Von der Menschen-Klugheit Also Sprach Zarathustra · Capítulo 32 de 57
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Von der Menschen-Klugheit

Von der Menschen-Klugheit

Nicht die Höhe: der Abhang ist das Furchtbare!

Der Abhang, wo der Blick _hinunter_ stürzt und die Hand _hinauf_

greift. Da schwindelt dem Herzen vor seinem doppelten Willen.

Ach, Freunde, errathet ihr wohl auch meines Herzens doppelten Willen?

Das, Das ist _mein_ Abhang und meine Gefahr, dass mein Blick in die

Höhe stürzt, und dass meine Hand sich halten und stützen möchte—an der

Tiefe!

An den Menschen klammert sich mein Wille, mit Ketten binde ich mich an

den Menschen, weil es mich hinauf reisst zum Obermenschen: denn dahin

will mein andrer Wille.

Und _dazu_ lebe ich blind unter den Menschen; gleich als ob ich sie

nicht kennte: dass meine Hand ihren Glauben an Festes nicht ganz

verliere.

Ich kenne euch Menschen nicht: diese Finsterniss und Tröstung ist oft

um mich gebreitet.

Ich sitze am Thorwege für jeden Schelm und frage: wer will mich

betrügen?

Das ist meine erste Menschen-Klugheit, dass ich mich betrügen lasse, um

nicht auf der Hut zu sein vor Betrügern.

Ach, wenn ich auf der Hut wäre vor dem Menschen: wie könnte meinem

Balle der Mensch ein Anker sein! Zu leicht risse es mich hinauf und

hinweg!

Diese Vorsehung ist über meinem Schicksal, dass ich ohne Vorsicht sein

muss.

Und wer unter Menschen nicht verschmachten will, muss lernen, aus allen

Gläsern zu trinken; und wer unter Menschen rein bleiben will, muss

verstehn, sich auch mit schmutzigem Wasser zu waschen.

Und also sprach ich oft mir zum Troste: „Wohlan! Wohlauf! Altes Herz!

Ein Unglück missrieth dir: geniesse diess als dein—Glück!“

Diess aber ist meine andre Menschen-Klugheit: ich schone die _Eitlen_

mehr als die Stolzen.

Ist nicht verletzte Eitelkeit die Mutter aller Trauerspiele? Wo aber

Stolz verletzt wird, da wächst wohl etwas Besseres noch, als Stolz ist.

Damit das Leben gut anzuschaun sei, muss sein Spiel gut gespielt

werden: dazu aber bedarf es guter Schauspieler.

Gute Schauspieler fand ich alle Eitlen: sie spielen und wollen, dass

ihnen gern zugeschaut werde,—all ihr Geist ist bei diesem Willen.

Sie führen sich auf, sie erfinden sich; in ihrer Nähe liebe ich’s, dem

Leben zuzuschaun,—es heilt von der Schwermuth.

Darum schone ich die Eitlen, weil sie mir Arzte sind meiner Schwermuth

und mich am Menschen fest halten als an einem Schauspiele.

Und dann: wer ermisst am Eitlen die ganze Tiefe seiner Bescheidenheit!

Ich bin ihm gut und mitleidig ob seiner Bescheidenheit.

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