Von den Hinterweltlern Also Sprach Zarathustra · Capítulo 5 de 57
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Von den Hinterweltlern

Von den Hinterweltlern

Einst warf auch Zarathustra seinen Wahn jenseits des Menschen, gleich

allen Hinterweltlern. Eines leidenden und zerquälten Gottes Werk schien

mir da die Welt.

Traum schien mir da die Welt und Dichtung eines Gottes; farbiger Rauch

vor den Augen eines göttlich Unzufriednen.

Gut und böse und Lust und Leid und Ich und Du—farbiger Rauch dünkte

mich’s vor schöpferischen Augen. Wegsehn wollte der Schöpfer von

sich,—da schuf er die Welt.

Trunkne Lust ist’s dem Leidenden, wegzusehn von seinem Leiden und sich

zu verlieren. Trunkne Lust Und Selbst-sich-Verlieren dünkte mich einst

die Welt.

Diese Welt, die ewig unvollkommene, eines ewigen Widerspruches Abbild

und unvollkommnes Abbild—eine trunkne Lust ihrem unvollkommnen

Schöpfer:—also dünkte mich einst die Welt.

Also warf auch ich einst meinen Wahn jenseits des Menschen, gleich

allen Hinterweltlern. Jenseits des Menschen in Wahrheit?

Ach, ihr Brüder, dieser Gott, den ich schuf, war Menschen-Werk und

-Wahnsinn, gleich allen Göttern!

Mensch war er, und nur ein armes Stück Mensch und Ich: aus der eigenen

Asche und Gluth kam es mir, dieses Gespenst, und wahrlich! Nicht kam es

mir von Jenseits!

Was geschah, meine Brüder? Ich überwand mich, den Leidenden, ich trug

meine eigne Asche zu Berge, eine hellere Flamme erfand ich mir. Und

siehe! Da _wich_ das Gespenst von mir!

Leiden wäre es mir jetzt und Qual dem Genesenen, solche Gespenster zu

glauben: Leiden wäre es mir jetzt und Erniedrigung. Also rede ich zu

den Hinterweltlern.

Leiden war’s und Unvermögen—das schuf alle Hinterwelten; und jener

kurze Wahnsinn des Glücks, den nur der Leidendste erfährt.

Müdigkeit, die mit Einem Sprunge zum Letzten will, mit einem

Todessprunge, eine arme unwissende Müdigkeit, die nicht einmal mehr

wollen will: die schuf alle Götter und Hinterwelten.

Glaubt es mir, meine Brüder! Der Leib war’s, der am Leibe

verzweifelte,—der tastete mit den Fingern des bethörten Geistes an die

letzten Wände.

Glaubt es mir, meine Brüder! Der Leib war’s, der an der Erde

verzweifelte,—der hörte den Bauch des Seins zu sich reden.

Und da wollte er mit dem Kopfe durch die letzten Wände, und nicht nur

mit dem Kopfe,—hinüber zu „jener Welt“.

Aber „jene Welt“ ist gut verborgen vor dem Menschen, jene entmenschte

unmenschliche Welt, die ein himmlisches Nichts ist; und der Bauch des

Seins redet gar nicht zum Menschen, es sei denn als Mensch.

Wahrlich, schwer zu beweisen ist alles Sein und schwer zum Reden zu

bringen. Sagt mir, ihr Brüder, ist nicht das Wunderlichste aller Dinge

noch am besten bewiesen?

Ja, diess Ich und des Ich’s Widerspruch und Wirrsal redet noch am

redlichsten von seinem Sein, dieses schaffende, wollende, werthende

Ich, welches das Maass und der Werth der Dinge ist.

Und diess redlichste Sein, das Ich—das redet vom Leibe, und es will

noch den Leib, selbst wenn es dichtet und schwärmt und mit zerbrochnen

Flügeln flattert.

Immer redlicher lernt es reden, das Ich: und je mehr es lernt, um so

mehr findet es Worte und Ehren für Leib und Erde.

Einen neuen Stolz lehrte mich mein Ich, den lehre ich die

Menschen:—nicht mehr den Kopf in den Sand der himmlischen Dinge zu

stecken, sondern frei ihn zu tragen, einen Erden-Kopf, der der Erde

Sinn schafft!

Einen neuen Willen lehre ich die Menschen: diesen Weg wollen, den

blindlings der Mensch gegangen, und gut ihn heissen und nicht mehr von

ihm bei Seite schleichen, gleich den Kranken und Absterbenden!

Kranke und Absterbende waren es, die verachteten Leib und Erde und

erfanden das Himmlische und die erlösenden Blutstropfen: aber auch noch

diese süssen und düstern Gifte nahmen sie von Leib und Erde!

Ihrem Elende wollten sie entlaufen, und die Sterne waren ihnen zu weit.

Da seufzten sie: „Oh dass es doch himmlische Wege gäbe, sich in ein

andres Sein und Glück zu schleichen!“—da erfanden sie sich ihre

Schliche und blutigen Tränklein!

Ihrem Leibe und dieser Erde nun entrückt wähnten sie sich, diese

Undankbaren. Doch wem dankten sie ihrer Entrückung Krampf und Wonne?

Ihrem Leibe und dieser Erde.

Milde ist Zarathustra den Kranken. Wahrlich, er zürnt nicht ihren Arten

des Trostes und Undanks. Mögen sie Genesende werden und Überwindende

und einen höheren Leib sich schaffen!

Nicht auch zürnt Zarathustra dem Genesenden, wenn er zärtlich nach

seinem Wahne blickt und Mitternachts um das Grab seines Gottes

schleicht: aber Krankheit und kranker Leib bleiben mir auch seine

Thränen noch.

Vieles krankhafte Volk gab es immer unter Denen, welche dichten und

gottsüchtig sind; wüthend hassen sie den Erkennenden und jene jüngste

der Tugenden, welche heisst: Redlichkeit.

Rückwärts blicken sie immer nach dunklen Zeiten: da freilich war Wahn

und Glaube ein ander Ding; Raserei der Vernunft war Gottähnlichkeit,

und Zweifel Sünde.

Allzugut kenne ich diese Gottähnlichen: sie wollen, dass an sie

geglaubt werde, und Zweifel Sünde sei. Allzugut weiss ich auch, woran

sie selber am besten glauben.

Wahrlich nicht an Hinterwelten und erlösende Blutstropfen: sondern an

den Leib glauben auch sie am besten, und ihr eigener Leib ist ihnen ihr

Ding an sich.

Aber ein krankhaftes Ding ist er ihnen: und gerne möchten sie aus der

Haut fahren. Darum horchen sie nach den Predigern des Todes und

predigen selber Hinterwelten.

Hört mir lieber, meine Brüder, auf die Stimme des gesunden Leibes: eine

redlichere und reinere Simme ist diess.

Redlicher redet und reiner der gesunde Leib, der vollkommne und

rechtwinklige: und er redet vom Sinn der Erde.

Also sprach Zarathustra.

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