Von der Nächstenliebe Also Sprach Zarathustra · Capítulo 14 de 57
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Von der Nächstenliebe

Von der Nächstenliebe

Ihr drängt euch um den Nächsten und habt schöne Worte dafür. Aber ich

sage euch: eure Nächstenliebe ist eure schlechte Liebe zu euch selber.

Ihr flüchtet zum Nächsten vor euch selber und möchtet euch daraus eine

Tugend machen: aber ich durchschaue euer „Selbstloses“.

Das Du ist älter als das Ich; das Du ist heilig gesprochen, aber noch

nicht das Ich: so drängt sich der Mensch hin zum Nächsten.

Rathe ich euch zur Nächstenliebe? Lieber noch rathe ich euch zur

Nächsten-Flucht und zur Fernsten-Liebe!

Höher als die Liebe zum Nächsten ist die Liebe zum Fernsten und

Künftigen; höher noch als die Liebe zu Menschen ist die Liebe zu Sachen

und Gespenstern.

Diess Gespenst, das vor dir herläuft, mein Bruder, ist schöner als du;

warum giebst du ihm nicht dein Fleisch und deine Knochen? Aber du

fürchtest dich und läufst zu deinem Nächsten.

Ihr haltet es mit euch selber nicht aus und liebt euch nicht genug: nun

wollt ihr den Nächsten zur Liebe verführen und euch mit seinem Irrthum

vergolden.

Ich wollte, ihr hieltet es nicht aus mit allerlei Nächsten und deren

Nachbarn; so müsstet ihr aus euch selber euren Freund und sein

überwallendes Herz schaffen.

Ihr ladet euch einen Zeugen ein, wenn ihr von euch gut reden wollt; und

wenn ihr ihn verführt habt, gut von euch zu denken, denkt ihr selber

gut von euch.

Nicht nur Der lügt, welcher wider sein Wissen redet, sondern erst recht

Der, welcher wider sein Nichtwissen redet. Und so redet ihr von euch im

Verkehre und belügt mit euch den Nachbar.

Also spricht der Narr: „der Umgang mit Menschen verdirbt den Charakter,

sonderlich wenn man keinen hat.“

Der Eine geht zum Nächsten, weil er sich sucht, und der Andre, weil er

sich verlieren möchte. Eure schlechte Liebe zu euch selber macht euch

aus der Einsamkeit ein Gefängniss.

Die Ferneren sind es, welche eure Liebe zum Nächsten bezahlen; und

schon wenn ihr zu fünfen mit einander seid, muss immer ein sechster

sterben.

Ich liebe auch eure Feste nicht: zu viel Schauspieler fand ich dabei,

und auch die Zuschauer gebärdeten sich oft gleich Schauspielern.

Nicht den Nächsten lehre ich euch, sondern den Freund. Der Freund sei

euch das Fest der Erde und ein Vorgefühl des Übermenschen.

Ich lehre euch den Freund und sein übervolles Herz. Aber man muss

verstehn, ein Schwamm zu sein, wenn man von übervollen Herzen geliebt

sein will.

Ich lehre euch den Freund, in dem die Welt fertig dasteht, eine Schale

des Guten,—den schaffenden Freund, der immer eine fertige Welt zu

verschenken hat.

Und wie ihm die Welt auseinander rollte, so rollt sie ihm wieder in

Ringen zusammen, als das Werden des Guten durch das Böse, als das

Werden der Zwecke aus dem Zufalle.

Die Zukunft und das Fernste sei dir die Ursache deines Heute: in deinem

Freunde sollst du den Übermenschen als deine Ursache lieben.

Meine Brüder, zur Nächstenliebe rathe ich euch nicht: ich rathe euch

zur Fernsten-Liebe.

Also sprach Zarathustra.

Vom Wege des Schaffenden

Willst du, mein Bruder, in die Vereinsamung gehen? Willst du den Weg zu

dir selber suchen? Zaudere noch ein Wenig und höre mich.

„Wer sucht, der geht leicht selber verloren. Alle Vereinsamung ist

Schuld“: also spricht die Heerde. Und du gehörtest lange zur Heerde.

Die Stimme der Heerde wird auch in dir noch tönen. Und wenn du sagen

wirst „ich habe nicht mehr Ein Gewissen mit euch“, so wird es eine

Klage und ein Schmerz sein.

Siehe, diesen Schmerz selber gebar noch das Eine Gewissen: und dieses

Gewissens letzter Schimmer glüht noch auf deiner Trübsal.

Aber du willst den Weg deiner Trübsal gehen, welches ist der Weg zu dir

selber? So zeige mir dein Recht und deine Kraft dazu!

Bist du eine neue Kraft und ein neues Recht? Eine erste Bewegung? Ein

aus sich rollendes Rad? Kannst du auch Sterne zwingen, dass sie um dich

sich drehen?

Ach, es giebt so viel Lüsternheit nach Höhe! Es giebt so viel Krämpfe

der Ehrgeizigen! Zeige mir, dass du keiner der Lüsternen und

Ehrgeizigen bist!

Ach, es giebt so viel grosse Gedanken, die thun nicht mehr als ein

Blasebalg: sie blasen auf und machen leerer.

Frei nennst du dich? Deinen herrschenden Gedanken will ich hören und

nicht, dass du einem Joche entronnen bist.

Bist du ein Solcher, der einem Joche entrinnen _durfte_? Es giebt

Manchen, der seinen letzten Werth wegwarf, als er seine Dienstbarkeit

wegwarf.

Frei wovon? Was schiert das Zarathustra! Hell aber soll mir dein Auge

künden: frei _wozu_?

Kannst du dir selber dein Böses und dein Gutes geben und deinen Willen

über dich aufhängen wie ein Gesetz? Kannst du dir selber Richter sein

und Rächer deines Gesetzes?

Furchtbar ist das Alleinsein mit dem Richter und Rächer des eignen

Gesetzes. Also wird ein Stern hinausgeworfen in den öden Raum und in

den eisigen Athem des Alleinseins.

Heute noch leidest du an den Vielen, du Einer: heute noch hast du

deinen Muth ganz und deine Hoffnungen.

Aber einst wird dich die Einsamkeit müde machen, einst wird dein Stolz

sich krümmen und dein Muth knirschen. Schreien wirst du einst „ich bin

allein!“

Einst wirst du dein Hohes nicht mehr sehn und dein Niedriges allzunahe;

dein Erhabnes selbst wird dich fürchten machen wie ein Gespenst.

Schreien wirst du einst: „Alles ist falsch!“

Es giebt Gefühle, die den Einsamen tödten wollen; gelingt es ihnen

nicht, nun, so müssen sie selber sterben! Aber vermagst du das, Mörder

zu sein?

Kennst du, mein Bruder, schon das Wort „Verachtung“? Und die Qual

deiner Gerechtigkeit, Solchen gerecht zu sein, die dich verachten?

Du zwingst Viele, über dich umzulernen; das rechnen sie dir hart an. Du

kamst ihnen nahe und giengst doch vorüber: das verzeihen sie dir

niemals.

Du gehst über sie hinaus: aber je höher du steigst, um so kleiner sieht

dich das Auge des Neides. Am meisten aber wird der Fliegende gehasst.

„Wie wolltet ihr gegen mich gerecht sein!—musst du sprechen—ich erwähle

mir eure Ungerechtigkeit als den mir zugemessnen Theil.“

Ungerechtigkeit und Schmutz werfen sie nach dem Einsamen: aber, mein

Bruder, wenn du ein Stern sein willst, so musst du ihnen desshalb nicht

weniger leuchten!

Und hüte dich vor den Guten und Gerechten! Sie kreuzigen gerne Die,

welche sich ihre eigne Tugend erfinden,—sie hassen den Einsamen.

Hüte dich auch vor der heiligen Einfalt! Alles ist ihr unheilig, was

nicht einfältig ist; sie spielt auch gerne mit dem Feuer—der

Scheiterhaufen.

Und hüte dich auch vor den Anfällen deiner Liebe! Zu schnell streckt

der Einsame Dem die Hand entgegen, der ihm begegnet.

Manchem Menschen darfst du nicht die Hand geben, sondern nur die Tatze:

und ich will, dass deine Tatze auch Krallen habe.

Aber der schlimmste Feind, dem du begegnen kannst, wirst du immer dir

selber sein; du selber lauerst dir auf in Höhlen und Wäldern.

Einsamer, du gehst den Weg zu dir selber! Und an dir selber fuhrt dein

Weg vorbei und an deinen sieben Teufeln!

Ketzer wirst du dir selber sein und Hexe und Wahrsager und Narr und

Zweifler und Unheiliger und Bösewicht.

Verbrennen musst du dich wollen in deiner eignen Flamme: wie wolltest

du neu werden, wenn du nicht erst Asche geworden bist!

Einsamer, du gehst den Weg des Schaffenden: einen Gott willst du dir

schaffen aus deinen sieben Teufeln!

Einsamer, du gehst den Weg des Liebenden: dich selbst liebst du und

desshalb verachtest du dich, wie nur Liebende verachten.

Schaffen will der Liebende, weil er verachtet! Was weiss Der von Liebe,

der nicht gerade verachten musste, was er liebte!

Mit deiner Liebe gehe in deine Vereinsamung und mit deinem Schaffen,

mein Bruder; und spät erst wird die Gerechtigkeit dir nachhinken.

Mit meinen Thränen gehe in deine Vereinsamung, mein Bruder. Ich liebe

Den, der über sich selber hinaus schaffen will und so zu Grunde geht.—

Also sprach Zarathustra.

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