Teil 5 Traumnovelle — original em alemão · Capítulo 5 de 7
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Teil 5

Es war vier Uhr morgens, als er die Treppe zu seiner Wohnung

hinaufschritt. Er begab sich vor allem in sein Sprechzimmer, verschloß

das Maskengewand sorgfältig in einen Schrank, und da er es vermeiden

wollte, Albertine zu wecken, legte er Schuhe und Kleider ab, noch ehe

er ins Schlafzimmer trat. Vorsichtig schaltete er das gedämpfte Licht

seiner Nachttischlampe ein. Albertine lag ruhig, die Arme im Nacken

verschlungen, ihre Lippen waren halb geöffnet, schmerzliche Schatten

zogen rings um sie; es war ein Antlitz, das Fridolin nicht kannte.

Er beugte sich über ihre Stirne, die sich sofort, wie unter einer

Berührung, in Falten legte, ihre Mienen verzerrten sich sonderbar;

und plötzlich, immer noch im Schlafe, lachte sie so schrill auf, daß

Fridolin erschrak. Unwillkürlich rief er sie beim Namen. Sie lachte

von neuem, wie zur Antwort, in einer völlig fremden, fast unheimlichen

Weise. Nochmals und lauter rief Fridolin sie an. Nun öffnete sie die

Augen, langsam, mühselig, groß, blickte ihn starr an, als erkenne sie

ihn nicht.

»Albertine!« rief er zum dritten Male. Nun erst schien sie sich zu

besinnen. Ein Ausdruck der Abwehr, der Furcht, ja des Entsetzens trat in

ihr Auge. Sie streckte die Arme empor, sinnlos und wie verzweifelt, ihr

Mund blieb geöffnet.

»Was ist dir?« fragte Fridolin stockenden Atems. Und da sie ihn immer

noch wie mit Entsetzen anstarrte, fügte er wie beruhigend hinzu: »Ich

bin's, Albertine.« Sie atmete tief, versuchte ein Lächeln, ließ die Arme

auf die Bettdecke sinken, und wie aus der Ferne fragte sie: »Ist es

schon Morgen?«

»Bald«, erwiderte Fridolin. »Vier Uhr vorüber. Eben erst bin ich nach

Hause gekommen.« Sie schwieg. Er fuhr fort: »Der Hofrat ist tot. Er

lag schon im Sterben, als ich kam, -- und ich konnte natürlich -- die

Angehörigen nicht gleich allein lassen.«

Sie nickte, schien ihn aber kaum gehört oder verstanden zu haben,

starrte wie durch ihn hindurch ins Leere, und ihm war, -- so unsinnig

ihm selbst der Einfall im gleichen Augenblick erschien, als müßte ihr

bekannt sein, was er in dieser Nacht erlebt hatte. Er neigte sich über

sie und berührte ihre Stirn. Sie erschauerte leicht.

»Was ist dir?« fragte er wieder.

Sie schüttelte nur langsam den Kopf. Er strich ihr über die Haare.

»Albertine, was ist dir?«

»Ich habe geträumt«, sagte sie fern.

»Was hast du denn geträumt?« fragte er mild.

»Ach, so viel. Ich kann mich nicht recht besinnen.«

»Vielleicht doch.«

»Es war so wirr -- und ich bin müde. Und du mußt doch auch müde sein?«

»Nicht im geringsten, Albertine, ich werde kaum mehr schlafen. Du weißt

ja, wenn ich so spät nach Hause komme -- -- das Vernünftigste wäre

eigentlich, ich setzte mich sofort an den Schreibtisch --gerade in

solchen Morgenstunden -- --« Er unterbrach sich. »Aber willst du mir

nicht doch lieber deinen Traum erzählen?« Er lächelte etwas gezwungen.

Sie antwortete: »Du solltest dich doch noch ein wenig hinlegen.«

Er zögerte eine Weile, dann tat er nach ihrem Wunsch und streckte sich

an ihrer Seite aus. Doch er hütete sich, sie zu berühren. Ein Schwert

zwischen uns, dachte er in der Erinnerung an eine halb scherzhafte

Bemerkung gleicher Art, die einmal bei ähnlicher Gelegenheit von seiner

Seite gefallen war. Sie schwiegen beide, lagen mit offenen Augen,

fühlten gegenseitig ihre Nähe, ihre Ferne. Nach einer Weile stützte er

den Kopf auf seinen Arm, betrachtete sie lange, als vermöchte er mehr zu

sehen als nur die Umrisse ihres Antlitzes.

»Deinen Traum!« sagte er plötzlich noch einmal, und es war, als hätte

sie diese Aufforderung nur erwartet. Sie streckte ihm eine Hand

entgegen; er nahm sie, und gewohnheitsmäßig, mehr zerstreut als

zärtlich, hielt er wie spielend ihre schlanken Finger umklammert. Sie

aber begann:

»Erinnerst du dich noch des Zimmers in der kleinen Villa am Wörthersee,

wo ich mit den Eltern im Sommer unserer Verlobung gewohnt habe?«

Er nickte.

»So fing der Traum nämlich an, daß ich in dieses Zimmer trat, ich weiß

nicht woher -- wie eine Schauspielerin auf die Szene. Ich wußte nur, daß

die Eltern sich auf Reisen befanden und mich allein gelassen hatten.

Das wunderte mich, denn morgen sollte unsere Hochzeit sein. Aber das

Brautkleid war noch nicht da. Oder irrte ich mich vielleicht? Ich

öffnete den Schrank, um nachzusehen, da hingen statt des Brautkleides

eine ganze Menge von anderen Kleidern, Kostüme eigentlich, opernhaft,

prächtig, orientalisch. Welches soll ich denn nur zur Hochzeit anziehen?

dachte ich. Da fiel der Schrank plötzlich wieder zu oder war fort, ich

weiß nicht mehr. Das Zimmer war ganz hell, aber draußen vor dem Fenster

war finstere Nacht ... Mit einem Male standest du davor, Galeerensklaven

hatten dich hergerudert, ich sah sie eben im Dunkel verschwinden. Du

warst sehr kostbar gekleidet, in Gold und Seide, hattest einen Dolch mit

Silbergehänge an der Seite und hobst mich aus dem Fenster. Ich war jetzt

auch herrlich angetan, wie eine Prinzessin, beide standen wir im Freien

im Dämmerschein und feine graue Nebel reichten uns bis an die Knöchel.

Es war die wohlvertraute Gegend: dort war der See, vor uns die

Berglandschaft, auch die Landhäuser sah ich, sie standen da wie aus

einer Spielzeugschachtel. Wir zwei aber, du und ich, wir schwebten,

nein, wir flogen über die Nebel hin, und ich dachte: Dies ist also

unsere Hochzeitsreise. Bald aber flogen wir nicht mehr, wir gingen einen

Waldweg hin, den zur Elisabethhöhe, und plötzlich befanden wir uns sehr

hoch im Gebirge in einer Art Lichtung, die auf drei Seiten von Wald

umfriedet war, während rückwärts eine steile Felswand in die Höhe ragte.

Über uns aber war ein Sternenhimmel so blau und weit gespannt, wie er

in Wirklichkeit gar nicht existiert, und das war die Decke unseres

Brautgemachs. Du nahmst mich in die Arme und liebtest mich sehr.«

»Du mich hoffentlich auch«, meinte Fridolin mit einem unsichtbaren bösen

Lächeln.

»Ich glaube, noch viel mehr«, erwiderte Albertine ernst. »Aber, wie

soll ich dir das erklären -- trotz der innigsten Umarmung war unsere

Zärtlichkeit ganz schwermütig wie mit einer Ahnung von vorbestimmtem

Leid. Mit einemmal war der Morgen da. Die Wiese war licht und bunt,

der Wald ringsum köstlich betaut, und über der Felswand zitterten

Sonnenstrahlen. Und wir beide sollten nun wieder zurück in die Welt,

unter die Menschen, es war die höchste Zeit. Doch nun war etwas

Fürchterliches geschehen. Unsere Kleider waren fort. Ein Entsetzen

ohnegleichen erfaßte mich, brennende Scham bis zu innerer Vernichtung,

zugleich Zorn gegen dich, als wärst du allein an dem Unglück schuld;

-- und all das: Entsetzen, Scham, Zorn war an Heftigkeit mit nichts zu

vergleichen, was ich jemals im Wachsein empfunden habe. Du aber im

Bewußtsein deiner Schuld stürztest davon, nackt wie du warst, um

hinabzusteigen und uns Gewänder zu verschaffen. Und als du verschwunden

warst, wurde mir ganz leicht zumut. Du tatest mir weder leid, noch

war ich in Sorge um dich, ich war nur froh, daß ich allein war, lief

glückselig auf der Wiese umher und sang: es war die Melodie eines

Tanzes, die wir auf der Redoute gehört haben. Meine Stimme klang

wundervoll, und ich wünschte, man sollte mich unten in der Stadt hören.

Diese Stadt sah ich nicht, aber ich =wußte= sie. Sie lag tief unter mir

und war von einer hohen Mauer umgeben; eine ganz phantastische Stadt,

die ich nicht schildern kann. Nicht orientalisch, auch nicht eigentlich

altdeutsch, und doch bald das eine, bald das andere, jedenfalls eine

längst und für immer versunkene Stadt. Ich aber lag plötzlich auf der

Wiese hingestreckt im Sonnenglanz, -- viel schöner, als ich je in

Wirklichkeit war, und während ich so dalag, trat aus dem Wald ein Herr,

ein junger Mensch hervor, in einem hellen, modernen Anzug, er sah, wie

ich jetzt weiß, ungefähr aus wie der Däne, von dem ich dir gestern

erzählt habe. Er ging seines Weges, grüßte sehr höflich, als er an mir

vorüberkam, beachtete mich aber nicht weiter, ging geradenwegs auf die

Felswand zu und betrachtete sie aufmerksam, als überlegte er, wie man

sie bezwingen könnte. Zugleich aber sah ich auch dich. Du eiltest in der

versunkenen Stadt von Haus zu Haus, von Kaufladen zu Kaufladen, bald

unter Laubengängen, bald durch eine Art von türkischem Bazar, und

kauftest die schönsten Dinge ein, die du für mich nur finden konntest:

Kleider, Wäsche, Schuhe, Schmuck; -- und all das tatest du in eine

kleine gelblederne Handtasche, in der doch alles Platz fand. Immerfort

aber warst du von einer Menschenmenge verfolgt, die ich nicht wahrnahm,

ich hörte nur ihr dumpfes, drohendes Geheul. Und nun erschien der andere

wieder, der Däne, der früher vor der Felswand stehengeblieben war.

Wieder kam er vom Walde her auf mich zu, --und ich wußte, daß er

indessen um die ganze Welt gewandert war. Er sah anders aus als zuvor,

aber doch war er derselbe. Er blieb wie das erstemal vor der Felswand

stehen, verschwand wieder, dann kam er wieder aus dem Wald hervor,

verschwand, kam aus dem Wald; das wiederholte sich zwei- oder drei-oder

hundertmal. Es war immer derselbe und immer ein anderer, jedesmal grüßte

er, wenn er an mir vorüberkam, endlich aber blieb er vor mir stehen,

sah mich prüfend an, ich lachte verlockend, wie ich nie in meinem Leben

gelacht habe, er streckte die Arme nach mir aus, nun wollte ich fliehen,

doch ich vermochte es nicht, -- und er sank zu mir auf die Wiese hin.«

Sie schwieg. Fridolin war die Kehle trocken, im Dunkel des Zimmers

merkte er, wie Albertine das Gesicht in den Händen gleichsam verborgen

hielt.

»Ein merkwürdiger Traum«, sagte er. »Ist er schon zu Ende?« Und da sie

verneinte: »So erzähl' doch weiter.«

»Es ist nicht so leicht«, begann sie wieder. »In Worten lassen sich

diese Dinge eigentlich kaum ausdrücken. Also -- mir war, als erlebte

ich unzählige Tage und Nächte, es gab weder Zeit noch Raum, es war auch

nicht mehr die von Wald und Fels eingefriedete Lichtung, in der ich

mich befand, es war eine weit, unendlich weithin gedehnte, blumenbunte

Fläche, die sich nach allen Seiten in den Horizont verlor. Ich war auch

längst -- seltsam: dieses längst! -- nicht mehr mit diesem einen Mann

allein auf der Wiese. Aber ob außer mir noch drei oder zehn oder noch

tausend Paare da waren, ob ich sie sah oder nicht, ob ich nur jenem

einen oder auch andern gehörte, ich könnte es nicht sagen. Aber so

wie jenes frühere Gefühl von Entsetzen und Scham über alles im Wachen

Vorstellbare weit hinausging, so gibt es gewiß nichts in unserer

bewußten Existenz, das der Gelöstheit, der Freiheit, dem Glück

gleichkommt, das ich nun in diesem Traum empfand. Und dabei hörte ich

keinen Augenblick lang auf, von dir zu wissen. Ja, ich sah dich, ich

sah, wie du ergriffen wurdest, von Soldaten, glaube ich, auch Geistliche

waren darunter; irgendwer, ein riesengroßer Mensch, fesselte deine

Hände, und ich wußte, daß du hingerichtet werden solltest. Ich wußte

es ohne Mitleid, ohne Schauer, ganz von fern. Man führte dich in einen

Hof, in eine Art von Burghof. Da standest du nun mit nach rückwärts

gefesselten Händen und nackt. Und so wie ich dich sah, obwohl ich

anderswo war, so sahst du auch mich, auch den Mann, der mich in seinen

Armen hielt, und alle die andern Paare, diese unendliche Flut von

Nacktheit, die mich umschäumte und von der ich und der Mann, der mich

umschlungen hielt, gleichsam nur eine Welle bedeuteten. Während du nun

im Burghof standest, erschien an einem hohen Bogenfenster zwischen

roten Vorhängen eine junge Frau mit einem Diadem auf dem Haupt und im

Purpurmantel. Es war die Fürstin des Landes. Sie sah hinab zu dir mit

einem strenge fragenden Blick. Du standest allein, die andern, so viele

es waren, hielten sich abseits, an die Mauern gedrückt, ich hörte ein

tückisches, gefahrdrohendes Murmeln und Raunen. Da beugte sich die

Fürstin über die Brüstung. Es wurde still, und die Fürstin gab dir ein

Zeichen, als gebiete sie dir, zu ihr hinaufzukommen, und ich wußte, daß

sie entschlossen war, dich zu begnadigen. Aber du merktest ihren Blick

nicht oder wolltest ihn nicht bemerken. Plötzlich aber, immer noch mit

gefesselten Händen, doch in einen schwarzen Mantel gehüllt, standest du

ihr gegenüber, nicht etwa in einem Gemach, sondern irgendwie in freier

Luft, schwebend gleichsam. Sie hielt ein Pergamentblatt in der Hand,

dein Todesurteil, in dem auch deine Schuld und die Gründe deiner

Verurteilung aufgezeichnet waren. Sie fragte dich -- ich hörte die Worte

nicht, aber ich wußte es --, ob du bereit seist, ihr Geliebter zu

werden, in diesem Fall war dir die Todesstrafe erlassen. Du schütteltest

verneinend den Kopf. Ich wunderte mich nicht, denn es war vollkommen in

der Ordnung und konnte gar nicht anders sein, als daß du mir auf alle

Gefahr hin und in alle Ewigkeit die Treue halten mußtest. Da zuckte

die Fürstin die Achseln, winkte ins Leere, und da befandest du dich

plötzlich in einem unterirdischen Kellerraum, und Peitschen sausten auf

dich nieder, ohne daß ich die Leute sah, die die Peitschen schwangen.

Das Blut floß wie in Bächen an dir herab, ich sah es fließen, war mir

meiner Grausamkeit bewußt, ohne mich über sie zu wundern. Nun trat

die Fürstin auf dich zu. Ihre Haare waren aufgelöst, flossen um ihren

nackten Leib, das Diadem hielt sie in beiden Händen dir entgegen -- und

ich wußte, daß sie das Mädchen vom dänischen Strande war, das du einmal

des Morgens nackt auf der Terrasse einer Badehütte gesehen hattest. Sie

sprach kein Wort, aber der Sinn ihres Hierseins, ja ihres Schweigens

war, ob du ihr Gatte und der Fürst des Landes werden wolltest. Und da

du wieder ablehntest, war sie plötzlich verschwunden, ich aber sah

zugleich, wie man ein Kreuz für dich aufrichtete; -- nicht unten im

Burghof, nein, auf der blumenübersäten unendlichen Wiese, wo ich in den

Armen eines Geliebten ruhte, unter all den andern Liebespaaren. Dich

aber sah ich, wie du durch altertümliche Gassen allein dahinschrittest

ohne jede Bewachung, doch wußte ich, daß dein Weg dir vorgezeichnet und

jede Flucht unmöglich war. Jetzt gingst du den Waldpfad bergan. Ich

erwartete dich mit Spannung, aber ohne jedes Mitgefühl. Dein Körper war

mit Striemen bedeckt, die aber nicht mehr bluteten. Du stiegst immer

höher hinan, der Pfad wurde breiter, der Wald trat zu beiden Seiten

zurück, und nun standest du am Wiesenrand in einer ungeheuern,

unbegreiflichen Ferne. Doch du grüßtest mich lächelnd mit den Augen,

wie zum Zeichen, daß du meinen Wunsch erfüllt hattest und mir alles

brachtest, wessen ich bedurfte: -- Kleider und Schuhe und Schmuck. Ich

aber fand dein Gebaren über alle Maßen töricht und sinnlos, und es

lockte mich, dich zu verhöhnen, dir ins Gesicht zu lachen, -- und gerade

darum, weil du aus Treue zu mir die Hand einer Fürstin ausgeschlagen,

Foltern erduldet und nun hier heraufgewankt kamst, um einen furchtbaren

Tod zu erleiden. Ich lief dir entgegen, auch du schlugst einen immer

rascheren Gang ein -- ich begann zu schweben, auch du schwebtest in den

Lüften; doch plötzlich entschwanden wir einander, und ich wußte: wir

waren aneinander vorbeigeflogen. Da wünschte ich, du solltest doch

wenigstens mein Lachen hören, gerade während man dich ans Kreuz schlüge.

-- Und so lachte ich auf, so schrill, so laut ich konnte. Das war das

Lachen, Fridolin, --mit dem ich erwacht bin.«

Sie schwieg und blieb ohne jede Regung. Auch er rührte sich nicht und

sprach kein Wort. Jedes wäre in diesem Augenblick matt, lügnerisch

und feig erschienen. Je weiter sie in ihrer Erzählung fortgeschritten

war, um so lächerlicher und nichtiger erschienen ihm seine eigenen

Erlebnisse, so weit sie bisher gediehen waren, und er schwor sich zu,

sie alle zu Ende zu erleben, sie ihr dann getreulich zu berichten und

so Vergeltung zu üben an dieser Frau, die sich in ihrem Traum enthüllt

hatte als die, die sie war, treulos, grausam und verräterisch, und die

er in diesem Augenblick tiefer zu hassen glaubte, als er sie jemals

geliebt hatte.

Nun merkte er, daß er immer noch ihre Finger mit seinen Händen umfaßt

hielt und daß er, wie sehr er diese Frau auch zu hassen gewillt war, für

diese schlanken, kühlen, ihm so vertrauten Finger eine unveränderte,

nur schmerzlicher gewordene Zärtlichkeit empfand; und unwillkürlich, ja

gegen seinen Willen, -- ehe er diese vertraute Hand aus der seinen

löste, berührte er sie sanft mit seinen Lippen.

Albertine öffnete noch immer nicht die Augen, Fridolin glaubte zu

sehen, wie ihr Mund, ihre Stirn, ihr ganzes Antlitz mit beglücktem,

verklärtem, unschuldsvollem Ausdruck lächelte, und er fühlte einen ihm

selbst unbegreiflichen Drang, sich über Albertine zu beugen und auf

ihre blasse Stirn einen Kuß zu drücken. Aber er bezwang sich in der

Erkenntnis, daß es nur die allzu begreifliche Ermüdung nach den

aufwühlenden Ereignissen der letzten Stunden war, die in der

trügerischen Atmosphäre des Ehegemachs sich in sehnsüchtige Zärtlichkeit

verkleidet hatte.

Doch wie immer es in diesem Augenblicke mit ihm stand -- zu welchen

Entschlüssen er im Laufe der nächsten Stunden gelangen sollte, das

dringende Gebot des Augenblicks für ihn war, sich auf eine Weile

wenigstens in Schlaf und Vergessen zu flüchten. Auch in der Nacht, die

dem Tod seiner Mutter gefolgt war, hatte er geschlafen, hatte tief und

traumlos schlafen können, und er sollte es in dieser nicht? Und er

streckte sich an der Seite Albertinens hin, die schon eingeschlummert zu

sein schien. Ein Schwert zwischen uns, dachte er wieder. Und dann: wie

Todfeinde liegen wir hier nebeneinander. Aber es war nur ein Wort.

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