von jener langen Mahlzeit, welche „das Abendmahl“ in den Also Sprach Zarathustra · Capítulo 52 de 57
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von jener langen Mahlzeit, welche „das Abendmahl“ in den

von jener langen Mahlzeit, welche „das Abendmahl“ in den

Historien-Büchern genannt wird. Bei derselben aber wurde von nichts

Anderem geredet als _vom höheren Menschen_.

Vom höheren Menschen

1.

Als ich zum ersten Male zu den Menschen kam, da that ich die

Einsiedler-Thorheit, die grosse Thorheit: ich stellte mich auf den

Markt.

Und als ich zu Allen redete, redete ich zu Keinem. Des Abends aber

waren Seiltänzer meine Genossen, und Leichname; und ich selber fast ein

Leichnam.

Mit dem neuen Morgen aber kam mir eine neue Wahrheit: da lernte ich

sprechen „Was geht mich Markt und Pöbel und Pöbel-Lärm und lange

Pöbel-Ohren an!“

Ihr höheren Menschen, Diess lernt von mir: auf dem Markt glaubt Niemand

an höhere Menschen. Und wollt ihr dort reden, wohlan! Der Pöbel aber

blinzelt „wir sind Alle gleich.“

„Ihr höheren Menschen,—so blinzelt der Pöbel—es giebt keine höheren

Menschen, wir sind Alle gleich, Mensch ist Mensch, vor Gott—sind wir

Alle gleich!“

Vor Gott!—Nun aber starb dieser Gott. Vor dem Pöbel aber wollen wir

nicht gleich sein. Ihr höheren Menschen, geht weg vom Markt!

2.

Vor Gott!—Nun aber starb dieser Gott! Ihr höheren Menschen, dieser Gott

war eure grösste Gefahr.

Seit er im Grabe liegt, seid ihr erst wieder auferstanden. Nun erst

kommt der grosse Mittag, nun erst wird der höhere Mensch—Herr!

Verstandet ihr diess Wort, oh meine Brüder? Ihr seid erschreckt: wird

euren Herzen schwindlig? Klafft euch hier der Abgrund? Kläfft euch hier

der Höllenhund?

Wohlan! Wohlauf! Ihr höheren Menschen! Nun erst kreisst der Berg der

Menschen-Zukunft. Gott starb: nun wollen _wir_,—dass der Übermensch

lebe.

3.

Die Sorglichsten fragen heute: „wie bleibt der Mensch erhalten?“

Zarathustra aber fragt als der Einzige und Erste: „wie wird der Mensch

_überwunden_?“

Der Übermensch liegt mir am Herzen, _der_ ist mein Erstes und

Einziges,—und _nicht_ der Mensch: nicht der Nächste, nicht der Ärmste,

nicht der Leidendste, nicht der Beste—

Oh meine Brüder, was ich lieben kann am Menschen, das ist, dass er ein

Übergang ist und ein Untergang. Und auch an euch ist vieles, das mich

lieben und hoffen macht.

Dass ihr verachtetet, ihr höheren Menschen, das macht mich hoffen. Die

grossen Verachtenden nämlich sind die grossen Verehrenden.

Dass ihr verzweifeltet, daran ist Viel zu ehren. Denn ihr lerntet

nicht, wie ihr euch ergäbet, ihr lerntet die kleinen Klugheiten nicht.

Heute nämlich wurden die kleinen Leute Herr: die predigen Alle Ergebung

und Bescheidung und Klugheit und Fleiss und Rücksicht und das lange

Und-so-weiter der kleinen Tugenden.

Was von Weibsart ist, was von Knechtsart stammt und sonderlich der

Pöbel-Mischmasch: _Das_ will nun Herr werden alles

Menschen-Schicksals—oh Ekel! Ekel! Ekel!

_Das_ frägt und frägt und wird nicht müde: „Wie erhält sich der Mensch,

am besten, am längsten, am angenehmsten?“ Damit—sind sie die Herrn von

Heute.

Diese Herrn von Heute überwindet mir, oh meine Brüder,—diese kleinen

Leute: _die_ sind des Übermenschen grösste Gefahr!

Überwindet mir, ihr höheren Menschen, die kleinen Tugenden, die kleinen

Klugheiten, die Sandkorn-Rücksichten, den Ameisen-Kribbelkram, das

erbärmliche Behagen, das „Glück der Meisten“ —!

Und lieber verzweifelt, als dass ihr euch ergebt. Und, wahrlich, ich

liebe euch dafür, dass ihr heute nicht zu leben wisst, ihr höheren

Menschen! So nämlich lebt _ihr_—am Besten!

4.

Habt ihr Muth, oh meine Brüder? Seid ihr herzhaft? _Nicht_ Muth vor

Zeugen, sondern Einsiedler- und Adler-Muth, dem auch kein Gott mehr

zusieht?

Kalte Seelen, Maulthiere, Blinde, Trunkene heissen mir nicht herzhaft.

Herz hat, wer Furcht kennt, aber Furcht _zwingt_, er den Abgrund sieht,

aber mit _Stolz_.

Wer den Abgrund sieht, aber mit Adlers-Augen, wer mit Adlers-Krallen

den Abgrund _fasst_: Der hat Muth.—

5.

„Der Mensch ist böse“ —so sprachen mir zum Troste alle Weisesten. Ach,

wenn es heute nur noch wahr ist! Denn das Böse ist des Menschen beste

Kraft.

„Der Mensch muss besser und böser werden“ —so lehre _ich_. Das Böseste

ist nöthig zu des Übermenschen Bestem.

Das mochte gut sein für jenen Prediger der kleinen Leute, dass er litt

und trug an des Menschen Sünde. Ich aber erfreue mich der grossen Sünde

als meines grossen _Trostes_.—

Solches ist aber nicht für lange Ohren gesagt. Jedwedes Wort gehört

auch nicht in jedes Maul. Das sind feine ferne Dinge: nach denen sollen

nicht Schafs-Klauen greifen!

6.

Ihr höheren Menschen, meint ihr, ich sei da, gut zu machen, was ihr

schlecht machtet?

Oder ich wollte fürderhin euch Leidende bequemer betten? Oder euch

Unstäten, Verirrten, Verkletterten neue leichtere Fusssteige zeigen?

Nein! Nein! Drei Mal Nein! Immer Mehr, immer Bessere eurer Art sollen

zu Grunde gehn,—denn ihr sollt es immer schlimmer und härter haben. So

allein—

—so allein wächst der Mensch in _die_ Höhe, wo der Blitz ihn trifft und

zerbricht: hoch genug für den Blitz!

Auf Weniges, auf Langes, auf Fernes geht mein Sinn und meine Sehnsucht:

was gienge mich euer kleines, vieles, kurzes Elend an!

Ihr leidet mir noch nicht genug! Denn ihr leidet an euch, ihr littet

noch nicht _am Menschen_. Ihr würdet lügen, wenn ihr’s anders sagtet!

Ihr leidet Alle nicht, woran ich litt.—

7.

Es ist mir nicht genug, dass der Blitz nicht mehr schadet. Nicht

ableiten will ich ihn: er soll lernen für _mich_—arbeiten.—

Meine Weisheit sammlet sich lange schon gleich einer Wolke, sie wird

stiller und dunkler. So thut jede Weisheit, welche _einst_ Blitze

gebären soll.—

Diesen Menschen von Heute will ich nicht _Licht_ sein, nicht Licht

heissen. _Die_—will ich blenden: Blitz meiner Weisheit! Stich ihnen die

Augen aus!

8.

Wollt Nichts über euer Vermögen: es giebt eine schlimme Falschheit bei

Solchen, die über ihr Vermögen wollen.

Sonderlich, wenn sie grosse Dinge wollen! Denn sie wecken Misstrauen

gegen grosse Dinge, diese feinen Falschmünzer und Schauspieler:—

—bis sie endlich falsch vor sich selber sind, schieläugig, übertünchter

Wurmfrass, bemäntelt durch starke Worte, durch Aushänge-Tugenden, durch

glänzende falsche Werke.

Habt da eine gute Vorsicht, ihr höheren Menschen! Nichts nämlich gilt

mir heute kostbarer und seltner als Redlichkeit.

Ist diess Heute nicht des Pöbels? Pöbel aber weiss nicht, was gross,

was klein, was gerade und redlich ist: der ist unschuldig krumm, der

lügt immer.

8.

Habt heute ein gutes Misstrauen, ihr höheren Menschen, ihr Beherzten!

Ihr Offenherzigen! Und haltet eure Gründe geheim! Diess Heute nämlich

ist des Pöbels.

Was der Pöbel ohne Gründe einst glauben lernte, wer könnte ihm durch

Gründe Das —umwerfen?

Und auf dem Markte überzeugt man mit Gebärden. Aber Gründe machen den

Pöbel misstrauisch.

Und wenn da einmal Wahrheit zum Siege kam, so fragt euch Mit gutem

Misstrauen: „welch starker Irrthum hat für sie gekämpft?“

Hütet euch auch vor den Gelehrten! Die hassen euch: denn sie sind

unfruchtbar! Sie haben kalte vertrocknete Augen, vor ihnen liegt jeder

Vogel entfedert.

Solche brüsten sich damit, dass sie nicht lügen: aber Ohnmacht zur Lüge

ist lange noch nicht Liebe zur Wahrheit. Hütet euch!

Freiheit von Fieber ist lange noch nicht Erkenntniss! Ausgekälteten

Geistern glaube ich nicht. Wer nicht lügen kann, weiss nicht, was

Wahrheit ist.

10.

Wollt ihr hoch hinaus, so braucht die eignen Beine! Lasst euch nicht

empor _tragen_, setzt euch nicht auf fremde Rücken und Köpfe!

Du aber stiegst zu Pferde? Du reitest nun hurtig hinauf zu deinem

Ziele? Wohlan, mein Freund! Aber dein lahmer Fuss sitzt auch mit zu

Pferde!

Wenn du an deinem Ziele bist, wenn du von deinem Pferde springst: auf

deiner _Höhe_ gerade, du höherer Mensch—wirst du stolpern!

11.

Ihr Schaffenden, ihr höheren Menschen! Man ist nur für das eigne Kind

schwanger.

Lasst euch Nichts vorreden, einreden! Wer ist denn _euer_ Nächster? Und

handelt ihr auch „für den Nächsten“ ,—ihr schafft doch nicht für ihn!

Verlernt mir doch diess „Für“, ihr Schaffenden: eure Tugend gerade will

es, dass ihr kein Ding mit „für“ und „um“ und „weil“ thut. Gegen diese

falschen kleinen Worte sollt ihr euer Ohr zukleben.

Das „für den Nächsten“ ist die Tugend nur der kleinen Leute: da heisst

es „gleich und gleich“ und „Hand wäscht Hand“:—sie haben nicht Recht

noch Kraft zu _eurem_ Eigennutz!

In eurem Eigennutz, ihr Schaffenden, ist der Schwangeren Vorsicht und

Vorsehung! Was Niemand noch mit Augen sah, die Frucht: die schirmt und

schont und nährt eure ganze Liebe.

Wo eure ganze Liebe ist, bei eurem Kinde, da ist auch eure ganze

Tugend! Euer Werk, euer Wille ist _euer_ „Nächster“: lasst euch keine

falschen Werthe einreden!

12.

Ihr Schaffenden, ihr höheren Menschen! Wer gebären muss, der ist krank;

wer aber geboren hat, ist unrein.

Fragt die Weiber: man gebiert nicht, weil es Vergnügen macht. Der

Schmerz macht Hühner und Dichter gackern.

Ihr Schaffenden, an euch ist viel Unreines. Das macht, ihr musstet

Mütter sein.

Ein neues Kind: oh wie viel neuer Schmutz kam auch zur Welt! Geht bei

Seite! Und wer geboren hat, soll seine Seele rein waschen!

13.

Seid nicht tugendhaft über eure Kräfte! Und wollt Nichts von euch wider

die Wahrscheinlichkeit!

Geht in den Fusstapfen, wo schon eurer Väter Tugend gierig! Wie wolltet

ihr hoch steigen, wenn nicht eurer Väter Wille mit euch steigt?

Wer aber Erstling sein will, sehe zu, dass er nicht auch Letztling

werde! Und wo die Laster eurer Väter sind, darin sollt ihr nicht

Heilige bedeuten wollen!

Wessen Väter es mit Weibern hielten und mit starken Weinen und

Wildschweinen: was wäre es, wenn Der von sich Keuschheit wollte?

Eine Narrheit wäre es! Viel, wahrlich, dünkt es mich für einen Solchen,

wenn er Eines oder zweier oder dreier Weiber Mann ist.

Und stiftete er Klöster und schriebe über die Thür: „der Weg zum

Heiligen,“—ich spräche doch: wozu! es ist eine neue Narrheit!

Er stiftete sich selber ein Zucht- und Fluchthaus: wohl bekomm’s! Aber

ich glaube nicht daran.

In der Einsamkeit wächst, was Einer in sie bringt, auch das innere

Vieh. Solchergestalt widerräth sich Vielen die Einsamkeit.

Gab es Schmutzigeres bisher auf Erden als Wüsten-Heilige? _Um die_

herum war nicht nur der Teufel los,—sondern auch das Schwein.

14.

Scheu, beschämt, ungeschickt, einem Tiger gleich, dem der Sprung

missrieth: also, ihr höheren Menschen, sah ich oft euch bei Seite

schleichen. Ein _Wurf_ missrieth euch.

Aber, ihr Würfelspieler, was liegt daran! Ihr lerntet nicht spielen und

spotten, wie man spielen und spotten muss! Sitzen wir nicht immer an

einem grossen Spott- und Spieltische?

Und wenn euch Grosses missrieth, seid ihr selber darum—missrathen? Und

missriethet ihr selber, missrieth darum—der Mensch? Missrieth aber der

Mensch: wohlan! wohlauf!

15.

Je höher von Art, je seltener geräth ein Ding. Ihr höheren Menschen

hier, seid ihr nicht alle—missgerathen?

Seid guten Muths, was liegt daran! Wie Vieles ist noch möglich! Lernt

über euch selber lachen, wie man lachen muss!

Was Wunders auch, dass ihr missriethet und halb geriethet, ihr

Halb-Zerbrochenen! Drängt und stösst sich nicht in euch—des Menschen

_Zukunft_?

Des Menschen Fernstes, Tiefstes, Sternen-Höchstes, seine ungeheure

Kraft: schäumt Das nicht alles gegen einander in eurem Topfe?

Was Wunders, dass mancher Topf zerbricht! Lernt über euch lachen, wie

man lachen muss! Ihr höheren Menschen, oh wie Vieles ist noch möglich!

Und wahrlich, wie Viel gerieth schon! Wie reich ist diese Erde an

kleinen guten vollkommenen Dingen, an Wohlgerathenem!

Stellt kleine gute vollkommne Dinge um euch, ihr höheren Menschen!

Deren goldene Reife heilt das Herz. Vollkommnes lehrt hoffen.

16.

Welches war hier auf Erden bisher die grösste Sünde? War es nicht das

Wort Dessen, der sprach: „Wehe Denen, die hier lachen!“

Fand er zum Lachen auf der Erde selber keine Gründe? So suchte er nur

schlecht. Ein Kind findet hier noch Gründe.

Der—liebte nicht genug: sonst hätte er auch uns geliebt, die Lachenden!

Aber er hasste und höhnte uns, Heulen und Zähneklappern verhiess er

uns.

Muss man denn gleich fluchen, wo man nicht liebt? Das—dünkt mich ein

schlechter Geschmack. Aber so that er, dieser Unbedingte. Er kam vom

Pöbel.

Und er selber liebte nur nicht genug: sonst hätte er weniger gezürnt,

dass man ihn nicht liebe. Alle grosse Liebe _will_ nicht Liebe:—die

will mehr.

Geht aus dem Wege allen solchen Unbedingten! Das ist eine arme kranke

Art, eine Pöbel-Art: sie sehn schlimm diesem Leben zu, sie haben den

bösen Blick für diese Erde.

Geht aus dem Wege allen solchen Unbedingten! Sie haben Schwere Füsse

und schwüle Herzen:—sie wissen nicht zu tanzen. Wie möchte Solchen wohl

die Erde leicht sein!

17.

Krumm kommen alle guten Dinge ihrem Ziele nahe. Gleich Katzen machen

sie Buckel, sie schnurren innewendig vor ihrem nahen Glücke,—alle guten

Dinge lachen.

Der Schritt verräth, ob Einer schon auf _seiner_ Bahn schreitet: so

seht mich gehn! Wer aber seinem Ziel nahe kommt, der tanzt.

Und, wahrlich, zum Standbild ward ich nicht, noch stehe ich nicht da,

starr, stumpf, steinern, eine Säule; ich liebe geschwindes Laufen.

Und wenn es auf Erden auch Moor und dicke Trübsal giebt: wer leichte

Füsse hat, läuft über Schlamm noch hinweg und tanzt wie auf gefegtem

Eise.

Erhebt eure Herzen, meine Brüder, hoch! höher! Und vergesst mir auch

die Beine nicht! Erhebt auch eure Beine, ihr guten Tänzer, und besser

noch: ihr steht auch auf dem Kopf!

18.

Diese Krone des Lachenden, diese Rosenkranz-Krone: ich selber setzte

mir diese Krone auf, ich selber sprach heilig mein Gelächter. Keinen

Anderen fand ich heute stark genug dazu.

Zarathustra der Tänzer, Zarathustra der Leichte, der mit den Flügeln

winkt, ein Flugbereiter, allen Vögeln zuwinkend, bereit und fertig, ein

Selig-Leichtfertiger:—

Zarathustra der Wahrsager, Zarathustra der Wahrlacher, kein

Ungeduldiger, kein Unbedingter, Einer, der Sprünge und Seitensprünge

liebt; ich selber setzte mir diese Krone auf!

19.

Erhebt eure Herzen, meine Brüder, hoch! höher! Und vergesst mir auch

die Beine nicht! Erhebt auch eure Beine, ihr guten Tänzer, und besser

noch: ihr steht auch auf dem Kopf!

Es giebt auch im Glück schweres Gethier, es giebt Plumpfüssler von

Anbeginn. Wunderlich müht sie sich ab, einem Elephanten gleich, der

sich müht auf dem Kopf zu stehn.

Besser aber noch närrisch sein vor Glücke als närrisch vor Unglücke,

besser plump tanzen als lahm gehn. So lernt mir doch meine Weisheit ab:

auch das schlimmste Ding hat zwei gute Kehrseiten,—

—auch das schlimmste Ding hat gute Tanzbeine: so lernt mir doch euch

selbst, ihr höheren Menschen, auf eure rechten Beine stellen!

So verlernt mir doch Trübsal-Blasen und alle Pöbel-Traurigkeit! Oh wie

traurig dünken mich heute des Pöbels Hanswürste noch! Diess Heute aber

ist des Pöbels.

20.

Dem Winde thut mir gleich, wenn er aus seinen Berghöhlen stürzt: nach

seiner eignen Pfeife will er tanzen, die Meere zittern und hüpfen unter

seinen Fusstapfen.

Der den Eseln Flügel giebt, der Löwinnen melkt, gelobt sei dieser gute

unbändige Geist, der allem Heute und allem Pöbel wie ein Sturmwind

kommt,—

—der Distel- und Tiftelköpfen feind ist und allen welken Blättern und

Unkräutern: gelobt sei dieser wilde gute freie Sturmgeist, welcher auf

Mooren und Trübsalen wie auf Wiesen tanzt!

Der die Pöbel-Schwindhunde hasst und alles missrathene düstere Gezücht:

gelobt sei dieser Geist aller freien Geister, der lachende Sturm,

welcher allen Schwarzsichtigen, Schwärsüchtigen Staub in die Augen

bläst!

Ihr höheren Menschen, euer Schlimmstes ist: ihr lerntet alle nicht

tanzen, wie man tanzen muss—über euch hinweg tanzen! Was liegt daran,

dass ihr missriethet!

Wie Vieles ist noch möglich! So _lernt_ doch über euch hinweg lachen!

Erhebt eure Herzen, ihr guten Tänzer, hoch! höher! Und vergesst mir

auch das gute Lachen nicht!

Diese Krone des Lachenden, diese Rosenkranz-Krone: euch, meinen

Brüdern, werfe ich diese Krone zu! Das Lachen sprach ich heilig; ihr

höheren Menschen, _lernt_ mir—lachen!

Das Lied der Schwermuth

1.

Als Zarathustra diese Reden sprach, stand er nahe dem Eingange seiner

Höhle; mit den letzten Worten aber entschlüpfte er seinen Gästen und

floh für eine kurze Weile in’s Freie.

„Oh reine Gerüche um mich, rief er aus, oh selige Stille um mich! Aber

wo sind meine Thiere? Heran, heran, mein Adler und meine Schlange!

Sagt mir doch, meine Thiere: diese höheren Menschen

insgesammt—_riechen_ sie vielleicht nicht gut? Oh reine Gerüche um

mich! Jetzo weiss und fühle ich erst, wie ich euch, meine Thiere,

liebe.“

—Und Zarathustra sprach nochmals: „ich liebe euch, meine Thiere!“ Der

Adler aber und die Schlange drängten sich an ihn, als er diese Worte

sprach, und sahen zu ihm hinauf. Solchergestalt waren sie zu drei still

beisammen und schnüffelten und schlürften mit einander die gute Luft.

Denn die Luft war hier draussen besser als bei den höheren Menschen.

2.

Kaum aber hatte Zarathustra seine Höhle verlassen, da erhob sich der

alte Zauberer, sah listig umher und sprach: „Er ist hinaus!

Und schon, ihr höheren Menschen—dass ich euch mit diesem Lob- und

Schmeichel-Namen kitzle, gleich ihm selber—schon fällt mich mein

schlimmer Trug- und Zaubergeist an, mein schwermüthiger Teufel,

—welcher diesem Zarathustra ein Widersacher ist aus dem Grunde: vergebt

es ihm! Nun will er vor euch zaubern, er hat gerade _seine_ Stunde;

umsonst ringe ich mit diesem bösen Geiste.

Euch Allen, welche Ehren ihr euch mit Worten geben mögt, ob ihr euch

„die freien Geister“ nennt oder „die Wahrhaftigen“ oder „die Büsser des

Geistes“ oder „die Entfesselten“ oder „die grossen Sehnsüchtigen“—

—euch Allen, die ihr _am grossen Ekel_ leidet gleich mir, denen der

alte Gott starb und noch kein neuer Gott in Wiegen und Windeln

liegt,—euch Allen ist mein böser Geist und Zauber-Teufel hold.

Ich kenne euch, ihr höheren Menschen, ich kenne ihn,—ich kenne auch

diesen Unhold, den ich wider Willen liebe, diesen Zarathustra: er

selber dünkt mich öfter gleich einer schönen Heiligen-Larve,

—gleich einem neuen wunderlichen Mummenschanze, in dem sich mein böser

Geist, der schwermüthige Teufel, gefällt:—ich liebe Zarathustra, so

dünkt mich oft, um meines bösen Geistes Willen.—

Aber schon fällt _der_ mich an und zwingt mich, dieser Geist der

Schwermuth, dieser Abend-Dämmerungs-Teufel: und, wahrlich, ihr höheren

Menschen, es gelüstet ihn—

—macht nur die Augen auf!—es gelüstet ihn, _nackt_ zu kommen, ob

männlich, ob weiblich, noch weiss ich’s nicht: aber er kommt, er zwingt

mich, wehe! macht eure Sinne auf!

Der Tag klingt ab, allen Dingen kommt nun der Abend, auch den besten

Dingen; hört nun und seht, ihr höheren Menschen, welcher Teufel, ob

Mann, ob Weib, dieser Geist der Abend-Schwermuth ist!“

Also sprach der alte Zauberer, sah listig umher und griff dann zu

seiner Harfe.

3.

Bei abgehellter Luft,

Wenn schon des Thau’s Tröstung

Zur Erde niederquillt,

Unsichtbar, auch ungehört:

—Denn zartes Schuhwerk trägt

Der Tröster Thau gleich allen Trost-Milden—:

Gedenkst du da, gedenkst du, heisses Herz,

Wie einst du durstetest,

Nach himmlischen Thränen und Thau-Geträufel

Versengt und müde durstetest,

Dieweil auf gelben Gras-Pfaden

Boshaft abendliche Sonnenblicke

Durch schwarze Bäume um dich liefen,

Blendende Sonnen-Gluthblicke, schadenfrohe.

„Der _Wahrheit_ Freier? Du?—so höhnten sie—

Nein! Nur ein Dichter!

Ein Thier, ein listiges, raubendes, schleichendes,

Das lügen muss,

Das wissentlich, willentlich lügen muss:

Nach Beute lüstern,

Bunt verlarvt,

Sich selber Larve,

Sich selbst zur Beute—

_Das_—der Wahrheit Freier? Nein!

Nur Narr! Nur Dichter!

Nur Buntes redend,

Aus Narren-Larven bunt herausschreiend,

Herumsteigend auf lügnerischen Wort-Brücken,

Auf bunten Regenbogen,

Zwischen falschen Himmeln

Und falschen Erden,

Herumschweifend, herumschwebend,—

_Nur_ Narr! _Nur_ Dichter!...

_Das_—der Wahrheit Freier?

Nicht still, starr, glatt, kalt,

Zum Bilde worden,

Zur Gottes-Säule,

Nicht aufgestellt vor Tempeln,

Eines Gottes Thürwart:

Nein! Feindselig solchen Wahrheits-Standbildern,

In jeder Wildniss heimischer als vor Tempeln,

Voll Katzen-Muthwillens,

Durch jedes Fenster springend

Husch! in jeden Zufall,

Jedem Urwalde zuschnüffelnd,

Süchtig-sehnsüchtig zuschnüffelnd,

Dass du in Urwäldern

Unter buntgefleckten Raubthieren

Sündlich-gesund und bunt und schön liefest,

Mit lüsternen Lefzen,

Selig-höhnisch, selig-höllisch, selig-blutgierig,

Raubend, schleichend, lügend liefest:...

Oder, dem Adler gleich, der lange,

Lange starr in Abgründe blickt,

In _seine_ Abgründe:...

-- Oh wie sie sich hier hinab,

Hinunter, hinein,

In immer tiefere Tiefen ringeln!—

Dann,

Plötzlich,

geraden Zugs,

Gezückten Flugs,

Auf Lämmer stossen,

Jach hinab, heisshungrig,

Nach Lämmern lüstern,

Gram allen Lamms-Seelen,

Grimmig-gram Allem, was blickt

Schafmässig, lammäugig, krauswollig,

Grau, mit Lamms-Schafs-Wohlwollen!

Also

Adlerhaft, pantherhaft

Sind des Dichters Sehnsüchte,

Sind _deine_ Sehnsüchte unter tausend Larven,

Du Narr! Du Dichter!

Der du den Menschen schautest

So Gott als Schaf—:

Den Gott _zerreissen_ im Menschen

Wie das Schaf im Menschen,

Und zerreisend _lachen_—

_Das_, _Das_ ist deine Seligkeit! Eines Panthers und Adlers Seligkeit!

Eines Dichters und Narren Seligkeit!“—

Bei abgehellter Luft,

Wenn schon des Monds Sichel

Grün zwischen Purpurröthen

Und neidisch hinschleicht:

—dem Tage feind,

Mit jedem Schritte heimlich

An Rosen-Hängematten

Hinsichelnd, bis sie sinken,

Nacht-abwärts blass hinabsinken:

So sank ich selber einstmals

Aus meinem Wahrheits-Wahnsinne,

Aus meinen Tages-Sehnsüchten,

Des Tages müde, krank vom Lichte,

—sank abwärts, abendwärts, schattenwärts:

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