Teil 3 Traumnovelle — original em alemão · Capítulo 3 de 7
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Teil 3

Fridolin, vor dem Haustor, sah zu dem Fenster auf, das er früher

selbst geöffnet hatte; die Flügel zitterten leise im Vorfrühlingswinde.

Die Menschen, die dort oben zurückgeblieben waren, die lebendigen

geradeso wie der Tote, waren ihm in gleicher Weise gespensterhaft

unwirklich. Er selbst erschien sich wie entronnen; nicht so sehr einem

Erlebnis als vielmehr einem schwermütigen Zauber, der keine Macht über

ihn gewinnen sollte. Als einzige Nachwirkung empfand er eine merkwürdige

Unlust, sich nach Hause zu begeben. Der Schnee in den Straßen war

geschmolzen, links und rechts waren kleine schmutzig-weiße Häuflein

aufgeschichtet, die Gasflammen in den Laternen flackerten, von einer

nahen Kirche schlug es elf. Fridolin beschloß, vor dem Schlafengehen

noch eine halbe Stunde in einer stillen Kaffeehausecke nahe seiner

Wohnung zu verbringen, und nahm den Weg durch den Rathauspark. Auf

beschatteten Bänken saß da und dort ein Paar eng aneinandergeschmiegt,

als wäre wirklich schon der Frühling da und die trügerisch-warme

Luft nicht schwanger von Gefahren. Auf einer Bank der Länge nach

ausgestreckt, den Hut in die Stirn gedrückt, lag ein ziemlich zerlumpter

Mensch. Wenn ich ihn aufweckte, dachte Fridolin, und ihm Geld für ein

Nachtlager schenkte? Ach, was wäre damit getan, überlegte er weiter,

dann müßte ich morgen auch für eines sorgen, sonst hätte es ja keinen

Sinn, und am Ende würde ich noch sträflicher Beziehungen mit ihm

verdächtigt. Und er beschleunigte seinen Schritt, wie um jeder Art von

Verantwortung und Versuchung so rasch als möglich zu entfliehen. Warum

gerade der? fragte er sich, Tausende von solchen armen Teufeln gibt's

in Wien allein. Wenn man sich um die alle kümmern wollte, -- um die

Schicksale aller Unbekannten! Und der Tote fiel ihm ein, den er eben

verlassen, und mit einigem Schauer, ja nicht ohne Ekel dachte er

daran, daß in dem langdahingestreckten mageren Leib unter der braunen

Flanelldecke nach ewigen Gesetzen Verwesung und Zerfall ihr Werk schon

begonnen hatten. Und er freute sich, daß er noch lebte, daß für ihn

aller Wahrscheinlichkeit nach all diese häßlichen Dinge noch ferne

waren; ja daß er noch mitten in seiner Jugend stand, eine reizende und

liebenswerte Frau zu eigen hatte und auch noch eine oder mehrere dazu

haben konnte, wenn es ihm gerade beliebte. Zu dergleichen hätte freilich

mehr Muße gehört, als ihm vergönnt war; und es fiel ihm ein, daß er

morgen um acht Uhr früh auf der Abteilung sein, von elf bis eins

Privatpatienten besuchen, nachmittags von drei bis fünf Ordination

halten mußte und daß ihm auch für die Abendstunden noch einige

Krankenbesuche bevorstanden. -- Nun -- hoffentlich würde er wenigstens

nicht wieder mitten in der Nacht geholt werden, wie es ihm heute

geschehen war.

Er überquerte den Rathausplatz, der trüb erglänzte wie ein bräunlicher

Teich, und wandte sich dem heimatlichen Josefstädter Bezirk zu. Von

weitem hörte er dumpfe, regelmäßige Schritte und sah, noch ziemlich

entfernt, eben um eine Straßenecke biegend, einen kleinen Trupp von

Couleurstudenten, die, sechs oder acht an der Zahl, ihm entgegenkamen.

Als die jungen Leute in den Schein einer Laterne gerieten, glaubte er

die blauen Alemannen in ihnen zu erkennen. Er selbst hatte nie einer

Verbindung angehört, aber seinerzeit ein paar Säbelmensuren ausgefochten.

Im Zusammenhang mit dieser Erinnerung an seine Studentenzeit fielen ihm

die roten Dominos ein, die ihn gestern nacht in die Loge gelockt und so

bald wieder schnöde verlassen hatten. Die Studenten waren ganz nahe, sie

redeten laut und lachten; -- ob er nicht einen oder den andern aus dem

Spitale kennen mochte? Doch bei der unsicheren Beleuchtung war es nicht

möglich, die Physiognomien deutlich auszunehmen. Er mußte sich ganz nahe

an die Mauer halten, um nicht mit ihnen zusammenzustoßen; -- jetzt waren

sie vorbei; nur der zuletzt ging, ein langer Kerl im offnen Winterrock,

eine Binde über dem linken Auge, schien geradezu absichtlich ein

Stückchen zurückzubleiben und stieß mit seitlich abgestrecktem Ellbogen

an ihn an. Es konnte kein Zufall sein. Was fällt dem Kerl ein, dachte

Fridolin und blieb unwillkürlich stehen; der andere nach zwei Schritten

tat desgleichen, und so sahen sie einander einen Moment lang aus mäßiger

Entfernung in die Augen. Plötzlich aber wandte Fridolin sich wieder ab

und ging weiter. Er hörte ein kurzes Lachen hinter sich, -- fast hätte

er sich nochmals umgewandt, um den Burschen zu stellen, aber er

verspürte ein sonderbares Herzklopfen --ganz wie einmal vor zwölf oder

vierzehn Jahren, als es so heftig an seine Tür gepocht hatte, während

das anmutige junge Ding bei ihm war, das immer von einem entfernt

lebenden, wahrscheinlich gar nicht existierenden Bräutigam zu faseln

liebte; es war auch tatsächlich nur der Briefträger gewesen, der so

drohend gepocht hatte. -- Und geradeso wie damals fühlte er jetzt sein

Herz klopfen. Was ist das, fragte er sich ärgerlich und merkte nun, daß

ihm die Knie ein wenig zitterten. Feig --? Unsinn, erwiderte er sich

selbst. Soll ich mich mit einem betrunkenen Studenten herstellen, ich,

ein Mann von fünfunddreißig Jahren, praktischer Arzt, verheiratet, Vater

eines Kindes! -- Kontrahage! Zeugen! Duell! Und am Ende wegen einer

solchen dummen Rempelei einen Hieb in den Arm? Und für ein paar Wochen

berufsunfähig? -- Oder ein Auge heraus? -- Oder gar Blutvergiftung --?

Und in acht Tagen so weit wie der Herr in der Schreyvogelgasse unter

der Bettdecke aus braunem Flanell! Feig --? Drei Säbelmensuren hatte er

ausgefochten, und auch zu einem Pistolenduell war er einmal bereit

gewesen, und nicht auf =seine= Veranlassung war die Sache damals gütlich

beigelegt worden. Und sein Beruf! Gefahren von allen Seiten und in jedem

Augenblick, --man vergaß nur immer wieder dran. Wie lange war es denn

her, daß das diphtheritiskranke Kind ihm ins Gesicht gehustet hatte?

Drei oder vier Tage, nicht mehr. Das war immerhin eine bedenklichere

Sache als so eine kleine Säbelfechterei. Und er hatte überhaupt nicht

mehr daran gedacht. Nun, wenn er dem Kerl wieder begegnete, ließ sich

die Angelegenheit immer noch ins reine bringen. Keineswegs war er

verpflichtet, um Mitternacht auf dem Weg von einem Kranken oder auch

zu einem Kranken, das hätte ja schließlich auch der Fall sein können,

-- nein, er war wirklich nicht verpflichtet, auf solch eine alberne

Studentenrempelei zu reagieren. Wenn jetzt zum Exempel der junge Däne

ihm entgegenkäme, mit dem Albertine -- ach nein, was fiel ihm denn nur

ein? Nun -- es war ja doch nicht anders, als wenn sie seine Geliebte

gewesen wäre. Schlimmer noch. Ja, der sollte ihm jetzt entgegenkommen.

Oh, eine wahre Wonne wäre es, dem irgendwo in einer Waldlichtung

gegenüberzustehen und auf die Stirn mit dem glattgestrichenen Blondhaar

den Lauf einer Pistole zu richten.

Er fand sich, mit einem Male, schon über sein Ziel hinaus in einer

engen Gasse, durch die nur ein paar armselige Dirnen auf nächtlichen

Männerfang umherstrichen. Gespenstisch, dachte er. Und auch die

Studenten mit den blauen Kappen wurden ihm plötzlich gespenstisch in

der Erinnerung, ebenso Marianne, ihr Verlobter, Onkel und Tante, die er

sich nun alle, Hand in Hand, um das Totenbett des alten Hofrats gereiht

vorstellte; auch Albertine, die ihm nun im Geist als tief Schlafende,

die Arme unter dem Nacken verschränkt, vorschwebte, -- sogar sein Kind,

das jetzt zusammengerollt in dem schmalen weißen Messingbettchen lag,

und das rotbäckige Fräulein mit dem Muttermal an der linken Schläfe,

--sie alle waren ihm völlig ins Gespenstische entrückt. Und in dieser

Empfindung, obzwar sie ihn ein wenig schaudern machte, war zugleich

etwas Beruhigendes, das ihn von aller Verantwortung zu befreien, ja aus

jeder menschlichen Beziehung zu lösen schien.

Eines der herumstreifenden Mädchen forderte ihn zum Mitgehen auf. Es war

ein zierliches, noch ganz junges Geschöpf, sehr blaß mit rotgeschminkten

Lippen. Könnte gleichfalls mit Tod enden, dachte er, nur nicht =so=

rasch! Auch Feigheit? Im Grunde schon. Er hörte ihre Schritte, bald ihre

Stimme hinter sich. »Willst nicht mitkommen, Doktor?«

Unwillkürlich wandte er sich um. »Woher kennst du mich?« fragte er.

»Ich kenn' Ihnen nicht,« sagte sie, »aber in dem Bezirk sind ja alle

Doktors.«

Seit seiner Gymnasiastenzeit hatte er mit einem Frauenzimmer dieser Art

nichts zu tun gehabt. Geriet er plötzlich in seine Knabenjahre zurück,

daß dieses Geschöpf ihn reizte? Er erinnerte sich eines flüchtigen

Bekannten, eines eleganten jungen Mannes, dem man ein fabelhaftes

Glück bei Frauen nachsagte, mit dem er als Student nach einem Ball

in einem Nachtlokal gesessen hatte und der, ehe er sich mit einer der

gewerbsmäßigen Besucherinnen entfernte, Fridolins etwas verwunderten

Blick mit den Worten erwidert hatte: »Es bleibt immer das Bequemste;

-- und die Schlimmsten sind es auch nicht.«

»Wie heißt du?« fragte Fridolin.

»No, wie wir i denn heißen? Mizzi natürlich.« Schon hatte sie den

Schlüssel im Haustor umgedreht, trat in den Flur und wartete, daß

Fridolin ihr folgte.

»G'schwind!« sagte sie, als er zögerte. Plötzlich stand er neben ihr,

das Tor fiel hinter ihm zu, sie sperrte ab, zündete ein Wachskerzchen an

und leuchtete ihm vor. -- Bin ich verrückt? fragte er sich. Ich werde

sie natürlich nicht anrühren.

In ihrem Zimmer brannte eine Öllampe. Sie drehte den Docht weiter auf,

es war ein ganz behaglicher Raum, nett gehalten und jedenfalls roch es

da viel angenehmer als zum Beispiel in Mariannens Behausung. Freilich,

-- hier hatte kein alter Mann monatelang krank gelegen. Das Mädchen

lächelte, näherte sich ohne Zudringlichkeit Fridolin, der sie sanft

abwehrte. Dann wies sie auf einen Schaukelstuhl, in den er sich gerne

sinken ließ.

»Bist gewiß sehr müd«, meinte sie. Er nickte. Und sie, während sie sich

ohne Hast entkleidete:

»Na ja, so ein Mann, was der den ganzen Tag zu tun hat. Da hat's

unsereiner leichter.«

Er merkte, daß ihre Lippen gar nicht geschminkt, sondern von einem

natürlichen Rot gefärbt waren, und machte ihr ein Kompliment darüber.

»Ja warum soll ich mich denn schminken?« fragte sie. »Was glaubst denn

du, wie alt ich bin?«

»Zwanzig?« riet Fridolin.

»Siebzehn«, sagte sie, setzte sich auf seinen Schoß und schlang wie ein

Kind den Arm um seinen Nacken.

Wer auf der Welt möchte vermuten, dachte er, daß ich mich jetzt gerade

in diesem Raum befinde? Hätte ich selbst es vor einer Stunde, vor zehn

Minuten für möglich gehalten? Und -- warum? Warum? Sie suchte mit ihren

Lippen die seinen, er bog sich zurück, sie sah ihn groß, etwas traurig

an, ließ sich von seinem Schoß heruntergleiten. Fast tat es ihm leid,

denn in ihrer Umschlingung war viel tröstende Zärtlichkeit gewesen.

Sie nahm einen roten Schlafrock, der über der Lehne des offenen Bettes

hing, schlüpfte hinein und preßte die Arme über der Brust zusammen, so

daß ihre ganze Gestalt verhüllt war.

»Ist's dir jetzt recht?« fragte sie ohne Spott, wie schüchtern, als gäbe

sie sich Mühe, ihn zu verstehen. Er wußte kaum, was antworten.

»Du hast es richtig erraten«, sagte er dann, »ich bin wirklich müd,

und ich finde es sehr angenehm, hier im Schaukelstuhl zu sitzen und

dir einfach zuzuhören. Du hast so eine liebe, sanfte Stimme. Red' nur,

erzähl' mir was.«

Sie saß auf dem Bett und schüttelte den Kopf.

»Du fürchtest dich halt,« sagte sie leise, -- und dann vor sich hin,

kaum vernehmlich, »schad'!«

Dieses letzte Wort jagte eine heiße Welle durch sein Blut. Er trat

zu ihr hin, wollte sie umfassen, erklärte ihr, daß sie ihm völliges

Vertrauen einflöße, und sprach damit sogar die Wahrheit. Er zog sie an

sich, er warb um sie, wie um ein Mädchen, wie um eine geliebte Frau.

Sie widerstand, er schämte sich und ließ endlich ab.

Sie sagte:

»Man kann ja nicht wissen, irgendeinmal muß es ja doch kommen. Du hast

ganz recht, wenn du dich fürchten tust. Und wenn was passiert, dann

möchtest du mich verfluchen.«

Die Banknoten, die er ihr bot, lehnte sie mit solcher Bestimmtheit ab,

daß er nicht weiter in sie dringen konnte. Sie nahm einen schmalen

blauen Wollschal um, zündete eine Kerze an, leuchtete ihm, begleitete

ihn hinab und sperrte das Tor auf. »Ich bleib heut schon z' Haus«, sagte

sie. Er nahm ihre Hand und küßte sie unwillkürlich. Sie sah erstaunt,

fast erschrocken zu ihm auf, dann lachte sie verlegen und beglückt. »Wie

einer Fräuln«, sagte sie.

Das Tor fiel hinter ihm zu, und Fridolin prägte mit einem raschen Blick

seinem Gedächtnis die Hausnummer ein, um in der Lage zu sein, dem lieben

armen Ding morgen Wein und Näschereien heraufzuschicken.

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