Teil 2 Traumnovelle — original em alemão · Capítulo 2 de 7
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Teil 2

Auf der Straße mußte er den Pelz öffnen. Es war plötzlich Tauwetter

eingetreten, der Schnee auf dem Fußsteig beinahe weggeschmolzen, und in

der Luft wehte ein Hauch des kommenden Frühlings. Von Fridolins Wohnung

in der Josefstadt nahe dem Allgemeinen Krankenhaus, war es kaum eine

Viertelstunde in die Schreyvogelgasse; und so stieg Fridolin bald die

schlecht beleuchtete gewundene Treppe des alten Hauses in das zweite

Stockwerk hinauf und zog an der Glocke; doch ehe der altväterische

Klingelton sich vernehmen ließ, merkte er, daß die Türe nur angelehnt

war; er trat durch den unbeleuchteten Vorraum in das Wohnzimmer und sah

sofort, daß er zu spät gekommen war. Die grün verhängte Petroleumlampe,

die von der niederen Decke herabhing, warf einen matten Schein über die

Bettdecke, unter der regungslos ein schmaler Körper hingestreckt lag.

Das Antlitz des Toten war überschattet, doch Fridolin kannte es so gut,

daß er es in aller Deutlichkeit zu sehen vermeinte -- hager, runzlig,

hochgestirnt, mit dem weißen, kurzen Vollbart, den auffallend häßlichen

weißbehaarten Ohren. Marianne, die Tochter des Hofrats, saß am Fußende

des Bettes mit schlaff herabhängenden Armen, wie in tiefster Ermüdung.

Es roch nach alten Möbeln, Medikamenten, Petroleum, Küche; auch ein

wenig nach Kölnisch Wasser und Rosenseife, und irgendwie spürte Fridolin

auch den süßlich faden Geruch dieses blassen Mädchens, das noch

jung war und seit Monaten, seit Jahren in schwerer häuslicher Arbeit,

anstrengender Krankenpflege und Nachtwachen langsam verblühte.

Als der Arzt eingetreten war, hatte sie den Blick zu ihm gewandt, doch

in der kärglichen Beleuchtung sah er kaum, ob ihre Wangen sich röteten

wie sonst, wenn er erschien. Sie wollte sich erheben, eine Handbewegung

Fridolins verwehrte es ihr, sie nickte ihm mit großen, aber trüben Augen

einen Gruß zu. Er trat an das Kopfende des Bettes, berührte mechanisch

die Stirn des Toten, dessen Arme, die in weiten offenen Hemdärmeln über

der Bettdecke lagen, dann senkte er mit leichtem Bedauern die Schultern,

steckte die Hände in die Taschen seines Pelzrockes, ließ den Blick im

Zimmer umherschweifen und endlich auf Marianne verweilen. Ihr Haar war

reich und blond, aber trocken, der Hals wohlgeformt und schlank, doch

nicht ganz faltenlos und von gelblicher Tönung, und die Lippen wie von

vielen ungesagten Worten schmal.

»Nun ja,« sagte er flüsternd und fast verlegen, »mein liebes Fräulein,

es trifft Sie wohl nicht unvorbereitet.«

Sie streckte ihm die Hand entgegen. Er nahm sie teilnahmsvoll,

fragte pflichtgemäß nach dem Verlauf des letzten tödlichen Anfalls,

sie berichtete sachlich und kurz und sprach dann von den letzten,

verhältnismäßig guten Tagen, in denen Fridolin den Kranken nicht mehr

gesehen hatte. Fridolin hatte einen Stuhl herangerückt, setzte sich

Marianne gegenüber und gab ihr tröstend zu bedenken, daß ihr Vater in

den letzten Stunden kaum gelitten haben dürfte; dann erkundigte er sich,

ob Verwandte verständigt seien. Ja; die Hausbesorgerin sei schon auf

dem Weg zum Onkel, und jedenfalls werde bald Herr Doktor Roediger

erscheinen, »mein Verlobter«, setzte sie hinzu und blickte Fridolin auf

die Stirn statt ins Auge.

Fridolin nickte nur. Er war Doktor Roediger im Verlaufe eines Jahres

zwei- oder dreimal hier im Hause begegnet. Der überschlanke, blasse,

junge Mensch mit kurzem, blondem Vollbart und Brille, Dozent für

Geschichte an der Wiener Universität, hatte ihm recht gut gefallen, ohne

weiter sein Interesse anzuregen. Marianne sähe sicher besser aus, dachte

er, wenn sie seine Geliebte wäre. Ihr Haar wäre weniger trocken, ihre

Lippen röter und voller. Wie alt mag sie sein? fragte er sich weiter.

Als ich zum erstenmal zum Hofrat gerufen wurde, vor drei oder vier

Jahren, war sie dreiundzwanzig. Damals lebte ihre Mutter noch. Sie war

heiterer, als ihre Mutter noch lebte. Hat sie nicht eine kurze Zeit

hindurch Gesangslektionen genommen? Also diesen Dozenten wird sie

heiraten. Warum tut sie das? Verliebt ist sie gewiß nicht in ihn, und

viel Geld dürfte er auch nicht haben. Was wird das für eine Ehe werden?

Nun, eine Ehe wie tausend andere. Was kümmert's mich. Es ist wohl

möglich, daß ich sie niemals wiedersehen werde, denn nun habe ich in

diesem Hause nichts mehr zu tun. Ach, wie viele Menschen habe ich nie

mehr wiedergesehen, die mir näher standen als sie.

Während ihm diese Gedanken durch den Kopf gingen, hatte Marianne

von dem Verstorbenen zu reden begonnen, -- mit einer gewissen

Eindringlichkeit, als wäre er durch die einfache Tatsache seines Todes

plötzlich ein merkwürdigerer Mensch geworden. Also wirklich erst

vierundfünfzig Jahre war er alt gewesen? Freilich, die vielen Sorgen und

Enttäuschungen, die Gattin immer leidend, -- und der Sohn hatte ihm so

viel Kummer bereitet! Wie, sie besaß einen Bruder? Gewiß. Sie hatte es

dem Doktor doch schon einmal erzählt. Der Bruder lebte jetzt irgendwo im

Auslande, da drin in Mariannens Kabinett hing ein Bild, das er im Alter

von fünfzehn Jahren gemalt hatte. Es stellte einen Offizier dar, der

einen Hügel hinuntersprengt. Der Vater hatte immer getan, als sähe er

das Bild überhaupt nicht. Aber es war ein gutes Bild. Der Bruder hätte

es schon weiterbringen können unter günstigern Umständen.

Wie erregt sie spricht, dachte Fridolin, und wie ihre Augen glänzen!

Fieber? Wohl möglich. Sie ist magerer geworden in der letzten Zeit.

Spitzenkatarrh vermutlich.

Sie sprach immer weiter, aber ihm schien, als wüßte sie gar nicht recht,

zu wem sie sprach; oder als spräche sie zu sich selbst. Zwölf Jahre war

der Bruder nun fort vom Haus, ja, sie war noch ein Kind gewesen, als

er plötzlich verschwand. Vor vier oder fünf Jahren zu Weihnachten war

die letzte Nachricht von ihm gekommen, aus einer kleinen italienischen

Stadt. Sonderbar, sie hatte den Namen vergessen. So redete sie noch eine

Weile gleichgültige Dinge, ohne Notwendigkeit, fast ohne Zusammenhang,

bis sie mit einemmal schwieg und nun stumm dasaß, den Kopf in den

Händen. Fridolin war müde und noch mehr gelangweilt, wartete sehnlich,

daß jemand käme, die Verwandten oder der Verlobte. Das Schweigen im

Raume lastete schwer. Es war ihm, als schwiege der Tote mit ihnen; nicht

etwa weil er nun unmöglich mehr reden konnte, sondern absichtsvoll und

mit Schadenfreude.

Und mit einem Seitenblick auf ihn sagte Fridolin: »Jedenfalls, wie die

Dinge nun einmal liegen, ist es gut, Fräulein Marianne, daß Sie nicht

mehr allzulange in dieser Wohnung bleiben müssen«, -- und da sie den

Kopf ein wenig hob, ohne aber zu Fridolin aufzuschauen -- »Ihr Bräutigam

wird wohl bald eine Professur erhalten; an der philosophischen Fakultät

liegen ja die Verhältnisse in dieser Beziehung günstiger als bei uns.«

-- Er dachte daran, daß er vor Jahren auch eine akademische Laufbahn

angestrebt, daß er aber bei seiner Neigung zu einer behaglicheren

Existenz sich am Ende für die praktische Ausübung seines Berufes

entschieden hatte; -- und plötzlich kam er sich dem vortrefflichen

Doktor Roediger gegenüber als der Geringere vor.

»Im Herbst werden wir übersiedeln,« sagte Marianne, ohne sich zu regen,

»er hat eine Berufung nach Göttingen.«

»Ah«, sagte Fridolin und wollte eine Art Glückwunsch anbringen, aber

das schien ihm wenig angemessen in diesem Augenblick und in dieser

Umgebung. Er warf einen Blick nach dem geschlossenen Fenster und, ohne

vorher um Erlaubnis zu fragen, wie in Ausübung eines ärztlichen Rechtes

öffnete er beide Flügel und ließ die Luft herein, die, indes noch wärmer

und frühlingshafter geworden, einen linden Duft aus den erwachenden

fernen Wäldern mitzubringen schien. Als er sich wieder ins Zimmer

wandte, sah er die Augen Mariannens wie fragend auf sich gerichtet.

Er trat näher zu ihr hin und bemerkte: »Die frische Luft wird Ihnen

hoffentlich wohl tun. Es ist geradezu warm geworden, und gestern nacht«

-- er wollte sagen: fuhren wir im Schneegestöber von der Redoute nach

Hause, aber er formte rasch den Satz um und ergänzte: »Gestern abend lag

der Schnee noch einen halben Meter hoch in den Straßen.«

Sie hörte kaum, was er sagte. Ihre Augen wurden feucht, große Tränen

liefen ihr über die Wangen herab und wieder verbarg sie ihr Gesicht in

den Händen. Unwillkürlich legte er seine Hand auf ihren Scheitel und

strich ihr über die Stirn. Er fühlte, wie ihr Körper zu zittern begann,

sie schluchzte in sich hinein, kaum hörbar zuerst, allmählich lauter,

endlich ganz ungehemmt. Mit einemmal war sie vom Sessel herabgeglitten,

lag Fridolin zu Füßen, umschlang seine Knie mit den Armen und

preßte ihr Antlitz daran. Dann sah sie zu ihm auf mit weit offenen,

schmerzlich-wilden Augen und flüsterte heiß: »Ich will nicht fort von

hier. Auch wenn Sie niemals wiederkommen, wenn ich Sie niemals mehr

sehen soll; ich will in Ihrer Nähe leben.«

Er war mehr ergriffen als erstaunt; denn er hatte es immer gewußt, daß

sie in ihn verliebt war oder sich einbildete, es zu sein.

»Stehen Sie doch auf, Marianne«, sagte er leise, beugte sich zu ihr

herab, richtete sie milde auf und dachte: natürlich ist auch Hysterie

dabei. Er warf einen Seitenblick auf den toten Vater. Ob er nicht alles

hört, dachte er. Vielleicht ist er scheintot? Vielleicht ist jeder

Mensch in diesen ersten Stunden nach dem Verscheiden nur scheintot --?

Er hielt Marianne in den Armen, aber zugleich etwas entfernt von sich,

und drückte beinahe unwillkürlich einen Kuß auf ihre Stirn, was ihm

selbst ein wenig lächerlich vorkam. Flüchtig erinnerte er sich eines

Romans, den er vor Jahren gelesen und in dem es geschah, daß ein ganz

junger Mensch, ein Knabe fast, am Totenbett der Mutter von ihrer

Freundin verführt, eigentlich vergewaltigt wurde. Im selben Augenblick,

er wußte nicht warum, mußte er seiner Gattin denken. Bitterkeit gegen

sie stieg in ihm auf und ein dumpfer Groll gegen den Herrn in Dänemark

mit der gelben Reisetasche auf der Hotelstiege. Er zog Marianne fester

an sich, doch verspürte er nicht die geringste Erregung; eher flößte ihm

der Anblick des glanzlos trockenen Haares, der süßlich-fade Geruch ihres

ungelüfteten Kleides einen leichten Widerwillen ein. Nun ertönte die

Glocke draußen, er fühlte sich wie erlöst, küßte Marianne die Hand

rasch, gleichwie in Dankbarkeit, und ging öffnen. Es war Doktor Roediger,

der in der Tür stand, in dunkelgrauem Havelock, mit Überschuhen, einen

Regenschirm in der Hand, mit einem den Umständen angemessenen ernsten

Gesichtsausdruck. Die beiden Herren nickten einander zu, vertrauter, als

es ihren tatsächlichen Beziehungen entsprach. Dann traten sie beide ins

Zimmer, Roediger drückte Marianne nach einem befangenen Blick auf den

Toten seine Teilnahme aus; Fridolin begab sich ins Nebenzimmer, um

die ärztliche Todesanzeige abzufassen, drehte die Gasflamme über

dem Schreibtisch höher, und sein Blick fiel auf das Bildnis des

weißuniformierten Offiziers, der mit geschwungenem Säbel den Hügel

hinabsprengte, einem unsichtbaren Feind entgegen. Es war in einen

altgoldenen schmalen Rahmen gespannt und wirkte nicht viel besser als

ein bescheidener Öldruck.

Mit dem ausgefüllten Totenschein trat Fridolin wieder in den Nebenraum,

wo am Bett des Vaters, die Hände ineinander verschlungen, die Brautleute

saßen.

Wieder ertönte die Türglocke, Doktor Roediger erhob sich und ging

öffnen; indessen sagte Marianne, unhörbar fast, auf den Boden blickend:

»Ich liebe dich.« Fridolin erwiderte nur, indem er, nicht ohne

Zärtlichkeit, Mariannens Namen aussprach. Roediger trat wieder ein mit

einem älteren Ehepaar. Es waren der Onkel und die Tante Mariannens;

einige Worte, den Umständen entsprechend, wurden gewechselt, mit der

Befangenheit, die die Anwesenheit eines eben Verstorbenen rings zu

verbreiten pflegt. Das kleine Zimmer sah plötzlich wie von Trauergästen

überfüllt aus, Fridolin erschien sich überflüssig, empfahl sich und

wurde von Roediger zur Tür geleitet, der sich zu einigen Dankesworten

verpflichtet fühlte und die Hoffnung baldiger Wiederbegegnung aussprach.

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