Von alten und neuen Tafeln Also Sprach Zarathustra · Capítulo 45 de 57
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Von alten und neuen Tafeln

Von alten und neuen Tafeln

1.

Hier sitze ich und warte, alte zerbrochene Tafeln um mich und auch neue

halb beschriebene Tafeln. Wann kommt meine Stunde?

—die Stunde meines Niederganges, Unterganges: denn noch Ein Mal will

ich zu den Menschen gehn.

Dess warte ich nun: denn erst müssen mir die Zeichen kommen, dass es

_meine_ Stunde sei,—nämlich der lachende Löwe mit dem Taubenschwarme.

Inzwischen rede ich als Einer, der Zeit hat, zu mir selber. Niemand

erzählt mir Neues: so erzähle ich mir mich selber.—

2.

Als ich zu den Menschen kam, da fand ich sie sitzen auf einem alten

Dünkel: Alle dünkten sich lange schon zu wissen, was dem Menschen gut

und böse sei.

Eine alte müde Sache dünkte ihnen alles Reden von Tugend; und wer gut

schlafen wollte, der sprach vor Schlafengehen noch von „Gut“ und „Böse“

.

Diese Schläferei störte ich auf, als ich lehrte: was gut und böse ist,

_das weiss noch Niemand_:—es sei denn der Schaffende!

—Das aber ist Der, welcher des Menschen Ziel schafft und der Erde ihren

Sinn giebt und ihre Zukunft: Dieser erst _schafft_ es, _dass_ Etwas gut

und böse ist.

Und ich hiess sie ihre alten Lehr-Stühle umwerfen, und wo nur jener

alte Dünkel gesessen hatte; ich hiess sie lachen über ihre grossen

Tugend-Meister und Heiligen und Dichter und Welt-Erlöser.

Über ihre düsteren Weisen hiess ich sie lachen, und wer je als schwarze

Vogelscheuche warnend auf dem Baume des Lebens gesessen hatte.

An ihre grosse Gräberstrasse setzte ich mich und selber zu Aas und

Geiern—und ich lachte über all ihr Einst und seine mürbe verfallende

Herrlichkeit.

Wahrlich, gleich Busspredigern und Narrn schrie ich Zorn und Zeter über

all ihr Grosses und Kleines—, dass ihr Bestes so gar klein ist! Dass

ihr Bösestes so gar klein ist!—also lachte ich.

Meine weise Sehnsucht schrie und lachte also aus mir, die auf Bergen

geboren ist, eine wilde Weisheit wahrlich!—meine grosse flügelbrausende

Sehnsucht.

Und oft riss sie mich fort und hinauf und hinweg und mitten im Lachen:

da flog ich wohl schaudernd, ein Pfeil, durch sonnentrunkenes

Entzücken:

—hinaus in ferne Zukünfte, die kein Traum noch sah, in heissere Süden,

als je sich Bildner träumten: dorthin, wo Götter tanzend sich aller

Kleider schämen:—

—dass ich nämlich in Gleichnissen rede und gleich Dichtern hinke und

stammle: und wahrlich, ich schäme mich, dass ich noch Dichter sein

muss!—

Wo alles Werden mich Götter-Tanz und Götter-Muthwillen dünkte, und die

Welt los- und ausgelassen und zu sich selber zurückfliehend:—

—als ein ewiges Sich-fliehn und -Wiedersuchen vieler Götter, als das

selige Sich-Widersprechen, Sich-Wieder-hören, Sich-Wieder-Zugehören

vieler Götter:—

Wo alle Zeit mich ein seliger Hohn auf Augenblicke dünkte, wo die

Nothwendigkeit die Freiheit selber war, die selig mit dem Stachel der

Freiheit spielte:—

Wo ich auch meinen alten Teufel und Erzfeind wiederfand, den Geist der

Schwere und Alles, was er schuf: Zwang, Satzung, Noth und Folge und

Zweck und Wille und Gut und Böse:—

Denn muss nicht dasein, _über_ das getanzt, hinweggetanzt werde? Müssen

nicht um der Leichten, Leichtesten willen—Maulwürfe und schwere Zwerge

dasein?—

3.

Dort war’s auch, wo ich das Wort „Übermensch“ vom Wege auflas, und dass

der Mensch Etwas sei, das überwunden werden müsse,

—dass der Mensch eine Brücke sei und kein Zweck: sich selig preisend ob

seines Mittags und Abends, als Weg zu neuen Morgenröthen:

—das Zarathustra-Wort vom grossen Mittage, und was sonst ich über den

Menschen aufhängte, gleich purpurnen zweiten Abendröthen.

Wahrlich, auch neue Sterne liess ich sie sehn sammt neuen Nächten; und

über Wolken und Tag und Nacht spannte ich noch das Lachen aus wie ein

buntes Gezelt.

Ich lehrte sie all _mein_ Dichten und Trachten: in Eins zu dichten und

zusammen zu tragen, was Bruchstück ist am Menschen und Räthsel und

grauser Zufall,—

—als Dichter, Räthselrather und Erlöser des Zufalls lehrte ich sie an

der Zukunft schaffen, und Alles, das _war_—, schaffend zu erlösen.

Das Vergangne am Menschen zu erlösen und alles „Es war“ umzuschauen,

bis der Wille spricht: „Aber so wollte ich es! So werde ich’s wollen—“

—Diess hiess ich ihnen Erlösung, Diess allein lehrte ich sie Erlösung

heissen. -—

Nun warte ich _meiner_ Erlösung—, dass ich zum letzten Male zu ihnen

gehe.

Denn noch Ein Mal will ich zu den Menschen: _unter_ ihnen will ich

untergehen, sterbend will ich ihnen meine reichste Gabe geben!

Der Sonne lernte ich Das ab, wenn sie hinabgeht, die Überreiche: Gold

schüttet sie da in’s Meer aus unerschöpflichem Reichthume,—

—also, dass der ärmste Fischer noch mit _goldenem_ Ruder rudert! Diess

nämlich sah ich einst und wurde der Thränen nicht satt im Zuschauen.—

Der Sonne gleich will auch Zarathustra untergehn: nun sitzt er hier und

wartet, alte zerbrochne Tafeln um sich und auch neue

Tafeln,—halbbeschriebene.

4.

Siehe, hier ist eine neue Tafel: aber wo sind meine Brüder, die sie mit

mir zu Thale und in fleischerne Herzen tragen?—

Also heischt es meine grosse Liebe zu den Fernsten: schone deinen

Nächsten nicht! Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden muss.

Es giebt vielerlei Weg und Weise der Überwindung.- da siehe _du_ zu!

Aber nur ein Possenreisser denkt: „der Mensch kann auch _übersprungen_

werden.“

Überwinde dich selber noch in deinem Nächsten: und ein Recht, das du

dir rauben kannst, sollst du dir nicht geben lassen!

Was du thust, das kann dir Keiner wieder thun. Siehe, es giebt keine

Vergeltung.

Wer sich nicht befehlen kann, der soll gehorchen. Und Mancher _kann_

sich befehlen, aber da fehlt noch Viel, dass er sich auch gehorche!

5.

Also will es die Art edler Seelen: sie wollen Nichts _umsonst_ haben,

am wenigsten das Leben.

Wer vom Pöbel ist, der will umsonst leben; wir Anderen aber, denen das

Leben sich gab,—wir sinnen immer darüber, _was_ wir am besten _dagegen_

geben!

Und wahrlich, diess ist eine vornehme Rede, welche spricht: „was _uns_

das Leben verspricht, das wollen _wir_—dem Leben halten!“

Man soll nicht geniessen wollen, wo man nicht zu geniessen giebt.

Und—man soll nicht geniessen _wollen_!

Genuss und Unschuld nämlich sind die schamhaftesten Dinge: Beide wollen

nicht gesucht sein. Man soll sie _haben_—, aber man soll eher noch nach

Schuld und Schmerzen _suchen_!—

6.

Oh meine Brüder, wer ein Erstling ist, der wird immer geopfert. Nun

aber sind wir Erstlinge.

Wir bluten Alle an geheimen Opfertischen, wir brennen und braten Alle

zu Ehren alter Götzenbilder.

Unser Bestes ist noch jung: das reizt alte Gaumen. Unser Fleisch ist

zart, unser Fell ist nur ein Lamm-Fell:—wie sollten wir nicht alte

Götzenpriester reizen!

_In uns selber_ wohnt er noch, der alte Götzenpriester, der unser

Bestes sich zum Schmause brät. Ach, meine Brüder, wie sollten Erstlinge

nicht Opfer sein!

Aber so will es unsre Art; und ich liebe Die, welche sich nicht

bewahren wollen. Die Untergehenden liebe ich mit meiner ganzen Liebe:

denn sie gehn hinüber.—

7.

Wahr sein—das _können_ Wenige! Und wer es kann, der will es noch nicht!

Am wenigsten aber können es die Guten.

Oh diese Guten!—Gute Menschen reden nie die Wahrheit; für den Geist ist

solchermaassen gut sein eine Krankheit.

Sie geben nach, diese Guten, sie ergeben sich, ihr Herz spricht nach,

ihr Grund gehorcht; wer aber gehorcht, der hört sich selber nicht!

Alles, was den Guten böse heisst, muss zusammen kommen, dass Eine

Wahrheit geboren werde: oh meine Brüder, seid ihr auch böse genug zu

_dieser_ Wahrheit?

Das verwegene Wagen, das lange Misstrauen, das grausame Nein, der

Überdruss, das Schneiden in’s Lebendige—wie selten kommt _das_

zusammen! Aus solchem Samen aber wird Wahrheit gezeugt!

_Neben_ dem bösen Gewissen wuchs bisher alles _Wissen_! Zerbrecht,

zerbrecht mir, ihr Erkennenden, die alten Tafeln!

8.

Wenn das Wasser Balken hat, wenn Stege und Geländer über den Fluss

springen: wahrlich, da findet Keiner Glauben, der da spricht: „Alles

ist im Fluss.“

Sondern selber die Tölpel widersprechen ihm. „Wie? sagen die Tölpel,

Alles wäre im Flusse? Balken und Geländer sind doch _über_ dem Flusse!“

„_Über_ dem Flusse ist Alles fest, alle die Werthe der Dinge, die

Brücken, Begriffe, alles „Gut“ und „Böse“: das ist Alles fest!“—

Kommt gar der harte Winter, der Fluss-Thierbändiger: dann lernen auch

die Witzigsten Misstrauen; und, wahrlich, nicht nur die Tölpel sprechen

dann: „Sollte nicht Alles—_stille stehn_?“

„Im Grunde steht Alles stille“ —, das ist eine rechte Winter-Lehre, ein

gut Ding für unfruchtbare Zeit, ein guter Trost für Winterschläfer und

Ofenhocker.

„Im Grund steht Alles still“—: _dagegen_ aber predigt der Thauwind!

Der Thauwind, ein Stier, der kein pflügender Stier ist,—ein wüthender

Stier, ein Zerstörer, der mit zornigen Hörnern Eis bricht! Eis aber—

_bricht Stege_!

Oh meine Brüder, ist _jetzt_ nicht Alles _im Flusse_? Sind nicht alle

Geländer und Stege in’s Wasser gefallen? Wer _hielte_ sich noch an

„Gut“ und „Böse“ ?

„Wehe uns! Heil uns! Der Thauwind weht!“—Also predigt mir, oh meine

Brüder, durch alle Gassen!

8.

Es giebt einen alten Wahn, der heisst Gut und Böse. Um Wahrsager und

Sterndeuter drehte sich bisher das Rad dieses Wahns.

Einst glaubte man an Wahrsager und Sterndeuter: und darum glaubte man

„Alles ist Schicksal: du sollst, denn du musst!“

Dann wieder misstraute man allen Wahrsagern und Sterndeutern: und

_darum_ glaubte man „Alles ist Freiheit: du kannst, denn du willst!“

Oh meine Brüder, über Sterne und Zukunft ist bisher nur gewähnt, nicht

gewusst worden: und _darum_ ist über Gut und Böse bisher nur gewähnt,

nicht gewusst worden!

10.

„Du sollst nicht rauben! Du sollst nicht todtschlagen!“—solche Worte

hiess man einst heilig; vor ihnen beugte man Knie und Köpfe und zog die

Schuhe aus.

Aber ich frage euch: wo gab es je bessere Räuber und Todtschläger in

der Welt, als es solche heilige Worte waren?

Ist in allem Leben selber nicht—Rauben und Todtschlagen? Und dass

solche Worte heilig hiessen, wurde damit die _Wahrheit_ selber

nicht—todtgeschlagen?

Oder war es eine Predigt des Todes, dass heilig hiess, was allem Leben

widersprach und widerrieth?—Oh meine Brüder, zerbrecht, zerbrecht mir

die alten tafeln!

11.

Diess ist mein Mitleid mit allem Vergangenen, dass ich sehe: es ist

preisgegeben,—

—der Gnade, dem Geiste, dem Wahnsinne jedes Geschlechtes preisgegeben,

das kommt und Alles, was war, zu seiner Brücke umdeutet!

Ein grosser Gewalt-Herr könnte kommen, ein gewitzter Unhold, der mit

seiner Gnade und Ungnade alles Vergangene zwänge und zwängte: bis es

ihm Brücke würde und Vorzeichen und Herold und Hahnenschrei.

Diess aber ist die andre Gefahr und mein andres Mitleiden:—wer vom

Pöbel ist, dessen Gedenken geht zurück bis zum Grossvater,—mit dem

Grossvater aber hört die Zeit auf.

Also ist alles Vergangene preisgegeben: denn es könnte einmal kommen,

dass der Pöbel Herr würde und in seichten Gewässern alle Zeit ertränke.

Darum, oh meine Brüder, bedarf es eines _neuen Adels_, der allem Pöbel

und allem Gewalt-Herrischen Widersacher ist und auf neue Tafeln neu das

Wort schreibt „edel“.

Vieler Edlen nämlich bedarf es und vielerlei Edlen, dass es Adel gebe!

Oder, wie ich einst im Gleichniss sprach: „Das eben ist Göttlichkeit,

dass es Götter, aber keinen Gott giebt!“

12.

Oh meine Brüder, ich weihe und weise euch zu einem neuen Adel: ihr

sollt mir Zeuger und Züchter werden und Säemänner der Zukunft,—

—wahrlich, nicht zu einem Adel, den ihr kaufen könntet gleich den

Krämern und mit Krämer-Golde: denn wenig Werth hat Alles, was seinen

Preis hat.

Nicht, woher ihr kommt, mache euch fürderhin eure Ehre, sondern wohin

ihr geht! Euer Wille und euer Fuss, der über euch selber hinaus

will,—das mache eure neue Ehre!

Wahrlich nicht, dass ihr einem Fürsten gedient habt—was liegt noch an

Fürsten!—oder dem, was steht, zum Bollwerk wurdet, dass es fester

stünde!

Nicht, dass euer Geschlecht an Höfen höfisch wurde, und ihr lerntet,

bunt, einem Flamingo ähnlich, lange Stunden in flachen Teichen stehn.

—Denn Stehen-_können_ ist ein Verdienst bei Höflingen; und alle

Höflinge glauben, zur Seligkeit nach dem Tode gehöre—Sitzen-_dürfen_!—

Nicht auch, dass ein Geist, den sie heilig nennen, eure Vorfahren in

gelobte Länder führte, die _ich_ nicht lobe: denn wo der schlimmste

aller Bäume wuchs, das Kreuz,—an dem Lande ist Nichts zu loben!—

—und wahrlich, wohin dieser „heilige Geist“ auch seine Ritter führte,

immer liefen bei solchen Zügen—Ziegen und Gänse und Kreuz- und

Querköpfe _voran_!—

Oh meine Brüder, nicht zurück soll euer Adel schauen, sondern _hinaus_!

Vertriebene sollt ihr sein aus allen Vater- und Urväterländern!

Eurer Kinder Land sollt ihr lieben: diese Liebe sei euer neuer

Adel,—das unentdeckte, im feinsten Meere! Nach ihm heisse ich eure

Segel suchen und suchen!

An euren Kindern sollt ihr _gutmachen_, dass ihr eurer Väter Kinder

seid: alles Vergangene sollt ihr _so_ erlösen! Diese neue Tafel stelle

ich über euch!

13.

„Wozu leben? Alles ist eitel! Leben—das ist Stroh dreschen; Leben—das

ist sich verbrennen und doch nicht warm werden.“—

Solch alterthümliches Geschwätz gilt immer noch als „Weisheit“; dass es

aber alt ist und dumpfig riecht, _darum_ wird es besser geehrt. Auch

der Moder adelt.—

Kinder durften so reden: die _scheuen_ das Feuer, weil es sie brannte!

Es ist viel Kinderei in den alten Büchern der Weisheit.

Und wer immer „Stroh drischt“, wie sollte der auf das Dreschen lästern

dürfen! Solchem Narren müsste man doch das Maul verbinden!

Solche setzen sich zu Tisch und bringen Nichts mit, selbst den guten

Hunger nicht:—und nun lästern sie „Alles ist eitel!“

Aber gut essen und trinken, oh meine Brüder, ist wahrlich keine eitle

Kunst! Zerbrecht, zerbrecht mir die Tafeln der Nimmer-Frohen!

14.

„Dem Reinen ist Alles rein“ —so spricht das Volk. Ich aber sage euch:

den Schweinen wird Alles Schwein!

Darum predigen die Schwärmer und Kopfhänger, denen auch das Herz

niederhängt: „die Welt selber ist ein kothiges Ungeheuer.“

Denn diese Alle sind unsäuberlichen Geistes; sonderlich aber Jene,

welche nicht Ruhe, noch Rast haben, es sei denn, sie sehen die Welt

_von hinten_,—die Hinterweltler!

_Denen_ sage ich in’s Gesicht, ob es gleich nicht lieblich klingt: die

Welt gleicht darin dem Menschen, dass sie einen Hintern hat,—_so Viel_

ist wahr!

Es giebt in der Welt viel Koth: _so Viel_ ist wahr! Aber darum ist die

Welt selber noch kein kothiges Ungeheuer!

Es ist Weisheit darin, dass Vieles in der Welt übel riecht: der Ekel

selber schafft Flügel und quellenahnende Kräfte!

An dem Besten ist noch Etwas zum Ekeln; und der Beste ist noch Etwas,

das überwunden werden muss!—

Oh meine Brüder, es ist viel Weisheit darin, dass viel Koth in der Welt

ist!—

15.

Solche Sprüche hörte ich fromme Hinterweltler zu ihrem Gewissen reden;

und wahrlich, ohne Arg und Falsch,—ob es Schon nichts Falscheres in der

Welt giebt, noch Ärgeres.

„Lass doch die Welt der Welt sein! Hebe dawider auch nicht Einen Finger

auf!“

„Lass, wer da wolle, die Leute würgen und stechen und schneiden und

schaben: hebe dawider auch nicht Einen Finger auf! Darob lernen sie

noch der Welt absagen.“

„Und deine eigne Vernunft—die sollst du selber görgeln und würgen; denn

es ist eine Vernunft von dieser Welt,—darob lernst du selber der Welt

absagen.“ -

—Zerbrecht, zerbrecht mir, oh meine Brüder, diese alten Tafeln der

Frommen! Zersprecht mir die Sprüche der Welt-Verleumder!

16.

„Wer viel lernt, der verlernt alles heftige Begehren“ —das flüstert man

heute sich zu auf allen dunklen Gassen.

„Weisheit macht müde, es lohnt sich—Nichts; du sollst nicht

begehren!“—diese neue Tafel fand ich hängen selbst auf offnen Märkten.

Zerbrecht mir, oh meine Brüder, zerbrecht mir auch diese _neue_ Tafel!

Die Welt-Müden hängten sie hin und die Prediger des Todes, und auch die

Stockmeister: denn seht, es ist auch eine Predigt zur Knechtschaft!—

Dass sie schlecht lernten und das Beste nicht, und Alles zu früh und

Alles zu geschwind: dass sie schlecht _assen_, daher kam ihnen jener

verdorbene Magen,—

—ein verdorbener Magen ist nämlich ihr Geist: _der_ räth zum Tode! Denn

wahrlich, meine Brüder, der Geist _ist_ ein Magen!

Das Leben ist ein Born der Lust: aber aus wem der verdorbene Magen

redet, der Vater der Trübsal, dem sind alle Quellen vergiftet.

Erkennen: das ist _Lust_ dem Löwen-willigen! Aber wer müde wurde, der

wird selber nur „gewollt“, mit dem spielen alle Wellen.

Und so ist es immer schwacher Menschen Art: sie verlieren sich auf

ihren Wegen. Und zuletzt fragt noch ihre Müdigkeit: „wozu giengen wir

jemals Wege! Es ist Alles gleich!“

_Denen_ klingt es lieblich zu Ohren, dass gepredigt wird: „Es verlohnt

sich Nichts! Ihr sollt nicht wollen!“ Diess aber ist eine Predigt zur

Knechtschaft.

Oh meine Brüder, ein frischer Brause-Wind kommt Zarathustra allen

Weg-Müden; viele Nasen wird er noch niesen machen!

Auch durch Mauern bläst mein freier Athem, und hinein in Gefängnisse

und eingefangne Geister!

Wollen befreit: denn Wollen ist Schaffen: so lehre ich. Und _nur_ zum

Schaffen sollt ihr lernen!

Und auch das Lernen sollt ihr erst von mir _lernen_, das

Gut-Lernen!—Wer Ohren hat, der höre!

17.

Da steht der Nachen,—dort hinüber geht es vielleicht in’s grosse

Nichts.—Aber wer will in diess „Vielleicht“ einsteigen?

Niemand von euch will in den Todes-Nachen einsteigen! Wieso wollt ihr

dann _Welt-Müde_ sein!

Weltmüde! Und noch nicht einmal Erd-Entrückte wurdet ihr! Lüstern fand

ich euch immer noch nach Erde, verliebt noch in die eigne

Erd-Müdigkeit!

Nicht umsonst hängt euch die Lippe herab:—ein kleiner Erden-Wunsch

sitzt noch darauf! Und im Auge—schwimmt da nicht ein Wölkchen

unvergessner Erden-Lust?

Es giebt auf Erden viel gute Erfindungen, die einen nützlich, die

andern angenehm: derentwegen ist die Erde zu lieben.

Und mancherlei so gut Erfundenes giebt es da, dass es ist wie des

Weibes Busen: nützlich zugleich und angenehm.

Ihr Welt-Müden aber! Ihr Erden-Faulen! Euch soll man mit Ruthen

streichen! Mit Ruthenstreichen soll man euch wieder muntre Beine

machen.

Denn: seid ihr nicht Kranke und verlebte Wichte, deren die Erde müde

ist, so seid ihr schlaue Faulthiere oder naschhafte verkrochene

Lust-Katzen. Und wollt ihr nicht wieder lustig _laufen_, so sollt

ihr—dahinfahren!

An Unheilbaren soll man nicht Arzt sein wollen: also lehrt es

Zarathustra:—so sollt ihr dahinfahren!

Aber es gehört mehr _Muth_ dazu, ein Ende zu machen, als einen neuen

Vers: das wissen alle Ärzte und Dichter.—

18.

Oh meine Brüder, es giebt Tafeln, welche die Ermüdung, und Tafeln,

welche die Faulheit schuf, die faulige: ob sie schon gleich reden, so

wollen sie doch ungleich gehört sein.—

Seht hier diesen Verschmachtenden! Nur eine Spanne weit ist er noch von

seinem Ziele, aber vor Müdigkeit hat er sich trotzig hier in den Staub

gelegt: dieser Tapfere!

Vor Müdigkeit gähnt er Weg und Erde und Ziel und sich selber an: keinen

Schritt will er noch weiter thun,—dieser Tapfere!

Nun glüht die Sonne auf ihn, und die Hunde lecken nach seinem

Schweisse: aber er liegt da in seinem Trotze und will lieber

verschmachten:—

—eine Spanne weit von seinem Ziele verschmachten! Wahrlich, ihr werdet

ihn noch an den Haaren in seinen Himmel ziehen müssen,—diesen Helden!

Besser noch, ihr lasst ihn liegen, wohin er sich gelegt hat, dass der

Schlaf ihm komme, der Tröster, mit kühlendem Rausche-Regen:

Lasst ihn liegen, bis er von selber wach wird, bis er von selber alle

Müdigkeit widerruft und was Müdigkeit aus ihm lehrte!

Nur, meine Brüder, dass ihr die Hunde von ihm scheucht, die faulen

Schleicher, und all das schwärmende Geschmeiss:—

—all das schwärmende Geschmeiss der „Gebildeten“ , das sich am

Schweisse jedes Helden—gütlich thut!—

19.

Ich schliesse Kreise um mich und heilige Grenzen; immer Wenigere

steigen mit mir auf immer höhere Berge,—ich baue ein Gebirge aus immer

heiligeren Bergen. -

Wohin ihr aber auch mit mir steigen mögt, oh meine Brüder: seht zu,

dass nicht ein _Schmarotzer_ mit euch steige!

Schmarotzer: das ist ein Gewürm, ein kriechendes, geschmiegtes, das

fett werden will an euren kranken wunden Winkeln.

Und _das_ ist seine Kunst, dass er steigende Seelen erräth, wo sie müde

sind: in euren Gram und Unmuth, in eure zarte Scham baut er sein ekles

Nest.

Wo der Starke schwach, der Edle allzumild ist,—dahinein baut er sein

ekles Nest: der Schmarotzer wohnt, wo der Grosse kleine wunde Winkel

hat.

Was ist die höchste Art alles Seienden und was die geringste? Der

Schmarotzer ist die geringste Art; wer aber höchster Art ist, der

ernährt die meisten Schmarotzer.

Die Seele nämlich, welche die längste Leiter hat und am tiefsten

hinunter kann: wie sollten nicht an der die meisten Schmarotzer

sitzen?—

—die umfänglichste Seele, welche am weitesten in sich laufen und irren

und schweifen kann; die nothwendigste, welche sich aus Lust in den

Zufall stürzt:—

—die seiende Seele, welche in’s Werden taucht; die habende, welche in’s

Wollen und Verlangen _will_:—

—die sich selber fliehende, die sich selber im weitesten Kreise

einholt; die weiseste Seele, welcher die Narrheit am süssesten

zuredet:—

—die sich selber liebendste, in der alle Dinge ihr Strömen und

Wiederströmen und Ebbe und Fluth haben:—oh wie sollte _die höchste

Seele_ nicht die schlimmsten Schmarotzer haben?

20.

Oh meine Brüder, bin ich denn grausam? Aber ich sage: was fällt, das

soll man auch noch stossen!

Das Alles von Heute—das fällt, das verfällt: wer wollte es halten! Aber

ich—ich _will_ es noch stossen!

Kennt ihr die Wollust, die Steine in steile Tiefen rollt?—Diese

Menschen von heute: seht sie doch, wie sie in meine Tiefen rollen!

Ein Vorspiel bin ich besserer Spieler, oh meine Brüder! Ein Beispiel!

_Thut_ nach meinem Beispiele!

Und wen ihr nicht fliegen lehrt, den lehrt mir—schneller fallen!—

21.

Ich liebe die Tapferen: aber es ist nicht genug, Hau-Degen sein,—man

muss auch wissen Hau-schau-_Wen_!

Und oft ist mehr Tapferkeit darin, dass Einer an sich hält und

vorübergeht: _damit_ er sich dem würdigeren Feinde aufspare!

Ich sollt nur Feinde haben, die zu hassen sind, aber nicht Feinde zum

Verachten: ihr müsst stolz auf euren Feind sein: also lehrte ich schon

Ein Mal.

Dem würdigeren Feinde, oh meine Freunde, sollt ihr euch aufsparen:

darum müsst ihr an Vielem vorübergehn,—

—sonderlich an vielem Gesindel, das euch in die Ohren lärmt von Volk

und Völkern.

Haltet euer Auge rein von ihrem Für und Wider! Da giebt es viel Recht,

viel Unrecht: wer da zusieht, wird zornig.

Dreinschaun, dreinhaun—das ist da Eins: darum geht weg in die Wälder

und legt euer Schwert schlafen!

Geht _eure_ Wege! Und lasst Volk und Völker die ihren gehn!—dunkle Wege

wahrlich, auf denen auch nicht Eine Hoffnung mehr wetterleuchtet!

Mag da der Krämer herrschen, wo Alles, was noch glänzt—Krämer-Gold ist!

Es ist die Zeit der Könige nicht mehr: was sich heute Volk heisst,

verdient keine Könige.

Seht doch, wie diese Völker jetzt selber den Krämern gleich thun: sie

lesen sich die kleinsten Vortheile noch aus jedem Kehricht!

Sie lauern einander auf, sie lauern einander Etwas ab,—das heissen sie

„gute Nachbarschaft.“ Oh selige ferne Zeit, wo ein Volk sich sagte:

„ich will über Völker—_Herr_ sein!“

Denn, meine Brüder: das Beste soll herrschen, das Beste will auch

herrschen! Und wo die Lehre anders lautet, da—_fehlt_ es am Besten.

22.

Wenn _Die_—Brod umsonst hätten, wehe! Wonach würden _Die_ schrein! Ihr

Unterhalt—das ist ihre rechte Unterhaltung; und sie sollen es schwer

haben!

Raubthiere sind es.- in ihrem „Arbeiten“ —da ist auch noch Rauben, in

ihrem „Verdienen“ —da ist auch noch Überlisten! Darum sollen sie es

schwer haben!

Bessere Raubthiere sollen sie also werden, feinere, klügere,

_menschen-ähnlichere_: der Mensch nämlich ist das beste Raubthier.

Allen Thieren hat der Mensch schon ihre Tugenden abgeraubt: das macht,

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