Von der grossen Sehnsucht Also Sprach Zarathustra · Capítulo 48 de 57
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Von der grossen Sehnsucht

Von der grossen Sehnsucht

Oh meine Seele, ich lehrte dich „Heute“ sagen wie „Einst“ und

„Ehemals“ und über alles Hier und Da und Dort deinen Reigen hinweg

tanzen.

Oh meine Seele, ich erlöste dich von allen Winkeln, ich kehrte Staub,

Spinnen und Zwielicht von dir ab.

Oh meine Seele, ich wusch die kleine Scham und die Winkel-Tugend von

dir ab und überredete dich, nackt vor den Augen der Sonne zu stehn.

Mit dem Sturme, welcher „Geist“ heisst, blies ich über deine wogende

See; alle Wolken blies ich davon, ich erwürgte selbst die Würgerin, die

„Sünde“ heisst.

Oh meine Seele, ich gab dir das Recht, Nein zu sagen wie der Sturm und

Ja zu sagen wie offner Himmel Ja sagt: still wie Licht stehst du und

gehst du nun durch verneinende Stürme.

Oh meine Seele, ich gab dir die Freiheit zurück über Erschaffnes und

Unerschaffnes: und wer kennt, wie du sie kennst, die Wollust des

Zukünftigen?

Oh meine Seele, ich lehrte dich das Verachten, das nicht wie ein

Wurmfrass kommt, das grosse, das liebende Verachten, welches am meisten

liebt, wo es am meisten verachtet.

Oh meine Seele, ich lehrte dich so überreden, dass du zu dir die Gründe

selber überredest: der Sonne gleich, die das Meer noch zu seiner Höhe

überredet.

Oh meine Seele, ich nahm von dir alles Gehorchen Kniebeugen und

Herr-Sagen; ich gab dir selber den Namen „Wende der Noth“ und

„Schicksal“.

Oh meine Seele, ich gab dir neue Namen und bunte Spielwerke, ich hiess

dich „Schicksal“ und „Umfang der Umfänge“ und „Nabelschnur der Zeit“

und „azurne Glocke“ .

Oh meine Seele, deinem Erdreich gab ich alle Weisheit zu trinken, alle

neuen Weine und auch alle unvordenklich alten starken Weine der

Weisheit.

Oh meine Seele, jede Sonne goss ich auf dich und jede Nacht und jedes

Schweigen und jede Sehnsucht:—da wuchsest du mir auf wie ein Weinstock.

Oh meine Seele, überreich und schwer stehst du nun da, ein Weinstock

mit schwellenden Eutern und gedrängten braunen Gold-Weintrauben:—

—gedrängt und gedrückt von deinem Glücke, wartend vor Überflusse und

schamhaft noch ob deines Wartens.

Oh meine Seele, es giebt nun nirgends eine Seele, die liebender wäre

und umfangender und umfänglicher! Wo wäre Zukunft und Vergangnes näher

beisammen als bei dir?

Oh meine Seele, ich gab dir Alles, und alle meine Hände sind an dich

leer geworden:—und nun! Nun sagst du mir lächelnd und voll Schwermuth:

„Wer von uns hat zu danken?—

—hat der Geber nicht zu danken, dass der Nehmende nahm? Ist Schenken

nicht eine Nothdurft? Ist Nehmen nicht—Erbarmen?“—

Oh meine Seele, ich verstehe das Lächeln deiner Schwermuth: dein

Über-Reichthum selber streckt nun sehnende Hände aus!

Deine Fülle blickt über brausende Meere hin und sucht und wartet; die

Sehnsucht der Über-Fülle blickt aus deinem lächelnden Augen-Himmel!

Und wahrlich, oh meine Seele! Wer sähe dein Lächeln und schmelze nicht

vor Thränen? Die Engel selber schmelzen vor Thränen ob der Über-Güte

deines Lächelns.

Deine Güte und Über-Güte ist es, die nicht klagen und weinen will: und

doch sehnt sich, oh meine Seele, dein Lächeln nach Thränen und dein

zitternder Mund nach Schluchzen.

„Ist alles Weinen nicht ein Klagen? Und alles Klagen nicht ein

Anklagen?“ Also redest du zu dir selber, und darum willst du, oh meine

Seele, lieber lächeln, als dein Leid ausschütten.

—in stürzende Thränen ausschütten all dein Leid über deine Fülle und

über all die Drängniss des Weinstocks nach Winzer und Winzermesser!

Aber willst du nicht weinen, nicht ausweinen deine purpurne Schwermuth,

so wirst du _singen_ müssen, oh meine Seele!—Siehe, ich lächle selber,

der ich dir solches vorhersage:

—singen, mit brausendem Gesange, bis alle Meere still werden, dass sie

deiner Sehnsucht zuhorchen,—

—bis über stille sehnsüchtige Meere der Nachen schwebt, das güldene

Wunder, um dessen Gold alle guten schlimmen wunderlichen Dinge hüpfen:—

—auch vieles grosse und kleine Gethier und Alles, was leichte

wunderliche Füsse hat, dass es auf veilchenblauen Pfaden laufen kann,—

—hin zu dem güldenen Wunder, dem freiwilligen Nachen und zu seinem

Herrn: das aber ist der Winzer, der mit diamantenem Winzermesser

wartet,—

—dein grosser Löser, oh meine Seele, der Namenlose—- dem zukünftige

Gesänge erst Namen finden! Und wahrlich, schon duftet dein Athem nach

zukünftigen Gesängen,—

—schon glühst du und träumst, schon trinkst du durstig an allen tiefen

klingenden Trost-Brunnen, schon ruht deine Schwermuth in der Seligkeit

zukünftiger Gesänge!—

Oh meine Seele, nun gab ich dir Alles und auch mein Letztes, und alle

meine Hände sind an dich leer geworden:—_dass ich dich singen hiess_,

siehe, das war mein Letztes!

Dass ich dich singen hiess, sprich nun, sprich: _wer_ von uns hat

jetzt—zu danken?—Besser aber noch: singe mir, singe, oh meine Seele!

Und mich lass danken!—

Also sprach Zarathustra.

Das andere Tanzlied

1.

„In dein Auge schaute ich jüngst, oh Leben: Gold sah ich in deinem

Nacht-Auge blinken,—mein Herz stand still vor dieser Wollust:

—einen goldenen Kahn sah ich blinken auf mächtigen Gewässern, einen

sinkenden, trinkenden, wieder winkenden goldenen Schaukel-Kahn!

Nach meinem Fusse, dem tanzwüthigen, warfst du einen Blick, einen

lachenden fragenden schmelzenden Schaukel-Blick:

Zwei Mal nur regtest du deine Klapper mit kleinen Händen—da schaukelte

schon mein Fuss vor Tanz-Wuth.—

Meine Fersen bäumten sich, meine Zehen horchten, dich zu verstehen:

trägt doch der Tänzer sein Ohr—in seinen Zehen!

Zu dir hin sprang ich: da flohst du zurück vor meinem Sprunge; und

gegen mich züngelte deines fliehenden fliegenden Haars Zunge!

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