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Also Sprach Zarathustra

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Also Sprach Zarathustra

Capítulo 31 · Also Sprach Zarathustra

Von der Erlösung

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Von der Erlösung

Als Zarathustra eines Tags über die grosse Brücke gieng, umringten ihn
die Krüppel und Bettler, und ein Bucklichter redete also zu ihm:

„Siehe, Zarathustra! Auch das Volk lernt von dir und gewinnt Glauben an
deine Lehre: aber dass es ganz dir glauben soll, dazu bedarf es noch
Eines—du musst erst noch uns Krüppel überreden! Hier hast du nun eine
schöne Auswahl und wahrlich, eine Gelegenheit mit mehr als Einem
Schopfe! Blinde kannst du heilen und Lahme laufen machen; und Dem, der
zuviel hinter sich hat, könntest du wohl auch ein Wenig abnehmen:—das,
meine ich, wäre die rechte Art, die Krüppel an Zarathustra glauben zu
machen!“

Zarathustra aber erwiderte Dem, der da redete, also: „Wenn man dem
Bucklichten seinen Buckel nimmt, so nimmt man ihm seinen Geist—also
lehrt das Volk. Und wenn man dem Blinden seine Augen giebt, so sieht er
zuviel schlimme Dinge auf Erden: also dass er Den verflucht, der ihn
heilte. Der aber, welcher den Lahmen laufen macht, der thut ihm den
grössten Schaden an: denn kaum kann er laufen, so gehn seine Laster mit
ihm durch—also lehrt das Volk über Krüppel. Und warum sollte
Zarathustra nicht auch vom Volke lernen, wenn das Volk von Zarathustra
lernt?

Das ist mir aber das Geringste, seit ich unter Menschen bin, dass ich
sehe: „Diesem fehlt ein Auge und jenem ein Ohr und einem Dritten das
Bein, und Andre giebt es, die verloren die Zunge oder die Nase oder den
Kopf.“

Ich sehe und sah Schlimmeres und mancherlei so Abscheuliches, dass ich
nicht von Jeglichem reden und von Einigem nicht einmal schweigen
möchte: nämlich Menschen, denen es an Allem fehlt, ausser dass sie Eins
zuviel haben—Menschen, welche Nichts weiter sind als ein grosses Auge,
oder ein grosses Maul oder ein grosser Bauch oder irgend etwas
Grosses,—umgekehrte Krüppel heisse ich Solche.

Und als ich aus meiner Einsamkeit kam und zum ersten Male über diese
Brücke gieng: da traute ich meinen Augen nicht und sah hin, und wieder
hin, und sagte endlich: „das ist ein Ohr! Ein Ohr, so gross wie ein
Mensch!“ Ich sah noch besser hin: und wirklich, unter dem Ohre bewegte
sich noch Etwas, das zum Erbarmen klein und ärmlich und schmächtig war.
Und wahrhaftig, das ungeheure Ohr sass auf einem kleinen dünnen
Stiele,—der Stiel aber war ein Mensch! Wer ein Glas vor das Auge nahm,
konnte sogar noch ein kleines neidisches Gesichtchen erkennen; auch,
dass ein gedunsenes Seelchen am Stiele baumelte. Das Volk sagte mir
aber, das grosse Ohr sei nicht nur ein Mensch, sondern ein grosser
Mensch, ein Genie. Aber ich glaubte dem Volke niemals, wenn es von
grossen Menschen redete—und behielt meinen Glauben bei, dass es ein
umgekehrter Krüppel sei, der an Allem zu wenig und an Einem zu viel
habe.“

Als Zarathustra so zu dem Bucklichten geredet hatte und zu Denen,
welchen er Mundstück und Fürsprecher war, wandte er sich mit tiefem
Unmuthe zu seinen Jüngern und sagte:

„Wahrlich, meine Freunde, ich wandle unter den Menschen wie unter den
Bruchstücken und Gliedmaassen von Menschen!

Diess ist meinem Auge das Fürchterliche, dass ich den Menschen
zertrümmert finde und zerstreuet wie über ein Schlacht- und
Schlächterfeld hin.

Und flüchtet mein Auge vom Jetzt zum Ehemals: es findet immer das
Gleiche: Bruchstücke und Gliedmaassen und grause Zufälle—aber keine
Menschen!

Das jetzt und das Ehemals auf Erden—ach! meine Freunde—das, ist _mein_
Unerträglichstes; und ich wüsste nicht zu leben, wenn ich nicht noch
ein Seher wäre, dessen, was kommen muss.

Ein Seher, ein Wollender, ein Schaffender, eine Zukunft selber und eine
Brücke zur Zukunft—und ach, auch noch gleichsam ein Krüppel an dieser
Brücke: das Alles ist Zarathustra.

Und auch ihr fragtet euch oft: „wer ist uns Zarathustra? Wie soll er
uns heissen?“ Und gleich mir selber gabt ihr euch Fragen zur Antwort.

Ist er ein Versprechender? Oder ein Erfüller? Ein Erobernder? Oder ein
Erbender? Ein Herbst? Oder eine Pflugschar? Ein Arzt? Oder ein
Genesener?

Ist er ein Dichter? Oder ein Wahrhaftiger? Ein Befreier? Oder ein
Bändiger? Ein Guter? Oder ein Böser?

Ich wandle unter Menschen als den Bruchstücken der Zukunft: jener
Zukunft, die ich schaue.

Und das ist all mein Dichten und Trachten, dass ich in Eins dichte und
zusammentragen was Bruchstück ist und Räthsel und grauser Zufall.

Und wie ertrüge ich es, Mensch zu sein, wenn der Mensch nicht auch
Dichter und Räthselrather und der Erlöser des Zufalls wäre!

Die Vergangnen zu erlösen und alles „Es war“ umzuschauen in ein „So
wollte ich es!“—das hiesse mir erst Erlösung!

Wille—so heisst der Befreier und Freudebringer: also lehrte ich euch,
meine Freunde! Und nun lernt diess hinzu: der Wille selber ist noch ein
Gefangener.

Wollen befreit: aber wie heisst Das, was auch den Befreier noch in
Ketten schlägt?

„Es war“: also heisst des Willens Zähneknirschen und einsamste Trübsal.
Ohnmächtig gegen Das, was gethan ist—ist er allem Vergangenen ein böser
Zuschauer.

Nicht zurück kann der Wille wollen; dass er die Zeit nicht brechen kann
und der Zeit Begierde,—das ist des Willens einsamste Trübsal.

Wollen befreit: was ersinnt sich das Wollen selber, dass es los seiner
Trübsal werde und seines Kerkers spotte?

Ach, ein Narr wird jeder Gefangene! Närrisch erlöst sich auch der
gefangene Wille.

Dass die Zeit nicht zurückläuft, das ist sein Ingrimm; „Das, was
war“—so heisst der Stein, den er nicht wälzen kann.

Und so wälzt er Steine aus Ingrimm und Unmuth und übt Rache an dem, was
nicht gleich ihm Grimm und Unmuth fühlt.

Also wurde der Wille, der Befreier, ein Wehethäter: und an Allem, was
leiden kann, nimmt er Rache dafür, dass er nicht zurück kann.

Diess, ja diess allein ist _Rache_ selber: des Willens Widerwille gegen
die Zeit und ihr „Es war.“

Wahrlich, eine grosse Narrheit wohnt in unserm Willen; und zum Fluche
wurde es allem Menschlichen, dass diese Narrheit Geist lernte!

Der Geist der Rache: meine Freunde, das war bisher der Menschen bestes
Nachdenken; und wo Leid war, da sollte immer Strafe sein.

„Strafe“ nämlich, so heisst sich die Rache selber: mit einem Lügenwort
heuchelt sie sich ein gutes Gewissen.

Und weil im Wollenden selber Leid ist, darob dass es nicht zurück
wollen kann, —also sollte Wollen selber und alles Leben—Strafe sein!

Und nun wälzte sich Wolke auf Wolke über den Geist: bis endlich der
Wahnsinn predigte: „Alles vergeht, darum ist Alles werth zu vergehn!“

„Und diess ist selber Gerechtigkeit, jenes Gesetz der Zeit, dass sie
ihre Kinder fressen muss“: also predigte der Wahnsinn.

„Sittlich sind die Dinge geordnet nach Recht und Strafe. Oh wo ist die
Erlösung vom Fluss der Dinge und der Strafe Dasein“? Also predigte der
Wahnsinn.

„Kann es Erlösung geben, wenn es ein ewiges Recht giebt? Ach, unwälzbar
ist der Stein „Es war“: ewig müssen auch alle Strafen sein!“ Also
predigte der Wahnsinn.

„Keine That kann vernichtet werden: wie könnte sie durch die Strafe
ungethan werden! Diess, diess ist das Ewige an der Strafe „Dasein“,
dass das Dasein auch ewig wieder That und Schuld sein muss!

Es sei denn, dass der Wille endlich sich selber erlöste und Wollen zu
Nicht-Wollen würde—“: doch ihr kennt, meine Brüder, diess Fabellied des
Wahnsinns!

Weg führte ich euch von diesen Fabelliedern, als ich euch lehrte: „der
Wille ist ein Schaffender.“

Alles „Es war“ ist ein Bruchstück, ein Räthsel, ein grauser Zufall—bis
der schaffende Wille dazu sagt: „aber so wollte ich es!“

Bis der schaffende Wille dazu sagt: „Aber so will ich es! So werde
ich’s wollen!“

Aber sprach er schon so? Und wann geschieht diess? Ist der Wille schon
abgeschirrt von seiner eignen Thorheit?

Wurde der Wille sich selber schon Erlöser und Freudebringer? Verlernte
er den Geist der Rache und alles Zähneknirschen?

Und wer lehrte ihn Versöhnung mit der Zeit, und Höheres als alle
Versöhnung ist?

Höheres als alle Versöhnung muss der Wille wollen, welcher der Wille
zur Macht ist—: doch wie geschieht ihm das? Wer lehrte ihn auch noch
das Zurückwollen?“

—Aber an dieser Stelle seiner Rede geschah es, dass Zarathustra
plötzlich innehielt und ganz einem Solchen gleich sah, der auf das
Äusserste erschrickt. Mit erschrecktem Auge blickte er auf seine
Jünger; sein Auge durchbohrte wie mit Pfeilen ihre Gedanken und
Hintergedanken. Aber nach einer kleinen Weile lachte er schon wieder
und sagte begütigt:

„Es ist schwer, mit Menschen zu leben, weil Schweigen so schwer ist.
Sonderlich für einen Geschwätzigen.“—

Also sprach Zarathustra. Der Bucklichte aber hatte dem Gespräche
zugehört und sein Gesicht dabei bedeckt; als er aber Zarathustra lachen
hörte, blickte er neugierig auf und sagte langsam:

„Aber warum redet Zarathustra anders zu uns als zu seinen Jüngern?“

Zarathustra antwortete: „Was ist da zum Verwundern! Mit Bucklichten
darf man schon bucklicht reden!“

„Gut, sagte der Bucklichte; und mit Schülern darf man schon aus der
Schule schwätzen.

Aber warum redet Zarathustra anders zu seinen Schülern—als zu sich
selber?“—

Also Sprach Zarathustra

Sinopse

Texto original em DE preservado no Literunico para leitura comparada com a edição/tradução da Copa Literunico. Fonte-base: https://www.gutenberg.org/files/7205/7205-0.txt

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