von allen Dingen mehr als ihre vorderen Gründe sehn! Also Sprach Zarathustra · Capítulo 34 de 57
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von allen Dingen mehr als ihre vorderen Gründe sehn!

von allen Dingen mehr als ihre vorderen Gründe sehn!

Du aber, oh Zarathustra, wolltest aller Dinge Grund schaun und

Hintergrund: so musst du schon über dich selber steigen,—hinan, hinauf,

bis du auch deine Sterne noch _unter_ dir hast!

Ja! Hinab auf mich selber sehn und noch auf meine Sterne: das erst

hiesse mir mein _Gipfel_, das blieb mir noch zurück als mein _letzter_

Gipfel!—“

Also sprach Zarathustra im Steigen zu sich, mit harten Sprüchlein sein

Herz tröstend: denn er war wund am Herzen wie noch niemals zuvor. Und

als er auf die Höhe des Bergrückens kam, siehe, da lag das andere Meer

vor ihm ausgebreitet: und er stand still und schwieg lange. Die Nacht

aber war kalt in dieser Höhe und klar und hellgestirnt.

Ich erkenne mein Loos, sagte er endlich mit Trauer. Wohlan! Ich bin

bereit. Eben begann meine letzte Einsamkeit.

Ach, diese schwarze traurige See unter mir! Ach, diese schwangere

nächtliche Verdrossenheit! Ach, Schicksal und See! Zu euch muss ich nun

_hinab_ steigen!

Vor meinem höchsten Berge stehe ich und vor meiner längsten Wanderung:

darum muss ich erst tiefer hinab als ich jemals stieg:

—tiefer hinab in den Schmerz als ich jemals stieg, bis hinein in seine

schwärzeste Fluth! So will es mein Schicksal: Wohlan! Ich bin bereit.

Woher kommen die höchsten Berge? so fragte ich einst. Da lernte ich,

dass sie aus dem Meere kommen.

Diess Zeugniss ist in ihr Gestein geschrieben und in die Wände ihrer

Gipfel. Aus dem Tiefsten muss das Höchste zu seiner Höhe kommen.—

Also sprach Zarathustra auf der Spitze des Berges, wo es kalt war; als

er aber in die Nähe des Meeres kam und zuletzt allein unter den Klippen

stand, da war er unterwegs müde geworden und sehnsüchtiger als noch

zuvor.

Es schläft jetzt Alles noch, sprach er; auch das Meer schläft.

Schlaftrunken und fremd blickt sein Auge nach mir.

Aber es athmet warm, das fühle ich. Und ich fühle auch, dass es träumt.

Es windet sieh träumend auf harten Kissen.

Horch! Horch! Wie es stöhnt von bösen Erinnerungen! Oder bösen

Erwartungen?

Ach, ich bin traurig mit dir, du dunkles Ungeheuer, und mir selber noch

gram um deinetwillen.

Ach, dass meine Hand nicht Stärke genug hat! Gerne, wahrlich, möchte

ich dich von bösen Träumen erlösen!—

Und indem Zarathustra so sprach, lachte er mit Schwermuth und

Bitterkeit über sich selber. „Wie! Zarathustra! sagte er, willst du

noch dem Meere Trost singen?

Ach, du liebreicher Narr Zarathustra, du Vertrauens-Überseliger! Aber

so warst du immer: immer kamst du vertraulich zu allem Furchtbaren.

Jedes Ungethüm wolltest du noch streicheln. Ein Hauch warmen Athems,

ein Wenig weiches Gezottel an der Tatze—: und gleich warst du bereit,

es zu lieben und zu locken.

Die _Liebe_ ist die Gefahr des Einsamsten, die Liebe zu Allem, wenn es

nur lebt! Zum Lachen ist wahrlich meine Narrheit und meine

Bescheidenheit in der Liebe!“—

Also sprach Zarathustra und lachte dabei zum andern Male: da aber

gedachte er seiner verlassenen Freunde—, und wie als ob er sich mit

seinen Gedanken an ihnen vergangen habe, zürnte er sich ob seiner

Gedanken. Und alsbald geschah es, dass der Lachende weinte:—vor Zorn

und Sehnsucht weinte Zarathustra bitterlich.

Vom Gesicht und Räthsel

1.

Als es unter den Schiffsleuten ruchbar wurde, dass Zarathustra auf dem

Schiffe sei,—denn es war ein Mann zugleich mit ihm an Bord gegangen,

der von den glückseligen Inseln kam—da entstand eine grosse Neugierde

und Erwartung. Aber Zarathustra schwieg zwei Tage und war kalt und taub

vor Traurigkeit, also, dass er weder auf Blicke noch auf Fragen

antwortete. Am Abende aber des zweiten Tages that er seine Ohren wieder

auf, ob er gleich noch schwieg: denn es gab viel Seltsames und

Gefährliches auf diesem Schiffe anzuhören, welches weither kam und noch

weiterhin wollte. Zarathustra aber war ein Freund aller Solchen, die

weite Reisen thun und nicht ohne Gefahr leben mögen. Und siehe! zuletzt

wurde ihm im Zuhören die eigne Zunge gelöst, und das Eis seines Herzens

brach: —da begann er also zu reden:

Euch, den kühnen Suchern, Versuchern, und wer je sich mit listigen

Segeln auf furchtbare Meere einschiffte,—

euch, den Räthsel-Trunkenen, den Zwielicht-Frohen, deren Seele mit

Flöten zu jedem Irr-Schlunde gelockt wird:

—denn nicht wollt ihr mit feiger Hand einem Faden nachtasten; und, wo

ihr _errathen_ könnt, da hasst ihr es, zu _erschliessen_—

euch allein erzähle ich das Räthsel, das ich _sah_,—das Gesicht des

Einsamsten.—

Düster gierig ich jüngst durch leichenfarbne Dämmerung,—düster und

hart, mit gepressten Lippen. Nicht nur Eine Sonne war mir

untergegangen.

Ein Pfad, der trotzig durch Geröll stieg, ein boshafter, einsamer, dem

nicht Kraut, nicht Strauch mehr zusprach: ein Bergpfad knirschte unter

dem Trotz meines Fusses.

Stumm über höhnischem Geklirr von Kieseln schreitend, den Stein

zertretend, der ihn gleiten liess: also zwang mein Fuss sich aufwärts.

Aufwärts:—dem Geiste zum Trotz, der ihn abwärts zog, abgrundwärts zog,

dem Geiste der Schwere, meinem Teufel und Erzfeinde.

Aufwärts:—obwohl er auf mir sass, halb Zwerg, halb Maulwurf; lahm;

lähmend; Blei durch mein Ohr, Bleitropfen-Gedanken in mein Hirn

träufelnd.

„Oh Zarathustra, raunte er höhnisch Silb’ um Silbe, du Stein der

Weisheit! Du warfst dich hoch, aber jeder geworfene Stein muss—fallen!

Oh Zarathustra, du Stein der Weisheit, du Schleuderstein, du

Stern-Zertrümmerer! Dich selber warfst du so hoch,—aber jeder geworfene

Stein - muss fallen!

Verurtheilt zu dir selber und zur eignen Steinigung: oh Zarathustra,

weit warfst du ja den Stein,—aber auf _dich_ wird er zurückfallen!“

Drauf schwieg der Zwerg; und das währte lange. Sein Schweigen aber

drückte mich; und solchermaassen zu Zwein ist man wahrlich einsamer als

zu Einem!

Ich stieg, ich stieg, ich träumte, ich dachte,—aber Alles drückte mich.

Einem Kranken glich ich, den seine schlimme Marter müde macht, und den

wieder ein schlimmerer Traum aus dem Einschlafen weckt.—

Aber es giebt Etwas in mir, das ich Muth heisse: das schlug bisher mir

jeden Unmuth todt. Dieser Muth hiess mich endlich stille stehn und

sprechen: „Zwerg! Du! Oder ich!“—

Muth nämlich ist der beste Todtschläger,—Muth, welcher _angreift_: denn

in jedem Angriffe ist klingendes Spiel.

Der Mensch aber ist das muthigste Thier: damit überwand er jedes Thier.

Mit klingendem Spiele überwand er noch jeden Schmerz; Menschen-Schmerz

aber ist der tiefste Schmerz.

Der Muth schlägt auch den Schwindel todt an Abgründen: und wo stünde

der Mensch nicht an Abgründen! Ist Sehen nicht selber—Abgründe sehen?

Muth ist der beste Todtschläger: der Muth schlägt auch das Mitleiden

todt. Mitleiden aber ist der tiefste Abgrund: so tief der Mensch in das

Leben sieht, so tief sieht er auch in das Leiden.

Muth aber ist der beste Todtschläger, Muth, der angreift: der schlägt

noch den Tod todt, denn er spricht: „War _das_ das Leben? Wohlan! Noch

Ein Mal!“

In solchem Spruche aber ist viel klingendes Spiel. Wer Ohren hat, der

höre.—

2.

„Halt! Zwerg! sprach ich. Ich! Oder du! Ich aber bin der Stärkere von

uns Beiden—: du kennst meinen abgründlichen Gedanken nicht!

_Den_—könntest du nicht tragen!“—

Da geschah, was mich leichter machte: denn der Zwerg sprang mir von der

Schulter, der Neugierige! Und er hockte sich auf einen Stein vor mich

hin. Es war aber gerade da ein Thorweg, wo wir hielten.

„Siehe diesen Thorweg! Zwerg! sprach ich weiter: der hat zwei

Gesichter. Zwei Wege kommen hier zusammen: die gieng noch Niemand zu

Ende.

Diese lange Gasse zurück: die währt eine Ewigkeit. Und jene lange Gasse

hinaus —das ist eine andre Ewigkeit.

Sie widersprechen sich, diese Wege; sie stossen sich gerade vor den

Kopf:—und hier, an diesem Thorwege, ist es, wo sie zusammen kommen. Der

Name des Thorwegs steht oben geschrieben: „Augenblick“.

Aber wer Einen von ihnen weiter gienge—und immer weiter und immer

ferner: glaubst du, Zwerg, dass diese Wege sich ewig widersprechen?“—

„Alles Gerade lügt, murmelte verächtlich der Zwerg. Alle Wahrheit ist

krumm, die Zeit selber ist ein Kreis.“

„Du Geist der Schwere! sprach ich zürnend, mache dir es nicht zu

leicht! Oder ich lasse dich hocken, wo du hockst, Lahmfuss,—und ich

trug dich _hoch_!

Siehe, sprach ich weiter, diesen Augenblick! Von diesem Thorwege

Augenblick läuft eine lange ewige Gasse _rückwärts_ hinter uns liegt

eine Ewigkeit.

Muss nicht, was laufen _kann_ von allen Dingen, schon einmal diese

Gasse gelaufen sein? Muss nicht, was geschehn _kann_ von allen Dingen,

schon einmal geschehn, gethan, vorübergelaufen sein?

Und wenn Alles schon dagewesen ist: was hältst du Zwerg von diesem

Augenblick? Muss auch dieser Thorweg nicht schon—dagewesen sein?

Und sind nicht solchermaassen fest alle Dinge verknotet, dass dieser

Augenblick _alle_ kommenden Dinge nach sich zieht? _Also_—- sich selber

noch?

Denn, was laufen _kann_ von allen Dingen: auch in dieser langen Gasse

_hinaus_—_muss_ es einmal noch laufen!—

Und diese langsame Spinne, die im Mondscheine kriecht, und dieser

Mondschein selber, und ich und du im Thorwege, zusammen flüsternd, von

ewigen Dingen flüsternd—müssen wir nicht Alle schon dagewesen sein?

—und wiederkommen und in jener anderen Gasse laufen, hinaus, vor uns,

in dieser langen schaurigen Gasse—müssen wir nicht ewig wiederkommen?—“

Also redete ich, und immer leiser: denn ich fürchtete mich vor meinen

eignen Gedanken und Hintergedanken. Da, plötzlich, hörte ich einen Hund

nahe _heulen_.

Hörte ich jemals einen Hund so heulen? Mein Gedanke lief zurück. Ja!

Als ich Kind war, in fernster Kindheit:

—da hörte ich einen Hund so heulen. Und sah ihn auch, gesträubt, den

Kopf nach Oben, zitternd, in stillster Mitternacht, wo auch Hunde an

Gespenster glauben:

—also dass es mich erbarmte. Eben nämlich gieng der volle Mond,

todtschweigsam, über das Haus, eben stand er still, eine runde

Gluth,—still auf flachem Dache, gleich als auf fremdem Eigenthume:—

darob entsetzte sich damals der Hund: denn Hunde glauben an Diebe und

Gespenster. Und als ich wieder so heulen hörte, da erbarmte es mich

abermals.

Wohin war jetzt Zwerg? und Thorweg? Und Spinne? Und alles Flüstern?

Träumte ich denn? Wachte ich auf? Zwischen wilden Klippen stand ich mit

Einem Male, allein, öde, im ödesten Mondscheine.

Aber da lag ein Mensch! Und da! Der Hund, springend, gesträubt,

winselnd,—jetzt sah er mich kommen—da heulte er wieder, da _schrie_

er:—hörte ich je einen Hund so Hülfe schrein?

Und, wahrlich, was ich sah, desgleichen sah ich nie. Einen jungen

Hirten sah ich, sich windend, würgend, zuckend, verzerrten Antlitzes,

dem eine schwarze schwere Schlange aus dem Munde hieng.

Sah ich je so viel Ekel und bleiches Grauen auf Einem Antlitze? Er

hatte wohl geschlafen? Da kroch ihm die Schlange in den Schlund—da biss

sie sich fest.

Meine Hand riss die Schlange und riss:—umsonst! sie riss die Schlange

nicht aus dem Schlunde. Da schrie es aus mir: „Beiss zu! Beiss zu!

Den Kopf ab! Beiss zu!“—so schrie es aus mir, mein Grauen, mein Hass,

mein Ekel, mein Erbarmen, all mein Gutes und Schlimmes schrie mit Einem

Schrei aus mir.—

Ihr Kühnen um mich! Ihr Sucher, Versucher, und wer von euch mit

listigen Segeln sich in unerforschte Meere einschiffte! Ihr

Räthsel-Frohen!

So rathet mir doch das Räthsel, das ich damals schaute, so deutet mir

doch das Gesicht des Einsamsten!

Denn ein Gesicht war’s und ein Vorhersehn:—_was_ sah ich damals im

Gleichnisse? Und _wer_ ist, der einst noch kommen muss?

_Wer_ ist der Hirt, dem also die Schlange in den Schlund kroch? _Wer_

ist der Mensch, dem also alles Schwerste, Schwärzeste in den Schlund

kriechen wird?

—Der Hirt aber biss, wie mein Schrei ihm rieth; er biss mit gutem

Bisse! Weit weg spie er den Kopf der Schlange—: und sprang empor.—

Nicht mehr Hirt, nicht mehr Mensch,—ein Verwandelter, ein Umleuchteter,

welcher _lachte_! Niemals noch auf Erden lachte je ein Mensch, wie _er_

lachte!

Oh meine Brüder, ich hörte ein Lachen, das keines Menschen Lachen

war,—- und nun frisst ein Durst an mir, eine Sehnsucht, die nimmer

stille wird.

Meine Sehnsucht nach diesem Lachen frisst an mir: oh wie ertrage ich

noch zu leben! Und wie ertrüge ich’s, jetzt zu sterben!—

Also sprach Zarathustra.

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