Von allem Geschriebenen liebe ich nur Das, was Einer mit seinem Blute Also Sprach Zarathustra · Capítulo 8 de 57
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Von allem Geschriebenen liebe ich nur Das, was Einer mit seinem Blute

Von allem Geschriebenen liebe ich nur Das, was Einer mit seinem Blute

schreibt. Schreibe mit Blut: und du wirst erfahren, dass Blut Geist

ist.

Es ist nicht leicht möglich, fremdes Blut zu verstehen: ich hasse die

lesenden Müssiggänger.

Wer den Leser kennt, der thut Nichts mehr für den Leser. Noch ein

Jahrhundert Leser—und der Geist selber wird stinken.

Dass Jedermann lesen lernen darf, verdirbt auf die Dauer nicht allein

das Schreiben, sondern auch das Denken.

Einst war der Geist Gott, dann wurde er zum Menschen und jetzt wird er

gar noch Pöbel.

Wer in Blut und Sprüchen schreibt, der will nicht gelesen, sondern

auswendig gelernt werden.

Im Gebirge ist der nächste Weg von Gipfel zu Gipfel: aber dazu musst du

lange Beine haben. Sprüche sollen Gipfel sein: und Die, zu denen

gesprochen wird, Grosse und Hochwüchsige.

Die Luft dünn und rein, die Gefahr nahe und der Geist voll einer

fröhlichen Bosheit: so passt es gut zu einander.

Ich will Kobolde um mich haben, denn ich bin muthig. Muth, der die

Gespenster verscheucht, schafft sich selber Kobolde,—der Muth will

lachen.

Ich empfinde nicht mehr mit euch: diese Wolke, die ich unter mir sehe,

diese Schwärze und Schwere, über die ich lache,—gerade das ist eure

Gewitterwolke.

Ihr seht nach Oben, wenn ihr nach Erhebung verlangt. Und ich sehe

hinab, weil ich erhoben bin.

Wer von euch kann zugleich lachen und erhoben sein?

Wer auf den höchsten Bergen steigt, der lacht über alle Trauer-Spiele

und Trauer-Ernste.

Muthig, unbekümmert, spöttisch, gewaltthätig—so will uns die Weisheit:

sie ist ein Weib und liebt immer nur einen Kriegsmann.

Ihr sagt mir: „das Leben ist schwer zu tragen.“ Aber wozu hättet ihr

Vormittags euren Stolz und Abends eure Ergebung?

Das Leben ist schwer zu tragen: aber so thut mir doch nicht so

zärtlich! Wir sind allesammt hübsche lastbare Esel und Eselinnen.

Was haben wir gemein mit der Rosenknospe, welche zittert, weil ihr ein

Tropfen Thau auf dem Leibe liegt?

Es ist wahr: wir lieben das Leben, nicht, weil wir an’s Leben, sondern

weil wir an’s Lieben gewöhnt sind.

Es ist immer etwas Wahnsinn in der Liebe. Es ist aber immer auch etwas

Vernunft im Wahnsinn.

Und auch mir, der ich dem Leben gut bin, scheinen Schmetterlinge und

Seifenblasen und was ihrer Art unter Menschen ist, am meisten vom

Glücke zu wissen.

Diese leichten thörichten zierlichen beweglichen Seelchen flattern zu

sehen—das verführt Zarathustra zu Thränen und Liedern.

Ich würde nur an einen Gott glauben, der zu tanzen verstünde.

Und als ich meinen Teufel sah, da fand ich ihn ernst, gründlich, tief,

feierlich: es war der Geist der Schwere,—durch ihn fallen alle Dinge.

Nicht durch Zorn, sondern durch Lachen tödtet man. Auf, lasst uns den

Geist der Schwere tödten!

Ich habe gehen gelernt: seitdem lasse ich mich laufen. Ich habe fliegen

gelernt: seitdem will ich nicht erst gestossen sein, um von der Stelle

zu kommen.

Jetzt bin ich leicht, jetzt fliege ich, jetzt sehe ich mich unter mir,

jetzt tanzt ein Gott durch mich.

Also sprach Zarathustra.

Vom Baum am Berge

Zarathustra’s Auge hatte gesehn, dass ein Jüngling ihm auswich. Und als

er eines Abends allein durch die Berge gieng, welche die Stadt

umschliessen, die genannt wird „die bunte Kuh“: siehe, da fand er im

Gehen diesen Jüngling, wie er an einen Baum gelehnt sass und müden

Blickes in das Thal schaute. Zarathustra fasste den Baum an, bei

welchem der Jüngling sass, und sprach also:

Wenn ich diesen Baum da mit meinen Händen schütteln wollte, ich würde

es nicht vermögen.

Aber der Wind, den wir nicht sehen, der quält und biegt ihn, wohin er

will. Wir werden am schlimmsten von unsichtbaren Händen gebogen und

gequält.

Da erhob sich der Jüngling bestürzt und sagte: „ich höre Zarathustra

und eben dachte ich an ihn.“ Zarathustra entgegnete:

„Was erschrickst du desshalb?—Aber es ist mit dem Menschen wie mit dem

Baume.

Je mehr er hinauf in die Höhe und Helle will, um so stärker streben

seine Wurzeln erdwärts, abwärts, in’s Dunkle, Tiefe,—in’s Böse.“

„Ja in’s Böse! rief der Jüngling. Wie ist es möglich, dass du meine

Seele entdecktest?“

Zarathustra lächelte und sprach: „Manche Seele wird man nie entdecken,

es sei denn, dass man sie zuerst erfindet.“ „Ja in’s Böse! rief der

Jüngling nochmals.

Du sagtest die Wahrheit, Zarathustra. Ich traue mir selber nicht mehr,

seitdem ich in die Höhe will, und Niemand traut mir mehr,—wie geschieht

diess doch?

Ich verwandele mich zu schnell: mein Heute widerlegt mein Gestern. Ich

überspringe oft die Stufen, wenn ich steige,—das verzeiht mir keine

Stufe.

Bin ich oben, so finde ich mich immer allein. Niemand redet mit mir,

der Frost der Einsamkeit macht mich zittern. Was will ich doch in der

Höhe?

Meine Verachtung und meine Sehnsucht wachsen mit einander; je höher ich

steige, um so mehr verachte ich Den, der steigt. Was will er doch in

der Höhe?

Wie schäme ich mich meines Steigens und Stolperns! Wie spotte ich

meines heftigen Schnaubens! Wie hasse ich den Fliegenden! Wie müde bin

ich in der Höhe!“

Hier schwieg der Jüngling. Und Zarathustra betrachtete den Baum, an dem

sie standen, und sprach also:

Dieser Baum steht einsam hier am Gebirge; er wuchs hoch hinweg über

Mensch und Thier.

Und wenn er reden wollte, er würde Niemanden haben, der ihn verstünde:

so hoch wuchs er.

Nun wartet er und wartet,—worauf wartet er doch? Er wohnt dem Sitze der

Wolken zu nahe: er wartet wohl auf den ersten Blitz?

Als Zarathustra diess gesagt hatte, rief der Jüngling mit heftigen

Gebärden: „Ja, Zarathustra, du sprichst die Wahrheit. Nach meinem

Untergange verlangte ich, als ich in die Höhe wollte, und du bist der

Blitz, auf den ich wartete! Siehe, was bin ich noch, seitdem du uns

erschienen bist? Der _Neid_ auf dich ist’s, der mich zerstört hat!“—So

sprach der Jüngling und weinte bitterlich. Zarathustra aber legte

seinen Arm um ihn und führte ihn mit sich fort.

Und als sie eine Weile mit einander gegangen waren, hob Zarathustra

also an zu sprechen:

Es zerreisst mir das Herz. Besser als deine Worte es sagen, sagt mir

dein Auge alle deine Gefahr.

Noch bist du nicht frei, du _suchst_ noch nach Freiheit. Übernächtig

machte dich dein Suchen und überwach.

In die freie Höhe willst du, nach Sternen dürstet deine Seele. Aber

auch deine schlimmen Triebe dürsten nach Freiheit.

Deine wilden Hunde wollen in die Freiheit; sie bellen vor Lust in ihrem

Keller, wenn dein Geist alle Gefängnisse zu lösen trachtet.

Noch bist du mir ein Gefangner, der sich Freiheit ersinnt: ach, klug

wird solchen Gefangnen die Seele, aber auch arglistig und schlecht.

Reinigen muss sich noch der Befreite des Geistes. Viel Gefängniss und

Moder ist noch in ihm zurück: rein muss noch sein Auge werden.

Ja, ich kenne deine Gefahr. Aber bei meiner Liebe und Hoffnung

beschwöre ich dich: wirf deine Liebe und Hoffnung nicht weg!

Edel fühlst du dich noch, und edel fühlen dich auch die Andern noch,

die dir gram sind und böse Blicke senden. Wisse, dass Allen ein Edler

im Wege steht.

Auch den Guten steht ein Edler im Wege: und selbst wenn sie ihn einen

Guten nennen, so wollen sie ihn damit bei Seite bringen.

Neues will der Edle schaffen und eine neue Tugend. Altes will der Gute,

und dass Altes erhalten bleibe.

Aber nicht das ist die Gefahr des Edlen, dass er ein Guter werde,

sondern ein Frecher, ein Höhnender, ein Vernichter.

Ach, ich kannte Edle, die verloren ihre höchste Hoffnung. Und nun

verleumdeten sie alle hohen Hoffnungen.

Nun lebten sie frech in kurzen Lüsten, und über den Tag hin warfen sie

kaum noch Ziele.

„Geist ist auch Wollust“—so sagten sie. Da zerbrachen ihrem Geiste die

Flügel: nun kriecht er herum und beschmutzt im Nagen.

Einst dachten sie Helden zu werden: Lüstlinge sind es jetzt. Ein Gram

und ein Grauen ist ihnen der Held.

Aber bei meiner Liebe und Hoffnung beschwöre ich dich: wirf den Helden

in deiner Seele nicht weg! Halte heilig deine höchste Hoffnung!—

Also sprach Zarathustra.

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