Von den drei Verwandlungen Also Sprach Zarathustra · Capítulo 2 de 57
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Von den drei Verwandlungen

Von den drei Verwandlungen

Drei Verwandlungen nenne ich euch des Geistes: wie der Geist zum Kamele

wird, und zum Löwen das Kameel, und zum Kinde zuletzt der Löwe.

Vieles Schwere giebt es dem Geiste, dem starken, tragsamen Geiste, dem

Ehrfurcht innewohnt: nach dem Schweren und Schwersten verlangt seine

Stärke.

Was ist schwer? so fragt der tragsame Geist, so kniet er nieder, dem

Kameele gleich, und will gut beladen sein.

Was ist das Schwerste, ihr Helden? so fragt der tragsame Geist, dass

ich es auf mich nehme und meiner Stärke froh werde.

Ist es nicht das: sich erniedrigen, um seinem Hochmuth wehe zu thun?

Seine Thorheit leuchten lassen, um seiner Weisheit zu spotten?

Oder ist es das: von unserer Sache scheiden, wenn sie ihren Sieg

feiert? Auf hohe Berge steigen, um den Versucher zu versuchen?

Oder ist es das: sich von Eicheln und Gras der Erkenntniss nähren und

um der Wahrheit willen an der Seele Hunger leiden?

Oder ist es das: krank sein und die Tröster heimschicken und mit Tauben

Freundschaft schliessen, die niemals hören, was du willst?

Oder ist es das: in schmutziges Wasser steigen, wenn es das Wasser der

Wahrheit ist, und kalte Frösche und heisse Kröten nicht von sich

weisen?

Oder ist es das: Die lieben, die uns verachten, und dem Gespenste die

Hand reichen, wenn es uns fürchten machen will?

Alles diess Schwerste nimmt der tragsame Geist auf sich: dem Kameele

gleich, das beladen in die Wüste eilt, also eilt er in seine Wüste.

Aber in der einsamsten Wüste geschieht die zweite Verwandlung: zum

Löwen wird hier der Geist, Freiheit will er sich erbeuten und Herr sein

in seiner eignen Wüste.

Seinen letzten Herrn sucht er sich hier: feind will er ihm werden und

seinem letzten Gotte, um Sieg will er mit dem grossen Drachen ringen.

Welches ist der grosse Drache, den der Geist nicht mehr Herr und Gott

heissen mag? „Du-sollst“ heisst der grosse Drache. Aber der Geist des

Löwen sagt „Ich will“.

„Du-sollst“ liegt ihm am Wege, goldfunkelnd, ein Schuppenthier, und auf

jeder Schuppe glänzt golden „Du-sollst!“

Tausendjährige Werthe glänzen an diesen Schuppen, und also spricht der

mächtigste aller Drachen „aller Werth der Dinge—der glänzt an mir.“

„Aller Werth ward schon geschaffen, und aller geschaffene Werth—das bin

ich. Wahrlich, es soll kein „Ich will“ mehr geben!“ Also spricht der

Drache.

Meine Brüder, wozu bedarf es des Löwen im Geiste? Was genügt nicht das

lastbare Thier, das entsagt und ehrfürchtig ist?

Neue Werthe schaffen—das vermag auch der Löwe noch nicht: aber Freiheit

sich schaffen zu neuem Schaffen—das vermag die Macht des Löwen.

Freiheit sich schaffen und ein heiliges Nein auch vor der Pflicht:

dazu, meine Brüder bedarf es des Löwen.

Recht sich nehmen zu neuen Werthen—das ist das furchtbarste Nehmen für

einen tragsamen und ehrfürchtigen Geist. Wahrlich, ein Rauben ist es

ihm und eines raubenden Thieres Sache.

Als sein Heiligstes liebte er einst das „Du-sollst“: nun muss er Wahn

und Willkür auch noch im Heiligsten finden, dass er sich Freiheit raube

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