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Also Sprach Zarathustra

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Also Sprach Zarathustra

Capítulo 40 · Also Sprach Zarathustra

Von den Abtrünnigen

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Von den Abtrünnigen

1.

Ach, liegt Alles schon welk und grau, was noch jüngst auf dieser Wiese
grün und bunt stand? Und wie vielen Honig der Hoffnung trug ich von
hier in meine Bienenkörbe!

Diese jungen Herzen sind alle schon alt geworden,—und nicht alt einmal!
nur müde, gemein, bequem:—sie heissen es „Wir sind wieder fromm
geworden.“

Noch jüngst sah ich sie in der Frühe auf tapferen Füssen hinauslaufen:
aber ihre Füsse der Erkenntniss wurden müde, und nun verleumden sie
auch noch ihre Morgen-Tapferkeit!

Wahrlich, Mancher von ihnen hob einst die Beine wie ein Tänzer, ihm
winkte das Lachen in meiner Weisheit:—da besann er sich. Eben sah ich
ihn krumm—zum Kreuze kriechen.

Um Licht und Freiheit flatterten sie einst gleich Mücken und jungen
Dichtern. Ein Wenig älter, ein Wenig kälter: und schon sind sie Dunkler
und Munkler und Ofenhocker.

Verzagte ihnen wohl das Herz darob, dass mich die Einsamkeit verschlang
gleich einem Wallfische? Lauschte ihr Ohr wohl sehnsüchtig-lange
_umsonst_ nach mir und meinen Trompeten- und Herolds-Rufen?

—Ach! Immer sind ihrer nur Wenige, deren Herz einen langen Muth und
Übermuth hat; und solchen bleibt auch der Geist geduldsam. Der Rest
aber ist _feige_.

Der Rest: das sind immer die Allermeisten, der Alltag, der Überfluss,
die Viel-zu-Vielen—diese alle sind feige!—

Wer meiner Art ist, dem werden auch die Erlebnisse meiner Art über den
Weg laufen: also, dass seine ersten Gesellen Leichname und
Possenreisser sein müssen.

Seine zweiten Gesellen aber—die werden sich seine _Gläubigen_ heissen:
ein lebendiger Schwarm, viel Liebe, viel Thorheit, viel unbärtige
Verehrung.

An diese Gläubigen soll Der nicht sein Herz binden, wer meiner Art
unter Menschen ist; an diese Lenze und bunte Wiesen soll Der nicht
glauben, wer die flüchtig-feige Menschenart kennt!

_Könnten_ sie anders, so würden sie auch anders _wollen_. Halb- und
Halbe verderben alles Ganze. Dass Blätter welk werden,—was ist da zu
klagen!

Lass sie fahren und fallen, oh Zarathustra, und klage nicht! Lieber
noch blase mit raschelnden Winden unter sie,—

—blase unter diese Blätter, oh Zarathustra: dass alles _Welke_
schneller noch von dir davonlaufen!—

2.

„Wir sind wieder fromm geworden“ —so bekennen diese Abtrünnigen; und
Manche von ihnen sind noch zu feige, also zu bekennen.

Denen sehe ich in’s Auge,—denen sage ich es in’s Gesicht und in die
Röthe ihrer Wangen: ihr seid Solche, welche wieder _beten_!

Es ist aber eine Schmach, zu beten! Nicht für Alle, aber für dich und
mich und wer auch im Kopfe sein Gewissen hat. Für _dich_ ist es eine
Schmach, zu beten!

Du weisst es wohl: dein feiger Teufel in dir, der gerne Hände-falten
und Hände-in-den-Schooss-legen und es bequemer haben möchte:—dieser
feige Teufel redet dir zu „es _giebt_ einen Gott!“

_Damit_ aber gehörst du zur lichtscheuen Art, denen Licht nimmer Ruhe
lässt; nun musst du täglich deinen Kopf tiefer in Nacht und Dunst
stecken!

Und wahrlich, du wähltest die Stunde gut: denn eben wieder fliegen die
Nachtvögel aus. Die Stunde kam allem lichtscheuen Volke, die Abend- und
Feierstunde, wo es nicht—„feiert.“

Ich höre und rieche es: es kam ihre Stunde für Jagd und Umzug, nicht
zwar für eine wilde Jagd, sondern für eine zahme lahme schnüffelnde
Leisetreter- und Leisebeter-Jagd,—

—für eine Jagd auf seelenvolle Duckmäuser: alle Herzens- Mausefallen
sind jetzt wieder aufgestellt! Und wo ich einen Vorhang aufhebe, da
kommt ein Nachtfalterchen herausgestürzt.

Hockte es da wohl zusammen mit einem andern Nachtfalterchen? Denn
überall rieche ich kleine verkrochne Gemeinden; und wo es Kämmerlein
giebt, da giebt es neue Bet-Brüder drin und den Dunst von Bet-Brüdern.

Sie sitzen lange Abende bei einander und sprechen: lasset uns wieder
werden wie die Kindlein und „lieber Gott“ sagen!—an Mund und Magen
verdorben durch die frommen Zuckerbäcker.

Oder sie sehen lange Abende einer listigen lauernden Kreuzspinne zu,
welche den Spinnen selber Klugheit predigt und also lehrt: „unter
Kreuzen ist gut spinnen!“

Oder sie sitzen Tags über mit Angelruthen an Sümpfen und glauben sich
_tief_ damit; aber wer dort fischt, wo es keine Fische giebt, den
heisse ich noch nicht einmal oberflächlich!

Oder sie lernen fromm-froh die Harfe schlagen bei einem Lieder-Dichter,
der sich gern jungen Weibchen in’s Herz harfnen möchte:—denn er wurde
der alten Weibchen müde und ihres Lobpreisens.

Oder sie lernen gruseln bei einem gelehrten Halb-Tollen, der in dunklen
Zimmern wartet, dass ihm die Geister kommen—und der Geist ganz
davonläuft!

Oder sie horchen einem alten umgetriebnen Schnurr- und Knurrpfeifer zu,
der trüben Winden die Trübsal der Töne ablernte; nun pfeift er nach dem
Winde und predigt in trüben Tönen Trübsal.

Und Einige von ihnen sind sogar Nachtwächter geworden: die verstehen
jetzt in Hörner zu blasen und Nachts umherzugehn und alte Sachen
aufzuwecken, die lange schon eingeschlafen sind.

Fünf Worte von alten Sachen hörte ich gestern Nachts an der
Garten-Mauer: die kamen von solchen alten betrübten trocknen
Nachtwächtern.

„Für einen Vater sorgt er nicht genug um seine Kinder: Menschen-Väter
thun diess besser!“—

„Er ist zu alt! Er sorgt schon gar nicht mehr um seine Kinder“—also
antwortete der andere Nachtwächter.

„_Hat_ er denn Kinder? Niemand kann’s beweisen, wenn er’s selber nicht
beweist! Ich wollte längst, er bewiese es einmal gründlich.“

„Beweisen? Als ob _Der_ je Etwas bewiesen hätte! Beweisen fällt ihm
schwer; er hält grosse Stücke darauf, dass man ihm glaubt.“

„Ja! Ja! Der Glaube macht ihn selig, der Glaube an ihn. Das ist so die
Art alter Leute! So geht’s uns auch!“—

—Also sprachen zu einander die zwei alten Nachtwächter und
Lichtscheuchen, und tuteten darauf betrübt in ihre Hörner: so geschah’s
gestern Nachts an der Garten-Mauer.

Mir aber wand sich das Herz vor Lachen und wollte brechen und wusste
nicht, wohin? und sank in’s Zwerchfell.

Wahrlich, das wird noch mein Tod sein, dass ich vor Lachen ersticke,
wenn ich Esel betrunken sehe und Nachtwächter also an Gott zweifeln
höre.

Ist es denn nicht _lange_ vorbei auch für alle solche Zweifel? Wer darf
noch solche alte eingeschlafne lichtscheue Sachen aufwecken!

Mit den alten Göttern gieng es ja lange schon zu Ende:—und wahrlich,
ein gutes fröhliches Götter-Ende hatten sie!

Sie „dämmerten“ sich nicht zu Tode,—das lügt man wohl! Vielmehr: sie
haben sich selber einmal zu Tode—_gelacht_!

Das geschah, als das gottloseste Wort von einem Gotte selber
ausgieng,—das Wort: „Es ist Ein Gott! Du sollst keinen andern Gott
haben neben mir!“—

—ein alter Grimm-Bart von Gott, ein eifersüchtiger vergass sich also:

Und alle Götter lachten damals und wackelten auf ihren Stühlen und
riefen: „Ist das nicht eben Göttlichkeit, dass es Götter, aber keinen
Gott giebt?“

Wer Ohren hat, der höre.—

Also redete Zarathustra in der Stadt, die er liebte und welche
zubenannt ist die bunte Kuh. Von hier nämlich hatte er nur noch zwei
Tage zu gehen, dass er wieder in seine Höhle käme und zu seinen
Thieren; seine Seele aber frohlockte beständig ob der Nähe seiner
Heimkehr.—

Die Heimkehr

Oh Einsamkeit! Du meine _Heimat_ Einsamkeit! Zu lange lebte ich wild in
wilder Fremde, als dass ich nicht mit Thränen zu dir heimkehrte!

Nun drohe mir nur mit dem Finger, wie Mütter drohn, nein lächle mir zu,
wie Mütter lächeln, nun sprich nur: „Und wer war das, der wie ein
Sturmwind einst von mir davonstürmte?—

—der scheidend rief: zu lange sass ich bei der Einsamkeit, da verlernte
ich das Schweigen! _Das_—lerntest du nun wohl?

Oh Zarathustra, Alles weiss ich: und dass du unter den Vielen
_verlassener_ warst, du Einer, als je bei mir!

Ein Anderes ist Verlassenheit, ein Anderes Einsamkeit: _Das_—lerntest
du nun! Und dass du unter Menschen immer wild und fremd sein wirst:

-Wild und fremd auch noch, wenn sie dich lieben: denn zuerst von Allem
wollen sie _geschont_ sein!

Hier aber bist du bei dir zu Heim und Hause; hier kannst du Alles
hinausreden und alle Gründe ausschütten, Nichts schämt sich hier
versteckter, verstockter Gefühle.

Hier kommen alle Dinge liebkosend zu deiner Rede und schmeicheln dir:
denn sie wollen auf deinem Rücken reiten. Auf jedem Gleichniss reitest
du hier zu jeder Wahrheit.

Aufrecht und aufrichtig darfst du hier zu allen Dingen reden: und
wahrlich, wie Lob klingt es ihren Ohren, dass Einer mit allen
Dingen—gerade redet!

Ein Anderes aber ist Verlassensein. Denn, weisst du noch, oh
Zarathustra? Als damals dein Vogel über dir schrie, als du im Walde
standest, unschlüssig, wohin? unkundig, einem Leichnam nahe:—

—als du sprachst: mögen mich meine Thiere führen! Gefährlicher fand
ich’s unter Menschen, als unter Thieren:—_Das_ war Verlassenheit!

Und weisst du noch, oh Zarathustra? Als du auf deiner Insel sassest,
unter leeren Eimern ein Brunnen Weins, gebend und ausgebend, unter
Durstigen schenkend und ausschenkend:

—bis du endlich durstig allein unter Trunkenen sassest und nächtlich
klagtest „ist Nehmen nicht seliger als Geben? Und Stehlen noch seliger
als Nehmen?“—_Das_ war Verlassenheit!

Und weisst du noch, oh Zarathustra? Als deine stillste Stunde kam und
dich von dir selber forttrieb, als sie mit bösem Flüstern sprach:
„Sprich und zerbrich!“ -

—als sie dir all dein Warten und Schweigen leid machte und deinen
demüthigen Muth entmuthigte: _Das_ war Verlassenheit!“—

Oh Einsamkeit! Du meine Heimat Einsamkeit! Wie selig und zärtlich redet
deine Stimme zu mir!

Wir fragen einander nicht, wir klagen einander nicht, wir gehen offen
mit einander durch offne Thüren.

Denn offen ist es bei dir und hell; und auch die Stunden laufen hier
auf leichteren Füssen. Im Dunklen nämlich trägt man schwerer an der
Zeit, als im Lichte.

Hier springen mir alles Seins Worte und Wort-Schreine auf: alles Sein
will hier Wort werden, alles Werden will hier von mir reden lernen.

Da unten aber—da ist alles Reden umsonst! Da ist Vergessen und
Vorübergehn die beste Weisheit: _Das_—lernte ich nun!

Wer Alles bei den Menschen begreifen wollte, der müsste Alles
angreifen. Aber dazu habe ich zu reinliche Hände.

Ich mag schon ihren Athem nicht einathmen; ach, dass ich so lange unter
ihrem Lärm und üblem Athem lebte!

Oh selige Stille um mich! Oh reine Gerüche um mich! Oh wie aus tiefer
Brust diese Stille reinen Athem holt! Oh wie sie horcht, diese selige
Stille!

Aber da unten—da redet Alles, da wird Alles überhört. Man mag seine
Weisheit mit Glocken einläuten: die Krämer auf dem Markte werden sie
mit Pfennigen überklingeln!

Alles bei ihnen redet, Niemand weiss mehr zu verstehn. Alles fällt in’s
Wasser, Nichts fällt mehr in tiefe Brunnen.

Alles bei ihnen redet, Nichts geräth mehr und kommt zu Ende. Alles
gackert, aber wer will noch still auf dem Neste sitzen und Eier brüten?

Alles bei ihnen redet, Alles wird zerredet. Und was gestern noch zu
hart war für die Zeit selber und ihren Zahn: heute hängt es zerschabt
und zernagt aus den Mäulern der Heutigen.

Alles bei ihnen redet, Alles wird verrathen. Und was einst Geheimniss
hiess und Heimlichkeit tiefer Seelen, heute gehört es den
Gassen-Trompetern und andern Schmetterlingen.

Oh Menschenwesen, du wunderliches! Du Lärm auf dunklen Gassen! Nun
liegst du wieder hinter mir:—meine grösste Gefahr liegt hinter mir!

Im Schonen und Mitleiden lag immer meine grösste Gefahr; und alles
Menschenwesen will geschont und gelitten sein.

Mit verhaltenen Wahrheiten, mit Narrenhand und vernarrtem Herzen und
reich an kleinen Lügen des Mitleidens:—also lebte ich immer unter
Menschen.

Verkleidet sass ich unter ihnen, bereit, _mich_ zu verkennen, dass ich
_sie_ ertrüge, und gern mir zuredend „du Narr, du kennst die Menschen
nicht!“

Man verlernt die Menschen, wenn man unter Menschen lebt: zu viel
Vordergrund ist an allen Menschen,—was sollen da weitsichtige,
weit-süchtige Augen!

Und wenn sie mich verkannten: ich Narr schonte sie darob mehr, als
mich: gewohnt zur Härte gegen mich und oft noch an mir selber mich
rächend für diese Schonung.

Zerstochen von giftigen Fliegen und ausgehöhlt, dem Steine gleich, von
vielen Tropfen Bosheit, so sass ich unter ihnen und redete mir noch zu:
„unschuldig ist alles Kleine an seiner Kleinheit!“

Sonderlich Die, welche sich „die Guten“ heissen, fand ich als die
giftigsten Fliegen: sie stechen in aller Unschuld, sie lügen in aller
Unschuld; wie _vermöchten_ sie, gegen mich—gerecht zu sein!

Wer unter den Guten lebt, den lehrt Mitleid lügen. Mitleid macht dumpfe
Luft allen freien Seelen. Die Dummheit der Guten nämlich ist
unergründlich.

Mich selber verbergen und meinen Reichthum—_das_ lernte ich da unten:
denn jeden fand ich noch arm am Geiste. Das war der Lug meines
Mitleidens, dass ich bei jedem wusste,

—dass ich jedem es ansah und anroch, was ihm Geistes _genug_ und was
ihm schon Geistes _zuviel_ war!

Ihre steifen Weisen: ich hiess sie weise, nicht steif,—so lernte ich
Worte verschlucken. Ihre Todtengräber: ich hiess sie Forscher und
Prüfer,—so lernte ich Worte vertauschen.

Die Todtengräber graben sich Krankheiten an. Unter altem Schutte ruhn
schlimme Dünste. Man soll den Morast nicht aufrühren. Man soll auf
Bergen leben.

Mit seligen Nüstern athme ich wieder Berges-Freiheit! Erlöst ist
endlich meine Nase vom Geruch alles Menschenwesens!

Also Sprach Zarathustra

Sinopse

Texto original em DE preservado no Literunico para leitura comparada com a edição/tradução da Copa Literunico. Fonte-base: https://www.gutenberg.org/files/7205/7205-0.txt

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