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Also Sprach Zarathustra

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Also Sprach Zarathustra

Capítulo 55 · Also Sprach Zarathustra

Von dieser kleinsten Oasis—:

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Von dieser kleinsten Oasis—:
—sie sperrte gerade gähnend
Ihr liebliches Maul auf.
Das wohlriechendste aller Mäulchen:
Da fiel ich hinein,
Hinab, hindurch—unter euch,
Ihr allerliebsten Freundinnen! Sela.

Heil, Heil jenem Wallfische,
Wenn er also es seinem Gaste
Wohl sein liess!—ihr versteht
Meine gelehrte Anspielung?
Heil seinem Bauche,
Wenn er also
Ein so lieblicher Oasis-Bauch war
Gleich diesem: was ich aber in Zweifel ziehe,
—dafür komme ich aus Europa,
Das zweifelsüchtiger ist als alle
Ältlichen Eheweibchen.
Möge Gott es bessern!
Amen!

Da sitze ich nun,
In dieser kleinsten Oasis,
Einer Dattel gleich,
Braun, durchsüsst, goldschwürig, lüstern
Nach einem runden Mädchenmunde,
Mehr noch aber nach mädchenhaften
Eiskalten schneeweissen schneidigen
Beisszähnen: nach denen nämlich
Lechzt das Herz allen heissen Datteln. Sela.

Den genannten Südfrüchten
Ähnlich, allzuähnlich
Liege ich hier, von kleinen
Flügelkäfern
Umtänzelt und umspielt,
Insgleichen von noch kleineren
Thörichteren boshafteren
Wünschen und Einfällen,
Umlagert von euch,
Ihr stummen, ihr ahnungsvollen
Mädchen-Katzen,
Dudu und Suleika,
—_umsphinxt_, dass ich in Ein Wort
Viel Gefühle stopfe:
(Vergebe mir Gott
Diese Sprach-Sünde!)
—sitze hier, die beste Luft schnüffelnd,
Paradieses-Luft wahrlich,
Lichte leichte Luft, goldgestreifte,
So gute Luft nur je
Vom Monde herabfiel—
Sei es aus Zufall,
Oder geschah es aus Übermuthe?
Wie die alten Dichter erzählen.
Ich Zweifler aber ziehe es
In Zweifel, dafür aber komme ich
Aus Europa,
Das zweifelsüchtiger ist als alle
Ältlichen Eheweibchen.
Möge Gott es bessern!
Amen!

Diese schönste Luft trinkend,
Mit Nüstern geschwellt gleich Bechern, Ohne Zukunft, ohne Erinnerungen,
So sitze ich hier, ihr
Allerliebsten Freundinnen,
Und sehe der Palme zu,
Wie sie, einer Tänzerin gleich,
Sich biegt und schmiegt und in der Hüfte wiegt,
—man thut es mit, sieht man lange zu!
Einer Tänzerin gleich, die, wie mir scheinen will,
Zu lange schon, gefährlich lange
Immer, immer nur auf Einem Beine stand?
—da vergass sie darob, wie mir scheinen will,
Das andre Beinchen?
Vergebens wenigstens
Suchte ich das vermisste Zwillings-Kleinod
—nämlich das andre Bein—
In der heiligen Nähe
Ihres allerliebsten, allerzierlichsten
Fächer- und Flatter- und Flitterröckchens.
ja, wenn ihr mir, ihr schönen Freundinnen,
Ganz glauben wollt:
Sie hat es verloren!
Es ist dahin!
Auf ewig dahin!
Das andre Bein!
Oh schade um dieses liebliche andre Bein!
Wo—mag es wohl weilen und verlassen trauern?
Das einsame Bein?
In Furcht vielleicht vor einem
Grimmen gelben blondgelockten
Löwen-Unthiere? Oder gar schon
Abgenagt, abgeknabbert—
Erbärmlich, wehe! wehe! abgeknabbert! Sela.

Oh weint mir nicht,
Weiche Herzen!
Weint mir nicht, ihr
Dattel-Herzen! Milch-Busen!
Ihr Süssholz-Herz-
Beutelchen!
Weine nicht mehr,
Bleiche Dudu!
Sei ein Mann, Suleika! Muth! Muth!
—Oder sollte vielleicht
Etwas Stärkendes, Herz-Stärkendes,
Hier am Platze sein?
Ein gesalbter Spruch?
Ein feierlicher Zuspruch?—

Ha! Herauf, Würde!
Tugend-Würde! Europäer-Würde!
Blase, blase wieder,
Blasebalg der Tugend!
Ha!
Noch Ein Mal brüllen,
Moralisch brüllen!
Als moralischer Löwe
Vor den Töchtern der Wüste brüllen!
—Denn Tugend-Geheul,
Ihr allerliebsten Mädchen,
Ist mehr als Alles
Europäer-Inbrunst, Europäer-Heisshunger!
Und da stehe ich schon,
Als Europäer,
Ich kann nicht anders, Gott helfe mir!
Amen!

Die Wüste wächst: weh Dem, der Wüsten birgt!

Die Erweckung

1.

Nach dem Liede des Wanderers und Schattens wurde die Höhle mit Einem
Male voll Lärmens und Lachens; und da die versammelten Gäste alle
zugleich redeten, und auch der Esel, bei einer solchen Ermuthigung,
nicht mehr still blieb, überkam Zarathustra ein kleiner Widerwille und
Spott gegen seinen Besuch: ob er sich gleich ihrer Fröhlichkeit
erfreute. Denn sie dünkte ihm ein Zeichen der Genesung. So schlüpfte er
hinaus in’s Freie und sprach zu seinen Thieren.

„Wo ist nun ihre Noth hin? sprach er, und schon athmete er selber von
seinem kleinen Überdrusse auf,—bei mir verlernten sie, wie mich dünkt,
das Nothschrein!

—wenn auch, leider, noch nicht das Schrein.“ Und Zarathustra hielt sich
die Ohren zu, denn eben mischte sich das I-A des Esels wunderlich mit
dem Jubel-Lärm dieser höheren Menschen.

„Sie sind lustig, begann er wieder, und wer weiss? vielleicht auf ihres
Wirthes Unkosten; und lernten sie von mir lachen, so ist es doch nicht
_mein_ Lachen, das sie lernten.

Aber was liegt daran! Es sind alte Leute: sie genesen auf ihre Art, sie
lachen auf ihre Art; meine Ohren haben schon Schlimmeres erduldet und
wurden nicht unwirsch.

Dieser Tag ist ein Sieg: er weicht schon, er flieht, _der Geist der
Schwere_, mein alter Erzfeind! Wie gut will dieser Tag enden, der so
schlimm und schwer begann!

Und enden _will_ er. Schon kommt der Abend: über das Meer her reitet
er, der gute Reiter! Wie er sich wiegt, der Selige, Heimkehrende, in
seinen purpurnen Sätteln!

Der Himmel blickt klar dazu, die Welt liegt tief: oh all ihr
Wunderlichen, die ihr zu mir kamt, es lohnt sich schon, bei mir zu
leben!“

Also sprach Zarathustra. Und wieder kam da das Geschrei und Gelächter
der höheren Menschen aus der Höhle: da begann er von Neuem.

„Sie beissen an, mein Köder wirkt, es weicht auch ihnen ihr Feind, der
Geist der Schwere. Schon lernen sie über sich selber lachen: höre ich
recht?

Meine Manns-Kost wirkt, mein Saft- und Kraft-Spruch: und wahrlich, ich
nährte sie nicht mit Bläh-Gemüsen! Sondern mit Krieger-Kost, mit
Eroberer-Kost: neue Begierden weckte ich.

Neue Hoffnungen sind in ihren Armen und Beinen, ihr Herz streckt sich
aus. Sie finden neue Worte, bald wird ihr Geist Muthwillen athmen.

Solche Kost mag freilich nicht für Kinder sein, noch auch für
sehnsüchtige alte und junge Weibchen. Denen überredet man anders die
Eingeweide; deren Arzt und Lehrer bin ich nicht.

Der _Ekel_ weicht diesen höheren Menschen: wohlan! das ist mein Sieg.
In meinem Reiche werden sie sicher, alle dumme Scham läuft davon, sie
schütten sich aus.

Sie schütten ihr Herz aus, gute Stunden kehren ihnen zurück, sie feiern
und käuen wieder,—sie werden _dankbar_.

_Das_ nehme ich als das beste Zeichen: sie werden dankbar. Nicht lange
noch, und sie denken sich Feste aus und stellen Denksteine ihren alten
Freuden auf.

Es sind _Genesende_!“ Also sprach Zarathustra fröhlich zu seinem Herzen
und schaute hinaus; seine Thiere aber drängten sich an ihn und ehrten
sein Glück und sein Stillschweigen.

2.

Plötzlich aber erschrak das Ohr Zarathustra’s: die Höhle nämlich,
welche bisher voller Lärmens und Gelächters war, wurde mit Einem Male
todtenstill;—seine Nase aber roch einen wohlriechenden Qualm und
Weihrauch, wie von brennenden Pinien-Zapfen.

„Was geschieht? Was treiben sie?“ fragte er sich und schlich zum
Eingange heran, dass er seinen Gästen, unvermerkt, zusehn könne. Aber,
Wunder über Wunder! was musste er da mit seinen eignen Augen sehn!

„Sie sind Alle wieder _fromm_ geworden, sie _beten_, sie sind toll!“
—sprach er und verwundene sich über die Maassen. Und, fürwahr!, alle
diese höheren Menschen, die zwei Könige, der Papst ausser Dienst, der
schlimme Zauberer, der freiwillige Bettler, der Wanderer und Schatten,
der alte Wahrsager, der Gewissenhafte des Geistes und der hässlichste
Mensch: sie lagen Alle gleich Kindern und gläubigen alten Weibchen auf
den Knien und beteten den Esel an. Und eben begann der hässlichste
Mensch zu gurgeln und zu schnauben, wie als ob etwas Unaussprechliches
aus ihm heraus wolle; als er es aber wirklich bis zu Worten gebracht
hatte, siehe, da war es eine fromme seltsame Litanei zur Lobpreisung
des angebeteten und angeräucherten Esels. Diese Litanei aber klang
also:

Amen! Und Lob und Ehre und Weisheit und Dank und Preis und Stärke sei
unserm Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit!

—Der Esel aber schrie dazu I-A.

Er trägt unsre Last, er nahm Knechtsgestalt an, er ist geduldsam von
Herzen und redet niemals Nein; und wer seinen Gott liebt, der züchtigt
ihn.

—Der Esel aber schrie dazu I-A.

Er redet nicht: es sei denn, dass er zur Welt, die er Schuf, immer Ja
sagt: also preist er seine Welt. Seine Schlauheit ist es, die nicht
redet: so bekommt er selten Unrecht.

—Der Esel aber schrie dazu I-A.

Unscheinbar geht er durch die Welt. Grau ist die Leib-Farbe, in welche
er seine Tugend hüllt. Hat er Geist, so verbirgt er ihn; Jedermann aber
glaubt an seine langen Ohren.

—Der Esel aber schrie dazu I-A.

Welche verborgene Weisheit ist das, dass er lange Ohren trägt und
allein ja und nimmer Nein sagt! Hat er nicht die Welt erschaffen nach
seinem Bilde, nämlich so dumm als möglich?

—Der Esel aber schrie dazu I-A.

Du gehst gerade und krumme Wege; es kümmert dich wenig, was uns
Menschen gerade oder krumm dünkt. Jenseits von Gut und Böse ist dein
Reich. Es ist deine Unschuld, nicht zu wissen, was Unschuld ist.

—Der Esel aber schrie dazu I-A.

Siehe doch, wie du Niemanden von dir stössest, die Bettler nicht, noch
die Könige. Die Kindlein lässest du zu dir kommen, und wenn dich die
bösen Buben locken, so sprichst du einfältiglich I-A.

—Der Esel aber schrie dazu I-A.

Du liebst Eselinnen und frische Feigen, du bist kein Kostverächter.
Eine Distel kitzelt dir das Herz, wenn du gerade Hunger hast. Darin
liegt eines Gottes Weisheit.

—Der Esel aber schrie dazu I-A.

Das Eselsfest

1.

An dieser Stelle der Litanei aber konnte Zarathustra sich nicht länger
bemeistern, schrie selber I-A, lauter noch als der Esel, und sprang
mitten unter seine tollgewordenen Gäste.

„Aber was treibt ihr da, ihr Menschenkinder? rief er, indem er die
Betenden vom Boden empor riss. Wehe, wenn euch Jemand Anderes zusähe
als Zarathustra:

Jeder würde urtheilen, ihr wäret mit eurem neuen Glauben die ärgsten
Gotteslästerer oder die thörichtsten aller alten Weiblein!

Und du selber, du alter Papst, wie stimmt Das mit dir selber zusammen,
dass du solchergestalt einen Esel hier als Gott anbetest?“—

„Oh Zarathustra, antwortete der Papst, vergieb mir, aber in Dingen
Gottes bin ich aufgeklärter noch als du. Und so ist’s billig.

Lieber Gott also anbeten, in dieser Gestalt, als in gar keiner Gestalt!
Denke über diesen Spruch nach, mein hoher Freund: du erräthst
geschwind, in solchem Spruch steckt Weisheit.

Der, welcher sprach „Gott ist ein Geist“—der machte bisher auf Erden
den grössten Schritt und Sprung zum Unglauben: solch Wort ist auf Erden
nicht leicht wieder gut zu machen!

Mein altes Herz springt und hüpft darob, dass es auf Erden noch Etwas
anzubeten giebt. Vergieb das, oh Zarathustra, einem alten frommen
Papst-Herzen!—„

—„Und du, sagte Zarathustra zu dem Wanderer und Schatten, du nennst und
wähnst dich einen freien Geist? Und treibst hier solchen Götzen- und
Pfaffendienst?

Schlimmer, wahrlich, treibst du’s hier noch als bei deinen schlimmen
braunen Mädchen, du schlimmer neuer Gläubiger!“

„Schlimm genug, antwortete der Wanderer und Schatten, du hast Recht:
aber was kann ich dafür! Der alte Gott lebt wieder, Oh Zarathustra, du
magst reden, was du willst.

Der hässlichste Mensch ist an Allem schuld: der hat ihn wieder
auferweckt. Und wenn er sagt, dass er ihn einst getödtet habe: _Tod_
ist bei Göttern immer nur ein Vorurtheil.“

—Und du, sprach Zarathustra, du schlimmer alter Zauberer, was thatest
du! Wer soll, in dieser freien Zeit, fürderhin an dich glauben, wenn
_du_ an solche Götter-Eseleien glaubst?

Es war eine Dummheit, was du thatest; wie konntest du, du Kluger, eine
solche Dummheit thun!

„Oh Zarathustra, antwortete der kluge Zauberer, du hast Recht, es war
eine Dummheit,—es ist mir auch schwer genug geworden.“

—„Und du gar, sagte Zarathustra, zu dem Gewissenhaften des Geistes,
erwäge doch und lege den Finger an deine Nase! Geht hier denn Nichts
wider dein Gewissen? Ist dein Geist nicht zu reinlich für diess Beten
und den Dunst dieser Betbrüder?“

„Es ist Etwas daran, antwortete der Gewissenhafte und legte den Finger
an die Nase, es ist Etwas an diesem Schauspiele, das meinem Gewissen
sogar wohlthut.

Vielleicht, dass ich an Gott nicht glauben darf: gewiss aber ist, dass
Gott mir in dieser Gestalt noch am glaubwürdigsten dünkt.

Gott soll ewig sein, nach dem Zeugnisse der Frömmsten: wer so viel Zeit
hat, lässt sich Zeit. So langsam und so dumm als möglich: _damit_ kann
ein Solcher es doch sehr weit bringen.

Und wer des Geistes zu viel hat, der möchte sich wohl in die Dumm- und
Narrheit selber vernarren. Denke über dich selber nach, oh Zarathustra!

Du selber—wahrlich! auch du könntest wohl aus Überfluss und Weisheit zu
einem Esel werden.

Geht nicht ein vollkommner Weiser gern auf den krümmsten Wegen? Der
Augenschein lehrt es, oh Zarathustra,—_dein_ Augenschein!“

—„Und du selber zuletzt, sprach Zarathustra und wandte sich gegen den
hässlichsten Menschen, der immer noch auf dem Boden lag, den Arm zu dem
Esel emporhebend (er gab ihm nämlich Wein zu trinken). Sprich, du
Unaussprechlicher, was hast du da gemacht!

Du dünkst mich verwandelt, dein Auge glüht, der Mantel des Erhabenen
liegt um deine Hässlichkeit: _was_ thatest du?

Ist es denn wahr, was jene sagen, dass du ihn wieder auferwecktest? Und
wozu? War er nicht mit Grund abgetödtet und abgethan?

Du selber dünkst mich aufgeweckt: was thatest du? was kehrtest _du_ um?
Was bekehrtest _du_ dich? Sprich, du Unaussprechlicher?“

„Oh Zarathustra, antwortete der hässlichste Mensch, du bist ein Schelm!

Ob _Der_ noch lebt oder wieder lebt oder gründlich todt ist,—wer von
uns Beiden weiss Das am Besten? Ich frage dich.

Eins aber weiss ich,—von dir selber lernte ich’s einst, oh Zarathustra:
wer am gründlichsten tödten will, der _lacht_.

„Nicht durch Zorn, sondern durch Lachen tödtet man“—so sprachst du
einst. Oh Zarathustra, du Verborgener, du Vernichter ohne Zorn, du
gefährlicher Heiliger, - du bist ein Schelm!“

2.

Da aber geschah es, dass Zarathustra, verwundert über lauter solche
Schelmen-Antworten, zur Thür seiner Höhle zurück sprang und, gegen alle
seine Gäste gewendet, mit starker Stimme schrie:

„Oh ihr Schalks-Narren allesammt, ihr Possenreisser! Was verstellt und
versteckt ihr euch vor mir!

Wie doch einem jeden von euch das Herz zappelte vor Lust und Bosheit,
darob, dass ihr endlich einmal wieder wurdet wie die Kindlein, nämlich
fromm,—

—dass ihr endlich wieder thatet wie Kinder thun, nämlich betetet,
hände-faltetet und „lieber Gott“ sagtet!

Aber nun lasst mir _diese_ Kinderstube, meine eigne Höhle, wo heute
alle Kinderei zu Hause ist. Kühlt hier draussen euren heissen
Kinder-Übermuth und Herzenslärm ab!

Freilich: so ihr nicht werdet wie die Kindlein, so kommt ihr nicht in
_das_ Himmelreich. (Und Zarathustra zeigte mit den Händen nach Oben.)

Aber wir wollen auch gar nicht in’s Himmelreich: Männer sind wir
worden,—so wollen wir das Erdenreich.“

3.

Und noch einmal hob Zarathustra an zu reden. „Oh meine neuen Freunde,
sprach er,—ihr Wunderlichen, ihr höheren Menschen, wie gut gefallt ihr
mir nun,—

—seit ihr wieder fröhlich wurdet! Ihr seid wahrlich Alle aufgeblüht:
mich dünkt, solchen Blumen, wie ihr seid, thun _neue Feste_ noth,

—ein kleiner tapferer Unsinn, irgend ein Gottesdienst und Eselsfest,
irgend ein alter fröhlicher Zarathustra-Narr, ein Brausewind, der euch
die Seelen hell bläst.

Vergesst die Nacht und diess Eselsfest nicht, ihr höheren Menschen!
_Das_ erfandet ihr bei mir, Das nehme ich als gutes
Wahrzeichen,—Solcherlei erfinden nur Genesende!

Und feiert ihr es abermals, dieses Eselsfest, thut’s euch zu Liebe,
thut’s auch mir zu Liebe! Und zu _meinem_ Gedächtniss!“

Also sprach Zarathustra.

Das Nachtwandler-Lied

1.

Inzwischen aber war Einer nach dem Andern hinaus getreten, in’s Freie
und in die kühle nachdenkliche Nacht; Zarathustra selber aber führte
den hässlichsten Menschen an der Hand, dass er ihm seine Nacht-Welt und
den grossen runden Mond und die silbernen Wasserstürze bei seiner Höhle
zeige. Da standen sie endlich still bei einander, lauter alte Leute,
aber mit einem getrösteten tapferen Herzen und verwundert bei sich,
dass es ihnen auf Erden so wohl war; die Heimlichkeit der Nacht aber
kam ihnen näher und näher an’s Herz. Und von Neuem dachte Zarathustra
bei sich: „oh wie gut sie mir nun gefallen, diese höheren
Menschen!“—aber er sprach es nicht aus, denn er ehrte ihr Glück und ihr
Stillschweigen.—

Da aber geschah Das, was an jenem erstaunlichen langen Tage das
Erstaunlichste war: der hässlichste Mensch begann noch ein Mal und zum
letzten Mal zu gurgeln und zu schnauben, und als er es bis zu Worten
gebracht hatte, siehe, da sprang eine Frage rund und reinlich aus
seinem Munde, eine gute tiefe klare Frage, welche Allen, die ihm
zuhörten, das Herz im Leibe bewegte.

„Meine Freunde insgesammt, sprach der hässlichste Mensch, was dünket
euch? Um dieses Tags Willen—_ich_ bin’s zum ersten Male zufrieden, dass
ich das ganze Leben lebte.

Und dass ich so viel bezeuge, ist mir noch nicht genug. Es lohnt sich
auf der Erde zu leben: Ein Tag, Ein Fest mit Zarathustra lehrte mich
die Erde lieben.

„War _Das_—das Leben?“ will ich zum Tode sprechen. „Wohlan! Noch Ein
Mal!“

Meine Freunde, was dünket euch? Wollt ihr nicht gleich mir zum Tode
sprechen: War Das—das Leben? Um Zarathustra’s Willen, wohlan! Noch Ein
Mal!“—

Also sprach der hässlichste Mensch; es war aber nicht lange vor
Mitternacht. Und was glaubt ihr wohl, dass damals sich zutrug? Sobald
die höheren Menschen seine Frage hörten, wurden sie sich mit Einem Male
ihrer Verwandlung und Genesung bewusst, und wer ihnen dieselbe gegeben
habe: da sprangen sie auf Zarathustra zu, dankend, verehrend,
liebkosend, ihm die Hände küssend, so wie es der Art eines Jeden eigen
war: also dass Einige lachten, Einige weinten. Der alte Wahrsager aber
tanzte vor Vergnügen; und wenn er auch, wie manche Erzähler meinen,
damals voll süssen Weines war, so war er gewisslich noch voller des
süssen Lebens und hatte aller Müdigkeit abgesagt. Es giebt sogar
Solche, die erzählen, dass damals der Esel getanzt habe: nicht umsonst
nämlich habe ihm der hässlichste Mensch vorher Wein zu trinken gegeben.
Diess mag sich nun so verhalten oder auch anders; und wenn in Wahrheit
an jenem Abende der Esel nicht getanzt hat, so geschahen doch damals
grössere und seltsamere Wunderdinge als es das Tanzen eines Esels wäre.
Kurz, wie das Sprichwort Zarathustra’s lautet: „was liegt daran!“

2.

Zarathustra aber, als sich diess mit dem hässlichsten Menschen zutrug,
stand da, wie ein Trunkener: sein Blick erlosch, seine Zunge lallte,
seine Füsse schwankten. Und wer möchte auch errathen, welche Gedanken
dabei über Zarathustra’s Seele liefen? Ersichtlich aber wich sein Geist
zurück und floh voraus und war in weiten Fernen und gleichsam „auf
hohem Joche, wie geschrieben steht, zwischen zwei Meeren,

—zwischen Vergangenem und Zukünftigem als schwere Wolke wandelnd.“
Allgemach aber, während ihn die höheren Menschen in den Armen hielten,
kam er ein Wenig zu sich selber zurück und wehrte mit den Händen dem
Gedränge der Verehrenden und Besorgten; doch sprach er nicht. Mit Einem
Male aber wandte er schnell den Kopf, denn er schien Etwas zu hören: da
legte er den Finger an den Mund und sprach: „Kommt!“

Und alsbald wurde es rings still und heimlich; aus der Tiefe aber kam
langsam der Klang einer Glocke herauf. Zarathustra horchte darnach,
gleich den höheren Menschen; dann aber legte er zum andern Male den
Finger an den Mund und sprach wiederum: „Kommt! Kommt! Es geht gen
Mitternacht!“—und seine Stimme hatte sich verwandelt. Aber immer noch
rührte er sich nicht von der Stelle: da wurde es noch stiller und
heimlicher, und Alles horchte, auch der Esel, und Zarathustra’s
Ehrenthiere, der Adler und die Schlange, insgleichen die Höhle
Zarathustra’s und der grosse kühle Mond und die Nacht selber.
Zarathustra aber legte zum dritten Male die Hand an den Mund und
sprach:

Kommt! Kommt! Kommt! Lasst uns jetzo wandeln! Es ist die Stunde: lasst
uns in die Nacht wandeln!

3.

Ihr höheren Menschen, es geht gen Mitternacht: da will ich euch Etwas
in die Ohren sagen, wie jene alte Glocke es mir in’s Ohr sagt,—

—so heimlich, so schrecklich, so herzlich, wie jene Mitternachts-Glocke
zu mir es redet, die mehr erlebt hat als Ein Mensch:

—welche schon eurer Väter Herzens-Schmerzens-Schläge abzählte—ach! ach!
wie sie seufzt! wie sie im Traume lacht! die alte tiefe tiefe
Mitternacht!

Still! Still! Da hört sich Manches, das am Tage nicht laut werden darf;
nun aber, bei kühler Luft, da auch aller Lärm eurer Herzen stille
ward,—

—nun redet es, nun hört es sich, nun schleicht es sich in nächtliche
überwache Seelen: ach! ach! wie sie seufzt! wie sie im Traume lacht!

—hörst du’s nicht, wie sie heimlich, schrecklich, herzlich zu _dir_
redet, die alte tiefe tiefe Mitternacht? Oh Mensch, gieb Acht!

4.

Wehe mir! Wo ist die Zeit hin? Sank ich nicht in tiefe Brunnen? Die
Welt schläft—

Ach! Ach! Der Hund heult, der Mond scheint. Lieber will ich sterben,
sterben, als euch sagen, was mein Mitternachts-Herz eben denkt.

Nun starb ich schon. Es ist dahin. Spinne, was spinnst du um mich?
Willst du Blut? Ach! Ach! der Thau fällt, die Stunde kommt—

—die Stunde, wo mich fröstelt und friert, die fragt und fragt und
fragt: „wer hat Herz genug dazu?

—wer soll der Erde Herr sein? Wer will sagen: _so_ sollt ihr laufen,
ihr grossen und kleinen Ströme!“

—die Stunde naht: oh Mensch, du höherer Mensch, gieb Acht! diese Rede
ist für feine Ohren, für deine Ohren was spricht die tiefe Mitternacht?

5.

Es trägt mich dahin, meine Seele tanzt. Tagewerk! Tagewerk! Wer soll
der Erde Herr sein?

Der Mond ist kühl, der Wind schweigt. Ach! Ach! Flogt ihr schon hoch
genug? Ihr tanztet: aber ein Bein ist doch kein Flügel.

Ihr guten Tänzer, nun ist alle Lust vorbei, Wein ward Hefe, jeder
Becher ward mürbe, die Gräber stammeln.

Ihr flogt nicht hoch genug: nun stammeln die Gräber „erlöst doch die
Todten! Warum ist so lange Nacht? Macht uns nicht der Mond trunken?“

Ihr höheren Menschen, erlöst doch die Gräber, weckt die Leichname auf!
Ach, was gräbt noch der Wurm? Es naht, es naht die Stunde,—

—es brummt die Glocke, es schnarrt noch das Herz, es gräbt noch der
Holzwurm, der Herzenswurm. Ach! Ach! Die Welt ist tief!

6.

Süsse Leier! Süsse Leier! Ich liebe deinen Ton, deinen trunkenen
Unken-Ton!—wie lang her, wie fern her kommt mir dein Ton, weit her, von
den Teichen der Liebe!

Du alte Glocke, du süsse Leier! Jeder Schmerz riss dir in’s Herz,
Vaterschmerz, Väterschmerz, Urväterschmerz, deine Rede wurde reif,-

—reif gleich goldenem Herbste und Nachmittage, gleich meinem
Einsiedlerherzen - nun redest du: die Welt selber ward reif, die Traube
bräunt,

—nun will sie sterben, vor Glück sterben. Ihr höheren Menschen, riecht
ihr’s nicht? Es quillt heimlich ein Geruch herauf,

—ein Duft und Geruch der Ewigkeit, ein rosenseliger, brauner
Gold-Wein-Geruch von altem Glücke,

Also Sprach Zarathustra

Sinopse

Texto original em DE preservado no Literunico para leitura comparada com a edição/tradução da Copa Literunico. Fonte-base: https://www.gutenberg.org/files/7205/7205-0.txt

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