Von Kind und Ehe Also Sprach Zarathustra · Capítulo 16 de 57
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Von Kind und Ehe

Von Kind und Ehe

Ich habe eine Frage für dich allein, mein Bruder: wie ein Senkblei

werfe ich diese Frage in deine Seele, dass ich wisse, wie tief sie sei.

Du bist jung und wünschest dir Kind und Ehe. Aber ich frage dich: bist

du ein Mensch, der ein Kind sich wünschen _darf_?

Bist du der Siegreiche, der Selbstbezwinger, der Gebieter der Sinne,

der Herr deiner Tugenden? Also frage ich dich.

Oder redet aus deinem Wunsche das Thier und die Nothdurft? Oder

Vereinsamung? Oder Unfriede mit dir?

Ich will, dass dein Sieg und deine Freiheit sich nach einem Kinde

sehne. Lebendige Denkmale sollst du bauen deinem Siege und deiner

Befreiung.

Über dich sollst du hinausbauen. Aber erst musst du mir selber gebaut

sein, rechtwinklig an Leib und Seele.

Nicht nur fort sollst du dich pflanzen, sondern hinauf! Dazu helfe dir

der Garten der Ehe!

Einen höheren Leib sollst du schaffen, eine erste Bewegung, ein aus

sich rollendes Rad,—einen Schaffenden sollst du schaffen.

Ehe: so heisse ich den Willen zu Zweien, das Eine zu schaffen, das mehr

ist, als die es schufen. Ehrfurcht vor einander nenne ich Ehe als vor

den Wollenden eines solchen Willens.

Diess sei der Sinn und die Wahrheit deiner Ehe. Aber Das, was die

Viel-zu-Vielen Ehe nennen, diese Überflüssigen,—ach, wie nenne ich das?

Ach, diese Armuth der Seele zu Zweien! Ach, dieser Schmutz der Seele zu

Zweien! Ach diess erbärmliche Behagen zu Zweien!

Ehe nennen sie diess Alles; und sie sagen, ihre Ehen seien im Himmel

geschlossen.

Nun, ich mag ihn nicht, diesen Himmel der Überflüssigen! Nein, ich mag

sie nicht, diese im himmlischen Netz verschlungenen Thiere!

Ferne bleibe mir auch der Gott, der heranhinkt, zu segnen, was er nicht

zusammenfügte!

Lacht mir nicht über solche Ehen! Welches Kind hätte nicht Grund, über

seine Eltern zu weinen?

Würdig schien mir dieser Mann und reif für den Sinn der Erde: aber als

ich sein Weib sah, schien mir die Erde ein Haus für Unsinnige.

Ja, ich wollte, dass die Erde in Krämpfen bebte, wenn sich ein Heiliger

und eine Gans mit einander paaren.

Dieser gieng wie ein Held auf Wahrheiten aus und endlich erbeutete er

sich eine kleine geputzte Lüge. Seine Ehe nennt er’s.

Jener war spröde im Verkehre und wählte wählerisch. Aber mit Einem Male

verdarb er für alle Male seine Gesellschaft: seine Ehe nennt er’s.

Jener suchte eine Magd mit den Tugenden eines Engels. Aber mit Einem

Male wurde er die Magd eines Weibes, und nun thäte es Noth, dass er

darüber noch zum Engel werde.

Sorgsam fand ich jetzt alle Käufer, und Alle haben listige Augen. Aber

seine Frau kauft auch der Listigste noch im Sack.

Viele kurze Thorheiten—das heisst bei euch Liebe. Und eure Ehe macht

vielen kurzer Thorheiten ein Ende, als Eine lange Dummheit.

Eure Liebe zum Weibe und des Weibes Liebe zum Manne: ach, möchte sie

doch Mitleiden sein mit leidenden und verhüllten Göttern! Aber zumeist

errathen zwei Thiere einander.

Aber auch noch eure beste Liebe ist nur ein verzücktes Gleichniss und

eine schmerzhafte Gluth. Eine Fackel ist sie, die euch zu höheren Wegen

leuchten soll.

Über euch hinaus sollt ihr einst lieben! So _lernt_ erst lieben! Und

darum musstet ihr den bittern Kelch eurer Liebe trinken.

Bitterniss ist im Kelch auch der besten Liebe: so macht sie Sehnsucht

zum Übermenschen, so macht sie Durst dir, dem Schaffenden!

Durst dem Schaffenden, Pfeil und Sehnsucht zum Übermenschen: sprich,

mein Bruder, ist diess dein Wille zur Ehe?

Heilig heisst mir solch ein Wille und solche Ehe.—

Also sprach Zarathustra.

Vom freien Tode

Viele sterben zu spät, und Einige sterben zu früh. Noch klingt fremd

die Lehre: „stirb zur rechten Zeit!“

Stirb zur rechten Zeit: also lehrt es Zarathustra.

Freilich, wer nie zur rechten Zeit lebt, wie sollte der je zur rechten

Zeit sterben? Möchte er doch nie geboren sein!—Also rathe ich den

Überflüssigen.

Aber auch die Überflüssigen thun noch wichtig mit ihrem Sterben, und

auch die hohlste Nuss will noch geknackt sein.

Wichtig nehmen Alle das Sterben: aber noch ist der Tod kein Fest. Noch

erlernten die Menschen nicht, wie man die schönsten Feste weiht.

Den vollbringenden Tod zeige ich euch, der den Lebenden ein Stachel und

ein Gelöbniss wird.

Seinen Tod stirbt der Vollbringende, siegreich, umringt von Hoffenden

und Gelobenden.

Also sollte man sterben lernen; und es sollte kein Fest geben, wo ein

solcher Sterbender nicht der Lebenden Schwüre weihte!

Also zu sterben ist das Beste; das Zweite aber ist: im Kampfe zu

sterben und eine grosse Seele zu verschwenden.

Aber dem Kämpfenden gleich verhasst wie dem Sieger ist euer grinsender

Tod, der heranschleicht wie ein Dieb—und doch als Herr kommt.

Meinen Tod lobe ich euch, den freien Tod, der mir kommt, weil _ich_

will.

Und wann werde ich wollen?—Wer ein Ziel hat und einen Erben, der will

den Tod zur rechten Zeit für Ziel und Erben.

Und aus Ehrfurcht vor Ziel und Erben wird er keine dürren Kränze mehr

im Heiligthum des Lebens aufhängen.

Wahrlich, nicht will ich den Seildrehern gleichen: sie ziehen ihren

Faden in die Länge und gehen dabei selber immer rückwärts.

Mancher wird auch für seine Wahrheiten und Siege zu alt; ein zahnloser

Mund hat nicht mehr das Recht zu jeder Wahrheit.

Und Jeder, der Ruhm haben will, muss sich bei Zeiten von der Ehre

verabschieden und die schwere Kunst üben, zur rechten Zeit zu—gehn.

Man muss aufhören, sich essen zu lassen, wenn man am besten schmeckt:

das wissen Die, welche lange geliebt werden wollen.

Saure Äpfel giebt es freilich, deren Loos will, dass sie bis auf den

letzten Tag des Herbstes warten: und zugleich werden sie reif, gelb und

runzelig.

Andern altert das Herz zuerst und Andern der Geist. Und Einige sind

greis in der Jugend: aber spät jung erhält lang jung.

Manchem missräth das Leben: ein Giftwurm frisst sich ihm an’s Herz. So

möge er zusehn, dass ihm das Sterben um so mehr gerathe.

Mancher wird nie süss, er fault im Sommer schon. Feigheit ist es, die

ihn an seinem Aste festhält.

Viel zu Viele leben und viel zu lange hängen sie an ihren Ästen. Möchte

ein Sturm kommen, der all diess Faule und Wurmfressne vom Baume

schüttelt!

Möchten Prediger kommen des _schnellen_ Todes! Das wären mir die

rechten Stürme und Schüttler an Lebensbäumen Aber ich höre nur den

langsamen Tod predigen und Geduld mit allem „Irdischen“ .

Ach, ihr predigt Geduld mit dem Irdischen? Dieses Irdische ist es, das

zu viel Geduld mit euch hat, ihr Lästermäuler!

Wahrlich, zu früh starb jener Hebräer, den die Prediger des langsamen

Todes ehren: und Vielen ward es seitdem zum Verhängniss, dass er zu

früh starb.

Noch kannte er nur Thränen und die Schwermuth des Hebräers, sammt dem

Hasse der Guten und Gerechten,—der Hebräer Jesus: da überfiel ihn die

Sehnsucht zum Tode.

Wäre er doch in der Wüste geblieben und ferne von den Guten und

Gerechten! Vielleicht hätte er leben gelernt und die Erde lieben

gelernt—und das Lachen dazu!

Glaubt es mir, meine Brüder! Er starb zu früh; er selber hätte seine

Lehre widerrufen, wäre er bis zu meinem Alter gekommen! Edel genug war

er zum Widerrufen!

Aber ungereift war er noch. Unreif liebt der Jüngling und unreif hasst

er auch Mensch und Erde. Angebunden und schwer ist ihm noch Gemüth und

Geistesflügel.

Aber im Manne ist mehr Kind als im Jünglinge, und weniger Schwermuth:

besser versteht er sich auf Tod und Leben.

Frei zum Tode und frei im Tode, ein heiliger Nein-sager, wenn es nicht

Zeit mehr ist zum Ja: also versteht er sich auf Tod und Leben.

Dass euer Sterben keine Lästerung sei auf Mensch und Erde, meine

Freunde: das erbitte ich mir von dem Honig eurer Seele.

In eurem Sterben soll noch euer Geist und eure Tugend glühn, gleich

einem Abendroth um die Erde: oder aber das Sterben ist euch schlecht

gerathen.

Also will ich selber sterben, dass ihr Freunde um meinetwillen die Erde

mehr liebt; und zur Erde will ich wieder werden, dass ich in Der Ruhe

habe, die mich gebar.

Wahrlich, ein Ziel hatte Zarathustra, er warf seinen Ball: nun seid ihr

Freunde meines Zieles Erbe, euch werfe ich den goldenen Ball zu.

Lieber als Alles sehe ich euch, meine Freunde, den goldenen Ball

werfen! Und so verziehe ich noch ein Wenig auf Erden: verzeiht es mir!

Also sprach Zarathustra.

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