Von der Selbst-Überwindung Also Sprach Zarathustra · Capítulo 24 de 57
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Von der Selbst-Überwindung

Von der Selbst-Überwindung

„Wille zur Wahrheit“ heisst ihr’s, ihr Weisesten, was euch treibt und

brünstig macht?

Wille zur Denkbarkeit alles Seienden: also heisse _ich_ euren Willen!

Alles Seiende wollt ihr erst denkbar _machen_: denn ihr zweifelt mit

gutem Misstrauen, ob es schon denkbar ist.

Aber es soll sich euch fügen und biegen! So will’s euer Wille. Glatt

soll es werden und dem Geiste unterthan, als sein Spiegel und

Widerbild.

Das ist euer ganzer Wille, ihr Weisesten, als ein Wille zur Macht; und

auch wenn ihr vom Guten und Bösen redet und von den Werthschätzungen.

Schaffen wollt ihr noch die Welt, vor der ihr knien könnt: so ist es

eure letzte Hoffnung und Trunkenheit.

Die Unweisen freilich, das Volk,—die sind gleich dem Flusse, auf dem

ein Nachen weiter schwimmt: und im Nachen sitzen feierlich und vermummt

die Werthschätzungen.

Euren Willen und eure Werthe setztet ihr auf den Fluss des Werdens;

einen alten Willen zur Macht verräth mir, was vom Volke als gut und

böse geglaubt wird.

Ihr wart es, ihr Weisesten, die solche Gäste in diesen Nachen setzten

und ihnen Prunk und stolze Namen gaben,—ihr und euer herrschender

Wille!

Weiter trägt nun der Fluss euren Nachen: er _muss_ ihn tragen. Wenig

thut’s, ob die gebrochene Welle schäumt und zornig dem Kiele

widerspricht!

Nicht der Fluss ist eure Gefahr und das Ende eures Guten und Bösen, ihr

Weisesten: sondern jener Wille selber, der Wille zur Macht,—der

unerschöpfte zeugende Lebens-Wille.

Aber damit ihr mein Wort versteht vom Guten und Bösen: dazu will ich

euch noch mein Wort vom Leben sagen und von der Art alles Lebendigen.

Dem Lebendigen gieng ich nach, ich gieng die grössten und die kleinsten

Wege, dass ich seine Art erkenne.

Mit hundertfachem Spiegel fieng ich noch seinen Blick auf, wenn ihm der

Mund geschlossen war: dass sein Auge mir rede. Und sein Auge redete

mir.

Aber, wo ich nur Lebendiges fand, da hörte ich auch die Rede vom

Gehorsame. Alles Lebendige ist ein Gehorchendes.

Und diess ist das Zweite: Dem wird befohlen, der sich nicht selber

gehorchen kann. So ist es des Lebendigen Art.

Diess aber ist das Dritte, was ich hörte: dass Befehlen schwerer ist,

als Gehorchen. Und nicht nur, dass der Befehlende die Last aller

Gehorchenden trägt, und dass leicht ihn diese Last zerdrückt:—

Ein Versuch und Wagniss erschien mir in allem Befehlen; und stets, wenn

es befiehlt, wagt das Lebendige sich selber dran.

Ja noch, wenn es sich selber befiehlt: auch da noch muss es sein

Befehlen büssen. Seinem eignen Gesetze muss es Richter und Rächer und

Opfer werden.

Wie geschieht diess doch! so fragte ich mich. Was überredet das

Lebendige, dass es gehorcht und befiehlt und befehlend noch Gehorsam

übt?

Hört mir nun mein Wort, ihr Weisesten! Prüft es ernstlich, ob ich dem

Leben selber in’s Herz kroch und bis in die Wurzeln seines Herzens!

Wo ich Lebendiges fand, da fand ich Willen zur Macht; und noch im

Willen des Dienenden fand ich den Willen, Herr zu sein.

Dass dem Stärkeren diene das Schwächere, dazu überredet es sein Wille,

der über noch Schwächeres Herr sein will: dieser Lust allein mag es

nicht entrathen.

Und wie das Kleinere sich dem Grösseren hingiebt, dass es Lust und

Macht am Kleinsten habe: also giebt sich auch das Grösste noch hin und

setzt um der Macht willen—das Leben dran.

Das ist die Hingebung des Grössten, dass es Wagniss ist und Gefahr und

um den Tod ein Würfelspielen.

Und wo Opferung und Dienste und Liebesblicke sind: auch da ist Wille,

Herr zu sein. Auf Schleichwegen schleicht sich da der Schwächere in die

Burg und bis in’s Herz dem Mächtigeren—und stiehlt da Macht.

Und diess Geheimniss redete das Leben selber zu mir. Siehe, sprach es,

ich bin das, was sich immer selber überwinden muss.

„Freilich, ihr heisst es Wille zur Zeugung oder Trieb zum Zwecke, zum

Höheren, Ferneren, Vielfacheren: aber all diess ist Eins und Ein

Geheimniss.

Lieber noch gehe ich unter, als dass ich diesem Einen absagte; und

wahrlich, wo es Untergang giebt und Blätterfallen, siehe, da opfert

sich Leben—um Macht!

Dass ich Kampf sein muss und Werden und Zweck und der Zwecke

Widerspruch: ach, wer meinen Willen erräth, erräth wohl auch, auf

welchen _krummen_ Wegen er gehen muss!

Was ich auch schaffe und wie ich’s auch liebe,—bald muss ich Gegner ihm

sein und meiner Liebe: so will es mein Wille.

Und auch du, Erkennender, bist nur ein Pfad und Fusstapfen meines

Willens: wahrlich, mein Wille zur Macht wandelt auch auf den Füssen

deines Willens zur Wahrheit!

Der traf freilich die Wahrheit nicht, der das Wort nach ihr schoss vom

„Willen zum Dasein“: diesen Willen—giebt es nicht!

Denn: was nicht ist, das kann nicht wollen; was aber im Dasein ist, wie

könnte das noch zum Dasein wollen!

Nur, wo Leben ist, da ist auch Wille: aber nicht Wille zum Leben,

sondern—so lehre ich’s dich—Wille zur Macht!

Vieles ist dem Lebenden höher geschätzt, als Leben selber; doch aus dem

Schätzen selber heraus redet—der Wille zur Macht!“—

Also lehrte mich einst das Leben: und daraus löse ich euch, ihr

Weisesten, noch das Räthsel eures Herzens.

Wahrlich, ich sage euch: Gutes und Böses, das unvergänglich wäre—das

giebt es nicht! Aus sich selber muss es sich immer wieder überwinden.

Mit euren Werthen und Worten von Gut und Böse übt ihr Gewalt, ihr

Werthschätzenden: und diess ist eure verborgene Liebe und eurer Seele

Glänzen, Zittern und Überwallen.

Aber eine stärkere Gewalt wächst aus euren Werthen und eine neue

Überwindung: an der zerbricht Ei und Eierschale.

Und wer ein Schöpfer sein muss im Guten und Bösen: wahrlich, der muss

ein Vernichter erst sein und Werthe zerbrechen.

Also gehört das höchste Böse zur höchsten Güte: diese aber ist die

schöpferische.—

Reden wir nur davon, ihr Weisesten, ob es gleich schlimm ist. Schweigen

ist schlimmer; alle verschwiegenere Wahrheiten werden giftig.

Und mag doch Alles zerbrechen, was an unseren Wahrheiten

zerbrechen—kann! Manches Haus giebt es noch zu bauen!

Also sprach Zarathustra.

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