Universo da obra
Universo da obra
Mit krummen Blicken—lehrst du mich krumme Bahnen; auf krummen Bahnen
lernt mein Fuss—Tücken!
Ich fürchte dich Nahe, ich liebe dich Ferne; deine Flucht lockt mich,
dein Suchen stockt mich:—ich leide, aber was litt ich um dich nicht
gerne!
Deren Kälte zündet, deren Hass verführt, deren Flucht bindet, deren
Spott—rührt:
—wer hasste dich nicht, dich grosse Binderin, Umwinderin, Versucherin,
Sucherin, Finderin! Wer liebte dich nicht, dich unschuldige,
ungeduldige, windseilige, kindsäugige Sünderin!
Wohin ziehst du mich jetzt, du Ausbund und Unband? Und jetzt fliehst du
mich wieder, du süsser Wildfang und Undank!
Ich tanze dir nach, ich folge dir auch auf geringer Spur. Wo bist du?
Gieb mir die Hand! Oder einen Finger nur!
Hier sind Höhlen und Dickichte: wir werden uns verirren!—Halt! Steh
still! Siehst du nicht Eulen und Fledermäuse schwirren?
Du Eule! Du Fledermaus! Du willst mich äffen? Wo sind wir? Von den
Hunden lerntest du diess Heulen und Kläffen.
Du fletschest mich lieblich an mit weissen Zähnlein, deine bösen Augen
springen gegen mich aus lockichtem Mähnlein!
Das ist ein Tanz über Stock und Stein: ich bin der Jäger,—willst du
mein Hund oder meine Gemse sein?
Jetzt neben mir! Und geschwind, du boshafte Springerin! Jetzt hinauf!
Und hinüber!—Wehe! Da fiel ich selber im Springen hin!
Oh sieh mich liegen, du Übermuth, und um Gnade flehn! Gerne möchte ich
mit dir —lieblichere Pfade gehn!
—der Liebe Pfade durch stille bunte Büsche! Oder dort den See entlang:
da schwimmen und tanzen Goldfische!
Du bist jetzt müde? Da drüben sind Schafe und Abendröthen: ist es nicht
schön, zu schlafen, wenn Schäfer flöten?
Du bist so arg müde? Ich trage dich hin, lass nur die Arme sinken! Und
hast du Durst,—ich hätte wohl Etwas, aber dein Mund will es nicht
trinken!—
—Oh diese verfluchte flinke gelenke Schlange und Schlupf-Hexe! Wo bist
du hin? Aber im Gesicht fühle ich von deiner Hand zwei Tupfen und rothe
Klexe!
Ich bin es wahrlich müde, immer dein schafichter Schäfer zu sein! Du
Hexe, habe ich dir bisher gesungen, nun sollst _du_ mir—schrein!
Nach dem Takt meiner Peitsche sollst du mir tanzen und schrein! Ich
vergass doch die Peitsche nicht?—Nein!“—
Da antwortete mir das Leben also und hielt sich dabei die zierlichen
Ohren zu:
„Oh Zarathustra! Klatsche doch nicht so fürchterlich mit deiner
Peitsche! Du weisst es ja: Lärm mordet Gedanken,—und eben kommen mir so
zärtliche Gedanken.
Wir sind Beide zwei rechte Thunichtgute und Thunichtböse. Jenseits von
Gut und Böse fanden wir unser Eiland und unsre grüne Wiese—wir Zwei
allein! Darum müssen wir schon einander gut sein!
Und lieben wir uns auch nicht von Grund aus—, muss man sich denn gram
sein, wenn man sich nicht von Grund aus liebt?
Und dass ich dir gut bin und oft zu gut, Das weisst du: und der Grund
ist, dass ich auf deine Weisheit eifersüchtig bin. Ah, diese tolle alte
Närrin von Weisheit!
Wenn dir deine Weisheit einmal davonliefe, ach! da liefe dir schnell
auch meine Liebe noch davon.“—
Darauf blickte das Leben nachdenklich hinter sich und um sich und sagte
leise: „Oh Zarathustra, du bist mir nicht treu genug!
Du liebst mich lange nicht so sehr wie du redest; ich weiss, du denkst
daran, dass du mich bald verlassen willst.
Es giebt eine alte schwere schwere Brumm-Glocke: die brummt Nachts bis
zu deiner Höhle hinauf:—
—hörst du diese Glocke Mitternachts die Stunde schlagen, so denkst du
zwischen Eins und Zwölf daran—
—du denkst daran, oh Zarathustra, ich weiss es, dass du mich bald
verlassen willst!“—
„Ja, antwortete ich zögernd, aber du weisst es auch—“ Und ich sagte ihr
Etwas in’s Ohr, mitten hinein zwischen ihre verwirrten gelben
thörichten Haar-Zotteln.
Du _weisst_ Das, oh Zarathustra? Das weiss Niemand.—
Und wir sahen uns an und blickten auf die grüne Wiese, über welche eben
der kühle Abend lief, und weinten mit einander.—Damals aber war mir das
Leben lieber, als je alle meine Weisheit.—
Also sprach Zarathustra.
Eins!
Oh Mensch! Gieb Acht!
Zwei!
Was spricht die tiefe Mitternacht?
Drei!
„Ich schlief, ich schlief—,“
Vier!
„Auf tiefen Traum bin ich erwacht:—“
Fünf!
„Die Welt ist tief,“
Sechs!
„Und tiefer als der Tag gedacht.“
Sieben!
„Tief ist ihr Weh—,“
Acht!
„Lust—tiefer noch als Herzeleid:“
Neun!
„Weh spricht: Vergeh!“
Zehn!
„Doch alle Lust will Ewigkeit—,“
Elf!
„—will tiefe, tiefe Ewigkeit!“
Zwölf!
Die sieben Siegel
(Oder: das Ja- und Amen-Lied)
Wenn ich ein Wahrsager bin und voll jenes wahrsagerischen Geistes, der
auf hohem Joche zwischen zwei Meeren wandelt,—
zwischen Vergangenem und Zukünftigem als schwere Wolke
wandelt,—schwülen Niederungen feind und Allem, was müde ist und nicht
sterben, noch leben kann.-
zum Blitze bereit im dunklen Busen und zum erlösenden Lichtstrahle,
schwanger von Blitzen, die Ja! sagen, Ja! lachen, zu wahrsagerischen
Blitzstrahlen:—
—selig aber ist der also Schwangere! Und wahrlich, lange muss als
schweres Wetter am Berge hängen, wer einst das Licht der Zukunft zünden
soll!—
Oh wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit brünstig sein und nach dem
hochzeitlichen Ring der Ringe,—dem Ring de Wiederkunft!
Nie noch fand ich das Weib, von dem ich Kinder mochte, sei denn dieses
Weib, das ich lieb: denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
Denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
Wenn mein Zorn je Gräber brach, Grenzsteine rückte und alte Tafeln
zerbrochen in steile Tiefen rollte:
Wenn mein Hohn je vermoderte Worte zerblies, und ich wie ein Besen kam
den Kreuzspinnen und als Fegewind alten verdumpften Grabkammern:
Wenn ich je frohlockend sass, wo alte Götter begraben liegen,
weltsegnend, weltliebend neben den Denkmalen alter Welt-Verleumder:—
—denn selbst Kirchen und Gottes-Gräber liebe ich, wenn der Himmel erst
reinen Auges durch ihre zerbrochenen Decken blickt; gern sitze ich
gleich Gras und rothem Mohne auf zerbrochnen Kirchen—
Oh wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit brünstig sein und nach dem
hochzeitlichen Ring der Ringe,—dem Ring de Wiederkunft!
Nie noch fand ich das Weib, von dem ich Kinder mochte, sei denn dieses
Weib, das ich lieb: denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
Denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
Wenn je ein Hauch zu mir kam vom schöpferischen Hauche und von jener
himmlischen Noth, die noch Zufälle zwingt, Sternen-Reigen zu tanzen:
Wenn ich je mit dem Lachen des schöpferischen Blitzes lachte, dem der
lange Donner der That grollend, aber gehorsam nachfolgt:
Wenn ich je am Göttertisch der Erde mit Göttern Würfel spielte, dass
die Erde bebte und brach und Feuerflüsse heraufschnob:—
—denn ein Göttertisch ist die Erde, und zitternd von schöpferischen
neuen Worten und Götter-Würfen:—
Oh wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit brünstig sein und nach dem
hochzeitlichen Ring der Ringe,—dem Ring de Wiederkunft!
Nie noch fand ich das Weib, von dem ich Kinder mochte, sei denn dieses
Weib, das ich lieb: denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
Denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
Wenn ich je vollen Zuges trank aus jenem schäumenden Würz- und
Mischkruge, in dem alle Dinge gut gemischt sind:
Wenn meine Hand je Fernstes zum Nächsten goss und Feuer zu Geist und
Lust zu Leid und Schlimmstes zum Gütigsten:
Wenn ich selber ein Korn bin von jenem erlösenden Salze, welches macht,
dass alle Dinge im Mischkruge gut sich mischen:—
—denn es giebt ein Salz, das Gutes mit Bösem bindet; und auch das
Böseste ist zum Würzen würdig und zum letzten Überschäumen:—
Oh wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit brünstig sein und nach dem
hochzeitlichen Ring der Ringe,—dem Ring de Wiederkunft!
Nie noch fand ich das Weib, von dem ich Kinder mochte, sei denn dieses
Weib, das ich lieb: denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
Denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
Wenn ich dem Meere hold bin und Allem, was Meeres-Art ist, und am
holdesten noch, wenn es mir zornig widerspricht:
Wenn jene suchende Lust in mir ist, die nach Unentdecktem die Segel
treibt, wenn eine Seefahrer-Lust in meiner Lust ist:
Wenn je mein Frohlocken rief: „die Küste schwand,—nun fiel mir die
letzte Kette ab—
—das Grenzenlose braust um mich, weit hinaus glänzt mir Raum und Zeit,
wohlan! wohlauf! altes Herz!“—
Oh wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit brünstig sein und nach dem
hochzeitlichen Ring der Ringe,—dem Ring de Wiederkunft!
Nie noch fand ich das Weib, von dem ich Kinder mochte, sei denn dieses
Weib, das ich lieb: denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
Denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
Wenn meine Tugend eines Tänzers Tugend ist, und ich oft mit beiden
Füssen in gold-smaragdenes Entzücken sprang:
Wenn meine Bosheit eine lachende Bosheit ist, heimisch unter
Rosenhängen und Lilien-Hecken:
—im Lachen nämlich ist alles Böse bei einander, aber heilig- und
losgesprochen durch seine eigne Seligkeit:—
Und wenn Das mein A und O ist, dass alles Schwere leicht, aller Leib
Tänzer, aller Geist Vogel werde: und wahrlich, Das ist mein A und O!—
Oh wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit brünstig sein und nach dem
hochzeitlichen Ring der Ringe,—dem Ring de Wiederkunft!
Nie noch fand ich das Weib, von dem ich Kinder mochte, sei denn dieses
Weib, das ich lieb: denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
Denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
Wenn ich je stille Himmel über mir ausspannte und mit eignen Flügeln in
eigne Himmel flog:
Wenn ich spielend in tiefen Licht-Fernen schwamm, und meiner Freiheit
Vogel-Weisheit kam:—
—so aber spricht Vogel-Weisheit: „Siehe, es giebt kein Oben, kein
Unten! Wirf dich umher, hinaus, zurück, du Leichter! Singe! sprich
nicht mehr!
—sind alle Worte nicht für die Schweren gemacht? Lügen dem Leichten
nicht alle Worte! Singe! sprich nicht mehr!“—
Oh wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit brünstig sein und nach dem
hochzeitlichen Ring der Ringe,—dem Ring de Wiederkunft!
Nie noch fand ich das Weib, von dem ich Kinder mochte, sei denn dieses
Weib, das ich lieb: denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
Denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
Ach, wo in der Welt geschahen grössere Thorheiten, als bei den
Mitleidigen? Und was in der Weit stiftete mehr Leid, als die Thorheiten
der Mitleidigen?
Wehe allen Liebenden, die nicht noch eine Höhe haben, welche über
ihrem Mitleiden ist!
Also sprach der Teufel einst zu mir: „auch Gott hat seine Hölle:
das ist seine Liebe zu den Menschen.“
Und jüngst hörte ich ihn diess Wort sagen: „Gott ist todt; an
seinem Mitleiden mit den Menschen ist Gott gestorben.“
Zarathustra, Von den Mitleidigen
Das Honig-Opfer
—Und wieder liefen Monde und Jahre über Zarathustra’s Seele, und er
achtete dessen nicht; sein Haar aber wurde weiss. Eines Tages, als er
auf einem Steine vor seiner Höhle sass und still hinausschaute,—man
schaut aber dort auf das Meer hinaus, und hinweg über gewundene
Abgründe—da giengen seine Thiere nachdenklich um ihn herum und stellten
sich endlich vor ihn hin.
„Oh Zarathustra, sagten sie, schaust du wohl aus nach deinem
Glücke?“—„Was liegt am Glücke! antwortete er, ich trachte lange nicht
mehr nach Glücke, ich trachte nach meinem Werke.“—„Oh Zarathustra,
redeten die Thiere abermals, Das sagst du als Einer, der des Guten
übergenug hat. Liegst du nicht in einem himmelblauen See von
Glück?“—„Ihr Schalks-Narren, antwortete Zarathustra und lächelte, wie
gut wähltet ihr das Gleichniss! Aber ihr wisst auch, dass mein Glück
schwer ist und nicht wie eine flüssige Wasserwelle: es drängt mich und
will nicht von mir und thut gleich geschmolzenem Peche.“—
Da giengen die Thiere wieder nachdenklich um ihn herum und stellten
sich dann abermals vor ihn hin. „Oh Zarathustra, sagten sie, _daher_
also kommt es, dass du selber immer gelber und dunkler wirst, obschon
dein Haar weiss und flächsern aussehen will? Siehe doch, du sitzest in
deinem Peche!“—„Was sagt ihr da, meine Thiere, sagte Zarathustra und
lachte dazu, wahrlich, ich lästerte als ich von Peche sprach. Wie mir
geschieht, so geht es allen Früchten, die reif werden. Es ist der
_Honig_ in meinen Adern, der mein Blut dicker und auch meine Seele
stiller macht.“—„So wird es sein, oh Zarathustra, antworteten die
Thiere und drängten sich an ihn; willst du aber nicht heute auf einen
hohen Berg steigen? Die Luft ist rein, und man sieht heute mehr von der
Welt als jemals.“—„Ja, meine Thiere, antwortete er, ihr rathet
trefflich und mir nach dem Herzen: ich will heute auf einen hohen Berg
steigen! Aber sorgt, dass dort Honig mir zur Hand sei, gelber, weisser,
guter, eisfrischer Waben-Goldhonig. Denn wisset, ich will droben das
Honig-Opfer bringen.“—
Als Zarathustra aber oben auf der Höhe war, sandte er die Thiere heim,
die ihn geleitet hatten, und fand, dass er nunmehr allein sei:—da
lachte er aus ganzem Herzen, sah sich um und sprach also:
Dass ich von Opfern sprach und Honig-Opfern, eine List war’s nur meiner
Rede und, wahrlich, eine nützliche Thorheit! Hier oben darf ich schon
freier reden, als vor Einsiedler-Höhlen und Einsiedler-Hausthieren.
Was opfern! Ich verschwende, was mir geschenkt wird, ich Verschwender
mit tausend Händen: wie dürfte ich Das noch—Opfern heissen!
Und als ich nach Honig begehrte, begehrte ich nur nach Köder und süssem
Seime und Schleime, nach dem auch Brummbären und wunderliche mürrische
böse Vögel die Zunge lecken:
—nach dem besten Köder, wie er Jägern und Fischfängern noththut. Denn
wenn die Welt wie ein dunkler Thierwald ist und aller wilden Jäger
Lustgarten, so dünkt sie mich noch mehr und lieber ein abgründliches
reiches Meer,
—ein Meer voll bunter Fische und Krebse, nach dem es auch Götter
gelüsten möchte, dass sie an ihm zu Fischern würden und zu
Netz-Auswerfern: so reich ist die Welt an Wunderlichem, grossem und
kleinem!
Sonderlich die Menschen-Welt, das Menschen-Meer:—nach _dem_ werfe ich
nun meine goldene Angelruthe aus und spreche: thue dich auf, du
Menschen-Abgrund!
Thue dich auf und wirf mir deine Fische und Glitzer-Krebse zu! Mit
meinem besten Köder ködere ich mir heute die wunderlichsten
Menschen-Fische!
—mein Glück selber werfe ich hinaus in alle Weiten und Fernen, zwischen
Aufgang, Mittag und Niedergang, ob nicht an meinem Glücke viele
Menschen-Fische zerrn und zappeln lernen.
Bis sie, anbeissend an meine spitzen verborgenen Haken, hinauf müssen
in _meine_ Höhe, die buntesten Abgrund-Gründlinge zu dem boshaftigsten
aller Menschen- Fischfänger.
_Der_ nämlich bin ich von Grund und Anbeginn, ziehend, heranziehend,
hinaufziehend, aufziehend, ein Zieher, Züchter und Zuchtmeister, der
sich nicht umsonst einstmals zusprach: „Werde, der du bist!“
Also mögen nunmehr die Menschen zu mir _hinauf_ kommen: denn noch warte
ich der Zeichen, dass es Zeit sei zu meinem Niedergange, noch gehe ich
selber nicht unter, wie ich muss, unter Menschen.
Dazu warte ich hier, listig und spöttisch auf hohen Bergen, kein
Ungeduldiger, kein Geduldiger, vielmehr Einer, der auch die Geduld
verlernt hat,—weil er nicht mehr „duldet.“
Mein Schicksal nämlich lässt mir Zeit: es vergass mich wohl? Oder sitzt
es hinter einem grossen Steine im Schatten und fängt Fliegen?
Und wahrlich, ich bin ihm gut darob, meinem ewigen Schicksale, dass es
mich nicht hetzt und drängt und mir Zeit zu Possen lässt und Bosheiten:
also dass ich heute zu einem Fischfange auf diesen hohen Berg stieg.
Fieng wohl je ein Mensch auf hohen Bergen Fische? Und wenn es auch eine
Thorheit ist, was ich hier oben will und treibe: besser noch Diess, als
dass ich da unten feierlich würde vor Warten und grün und gelb—
—ein gespreitzter Zornschnauber vor Warten, ein heiliger Heule-Sturm
aus Bergen, ein Ungeduldiger, der in die Thäler hinabruft: „Hört, oder
ich peitsche euch mit der Geissel Gottes!“
Nicht dass ich solchen Zürnern darob gram würde: zum Lachen sind sie
mir gut genung! Ungeduldig müssen sie schon sein, diese grossen
Lärmtrommeln, welche heute oder niemals zu Worte kommen!
Ich aber und mein Schicksal—wir reden nicht zum Heute, wir reden auch
nicht zum Niemals: wir haben zum Reden schon Geduld und Zeit und
Überzeit. Denn einst muss er doch kommen und darf nicht vorübergehn.
Wer muss einst kommen und darf nicht vorübergehn? Unser grosser Hazar,
das ist unser grosses fernes Menschen-Reich, das Zarathustra-Reich von
tausend Jahren—
Wie ferne mag solches „Ferne“ sein? was geht’s mich an! Aber darum
steht es mir doch nicht minder fest—, mit beiden Füssen stehe ich
sicher auf diesem Grunde,
—auf einem ewigen Grunde, auf hartem Urgesteine, auf diesem höchsten
härtesten Urgebirge, zu dem alle Winde kommen als zur Wetterscheide,
fragend nach Wo? und Woher? und Wohinaus?
Hier lache, lache meine helle heile Bosheit! Von hohen Bergen wirf
hinab dein glitzerndes Spott-Gelächter! Ködere mit deinem Glitzern mir
die schönsten Menschen-Fische!
Und was in allen Meeren _mir_ zugehört, mein An-und-für-mich in allen
Dingen—_Das_ fische mir heraus, _Das_ führe zu mir herauf: dess warte
ich, der boshaftigste aller Fischfänger.
Hinaus, hinaus, meine Angel! Hinein, hinab, Köder meines Glücks!
Träufle deinen süssesten Thau, mein Herzens-Honig! Beisse, meine Angel,
in den Bauch aller schwarzen Trübsal!
Hinaus, hinaus, mein Auge! Oh welche vielen Meere rings um mich, welch
dämmernde Menschen-Zukünfte! Und über mir—welch rosenrothe Stille!
Welch entwölktes Schweigen!
Der Nothschrei
Des nächsten Tages sass Zarathustra wieder auf seinem Steine vor der
Höhle, während die Thiere draussen in der Welt herumschweiften, dass
sie neue Nahrung heimbrächten,—auch neuen Honig: denn Zarathustra hatte
den alten Honig bis auf das letzte Korn verthan und verschwendet. Als
er aber dermaassen dasass, mit einem Stecken in der Hand, und den
Schatten seiner Gestalt auf der Erde abzeichnete, nachdenkend und,
wahrlich! nicht über sich und seinen Schatten—da erschrak er mit Einem
Male und fuhr zusammen: denn er sahe neben seinem Schatten noch einen
andern Schatten. Und wie er schnell um sich blickte und aufstand,
siehe, da stand der Wahrsager neben ihm, der selbe, den er einstmals an
seinem Tische gespeist und getränkt hatte, der Verkündiger der grossen
Müdigkeit, welcher lehrte: „Alles ist gleich, es lohnt sich Nichts,
Welt ist ohne Sinn, Wissen würgt.“ Aber sein Antlitz hatte sich
inzwischen verwandelt; und als ihm Zarathustra in die Augen blickte,
wurde sein Herz abermals erschreckt: so viel schlimme Verkündigungen
und aschgraue Blitze liefen über diess Gesicht.
Der Wahrsager, der es wahrgenommen, was sich in Zarathustra’s Seele
zutrug, wischte mit der Hand über sein Antlitz hin, wie als ob er
dasselbe wegwischen wollte; desgleichen that auch Zarathustra. Und als
Beide dergestalt sich schweigend gefasst und gekräftigt hatten, gaben
sie sich die Hände, zum Zeichen, dass sie sich wiedererkennen wollten.
„Sei mir willkommen, sagte Zarathustra, du Wahrsager der grossen
Müdigkeit, du sollst nicht umsonst einstmals mein Tisch- und Gastfreund
gewesen sein. Iss und trink auch heute bei mir und vergieb es, dass ein
vergnügter alter Mann mit dir zu Tische sitzt!“—„Ein vergnügter alter
Mann? antwortete der Wahrsager, den Kopf schüttelnd: wer du aber auch
bist oder sein willst, oh Zarathustra, du bist es zum Längsten hier
Oben gewesen,—dein Nachen soll über Kurzem nicht mehr im Trocknen
sitzen!“—„Sitze ich denn im Trocknen?“ fragte Zarathustra lachend.—„Die
Wellen um deinen Berg, antwortete der Wahrsager, steigen und steigen,
die Wellen grosser Noth und Trübsal: die werden bald auch deinen Nachen
heben und dich davontragen.“—Zarathustra schwieg hierauf und wunderte
sich.—„Hörst du noch Nichts? fuhr der Wahrsager fort: rauscht und
braust es nicht herauf aus der Tiefe?“—Zarathustra schwieg abermals und
horchte: da hörte er einen langen, langen Schrei, welchen die Abgründe
sich zuwarfen und weitergaben, denn keiner wollte ihn behalten: so böse
klang er.
„Du schlimmer Verkündiger, sprach endlich Zarathustra, das ist ein
Nothschrei und der Schrei eines Menschen, der mag wohl aus einem
schwarzen Meere kommen. Aber was geht mich Menschen-Noth an! Meine
letzte Sünde, die mir aufgespart blieb,—weisst du wohl, wie sie
heisst?“
—„Mitleiden! antwortete der Wahrsager aus einem überströmenden Herzen
und hob beide Hände empor—oh Zarathustra, ich komme, dass ich dich zu
deiner letzten Sünde verführe!“—
Und kaum waren diese Worte gesprochen, da erscholl der Schrei abermals,
und länger und ängstlicher als vorher, auch schon viel näher. „Hörst
du? Hörst du, oh Zarathustra? rief der Wahrsager, dir gilt der Schrei,
dich ruft er: komm, komm, komm, es ist Zeit, es ist höchste Zeit!“—
Zarathustra schwieg hierauf, verwirrt und erschüttert; endlich fragte
er, wie Einer, der bei sich selber zögert: „Und wer ist das, der dort
mich ruft?“
„Aber du weisst es ja, antwortete der Wahrsager heftig, was verbirgst
du dich? _Der höhere Mensch_ ist es, der nach dir schreit!“
„Der höhere Mensch? schrie Zarathustra von Grausen erfasst: was will
_der_? Was will _der_? Der höhere Mensch! Was will der hier?“—und seine
Haut bedeckte sich mit Schweiss.
Der Wahrsager aber antwortete nicht auf die Angst Zarathustra’s,
sondern horchte und horchte nach der Tiefe zu. Als es jedoch lange Zeit
dort stille blieb, wandte er seinen Blick zurück und sahe Zarathustra
stehn und zittern.
„Oh Zarathustra, hob er mit trauriger Stimme an, du stehst nicht da wie
Einer, den sein Glück drehend macht: du wirst tanzen müssen, dass du
mir nicht umfällst!
Aber wenn du auch vor mir tanzen wolltest und alle deine Seitensprünge
springen: Niemand soll mir doch sagen dürfen: „Siehe, hier tanzt der
letzte frohe Mensch!“
Umsonst käme Einer auf diese Höhe, der den hier suchte: Höhlen fände er
wohl und Hinter-Höhlen, Verstecke für Versteckte, aber nicht
Glücks-Schachte und Schatzkammern und neue Glücks-Goldadern.
Glück—wie fände man wohl das Glück bei solchen Vergrabenen und
Einsiedlern! Muss ich das letzte Glück noch auf glückseligen Inseln
suchen und ferne zwischen vergessenen Meeren?
Aber Alles ist gleich, es lohnt sich Nichts, es hilft kein Suchen, es
giebt auch keine glückseligen Inseln mehr!“—
Also seufzte der Wahrsager; bei seinem letzten Seufzer aber wurde
Zarathustra wieder hell und sicher, gleich Einem, der aus einem tiefen
Schlunde an’s Licht kommt. „Nein! Nein! Drei Mal Nein! rief er mit
starker Stimme und strich sich den Bart—_Das_ weiss ich besser! Es
giebt noch glückselige Inseln! Stille _davon_, du seufzender
Trauersack!
Höre _davon_ auf zu plätschern, du Regenwolke am Vormittag! Stehe ich
denn nicht schon da, nass von deiner Trübsal und begossen wie ein Hund?
Nun schüttle ich mich und laufe dir davon, dass ich wieder trocken
werde: dess darfst du nicht Wunder haben! Dünke ich dir unhöflich? Aber
hier ist _mein_ Hof.
Was aber deinen höheren Menschen angeht: wohlan! ich suche ihn flugs in
jenen Wäldern: _daher_ kam sein Schrei. Vielleicht bedrängt ihn da ein
böses Thier.
Er ist in _meinem_ Bereiche: darin soll er mir nicht zu Schaden kommen!
Und wahrlich, es giebt viele böse Thiere bei mir.“—
Mit diesen Worten wandte sich Zarathustra zum Gehen. Da sprach der
Wahrsager: „Oh Zarathustra, du bist ein Schelm!
Ich weiss es schon: du willst mich los sein! Lieber noch läufst du in
die Wälder und stellst bösen Thieren nach!
Aber was hilft es dir? Des Abends wirst du doch mich wiederhaben, in
deiner eignen Höhle werde ich dasitzen, geduldig und schwer wie ein
Klotz—und auf dich warten!“
„So sei’s! rief Zarathustra zurück im Fortgehn: und was mein ist in
meiner Höhle, gehört auch dir, meinem Gastfreunde!
Solltest du aber drin noch Honig finden, wohlan! so lecke ihn nur auf,
du Brummbär, und versüsse deine Seele! Am Abende nämlich wollen wir
Beide guter Dinge sein,
—guter Dinge und froh darob, dass dieser Tag zu Ende gieng! Und du
selber sollst zu meinen Liedern als mein Tanzbär tanzen.
Du glaubst nicht daran? Du schüttelst den Kopf? Wohlan! Wohlauf! Alter
Bär! Aber auch ich—bin ein Wahrsager.“
Also sprach Zarathustra.
Gespräch mit den Königen
Zarathustra war noch keine Stunde in seinen Bergen und Wäldern
unterwegs, da sahe er mit Einem Male einen seltsamen Aufzug. Gerade auf
dem Wege, den er hinabwollte, kamen zwei Könige gegangen, mit Kronen
und Purpurgürteln geschmückt und bunt wie Flamingo-Vögel: die trieben
einen beladenen Esel vor sich her. „Was wollen diese Könige in meinem
Reiche?“ sprach Zarathustra erstaunt zu seinem Herzen und versteckte
Sich geschwind hinter einem Busche. Als aber die Könige bis zu ihm
herankamen, sagte er, halblaut, wie Einer, der zu sich allein redet:
„Seltsam! Seltsam! Wie reimt sich Das zusammen? Zwei Könige sehe
ich—und nur Einen Esel!“
Da machten die beiden Könige Halt, lächelten, sahen nach der Stelle
hin, woher die Stimme kam, und sahen sich nachher selber in’s Gesicht.
„Solcherlei denkt man wohl auch unter uns, sagte der König zur Rechten,
aber man spricht es nicht aus.“
Der König zur Linken aber zuckte mit den Achseln und antwortete: „Das
mag wohl ein Ziegenhirt sein. Oder ein Einsiedler, der zu lange unter
Felsen und Bäumen lebte. Gar keine Gesellschaft nämlich verdirbt auch
die guten Sitten.“
„Die guten Sitten? entgegnete unwillig und bitter der andre König: wem
laufen wir denn aus dem Wege? Ist es nicht den „guten Sitten“? Unsrer
„guten Gesellschaft“?
Lieber, wahrlich, unter Einsiedlern und Ziegenhirten als mit unserm
vergoldeten falschen überschminkten Pöbel leben,—ob er sich schon „gute
Gesellschaft“ heisst,
—ob er sich schon „Adel“ heisst. Aber da ist Alles falsch und faul,
voran das Blut, Dank alten schlechten Krankheiten und schlechteren
Heil-Künstlern.
Der Beste und Liebste ist mir heute noch ein gesunder Bauer, grob,
listig, hartnäckig, langhaltig: das ist heute die vornehmste Art.
Der Bauer ist heute der Beste; und Bauern-Art sollte Herr sein! Aber es
ist das Reich des Pöbels,—ich lasse mir Nichts mehr vormachen. Pöbel
aber, das heisst: Mischmasch.
Pöbel-Mischmasch: darin ist Alles in Allem durcheinander, Heiliger und
Hallunke und Junker und Jude und jeglich Vieh aus der Arche Noäh.
Gute Sitten! Alles ist bei uns falsch und faul. Niemand weiss mehr zu
verehren: _dem_ gerade laufen wir davon. Es sind süssliche zudringliche
Hunde, sie vergolden Palmenblätter.
Dieser Ekel würgt mich, dass wir Könige selber falsch wurden, überhängt
und verkleidet durch alten vergilbten Grossväter-Prunk, Schaumünzen für
die Dümmsten und die Schlauesten, und wer heute Alles mit der Macht
Schacher treibt!
Wir _sind_ nicht die Ersten—und müssen es doch _bedeuten_: dieser
Betrügerei sind wir endlich satt und ekel geworden.
Dem Gesindel giengen wir aus dem Wege, allen diesen Schreihälsen und
Schreib-Schmeissfliegen, dem Krämer-Gestank, dem Ehrgeiz-Gezappel, dem
üblen Athem—: pfui, unter dem Gesindel leben,
—pfui, unter dem Gesindel die Ersten zu bedeuten! Ach, Ekel! Ekel!
Ekel! Was liegt noch an uns Königen!“—
„Deine alte Krankheit fällt dich an, sagte hier der König zur Linken,
der Ekel fällt dich an, mein armer Bruder. Aber du weisst es doch, es
hört uns Einer zu.“
Sofort erhob sich Zarathustra, der zu diesen Reden Ohren und Augen
aufgesperrt hatte, aus seinem Schlupfwinkel, trat auf die Könige zu und
begann:
„Der Euch zuhört, der Euch gerne zuhört, ihr Könige, der heisst
Zarathustra.
Ich bin Zarathustra, der einst sprach: „Was liegt noch an Königen!“
Vergebt mir, ich freute mich, als Ihr zu einander sagtet: „Was liegt an
uns Königen!“
Hier aber ist _mein_ Reich und meine Herrschaft: was mögt Ihr wohl in
meinem Reiche suchen? Vielleicht aber _fandet_ Ihr unterwegs, was _ich_
suche: nämlich den höheren Menschen.“
Als Diess die Könige hörten, schlugen sie sich an die Brust und
sprachen mit Einem Munde: „Wir sind erkannt!
Mit dem Schwerte dieses Wortes zerhaust du unsres Herzens dickste
Finsterniss. Du entdecktest unsre Noth, denn siehe! Wir sind unterwegs,
dass wir den höheren Menschen fänden—
—den Menschen, der höher ist als wir: ob wir gleich Könige sind. Ihm
führen wir diesen Esel zu. Der höchste Mensch nämlich soll auf Erden
auch der höchste Herr sein.
Es giebt kein härteres Unglück in allem Menschen-Schicksale, als wenn
die Mächtigen der Erde nicht auch die ersten Menschen sind. Da wird
Alles falsch und schief und ungeheuer.
Und wenn sie gar die letzten sind und mehr Vieh als Mensch: da steigt
und steigt der Pöbel im Preise, und endlich spricht gar die
Pöbel-Tugend: „siehe, ich allein bin Tugend!“—
Was hörte ich eben? antwortete Zarathustra; welche Weisheit bei
Königen! Ich bin entzückt, und, wahrlich, schon gelüstet’s mich, einen
Reim darauf zu machen:—
—mag es auch ein Reim werden, der nicht für Jedermanns Ohren taugt. Ich
verlernte seit langem schon die Rücksicht auf lange Ohren. Wohlan!
Wohlauf!
(Hier aber geschah es, dass auch der Esel zu Worte kam: er sagte aber
deutlich und mit bösem Willen I-A.)
Einstmals—ich glaub’, im Jahr des Heiles Eins—
Sprach die Sibylle, trunken sonder Weins:
„Weh, nun geht’s schief!
Verfall! Verfall! Nie sank die Welt so tief!
Rom sank zur Hure und zur Huren-Bude,
Rom’s Caesar sank zum Vieh, Gott selbst—ward Jude!“
An diesen Reimen Zarathustra’s weideten sich die Könige; der König zur
Rechten aber sprach: „oh Zarathustra, wie gut thaten wir, dass wir
auszogen, dich zu sehn!
Deine Feinde nämlich zeigten uns dein Bild in ihrem Spiegel: da
blicktest du mit der Fratze eines Teufels und hohnlachend: also dass
wir uns vor dir fürchteten.
Aber was half’s! Immer wieder stachst du uns in Ohr und Herz mit deinen
Sprüchen. Da sprachen wir endlich: was liegt daran, wie er aussieht!
Wir müssen ihn _hören_, ihn, der lehrt „ihr sollt den Frieden lieben
als Mittel zu neuen Kriegen, und den kurzen Frieden mehr als den
langen!“
Niemand sprach je so kriegerische Worte: „Was ist gut? Tapfer sein ist
gut. Der gute Krieg ist’s, der jede Sache heiligt.“
Oh Zarathustra, unsrer Väter Blut rührte sich bei solchen Worten in
unserm Leibe: das war wie die Rede des Frühlings zu alten Weinfässern.
Wenn die Schwerter durcheinander liefen gleich rothgefleckten
Schlangen, da wurden unsre Väter dem Leben gut; alles Friedens Sonne
dünkte sie flau und lau, der lange Frieden aber machte Scham.
Wie sie seufzten, unsre Väter, wenn sie an der Wand blitzblanke
ausgedorrte Schwerter sahen! Denen gleich dürsteten sie nach Krieg. Ein
Schwert nämlich will Blut trinken und funkelt vor Begierde.“—
—Als die Könige dergestalt mit Eifer von dem Glück ihrer Väter redeten
und schwätzten, überkam Zarathustra keine kleine Lust, ihres Eifers zu
spotten: denn ersichtlich waren es sehr friedfertige Könige, welche er
vor sich sah, solche mit alten und feinen Gesichtern. Aber er bezwang
sich. „Wohlan! sprach er, dorthin führt der Weg, da liegt die Höhle
Zarathustra’s; und dieser Tag soll einen langen Abend haben! Jetzt aber
ruft mich eilig ein Nothschrei fort von Euch.
Es ehrt meine Höhle, wenn Könige in ihr sitzen und warten wollen: aber,
freilich, Ihr werdet lange warten müssen!
Je nun! Was thut’s! Wo lernt man heute besser warten als an Höfen? Und
der Könige ganze Tugend, die ihnen übrig blieb,—heisst sie heute nicht:
Warten-_können_?“
Also sprach Zarathustra.
Der Blutegel
Und Zarathustra gieng nachdenklich weiter und tiefer, durch Wälder und
vorbei an moorigen Gründen; wie es aber Jedem ergeht, der über schwere
Dinge nachdenkt, so trat er unversehens dabei auf einen Menschen. Und
siehe, da sprützten ihm mit Einem Male ein Weheschrei und zwei Flüche
und zwanzig schlimme Schimpfworte in’s Gesicht: also dass er in seinem
Schrecken den Stock erhob und auch auf den Getretenen noch zuschlug.
Gleich darauf aber kam ihm die Besinnung; und sein Herz lachte über die
Thorheit, die er eben gethan hatte.
„Vergieb, sagte er zu dem Getretenen, der sich grimmig erhoben und
gesetzt hatte, vergieb und vernimm vor Allem erst ein Gleichniss.
Wie ein Wanderer, der von fernen Dingen träumt, unversehens auf
einsamer Strasse einen schlafenden Hund anstösst, einen Hund, der in
der Sonne liegt:
—wie da Beide auffahren, sich anfahren, Todfeinden gleich, diese zwei
zu Tod Erschrockenen: also ergieng es uns.
Und doch! Und doch—wie wenig hat gefehlt, dass sie einander liebkosten,
dieser Hund und dieser Einsame! Sind sie doch Beide—Einsame!“
—„Wer du auch sein magst, sagte immer noch grimmig der Getretene, du
trittst mir auch mit deinem Gleichniss zu nahe, und nicht nur mit
deinem Fusse!
Siehe doch, bin ich denn ein Hund?“—und dabei erhob sich der Sitzende
und zog seinen nackten Arm aus dem Sumpfe. Zuerst nämlich hatte er
ausgestreckt am Boden gelegen, verborgen und unkenntlich gleich
Solchen, die einem Sumpf-Wilde auflauern.
„Aber was treibst du doch!“ rief Zarathustra erschreckt, denn er sahe,
dass über den nackten Arm weg viel Blut floss,—was ist dir zugestossen?
Biss dich, du Unseliger, ein schlimmes Thier?
Der Blutende lachte, immer noch erzürnt. „Was geht’s dich an! sagte er
und wollte weitergehn. Hier bin ich heim und in meinem Bereiche. Mag
mich fragen, wer da will: einem Tölpel aber werde ich schwerlich
antworten.“
„Du irrst, sagte Zarathustra mitleidig und hielt ihn fest, du irrst:
hier bist du nicht bei dir, sondern in meinem Reiche, und darin soll
mir Keiner zu Schaden kommen.
Nenne mich aber immerhin, wie du willst,—ich bin, der ich sein muss.
Ich selber heisse mich Zarathustra.
Wohlan! Dort hinauf geht der Weg zu Zarathustra’s Höhle: die ist nicht
fern,—willst du nicht bei mir deiner Wunden warten?
Es gieng dir schlimm, du Unseliger, in diesem Leben: erst biss dich das
Thier, und dann—trat dich der Mensch!“—
Als aber der Getretene den Namen Zarathustra’s hörte, verwandelte er
sich. „Was geschieht mir doch! rief er aus, _wer_ kümmert mich denn
noch in diesem Leben, als dieser Eine Mensch, nämlich Zarathustra, und
jenes Eine Thier, das vom Blute lebt, der Blutegel?
Des Blutegels halber lag ich hier an diesem Sumpfe wie ein Fischer, und
schon war mein ausgehängter Arm zehn Mal angebissen, da beisst noch ein
schönerer Igel nach meinem Blute, Zarathustra selber!
Oh Glück! Oh Wunder! Gelobt sei dieser Tag, der mich in diesen Sumpf
lockte! Gelobt sei der beste lebendigste Schröpfkopf, der heut lebt,
gelobt sei der grosse Gewissens-Blutegel Zarathustra!“—
Also sprach der Getretene; und Zarathustra freute sich über seine Worte
und ihre feine ehrfürchtige Art. „Wer bist du? fragte er und reichte
ihm die Hand, zwischen uns bleibt Viel aufzuklären und aufzuheitern:
aber schon, dünkt mich, wird es reiner heller Tag.“
„Ich bin _der Gewissenhafte des Geistes_, antwortete der Gefragte, und
in Dingen des Geistes nimmt es nicht leicht Einer strenger, enger und
härter als ich, ausgenommen der, von dem ich’s lernte, Zarathustra
selber.
Lieber Nichts wissen, als Vieles halb wissen! Lieber ein Narr sein auf
eigne Faust, als ein Weiser nach fremdem Gutdünken! Ich—gehe auf den
Grund:
—was liegt daran, ob er gross oder klein ist? Ob er Sumpf oder Himmel
heisst? Eine Hand breit Grund ist mir genung: wenn er nur wirklich
Grund und Boden ist!
—eine Hand breit Grund: darauf kann man stehn. In der rechten
Wissen-Gewissenschaft giebt es nichts Grosses und nichts Kleines.“
„So bist du vielleicht der Erkenner des Blutegels? fragte Zarathustra;
und du gehst dem Blutegel nach bis auf die letzten Gründe, du
Gewissenhafter?“
„Oh Zarathustra, antwortete der Getretene, das wäre ein Ungeheures, wie
dürfte ich mich dessen unterfangen!
Wess ich aber Meister und Kenner bin, das ist des Blutegels _Hirn_:—das
ist _meine_ Welt!
Und es ist auch eine Welt! Vergieb aber, dass hier mein Stolz zu Worte
kommt, denn ich habe hier nicht meines Gleichen. Darum sprach ich „hier
bin ich heim.“
Wie lange gehe ich schon diesem Einen nach, dem Hirn des Blutegels,
dass die schlüpfrige Wahrheit mir hier nicht mehr entschlüpfe! Hier ist
_mein_ Reich!
—darob warf ich alles Andere fort, darob wurde mir alles. Andre gleich;
und dicht neben meinem Wissen lagert mein schwarzes Unwissen.
Mein Gewissen des Geistes will es so von mir, dass ich Eins weiss und
sonst Alles nicht weiss: es ekelt mich aller Halben des Geistes, aller
Dunstigen, Schwebenden, Schwärmerischen.
Wo meine Redlichkeit aufhört, bin ich blind und will auch blind sein.
Wo ich aber wissen will, will ich auch redlich sein, nämlich hart,
streng, eng, grausam, unerbittlich.
Dass _du_ einst sprachst, oh Zarathustra: „Geist ist das Leben, das
selber in’s Leben schneidet,“ das führte und verführte mich zu deiner
Lehre. Und, wahrlich, mit eignem Blute mehrte ich mir das eigne
Wissen!“
—„Wie der Augenschein lehrt,“ fiel Zarathustra ein; denn immer noch
floss das Blut an dem nackten Arme des Gewissenhaften herab. Es hatten
nämlich zehn Blutegel sich in denselben eingebissen.
„Oh du wunderlicher Gesell, wie Viel lehrt mich dieser Augenschein da,
nämlich du selber! Und nicht Alles dürfte ich vielleicht in deine
strengen Ohren giessen!
Wohlan! So scheiden wir hier! Doch möchte ich gerne dich wiederfinden.
Dort hinauf führt der Weg zu meiner Höhle: heute Nacht sollst du dort
mein lieber Gast sein!
Gerne möchte ich’s auch an deinem Leibe wieder gut machen, dass
Zarathustra dich mit Füssen trat: darüber denke ich nach. Jetzt aber
ruft mich ein Nothschrei eilig fort von dir.“
Also sprach Zarathustra.
Der Zauberer
Als aber Zarathustra um einen Felsen herumbog, da sahe er, nicht weit
unter sich, auf dem gleichen Wege, einen Menschen, der die Glieder warf
wie ein Tobsüchtiger und endlich bäuchlings zur Erde niederstürzte.
„Halt! sprach da Zarathustra zu seinem Herzen, Der dort muss wohl der
höhere Mensch sein, von ihm kam jener schlimme Nothschrei,—ich will
sehn, ob da zu helfen ist.“ Als er aber hinzulief, an die Stelle, wo
der Mensch auf dem Boden lag, fand er einen zitternden alten Mann mit
stieren Augen; und wie sehr sich Zarathustra mühte, dass er ihn
aufrichte und wieder auf seine Beine stelle, es war umsonst. Auch
schien der Unglückliche nicht zu merken, dass jemand um ihn sei;
vielmehr sah er sich immer mit rührenden Gebärden um, wie ein von aller
Welt Verlassener und Vereinsamter. Zuletzt aber, nach vielem Zittern,
Zucken und Sich-zusammen-Krümmen, begann er also zu jammern:
Wer wärmt mich, wer liebt mich noch?
Gebt heisse Hände!
Gebt Herzens-Kohlenbecken!
Hingestreckt, schaudernd,
Halbtodtem gleich, dem man die Füsse wärmt—
Geschüttelt, ach! von unbekannten Fiebern,
Zitternd vor spitzen eisigen Frost-Pfeilen,
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