Teil 4 Traumnovelle — original em alemão · Capítulo 4 de 7
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Teil 4

Es war indes noch etwas wärmer geworden. Der laue Wind brachte in die

enge Gasse einen Duft von feuchten Wiesen und fernem Bergfrühling. Wohin

jetzt? dachte Fridolin, als wäre es nicht das Selbstverständliche,

endlich nach Hause zu gehen und sich schlafen zu legen. Aber dazu konnte

er sich nicht entschließen. Wie heimatlos, wie hinausgestoßen erschien

er sich seit der widerwärtigen Begegnung mit den Alemannen ... Oder seit

Mariannens Geständnis? -- Nein, länger schon -- seit dem Abendgespräch

mit Albertine rückte er immer weiter fort aus dem gewohnten Bezirk

seines Daseins in irgendeine andere, ferne, fremde Welt.

Er wandelte kreuz und quer durch die nächtlichen Straßen, ließ den

leichten Föhn um seine Stirne wehen, und endlich, entschlossenen

Schritts, als wäre er nun an ein langgesuchtes Ziel gelangt, trat er in

ein Kaffeehaus niederen Ranges ein, das altwienerisch gemütlich, nicht

besonders geräumig, mäßig beleuchtet und zu dieser späten Stunde nur

wenig besucht war.

In einer Ecke spielten drei Herren Karten; ein Kellner, der ihnen

bisher zugeschaut hatte, half Fridolin beim Ablegen des Pelzes, nahm

seine Bestellung entgegen und legte ihm illustrierte Zeitungen und

Abendblätter auf den Tisch. Fridolin erschien sich wie geborgen und

begann flüchtig die Journale zu durchblättern. Da und dort blieb sein

Blick haften. In irgendeiner böhmischen Stadt waren deutschsprachige

Straßentafeln heruntergerissen worden. In Konstantinopel gab es eine

Konferenz wegen eines Bahnbaus in Kleinasien, an der auch Lord Cranford

teilnahm. Die Firma Benies & Weingruber war insolvent geworden. Die

Prostituierte Anna Tiger hatte auf ihre Freundin Hermine Drobizky

ein Eifersuchtsattentat mit Vitriol verübt. Heute abend fand ein

Heringsschmaus in den Sophiensälen statt. Ein junges Mädchen Marie B.,

wohnhaft Schönbrunner Hauptstraße 28, hatte sich mit Sublimat vergiftet.

-- Alle diese Tatsachen, die gleichgültigen und die traurigen, in ihrer

trockenen Alltäglichkeit wirkten irgendwie ernüchternd und beruhigend

auf Fridolin. Das junge Mädchen, Marie B., tat ihm leid; Sublimat,

wie dumm. In dieser Sekunde, während er gemütlich im Café sitzt und

Albertine ruhig schläft mit im Nacken verschränkten Armen und der

Hofrat schon alles irdische Leid überwunden hat, windet sich Marie B.,

Schönbrunner Hauptstraße 28, in sinnlosen Schmerzen.

Er blickte von der Zeitung auf. Da sah er von einem gegenüberliegenden

Tisch zwei Augen auf sich gerichtet. War es möglich? Nachtigall --? Der

hatte ihn schon erkannt, hob freudig überrascht beide Arme, trat auf

Fridolin zu, ein großer, ziemlich breiter, beinahe plumper, noch junger

Mensch mit langem, leicht gelocktem, blondem, schon etwas graumeliertem

Haar und einem blonden, in polnischer Art herunterhängenden Schnurrbart.

Er trug einen offenen grauen Havelock, darunter einen etwas speckigen

Frack, ein zerdrücktes Hemd mit drei falschen Brillantknöpfen, einen

zerknitterten Kragen und eine flatternde weiße Seidenkrawatte. Seine

Lider waren gerötet wie von vielen durchwachten Nächten, doch die Augen

strahlten heiter und blau.

»Du bist in Wien, Nachtigall?« rief Fridolin.

»Du weißt nicht«, sagte Nachtigall in polnisch weichem Akzent mit

mäßigem jüdischen Beiklang. »Wie weißt du nicht? Ich bin doch so

beriehmt.« Er lachte laut und gutmütig und setzte sich Fridolin

gegenüber.

»Wie?« fragte Fridolin. »Vielleicht Professor der Chirurgie geworden im

geheimen?«

Nachtigall lachte noch heller auf: »Hast du mich jetzt nicht geheert?

Jetzt äben?«

»Wieso gehört? -- Ach ja!« Und nun erst kam es Fridolin zu Bewußtsein,

daß er während seines Eintretens, ja schon früher, als er sich dem

Kaffeehaus genähert, aus irgendeiner Kellertiefe Klavierspiel

heraufklingen gehört hatte. »Also das warst du?« rief er aus.

»Wer denn als ich?« lachte Nachtigall.

Fridolin nickte. Natürlich, -- dieser eigentümlich energische Anschlag,

diese sonderbaren, etwas willkürlichen aber wohlklingenden Harmonien der

linken Hand waren ihm ja gleich so bekannt vorgekommen. »Also du hast

dich ganz darauf verlegt?« meinte er. Er erinnerte sich, daß Nachtigall

das Studium der Medizin schon nach der zweiten, sogar geglückten, wenn

auch mit siebenjähriger Verspätung abgelegten Vorprüfung in Zoologie,

endgültig aufgegeben hatte. Doch noch durch geraume Zeit hatte er sich

in Krankenhaus, Seziersaal, Laboratorien und Hörsälen herumgetrieben, wo

er mit seinem blonden Künstlerkopf, seinem stets zerknitterten Kragen,

der flatternden, einst weiß gewesenen Krawatte eine auffallende, im

heiteren Sinn populäre und nicht nur bei Kollegen sondern auch bei

manchen Professoren geradezu beliebte Figur vorgestellt hatte. Sohn

eines jüdischen Branntweinschenkers in einem polnischen Nest war er

seinerzeit aus der Heimat nach Wien gekommen, um Medizin zu studieren.

Die geringfügigen elterlichen Unterstützungen waren von Anfang an kaum

der Rede wert gewesen, und überdies bald gänzlich eingestellt worden,

was ihn nicht hinderte, auch weiterhin im Riedhof an einem Stammtisch

von Medizinern zu erscheinen, dem auch Fridolin angehörte. Die Bezahlung

seiner Zeche hatte von einem gewissen Zeitpunkt an jedesmal ein anderer

der wohlhabenderen Kollegen übernommen. Auch Kleidungsstücke erhielt er

manchmal zum Geschenk, was er sich gleichfalls gern und ohne falschen

Stolz gefallen ließ. Schon in seinem Heimatstädtchen hatte er bei einem

dort gestrandeten Pianisten die Anfangsgründe des Klavierspielens

gelernt, und in Wien als Studiosus medicinae besuchte er zugleich das

Konservatorium, wo er angeblich als vielversprechendes pianistisches

Talent galt. Aber auch hier war er nicht ernst und fleißig genug, um

sich regelrecht weiter auszubilden; und bald ließ er es sich an seinen

musikalischen Erfolgen im Kreise seiner Bekannten, vielmehr an dem

Vergnügen, das er ihnen durch sein Klavierspiel bereitete, vollauf

genügen. Eine Zeitlang wirkte er in einer vorstädtischen Tanzschule

als Pianist. Universitätskollegen und Tischgenossen versuchten ihn in

besseren Häusern in gleicher Eigenschaft einzuführen, doch spielte er

bei solcher Gelegenheit immer nur, was ihm eben und solange es ihm

beliebte, ließ sich mit den jungen Damen in Unterhaltungen ein, die von

seiner Seite nicht immer harmlos geführt waren, und trank mehr, als er

vertragen konnte. Einmal spielte er im Hause eines Bankdirektors zum

Tanze auf. Nachdem er schon vor Mitternacht durch anzüglich-galante

Bemerkungen die vorbeitanzenden jungen Mädchen in Verlegenheit gebracht

und bei ihren Herren Anstoß erregt hatte, fiel es ihm ein, einen wüsten

Cancan zu spielen und mit seinem gewaltigen Baß ein zweideutiges Couplet

dazu zu singen. Der Bankdirektor verwies es ihm heftig. Nachtigall,

wie von seliger Heiterkeit erfüllt, erhob sich, umarmte den Direktor,

dieser, empört, fauchte, obwohl selbst Jude, dem Pianisten ein

landesübliches Schimpfwort ins Gesicht, das Nachtigall unverzüglich

mit einer gewaltigen Ohrfeige quittierte -- womit seine Laufbahn in

den besseren Häusern der Stadt endgültig abgeschlossen erschien. In

intimeren Zirkeln wußte er sich im allgemeinen anständiger zu betragen,

wenn man auch bei solchen Gelegenheiten in vorgerückten Stunden manchmal

genötigt war, ihn gewaltsam aus dem Lokal zu entfernen. Doch am nächsten

Morgen waren solche Zwischenfälle von allen Beteiligten verziehen und

vergessen. -- Eines Tages, seine Kollegen hatten längst alle ihre Studien

beendet, war er plötzlich ohne Abschied aus der Stadt verschwunden.

Einige Monate hindurch trafen noch Kartengrüße von ihm aus verschiedenen

russischen und polnischen Städten ein; und einmal, ohne weitere

Erklärung, wurde Fridolin, den Nachtigall stets besonders in sein Herz

geschlossen hatte, nicht nur durch einen Gruß, sondern durch die Bitte

um einen mäßigen Geldbetrag an Nachtigalls Existenz erinnert. Fridolin

sandte die Summe unverzüglich ab, ohne jemals einen Dank oder sonst ein

Lebenszeichen von Nachtigall zu erhalten.

In diesem Augenblick aber, um dreiviertel ein Uhr nachts, nach acht

Jahren, bestand Nachtigall darauf, dieses Versäumnis unverzüglich

gutzumachen, und in genau stimmender Anzahl entnahm er Banknoten einer

ziemlich defekten Brieftasche, die übrigens leidlich gefüllt war, so

daß Fridolin sich die Rückzahlung mit gutem Gewissen durfte gefallen

lassen ...

»Also es geht dir gut«, meinte er lächelnd, wie zu seiner eigenen

Beruhigung.

»Kann nicht klagen«, erwiderte Nachtigall. Und seine Hand auf Fridolins

Arm legend: »Aber jetzt sag' einmal, wie kommst du mitten in der Nacht

daher?«

Fridolin erklärte seine Anwesenheit zu so später Stunde mit dem

dringenden Bedürfnis, nach einem nächtlichen Krankenbesuch noch eine

Tasse Kaffee zu sich zu nehmen; verschwieg aber, ohne recht zu wissen

warum, daß er seinen Patienten nicht mehr am Leben getroffen. Dann

äußerte er sich ganz im allgemeinen über seine ärztliche Tätigkeit an

der Poliklinik und seine Privatpraxis und erwähnte, daß er verheiratet,

glücklich verheiratet und Vater eines sechsjährigen Mädchens sei.

Nun berichtete Nachtigall. Er hatte sich, wie Fridolin richtig vermutet,

die ganzen Jahre über als Pianist in allen möglichen polnischen,

rumänischen, serbischen und bulgarischen Städten und Städtchen

fortgebracht, in Lemberg lebte ihm eine Frau mit vier Kindern; -- und er

lachte hell, als wäre es ausnehmend lustig, vier Kinder zu haben, alle

in Lemberg und alle von ein und derselben Frau. Seit dem vergangenen

Herbst hielt er sich wieder in Wien auf. Das Varieté, das ihn engagiert

hatte, war sofort verkracht, nun spielte er in den verschiedensten

Lokalen, wie es sich eben fügte, manchmal auch in zweien oder dreien

in derselben Nacht, hier unten zum Beispiel, im Keller, -- kein sehr

vornehmes Etablissement, wie er bemerkte, eigentlich eine Art von

Kegelbahn, und was das Publikum anbelangt ... »Aber wenn man für vier

Kinder zu sorgen hat und eine Frau in Lemberg« -- und er lachte wieder,

nicht mehr ganz so lustig wie vorher. »Auch privat habe ich manchmal zu

tun«, fügte er rasch hinzu. Und als er ein erinnerndes Lächeln auf

Fridolins Antlitz gewahrte, -- »nicht bei Bankdirektoren und soo, nein,

in allen mäglichen Kreisen, auch gräßere, äffentliche und gehäime.«

»Geheime?«

Nachtigall blickte düster-pfiffig vor sich bin. »Sofort werd' ich

wieder abgeholt.«

»Wie, heute noch spielst du?«

»Ja, dort fangt es nämlich erst um zwei an.«

»Das ist ja besonders fein«, sagte Fridolin.

»Ja und nein«, lachte Nachtigall, wurde aber gleich wieder ernst.

»Ja und nein --?« wiederholte Fridolin neugierig.

Nachtigall beugte sich über den Tisch zu ihm.

»Ich spielle heute in einem Privathaus, aber wem es gehärt, weiß ich

nicht.«

»Du spielst also heute zum erstenmal dort?« fragte Fridolin mit

steigendem Interesse.

»Nein, das drittemal. Aber es wird wahrscheinlich wieder ein anderes

Haus sein.«

»Das versteh' ich nicht.«

»Ich auch nicht«, lachte Nachtigall. »Besser du fragst nicht.«

»Hm«, machte Fridolin.

»Oh, du irrst dich. Nicht was du glaubst. Ich hab' schon viel gesehen,

man glaubt nicht, in solchen kleinen Städten -- besonders Rumänien --,

man erläbt vieles. Aber hier...« Er schlug den gelben Fenstervorhang ein

wenig zurück, blickte auf die Straße hinaus und sagte wie für sich:

»Noch nicht da,« -- dann zu Fridolin, erklärend, »nämlich der Wagen.

Immer holt mich ein Wagen ab, und immer ein anderer.«

»Du machst mich neugierig, Nachtigall«, meinte Fridolin kühl.

»Här' zu«, sagte Nachtigall nach einigem Zögern. »Wenn ich einem auf der

Welt vergennte -- aber, wie macht man nur --«, und plötzlich: »Hast du

Courage?«

»Sonderbare Frage«, sagte Fridolin im Ton eines beleidigten

Couleurstudenten.

»Ich meine nicht soo.«

»Also wie meinst du eigentlich? Wozu braucht man bei dieser Gelegenheit

so besondere Courage? Was kann einem denn passieren?« Und er lachte kurz

und verächtlich.

»Mir kann nichts passieren, heechstens, daß ich zum letzten Male heite

-- aber das ist vielleicht auch soo.« Er schwieg und blickte wieder

durch den Vorhangspalt hinaus.

»Na also?«

»Wie meinst du?« fragte Nachtigall wie aus einem Traum.

»Erzähl' doch weiter. Wenn du schon einmal angefangen hast ... Geheime

Veranstaltung? Geschlossene Gesellschaft? Geladene Gäste?«

»Ich weiß nicht. Neilich waren dreißig Menschen, das erstemal nur

sechzehn.«

»Ein Ball?«

»Natürlich ein Ball.« Er schien jetzt zu bereuen, daß er überhaupt

gesprochen hatte.

»Und du machst Musik dazu?«

»Wieso dazu? Ich weiß nicht wozu. Wirklich, ich weiß nicht. Ich spielle,

ich spielle -- mit verbundene Augen.«

»Nachtigall, Nachtigall, was singst du da für ein Lied!«

Nachtigall seufzte leise. »Aber leider nicht ganz verbunden. Nicht so,

daß ich gar nichts sehe. Ich seh' nämlich im Spiegel durch das schwarze

Seidentuch über meine Augen ...« Und wieder schwieg er.

»Mit einem Wort,« sagte Fridolin ungeduldig und verächtlich, fühlte sich

aber sonderbar erregt ... »nackte Frauenzimmer.«

»Sag' nicht Frauenzimmer, Fridolin,« erwiderte Nachtigall wie beleidigt,

»solche Weiber hast du nie gesehen.«

Fridolin räusperte sich leicht. »Und wie hoch ist das Entrée?« fragte er

beiläufig.

»Billetts meinst du und soo? Ha, was fallt dir ein.«

»Also wie verschafft man sich Eintritt?« fragte Fridolin mit gepreßten

Lippen und trommelte auf die Tischplatte.

»Parolle mußt du kennen, und jedesmal ist eine andere.«

»Und die heutige?«

»Weiß ich noch nicht. Erfahr' ich erst vom Kutscher.«

»Nimm mich mit, Nachtigall.«

»Unmeglich, zu gefährlich.«

»Vor einer Minute hattest du doch selbst die Absicht ... mir zu

'vergennen'. Es wird schon möglich sein.«

Nachtigall betrachtete ihn prüfend. »So wie du bist -- kenntest du auf

keinen Fall, nämlich alle sind maskiert, Herren und Damen. Hast du

eine Maske bei dir und soo? Unmeglich. Vielleicht nächstes Mal. Werde

mir was ausspekulieren.« Er horchte auf und blickte wieder durch den

Vorhangspalt auf die Straße, und aufatmend: »Da ist der Wagen. Adieu.«

Fridolin hielt ihn beim Arm fest. »So kommst du mir nicht davon. Du

wirst mich mitnehmen.«

»Aber Kollega ...«

»Überlaß mir alles Weitere. Ich weiß schon, daß es 'gefährlich' ist,

-- vielleicht lockt mich gerade das.«

»Aber ich sage dir schon -- ohne Kostim und Larve --«

»Es gibt Maskenleihanstalten.«

»Um ein Uhr früh --!«

»Hör' einmal zu, Nachtigall. Ecke Wickenburgstraße befindet sich so

ein Unternehmen. Täglich gehe ich ein paarmal an der Tafel vorbei.«

Und hastig, in wachsender Erregung: »Du bleibst hier noch eine

Viertelstunde, Nachtigall, ich versuch' indessen dort mein Glück. Der

Besitzer der Leihanstalt wohnt vermutlich im gleichen Haus. Wenn nicht

-- dann verzichte ich eben. Das Schicksal soll entscheiden. Im selben

Haus ist ein Café, Café Vindobona heißt es, glaube ich. Du sagst dem

Kutscher -- daß du in dem Café irgend etwas vergessen hast, gehst

hinein, ich warte nah der Tür, du sagst mir rasch die Parole, steigst

wieder in deinen Wagen; ich, wenn es mir gelungen ist, ein Kostüm zu

bekommen, nehme mir rasch einen andern, fahre dir nach --das Weitere muß

sich finden. Dein Risiko, Nachtigall, mein Ehrenwort, trage ich in jedem

Falle mit.«

Nachtigall hatte einige Male versucht, Fridolin zu unterbrechen, doch

vergeblich. Fridolin warf die Zeche auf den Tisch mit einem allzu

reichlichen Trinkgeld, wie ihm das in den Stil dieser Nacht zu passen

schien, und ging. Draußen stand ein geschlossener Wagen, unbeweglich

auf dem Bock saß ein Kutscher, ganz in Schwarz, mit hohem Zylinder;

-- wie eine Trauerkutsche, dachte Fridolin. Nach wenigen Minuten, im

Laufschritt, war er zu dem Eckhaus gelangt, das er suchte, läutete,

erkundigte sich beim Hausmeister, ob der Maskenverleiher Gibiser hier im

Hause wohnte, und hoffte im stillen, daß es nicht der Fall wäre. Aber

Gibiser wohnte tatsächlich hier, im Stockwerk unterhalb der Leihanstalt,

der Hausmeister schien nicht einmal sonderlich erstaunt über den späten

Besuch, sondern, durch das ansehnliche Trinkgeld Fridolins leutselig

gestimmt, bemerkte er, daß während des Faschings gar nicht so selten

auch in solcher Nachtstunde Leute kämen, um Kostüme auszuleihen. Er

leuchtete von unten aus so lange mit der Kerze, bis Fridolin im ersten

Stockwerk geklingelt hatte. Herr Gibiser, als hätte er an der Türe

gewartet, öffnete selbst, er war hager, bartlos, kahl, trug einen

altmodischen geblümten Schlafrock und eine türkische Mütze mit einer

Troddel, so daß er wie ein lächerlicher Alter auf dem Theater aussah.

Fridolin brachte sein Begehren vor und erwähnte, daß der Preis keine

Rolle spiele, worauf Herr Gibiser beinahe wegwerfend bemerkte: »Ich

verlange, was mir zukommt, nicht mehr.«

Er führte Fridolin über eine Wendeltreppe ins Magazin hinauf. Es roch

nach Seide, Samt, Parfüms, Staub und trockenen Blumen; aus schwimmendem

Dunkel blitzte es silbern und rot; und plötzlich glänzten eine Menge

kleiner Lämpchen zwischen offenen Schränken eines engen, langgestreckten

Gangs, der sich rückwärts in Finsternis verlor. Rechts und links hingen

Kostüme aller Art; auf der einen Seite Ritter, Knappen, Bauern, Jäger,

Gelehrte, Orientalen, Narren, auf der anderen Hofdamen, Ritterfräulein,

Bäuerinnen, Kammerzofen, Königinnen der Nacht. Oberhalb der Kostüme

waren die entsprechenden Kopfbedeckungen zu sehen, und es war Fridolin

zumute, als wenn er durch eine Allee von Gehängten schritte, die im

Begriffe wären, sich gegenseitig zum Tanz aufzufordern. Herr Gibiser

ging hinter ihm einher. »Haben der Herr einen besonderen Wunsch? Louis

Quatorze? Directoire? Altdeutsch?«

»Ich brauche eine dunkle Mönchskutte und eine schwarze Larve, nichts

weiter.«

In diesem Augenblick tönte vom Ende des Gangs her ein gläsernes

Geklirr. Fridolin sah dem Maskenverleiher erschrocken ins Gesicht, als

sei dieser zu sofortiger Aufklärung verpflichtet. Gibiser selbst aber

stand starr, tastete nach einem irgendwo versteckten Schalter -- und

eine blendende Helle ergoß sich sofort bis zum Ende des Gangs, wo ein

kleines gedecktes Tischchen mit Tellern, Gläsern und Flaschen zu sehen

war. Von zwei Stühlen rechts und links erhoben sich je ein Femrichter in

rotem Talar, während ein zierliches helles Wesen im selben Augenblick

verschwand. Gibiser stürzte mit langen Schritten hin, griff über den

Tisch und hielt eine weiße Perücke in der Hand, während zugleich unter

dem Tisch sich hervorschlängelnd ein anmutiges, ganz junges Mädchen,

fast noch ein Kind, im Pierrettenkostüm mit weißen Seidenstrümpfen durch

den Gang bis zu Fridolin gelaufen kam, der sie notgedrungen in seinen

Armen auffing. Gibiser hatte die weiße Perücke auf den Tisch fallen

lassen und hielt rechts und links die Femrichter an den Falten ihrer

Talare fest. Zugleich rief er zu Fridolin hin: »Herr, halten Sie mir

das Mädel fest.« Die Kleine preßte sich an Fridolin, als müßte er sie

schützen. Ihr kleines schmales Gesicht war weiß bestäubt, mit einigen

Schönheitspflästerchen bedeckt, von ihren zarten Brüsten stieg ein Duft

von Rosen und Puder auf; -- aus ihren Augen lächelte Schelmerei und

Lust.

»Meine Herren,« rief Gibiser, »Sie bleiben hier so lange, bis ich Sie

der Polizei übergeben habe.«

»Was fällt Ihnen ein?« riefen die beiden. Und wie aus einem Munde: »Wir

sind einer Einladung des Fräuleins gefolgt.«

Gibiser ließ sie beide los, und Fridolin hörte, wie er zu ihnen sagte:

»Hierüber werden Sie nähere Auskunft zu geben haben. Oder sahen Sie

nicht sofort, daß Sie es mit einer Wahnsinnigen zu tun hatten?« und zu

Fridolin gewendet: »Verzeihen Sie den Zwischenfall, mein Herr.«

»Oh, es tut nichts«, sagte Fridolin. Am liebsten wäre er dageblieben

oder hätte die Kleine gleich mitgenommen, wohin immer -- und was immer

daraus gefolgt wäre. Sie sah lockend und kindlich zu ihm auf, wie

gebannt. Die Femrichter am Ende des Ganges unterhielten sich aufgeregt

miteinander, Gibiser wandte sich sachlich an Fridolin mit der Frage:

»Sie wünschen eine Kutte, mein Herr, einen Pilgerhut, eine Larve?«

»Nein,« sagte die Pierrette mit leuchtenden Augen, »einen Hermelinmantel

mußt du diesem Herrn geben und ein rotseidenes Wams.«

»Du rührst dich nicht von meiner Seite«, sagte Gibiser und wies auf eine

dunkle Kutte, die zwischen einem Landsknecht und einem venezianischen

Senator hing. »Diese entspricht Ihrer Größe, hier der passende Hut,

nehmen Sie, rasch.«

Nun meldeten sich von neuem die Femrichter. »Sie werden uns unverzüglich

hinauslassen, Herr Chibisier«, sie sprachen den Namen Gibiser zu

Fridolins Befremden französisch aus.

»Davon kann keine Rede sein,« erwiderte der Maskenverleiher höhnisch,

»vorläufig werden Sie die Freundlichkeit haben, hier meine Rückkehr

abzuwarten.«

Indes fuhr Fridolin in die Kutte, band die Enden der herunterhängenden

weißen Schnur in einen Knoten, Gibiser reichte ihm, auf einer schmalen

Leiter stehend, den schwarzen, breitkrempigen Pilgerhut herunter, und

Fridolin setzte ihn auf; doch dies alles tat er wie unter einem Zwang,

denn immer stärker empfand er es wie eine Verpflichtung, zu bleiben und

der Pierrette in einer drohenden Gefahr beizustehen. Die Larve, die

Gibiser ihm nun in die Hand drückte und die er gleich probierte, roch

nach einem fremdartigen, etwas widerlichen Parfüm.

»Du gehst mir voran«, sagte Gibiser zu der Kleinen und wies gebieterisch

zur Treppe. Pierrette wandte sich um, blickte zum Ende des Gangs und

winkte einen wehmütig-heiteren Abschiedsgruß hin. Fridolin folgte ihrem

Blick; dort standen keine Femrichter mehr, sondern zwei schlanke junge

Herren in Frack und weißer Krawatte, doch beide noch mit den roten

Larven über den Gesichtern. Pierrette schwebte die Wendeltreppe hinab,

Gibiser ging hinter ihr, ihnen folgte Fridolin. Im Vorzimmer unten

öffnete Gibiser eine Tür, die nach den inneren Räumen führte, und sagte

zu Pierrette: »Du gehst augenblicklich zu Bette, verworfenes Geschöpf,

wir sprechen uns, sobald ich mit den Herren oben abgerechnet habe.«

Sie stand in der Türe, weiß und zart, und schüttelte mit einem Blick

auf Fridolin traurig den Kopf. Fridolin erblickte in einem großen

Wandspiegel rechts einen hageren Pilger, der niemand anderer war als

er selbst, und wunderte sich darüber, mit so natürlichen Dingen es

eigentlich zuging.

Pierrette war verschwunden, der alte Maskenverleiher sperrte hinter ihr

ab. Dann öffnete er die Wohnungstür und drängte Fridolin ins Stiegenhaus.

»Verzeihen Sie,« sagte Fridolin, »meine Schuldigkeit ...«

»Lassen Sie, mein Herr, Bezahlung erfolgt bei Rückstellung, ich traue

Ihnen.«

Doch Fridolin rührte sich nicht vom Fleck. »Sie schwören mir, daß Sie

dem armen Kind nichts Böses tun werden?«

»Was kümmert Sie das, Herr?«

»Ich hörte, wie Sie die Kleine vorher als wahnsinnig bezeichneten, -- und

jetzt nannten Sie sie ein verworfenes Geschöpf. Ein auffallender

Widerspruch, Sie werden es nicht leugnen.«

»Nun, mein Herr,« entgegnete Gibiser mit einem Ton wie auf dem Theater,

»ist der Wahnsinnige nicht verworfen vor Gott?«

Fridolin schüttelte sich angewidert.

»Wie immer,« bemerkte er dann, »es wird sich Rat schaffen lassen. Ich

bin Arzt. Wir reden morgen weiter über die Sache.«

Gibiser lachte höhnisch und lautlos. Im Stiegenhaus flammte plötzlich

Licht auf, die Türe zwischen Gibiser und Fridolin schloß sich, und

sofort wurde der Riegel vorgelegt. Fridolin entledigte sich, während

er die Treppe hinunterging, des Huts, der Kutte, der Larve, nahm alles

unter den Arm, der Hausbesorger öffnete das Tor, die Trauerkutsche stand

gegenüber, mit dem unbeweglichen Lenker auf dem Bock. Nachtigall schickte

sich eben an, das Café zu verlassen, und schien nicht sehr angenehm

berührt, daß Fridolin pünktlich zur Stelle war.

»Du hast dir also richtig ein Kostüm verschafft?«

»Wie du siehst. Und die Parole?«

»Du bestehst also darauf?«

»Unbedingt.«

»Also -- Parole ist Dänemark.«

»Bist du toll, Nachtigall?«

»Weshalb toll?«

»Nichts, nichts. -- Ich war zufällig heuer im Sommer an der dänischen

Küste. Also steig ein -- aber nicht gleich, damit ich Zeit habe, mir

drüben einen Wagen zu nehmen.«

Nachtigall nickte, zündete sich gemächlich eine Zigarette an, indes

überquerte Fridolin rasch die Straße, nahm einen Fiaker und wies im

harmlosen Ton, als handle es sich um einen Scherz, seinen Kutscher an,

dem Trauerwagen zu folgen, der sich eben vor ihnen in Bewegung setzte.

Sie fuhren über die Alserstraße, dann unter einem Bahnviadukt der

Vorstadt zu und weiter durch schlecht beleuchtete menschenleere

Nebengassen. Fridolin erwog die Möglichkeit, daß der Kutscher seines

Wagens die Spur des vorderen verlieren könnte; doch so oft er den Kopf

durch das offene Fenster in die unnatürlich warme Luft hinaussteckte,

immer sah er den anderen Wagen in mäßiger Entfernung vor sich, und

unbeweglich saß der Kutscher mit dem hohen schwarzen Zylinder auf dem

Bock. Es könnte auch übel ausgehen, dachte Fridolin. Dabei spürte er

immer noch den Geruch von Rosen und Puder, der von Pierrettens Brüsten

zu ihm aufgestiegen war. An welch einem seltsamen Roman bin ich da

vorübergestreift? fragte er sich. Ich hätte nicht fortgehen sollen,

vielleicht nicht dürfen. Wo bin ich nun eigentlich?

Zwischen bescheidenen Villen in langsamer Steigung ging es hinan. Nun

glaubte Fridolin sich zurechtzufinden; Spaziergänge hatten ihn vor

Jahren manchmal hierhergeführt: es mußte der Galitzinberg sein, den er

hinanfuhr. Zur Linken in der Tiefe sah er die in Dunst verschwimmende,

von tausend Lichtern flimmernde Stadt. Er hörte Räderrollen hinter sich

und blickte aus dem Fenster nach rückwärts. Zwei Wagen fuhren hinter

ihm, und das war ihm lieb, so konnte er dem Trauerkutscher in keinem

Fall verdächtig sein.

Plötzlich, mit einem sehr heftigen Ruck, bog der Wagen seitlich ab, und

zwischen Gittern, Mauern, Abhängen ging es abwärts wie in eine Schlucht.

Fridolin fiel es ein, daß es höchste Zeit war, sich zu maskieren. Er zog

den Pelz aus, fuhr in die Kutte, geradeso wie er jeden Morgen auf der

Spitalabteilung in die Ärmel seines Leinenkittels zu schlüpfen pflegte;

und wie an etwas Erlösendes dachte er daran, daß er in wenigen Stunden

schon, wenn alles gut ging, wie jeden Morgen zwischen den Betten seiner

Kranken herumgehen würde -- ein hilfsbereiter Arzt.

Der Wagen stand still. Wie wär's, dachte Fridolin, wenn ich gar nicht

erst ausstiege -- sondern lieber gleich zurückkehrte? Aber wohin? Zu der

kleinen Pierrette? Oder zu dem Dirnchen in der Buchfeldgasse? Oder zu

Marianne, der Tochter des Verstorbenen? Oder nach Hause? Und mit einem

leichten Schauer empfand er, daß er nirgendshin sich weniger sehnte als

gerade dorthin. Oder war es, weil dieser Weg ihn der weiteste dünkte?

Nein, ich kann nicht zurück, dachte er bei sich. Weiter meinen Weg, und

wär's mein Tod. Er lachte selbst zu dem großen Wort, aber sehr heiter

war ihm dabei nicht zumut.

Ein Gartentor stand weit offen. Die Trauerkutsche vor ihm fuhr eben

tiefer in die Schlucht hinab oder in das Dunkel, das ihm so erschien.

Nachtigall war also jedenfalls schon ausgestiegen. Fridolin sprang

rasch aus dem Wagen, wies den Kutscher an, oben an jener Biegung seine

Rückkehr abzuwarten, so lange es auch dauern sollte. Und um sich seiner

zu versichern, entlohnte er ihn im vorhinein reichlich und versprach

ihm einen gleichen Betrag für die Rückfahrt. Die Wagen, die dem seinen

gefolgt waren, kamen angefahren. Aus dem ersten sah Fridolin eine

verhüllte Frauengestalt steigen; dann trat er in den Garten, nahm die

Larve vor, ein schmaler, vom Hause her beleuchteter Pfad führte bis

zum Tor, zwei Flügel sprangen auf, und Fridolin befand sich in einer

schmalen weißen Vorhalle. Harmoniumklänge tönten ihm entgegen, zwei

Diener in dunkler Livree, die Gesichter grau verlarvt, standen rechts

und links.

»Parole?« umflüsterte es ihn zweistimmig. Und er erwiderte: »Dänemark.«

Der eine Diener nahm seinen Pelz in Empfang und verschwand damit in

einem Nebenraum, der andere öffnete eine Tür, und Fridolin trat in

einen dämmerigen, fast dunklen hohen Saal, der ringsum von schwarzer

Seide umhangen war. Masken, durchaus in geistlicher Tracht, schritten

auf und ab, sechzehn bis zwanzig Personen, Mönche und Nonnen. Die

Harmoniumklänge, sanft anschwellend, eine italienische Kirchenmelodie,

schienen aus der Höhe herabzutönen. In einem Winkel des Saales stand

eine kleine Gruppe, drei Nonnen und zwei Mönche; von dort aus hatte man

sich flüchtig zu ihm hin und gleich wieder, wie mit Absicht, abgewandt.

Fridolin merkte, daß er als einziger das Haupt bedeckt hatte, nahm den

Pilgerhut ab und wandelte so harmlos als möglich auf und nieder; ein

Mönch streifte seinen Arm und nickte einen Gruß; doch hinter der Maske

bohrte sich ein Blick, eine Sekunde lang, tief in Fridolins Augen. Ein

fremdartiger, schwüler Wohlgeruch, wie von südländischen Gärten, umfing

ihn. Wieder streifte ihn ein Arm. Diesmal war es der einer Nonne. Wie

die andern hatte auch sie um Stirn, Haupt und Nacken einen schwarzen

Schleier geschlungen, unter den schwarzen Seidenspitzen der Larve

leuchtete einer blutroter Mund. Wo bin ich? dachte Fridolin. Unter

Irrsinnigen? Unter Verschwörern? Bin ich in die Versammlung irgendeiner

religiösen Sekte geraten? War Nachtigall vielleicht beordert, bezahlt,

irgendeinen Uneingeweihten mitzubringen, den man zum besten haben

wollte? Doch für einen Maskenscherz schien ihm alles zu ernst, zu

eintönig, zu unheimlich. Den Harmoniumklängen hatte sich eine weibliche

Stimme beigesellt, eine altitalienische geistliche Arie tönte durch den

Raum. Alle standen still, schienen zu lauschen, auch Fridolin gab sich

für eine Weile der wundervoll anschwellenden Melodie gefangen. Plötzlich

flüsterte eine weibliche Stimme hinter ihm: »Wenden Sie sich nicht nach

mir um. Noch ist es Zeit, daß Sie sich entfernen. Sie gehören nicht

hierher. Wenn man es entdeckte, erginge es Ihnen schlimm.«

Fridolin schrak zusammen. Eine Sekunde lang dachte er der Warnung zu

folgen. Aber die Neugier, die Lockung und vor allem sein Stolz waren

stärker als jedes Bedenken. Nun bin ich einmal so weit, dachte er, mag

es enden, wie es wolle. Und er schüttelte verneinend den Kopf, ohne sich

umzuwenden.

Da flüsterte die Stimme hinter ihm: »Es täte mir leid um Sie.«

Jetzt wandte er sich um. Er sah den blutroten Mund durch die Spitzen

schimmern, dunkle Augen sanken in die seinen. »Ich bleibe«, sagte er

in einem heroischen Ton, den er nicht an sich kannte, und wandte das

Antlitz wieder ab. Der Gesang schwoll wundersam an, das Harmonium tönte

in einer neuen, durchaus nicht mehr kirchlichen Weise, sondern weltlich,

üppig, wie eine Orgel brausend; und um sich schauend, merkte Fridolin,

daß die Nonnen alle verschwunden waren und sich nur mehr Mönche im Saale

befanden. Auch die Gesangsstimme war indes aus ihrem dunklen Ernst

über einen kunstvoll ansteigenden Triller ins Helle und Jauchzende

übergegangen, statt des Harmoniums aber hatte irdisch und frech ein

Klavier eingesetzt, Fridolin erkannte sofort Nachtigalls wilden,

aufreizenden Anschlag, und die vorher so edle weibliche Frauenstimme

hatte sich in einem letzten grellen, wollüstigen Aufschrei gleichsam

durch die Decke davongeschwungen in die Unendlichkeit. Türen rechts

und links hatten sich aufgetan, auf der einen Seite erkannte Fridolin

am Klavier die verdämmernden Umrisse von Nachtigalls Gestalt, der

gegenüberliegende Raum aber strahlte in blendender Helle, und Frauen

standen unbeweglich da, alle mit dunklen Schleiern um Haupt, Stirn und

Nacken, schwarze Spitzenlarven über dem Antlitz, aber sonst völlig

nackt. Fridolins Augen irrten durstig von üppigen zu schlanken,

von zarten zu prangend erblühten Gestalten; -- und daß jede dieser

Unverhüllten doch ein Geheimnis blieb und aus den schwarzen Masken als

unlöslichste Rätsel große Augen zu ihm herüberstrahlten, das wandelte

ihm die unsägliche Lust des Schauens in eine fast unerträgliche Qual

des Verlangens. Doch wie ihm erging es wohl auch den andern. Die ersten

entzückten Atemzüge wandelten sich zu Seufzern, die nach einem tiefen

Weh klangen; irgendwo entrang sich ein Schrei; -- und plötzlich, als

wären sie gejagt, stürzten sie alle, nicht mehr in ihren Mönchskutten,

sondern in festlichen weißen, gelben, blauen, roten Kavalierstrachten

aus dem dämmerigen Saal zu den Frauen hin, wo ein tolles, beinahe

böses Lachen sie empfing. Fridolin war der einzige, der als Mönch

zurückgeblieben war, und schlich sich, einigermaßen ängstlich, in die

entfernteste Ecke, wo er sich Nachtigall nahe befand, der ihm den Rücken

zugewendet hatte. Fridolin sah wohl, daß Nachtigall eine Binde um die

Augen trug, aber zugleich glaubte er zu bemerken, wie hinter dieser

Binde seine Augen in den hohen Spiegel gegenüber sich bohrten, in dem

die bunten Kavaliere mit ihren nackten Tänzerinnen sich drehten.

Plötzlich stand eine der Frauen neben Fridolin und flüsterte -- denn

niemand, als müßten auch die Stimmen Geheimnis bleiben, sprach ein

lautes Wort --: »Warum so einsam? Warum schließest du dich vom Tanze

aus?«

Fridolin sah, daß von einer anderen Ecke her ihn zwei Edelleute scharf

ins Auge gefaßt hatten, und er vermutete, daß das Geschöpf an seiner

Seite --es war knabenhaft und schlank gewachsen -- zu ihm gesandt war,

ihn zu prüfen und zu versuchen. Trotzdem breitete er die Arme nach ihr

aus, um sie an sich zu ziehen, als ein anderes der Weiber sich von ihrem

Tänzer löste und geradeswegs zu Fridolin gelaufen kam. Er wußte sofort,

daß es seine Warnerin von früher war. Sie stellte sich an, als erblicke

sie ihn zum erstenmal, und flüsterte, doch so vernehmlich, daß man sie

auch in jener anderen Ecke hören mußte: »Bist du endlich zurück?« Und

heiter lachend: »Es ist alles vergeblich, du bist erkannt.« Und zu der

Knabenhaften gewandt: »Laß mir ihn nur für zwei Minuten. Dann sollst du

ihn gleich wieder, wenn du willst, bis zum Morgen haben.« Und leiser zu

ihr, wie freudig: »Er ist es, ja, er.« Die andere erstaunt: »Wirklich?«

und schwebte fort in die Ecke zu den Kavalieren.

»Frage nicht«, sprach nun die Zurückbleibende zu Fridolin, »und wundere

dich über nichts. Ich versuchte sie irrezuführen, aber ich sage dir

gleich: auf die Dauer kann es nicht gelingen. Flieh, ehe es zu spät ist.

Und es kann in jedem Augenblick zu spät sein. Und gib acht, daß man

deine Spur nicht verfolgt. Niemand darf erfahren, wer du bist. Mit

deiner Ruhe, mit dem Frieden deines Daseins wäre es vorbei für immer.

Geh!«

»Seh' ich dich wieder?«

»Unmöglich.«

»So bleib' ich.«

Ein Zittern ging durch ihren nackten Leib, das sich ihm mitteilte und

ihm fast die Sinne umnebelte.

»Es kann nicht mehr auf dem Spiel stehen als mein Leben,« sagte er, »und

das bist du mir in diesem Augenblick wert.« Er faßte ihre Hände,

versuchte sie an sich zu ziehen.

Sie flüsterte wieder, wie verzweifelt: »Geh!«

Er lachte und hörte sich, wie man sich im Traume hört. »Ich sehe ja, wo

ich bin. Ihr seid doch nicht nur darum da, ihr alle, damit man von euerm

Anblick toll wird! Du treibst nur einen besondern Spaß mit mir, um mich

völlig verrückt zu machen.«

»Es wird zu spät, geh!«

Er wollte sie nicht hören. »Es sollte hier keine verschwiegenen

Gemächer geben, in die Paare sich zurückziehen, die sich gefunden haben?

Werden alle, die hier sind, mit höflichen Handküssen voneinander

Abschied nehmen? Sie sehen nicht danach aus.«

Und er wies auf die Paare, die nach den rasenden Klängen des Klaviers in

dem überhellen, spiegelnden Nebenraume weitertanzten, glühende, weiße

Leiber an blaue, rote, gelbe Seide geschmiegt. Ihm war, als kümmerte

sich jetzt niemand um ihn und die Frau neben ihm; sie standen in dem

fast dunklen Mittelsaal ganz allein.

»Vergebliche Hoffnung«, flüsterte sie. »Es gibt hier keine Gemächer, wie

du sie dir träumst. Es ist die letzte Minute. Flieh!«

»Komme mit mir.«

Sie schüttelte heftig den Kopf, wie verzweifelt

Er lachte wieder und kannte sein Lachen nicht »Du hältst mich zum

besten. Sind diese Männer und diese Frauen hierher gekommen, nur um

einander zu entflammen und dann zu verschmähen? Wer kann dir verbieten,

mit mir fortzugehen, wenn du willst?«

Sie atmete tief auf und senkte das Haupt.

»Ah, nun versteh' ich«, sagte er. »Es ist die Strafe, die ihr dem

bestimmt habt, der sich ungeladen einschleicht. Ihr hättet keine

grausamere ersinnen können. Erlasse sie mir. Begnadige mich. Verhänge

eine andere Buße über mich. Nur nicht diese, daß ich ohne dich gehen

soll!«

»Du bist wahnsinnig. Ich kann nicht mit dir von hier fortgehen, so wenig

-- wie mit irgendeinem andern. Und wer versuchen wollte, mir zu folgen,

hätte sein und mein Leben verwirkt.«

Fridolin war wie trunken, nicht nur von ihr, ihrem duftenden Leib,

ihrem rotglühenden Mund, nicht nur von der Atmosphäre dieses Raums, den

wollüstigen Geheimnissen, die ihn hier umgaben; -- er war berauscht und

durstig zugleich von all den Erlebnissen dieser Nacht, deren keines

einen Abschluß gehabt hatte; von sich selbst, von seiner Kühnheit, von

der Wandlung, die er in sich spürte. Und er rührte mit den Händen an

den Schleier, der um ihr Haupt geschlungen war, als wollte er ihn

herunterziehen.

Sie ergriff seine Hände. »Es war eine Nacht, da fiel es einem ein, einer

von uns im Tanz den Schleier von der Stirn zu reißen. Man riß ihm die

Larve vom Gesicht und peitschte ihn hinaus.«

»Und -- sie?«

»Du hast vielleicht von einem schönen, jungen Mädchen gelesen ... es

sind erst wenige Wochen her, die am Tag vor ihrer Hochzeit Gift nahm.«

Er erinnerte sich, auch des Namens. Er nannte ihn. War es nicht ein

Mädchen aus fürstlichem Hause, das mit einem italienischen Prinzen

verlobt gewesen war?

Sie nickte.

Plötzlich stand einer der Kavaliere da, der vornehmste von allen, der

einzige in weißer Tracht; und mit einer kurzen, zwar höflichen, doch

zugleich gebieterischen Verneigung forderte er die Frau, mit der

Fridolin sprach, zu einem Tanze auf. Es war Fridolin, als zögerte sie

einen Augenblick. Doch schon hatte der andere sie umfaßt und wirbelte

mit ihr davon zu den andern Paaren im erleuchteten Nebensaal.

Fridolin fand sich allein, und diese plötzliche Verlassenheit überfiel

ihn wie Frost. Er sah um sich. In diesem Augenblick schien sich niemand

um ihn zu kümmern. Vielleicht war jetzt noch eine letzte Möglichkeit,

sich ungestraft zu entfernen. Was ihn trotzdem in seine Ecke gebannt

hielt, wo er sich nun ungesehen und unbeachtet fühlen durfte -- die

Scheu vor einem ruhmlosen und etwas lächerlichen Rückzug, das ungestillte,

quälende Verlangen nach dem wundersamen Frauenleib, dessen Duft noch

um ihn strich; oder die Erwägung, daß alles, was bisher geschehen,

vielleicht eine Prüfung seines Muts bedeutet hätte und daß ihm die

herrliche Frau als Preis zufallen würde, -- das wußte er selbst nicht.

Jedenfalls aber war ihm klar, daß diese Spannung nicht länger zu

ertragen war, und daß er auf alle Gefahr hin diesem Zustand ein Ende

machen mußte. Wozu immer er sich entschlösse, das Leben konnte es

nicht kosten. Er befand sich vielleicht unter Narren, vielleicht unter

Wüstlingen, gewiß nicht unter Buben oder Verbrechern. Und es kam ihm der

Einfall, unter sie hinzutreten, sich selbst als Eindringling zu bekennen

und sich ihnen in ritterlicher Weise zur Verfügung zu stellen. Nur in

solcher Art, wie mit einem edeln Akkord, durfte diese Nacht abschließen,

wenn sie mehr bedeuten sollte als ein schattenhaft wüstes Nacheinander

von düsteren, trübseligen, skurrilen und lüsternen Abenteuern, deren

doch keines zu Ende gelebt worden war. Und aufatmend machte er sich

bereit.

In diesem Augenblick aber flüsterte es neben ihm: »Parole!« Ein

schwarzer Kavalier war unversehens zu ihm hingetreten, und da Fridolin

nicht gleich erwiderte, stellte er seine Frage ein zweites Mal.

»Dänemark«, sagte Fridolin.

»Ganz recht, mein Herr, dies ist die Parole des Eingangs. Die Parole des

Hauses, wenn ich bitten darf?«

Fridolin schwieg.

»Sie wollen nicht die Güte haben, uns die Parole des Hauses zu sagen?«

Es klang messerscharf.

Fridolin zuckte die Achseln. Der andere trat in die Mitte des Raumes,

erhob die Hand, das Klavierspiel verstummte, der Tanz brach ab. Zwei

andere Kavaliere, einer in Gelb, der andere in Rot, traten herzu. »Die

Parole, mein Herr«, sagten sie beide gleichzeitig.

»Ich habe sie vergessen«, erwiderte Fridolin mit einem leeren Lächeln

und fühlte sich ganz ruhig.

»Das ist ein Unglück,« sagte der Herr in Gelb, »denn es gilt hier

gleich, ob Sie die Parole vergessen oder ob Sie sie nie gekannt haben.«

Die andern männlichen Masken strömten herein, die Türen nach beiden

Seiten schlossen sich. Fridolin stand allein da im Mönchsgewand mitten

unter bunten Kavalieren.

»Die Maske herunter!« riefen einige zugleich. Wie zum Schutz hielt

Fridolin die Arme vor sich hingestreckt. Tausendmal schlimmer wäre es

ihm erschienen, der einzige mit unverlarvtem Gesicht unter lauter Masken

dazustehen, als plötzlich unter Angekleideten nackt. Und mit fester

Stimme sagte er: »Wenn einer von den Herren sich durch mein Erscheinen

in seiner Ehre gekränkt fühlen sollte, so erkläre ich mich bereit, ihm

in üblicher Weise Genugtuung zu geben. Doch meine Maske werde ich nur in

dem Falle ablegen, daß Sie alle das gleiche tun, meine Herren.«

»Es handelt sich hier nicht um Genugtuung,« sagte der rotgekleidete

Kavalier, der bisher noch nicht gesprochen hatte, »sondern um Sühne.«

»Die Maske herunter!« befahl wieder ein anderer mit einer hellen frechen

Stimme, durch die sich Fridolin an den Kommandoton eines Offiziers

erinnert fühlte. »Man wird Ihnen ins Gesicht sagen, was Ihrer harrt,

und nicht in Ihre Larve.«

»Ich nehme sie nicht ab,« sagte Fridolin in noch schärferem Ton, »und

wehe dem, der es wagt, mich zu berühren.«

Irgendein Arm griff plötzlich nach seinem Gesicht, wie um ihm die Maske

herunterzureißen, als plötzlich die eine Tür sich auftat und eine der

Frauen -- Fridolin konnte sich nicht im Zweifel darüber befinden, welche

es war -- dastand, in Nonnentracht, so wie er sie zuerst erblickt hatte.

Hinter ihr aber in dem überhellten Raum waren die andern zu sehen, nackt

mit verhüllten Gesichtern, aneinandergedrängt, stumm, eine verschüchterte

Schar. Doch die Türe schloß sich sofort wieder.

»Laßt ihn,« sagte die Nonne, »ich bin bereit, ihn auszulösen.«

Ein kurzes tiefes Schweigen, als wenn etwas Ungeheueres sich ereignet

hätte, dann wandte sich der schwarze Kavalier, der Fridolin zuerst die

Parole abverlangt hatte, an die Nonne mit den Worten: »Du weißt, was du

damit auf dich nimmst.«

»Ich weiß es.«

Wie ein tiefes Aufatmen ging es durch den Raum.

»Sie sind frei,« sagte der Kavalier zu Fridolin, »verlassen Sie

ungesäumt dieses Haus und hüten Sie sich, weiter nach den Geheimnissen

zu forschen, in deren Vorhof Sie sich eingeschlichen haben. Sollten Sie

irgend jemanden auf unsere Spur zu leiten versuchen, ob es nun glückte

oder nicht; -- Sie wären verloren.«

Fridolin stand unbeweglich. »Auf welche Weise soll -- diese Frau mich

auslösen?« fragte er.

Keine Antwort. Einige Arme wiesen der Türe zu, zum Zeichen, er möge sich

unverzüglich entfernen.

Fridolin schüttelte den Kopf. »Verhängen Sie über mich, meine Herren,

was Ihnen beliebt, ich werde nicht dulden, daß ein anderes menschliches

Wesen für mich bezahlt.«

»An dem Los dieser Frau«, sagte der schwarze Kavalier nun ganz sanft,

»würden Sie doch nichts mehr ändern. Wenn hier ein Versprechen geleistet

wurde, gibt es kein Zurück.«

Die Nonne nickte langsam wie zur Bestätigung. »Geh!« sagte sie zu

Fridolin.

»Nein«, erwiderte dieser in erhöhtem Ton. »Das Leben hat keinen Wert

mehr für mich, wenn ich ohne dich von hier fortgehen soll. Woher du

kommst, wer du bist, ich frage nicht danach. Was kann es Ihnen, meine

unbekannten Herren, bedeuten, ob Sie diese Faschingskomödie, und sei sie

auch auf einen ernsthaften Schluß angelegt, zu Ende spielen oder nicht.

Wer immer Sie sein mögen, meine Herren, Sie führen in jedem Fall noch

eine andere Existenz als diese. Ich aber spiele keinerlei Komödie, auch

nicht hier, und wenn ich es bisher notgedrungen getan habe, so gebe ich

es jetzt auf. Ich fühle, daß ich in ein Schicksal geraten bin, das mit

dieser Mummerei nichts mehr zu tun hat, ich will Ihnen meinen Namen

nennen, ich will meine Larve abtun und nehme alle Folgen auf mich.«

»Hüte dich!« rief die Nonne aus, »du würdest dich verderben, ohne mich

zu retten! Geh!« Und zu den andern gewendet: »Hier bin ich, hier habt

ihr mich -- alle!«

Die dunkle Tracht fiel wie durch einen Zauber von ihr ab, im Glanz

ihres weißen Leibes stand sie da, sie griff nach dem Schleier, der ihr

um Stirn, Haupt und Nacken gewunden war, und mit einer wundersamen

runden Bewegung wand sie ihn los. Er sank zu Boden, dunkle Haare

stürzten ihr über Schultern, Brust und Lenden, -- doch ehe noch

Fridolin das Bild ihres Antlitzes zu erhaschen vermochte, war er von

unwiderstehlichen Armen erfaßt, fortgerissen und zur Türe gedrängt

worden; im Augenblick darauf befand er sich im Vorraum, die Türe hinter

ihm fiel zu, ein verlarvter Bedienter brachte ihm den Pelz, war ihm

beim Anziehen behilflich, und das Haustor öffnete sich. Wie von einer

unsichtbaren Gewalt fortgetrieben eilte er weiter, er stand auf der

Straße, das Licht hinter ihm erlosch, er blickte sich um und sah das

Haus schweigend daliegen mit verschlossenen Fenstern, aus denen kein

Schimmer drang. Daß ich mir nur alles genau einpräge, dachte er vor

allem. Ich muß das Haus wiederfinden, alles Weitere ergibt sich.

Nacht war um ihn, in einiger Entfernung über ihm, dort, wo der Wagen

seiner warten sollte, leuchtete trüb-rötlich eine Laterne. Aus der Tiefe

der Gasse fuhr die Trauerkutsche vor, als hätte er nach ihr gerufen. Ein

Diener öffnete den Schlag.

»Ich habe meinen Wagen«, sagte Fridolin. Der Bediente schüttelte den

Kopf. »Sollte er davongefahren sein, so werde ich zu Fuß nach der Stadt

zurückkehren.«

Der Diener antwortete mit einer Handbewegung so wenig bedientenhafter

Art, daß sie jeden Widerspruch ausschloß. Der Zylinder des Kutschers

ragte lächerlich lang in die Nacht auf. Der Wind blies heftig, über

den Himmel hin flogen violette Wolken. Fridolin konnte sich nach

seinen bisherigen Erlebnissen nicht darüber täuschen, daß ihm nichts

übrigblieb, als in den Wagen zu steigen, der sich auch mit ihm

unverzüglich in Bewegung setzte.

Fridolin fühlte sich entschlossen, auf alle Gefahr hin die Aufklärung

des Abenteuers, sobald es anging, in Angriff zu nehmen. Sein Dasein, so

schien ihm, hatte nicht den geringsten Sinn mehr, wenn es ihm nicht

gelang, die unbegreifliche Frau wiederzufinden, die in dieser Stunde den

Preis für seine Rettung bezahlte. Was für einen, das war allzu leicht zu

erraten. Aber welchen Anlaß hatte sie, sich für ihn zu opfern? Zu opfern

--? War sie überhaupt eine Frau, für die, was ihr nun bevorstand, was

sie nun über sich ergehen ließ, ein Opfer bedeutete? Wenn sie an diesen

Gesellschaften teilnahm -- und es konnte heute nicht zum erstenmal der

Fall sein, da sie sich in die Bräuche so eingeweiht zeigte --, was

mochte ihr daran liegen, einem dieser Kavaliere oder ihnen allen zu

Willen zu sein? Ja, konnte sie überhaupt etwas anderes sein als eine

Dirne? Konnten alle diese Weiber etwas anderes sein? Dirnen -- kein

Zweifel. Auch wenn sie alle noch irgendein zweites, sozusagen bürgerliches

Leben neben diesem führten, das eben ein Dirnenleben war. Und war nicht

alles, was er eben erlebt, wahrscheinlich nur ein infamer Spaß gewesen,

den man sich mit ihm erlaubt hatte? Ein Spaß, der für den Fall, daß sich

einmal ein Unberufener hier einschleichen sollte, schon vorgesehen,

vorbereitet, ja möglicherweise einstudiert war? Und doch, wenn er nun

wieder dieser Frau dachte, die ihn von Anfang an gewarnt hatte, die nun

bereit war, für ihn zu bezahlen -- in ihrer Stimme, in ihrer Haltung, in

dem königlichen Adel ihres unverhüllten Leibes war etwas gewesen, das

unmöglich Lüge sein konnte. Oder hatte vielleicht nur seine, Fridolins

plötzliche Erscheinung als Wunder gewirkt, sie zu verwandeln? Nach

allem, was ihm in dieser Nacht begegnet war, hielt er -- und er war sich

in diesem Gedanken keiner Geckerei bewußt -- auch ein solches Wunder

nicht für unmöglich. Vielleicht gibt es Stunden, Nächte, dachte er, in

denen solch ein seltsamer, unwiderstehlicher Zauber von Männern ausgeht,

denen unter gewöhnlichen Umständen keine sonderliche Macht über das

andere Geschlecht innewohnt?

Der Wagen fuhr immer hügelaufwärts, längst hätte er, wenn's mit rechten

Dingen zuging, in die Hauptstraße einbiegen müssen. Was hatte man

mit ihm vor? Wohin sollte ihn der Wagen bringen? Sollte die Komödie

vielleicht noch eine Fortsetzung finden? Und welcher Art sollte diese

sein? Aufklärung vielleicht? Heiteres Wiederfinden an anderm Ort? Lohn

nach rühmlich bestandener Probe, Aufnahme in die geheime Gesellschaft?

Ungestörter Besitz der herrlichen Nonne --? Die Wagenfenster waren

geschlossen, Fridolin versuchte hinauszublicken; -- sie waren

undurchsichtig. Er wollte die Fenster öffnen, rechts, links, es war

unmöglich; und ebenso undurchsichtig, ebenso fest verschlossen war die

Glaswand zwischen ihm und dem Kutschbock. Er klopfte an die Scheiben,

er rief, er schrie, der Wagen fuhr weiter. Er wollte den Wagenschlag

öffnen, rechts, links, sie gaben keinem Drucke nach, sein neuerliches

Rufen verhallte im Knarren der Räder, im Sausen des Windes. Der Wagen

begann zu holpern, fuhr bergab, immer rascher, Fridolin, von Unruhe,

von Angst erfaßt, war eben daran, eines der blinden Fenster zu

zerschmettern, als der Wagen plötzlich stillstand. Beide Türen öffneten

sich gleichzeitig wie durch einen Mechanismus, als wäre nun Fridolin

ironischerweise die Wahl zwischen rechts und links gegeben. Er sprang

aus dem Wagen, die Türen klappten zu, -- und ohne daß der Kutscher sich

um Fridolin im geringsten gekümmert hatte, fuhr der Wagen davon, über

das freie Feld in die Nacht hinein.

Der Himmel war bedeckt, die Wolken jagten, der Wind pfiff, Fridolin

stand im Schnee, der ringsum eine blasse Helligkeit verbreitete. Er

stand allein mit offenem Pelz über seinem Mönchsgewand, den Pilgerhut

auf dem Kopf, und es war ihm nicht eben heimlich zumute. In einiger

Entfernung lief die breite Straße. Eine Prozession von trübflackernden

Laternen bezeichnete die Richtung nach der Stadt. Fridolin aber lief

geradeaus, den Weg abkürzend, über das mäßig sich senkende, beschneite

Feld nach abwärts, um so rasch als möglich unter Menschen zu gelangen.

Mit durchnäßten Füßen kam er in ein schmales, fast unbeleuchtetes

Gäßchen, schritt zuerst zwischen hohen Planken hin, die im Sturme

ächzten; um die nächste Ecke geriet er in eine etwas breitere Gasse, wo

spärliche kleine Häuser und leere Bauplätze miteinander abwechselten.

Von einer Turmuhr schlug es drei Uhr morgens. Jemand kam Fridolin

entgegen, in kurzer Jacke, die Hände in den Hosentaschen, den Kopf

zwischen die Schultern gezogen, den Hut tief in die Stirne gedrückt.

Fridolin stellte sich wie gegen einen Angriff in Bereitschaft, aber

unerwarteterweise machte der Strolch plötzlich kehrt und lief davon.

Was bedeutet das? fragte sich Fridolin. Dann besann er sich, daß er

unheimlich genug aussehen mochte, nahm den Pilgerhut vom Kopf,

knöpfte den Mantel zu, unter dem das Mönchshabit bis über die Knöchel

schlotterte. Wieder bog er um eine Ecke; er betrat eine vorortliche

Hauptstraße, ein ländlich gekleideter Mensch kam an ihm vorüber und

grüßte, wie man einen Priester grüßt. Der Lichtstrahl einer Laterne fiel

auf die Straßentafel des Eckhauses. Liebhartstal, --also nicht sehr weit

von dem Haus, das er vor kaum einer Stunde verlassen. Eine Sekunde

lockte es ihn, den Weg zurück zu nehmen, in der Nähe des Hauses der

weiteren Dinge zu harren. Doch er stand sofort ab, in der Erwägung, daß

er sich in schlimme Gefahr begeben hätte und der Lösung des Rätsels doch

kaum näher gekommen wäre. Die Vorstellung der Dinge, die sich eben jetzt

in der Villa ereignen mochten, erfüllte ihn mit Grimm, Verzweiflung,

Beschämung und Angst. Dieser Gemütszustand war so unerträglich, daß

Fridolin beinahe bedauerte, von dem Strolch, dem er begegnet war,

nicht angefallen worden zu sein, ja beinahe bedauerte, nicht mit einem

Messerstich zwischen den Rippen an einer Planke in der verlorenen

Gasse zu liegen. So hätte diese unsinnige Nacht mit ihren läppischen,

abgebrochenen Abenteuern am Ende doch eine Art von Sinn erhalten.

So heimzukehren, wie er nun im Begriff war, erschien ihm geradezu

lächerlich. Aber noch war nichts verloren. Morgen war auch ein Tag. Er

schwor sich zu, nicht zu ruhen, ehe er das schöne Weib wiedergefunden,

dessen blendende Nacktheit ihn berauscht hatte. Und nun erst dachte er

an Albertine, -- doch so, als hätte er auch sie erst zu erobern, als

könnte sie, als dürfte sie nicht früher wieder die Seine werden, ehe

er sie mit all den andern von heute nacht, mit der nackten Frau,

mit Pierrette, mit Marianne, mit dem Dirnchen aus der engen Gasse

hintergangen. Und sollte er sich nicht auch bemühen, den frechen

Studenten ausfindig zu machen, der ihn angerempelt hatte, um ihn auf

Säbel, lieber noch auf Pistolen zu fordern? Was lag ihm an eines andern,

was an seinem eigenen Leben? Sollte man es immer nur aus Pflicht, aus

Opfermut aufs Spiel setzen, niemals aus Laune, aus Leidenschaft oder

einfach, um sich mit dem Schicksal zu messen?!

Und wieder fiel ihm ein, daß er möglicherweise schon den Keim einer

Todeskrankheit im Leibe trug. Wäre es nicht zu albern, daran zu sterben,

daß einem ein diphtheriekrankes Kind ins Gesicht gehustet hatte?

Vielleicht war er schon krank. Hatte er nicht Fieber? Lag er in diesem

Augenblick nicht daheim zu Bett, -- und all das, was er erlebt zu haben

glaubte, waren nichts als Delirien gewesen?!

Fridolin riß die Augen so weit auf als möglich, strich sich über Stirn

und Wange, fühlte nach seinem Puls. Kaum beschleunigt. Alles in Ordnung.

Er war völlig wach.

Er ging die Straße weiter, der Stadt zu. Ein paar Marktwagen kamen

hinter ihm, rumpelten vorbei, hin und wieder begegnete er ärmlich

angezogenen Leuten, für die der Tag eben anfing. Hinter einem

Kaffeehausfenster, an einem Tisch, über dem eine Gasflamme flackerte,

saß ein dicker Mensch mit einem Schal um den Hals, den Kopf in die

Hände gestützt und schlief. Die Häuser lagen noch im Dunkel, wenige

vereinzelte Fenster waren erleuchtet. Fridolin glaubte zu fühlen, wie

die Menschen allmählich erwachten, es war ihm, als sähe er sie in ihren

Betten sich recken und rüsten zu ihrem armseligen, sauren Tag. Auch ihm

stand einer bevor, aber doch, nicht armselig und trüb. Und mit einem

seltsamen Herzklopfen ward er sich freudig bewußt, daß er in wenigen

Stunden schon im weißen Leinenkittel zwischen den Betten seiner Kranken

herumgehen würde. An der nächsten Ecke stand ein Einspänner, der

Kutscher schlief auf dem Bock, Fridolin weckte ihn, nannte ihm seine

Adresse und stieg ein.

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