Teil 7 Traumnovelle — original em alemão · Capítulo 7 de 7
Obra Menu

Teil 7

Durch die finsteren menschenleeren Gassen eilte er nach Hause, und

wenige Minuten später, nachdem er, wie vierundzwanzig Stunden vorher,

schon in seinem Ordinationszimmer sich entkleidet hatte, so leise als

möglich betrat er das eheliche Schlafgemach.

Er hörte den gleichmäßig-ruhigen Atem Albertinens und sah die Umrisse

ihres Kopfes sich auf dem weichen Polster abzeichnen. Ein Gefühl von

Zärtlichkeit, ja von Geborgenheit, wie er es nicht erwartet, durchdrang

sein Herz. Und er nahm sich vor, ihr bald, vielleicht morgen schon, die

Geschichte der vergangenen Nacht zu erzählen, doch so, als wäre alles,

was er erlebt, ein Traum gewesen -- und dann, erst wenn sie die ganze

Nichtigkeit seiner Abenteuer gefühlt und erkannt hatte, wollte er ihr

gestehen, daß sie Wirklichkeit gewesen waren. Wirklichkeit? fragte

er sich --, und gewahrte in diesem Augenblick, ganz nahe dem Antlitz

Albertines auf dem benachbarten, auf =seinem= Polster etwas Dunkles,

Abgegrenztes, wie die umschatteten Linien eines menschlichen Gesichts.

Einen Moment nur stand ihm das Herz still, im nächsten schon wußte er,

woran er war, griff nach dem Polster hin und hielt die Maske in der

Hand, die er während der vorigen Nacht getragen, die ihm, während

er heute morgen das Paket zusammengerollt, ohne daß er es bemerkt,

entglitten, und von dem Stubenmädchen oder Albertine selbst gefunden

sein mochte. So konnte er auch nicht daran zweifeln, daß Albertine

nach diesem Fund mancherlei ahnte und vermutlich noch mehr und noch

Schlimmeres, als sich tatsächlich ereignet hatte. Doch die Art, wie

sie ihm das zu verstehen gab, ihr Einfall, die dunkle Larve neben

sich auf das Polster hinzulegen, als hätte sie nun sein, des Gatten,

ihr nun rätselhaft gewordenes Antlitz zu bedeuten, diese scherzhafte,

fast übermütige Art, in der zugleich eine milde Warnung und die

Bereitwilligkeit des Verzeihens ausgedrückt schien, gab Fridolin die

sichere Hoffnung, daß sie, wohl in Erinnerung ihres eigenen Traums --,

was auch geschehen sein mochte, geneigt war, es nicht allzu schwer zu

nehmen. Fridolin aber, mit einem Male am Ende seiner Kräfte, ließ die

Maske zu Boden gleiten, schluchzte, sich selbst ganz unerwartet, laut

und schmerzlich auf, sank neben dem Bette nieder und weinte leise in die

Kissen hinein.

Nach wenigen Sekunden fühlte er eine weiche Hand über seine Haare

streichen. Da erhob er sein Haupt, und aus der Tiefe seines Herzens

entrang sich's ihm: »Ich will dir alles erzählen.«

Sie hob zuerst, wie in leiser Abwehr die Hand; er faßte sie, behielt

sie in der seinen, sah wie fragend und zugleich bittend zu ihr auf, sie

nickte ihm zu und er begann.

Der Morgen dämmerte grau durch die Vorhänge, als Fridolin zu Ende war.

Nicht ein einziges Mal hatte ihn Albertine mit einer neugierigen oder

ungeduldigen Frage unterbrochen. Sie fühlte wohl, daß er ihr nichts

verschweigen wollte und konnte. Ruhig lag sie da, die Arme im Nacken

verschlungen, und schwieg noch lange, als Fridolin schon längst geendet

hatte. Endlich -- er lag an ihrer Seite hingestreckt -- beugte er sich

über sie, und in ihr regungsloses Antlitz mit den großen hellen Augen,

in denen jetzt auch der Morgen aufzugehen schien, fragte er zweifelnd

und hoffnungsvoll zugleich: »Was sollen wir tun, Albertine?«

Sie lächelte, und nach kurzem Zögern erwiderte sie: »Dem Schicksal dankbar

sein, glaube ich, daß wir aus allen Abenteuern heil davongekommen sind

-- aus den wirklichen und aus den geträumten.«

»Weißt du das auch ganz gewiß?« fragte er.

»So gewiß, als ich ahne, daß die Wirklichkeit einer Nacht, ja daß nicht

einmal die eines ganzen Menschenlebens zugleich auch seine innerste

Wahrheit bedeutet.«

»Und kein Traum,« seufzte er leise, »ist völlig Traum.«

Sie nahm seinen Kopf in beide Hände und bettete ihn innig an ihre Brust.

»Nun sind wir wohl erwacht,« sagte sie --, »für lange.«

Für immer, wollte er hinzufügen, aber noch ehe er die Worte ausgesprochen,

legte sie ihm einen Finger auf die Lippen und, wie vor sich hin,

flüsterte sie: »Niemals in die Zukunft fragen.«

So lagen sie beide schweigend, beide wohl auch ein wenig schlummernd und

einander traumlos nah -- bis es wie jeden Morgen um sieben Uhr an die

Zimmertür klopfte, und, mit den gewohnten Geräuschen von der Straße her,

einem sieghaften Lichtstrahl durch den Vorhangspalt und einem hellen

Kinderlachen von nebenan der neue Tag begann.

1/1
Menu

Fazer anotação