Von den Tugendhaften Also Sprach Zarathustra · Capítulo 20 de 57
Obra Menu

Von den Tugendhaften

Von den Tugendhaften

Mit Donnern und himmlischen Feuerwerken muss man zu schlaffen und

schlafenden Sinnen reden.

Aber der Schönheit Stimme redet leise: sie schleicht sich nur in die

aufgewecktesten Seelen.

Leise erbebte und lachte mir heut mein Schild; das ist der Schönheit

heiliges Lachen und Beben.

Über euch, ihr Tugendhaften, lachte heut meine Schönheit. Und also kam

ihre Stimme zu mir: „sie wollen noch—bezahlt sein!“

Ihr wollt noch bezahlt sein, ihr Tugendhaften! Wollt Lohn für Tugend

und Himmel für Erden und Ewiges für euer Heute haben?

Und nun zürnt ihr mir, dass ich lehre, es giebt keinen Lohn- und

Zahlmeister? Und wahrlich, ich lehre nicht einmal, dass Tugend ihr

eigener Lohn ist.

Ach, das ist meine Trauer: in den Grund der Dinge hat man Lohn und

Strafe hineingelogen—und nun auch noch in den Grund eurer Seelen, ihr

Tugendhaften!

Aber dem Rüssel des Ebers gleich soll mein Wort den Grund eurer Seelen

aufreissen; Pflugschar will ich euch heissen.

Alle Heimlichkeiten eures Grundes sollen an’s Licht; und wenn ihr

aufgewühlt und zerbrochen in der Sonne liegt, wird auch eure Lüge von

eurer Wahrheit ausgeschieden sein.

Denn diess ist eure Wahrheit: ihr seid _zu reinlich_ für den Schmutz

der Worte: Rache, Strafe, Lohn, Vergeltung.

Ihr liebt eure Tugend, wie die Mutter ihr Kind; aber wann hörte man,

dass eine Mutter bezahlt sein wollte für ihre Liebe?

Es ist euer liebstes Selbst, eure Tugend. Des Ringes Durst ist in euch:

sich selber wieder zu erreichen, dazu ringt und dreht sich jeder Ring.

Und dem Sterne gleich, der erlischt, ist jedes Werk eurer Tugend: immer

ist sein Licht noch unterwegs und wandert—und wann wird es nicht mehr

unterwegs sein?

Also ist das Licht eurer Tugend noch unterwegs, auch wenn das Werk

gethan ist. Mag es nun vergessen und todt sein: sein Strahl von Licht

lebt noch und wandert.

Dass eure Tugend euer Selbst sei und nicht ein Fremdes, eine Haut, eine

Bemäntelung: das ist die Wahrheit aus dem Grunde eurer Seele, ihr

Tugendhaften! -

Aber wohl giebt es Solche, denen Tugend der Krampf unter einer Peitsche

heisst: und ihr habt mir zuviel auf deren Geschrei gehört!

Und Andre giebt es, die heissen Tugend das Faulwerden ihrer Laster; und

wenn ihr Hass und ihre Eifersucht einmal die Glieder strecken, wird

ihre „Gerechtigkeit“ munter und reibt sich die verschlafenen Augen.

Und Andre giebt es, die werden abwärts gezogen: ihre Teufel ziehn sie.

Aber je mehr sie sinken, um so glühender leuchtet ihr Auge und die

Begierde nach ihrem Gotte.

Ach, auch deren Geschrei drang zu euren Ohren, ihr Tugendhaften: was

ich _nicht_ bin, das, das ist mir Gott und Tugend!

Und Andre giebt es, die kommen schwer und knarrend daher, gleich Wägen,

die Steine abwärts fahren: die reden viel von Würde und Tugend,—ihren

Hemmschuh heissen sie Tugend!

Und Andre giebt es, die sind gleich Alltags-Uhren, die aufgezogen

wurden; sie machen ihr Tiktak und wollen, dass man Tiktak—Tugend

heisse.

Wahrlich, an Diesen habe ich meine Lust: wo ich solche Uhren finde,

werde ich sie mit meinem Spotte aufziehn; und sie sollen mir dabei noch

schnurren!

Und Andre sind stolz über ihre Handvoll Gerechtigkeit und begehen um

ihrerwillen Frevel an allen Dingen: also dass die Welt in ihrer

Ungerechtigkeit ertränkt wird.

Ach, wie übel ihnen das Wort „Tugend“ aus dem Munde läuft! Und wenn sie

sagen: „ich bin gerecht,“ so klingt es immer gleich wie: „ich bin

gerächt!“

Mit ihrer Tugend wollen sie ihren Feinden die Augen auskratzen; und sie

erheben sich nur, um Andre zu erniedrigen.

Und wiederum giebt es Solche, die sitzen in ihrem Sumpfe und reden also

heraus aus dem Schilfrohr: „Tugend—das ist still im Sumpfe sitzen.

Wir beissen Niemanden und gehen Dem aus dem Wege, der beissen will; und

in Allem haben wir die Meinung, die man uns giebt.“

Und wiederum giebt es Solche, die lieben Gebärden und denken: Tugend

ist eine Art Gebärde.

Ihre Kniee beten immer an, und ihre Hände sind Lobpreisungen der

Tugend, aber ihr Herz weiss Nichts davon.

Und wiederum giebt es Solche, die halten es für Tugend, zu sagen:

„Tugend ist nothwendig“; aber sie glauben im Grunde nur daran, dass

Polizei nothwendig ist.

Und Mancher, der das Hohe an den Menschen nicht sehen kann, nennt es

Tugend, dass er ihr Niedriges allzunahe sieht: also heisst er seinen

bösen Blick Tugend.

Und Einige wollen erbaut und aufgerichtet sein und heissen es Tugend;

und Andre wollen umgeworfen sein—und heissen es auch Tugend.

Und derart glauben fast Alle daran, Antheil zu haben an der Tugend; und

zum Mindesten will ein jeder Kenner sein über „gut“ und „böse“ .

Aber nicht dazu kam Zarathustra, allen diesen Lügnern und Narren zu

sagen: „was wisst _ihr_ von Tugend! Was _könntet_ ihr von Tugend

wissen!“—

Sondern, dass ihr, meine Freunde, der alten Worte müde würdet, welche

ihr von den Narren und Lügnern gelernt habt:

Müde würdet der Worte „Lohn,“ „Vergeltung,“ „Strafe,“ „Rache in der

Gerechtigkeit“—

Müde würdet zu sagen: „dass eine Handlung gut ist, das macht, sie ist

selbstlos.“

Ach, meine Freunde! Dass _euer_ Selbst in der Handlung sei, wie die

Mutter im Kinde ist: das sei mir _euer_ Wort von Tugend!

Wahrlich, ich nahm euch wohl hundert Worte und eurer Tugend liebste

Spielwerke; und nun zürnt ihr mir, wie Kinder zürnen.

Sie spielten am Meere,—da kam die Welle und riss ihnen ihr Spielwerk in

die Tiefe: nun weinen sie.

Aber die selbe Welle soll ihnen neue Spielwerke bringen und neue bunte

Muscheln vor sie hin ausschütten!

So werden sie getröstet sein; und gleich ihnen sollt auch ihr, meine

Freunde, eure Tröstungen haben—und neue bunte Muscheln!—

Also sprach Zarathustra.

Vom Gesindel

Das Leben ist ein Born der Lust; aber wo das Gesindel mit trinkt, da

sind alle Brunnen vergiftet.

Allem Reinlichen bin ich hold; aber ich mag die grinsenden Mäuler nicht

sehn und den Durst der Unreinen.

Sie warfen ihr Auge hinab in den Brunnen: nun glänzt mir ihr widriges

Lächeln herauf aus dem Brunnen.

Das heilige Wasser haben sie vergiftet mit ihrer Lüsternheit; und als

sie ihre schmutzigen Träume Lust nannten, vergifteten sie auch noch die

Worte.

Unwillig wird die Flamme, wenn sie ihre feuchten Herzen an’s Feuer

legen; der Geist selber brodelt und raucht, wo das Gesindel an’s Feuer

tritt.

Süsslich und übermürbe wird in ihrer Hand die Frucht: windfällig und

wipfeldürr macht ihr Blick den Fruchtbaum.

Und Mancher, der sich vom Leben abkehrte, kehrte sich nur vom Gesindel

ab: er wollte nicht Brunnen und Flamme und Frucht mit dem Gesindel

theilen.

Und Mancher, der in die Wüste gieng und mit Raubthieren Durst litt,

wollte nur nicht mit schmutzigen Kameeltreibern um die Cisterne sitzen.

Und Mancher, der wie ein Vernichter daher kam und wie ein Hagelschlag

allen Fruchtfeldern, wollte nur seinen Fuss dem Gesindel in den Rachen

setzen und also seinen Schlund stopfen.

Und nicht das ist der Bissen, an dem ich am meisten würgte, zu wissen,

dass das Leben selber Feindschaft nöthig hat und Sterben und

Marterkreuze:—

Sondern ich fragte einst und erstickte fast an meiner Frage: wie? hat

das Leben auch das Gesindel _nöthig_?

Sind vergiftete Brunnen nöthig und stinkende Feuer und beschmutzte

Träume und Maden im Lebensbrode?

Nicht mein Hass, sondern mein Ekel frass mir hungrig am Leben! Ach, des

Geistes wurde ich oft müde, als ich auch das Gesindel geistreich fand!

Und den Herrschenden wandt’ich den Rücken, als ich sah, was sie jetzt

Herrschen nennen: schachern und markten um Macht—mit dem Gesindel!

Unter Völkern wohnte ich fremder Zunge, mit verschlossenen Ohren: dass

mir ihres Schacherns Zunge fremd bliebe und ihr Markten um Macht.

Und die Nase mir haltend, gieng ich unmuthig durch alles Gestern und

Heute: wahrlich, übel riecht alles Gestern und Heute nach dem

schreibenden Gesindel!

Einem Krüppel gleich, der taub und blind und stumm wurde: also lebte

ich lange, dass ich nicht mit Macht- und Schreib- und Lust-Gesindel

lebte.

Mühsam stieg mein Geist Treppen, und vorsichtig; Almosen der Lust waren

sein Labsal; am Stabe schlich dem Blinden das Leben.

Was geschah mir doch? Wie erlöste ich mich vom Ekel? Wer verjüngte mein

Auge? Wie erflog ich die Höhe, wo kein Gesindel mehr am Brunnen sitzt?

Schuf mein Ekel selber mir Flügel und quellenahnende Kräfte? Wahrlich,

in’s Höchste musste ich fliegen, dass ich den Born der Lust

wiederfände!

Oh, ich fand ihn, meine Brüder! Hier im Höchsten quillt mir der Born

der Lust! Und es giebt ein Leben, an dem kein Gesindel mit trinkt!

Fast zu heftig strömst du mir, Quell der Lust! Und oft leerst du den

Becher wieder, dadurch dass du ihn füllen willst!

Und noch muss ich lernen, bescheidener dir zu nahen: allzuheftig strömt

dir noch mein Herz entgegen:—

Mein Herz, auf dem mein Sommer brennt, der kurze, heisse,

schwermüthige, überselige: wie verlangt mein Sommer-Herz nach deiner

Kühle!

Vorbei die zögernde Trübsal meines Frühlings! Vorüber die Bosheit

meiner Schneeflocken im Juni! Sommer wurde ich ganz und Sommer-Mittag!

Ein Sommer im Höchsten mit kalten Quellen und seliger Stille: oh kommt,

meine Freunde, dass die Stille noch seliger werde! Denn diess ist

_unsre_ Höhe und unsre Heimat: zu hoch und steil wohnen wir hier allen

Unreinen und ihrem Durste. Werft nur eure reinen Augen in den Born

meiner Lust, ihr Freunde! Wie sollte er darob trübe werden!

Entgegenlachen soll er euch mit _seiner_ Reinheit.

Auf dem Baume Zukunft bauen wir unser Nest; Adler sollen uns Einsamen

Speise bringen in ihren Schnäbeln!

Wahrlich, keine Speise, an der Unsaubere mitessen dürften! Feuer würden

sie zu fressen wähnen und sich die Mäuler verbrennen!

Wahrlich, keine Heimstätten halten wir hier bereit für Unsaubere!

Eishöhle würde ihren Leibern unser Glück heissen und ihren Geistern!

Und wie starke Winde wollen wir über ihnen leben, Nachbarn den Adlern,

Nachbarn dem Schnee, Nachbarn der Sonne: also leben starke Winde.

Und einem Winde gleich will ich einst noch zwischen sie blasen und mit

meinem Geiste ihrem Geiste den Athem nehmen: so will es meine Zukunft.

Wahrlich, ein starker Wind ist Zarathustra allen Niederungen; und

solchen Rath räth er seinen Feinden und Allem, was spuckt und speit:

hütet euch _gegen_ den Wind zu speien!

Also sprach Zarathustra.

1/1
Menu

Fazer anotação