Von grossen Ereignissen Also Sprach Zarathustra · Capítulo 29 de 57
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Von grossen Ereignissen

Von grossen Ereignissen

Es giebt eine Insel im Meere—unweit den glückseligen Inseln

Zarathustra’s—auf welcher beständig ein Feuerberg raucht; von der sagt

das Volk, und sonderlich sagen es die alten Weibchen aus dem Volke,

dass sie wie ein Felsblock vor das Thor der Unterwelt gestellt sei:

durch den Feuerberg selber aber führe der schmale Weg abwärts, der zu

diesem Thore der Unterwelt geleite.

Um jene Zeit nun, als Zarathustra auf den glückseligen Inseln weilte,

geschah es, dass ein Schiff an der Insel Anker warf, auf welcher der

rauchende Berg steht; und seine Mannschaft gieng an’s Land, um

Kaninchen zu schiessen. Gegen die Stunde des Mittags aber, da der

Capitän und seine Leute wieder beisammen waren, sahen sie plötzlich

durch die Luft einen Mann auf sich zukommen, und eine Stimme sagte

deutlich: „es ist Zeit! Es ist die höchste Zeit!“ Wie die Gestalt ihnen

aber am nächsten war—sie flog aber schnell gleich einem Schatten

vorbei, in der Richtung, wo der Feuerberg lag—da erkannten sie mit

grösster Bestürzung, dass es Zarathustra sei; denn sie hatten ihn Alle

schon gesehn, ausgenommen der Capitän selber, und sie liebten ihn, wie

das Volk liebt: also dass zu gleichen Theilen Liebe und Scheu beisammen

sind.

„Seht mir an! sagte der alte Steuermann, da fährt Zarathustra zur

Hölle!“—

Um die gleiche Zeit, als diese Schiffer an der Feuerinsel landeten,

lief das Gerücht umher, dass Zarathustra verschwunden sei; und als man

seine Freunde fragte, erzählten sie, er sei bei Nacht zu Schiff

gegangen, ohne zu sagen, wohin er reisen wolle.

Also entstand eine Unruhe; nach drei Tagen aber kam zu dieser Unruhe

die Geschichte der Schiffsleute hinzu—und nun sagte alles Volk, dass

der Teufel Zarathustra geholt habe. Seine jünger lachten zwar ob dieses

Geredes; und einer von ihnen sagte sogar: „eher glaube ich noch, dass

Zarathustra sich den Teufel geholt hat.“ Aber im Grunde der Seele waren

sie Alle voll Besorgniss und Sehnsucht: so war ihre Freude gross, als

am fünften Tage Zarathustra unter ihnen erschien.

Und diess ist die Erzählung von Zarathustra’s Gespräch mit dem

Feuerhunde.

Die Erde, sagte er, hat eine Haut; und diese Haut hat Krankheiten. Eine

dieser Krankheiten heisst zum Beispiel: „Mensch.“

Und eine andere dieser Krankheiten heisst „Feuerhund“: über _den_ haben

sich die Menschen Viel vorgelogen und vorlügen lassen.

Diess Geheimniss zu ergründen gieng ich über das Meer: und ich habe die

Wahrheit nackt gesehn, wahrlich! barfuss bis zum Halse.

Was es mit dem Feuerhund auf sich hat, weiss ich nun; und insgleichen

mit all den Auswurf- und Umsturz-Teufeln, vor denen sich nicht nur alte

Weibchen fürchten.

Heraus mit dir, Feuerhund, aus deiner Tiefe! rief ich, und bekenne, wie

tief diese Tiefe ist! Woher ist das, was du da heraufschnaubst?

Du trinkst reichlich am Meere: das verräth deine versalzte

Beredsamkeit! Fürwahr, für einen Hund der Tiefe nimmst du deine Nahrung

zu sehr von der Oberfläche!

Höchstens für den Bauchredner der Erde halt’ ich dich: und immer, wenn

ich Umsturz- und Auswurf-Teufel reden hörte, fand ich sie gleich dir:

gesalzen, lügnerisch und flach.

Ihr versteht zu brüllen und mit Asche zu verdunkeln! Ihr seid die

besten Grossmäuler und lerntet sattsam die Kunst, Schlamm heiss zu

sieden.

Wo ihr seid, da muss stets Schlamm in der Nähe sein, und viel

Schwammichtes, Höhlichtes, Eingezwängtes: das will in die Freiheit.

„Freiheit“ brüllt ihr Alle am liebsten: aber ich verlernte den Glauben

an „grosse Ereignisse,“ sobald viel Gebrüll und Rauch um sie herum ist.

Und glaube mir nur, Freund Höllenlärm! Die grössten Ereignisse—das sind

nicht unsre lautesten, sondern unsre stillsten Stunden.

Nicht um die Erfinder von neuem Lärme: um die Erfinder von neuen

Werthen dreht sich die Welt; _unhörbar_ dreht sie sich.

Und gesteh es nur! Wenig war immer nur geschehn, wenn dein Lärm und

Rauch sich verzog. Was liegt daran, dass eine Stadt zur Mumie wurde,

und eine Bildsäule im Schlamme liegt!

Und diess Wort sage ich noch den Umstürzern von Bildsäulen. Das ist

wohl die grösste Thorheit, Salz in’s Meer und Bildsäulen in den Schlamm

zu werfen.

Im Schlamme eurer Verachtung lag die Bildsäule: aber das ist gerade ihr

Gesetz, dass ihr aus der Verachtung wieder Leben und lebende Schönheit

wächst!

Mit göttlicheren Zügen steht sie nun auf und leidendverführerisch; und

wahrlich! sie wird euch noch Dank sagen, dass ihr sie umstürztet, ihr

Umstürzer!

Diesen Rath aber rathe ich Königen und Kirchen und Allem, was alters-

und tugendschwach ist—lasst euch nur umstürzen! Dass ihr wieder zum

Leben kommt, und zu euch—die Tugend!—

Also redete ich vor dem Feuerhunde: da unterbrach er mich mürrisch und

fragte: „Kirche? Was ist denn das?“

Kirche? antwortete ich, das ist eine Art von Staat, und zwar die

verlogenste. Doch schweig still, du Heuchelhund! Du kennst deine Art

wohl am besten schon!

Gleich dir selber ist der Staat ein Heuchelhund; gleich dir redet er

gern mit Rauch und Gebrülle,—dass er glauben mache, gleich dir, er rede

aus dem Bauch der Dinge.

Denn er will durchaus das wichtigste Thier auf Erden sein, der Staat;

und man glaubt’s ihm auch.—

Als ich das gesagt hatte, gebärdete sich der Feuerhund wie unsinnig vor

Neid. „Wie? schrie er, das wichtigste Thier auf Erden? Und man glaubt’s

ihm auch?“ Und so viel Dampf und grässliche Stimmen kamen ihm aus dem

Schlunde, dass ich meinte, er werde vor Arger und Neid ersticken.

Endlich wurde er stiller, und sein Keuchen liess nach; sobald er aber

stille war, sagte ich lachend:

„Du ärgerst dich, Feuerhund: also habe ich über dich Recht!

Und dass ich auch noch Recht behalte, so höre von einem andern

Feuerhunde: der spricht wirklich aus dem Herzen der Erde.

Gold haucht sein Athem und goldigen Regen: so will’s das Herz ihm. Was

ist ihm Asche und Rauch und heisser Schleim noch!

Lachen flattert aus ihm wie ein buntes Gewölke; abgünstig ist er deinem

Gurgeln und Speien und Grimmen der Ein- geweide!

Das Gold aber und das Lachen—das nimmt er aus dem Herzen der Erde: denn

dass du’s nur weisst,—das Herz der Erde ist von Gold.“

Als diess der Feuerhund vernahm, hielt er’s nicht mehr aus, mir

zuzuhören. Beschämt zog er seinen Schwanz ein, sagte auf eine

kleinlaute Weise Wau! Wau! und kroch hinab in seine Höhle.—

Also erzählte Zarathustra. Seine Jünger aber hörten ihm kaum zu: so

gross war ihre Begierde, ihm von den Schiffsleuten, den Kaninchen und

dem fliegenden Manne zu erzählen.

„Was soll ich davon denken! sagte Zarathustra. Bin ich denn ein

Gespenst?

Aber es wird mein Schatten gewesen sein. Ihr hörtet wohl schon Einiges

vom Wanderer und seinem Schatten?

Sicher aber ist das: ich muss ihn kürzer halten,—er verdirbt mir sonst

noch den Ruf.“

Und nochmals schüttelte Zarathustra den Kopf und wunderte sich. „Was

soll ich davon denken!“ sagte er nochmals.

„Warum schrie denn das Gespenst: es ist Zeit! Es ist die höchste Zeit!

_Wozu_ ist es denn—höchste Zeit?“—

Also sprach Zarathustra.

Der Wahrsager

„- und ich sahe eine grosse Traurigkeit über die Menschen kommen. Die

Besten wurden ihrer Werke müde.

Eine Lehre ergieng, ein Glauben lief neben ihr: „Alles ist leer, Alles

ist gleich, Alles war!“

Und von allen Hügeln klang es wieder: „Alles ist leer, Alles ist

gleich, Alles war!“

Wohl haben wir geerntet: aber warum wurden alle Früchte uns faul und

braun? Was fiel vom bösen Monde bei der letzten Nacht hernieder?

Umsonst war alle Arbeit, Gift ist unser Wein geworden, böser Blick

sengte unsre Felder und Herzen gelb.

Trocken wurden wir Alle; und fällt Feuer auf uns, so stäuben wir der

Asche gleich:—ja das Feuer selber machten wir müde.

Alle Brunnen versiegten uns, auch das Meer wich zurück. Aller Grund

will reissen, aber die Tiefe will nicht schlingen!

„Ach, wo ist noch ein Meer, in dem man ertrinken könnte“: so klingt

unsre Klage - hinweg über flache Sümpfe.

Wahrlich, zum Sterben wurden wir schon zu müde; nun wachen wir noch und

leben fort—in Grabkammern!“—

Also hörte Zarathustra einen Wahrsager reden; und seine Weissagung

gieng ihm zu Herzen und verwandelte ihn. Traurig gieng er umher und

müde; und er wurde Denen gleich, von welchen der Wahrsager geredet

hatte.

Wahrlich, so sagte er zu seinen Jüngern, es ist um ein Kleines, so

kommt diese lange Dämmerung. Ach, wie soll ich mein Licht hinüber

retten!

Dass es mir nicht ersticke in dieser Traurigkeit! Ferneren Welten soll

es ja Licht sein und noch fernsten Nächten!

Dergestalt im Herzen bekümmert gieng Zarathustra umher; und drei Tage

lang nahm er nicht Trank und Speise zu sich, hatte keine Ruhe und

verlor die Rede. Endlich geschah es, dass er in einen tiefen Schlaf

verfiel. Seine jünger aber sassen um ihn in langen Nachtwachen und

warteten mit Sorge, ob er wach werde und wieder rede und genesen sei

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