntniß kam, da beteten sie freudig mit dem Priester, dankten Gott für das neu geschenkte Leben, und für die Kraft, die er Christen gegeben. Diesem aber baten sie im Tode noch ihr Unrecht ab, und beschlossen mit hohen Ehren ihn zu begraben und sein Andenken stellte sich glorreich wie das eines Heiligen in Aller Seelen.

Sie wußten nicht, wie ihnen war, als der so schreckliche Schreck, der fort und fort durch ihre Glieder zitterte, auf einmal geschwunden war, und sie mit Freuden wieder in den blauen Himmel hinauf sehen konnten, ohne Angst, die Spinne krieche unterdessen auf ihre Füße. Sie beschlossen viele Messen und einen allgemeinen Kilchgang; vor Allem aber wollten sie die beiden Leichen bestatten, Christen und seine Drängerin, dann sollten auch die andern eine Stätte finden, so weit es möglich war.

Es war ein feierlicher Tag, als das ganze Thal zur Kirche wanderte, und auch in manchem Herzen war es feierlich, manche Sünde ward erkannt, manch Gelübde ward gethan; und von dem Tage an wurde viel übertriebenes Wesen auf den Gesichtern und in den Kleidern nicht mehr gesehen.

Als in der Kirche und auf dem Kirchhofe viele Thränen geflossen, viele Gebete geschehen waren, gingen Alle aus der ganzen Thalschaft, welche zur Begräbniß gekommen waren – und gekommen waren Alle, die ihrer Glieder mächtig waren – zum üblichen Imbiß ins Wirthshaus. Da geschah es nun, daß, wie üblich, Weiber und Kinder an einem eigenen Tische saßen, die sämmtliche erwachsene Mannschaft aber Platz hatte an dem berühmten Scheibentische, der jetzt noch im Bären in Sumiswald zu sehen ist. Er ward aufbewahrt zum Andenken, daß einst nur noch zwei Dutzend Männer waren, wo jetzt an zwei Tausende wohnen; zum Andenken, daß auch das Leben der Zweitausende in der Hand dessen stehe, der die zwei Dutzend gerettet. Damals säumte man sich nicht lange an der Gräbt; es waren die Herzen zu voll, als daß viel Speise und Trank Platz gehabt hätte. Als sie aus dem Dorfe hervor auf die freie Höhe kamen, sahen sie eine Röthe am Himmel, und als sie heim kamen, fanden sie das neue Haus niedergebrannt bis auf den Boden; wie es zugegangen, erfuhr man nie.

Aber was Christen an ihnen gethan, vergaßen die Leute nicht, an seinen Kindern vergalten sie es. Fromm und wacker erzogen sie dieselben in den frömmsten Häusern; an ihrem Gute vegriff sich keine Hand, obgleich keine Rechnung zu sehen war. Es wurde gemehret und wohl besorgt, und als die Kinder auferwachsen waren, so waren sie nicht nur nicht um ihr Gut betrogen, sondern noch viel weniger um ihre Seelen. Es wurden rechtschaffene gottesfürchtige Menschen, die Gnade bei Gott hatten und Wohlgefallen bei den Menschen, die Segen im Leben fanden und im Himmel noch mehr. Und so blieb es in der Familie, und man fürchtete die Spinne nicht, denn man fürchtete Gott, und wie es gewesen war, so soll es, so Gott will, auch bleiben, so lange hier ein Haus steht, so lange Kinder den Eltern folgen in Wegen und Gedanken.“

Hier schwieg der Großvater, und lange schwiegen Alle, und die Einen sannen dem Gehörten nach, und die Andern meinten, er schöpfe Athem und fahre dann weiters fort.

Endlich sagte der ältere Götti: „An dem Scheibentisch bin ich manchmal gesessen und habe vom Sterbet gehört und daß nach demselben sämmtliche Mannschaft in der Gemeinde daran Platz gehabt. Aber wie Punktum alles zugegangen, das konnte mir Niemand sagen. Die Einen stürmten dieß, und Andere anders. Aber sage mir, wo hast du denn Alles das vernommen?“

„He, sagte der Großvater, das erbte sich bei uns vom Vater auf den Sohn, und als das Andenken davon bei den andern Leuten im Thale sich velor, hielt man es in der Familie sehr heimlich und scheute sich, etwas davon unter die Menschen zu lassen. Nur in der Familie redete man davon, damit kein Glied desselben vergesse, was ein Haus bauet, und ein Haus zerstört; was Segen bringt und Segen vertreibt. Du hörst es meiner Alten wohl noch an, wie ungern sie es hat, wenn man so öffentlich davon redet. Aber mich dünkt, es thäte je länger je nöther davon zu reden, wie weit man es mit Hochmuth und Hoffart bringen kann. Darum thue ich auch nicht mehr so geheim mit der Sache, und es ist nicht das erste Mal, daß ich unter guten Freunden sie erzählte. Ich denke immer, was unsere Familie so viele Jahre im Glücke erhalten, das werde andern auch nicht schaden, und recht sei es nicht, ein Geheimniß mit dem zu machen, was Glück und Gottes Segen bringt.“

„Du hast recht, Vettermann, antwortete der Götti, aber fragen muß ich dich doch noch: war denn das Haus, welches du vor sieben Jahren einrissest, das uralte, ich kann das fast nicht glauben.“

„Nein, sagte der Großvater. Das uralte Haus war gar baufällig geworden schon vor fast dreihundert Jahren, und der Segen Gottes in Feldern und Matten hatte schon lange nicht mehr Platz darin. Und doch wollte es die Familie nicht verlassen und ein neues bauen durften sie nicht, sie hatte nicht vergessen, wie es dem früheren ergangen. So kam sie in große Verlegenheit, und fragten endlich einen weisen Mann, der zu Haslebach gewohnt haben soll, um Rath. Der soll ihnen geantwortet haben: ein neues Haus könnten sie wohl bauen an die Stelle des alten und nicht anderswo, aber zwei Dinge müßten sie wohl bewahren, das alte Holz worin die Spinne sei, den alten Sinn, der ins alte Holz die Spinne gestoßen, dann werde der alte Segen auch im neuen Hause sein.

Sie bauten das neue Haus und fügten ihm ein mit Gebet und Sorgfalt das alte Holz, und die Spinne rührte sich nicht, Sinn und Segen änderten sich nicht.

Aber auch das neue Haus ward wiederum alt und klein, wurmstichig und faul sein Holz, nur der Posten hier blieb fest und eisenhart. Mein Vater hätte schon bauen sollen, er konnte es erwehren; es kam nun an mich. Nach langem Zögern wagte ich es. Ich that wie die Frühern, fügte das alte Holz dem neuen Hause bei und die Spinne regte sich nicht. Aber gestehen will ich es: mein Lebtag betete ich nie so brünstig wie damals, als ich das verhängnißvolle Holz in Händen hatte; die Hand, der ganze Leib brannte mich, unwillkürlich mußte ich sehen, ob mir nicht schwarze Flecken wüchsen an Hand und Leib, und ein Berg fiel mir von der Seele, als endlich alles an seinem Orte stund. Da ward meine Ueberzeugung noch fester, daß weder ich noch meine Kinder und Kindeskinder etwas von der Spinne zu fürchten hätten, so lange wir uns fürchten vor Gott.“

Da schwieg der Großvater, und noch war der Schauer nicht verflogen, der ihnen den Rücken heraufgekrochen, als sie hörten, der Großvater hätte das Holz in Händen gehabt, und sie dachten, wie es ihnen wäre, wenn sie es auch darein nehmen müßten.

Endlich sagte der Vetter: „Es ist nur schade, daß man nicht weiß, was an solchen Dingen wahr ist. Alles kann man kaum glauben, und etwas muß doch an der Sache sein, sonst wäre das alte Holz nicht da.“

„Sei jetzt daran wahr, was da wolle, so könne man viel daraus lernen, sagte der jüngere Götti, und dazu hätten sie noch kurze Zeit gehabt, es dünke ihn, er sei erst aus der Kirche gekommen.“

„Sie sollten nicht zu viel sagen, sagte die Großmutter, sonst fange ihr Alter ihnen eine neue Geschichte an, sie sollten jetzt auch einmal essen und trinken, es sei ja eine Schande, wie Niemand esse und trinke. Es solle doch nicht alles schlecht sein, sie hätten alles angewendet, so gut sie es verstanden.“

Nun ward viel gegessen und viel getrunken und zwischendurch gewechselt manche verständige Rede, bis groß und golden am Himmel der Mond stund, die Sterne aus ihren Kammern traten, zu mahnen die Menschen, daß es Zeit sei, schlafen zu gehen in ihre Kämmerlein.

Die Menschen sahen die geheimnißvollen Mahner wohl, aber sie saßen da so heimelig und Jedem klopfte es unheimlich unterm Brusttuch, wenn er ans Heimgehn dachte, und wenn es schon Keiner sagte, so wollte doch Keiner der Erste sein.

Endlich stund die Gotte auf und schickte mit zitterndem Herzen zum Weggehen sich an, doch es fehlte ihr an sicheren Begleitern nicht, und mit einander verließ die ganze Gesellschaft das gastliche Haus mit vielem Dank und guten Wünschen, trotz allen Bitten an Einzelne, an die Gesammtheit: doch noch länger zu bleiben, es werde ja nicht finster.

Bald war es still ums Haus, bald auch still in demselben. Friedlich lag es da, rein und schön glänzte es in des Mondes Schein das Thal entlang, sorglich und freundlich barg es brave Leute in süßem Schlummer, wie die schlummern, welche Gottesfurcht und gute Gewissen im Busen tragen, welche nie die schwarze Spinne, sondern nur die freundliche Sonne aus dem Schlummer wecken wird. Denn wo solcher Sinn wohnet, darf sich die Spinne nicht regen, weder bei Tage noch bei Nacht. Was ihr aber für eine Macht wird, wenn der Sinn ändert, das weiß der, der Alles weiß, und Jedem seine Kräfte zutheilt, den Spinnen wie den Menschen.

Die schwarze Spinne

Sinopse

Kostenlose Lektüre von Die schwarze Spinne, der 1842 veröffentlichten Novelle des Schweizer Autors Jeremias Gotthelf. Diese Aurora-Literunico-Ausgabe bewahrt den deutschen Originaltext in fünf Leseteilen, mit kostenlosem PDF und direktem Verweis auf die brasilianisch-portugiesische Übersetzung A Aranha Negra. Quelle: geprüfter Text der deutschen Wikisource nach der Ausgabe Jent & Gassmann, Solothurn, 1842.

Quelle: https://de.wikisource.org/wiki/Die_schwarze_Spinne. Mit der brasilianisch-portugiesischen Übersetzung A Aranha Negra im Aurora Literunico verknüpft: https://literunico.com.br/aurora/93932.

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