Universo da obra
Universo da obra
von jener langen Mahlzeit, welche „das Abendmahl“ in den
Historien-Büchern genannt wird. Bei derselben aber wurde von nichts
Anderem geredet als _vom höheren Menschen_.
Vom höheren Menschen
Als ich zum ersten Male zu den Menschen kam, da that ich die
Einsiedler-Thorheit, die grosse Thorheit: ich stellte mich auf den
Markt.
Und als ich zu Allen redete, redete ich zu Keinem. Des Abends aber
waren Seiltänzer meine Genossen, und Leichname; und ich selber fast ein
Leichnam.
Mit dem neuen Morgen aber kam mir eine neue Wahrheit: da lernte ich
sprechen „Was geht mich Markt und Pöbel und Pöbel-Lärm und lange
Pöbel-Ohren an!“
Ihr höheren Menschen, Diess lernt von mir: auf dem Markt glaubt Niemand
an höhere Menschen. Und wollt ihr dort reden, wohlan! Der Pöbel aber
blinzelt „wir sind Alle gleich.“
„Ihr höheren Menschen,—so blinzelt der Pöbel—es giebt keine höheren
Menschen, wir sind Alle gleich, Mensch ist Mensch, vor Gott—sind wir
Alle gleich!“
Vor Gott!—Nun aber starb dieser Gott. Vor dem Pöbel aber wollen wir
nicht gleich sein. Ihr höheren Menschen, geht weg vom Markt!
Vor Gott!—Nun aber starb dieser Gott! Ihr höheren Menschen, dieser Gott
war eure grösste Gefahr.
Seit er im Grabe liegt, seid ihr erst wieder auferstanden. Nun erst
kommt der grosse Mittag, nun erst wird der höhere Mensch—Herr!
Verstandet ihr diess Wort, oh meine Brüder? Ihr seid erschreckt: wird
euren Herzen schwindlig? Klafft euch hier der Abgrund? Kläfft euch hier
der Höllenhund?
Wohlan! Wohlauf! Ihr höheren Menschen! Nun erst kreisst der Berg der
Menschen-Zukunft. Gott starb: nun wollen _wir_,—dass der Übermensch
lebe.
Die Sorglichsten fragen heute: „wie bleibt der Mensch erhalten?“
Zarathustra aber fragt als der Einzige und Erste: „wie wird der Mensch
_überwunden_?“
Der Übermensch liegt mir am Herzen, _der_ ist mein Erstes und
Einziges,—und _nicht_ der Mensch: nicht der Nächste, nicht der Ärmste,
nicht der Leidendste, nicht der Beste—
Oh meine Brüder, was ich lieben kann am Menschen, das ist, dass er ein
Übergang ist und ein Untergang. Und auch an euch ist vieles, das mich
lieben und hoffen macht.
Dass ihr verachtetet, ihr höheren Menschen, das macht mich hoffen. Die
grossen Verachtenden nämlich sind die grossen Verehrenden.
Dass ihr verzweifeltet, daran ist Viel zu ehren. Denn ihr lerntet
nicht, wie ihr euch ergäbet, ihr lerntet die kleinen Klugheiten nicht.
Heute nämlich wurden die kleinen Leute Herr: die predigen Alle Ergebung
und Bescheidung und Klugheit und Fleiss und Rücksicht und das lange
Und-so-weiter der kleinen Tugenden.
Was von Weibsart ist, was von Knechtsart stammt und sonderlich der
Pöbel-Mischmasch: _Das_ will nun Herr werden alles
Menschen-Schicksals—oh Ekel! Ekel! Ekel!
_Das_ frägt und frägt und wird nicht müde: „Wie erhält sich der Mensch,
am besten, am längsten, am angenehmsten?“ Damit—sind sie die Herrn von
Heute.
Diese Herrn von Heute überwindet mir, oh meine Brüder,—diese kleinen
Leute: _die_ sind des Übermenschen grösste Gefahr!
Überwindet mir, ihr höheren Menschen, die kleinen Tugenden, die kleinen
Klugheiten, die Sandkorn-Rücksichten, den Ameisen-Kribbelkram, das
erbärmliche Behagen, das „Glück der Meisten“ —!
Und lieber verzweifelt, als dass ihr euch ergebt. Und, wahrlich, ich
liebe euch dafür, dass ihr heute nicht zu leben wisst, ihr höheren
Menschen! So nämlich lebt _ihr_—am Besten!
Habt ihr Muth, oh meine Brüder? Seid ihr herzhaft? _Nicht_ Muth vor
Zeugen, sondern Einsiedler- und Adler-Muth, dem auch kein Gott mehr
zusieht?
Kalte Seelen, Maulthiere, Blinde, Trunkene heissen mir nicht herzhaft.
Herz hat, wer Furcht kennt, aber Furcht _zwingt_, er den Abgrund sieht,
aber mit _Stolz_.
Wer den Abgrund sieht, aber mit Adlers-Augen, wer mit Adlers-Krallen
den Abgrund _fasst_: Der hat Muth.—
„Der Mensch ist böse“ —so sprachen mir zum Troste alle Weisesten. Ach,
wenn es heute nur noch wahr ist! Denn das Böse ist des Menschen beste
Kraft.
„Der Mensch muss besser und böser werden“ —so lehre _ich_. Das Böseste
ist nöthig zu des Übermenschen Bestem.
Das mochte gut sein für jenen Prediger der kleinen Leute, dass er litt
und trug an des Menschen Sünde. Ich aber erfreue mich der grossen Sünde
als meines grossen _Trostes_.—
Solches ist aber nicht für lange Ohren gesagt. Jedwedes Wort gehört
auch nicht in jedes Maul. Das sind feine ferne Dinge: nach denen sollen
nicht Schafs-Klauen greifen!
Ihr höheren Menschen, meint ihr, ich sei da, gut zu machen, was ihr
schlecht machtet?
Oder ich wollte fürderhin euch Leidende bequemer betten? Oder euch
Unstäten, Verirrten, Verkletterten neue leichtere Fusssteige zeigen?
Nein! Nein! Drei Mal Nein! Immer Mehr, immer Bessere eurer Art sollen
zu Grunde gehn,—denn ihr sollt es immer schlimmer und härter haben. So
allein—
—so allein wächst der Mensch in _die_ Höhe, wo der Blitz ihn trifft und
zerbricht: hoch genug für den Blitz!
Auf Weniges, auf Langes, auf Fernes geht mein Sinn und meine Sehnsucht:
was gienge mich euer kleines, vieles, kurzes Elend an!
Ihr leidet mir noch nicht genug! Denn ihr leidet an euch, ihr littet
noch nicht _am Menschen_. Ihr würdet lügen, wenn ihr’s anders sagtet!
Ihr leidet Alle nicht, woran ich litt.—
Es ist mir nicht genug, dass der Blitz nicht mehr schadet. Nicht
ableiten will ich ihn: er soll lernen für _mich_—arbeiten.—
Meine Weisheit sammlet sich lange schon gleich einer Wolke, sie wird
stiller und dunkler. So thut jede Weisheit, welche _einst_ Blitze
gebären soll.—
Diesen Menschen von Heute will ich nicht _Licht_ sein, nicht Licht
heissen. _Die_—will ich blenden: Blitz meiner Weisheit! Stich ihnen die
Augen aus!
Wollt Nichts über euer Vermögen: es giebt eine schlimme Falschheit bei
Solchen, die über ihr Vermögen wollen.
Sonderlich, wenn sie grosse Dinge wollen! Denn sie wecken Misstrauen
gegen grosse Dinge, diese feinen Falschmünzer und Schauspieler:—
—bis sie endlich falsch vor sich selber sind, schieläugig, übertünchter
Wurmfrass, bemäntelt durch starke Worte, durch Aushänge-Tugenden, durch
glänzende falsche Werke.
Habt da eine gute Vorsicht, ihr höheren Menschen! Nichts nämlich gilt
mir heute kostbarer und seltner als Redlichkeit.
Ist diess Heute nicht des Pöbels? Pöbel aber weiss nicht, was gross,
was klein, was gerade und redlich ist: der ist unschuldig krumm, der
lügt immer.
Habt heute ein gutes Misstrauen, ihr höheren Menschen, ihr Beherzten!
Ihr Offenherzigen! Und haltet eure Gründe geheim! Diess Heute nämlich
ist des Pöbels.
Was der Pöbel ohne Gründe einst glauben lernte, wer könnte ihm durch
Gründe Das —umwerfen?
Und auf dem Markte überzeugt man mit Gebärden. Aber Gründe machen den
Pöbel misstrauisch.
Und wenn da einmal Wahrheit zum Siege kam, so fragt euch Mit gutem
Misstrauen: „welch starker Irrthum hat für sie gekämpft?“
Hütet euch auch vor den Gelehrten! Die hassen euch: denn sie sind
unfruchtbar! Sie haben kalte vertrocknete Augen, vor ihnen liegt jeder
Vogel entfedert.
Solche brüsten sich damit, dass sie nicht lügen: aber Ohnmacht zur Lüge
ist lange noch nicht Liebe zur Wahrheit. Hütet euch!
Freiheit von Fieber ist lange noch nicht Erkenntniss! Ausgekälteten
Geistern glaube ich nicht. Wer nicht lügen kann, weiss nicht, was
Wahrheit ist.
Wollt ihr hoch hinaus, so braucht die eignen Beine! Lasst euch nicht
empor _tragen_, setzt euch nicht auf fremde Rücken und Köpfe!
Du aber stiegst zu Pferde? Du reitest nun hurtig hinauf zu deinem
Ziele? Wohlan, mein Freund! Aber dein lahmer Fuss sitzt auch mit zu
Pferde!
Wenn du an deinem Ziele bist, wenn du von deinem Pferde springst: auf
deiner _Höhe_ gerade, du höherer Mensch—wirst du stolpern!
Ihr Schaffenden, ihr höheren Menschen! Man ist nur für das eigne Kind
schwanger.
Lasst euch Nichts vorreden, einreden! Wer ist denn _euer_ Nächster? Und
handelt ihr auch „für den Nächsten“ ,—ihr schafft doch nicht für ihn!
Verlernt mir doch diess „Für“, ihr Schaffenden: eure Tugend gerade will
es, dass ihr kein Ding mit „für“ und „um“ und „weil“ thut. Gegen diese
falschen kleinen Worte sollt ihr euer Ohr zukleben.
Das „für den Nächsten“ ist die Tugend nur der kleinen Leute: da heisst
es „gleich und gleich“ und „Hand wäscht Hand“:—sie haben nicht Recht
noch Kraft zu _eurem_ Eigennutz!
In eurem Eigennutz, ihr Schaffenden, ist der Schwangeren Vorsicht und
Vorsehung! Was Niemand noch mit Augen sah, die Frucht: die schirmt und
schont und nährt eure ganze Liebe.
Wo eure ganze Liebe ist, bei eurem Kinde, da ist auch eure ganze
Tugend! Euer Werk, euer Wille ist _euer_ „Nächster“: lasst euch keine
falschen Werthe einreden!
Ihr Schaffenden, ihr höheren Menschen! Wer gebären muss, der ist krank;
wer aber geboren hat, ist unrein.
Fragt die Weiber: man gebiert nicht, weil es Vergnügen macht. Der
Schmerz macht Hühner und Dichter gackern.
Ihr Schaffenden, an euch ist viel Unreines. Das macht, ihr musstet
Mütter sein.
Ein neues Kind: oh wie viel neuer Schmutz kam auch zur Welt! Geht bei
Seite! Und wer geboren hat, soll seine Seele rein waschen!
Seid nicht tugendhaft über eure Kräfte! Und wollt Nichts von euch wider
die Wahrscheinlichkeit!
Geht in den Fusstapfen, wo schon eurer Väter Tugend gierig! Wie wolltet
ihr hoch steigen, wenn nicht eurer Väter Wille mit euch steigt?
Wer aber Erstling sein will, sehe zu, dass er nicht auch Letztling
werde! Und wo die Laster eurer Väter sind, darin sollt ihr nicht
Heilige bedeuten wollen!
Wessen Väter es mit Weibern hielten und mit starken Weinen und
Wildschweinen: was wäre es, wenn Der von sich Keuschheit wollte?
Eine Narrheit wäre es! Viel, wahrlich, dünkt es mich für einen Solchen,
wenn er Eines oder zweier oder dreier Weiber Mann ist.
Und stiftete er Klöster und schriebe über die Thür: „der Weg zum
Heiligen,“—ich spräche doch: wozu! es ist eine neue Narrheit!
Er stiftete sich selber ein Zucht- und Fluchthaus: wohl bekomm’s! Aber
ich glaube nicht daran.
In der Einsamkeit wächst, was Einer in sie bringt, auch das innere
Vieh. Solchergestalt widerräth sich Vielen die Einsamkeit.
Gab es Schmutzigeres bisher auf Erden als Wüsten-Heilige? _Um die_
herum war nicht nur der Teufel los,—sondern auch das Schwein.
Scheu, beschämt, ungeschickt, einem Tiger gleich, dem der Sprung
missrieth: also, ihr höheren Menschen, sah ich oft euch bei Seite
schleichen. Ein _Wurf_ missrieth euch.
Aber, ihr Würfelspieler, was liegt daran! Ihr lerntet nicht spielen und
spotten, wie man spielen und spotten muss! Sitzen wir nicht immer an
einem grossen Spott- und Spieltische?
Und wenn euch Grosses missrieth, seid ihr selber darum—missrathen? Und
missriethet ihr selber, missrieth darum—der Mensch? Missrieth aber der
Mensch: wohlan! wohlauf!
Je höher von Art, je seltener geräth ein Ding. Ihr höheren Menschen
hier, seid ihr nicht alle—missgerathen?
Seid guten Muths, was liegt daran! Wie Vieles ist noch möglich! Lernt
über euch selber lachen, wie man lachen muss!
Was Wunders auch, dass ihr missriethet und halb geriethet, ihr
Halb-Zerbrochenen! Drängt und stösst sich nicht in euch—des Menschen
_Zukunft_?
Des Menschen Fernstes, Tiefstes, Sternen-Höchstes, seine ungeheure
Kraft: schäumt Das nicht alles gegen einander in eurem Topfe?
Was Wunders, dass mancher Topf zerbricht! Lernt über euch lachen, wie
man lachen muss! Ihr höheren Menschen, oh wie Vieles ist noch möglich!
Und wahrlich, wie Viel gerieth schon! Wie reich ist diese Erde an
kleinen guten vollkommenen Dingen, an Wohlgerathenem!
Stellt kleine gute vollkommne Dinge um euch, ihr höheren Menschen!
Deren goldene Reife heilt das Herz. Vollkommnes lehrt hoffen.
Welches war hier auf Erden bisher die grösste Sünde? War es nicht das
Wort Dessen, der sprach: „Wehe Denen, die hier lachen!“
Fand er zum Lachen auf der Erde selber keine Gründe? So suchte er nur
schlecht. Ein Kind findet hier noch Gründe.
Der—liebte nicht genug: sonst hätte er auch uns geliebt, die Lachenden!
Aber er hasste und höhnte uns, Heulen und Zähneklappern verhiess er
uns.
Muss man denn gleich fluchen, wo man nicht liebt? Das—dünkt mich ein
schlechter Geschmack. Aber so that er, dieser Unbedingte. Er kam vom
Pöbel.
Und er selber liebte nur nicht genug: sonst hätte er weniger gezürnt,
dass man ihn nicht liebe. Alle grosse Liebe _will_ nicht Liebe:—die
will mehr.
Geht aus dem Wege allen solchen Unbedingten! Das ist eine arme kranke
Art, eine Pöbel-Art: sie sehn schlimm diesem Leben zu, sie haben den
bösen Blick für diese Erde.
Geht aus dem Wege allen solchen Unbedingten! Sie haben Schwere Füsse
und schwüle Herzen:—sie wissen nicht zu tanzen. Wie möchte Solchen wohl
die Erde leicht sein!
Krumm kommen alle guten Dinge ihrem Ziele nahe. Gleich Katzen machen
sie Buckel, sie schnurren innewendig vor ihrem nahen Glücke,—alle guten
Dinge lachen.
Der Schritt verräth, ob Einer schon auf _seiner_ Bahn schreitet: so
seht mich gehn! Wer aber seinem Ziel nahe kommt, der tanzt.
Und, wahrlich, zum Standbild ward ich nicht, noch stehe ich nicht da,
starr, stumpf, steinern, eine Säule; ich liebe geschwindes Laufen.
Und wenn es auf Erden auch Moor und dicke Trübsal giebt: wer leichte
Füsse hat, läuft über Schlamm noch hinweg und tanzt wie auf gefegtem
Eise.
Erhebt eure Herzen, meine Brüder, hoch! höher! Und vergesst mir auch
die Beine nicht! Erhebt auch eure Beine, ihr guten Tänzer, und besser
noch: ihr steht auch auf dem Kopf!
Diese Krone des Lachenden, diese Rosenkranz-Krone: ich selber setzte
mir diese Krone auf, ich selber sprach heilig mein Gelächter. Keinen
Anderen fand ich heute stark genug dazu.
Zarathustra der Tänzer, Zarathustra der Leichte, der mit den Flügeln
winkt, ein Flugbereiter, allen Vögeln zuwinkend, bereit und fertig, ein
Selig-Leichtfertiger:—
Zarathustra der Wahrsager, Zarathustra der Wahrlacher, kein
Ungeduldiger, kein Unbedingter, Einer, der Sprünge und Seitensprünge
liebt; ich selber setzte mir diese Krone auf!
Erhebt eure Herzen, meine Brüder, hoch! höher! Und vergesst mir auch
die Beine nicht! Erhebt auch eure Beine, ihr guten Tänzer, und besser
noch: ihr steht auch auf dem Kopf!
Es giebt auch im Glück schweres Gethier, es giebt Plumpfüssler von
Anbeginn. Wunderlich müht sie sich ab, einem Elephanten gleich, der
sich müht auf dem Kopf zu stehn.
Besser aber noch närrisch sein vor Glücke als närrisch vor Unglücke,
besser plump tanzen als lahm gehn. So lernt mir doch meine Weisheit ab:
auch das schlimmste Ding hat zwei gute Kehrseiten,—
—auch das schlimmste Ding hat gute Tanzbeine: so lernt mir doch euch
selbst, ihr höheren Menschen, auf eure rechten Beine stellen!
So verlernt mir doch Trübsal-Blasen und alle Pöbel-Traurigkeit! Oh wie
traurig dünken mich heute des Pöbels Hanswürste noch! Diess Heute aber
ist des Pöbels.
Dem Winde thut mir gleich, wenn er aus seinen Berghöhlen stürzt: nach
seiner eignen Pfeife will er tanzen, die Meere zittern und hüpfen unter
seinen Fusstapfen.
Der den Eseln Flügel giebt, der Löwinnen melkt, gelobt sei dieser gute
unbändige Geist, der allem Heute und allem Pöbel wie ein Sturmwind
kommt,—
—der Distel- und Tiftelköpfen feind ist und allen welken Blättern und
Unkräutern: gelobt sei dieser wilde gute freie Sturmgeist, welcher auf
Mooren und Trübsalen wie auf Wiesen tanzt!
Der die Pöbel-Schwindhunde hasst und alles missrathene düstere Gezücht:
gelobt sei dieser Geist aller freien Geister, der lachende Sturm,
welcher allen Schwarzsichtigen, Schwärsüchtigen Staub in die Augen
bläst!
Ihr höheren Menschen, euer Schlimmstes ist: ihr lerntet alle nicht
tanzen, wie man tanzen muss—über euch hinweg tanzen! Was liegt daran,
dass ihr missriethet!
Wie Vieles ist noch möglich! So _lernt_ doch über euch hinweg lachen!
Erhebt eure Herzen, ihr guten Tänzer, hoch! höher! Und vergesst mir
auch das gute Lachen nicht!
Diese Krone des Lachenden, diese Rosenkranz-Krone: euch, meinen
Brüdern, werfe ich diese Krone zu! Das Lachen sprach ich heilig; ihr
höheren Menschen, _lernt_ mir—lachen!
Das Lied der Schwermuth
Als Zarathustra diese Reden sprach, stand er nahe dem Eingange seiner
Höhle; mit den letzten Worten aber entschlüpfte er seinen Gästen und
floh für eine kurze Weile in’s Freie.
„Oh reine Gerüche um mich, rief er aus, oh selige Stille um mich! Aber
wo sind meine Thiere? Heran, heran, mein Adler und meine Schlange!
Sagt mir doch, meine Thiere: diese höheren Menschen
insgesammt—_riechen_ sie vielleicht nicht gut? Oh reine Gerüche um
mich! Jetzo weiss und fühle ich erst, wie ich euch, meine Thiere,
liebe.“
—Und Zarathustra sprach nochmals: „ich liebe euch, meine Thiere!“ Der
Adler aber und die Schlange drängten sich an ihn, als er diese Worte
sprach, und sahen zu ihm hinauf. Solchergestalt waren sie zu drei still
beisammen und schnüffelten und schlürften mit einander die gute Luft.
Denn die Luft war hier draussen besser als bei den höheren Menschen.
Kaum aber hatte Zarathustra seine Höhle verlassen, da erhob sich der
alte Zauberer, sah listig umher und sprach: „Er ist hinaus!
Und schon, ihr höheren Menschen—dass ich euch mit diesem Lob- und
Schmeichel-Namen kitzle, gleich ihm selber—schon fällt mich mein
schlimmer Trug- und Zaubergeist an, mein schwermüthiger Teufel,
—welcher diesem Zarathustra ein Widersacher ist aus dem Grunde: vergebt
es ihm! Nun will er vor euch zaubern, er hat gerade _seine_ Stunde;
umsonst ringe ich mit diesem bösen Geiste.
Euch Allen, welche Ehren ihr euch mit Worten geben mögt, ob ihr euch
„die freien Geister“ nennt oder „die Wahrhaftigen“ oder „die Büsser des
Geistes“ oder „die Entfesselten“ oder „die grossen Sehnsüchtigen“—
—euch Allen, die ihr _am grossen Ekel_ leidet gleich mir, denen der
alte Gott starb und noch kein neuer Gott in Wiegen und Windeln
liegt,—euch Allen ist mein böser Geist und Zauber-Teufel hold.
Ich kenne euch, ihr höheren Menschen, ich kenne ihn,—ich kenne auch
diesen Unhold, den ich wider Willen liebe, diesen Zarathustra: er
selber dünkt mich öfter gleich einer schönen Heiligen-Larve,
—gleich einem neuen wunderlichen Mummenschanze, in dem sich mein böser
Geist, der schwermüthige Teufel, gefällt:—ich liebe Zarathustra, so
dünkt mich oft, um meines bösen Geistes Willen.—
Aber schon fällt _der_ mich an und zwingt mich, dieser Geist der
Schwermuth, dieser Abend-Dämmerungs-Teufel: und, wahrlich, ihr höheren
Menschen, es gelüstet ihn—
—macht nur die Augen auf!—es gelüstet ihn, _nackt_ zu kommen, ob
männlich, ob weiblich, noch weiss ich’s nicht: aber er kommt, er zwingt
mich, wehe! macht eure Sinne auf!
Der Tag klingt ab, allen Dingen kommt nun der Abend, auch den besten
Dingen; hört nun und seht, ihr höheren Menschen, welcher Teufel, ob
Mann, ob Weib, dieser Geist der Abend-Schwermuth ist!“
Also sprach der alte Zauberer, sah listig umher und griff dann zu
seiner Harfe.
Bei abgehellter Luft,
Wenn schon des Thau’s Tröstung
Zur Erde niederquillt,
Unsichtbar, auch ungehört:
—Denn zartes Schuhwerk trägt
Der Tröster Thau gleich allen Trost-Milden—:
Gedenkst du da, gedenkst du, heisses Herz,
Wie einst du durstetest,
Nach himmlischen Thränen und Thau-Geträufel
Versengt und müde durstetest,
Dieweil auf gelben Gras-Pfaden
Boshaft abendliche Sonnenblicke
Durch schwarze Bäume um dich liefen,
Blendende Sonnen-Gluthblicke, schadenfrohe.
„Der _Wahrheit_ Freier? Du?—so höhnten sie—
Nein! Nur ein Dichter!
Ein Thier, ein listiges, raubendes, schleichendes,
Das lügen muss,
Das wissentlich, willentlich lügen muss:
Nach Beute lüstern,
Bunt verlarvt,
Sich selber Larve,
Sich selbst zur Beute—
_Das_—der Wahrheit Freier? Nein!
Nur Narr! Nur Dichter!
Nur Buntes redend,
Aus Narren-Larven bunt herausschreiend,
Herumsteigend auf lügnerischen Wort-Brücken,
Auf bunten Regenbogen,
Zwischen falschen Himmeln
Und falschen Erden,
Herumschweifend, herumschwebend,—
_Nur_ Narr! _Nur_ Dichter!...
_Das_—der Wahrheit Freier?
Nicht still, starr, glatt, kalt,
Zum Bilde worden,
Zur Gottes-Säule,
Nicht aufgestellt vor Tempeln,
Eines Gottes Thürwart:
Nein! Feindselig solchen Wahrheits-Standbildern,
In jeder Wildniss heimischer als vor Tempeln,
Voll Katzen-Muthwillens,
Durch jedes Fenster springend
Husch! in jeden Zufall,
Jedem Urwalde zuschnüffelnd,
Süchtig-sehnsüchtig zuschnüffelnd,
Dass du in Urwäldern
Unter buntgefleckten Raubthieren
Sündlich-gesund und bunt und schön liefest,
Mit lüsternen Lefzen,
Selig-höhnisch, selig-höllisch, selig-blutgierig,
Raubend, schleichend, lügend liefest:...
Oder, dem Adler gleich, der lange,
Lange starr in Abgründe blickt,
In _seine_ Abgründe:...
-- Oh wie sie sich hier hinab,
Hinunter, hinein,
In immer tiefere Tiefen ringeln!—
Dann,
Plötzlich,
geraden Zugs,
Gezückten Flugs,
Auf Lämmer stossen,
Jach hinab, heisshungrig,
Nach Lämmern lüstern,
Gram allen Lamms-Seelen,
Grimmig-gram Allem, was blickt
Schafmässig, lammäugig, krauswollig,
Grau, mit Lamms-Schafs-Wohlwollen!
Also
Adlerhaft, pantherhaft
Sind des Dichters Sehnsüchte,
Sind _deine_ Sehnsüchte unter tausend Larven,
Du Narr! Du Dichter!
Der du den Menschen schautest
So Gott als Schaf—:
Den Gott _zerreissen_ im Menschen
Wie das Schaf im Menschen,
Und zerreisend _lachen_—
_Das_, _Das_ ist deine Seligkeit! Eines Panthers und Adlers Seligkeit!
Eines Dichters und Narren Seligkeit!“—
Bei abgehellter Luft,
Wenn schon des Monds Sichel
Grün zwischen Purpurröthen
Und neidisch hinschleicht:
—dem Tage feind,
Mit jedem Schritte heimlich
An Rosen-Hängematten
Hinsichelnd, bis sie sinken,
Nacht-abwärts blass hinabsinken:
So sank ich selber einstmals
Aus meinem Wahrheits-Wahnsinne,
Aus meinen Tages-Sehnsüchten,
Des Tages müde, krank vom Lichte,
—sank abwärts, abendwärts, schattenwärts:
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