Von den berühmten Weisen Also Sprach Zarathustra · Capítulo 22 de 57
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Von den berühmten Weisen

Von den berühmten Weisen

Dem Volke habt ihr gedient und des Volkes Aberglauben, ihr berühmten

Weisen alle!—und _nicht_ der Wahrheit! Und gerade darum zollte man euch

Ehrfurcht.

Und darum auch ertrug man euren Unglauben, weil er ein Witz und Umweg

war zum Volke. So lässt der Herr seine Sclaven gewähren und ergötzt

sich noch an ihrem Übermuthe.

Aber wer dem Volke verhasst ist wie ein Wolf den Hunden: das ist der

freie Geist, der Fessel-Feind, der Nicht-Anbeter, der in Wäldern

Hausende.

Ihn zu jagen aus seinem Schlupfe—das hiess immer dem Volke „Sinn für

das Rechte“ : gegen ihn hetzt es noch immer seine scharfzahnigsten

Hunde.

„Denn die Wahrheit ist da: ist das Volk doch da! Wehe, wehe den

Suchenden!“—also scholl es von jeher.

Eurem Volke wolltet ihr Recht schaffen in seiner Verehrung: das hiesset

ihr „Wille zur Wahrheit,“ ihr berühmten Weisen!

Und euer Herz sprach immer zu sich: „vom Volke kam ich: von dort her

kam mir auch Gottes Stimme.“

Hart-nackig und klug, dem Esel gleich, wart ihr immer als des Volkes

Fürsprecher.

Und mancher Mächtige, der gut fahren wollte mit dem Volke, spannte vor

seine Rosse noch—ein Eselein, einen berühmten Weisen.

Und nun wollte ich, ihr berühmten Weisen, ihr würfet endlich das Fell

des Löwen ganz von euch!

Das Fell des Raubthiers, das buntgefleckte, und die Zotten des

Forschenden, Suchenden, Erobernden!

Ach, dass ich an eure „Wahrhaftigkeit“ glauben lerne, dazu müsstet ihr

mir erst euren verehrenden Willen zerbrechen.

Wahrhaftig—so heisse ich Den, der in götterlose Wüsten geht und sein

verehrendes Herz zerbrochen hat.

Im gelben Sande und verbrannt von der Sonne schielt er wohl durstig

nach den quellenreichen Eilanden, wo Lebendiges unter dunkeln Bäumen

ruht.

Aber sein Durst überredet ihn nicht, diesen Behaglichen gleich zu

werden: denn wo Oasen sind, da sind auch Götzenbilder.

Hungernd, gewaltthätig, einsam, gottlos: so will sich selber der

Löwen-Wille.

Frei von dem Glück der Knechte, erlöst von Göttern und Anbetungen,

furchtlos und fürchterlich, gross und einsam: so ist der Wille des

Wahrhaftigen.

In der Wüste wohnten von je die Wahrhaftigen, die freien Geister, als

der Wüste Herren; aber in den Städten wohnen die gutgefütterten,

berühmten Weisen,—die Zugthiere.

Immer nämlich ziehen sie, als Esel—des _Volkes_ Karren!

Nicht dass ich ihnen darob zürne: aber Dienende bleiben sie mir und

Angeschirrte, auch wenn sie von goldnem Geschirre glänzen.

Und oft waren sie gute Diener und preiswürdige. Denn so spricht die

Tugend: musst du Diener sein, so suche Den, welchem dein Dienst am

besten nützt!

„Der Geist und die Tugend deines Herrn sollen wachsen, dadurch dass du

sein Diener bist: so wächsest du selber mit seinem Geiste und seiner

Tugend!“

Und wahrlich, ihr berühmten Weisen, ihr Diener des Volkes! Ihr selber

wuchset mit des Volkes Geist und Tugend—und das Volk durch euch! Zu

euren Ehren sage ich das!

Aber Volk bleibt ihr mir auch noch in euren Tugenden, Volk mit blöden

Augen,—Volk, das nicht weiss, was _Geist_ ist!

Geist ist das Leben, das selber in’s Leben schneidet: an der eignen

Qual mehrt es sich das eigne Wissen,—wusstet ihr das schon?

Und des Geistes Glück ist diess: gesalbt zu sein und durch Thränen

geweiht zum Opferthier,—wusstet ihr das schon?

Und die Blindheit des Blinden und sein Suchen und Tappen soll noch von

der Macht der Sonne zeugen, in die er schaute,—wusstet ihr das schon?

Und mit Bergen soll der Erkennende _bauen_ lernen! Wenig ist es, dass

der Geist Berge versetzt,—wusstet ihr das schon?

Ihr kennt nur des Geistes Funken: aber ihr seht den Ambos nicht, der er

ist, und nicht die Grausamkeit seines Hammers!

Wahrlich, ihr kennt des Geistes Stolz nicht! Aber noch weniger würdet

ihr des Geistes Bescheidenheit ertragen, wenn sie einmal reden wollte!

Und niemals noch durftet ihr euren Geist in eine Grube von Schnee

werfen: ihr seid nicht heiss genug dazu! So kennt ihr auch die

Entzückungen seiner Kälte nicht.

In Allem aber thut ihr mir zu vertraulich mit dem Geiste; und aus der

Weisheit machtet ihr oft ein Armen- und Krankenhaus für schlechte

Dichter.

Ihr seid keine Adler: so erfuhrt ihr auch das Glück im Schrecken des

Geistes nicht. Und wer kein Vogel ist, soll sich nicht über Abgründen

lagern.

Ihr seid mir Laue: aber kalt strömt jede tiefe Erkenntniss. Eiskalt

sind die innersten Brunnen des Geistes: ein Labsal heissen Händen und

Handelnden.

Ehrbar steht ihr mir da und steif und mit geradem Rücken, ihr berühmten

Weisen! —euch treibt kein starker Wind und Wille.

Saht ihr nie ein Segel über das Meer gehn, geründet und gebläht und

zitternd vor dem Ungestüm des Windes?

Dem Segel gleich, zitternd vor dem Ungestüm des Geistes, geht meine

Weisheit über das Meer—meine wilde Weisheit!

Aber ihr Diener des Volkes, ihr berühmten Weisen,—wie _könntet_ ihr mit

mir gehn!—

Also sprach Zarathustra.

Das Nachtlied

Nacht ist es: nun reden lauter alle springenden Brunnen. Und auch meine

Seele ist ein springender Brunnen.

Nacht ist es: nun erst erwachen alle Lieder der Liebenden. Und auch

meine Seele ist das Lied eines Liebenden.

Ein Ungestilltes, Unstillbares ist in mir; das will laut werden. Eine

Begierde nach Liebe ist in mir, die redet selber die Sprache der Liebe.

Licht bin ich: ach, dass ich Nacht wäre! Aber diess ist meine

Einsamkeit, dass ich von Licht umgürtet bin.

Ach, dass ich dunkel wäre und nächtig! Wie wollte ich an den Brüsten

des Lichts saugen!

Und euch selber wollte ich noch segnen, ihr kleinen Funkelsterne und

Leuchtwürmer droben!—und selig sein ob eurer Licht-Geschenke.

Aber ich lebe in meinem eignen Lichte, ich trinke die Flammen in mich

zurück, die aus mir brechen.

Ich kenne das Glück des Nehmenden nicht; und oft träumte mir davon,

dass Stehlen noch seliger sein müsse, als Nehmen.

Das ist meine Armuth, dass meine Hand niemals ausruht vom Schenken; das

ist mein Neid, dass ich wartende Augen sehe und die erhellten Nächte

der Sehnsucht.

Oh Unseligkeit aller Schenkenden! Oh Verfinsterung meiner Sonne! Oh

Begierde nach Begehren! Oh Heisshunger in der Sättigung!

Sie nehmen von mir: aber rühre ich noch an ihre Seele? Eine Kluft ist

zwischen Geben und Nehmen; und die kleinste Kluft ist am letzten zu

überbrücken.

Ein Hunger wächst aus meiner Schönheit: wehethun möchte ich Denen,

welchen ich leuchte, berauben möchte ich meine Beschenkten:—also

hungere ich nach Bosheit.

Die Hand zurückziehend, wenn sich schon ihr die Hand entgegenstreckt;

dem Wasserfälle gleich zögernd, der noch im Sturze zögert:—also hungere

ich nach Bosheit.

Solche Rache sinnt meine Fülle aus; solche Tücke quillt aus meiner

Einsamkeit.

Mein Glück im Schenken erstarb im Schenken, meine Tugend wurde ihrer

selber müde an ihrem Überflusse!

Wer immer schenkt, dessen Gefahr ist, dass er die Scham verliere; wer

immer austheilt, dessen Hand und Herz hat Schwielen vor lauter

Austheilen.

Mein Auge quillt nicht mehr über vor der Scham der Bittenden; meine

Hand wurde zu hart für das Zittern gefüllter Hände.

Wohin kam die Thräne meinem Auge und der Flaum meinem Herzen? Oh

Einsamkeit aller Schenkenden! Oh Schweigsamkeit aller Leuchtenden!

Viel Sonnen kreisen im öden Räume: zu Allem, was dunkel ist, reden sie

mit ihrem Lichte,—mir schweigen sie.

Oh diess ist die Feindschaft des Lichts gegen Leuchtendes,

erbarmungslos wandelt es seine Bahnen.

Unbillig gegen Leuchtendes im tiefsten Herzen: kalt gegen Sonnen,—also

wandelt jede Sonne.

Einem Sturme gleich fliegen die Sonnen ihre Bahnen, das ist ihr

Wandeln. Ihrem unerbittlichen Willen folgen sie, das ist ihre Kälte.

Oh, ihr erst seid es, ihr Dunklen, ihr Nächtigen, die ihr Wärme schafft

aus Leuchtendem! Oh, ihr erst trinkt euch Milch und Labsal aus des

Lichtes Eutern!

Ach, Eis ist um mich, meine Hand verbrennt sich an Eisigem! Ach, Durst

ist in mir, der schmachtet nach eurem Durste!

Nacht ist es: ach dass ich Licht sein muss! Und Durst nach Nächtigem!

Und Einsamkeit!

Nacht ist es: nun bricht wie ein Born aus mir mein Verlangen,—nach Rede

verlangt mich.

Nacht ist es: nun reden lauter alle springenden Brunnen. Und auch meine

Seele ist ein springender Brunnen.

Nacht ist es: nun erst erwachen alle Lieder der Liebenden. Und auch

meine Seele ist das Lied eines Liebenden.—

Also sang Zarathustra.

Das Tanzlied

Eines Abends gieng Zarathustra mit seinen Jüngern durch den Wald; und

als er nach einem Brunnen suchte, siehe, da kam er auf eine grüne

Wiese, die von Bäumen und Gebüsch still umstanden war: auf der tanzten

Mädchen mit einander. Sobald die Mädchen Zarathustra erkannten, liessen

sie vom Tanze ab; Zarathustra aber trat mit freundlicher Gebärde zu

ihnen und sprach diese Worte:

„Lasst vom Tanze nicht ab, ihr lieblichen Mädchen! Kein Spielverderber

kam zu euch mit bösem Blick, kein Mädchen-Feind.

Gottes Fürsprecher bin ich vor dem Teufel: der aber ist der Geist der

Schwere. Wie sollte ich, ihr Leichten, göttlichen Tänzen feind sein?

Oder Mädchen-Füssen mit schönen Knöcheln?

Wohl bin ich ein Wald und eine Nacht dunkler Bäume: doch wer sich vor

meinem Dunkel nicht scheut, der findet auch Rosenhänge unter meinen

Cypressen.

Und auch den kleinen Gott findet er wohl, der den Mädchen der liebste

ist: neben dem Brunnen liegt er, still, mit geschlossenen Augen.

Wahrlich, am hellen Tage schlief er mir ein, der Tagedieb! Haschte er

wohl zu viel nach Schmetterlingen?

Zürnt mir nicht, ihr schönen Tanzenden, wenn ich den kleinen Gott ein

Wenig züchtige! Schreien wird er wohl und weinen,—aber zum Lachen ist

er noch im Weinen!

Und mit Thränen im Auge soll er euch um einen Tanz bitten; und ich

selber will ein Lied zu seinem Tanze singen:

Ein Tanz- und Spottlied auf den Geist der Schwere, meinen allerhöchsten

grossmächtigsten Teufel, von dem sie sagen, dass er „der Herr der Welt“

sei.“—

Und diess ist das Lied, welches Zarathustra sang, als Cupido und die

Mädchen zusammen tanzten.

In dein Auge schaute ich jüngst, oh Leben! Und in’s Unergründliche

schien ich mir da zu sinken.

Aber du zogst mich mit goldner Angel heraus; spöttisch lachtest du, als

ich dich unergründlich nannte.

„So geht die Rede aller Fische, sprachst du; was _sie_ nicht ergründen,

ist unergründlich.

Aber veränderlich bin ich nur und wild und in Allem ein Weib, und kein

tugendhaftes:

Ob ich schon euch Männern „die Tiefe“ heisse oder „die Treue“, „die

Ewige“, „die Geheimnissvolle.“—

Doch ihr Männer beschenkt uns stets mit den eignen Tugenden—ach, ihr

Tugendhaften!“

Also lachte sie, die Unglaubliche; aber ich glaube ihr niemals und

ihrem Lachen, wenn sie bös von sich selber spricht.

Und als ich unter vier Augen mit meiner wilden Weisheit redete, sagte

sie mir zornig: „Du willst, du begehrst, du liebst, darum allein

_lobst_ du das Leben!“

Fast hätte ich da bös geantwortet und der Zornigen die Wahrheit gesagt;

und man kann nicht böser antworten, als wenn man seiner Weisheit „die

Wahrheit sagt.“

So nämlich steht es zwischen uns Dreien. Von Grund aus liebe ich nur

das Leben —und, wahrlich, am meisten dann, wenn ich es hasse!

Dass ich aber der Weisheit gut bin und oft zu gut: das macht, sie

erinnert mich gar sehr an das Leben!

Sie hat ihr Auge, ihr Lachen und sogar ihr goldnes Angelrüthchen: was

kann ich dafür, dass die Beiden sich so ähnlich sehen?

Und als mich einmal das Leben fragte: Wer ist denn das, die

Weisheit?—da sagte ich eifrig: „Ach ja! die Weisheit!

Man dürstet um sie und wird nicht satt, man blickt durch Schleier, man

hascht durch Netze.

Ist sie schön? Was weiss ich! Aber die ältesten Karpfen werden noch mit

ihr geködert.

Veränderlich ist sie und trotzig; oft sah ich sie sich die Lippe

beissen und den Kamm wider ihres Haares Strich führen.

Vielleicht ist sie böse und falsch, und in Allem ein Frauenzimmer; aber

wenn sie von sich selber schlecht spricht, da gerade verführt sie am

meisten.“

Als ich diess zu dem Leben sagte, da lachte es boshaft und machte die

Augen zu. „Von wem redest du doch? sagte sie, wohl von mir?

Und wenn du Recht hättest,—sagt man _das_ mir so in’s Gesicht! Aber nun

sprich doch auch von deiner Weisheit!“

Ach, und nun machtest du wieder dein Auge auf, oh geliebtes Leben! Und

in’s Unergründliche schien ich mir wieder zu sinken.—

Also sang Zarathustra. Als aber der Tanz zu Ende und die Mädchen

fortgegangen waren, wurde er traurig.

„Die Sonne ist lange schon hinunter, sagte er endlich; die Wiese ist

feucht, von den Wäldern her kommt Kühle.

Ein Unbekanntes ist um mich und blickt nachdenklich. Was! Du lebst

noch, Zarathustra?

Warum? Wofür? Wodurch? Wohin? Wo? Wie? Ist es nicht Thorheit, noch zu

leben?—

Ach, meine Freunde, der Abend ist es, der so aus mir fragt. Vergebt mir

meine Traurigkeit!

Abend ward es: vergebt mir, dass es Abend ward!“

Also sprach Zarathustra.

Das Grablied

„Dort ist die Gräberinsel, die schweigsame; dort sind auch die Gräber

meiner Jugend. Dahin will ich einen immergrünen Kranz des Lebens

tragen.“

Also im Herzen beschliessend fuhr ich über das Meer.—

Oh ihr, meiner Jugend Gesichte und Erscheinungen! Oh, ihr Blicke der

Liebe alle, ihr göttlichen Augenblicke! Wie starbt ihr mir so schnell!

Ich gedenke eurer heute wie meiner Todten.

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