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Also Sprach Zarathustra

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Also Sprach Zarathustra

Capítulo 22 · Also Sprach Zarathustra

Von den berühmten Weisen

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Von den berühmten Weisen

Dem Volke habt ihr gedient und des Volkes Aberglauben, ihr berühmten
Weisen alle!—und _nicht_ der Wahrheit! Und gerade darum zollte man euch
Ehrfurcht.

Und darum auch ertrug man euren Unglauben, weil er ein Witz und Umweg
war zum Volke. So lässt der Herr seine Sclaven gewähren und ergötzt
sich noch an ihrem Übermuthe.

Aber wer dem Volke verhasst ist wie ein Wolf den Hunden: das ist der
freie Geist, der Fessel-Feind, der Nicht-Anbeter, der in Wäldern
Hausende.

Ihn zu jagen aus seinem Schlupfe—das hiess immer dem Volke „Sinn für
das Rechte“ : gegen ihn hetzt es noch immer seine scharfzahnigsten
Hunde.

„Denn die Wahrheit ist da: ist das Volk doch da! Wehe, wehe den
Suchenden!“—also scholl es von jeher.

Eurem Volke wolltet ihr Recht schaffen in seiner Verehrung: das hiesset
ihr „Wille zur Wahrheit,“ ihr berühmten Weisen!

Und euer Herz sprach immer zu sich: „vom Volke kam ich: von dort her
kam mir auch Gottes Stimme.“

Hart-nackig und klug, dem Esel gleich, wart ihr immer als des Volkes
Fürsprecher.

Und mancher Mächtige, der gut fahren wollte mit dem Volke, spannte vor
seine Rosse noch—ein Eselein, einen berühmten Weisen.

Und nun wollte ich, ihr berühmten Weisen, ihr würfet endlich das Fell
des Löwen ganz von euch!

Das Fell des Raubthiers, das buntgefleckte, und die Zotten des
Forschenden, Suchenden, Erobernden!

Ach, dass ich an eure „Wahrhaftigkeit“ glauben lerne, dazu müsstet ihr
mir erst euren verehrenden Willen zerbrechen.

Wahrhaftig—so heisse ich Den, der in götterlose Wüsten geht und sein
verehrendes Herz zerbrochen hat.

Im gelben Sande und verbrannt von der Sonne schielt er wohl durstig
nach den quellenreichen Eilanden, wo Lebendiges unter dunkeln Bäumen
ruht.

Aber sein Durst überredet ihn nicht, diesen Behaglichen gleich zu
werden: denn wo Oasen sind, da sind auch Götzenbilder.

Hungernd, gewaltthätig, einsam, gottlos: so will sich selber der
Löwen-Wille.

Frei von dem Glück der Knechte, erlöst von Göttern und Anbetungen,
furchtlos und fürchterlich, gross und einsam: so ist der Wille des
Wahrhaftigen.

In der Wüste wohnten von je die Wahrhaftigen, die freien Geister, als
der Wüste Herren; aber in den Städten wohnen die gutgefütterten,
berühmten Weisen,—die Zugthiere.

Immer nämlich ziehen sie, als Esel—des _Volkes_ Karren!

Nicht dass ich ihnen darob zürne: aber Dienende bleiben sie mir und
Angeschirrte, auch wenn sie von goldnem Geschirre glänzen.

Und oft waren sie gute Diener und preiswürdige. Denn so spricht die
Tugend: musst du Diener sein, so suche Den, welchem dein Dienst am
besten nützt!

„Der Geist und die Tugend deines Herrn sollen wachsen, dadurch dass du
sein Diener bist: so wächsest du selber mit seinem Geiste und seiner
Tugend!“

Und wahrlich, ihr berühmten Weisen, ihr Diener des Volkes! Ihr selber
wuchset mit des Volkes Geist und Tugend—und das Volk durch euch! Zu
euren Ehren sage ich das!

Aber Volk bleibt ihr mir auch noch in euren Tugenden, Volk mit blöden
Augen,—Volk, das nicht weiss, was _Geist_ ist!

Geist ist das Leben, das selber in’s Leben schneidet: an der eignen
Qual mehrt es sich das eigne Wissen,—wusstet ihr das schon?

Und des Geistes Glück ist diess: gesalbt zu sein und durch Thränen
geweiht zum Opferthier,—wusstet ihr das schon?

Und die Blindheit des Blinden und sein Suchen und Tappen soll noch von
der Macht der Sonne zeugen, in die er schaute,—wusstet ihr das schon?

Und mit Bergen soll der Erkennende _bauen_ lernen! Wenig ist es, dass
der Geist Berge versetzt,—wusstet ihr das schon?

Ihr kennt nur des Geistes Funken: aber ihr seht den Ambos nicht, der er
ist, und nicht die Grausamkeit seines Hammers!

Wahrlich, ihr kennt des Geistes Stolz nicht! Aber noch weniger würdet
ihr des Geistes Bescheidenheit ertragen, wenn sie einmal reden wollte!

Und niemals noch durftet ihr euren Geist in eine Grube von Schnee
werfen: ihr seid nicht heiss genug dazu! So kennt ihr auch die
Entzückungen seiner Kälte nicht.

In Allem aber thut ihr mir zu vertraulich mit dem Geiste; und aus der
Weisheit machtet ihr oft ein Armen- und Krankenhaus für schlechte
Dichter.

Ihr seid keine Adler: so erfuhrt ihr auch das Glück im Schrecken des
Geistes nicht. Und wer kein Vogel ist, soll sich nicht über Abgründen
lagern.

Ihr seid mir Laue: aber kalt strömt jede tiefe Erkenntniss. Eiskalt
sind die innersten Brunnen des Geistes: ein Labsal heissen Händen und
Handelnden.

Ehrbar steht ihr mir da und steif und mit geradem Rücken, ihr berühmten
Weisen! —euch treibt kein starker Wind und Wille.

Saht ihr nie ein Segel über das Meer gehn, geründet und gebläht und
zitternd vor dem Ungestüm des Windes?

Dem Segel gleich, zitternd vor dem Ungestüm des Geistes, geht meine
Weisheit über das Meer—meine wilde Weisheit!

Aber ihr Diener des Volkes, ihr berühmten Weisen,—wie _könntet_ ihr mit
mir gehn!—

Also sprach Zarathustra.

Das Nachtlied

Nacht ist es: nun reden lauter alle springenden Brunnen. Und auch meine
Seele ist ein springender Brunnen.

Nacht ist es: nun erst erwachen alle Lieder der Liebenden. Und auch
meine Seele ist das Lied eines Liebenden.

Ein Ungestilltes, Unstillbares ist in mir; das will laut werden. Eine
Begierde nach Liebe ist in mir, die redet selber die Sprache der Liebe.

Licht bin ich: ach, dass ich Nacht wäre! Aber diess ist meine
Einsamkeit, dass ich von Licht umgürtet bin.

Ach, dass ich dunkel wäre und nächtig! Wie wollte ich an den Brüsten
des Lichts saugen!

Und euch selber wollte ich noch segnen, ihr kleinen Funkelsterne und
Leuchtwürmer droben!—und selig sein ob eurer Licht-Geschenke.

Aber ich lebe in meinem eignen Lichte, ich trinke die Flammen in mich
zurück, die aus mir brechen.

Ich kenne das Glück des Nehmenden nicht; und oft träumte mir davon,
dass Stehlen noch seliger sein müsse, als Nehmen.

Das ist meine Armuth, dass meine Hand niemals ausruht vom Schenken; das
ist mein Neid, dass ich wartende Augen sehe und die erhellten Nächte
der Sehnsucht.

Oh Unseligkeit aller Schenkenden! Oh Verfinsterung meiner Sonne! Oh
Begierde nach Begehren! Oh Heisshunger in der Sättigung!

Sie nehmen von mir: aber rühre ich noch an ihre Seele? Eine Kluft ist
zwischen Geben und Nehmen; und die kleinste Kluft ist am letzten zu
überbrücken.

Ein Hunger wächst aus meiner Schönheit: wehethun möchte ich Denen,
welchen ich leuchte, berauben möchte ich meine Beschenkten:—also
hungere ich nach Bosheit.

Die Hand zurückziehend, wenn sich schon ihr die Hand entgegenstreckt;
dem Wasserfälle gleich zögernd, der noch im Sturze zögert:—also hungere
ich nach Bosheit.

Solche Rache sinnt meine Fülle aus; solche Tücke quillt aus meiner
Einsamkeit.

Mein Glück im Schenken erstarb im Schenken, meine Tugend wurde ihrer
selber müde an ihrem Überflusse!

Wer immer schenkt, dessen Gefahr ist, dass er die Scham verliere; wer
immer austheilt, dessen Hand und Herz hat Schwielen vor lauter
Austheilen.

Mein Auge quillt nicht mehr über vor der Scham der Bittenden; meine
Hand wurde zu hart für das Zittern gefüllter Hände.

Wohin kam die Thräne meinem Auge und der Flaum meinem Herzen? Oh
Einsamkeit aller Schenkenden! Oh Schweigsamkeit aller Leuchtenden!

Viel Sonnen kreisen im öden Räume: zu Allem, was dunkel ist, reden sie
mit ihrem Lichte,—mir schweigen sie.

Oh diess ist die Feindschaft des Lichts gegen Leuchtendes,
erbarmungslos wandelt es seine Bahnen.

Unbillig gegen Leuchtendes im tiefsten Herzen: kalt gegen Sonnen,—also
wandelt jede Sonne.

Einem Sturme gleich fliegen die Sonnen ihre Bahnen, das ist ihr
Wandeln. Ihrem unerbittlichen Willen folgen sie, das ist ihre Kälte.

Oh, ihr erst seid es, ihr Dunklen, ihr Nächtigen, die ihr Wärme schafft
aus Leuchtendem! Oh, ihr erst trinkt euch Milch und Labsal aus des
Lichtes Eutern!

Ach, Eis ist um mich, meine Hand verbrennt sich an Eisigem! Ach, Durst
ist in mir, der schmachtet nach eurem Durste!

Nacht ist es: ach dass ich Licht sein muss! Und Durst nach Nächtigem!
Und Einsamkeit!

Nacht ist es: nun bricht wie ein Born aus mir mein Verlangen,—nach Rede
verlangt mich.

Nacht ist es: nun reden lauter alle springenden Brunnen. Und auch meine
Seele ist ein springender Brunnen.

Nacht ist es: nun erst erwachen alle Lieder der Liebenden. Und auch
meine Seele ist das Lied eines Liebenden.—

Also sang Zarathustra.

Das Tanzlied

Eines Abends gieng Zarathustra mit seinen Jüngern durch den Wald; und
als er nach einem Brunnen suchte, siehe, da kam er auf eine grüne
Wiese, die von Bäumen und Gebüsch still umstanden war: auf der tanzten
Mädchen mit einander. Sobald die Mädchen Zarathustra erkannten, liessen
sie vom Tanze ab; Zarathustra aber trat mit freundlicher Gebärde zu
ihnen und sprach diese Worte:

„Lasst vom Tanze nicht ab, ihr lieblichen Mädchen! Kein Spielverderber
kam zu euch mit bösem Blick, kein Mädchen-Feind.

Gottes Fürsprecher bin ich vor dem Teufel: der aber ist der Geist der
Schwere. Wie sollte ich, ihr Leichten, göttlichen Tänzen feind sein?
Oder Mädchen-Füssen mit schönen Knöcheln?

Wohl bin ich ein Wald und eine Nacht dunkler Bäume: doch wer sich vor
meinem Dunkel nicht scheut, der findet auch Rosenhänge unter meinen
Cypressen.

Und auch den kleinen Gott findet er wohl, der den Mädchen der liebste
ist: neben dem Brunnen liegt er, still, mit geschlossenen Augen.

Wahrlich, am hellen Tage schlief er mir ein, der Tagedieb! Haschte er
wohl zu viel nach Schmetterlingen?

Zürnt mir nicht, ihr schönen Tanzenden, wenn ich den kleinen Gott ein
Wenig züchtige! Schreien wird er wohl und weinen,—aber zum Lachen ist
er noch im Weinen!

Und mit Thränen im Auge soll er euch um einen Tanz bitten; und ich
selber will ein Lied zu seinem Tanze singen:

Ein Tanz- und Spottlied auf den Geist der Schwere, meinen allerhöchsten
grossmächtigsten Teufel, von dem sie sagen, dass er „der Herr der Welt“
sei.“—

Und diess ist das Lied, welches Zarathustra sang, als Cupido und die
Mädchen zusammen tanzten.

In dein Auge schaute ich jüngst, oh Leben! Und in’s Unergründliche
schien ich mir da zu sinken.

Aber du zogst mich mit goldner Angel heraus; spöttisch lachtest du, als
ich dich unergründlich nannte.

„So geht die Rede aller Fische, sprachst du; was _sie_ nicht ergründen,
ist unergründlich.

Aber veränderlich bin ich nur und wild und in Allem ein Weib, und kein
tugendhaftes:

Ob ich schon euch Männern „die Tiefe“ heisse oder „die Treue“, „die
Ewige“, „die Geheimnissvolle.“—

Doch ihr Männer beschenkt uns stets mit den eignen Tugenden—ach, ihr
Tugendhaften!“

Also lachte sie, die Unglaubliche; aber ich glaube ihr niemals und
ihrem Lachen, wenn sie bös von sich selber spricht.

Und als ich unter vier Augen mit meiner wilden Weisheit redete, sagte
sie mir zornig: „Du willst, du begehrst, du liebst, darum allein
_lobst_ du das Leben!“

Fast hätte ich da bös geantwortet und der Zornigen die Wahrheit gesagt;
und man kann nicht böser antworten, als wenn man seiner Weisheit „die
Wahrheit sagt.“

So nämlich steht es zwischen uns Dreien. Von Grund aus liebe ich nur
das Leben —und, wahrlich, am meisten dann, wenn ich es hasse!

Dass ich aber der Weisheit gut bin und oft zu gut: das macht, sie
erinnert mich gar sehr an das Leben!

Sie hat ihr Auge, ihr Lachen und sogar ihr goldnes Angelrüthchen: was
kann ich dafür, dass die Beiden sich so ähnlich sehen?

Und als mich einmal das Leben fragte: Wer ist denn das, die
Weisheit?—da sagte ich eifrig: „Ach ja! die Weisheit!

Man dürstet um sie und wird nicht satt, man blickt durch Schleier, man
hascht durch Netze.

Ist sie schön? Was weiss ich! Aber die ältesten Karpfen werden noch mit
ihr geködert.

Veränderlich ist sie und trotzig; oft sah ich sie sich die Lippe
beissen und den Kamm wider ihres Haares Strich führen.

Vielleicht ist sie böse und falsch, und in Allem ein Frauenzimmer; aber
wenn sie von sich selber schlecht spricht, da gerade verführt sie am
meisten.“

Als ich diess zu dem Leben sagte, da lachte es boshaft und machte die
Augen zu. „Von wem redest du doch? sagte sie, wohl von mir?

Und wenn du Recht hättest,—sagt man _das_ mir so in’s Gesicht! Aber nun
sprich doch auch von deiner Weisheit!“

Ach, und nun machtest du wieder dein Auge auf, oh geliebtes Leben! Und
in’s Unergründliche schien ich mir wieder zu sinken.—

Also sang Zarathustra. Als aber der Tanz zu Ende und die Mädchen
fortgegangen waren, wurde er traurig.

„Die Sonne ist lange schon hinunter, sagte er endlich; die Wiese ist
feucht, von den Wäldern her kommt Kühle.

Ein Unbekanntes ist um mich und blickt nachdenklich. Was! Du lebst
noch, Zarathustra?

Warum? Wofür? Wodurch? Wohin? Wo? Wie? Ist es nicht Thorheit, noch zu
leben?—

Ach, meine Freunde, der Abend ist es, der so aus mir fragt. Vergebt mir
meine Traurigkeit!

Abend ward es: vergebt mir, dass es Abend ward!“

Also sprach Zarathustra.

Das Grablied

„Dort ist die Gräberinsel, die schweigsame; dort sind auch die Gräber
meiner Jugend. Dahin will ich einen immergrünen Kranz des Lebens
tragen.“

Also im Herzen beschliessend fuhr ich über das Meer.—

Oh ihr, meiner Jugend Gesichte und Erscheinungen! Oh, ihr Blicke der
Liebe alle, ihr göttlichen Augenblicke! Wie starbt ihr mir so schnell!
Ich gedenke eurer heute wie meiner Todten.

Also Sprach Zarathustra

Sinopse

Texto original em DE preservado no Literunico para leitura comparada com a edição/tradução da Copa Literunico. Fonte-base: https://www.gutenberg.org/files/7205/7205-0.txt

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