Von der schenkenden Tugend Also Sprach Zarathustra · Capítulo 17 de 57
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Von der schenkenden Tugend

Von der schenkenden Tugend

1.

Als Zarathustra von der Stadt Abschied genommen hatte, welcher sein

Herz zugethan war und deren Name lautet: „die bunte Kuh“—folgten ihm

Viele, die sich seine Jünger nannten und gaben ihm das Geleit. Also

kamen sie an einen Kreuzweg: da sagte ihnen Zarathustra, dass er

nunmehr allein gehen wolle; denn er war ein Freund des Alleingehens.

Seine Jünger aber reichten ihm zum Abschiede einen Stab, an dessen

goldnem Griffe sich eine Schlange um die Sonne ringelte. Zarathustra

freute sich des Stabes und stützte sich darauf; dann sprach er also zu

seinen Jüngern.

Sagt mir doch: wie kam Gold zum höchsten Werthe? Darum, dass es

ungemein ist und unnützlich und leuchtend und mild im Glanze; es

schenkt sich immer.

Nur als Abbild der höchsten Tugend kam Gold zum höchsten Werthe.

Goldgleich leuchtet der Blick dem Schenkenden. Goldes-Glanz schliesst

Friede zwischen Mond und Sonne.

Ungemein ist die höchste Tugend und unnützlich, leuchtend ist sie und

mild im Glanze: eine schenkende Tugend ist die höchste Tugend.

Wahrlich, ich errathe euch wohl, meine Jünger: ihr trachtet, gleich

mir, nach der schenkenden Tugend. Was hättet ihr mit Katzen und Wölfen

gemeinsam?

Das ist euer Durst, selber zu Opfern und Geschenken zu werden: und

darum habt ihr den Durst, alle Reichthümer in euren Seele zu häufen.

Unersättlich trachtet eure Seele nach Schätzen und Kleinodien, weil

eure Tugend unersättlich ist im Verschenken-Wollen.

Ihr zwingt alle Dinge zu euch und in euch, dass sie aus eurem Borne

zurückströmen sollen als die Gaben eurer Liebe.

Wahrlich, zum Räuber an allen Werthen muss solche schenkende Liebe

werden; aber heil und heilig heisse ich diese Selbstsucht.

Eine andre Selbstsucht giebt es, eine allzuarme, eine hungernde, die

immer stehlen will, jene Selbstsucht der Kranken, die kranke

Selbstsucht.

Mit dem Auge des Diebes blickt sie auf alles Glänzende; mit der Gier

des Hungers misst sie Den, der reich zu essen hat; und immer schleicht

sie um den Tisch der Schenkenden.

Krankheit redet aus solcher Begierde und unsichtbare Entartung; von

siechem Leibe redet die diebische Gier dieser Selbstsucht.

Sagt mir, meine Brüder: was gilt uns als Schlechtes und Schlechtestes?

Ist es nicht _Entartung_?—Und auf Entartung rathen wir immer, wo die

schenkende Seele fehlt.

Aufwärts geht unser Weg, von der Art hinüber zur Über-Art. Aber ein

Grauen ist uns der entartende Sinn, welcher spricht: „Alles für mich.“

Aufwärts fliegt unser Sinn: so ist er ein Gleichniss unsres Leibes,

einer Erhöhung Gleichniss. Solcher Erhöhungen Gleichnisse sind die

Namen der Tugenden.

Also geht der Leib durch die Geschichte, ein Werdender und ein

Kämpfender. Und der Geist—was ist er ihm? Seiner Kämpfe und Siege

Herold, Genoss und Wiederhall.

Gleichnisse sind alle Namen von Gut und Böse: sie sprechen nicht aus,

sie winken nur. Ein Thor, welcher von ihnen Wissen will!

Achtet mir, meine Brüder, auf jede Stunde, wo euer Geist in

Gleichnissen reden will: da ist der Ursprung eurer Tugend.

Erhöht ist da euer Leib und auferstanden; mit seiner Wonne entzückt er

den Geist, dass er Schöpfer wird und Schätzer und Liebender und aller

Dinge Wohlthäter.

Wenn euer Herz breit und voll wallt, dem Strome gleich, ein Segen und

eine Gefahr den Anwohnenden: da ist der Ursprung eurer Tugend.

Wenn ihr erhaben seid über Lob und Tadel, und euer Wille allen Dingen

befehlen will, als eines Liebenden Wille: da ist der Ursprung eurer

Tugend.

Wenn ihr das Angenehme verachtet und das weiche Bett, und von den

Weichlichen euch nicht weit genug betten könnt: da ist der Ursprung

eurer Tugend.

Wenn ihr Eines Willens Wollende seid, und diese Wende aller Noth euch

Nothwendigkeit heisst: da ist der Ursprung eurer Tugend.

Wahrlich, ein neues Gutes und Böses ist sie! Wahrlich, ein neues tiefes

Rauschen und eines neuen Quelles Stimme!

Macht ist sie, diese neue Tugend; ein herrschender Gedanke ist sie und

um ihn eine kluge Seele: eine goldene Sonne und um sie die Schlange der

Erkenntniss.

2.

Hier schwieg Zarathustra eine Weile und sah mit Liebe auf seine Jünger.

Dann fuhr er also fort zu reden:—und seine Stimme hatte sich

verwandelt.

Bleibt mir der Erde treu, meine Brüder, mit der Macht eurer Tugend!

Eure schenkende Liebe und eure Erkenntniss diene dem Sinn der Erde!

Also bitte und beschwöre ich euch.

Lasst sie nicht davon fliegen vom Irdischen und mit den Flügeln gegen

ewige Wände schlagen! Ach, es gab immer so viel verflogene Tugend!

Führt, gleich mir, die verflogene Tugend zur Erde zurück—ja, zurück zu

Leib und Leben: dass sie der Erde ihren Sinn gebe, einen Menschen-Sinn!

Hundertfältig verflog und vergriff sich bisher so Geist wie Tugend.

Ach, in unserm Leibe wohnt jetzt noch all dieser Wahn und Fehlgriff:

Leib und Wille ist er da geworden.

Hundertfältig versuchte und verirrte sich bisher so Geist wie Tugend.

Ja, ein Versuch war der Mensch. Ach, viel Unwissen und Irrthum ist an

uns Leib geworden!

Nicht nur die Vernunft von Jahrtausenden—auch ihr Wahnsinn bricht an

uns aus. Gefährlich ist es, Erbe zu sein.

Noch kämpfen wir Schritt um Schritt mit dem Riesen Zufall, und über der

ganzen Menschheit waltete bisher noch der Unsinn, der Ohne-Sinn.

Euer Geist und eure Tugend diene dem Sinn der Erde, meine Brüder: und

aller Dinge Werth werde neu von euch gesetzt! Darum sollt ihr Kämpfende

sein! Darum sollt ihr Schaffende sein!

Wissend reinigt sich der Leib; mit Wissen versuchend erhöht er sich;

dem Erkennenden heiligen sich alle Triebe; dem Erhöhten wird die Seele

fröhlich.

Arzt, hilf dir selber: so hilfst du auch deinem Kranken noch. Das sei

seine beste Hülfe, dass er Den mit Augen sehe, der sich selber heil

macht.

Tausend Pfade giebt es, die nie noch gegangen sind; tausend

Gesundheiten und verborgene Eilande des Lebens. Unerschöpft und

unentdeckt ist immer noch Mensch und Menschen-Erde.

Wachet und horcht, ihr Einsamen! Von der Zukunft her kommen Winde mit

heimlichem Flügelschlagen; und an feine Ohren ergeht gute Botschaft.

Ihr Einsamen von heute, ihr Ausscheidenden, ihr sollt einst ein Volk

sein: aus euch, die ihr euch selber auswähltet, soll ein auserwähltes

Volk erwachsen:—und aus ihm der Übermensch.

Wahrlich, eine Stätte der Genesung soll noch die Erde werden! Und schon

liegt ein neuer Geruch um sie, ein Heil bringender,—und eine neue

Hoffnung!

3.

Als Zarathustra diese Worte gesagt hatte, schwieg er, wie Einer, der

nicht sein letztes Wort gesagt hat; lange wog er den Stab zweifelnd in

seiner Hand. Endlich sprach er also:—und seine Stimme hatte sich

verwandelt.

Allein gehe ich nun, meine Jünger! Auch ihr geht nun davon und allein!

So will ich es.

Wahrlich, ich rathe euch: geht fort von mir und wehrt euch gegen

Zarathustra! Und besser noch: schämt euch seiner! Vielleicht betrog er

euch.

Der Mensch der Erkenntniss muss nicht nur seine Feinde lieben, sondern

auch seine Freunde hassen können.

Man vergilt einem Lehrer schlecht, wenn man immer nur der Schüler

bleibt. Und warum wollt ihr nicht an meinem Kranze rupfen?

Ihr verehrt mich; aber wie, wenn eure Verehrung eines Tages umfällt?

Hütet euch, dass euch nicht eine Bildsäule erschlage!

Ihr sagt, ihr glaubt an Zarathustra? Aber was liegt an Zarathustra! Ihr

seid meine Gläubigen: aber was liegt an allen Gläubigen!

Ihr hattet euch noch nicht gesucht: da fandet ihr mich. So thun alle

Gläubigen; darum ist es so wenig mit allem Glauben.

Nun heisse ich euch, mich verlieren und euch finden; und erst, wenn ihr

mich Alle verleugnet habt, will ich euch wiederkehren.

Wahrlich, mit andern Augen, meine Brüder, werde ich mir dann meine

Verlorenen suchen; mit einer anderen Liebe werde ich euch dann lieben.

Und einst noch sollt ihr mir Freunde geworden sein und Kinder Einer

Hoffnung: dann will ich zum dritten Male bei euch sein, dass ich den

grossen Mittag mit euch feiere.

Und das ist der grosse Mittag, da der Mensch auf der Mitte seiner Bahn

steht zwischen Thier und Übermensch und seinen Weg zum Abende als seine

höchste Hoffnung feiert: denn es ist der Weg zu einem neuen Morgen.

Alsda wird sich der Untergehende selber segnen, dass er ein

Hinübergehender sei; und die Sonne seiner Erkenntniss wird ihm im

Mittage stehn.

„Todt sind alle Götter: nun wollen wir, dass der Übermensch

lebe.“—diess sei einst am grossen Mittage unser letzter Wille!—

Also sprach Zarathustra.

Zweiter Theil

„—und erst, wenn ihr mich Alle verleugnet habt, will ich euch

wiederkehren.

Wahrlich, mit andern _Augen_, meine Brüder, werde ich mir dann

meine Verlorenen suchen; mit einer andern Liebe werde ich euch dann

lieben.“

Zarathustra, von der schenkenden Tugend

Das Kind mit dem Spiegel

Hierauf gieng Zarathustra wieder zurück in das Gebirge und in die

Einsamkeit seiner Höhle und entzog sich den Menschen: wartend gleich

einem Säemann, der seinen Samen ausgeworfen hat. Seine Seele aber wurde

voll von Ungeduld und Begierde nach Denen, welche er liebte: denn er

hatte ihnen noch Viel zu geben. Diess nämlich ist das Schwerste, aus

Liebe die offne Hand schliessen und als Schenkender die Scham bewahren.

Also vergiengen dem Einsamen Monde und Jahre; seine Weisheit aber wuchs

und machte ihm Schmerzen durch ihre Fülle.

Eines Morgens aber wachte er schon vor der Morgenröthe auf, besann sich

lange auf seinem Lager und sprach endlich zu seinem Herzen:

Was erschrak ich doch so in meinem Traume, dass ich aufwachte? Trat

nicht ein Kind zu mir, das einen Spiegel trug?

„Oh Zarathustra—sprach das Kind zu mir—schaue Dich an im Spiegel!“

Aber als ich in den Spiegel schaute, da schrie ich auf, und mein Herz

war erschüttert: denn nicht mich sahe ich darin, sondern eines Teufels

Fratze und Hohnlachen.

Wahrlich, allzugut verstehe ich des Traumes Zeichen und Mahnung: meine

_Lehre_ ist in Gefahr, Unkraut will Weizen heissen!

Meine Feinde sind mächtig worden und haben meiner Lehre Bildniss

entstellt, also, dass meine Liebsten sich der Gaben schämen müssen, die

ich ihnen gab.

Verloren giengen mir meine Freunde; die Stunde kam mir, meine Verlornen

zu suchen!—

Mit diesen Worten sprang Zarathustra auf, aber nicht wie ein

Geängstigter, der nach Luft sucht, sondern eher wie ein Seher und

Sänger, welchen der Geist anfällt. Verwundert sahen sein Adler und

seine Schlange auf ihn hin: denn gleich dem Morgenrothe lag ein

kommendes Glück auf seinem Antlitze.

Was geschah mir doch, meine Thiere?—sagte Zarathustra. Bin ich nicht

verwandelt! Kam mir nicht die Seligkeit wie ein Sturmwind?

Thöricht ist mein Glück und Thörichtes wird es reden: zu jung noch ist

es—so habt Geduld mit ihm!

Verwundet bin ich von meinem Glücke: alle Leidenden sollen mir Arzte

sein!

Zu meinen Freunden darf ich wieder hinab und auch zu meinen Feinden!

Zarathustra darf wieder reden und schenken und Lieben das Liebste thun!

Meine ungeduldige Liebe fliesst über in Strömen, abwärts, nach Aufgang

und Niedergang. Aus schweigsamem Gebirge und Gewittern des Schmerzes

rauscht meine Seele in die Thäler.

Zu lange sehnte ich mich und schaute in die Ferne. Zu lange gehörte ich

der Einsamkeit: so verlernte ich das Schweigen.

Mund bin ich worden ganz und gar, und Brausen eines Bachs aus hohen

Felsen: hinab will ich meine Rede stürzen in die Thäler.

Und mag mein Strom der Liebe in Unwegsames stürzen! Wie sollte ein

Strom nicht endlich den Weg zum Meere finden!

Wohl ist ein See in mir, ein einsiedlerischer, selbstgenugsamer; aber

mein Strom der Liebe reisst ihn mit sich hinab—zum Meere!

Neue Wege gehe ich, eine neue Rede kommt mir; müde wurde ich, gleich

allen Schaffenden, der alten Zungen. Nicht will mein Geist mehr auf

abgelaufnen Sohlen wandeln.

Zu langsam läuft mir alles Reden:—in deinen Wagen springe ich, Sturm!

Und auch dich will ich noch peitschen mit meiner Bosheit!

Wie ein Schrei und ein jauchzen will ich über weite Meere hinfahren,

bis ich die glückseligen Inseln finde, wo meine Freunde weilen:—

Und meine Feinde unter ihnen! Wie liebe ich nun jeden, zu dem ich nur

reden darf! Auch meine Feinde gehören zu meiner Seligkeit.

Und wenn ich auf mein wildestes Pferd steigen will, so hilft mir mein

Speer immer am besten hinauf: der ist meines Fusses allzeit bereiter

Diener:—

Der Speer, den ich gegen meine Feinde schleudere! Wie danke ich es

meinen Feinden, dass ich endlich ihn schleudern darf!

Zu gross war die Spannung meiner Wolke: zwischen Gelächtern der Blitze

will ich Hagelschauer in die Tiefe werfen.

Gewaltig wird sich da meine Brust heben, gewaltig wird sie ihren Sturm

über die Berge hinblasen: so kommt ihr Erleichterung.

Wahrlich, einem Sturme gleich kommt mein Glück und meine Freiheit! Aber

meine Feinde sollen glauben, _der Böse_ rase über ihren Häuptern.

Ja, auch ihr werdet erschreckt sein, meine Freunde, ob meiner wilden

Weisheit; und vielleicht flieht ihr davon sammt meinen Feinden.

Ach, dass ich’s verstünde, euch mit Hirtenflöten zurück zu locken! Ach,

dass meine Löwin Weisheit zärtlich brüllen lernte! Und Vieles lernten

wir schon mit einander!

Meine wilde Weisheit wurde trächtig auf einsamen Bergen; auf rauhen

Steinen gebar sie ihr Junges, Jüngstes.

Nun läuft sie närrisch durch die harte Wüste und sucht und sucht nach

sanftem Rasen—meine alte wilde Weisheit!

Auf eurer Herzen sanften Rasen, meine Freunde!—auf eure Liebe möchte

sie ihr Liebstes betten!

Also sprach Zarathustra.

Auf den glückseligen Inseln

Die Feigen fallen von den Bäumen, sie sind gut und süss; und indem sie

fallen, reisst ihnen die rothe Haut. Ein Nordwind bin ich reifen

Feigen.

Also, gleich Feigen, fallen euch diese Lehren zu, meine Freunde: nun

trinkt ihren Saft und ihr süsses Fleisch! Herbst ist es umher und

reiner Himmel und Nachmittag.

Seht, welche Fülle ist um uns! Und aus dem Überflusse heraus ist es

schön hinaus zu blicken auf ferne Meere.

Einst sagte man Gott, wenn man auf ferne Meere blickte; nun aber lehrte

ich euch sagen: Übermensch.

Gott ist eine Muthmaassung; aber ich will, dass euer Muthmaassen nicht

weiter reiche, als euer schaffender Wille.

Könntet ihr einen Gott _schaffen_?—So schweigt mir doch von allen

Göttern! Wohl aber könntet ihr den Übermenschen schaffen.

Nicht ihr vielleicht selber, meine Brüder! Aber zu Vätern und Vorfahren

könntet ihr euch umschaffen des Übermenschen: und Diess sei euer bestes

Schaffen!—

Gott ist eine Muthmaassung: aber ich will, dass euer Muthmaassen

begrenzt sei in der Denkbarkeit.

Könntet ihr einen Gott _denken_?—Aber diess bedeute euch Wille zur

Wahrheit, dass Alles verwandelt werde in Menschen—Denkbares,

Menschen—Sichtbares, Menschen—Fühlbares! Eure eignen Sinne sollt ihr zu

Ende denken!

Und was ihr Welt nanntet, das soll erst von euch geschaffen werden:

eure Vernunft, euer Bild, euer Wille, eure Liebe soll es selber werden!

Und wahrlich, zu eurer Seligkeit, ihr Erkennenden!

Und wie wolltet ihr das Leben ertragen ohne diese Hoffnung, ihr

Erkennenden? Weder in’s Unbegreifliche dürftet ihr eingeboren sein,

noch in’s Unvernünftige.

Aber dass ich euch ganz mein Herz offenbare, ihr Freunde: _wenn_ es

Götter gäbe, wie hielte ich’s aus, kein Gott zu sein! _Also_ giebt es

keine Götter.

Wohl zog ich den Schluss; nun aber zieht er mich.—

Gott ist eine Muthmaassung: aber wer tränke alle Qual dieser

Muthmaassung, ohne zu sterben? Soll dem Schaffenden sein Glaube

genommen sein und dem Adler sein Schweben in Adler-Fernen?

Gott ist ein Gedanke, der macht alles Gerade krumm und Alles, was

steht, drehend. Wie? Die Zeit wäre hinweg, und alles Vergängliche nur

Lüge?

Diess zu denken ist Wirbel und Schwindel menschlichen Gebeinen und noch

dem Magen ein Erbrechen: wahrlich, die drehende Krankheit heisse ich’s,

Solches zu muthmaassen.

Böse heisse ich’s und menschenfeindlich: all diess Lehren vom Einen und

Vollen und Unbewegten und Satten und Unvergänglichen!

Alles Unvergängliche—das ist nur ein Gleichniss! Und die Dichter lügen

zuviel.—

Aber von Zeit und Werden sollen die besten Gleichnisse reden: ein Lob

sollen sie sein und eine Rechtfertigung aller Vergänglichkeit!

Schaffen—das ist die grosse Erlösung vom Leiden, und des Lebens

Leichtwerden. Aber dass der Schaffende sei, dazu selber thut Leid noth

und viel Verwandelung.

Ja, viel bitteres Sterben muss in eurem Leben sein, ihr Schaffenden!

Also seid ihr Fürsprecher und Rechtfertiger aller Vergänglichkeit.

Dass der Schaffende selber das Kind sei, das neu geboren werde, dazu

muss er auch die Gebärerin sein wollen und der Schmerz der Gebärerin.

Wahrlich, durch hundert Seelen gieng ich meinen Weg und durch hundert

Wiegen und Geburtswehen. Manchen Abschied nahm ich schon, ich kenne die

herzbrechenden letzten Stunden.

Aber so will’s mein schaffender Wille, mein Schicksal. Oder, dass ich’s

euch redlicher sage: solches Schicksal gerade—will mein Wille.

Alles Fühlende leidet an mir und ist in Gefängnissen: aber mein Wollen

kommt mir stets als mein Befreier und Freudebringer.

Wollen befreit: das ist die wahre Lehre von Wille und Freiheit—so lehrt

sie euch Zarathustra.

Nicht-mehr-wollen und Nicht-mehr-schätzen und Nicht-mehr-schaffen! ach,

dass diese grosse Müdigkeit mir stets ferne bleibe!

Auch im Erkennen fühle ich nur meines Willens Zeuge- und Werde-Lust;

und wenn Unschuld in meiner Erkenntniss ist, so geschieht diess, weil

Wille zur Zeugung in ihr ist.

Hinweg von Gott und Göttem lockte mich dieser Wille; was wäre denn zu

schaffen, wenn Götter—da wären!

Aber zum Menschen treibt er mich stets von Neuem, mein inbrünstiger

Schaffens-Wille; so treibt’s den Hammer hin zum Steine.

Ach, ihr Menschen, im Steine schläft mir ein Bild, das Bild meiner

Bilder! Ach, dass es im härtesten, hässlichsten Steine schlafen muss!

Nun wüthet mein Hammer grausam gegen sein Gefängniss. Vom Steine

stäuben Stücke: was schiert mich das?

Vollenden will ich’s: denn ein Schatten kam zu mir—aller Dinge

Stillstes und Leichtestes kam einst zu mir!

Des Übermenschen Schönheit kam zu mir als Schatten. Ach, meine Brüder!

Was gehen mich noch—die Götter an!—

Also sprach Zarathustra.

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