Von der Keuschheit Also Sprach Zarathustra · Capítulo 12 de 57
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Von der Keuschheit

Von der Keuschheit

Ich liebe den Wald. In den Städten ist schlecht zu leben: da giebt es

zu Viele der Brünstigen.

Ist es nicht besser, in die Hände eines Mörders zu gerathen, als in die

Träume eines brünstigen Weibes?

Und seht mir doch diese Männer an: ihr Auge sagt es—sie wissen nichts

Besseres auf Erden, als bei einem Weibe zu liegen.

Schlamm ist auf dem Grunde ihrer Seele; und wehe, wenn ihr Schlamm gar

noch Geist hat!

Dass ihr doch wenigstens als Thiere vollkommen wäret! Aber zum Thiere

gehört die Unschuld.

Rathe ich euch, eure Sinne zu tödten? Ich rathe euch zur Unschuld der

Sinne.

Rathe ich euch zur Keuschheit? Die Keuschheit ist bei Einigen eine

Tugend, aber bei Vielen beinahe ein Laster.

Diese enthalten sich wohl: aber die Hündin Sinnlichkeit blickt mit Neid

aus Allem, was sie thun.

Noch in die Höhen ihrer Tugend und bis in den kalten Geist hinein folgt

ihnen diess Gethier und sein Unfrieden.

Und wie artig weiss die Hündin Sinnlichkeit um ein Stück Geist zu

betteln, wenn ihr ein Stuck Fleisch versagt wird!

Ihr liebt Trauerspiele und Alles, was das Herz zerbricht? Aber ich bin

misstrauisch gegen eure Hündin.

Ihr habt mir zu grausame Augen und blickt lüstern nach Leidenden. Hat

sich nicht nur eure Wollust verkleidet und heisst sich Mitleiden?

Und auch diess Gleichniss gebe ich euch: nicht Wenige, die ihren Teufel

austreiben wollten, fuhren dabei selber in die Säue.

Wem die Keuschheit schwer fällt, dem ist sie zu widerrathen: dass sie

nicht der Weg zur Hölle werde—das ist zu Schlamm und Brunst der Seele.

Rede ich von schmutzigen Dingen? Das ist mir nicht das Schlimmste.

Nicht, wenn die Wahrheit schmutzig ist, sondern wenn sie seicht ist,

steigt der Erkennende ungern in ihr Wasser.

Wahrlich, es giebt Keusche von Grund aus: sie sind milder von Herzen,

sie lachen lieber und reichlicher als ihr.

Sie lachen auch über die Keuschheit und fragen: „was ist Keuschheit!

Ist Keuschheit nicht Thorheit? Aber diese Thorheit kam zu uns und nicht

wir zur ihr.

Wir boten diesem Gaste Herberge und Herz: nun wohnt er bei uns,—mag er

bleiben, wie lange er will!“

Also sprach Zarathustra.

Vom Freunde

„Einer ist immer zu viel um mich“—also denkt der Einsiedler. „Immer

Einmal Eins—das giebt auf die Dauer Zwei!“

Ich und Mich sind immer zu eifrig im Gespräche: wie wäre es

auszuhalten, wenn es nicht einen Freund gäbe?

Immer ist für den Einsiedler der Freund der Dritte: der Dritte ist der

Kork, der verhindert, dass das Gespräch der Zweie in die Tiefe sinkt.

Ach, es giebt zu viele Tiefen für alle Einsiedler. Darum sehnen sie

sich so nach einem Freunde und nach seiner Höhe.

Unser Glaube an Andre verräth, worin wir gerne an uns selber glauben

möchten. Unsre Sehnsucht nach einem Freunde ist unser Verräther.

Und oft will man mit der Liebe nur den Neid überspringen. Und oft

greift man an und macht sich einen Feind, um zu verbergen, dass man

angreifbar ist.

„Sei wenigstens mein Feind!“—so spricht die wahre Ehrfurcht, die nicht

um Freundschaft zu bitten wagt.

Will man einen Freund haben, so muss man auch für ihn Krieg führen

wollen: und um Krieg zu führen, muss man Feind sein _können_.

Man soll in seinem Freunde noch den Feind ehren. Kannst du an deinen

Freund dicht herantreten, ohne zu ihm überzutreten?

In seinem Freunde soll man seinen besten Feind haben. Du sollst ihm am

nächsten mit dem Herzen sein, wenn du ihm widerstrebst.

Du willst vor deinem Freunde kein Kleid tragen? Es soll deines Freundes

Ehre sein, dass du dich ihm giebst, wie du bist? Aber er wünscht dich

darum zum Teufel!

Wer aus sich kein Hehl macht, empört: so sehr habt ihr Grund, die

Nacktheit zu fürchten! Ja, wenn ihr Götter wäret, da dürftet ihr euch

eurer Kleider schämen!

Du kannst dich für deinen Freund nicht schön genug putzen: denn du

sollst ihm ein Pfeil und eine Sehnsucht nach dem Übermenschen sein.

Sahst du deinen Freund schon schlafen,—damit du erfahrest, wie er

aussieht? Was ist doch sonst das Gesicht deines Freundes? Es ist dein

eignes Gesicht, auf einem rauhen und unvollkommnen Spiegel.

Sahst du deinen Freund schon schlafen? Erschrakst du nicht, dass dein

Freund so aussieht? Oh, mein Freund, der Mensch ist Etwas, das

überwunden werden muss.

Im Errathen und Stillschweigen soll der Freund Meister sein: nicht

Alles musst du sehn wollen. Dein Traum soll dir verrathen, was dein

Freund im Wachen thut.

Ein Errathen sei dein Mitleiden: dass du erst wissest, ob dein Freund

Mitleiden wolle. Vielleicht liebt er an dir das ungebrochne Auge und

den Blick der Ewigkeit.

Das Mitleiden mit dem Freunde berge sich unter einer harten Schale, an

ihm sollst du dir einen Zahn ausbeissen. So wird es seine Feinheit und

Süsse haben.

Bist du reine Luft und Einsamkeit und Brod und Arznei deinem Freunde?

Mancher kann seine eignen Ketten nicht lösen und doch ist er dem

Freunde ein Erlöser.

Bist du ein Sclave? So kannst du nicht Freund sein. Bist du ein Tyrann?

So kannst du nicht Freunde haben.

Allzulange war im Weibe ein Sclave und ein Tyrann versteckt. Desshalb

ist das Weib noch nicht der Freundschaft fähig: es kennt nur die Liebe.

In der Liebe des Weibes ist Ungerechtigkeit und Blindheit gegen Alles,

was es nicht liebt. Und auch in der wissenden Liebe des Weibes ist

immer noch Überfall und Blitz und Nacht neben dem Lichte.

Noch ist das Weib nicht der Freundschaft fähig: Katzen sind immer noch

die Weiber, und Vögel. Oder, besten Falles, Kühe.

Noch ist das Weib nicht der Freundschaft fähig. Aber sagt mir, ihr

Männer, wer von euch ist denn fähig der Freundschaft?

Oh über eure Armuth, ihr Männer, und euren Geiz der Seele! Wie viel ihr

dem Freunde gebt, das will ich noch meinem Feinde geben, und will auch

nicht ärmer damit geworden sein.

Es giebt Kameradschaft: möge es Freundschaft geben!

Also sprach Zarathustra.

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