Von unsern besten Feinden wollen wir nicht geschont sein, und auch von Also Sprach Zarathustra · Capítulo 10 de 57
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Von unsern besten Feinden wollen wir nicht geschont sein, und auch von

Von unsern besten Feinden wollen wir nicht geschont sein, und auch von

Denen nicht, welche wir von Grund aus lieben. So lasst mich denn euch

die Wahrheit sagen!

Meine Brüder im Kriege! Ich liebe euch von Grund aus, ich bin und war

Euresgleichen. Und ich bin auch euer bester Feind. So lasst mich denn

euch die Wahrheit sagen!

Ich weiss um den Hass und Neid eures Herzens. Ihr seid nicht gross

genug, um Hass und Neid nicht zu kennen. So seid denn gross genug, euch

ihrer nicht zu schämen!

Und wenn ihr nicht Heilige der Erkenntniss sein könnt, so seid mir

wenigstens deren Kriegsmänner. Das sind die Gefährten und Vorläufer

solcher Heiligkeit.

Ich sehe viel Soldaten: möchte ich viel Kriegsmänner sehn! „Ein-form“

nennt man’s, was sie tragen: möge es nicht Ein-form sein, was sie damit

verstecken!

Ihr sollt mir Solche sein, deren Auge immer nach einem Feinde

sucht—nach _eurem_ Feinde. Und bei Einigen von euch giebt es einen Hass

auf den ersten Blick.

Euren Feind sollt ihr suchen, euren Krieg sollt ihr führen und für eure

Gedanken! Und wenn euer Gedanke unterliegt, so soll eure Redlichkeit

darüber noch Triumph rufen!

Ihr sollt den Frieden lieben als Mittel zu neuen Kriegen. Und den

kurzen Frieden mehr, als den langen.

Euch rathe ich nicht zur Arbeit, sondern zum Kampfe. Euch rathe ich

nicht zum Frieden, sondern zum Siege. Eure Arbeit sei ein Kampf, euer

Friede sei ein Sieg!

Man kann nur schweigen und stillsitzen, wenn man Pfeil und Bogen hat:

sonst schwätzt und zankt man. Euer Friede sei ein Sieg!

Ihr sagt, die gute Sache sei es, die sogar den Krieg heilige? Ich sage

euch: der gute Krieg ist es, der jede Sache heiligt.

Der Krieg und der Muth haben mehr grosse Dinge gethan, als die

Nächstenliebe. Nicht euer Mitleiden, sondern eure Tapferkeit rettete

bisher die Verunglückten.

Was ist gut? fragt ihr. Tapfer sein ist gut. Lasst die kleinen Mädchen

reden: „gut sein ist, was hübsch zugleich und rührend ist.“

Man nennt euch herzlos: aber euer Herz ist ächt, und ich liebe die

Scham eurer Herzlichkeit. Ihr schämt euch eurer Fluth, und Andre

schämen sich ihrer Ebbe.

Ihr seid hässlich? Nun wohlan, meine Brüder! So nehmt das Erhabne um

euch, den Mantel des Hässlichen!

Und wenn eure Seele gross wird, so wird sie übermüthig, und in eurer

Erhabenheit ist Bosheit. Ich kenne euch.

In der Bosheit begegnet sich der Übermüthige mit dem Schwächlinge. Aber

sie missverstehen einander. Ich kenne euch.

Ihr dürft nur Feinde haben, die zu hassen sind, aber nicht Feinde zum

Verachten. Ihr müsst stolz auf euern Feind sein: dann sind die Erfolge

eures Feindes auch eure Erfolge.

Auflehnung—das ist die Vornehmheit am Sclaven. Eure Vornehmheit sei

Gehorsam! Euer Befehlen selber sei ein Gehorchen!

Einem guten Kriegsmanne klingt „du sollst“ angenehmer, als „ich will“.

Und Alles, was euch lieb ist, sollt ihr euch erst noch befehlen lassen.

Eure Liebe zum Leben sei Liebe zu eurer höchsten Hoffnung: und eure

höchste Hoffnung sei der höchste Gedanke des Lebens!

Euren höchsten Gedanken aber sollt ihr euch von mir befehlen lassen—und

er lautet: der Mensch ist Etwas, das überwunden werden soll.

So lebt euer Leben des Gehorsams und des Krieges! Was liegt am

Lang-Leben! Welcher Krieger will geschont sein!

Ich schone euch nicht, ich liebe euch von Grund aus, meine Brüder im

Kriege!—

Also sprach Zarathustra.

Vom neuen Götzen

Irgendwo giebt es noch Völker und Heerden, doch nicht bei uns, meine

Brüder: da giebt es Staaten.

Staat? Was ist das? Wohlan! Jetzt thut mir die Ohren auf, denn jetzt

sage ich euch mein Wort vom Tode der Völker.

Staat heisst das kälteste aller kalten Ungeheuer. Kalt lügt es auch;

und diese Lüge kriecht aus seinem Munde: „Ich, der Staat, bin das

Volk.“

Lüge ist’s! Schaffende waren es, die schufen die Völker und hängten

einen Glauben und eine Liebe über sie hin: also dienten sie dem Leben.

Vernichter sind es, die stellen Fallen auf für Viele und heissen sie

Staat: sie hängen ein Schwert und hundert Begierden über sie hin.

Wo es noch Volk giebt, da versteht es den Staat nicht und hasst ihn als

bösen Blick und Sünde an Sitten und Rechten.

Dieses Zeichen gebe ich euch: jedes Volk spricht seine Zunge des Guten

und Bösen: die versteht der Nachbar nicht. Seine Sprache erfand es sich

in Sitten und Rechten.

Aber der Staat lügt in allen Zungen des Guten und Bösen; und was er

auch redet, er lügt—und was er auch hat, gestohlen hat er’s.

Falsch ist Alles an ihm; mit gestohlenen Zähnen beisst er, der Bissige.

Falsch sind selbst seine Eingeweide.

Sprachverwirrung des Guten und Bösen: dieses Zeichen gebe ich euch als

Zeichen des Staates. Wahrlich, den Willen zum Tode deutet dieses

Zeichen! Wahrlich, es winkt den Predigern des Todes!

Viel zu Viele werden geboren: für die Überflüssigen ward der Staat

erfunden!

Seht mir doch, wie er sie an sich lockt, die Viel-zu-Vielen! Wie er sie

schlingt und kaut und wiederkäut!

„Auf der Erde ist nichts Grösseres als ich: der ordnende Finger bin ich

Gottes“ —also brüllt das Unthier. Und nicht nur Langgeohrte und

Kurzgeäugte sinken auf die Kniee!

Ach, auch in euch, ihr grossen Seelen, raunt er seine düsteren Lügen!

Ach, er erräth die reichen Herzen, die gerne sich verschwenden!

Ja, auch euch erräth er, ihr Besieger des alten Gottes! Müde wurdet ihr

im Kampfe, und nun dient eure Müdigkeit noch dem neuen Götzen!

Helden und Ehrenhafte möchte er um sich aufstellen, der neue Götze!

Gerne sonnt er sich im Sonnenschein guter Gewissen,—das kalte Unthier!

Alles will er _euch_ geben, wenn _ihr_ ihn anbetet, der neue Götze:

also kauft er sich den Glanz eurer Tugend und den Blick eurer stolzen

Augen.

Ködern will er mit euch die Viel-zu-Vielen! Ja, ein Höllenkunststück

ward da erfunden, ein Pferd des Todes, klirrend im Putz göttlicher

Ehren!

Ja, ein Sterben für Viele ward da erfunden, das sich selber als Leben

preist: wahrlich, ein Herzensdienst allen Predigern des Todes!

Staat nenne ich’s, wo Alle Gifttrinker sind, Gute und Schlimme: Staat,

wo Alle sich selber verlieren, Gute und Schlimme: Staat, wo der

langsame Selbstmord Aller—„das Leben“ heisst.

Seht mir doch diese Überflüssigen! Sie stehlen sich die Werke der

Erfinder und die Schätze der Weisen: Bildung nennen sie ihren

Diebstahl—und Alles wird ihnen zu Krankheit und Ungemach!

Seht mir doch diese Überflüssigen! Krank sind sie immer, sie erbrechen

ihre Galle und nennen es Zeitung. Sie verschlingen einander und können

sich nicht einmal verdauen.

Seht mir doch diese Überflüssigen! Reichthümer erwerben sie und werden

ärmer damit. Macht wollen sie und zuerst das Brecheisen der Macht, viel

Geld,—diese Unvermögenden!

Seht sie klettern, diese geschwinden Affen! Sie klettern über einander

hinweg und zerren sich also in den Schlamm und die Tiefe.

Hin zum Throne wollen sie Alle: ihr Wahnsinn ist es,—als ob das Glück

auf dem Throne sässe! Oft sitzt der Schlamm auf dem Thron—und oft auch

der Thron auf dem Schlamme.

Wahnsinnige sind sie mir Alle und kletternde Affen und Überheisse. Übel

riecht mir ihr Götze, das kalte Unthier: übel riechen sie mir alle

zusammen, diese Götzendiener.

Meine Brüder, wollt ihr denn ersticken im Dunste ihrer Mäuler und

Begierden! Lieber zerbrecht doch die Fenster und springt in’s Freie!

Geht doch dem schlechten Geruche aus dem Wege! Geht fort von der

Götzendienerei der Überflüssigen!

Geht doch dem schlechten Geruche aus dem Wege! Geht fort von dem Dampfe

dieser Menschenopfer!

Frei steht grossen Seelen auch jetzt noch die Erde. Leer sind noch

viele Sitze für Einsame und Zweisame, um die der Geruch stiller Meere

weht.

Frei steht noch grossen Seelen ein freies Leben. Wahrlich, wer wenig

besitzt, wird um so weniger besessen: gelobt sei die kleine Armuth!

Dort, wo der Staat aufhört, da beginnt erst der Mensch, der nicht

überflüssig ist: da beginnt das Lied des Nothwendigen, die einmalige

und unersetzliche Weise.

Dort, wo der Staat _aufhört_,—so seht mir doch hin, meine Brüder! Seht

ihr ihn nicht, den Regenbogen und die Brücken des Übermenschen?—

Also sprach Zarathustra.

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