Von den Abtrünnigen Also Sprach Zarathustra · Capítulo 40 de 57
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Von den Abtrünnigen

Von den Abtrünnigen

1.

Ach, liegt Alles schon welk und grau, was noch jüngst auf dieser Wiese

grün und bunt stand? Und wie vielen Honig der Hoffnung trug ich von

hier in meine Bienenkörbe!

Diese jungen Herzen sind alle schon alt geworden,—und nicht alt einmal!

nur müde, gemein, bequem:—sie heissen es „Wir sind wieder fromm

geworden.“

Noch jüngst sah ich sie in der Frühe auf tapferen Füssen hinauslaufen:

aber ihre Füsse der Erkenntniss wurden müde, und nun verleumden sie

auch noch ihre Morgen-Tapferkeit!

Wahrlich, Mancher von ihnen hob einst die Beine wie ein Tänzer, ihm

winkte das Lachen in meiner Weisheit:—da besann er sich. Eben sah ich

ihn krumm—zum Kreuze kriechen.

Um Licht und Freiheit flatterten sie einst gleich Mücken und jungen

Dichtern. Ein Wenig älter, ein Wenig kälter: und schon sind sie Dunkler

und Munkler und Ofenhocker.

Verzagte ihnen wohl das Herz darob, dass mich die Einsamkeit verschlang

gleich einem Wallfische? Lauschte ihr Ohr wohl sehnsüchtig-lange

_umsonst_ nach mir und meinen Trompeten- und Herolds-Rufen?

—Ach! Immer sind ihrer nur Wenige, deren Herz einen langen Muth und

Übermuth hat; und solchen bleibt auch der Geist geduldsam. Der Rest

aber ist _feige_.

Der Rest: das sind immer die Allermeisten, der Alltag, der Überfluss,

die Viel-zu-Vielen—diese alle sind feige!—

Wer meiner Art ist, dem werden auch die Erlebnisse meiner Art über den

Weg laufen: also, dass seine ersten Gesellen Leichname und

Possenreisser sein müssen.

Seine zweiten Gesellen aber—die werden sich seine _Gläubigen_ heissen:

ein lebendiger Schwarm, viel Liebe, viel Thorheit, viel unbärtige

Verehrung.

An diese Gläubigen soll Der nicht sein Herz binden, wer meiner Art

unter Menschen ist; an diese Lenze und bunte Wiesen soll Der nicht

glauben, wer die flüchtig-feige Menschenart kennt!

_Könnten_ sie anders, so würden sie auch anders _wollen_. Halb- und

Halbe verderben alles Ganze. Dass Blätter welk werden,—was ist da zu

klagen!

Lass sie fahren und fallen, oh Zarathustra, und klage nicht! Lieber

noch blase mit raschelnden Winden unter sie,—

—blase unter diese Blätter, oh Zarathustra: dass alles _Welke_

schneller noch von dir davonlaufen!—

2.

„Wir sind wieder fromm geworden“ —so bekennen diese Abtrünnigen; und

Manche von ihnen sind noch zu feige, also zu bekennen.

Denen sehe ich in’s Auge,—denen sage ich es in’s Gesicht und in die

Röthe ihrer Wangen: ihr seid Solche, welche wieder _beten_!

Es ist aber eine Schmach, zu beten! Nicht für Alle, aber für dich und

mich und wer auch im Kopfe sein Gewissen hat. Für _dich_ ist es eine

Schmach, zu beten!

Du weisst es wohl: dein feiger Teufel in dir, der gerne Hände-falten

und Hände-in-den-Schooss-legen und es bequemer haben möchte:—dieser

feige Teufel redet dir zu „es _giebt_ einen Gott!“

_Damit_ aber gehörst du zur lichtscheuen Art, denen Licht nimmer Ruhe

lässt; nun musst du täglich deinen Kopf tiefer in Nacht und Dunst

stecken!

Und wahrlich, du wähltest die Stunde gut: denn eben wieder fliegen die

Nachtvögel aus. Die Stunde kam allem lichtscheuen Volke, die Abend- und

Feierstunde, wo es nicht—„feiert.“

Ich höre und rieche es: es kam ihre Stunde für Jagd und Umzug, nicht

zwar für eine wilde Jagd, sondern für eine zahme lahme schnüffelnde

Leisetreter- und Leisebeter-Jagd,—

—für eine Jagd auf seelenvolle Duckmäuser: alle Herzens- Mausefallen

sind jetzt wieder aufgestellt! Und wo ich einen Vorhang aufhebe, da

kommt ein Nachtfalterchen herausgestürzt.

Hockte es da wohl zusammen mit einem andern Nachtfalterchen? Denn

überall rieche ich kleine verkrochne Gemeinden; und wo es Kämmerlein

giebt, da giebt es neue Bet-Brüder drin und den Dunst von Bet-Brüdern.

Sie sitzen lange Abende bei einander und sprechen: lasset uns wieder

werden wie die Kindlein und „lieber Gott“ sagen!—an Mund und Magen

verdorben durch die frommen Zuckerbäcker.

Oder sie sehen lange Abende einer listigen lauernden Kreuzspinne zu,

welche den Spinnen selber Klugheit predigt und also lehrt: „unter

Kreuzen ist gut spinnen!“

Oder sie sitzen Tags über mit Angelruthen an Sümpfen und glauben sich

_tief_ damit; aber wer dort fischt, wo es keine Fische giebt, den

heisse ich noch nicht einmal oberflächlich!

Oder sie lernen fromm-froh die Harfe schlagen bei einem Lieder-Dichter,

der sich gern jungen Weibchen in’s Herz harfnen möchte:—denn er wurde

der alten Weibchen müde und ihres Lobpreisens.

Oder sie lernen gruseln bei einem gelehrten Halb-Tollen, der in dunklen

Zimmern wartet, dass ihm die Geister kommen—und der Geist ganz

davonläuft!

Oder sie horchen einem alten umgetriebnen Schnurr- und Knurrpfeifer zu,

der trüben Winden die Trübsal der Töne ablernte; nun pfeift er nach dem

Winde und predigt in trüben Tönen Trübsal.

Und Einige von ihnen sind sogar Nachtwächter geworden: die verstehen

jetzt in Hörner zu blasen und Nachts umherzugehn und alte Sachen

aufzuwecken, die lange schon eingeschlafen sind.

Fünf Worte von alten Sachen hörte ich gestern Nachts an der

Garten-Mauer: die kamen von solchen alten betrübten trocknen

Nachtwächtern.

„Für einen Vater sorgt er nicht genug um seine Kinder: Menschen-Väter

thun diess besser!“—

„Er ist zu alt! Er sorgt schon gar nicht mehr um seine Kinder“—also

antwortete der andere Nachtwächter.

„_Hat_ er denn Kinder? Niemand kann’s beweisen, wenn er’s selber nicht

beweist! Ich wollte längst, er bewiese es einmal gründlich.“

„Beweisen? Als ob _Der_ je Etwas bewiesen hätte! Beweisen fällt ihm

schwer; er hält grosse Stücke darauf, dass man ihm glaubt.“

„Ja! Ja! Der Glaube macht ihn selig, der Glaube an ihn. Das ist so die

Art alter Leute! So geht’s uns auch!“—

—Also sprachen zu einander die zwei alten Nachtwächter und

Lichtscheuchen, und tuteten darauf betrübt in ihre Hörner: so geschah’s

gestern Nachts an der Garten-Mauer.

Mir aber wand sich das Herz vor Lachen und wollte brechen und wusste

nicht, wohin? und sank in’s Zwerchfell.

Wahrlich, das wird noch mein Tod sein, dass ich vor Lachen ersticke,

wenn ich Esel betrunken sehe und Nachtwächter also an Gott zweifeln

höre.

Ist es denn nicht _lange_ vorbei auch für alle solche Zweifel? Wer darf

noch solche alte eingeschlafne lichtscheue Sachen aufwecken!

Mit den alten Göttern gieng es ja lange schon zu Ende:—und wahrlich,

ein gutes fröhliches Götter-Ende hatten sie!

Sie „dämmerten“ sich nicht zu Tode,—das lügt man wohl! Vielmehr: sie

haben sich selber einmal zu Tode—_gelacht_!

Das geschah, als das gottloseste Wort von einem Gotte selber

ausgieng,—das Wort: „Es ist Ein Gott! Du sollst keinen andern Gott

haben neben mir!“—

—ein alter Grimm-Bart von Gott, ein eifersüchtiger vergass sich also:

Und alle Götter lachten damals und wackelten auf ihren Stühlen und

riefen: „Ist das nicht eben Göttlichkeit, dass es Götter, aber keinen

Gott giebt?“

Wer Ohren hat, der höre.—

Also redete Zarathustra in der Stadt, die er liebte und welche

zubenannt ist die bunte Kuh. Von hier nämlich hatte er nur noch zwei

Tage zu gehen, dass er wieder in seine Höhle käme und zu seinen

Thieren; seine Seele aber frohlockte beständig ob der Nähe seiner

Heimkehr.—

Die Heimkehr

Oh Einsamkeit! Du meine _Heimat_ Einsamkeit! Zu lange lebte ich wild in

wilder Fremde, als dass ich nicht mit Thränen zu dir heimkehrte!

Nun drohe mir nur mit dem Finger, wie Mütter drohn, nein lächle mir zu,

wie Mütter lächeln, nun sprich nur: „Und wer war das, der wie ein

Sturmwind einst von mir davonstürmte?—

—der scheidend rief: zu lange sass ich bei der Einsamkeit, da verlernte

ich das Schweigen! _Das_—lerntest du nun wohl?

Oh Zarathustra, Alles weiss ich: und dass du unter den Vielen

_verlassener_ warst, du Einer, als je bei mir!

Ein Anderes ist Verlassenheit, ein Anderes Einsamkeit: _Das_—lerntest

du nun! Und dass du unter Menschen immer wild und fremd sein wirst:

-Wild und fremd auch noch, wenn sie dich lieben: denn zuerst von Allem

wollen sie _geschont_ sein!

Hier aber bist du bei dir zu Heim und Hause; hier kannst du Alles

hinausreden und alle Gründe ausschütten, Nichts schämt sich hier

versteckter, verstockter Gefühle.

Hier kommen alle Dinge liebkosend zu deiner Rede und schmeicheln dir:

denn sie wollen auf deinem Rücken reiten. Auf jedem Gleichniss reitest

du hier zu jeder Wahrheit.

Aufrecht und aufrichtig darfst du hier zu allen Dingen reden: und

wahrlich, wie Lob klingt es ihren Ohren, dass Einer mit allen

Dingen—gerade redet!

Ein Anderes aber ist Verlassensein. Denn, weisst du noch, oh

Zarathustra? Als damals dein Vogel über dir schrie, als du im Walde

standest, unschlüssig, wohin? unkundig, einem Leichnam nahe:—

—als du sprachst: mögen mich meine Thiere führen! Gefährlicher fand

ich’s unter Menschen, als unter Thieren:—_Das_ war Verlassenheit!

Und weisst du noch, oh Zarathustra? Als du auf deiner Insel sassest,

unter leeren Eimern ein Brunnen Weins, gebend und ausgebend, unter

Durstigen schenkend und ausschenkend:

—bis du endlich durstig allein unter Trunkenen sassest und nächtlich

klagtest „ist Nehmen nicht seliger als Geben? Und Stehlen noch seliger

als Nehmen?“—_Das_ war Verlassenheit!

Und weisst du noch, oh Zarathustra? Als deine stillste Stunde kam und

dich von dir selber forttrieb, als sie mit bösem Flüstern sprach:

„Sprich und zerbrich!“ -

—als sie dir all dein Warten und Schweigen leid machte und deinen

demüthigen Muth entmuthigte: _Das_ war Verlassenheit!“—

Oh Einsamkeit! Du meine Heimat Einsamkeit! Wie selig und zärtlich redet

deine Stimme zu mir!

Wir fragen einander nicht, wir klagen einander nicht, wir gehen offen

mit einander durch offne Thüren.

Denn offen ist es bei dir und hell; und auch die Stunden laufen hier

auf leichteren Füssen. Im Dunklen nämlich trägt man schwerer an der

Zeit, als im Lichte.

Hier springen mir alles Seins Worte und Wort-Schreine auf: alles Sein

will hier Wort werden, alles Werden will hier von mir reden lernen.

Da unten aber—da ist alles Reden umsonst! Da ist Vergessen und

Vorübergehn die beste Weisheit: _Das_—lernte ich nun!

Wer Alles bei den Menschen begreifen wollte, der müsste Alles

angreifen. Aber dazu habe ich zu reinliche Hände.

Ich mag schon ihren Athem nicht einathmen; ach, dass ich so lange unter

ihrem Lärm und üblem Athem lebte!

Oh selige Stille um mich! Oh reine Gerüche um mich! Oh wie aus tiefer

Brust diese Stille reinen Athem holt! Oh wie sie horcht, diese selige

Stille!

Aber da unten—da redet Alles, da wird Alles überhört. Man mag seine

Weisheit mit Glocken einläuten: die Krämer auf dem Markte werden sie

mit Pfennigen überklingeln!

Alles bei ihnen redet, Niemand weiss mehr zu verstehn. Alles fällt in’s

Wasser, Nichts fällt mehr in tiefe Brunnen.

Alles bei ihnen redet, Nichts geräth mehr und kommt zu Ende. Alles

gackert, aber wer will noch still auf dem Neste sitzen und Eier brüten?

Alles bei ihnen redet, Alles wird zerredet. Und was gestern noch zu

hart war für die Zeit selber und ihren Zahn: heute hängt es zerschabt

und zernagt aus den Mäulern der Heutigen.

Alles bei ihnen redet, Alles wird verrathen. Und was einst Geheimniss

hiess und Heimlichkeit tiefer Seelen, heute gehört es den

Gassen-Trompetern und andern Schmetterlingen.

Oh Menschenwesen, du wunderliches! Du Lärm auf dunklen Gassen! Nun

liegst du wieder hinter mir:—meine grösste Gefahr liegt hinter mir!

Im Schonen und Mitleiden lag immer meine grösste Gefahr; und alles

Menschenwesen will geschont und gelitten sein.

Mit verhaltenen Wahrheiten, mit Narrenhand und vernarrtem Herzen und

reich an kleinen Lügen des Mitleidens:—also lebte ich immer unter

Menschen.

Verkleidet sass ich unter ihnen, bereit, _mich_ zu verkennen, dass ich

_sie_ ertrüge, und gern mir zuredend „du Narr, du kennst die Menschen

nicht!“

Man verlernt die Menschen, wenn man unter Menschen lebt: zu viel

Vordergrund ist an allen Menschen,—was sollen da weitsichtige,

weit-süchtige Augen!

Und wenn sie mich verkannten: ich Narr schonte sie darob mehr, als

mich: gewohnt zur Härte gegen mich und oft noch an mir selber mich

rächend für diese Schonung.

Zerstochen von giftigen Fliegen und ausgehöhlt, dem Steine gleich, von

vielen Tropfen Bosheit, so sass ich unter ihnen und redete mir noch zu:

„unschuldig ist alles Kleine an seiner Kleinheit!“

Sonderlich Die, welche sich „die Guten“ heissen, fand ich als die

giftigsten Fliegen: sie stechen in aller Unschuld, sie lügen in aller

Unschuld; wie _vermöchten_ sie, gegen mich—gerecht zu sein!

Wer unter den Guten lebt, den lehrt Mitleid lügen. Mitleid macht dumpfe

Luft allen freien Seelen. Die Dummheit der Guten nämlich ist

unergründlich.

Mich selber verbergen und meinen Reichthum—_das_ lernte ich da unten:

denn jeden fand ich noch arm am Geiste. Das war der Lug meines

Mitleidens, dass ich bei jedem wusste,

—dass ich jedem es ansah und anroch, was ihm Geistes _genug_ und was

ihm schon Geistes _zuviel_ war!

Ihre steifen Weisen: ich hiess sie weise, nicht steif,—so lernte ich

Worte verschlucken. Ihre Todtengräber: ich hiess sie Forscher und

Prüfer,—so lernte ich Worte vertauschen.

Die Todtengräber graben sich Krankheiten an. Unter altem Schutte ruhn

schlimme Dünste. Man soll den Morast nicht aufrühren. Man soll auf

Bergen leben.

Mit seligen Nüstern athme ich wieder Berges-Freiheit! Erlöst ist

endlich meine Nase vom Geruch alles Menschenwesens!

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