Von Dir, grausamster Jäger, Also Sprach Zarathustra · Capítulo 51 de 57
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Von Dir, grausamster Jäger,

Von Dir, grausamster Jäger, Du unbekannter—Gott!

Triff tiefer,

Triff Ein Mal noch!

Zerstich, zerbrich diess Herz!

Was soll diess Martern

Mit zähnestumpfen Pfeilen?

Was blickst du wieder,

Der Menschen-Qual nicht müde,

Mit schadenfrohen Götter-Blitz-Augen?

Nicht tödten willst du,

Nur martern, martern?

Wozu—_mich_ martern,

Du schadenfroher unbekannter Gott?—

Haha! Du schleichst heran?

Bei solcher Mitternacht

Was willst du? Sprich!

Du drängst mich, drückst mich—

Ha! schon viel zu nahe!

Weg! Weg!

Du hörst mich athmen,

Du behorchst mein Herz,

Du Eifersüchtiger—

Worauf doch eifersüchtig?

Weg! Weg! Wozu die Leiter?

Willst _du hinein_,

In’s Herz,

Einsteigen, in meine heimlichsten

Gedanken einsteigen?

Schamloser! Unbekannter—Dieb!

Was willst du dir erstehlen,

Was willst du dir erhorchen,

Was willst du dir erfoltern,

Du Folterer!

Du—Henker-Gott!

Oder soll ich, dem Hunde gleich,

Vor dir mich wälzen?

Hingebend, begeistert-ausser-mir,

Dir—Liebe zuwedeln?

Umsonst!

Stich weiter,

Grausamster Stachel! Nein,

Kein Hund—dein Wild nur bin ich,

Grausamster Jäger!

Dein stolzester Gefangner,

Du Räuber hinter Wolken...

Sprich endlich,

Was willst du, Wegelagerer, von _mir_?

Du Blitz-Verhüllter! Unbekannter! Sprich,

Was _willst_ du, unbekannter Gott?—-

Wie?

Lösegeld?

Was willst du Lösegelds?

Verlange Viel—das räth mein Stolz!

Und rede kurz—das räth mein andrer Stolz!

Haha!

Mich—willst du? Mich?

Mich—ganz?

Haha!

Und marterst mich, Narr, der du bist,

Zermarterst meinen Stolz?

Gieb _Liebe_ mir—wer wärmt mich noch?

Wer liebt mich noch?—gieb heisse Hände,

Gieb Herzens-Kohlenbecken,

Gieb mir, dem Einsamsten,

Den Eis, ach! siebenfaches Eis

Nach Feinden selber,

Nach Feinden schmachten lehrt,

Gieb, ja ergieb,

Grausamster Feind,

Mir—_dich_!...

Davon!

Da floh er selber,

Mein letzter einziger Genoss,

Mein grosser Feind,

Mein Unbekannter,

Mein Henker-Gott!...

—Nein!

Komm zurück,

Mit allen deinen Martern!

Zum Letzten aller Einsamen

Oh komm zurück!

All meine Thränen-Bäche laufen

Zu dir den Lauf!

Und meine letzte Herzens-Flamme—

_Dir_ glüht sie auf!

Oh komm zurück,

Mein unbekannter Gott! Mein Schmerz!

Mein letztes Glück!

2.

—Hier aber konnte sich Zarathustra nicht länger halten, nahm seinen

Stock und schlug mit allen Kräften auf den jammernden los. „Halt ein!

schrie er ihm zu, mit ingrimmigem Lachen, halt ein, du Schauspieler! Du

Falschmünzer! Du Lügner aus dem Grunde! Ich erkenne dich wohl!

Ich will dir schon warme Beine machen, du schlimmer Zauberer, ich

verstehe mich gut darauf, Solchen wie du bist—einzuheizen!“

—„Lass ab, sagte der alte Mann und sprang vom Boden auf, schlage nicht

mehr, oh Zarathustra! Ich trieb’s also nur zum Spiele!

Solcherlei gehört zu meiner Kunst; dich selber wollte ich auf die Probe

stellen, als ich dir diese Probe gab! Und, wahrlich, du hast mich gut

durchschaut!

Aber auch du—gabst mir von dir keine kleine Probe: du bist _hart_, du

weiser Zarathustra! Hart schlägst du zu mit deinen „Wahrheiten“, dein

Knüttel erzwingt von mir—_diese_ Wahrheit!“

—„Schmeichle nicht, antwortete Zarathustra, immer noch erregt und

finsterblickend, du Schauspieler aus dem Grunde! Du bist falsch: was

redest du —von Wahrheit!

Du Pfau der Pfauen, du Meer der Eitelkeit, _was_ spieltest du vor mir,

du schlimmer Zauberer, an _wen_ sollte ich glauben, als du in solcher

Gestalt jammertest?“

„Den Büsser des Geistes, sagte der alte Mann, _den_—spielte ich: du

selber erfandest einst diess Wort—

—den Dichter und Zauberer, der gegen sich selber endlich seinen Geist

wendet, den Verwandelten, der an seinem bösen Wissen und Gewissen

erfriert.

Und gesteh es nur ein: es währte lange, oh Zarathustra, bis du hinter

meine Kunst und Lüge kamst! _Du glaubtest_ an meine Noth, als du mir

den Kopf mit beiden Händen hieltest,—

—ich hörte dich jammern „man hat ihn zu wenig geliebt, zu wenig

geliebt!“ Dass ich dich soweit betrog, darüber frohlockte inwendig

meine Bosheit.“

„Du magst Feinere betrogen haben als mich, sagte Zarathustra hart. Ich

bin nicht auf der Hut vor Betrügern, ich _muss_ ohne Vorsicht sein: so

will es mein Loos.

Du aber—_musst_ betrügen: so weit kenne ich dich! Du musst immer zwei-

drei- vier- und fünfdeutig sein! Auch was du jetzt bekanntest, war mir

lange nicht wahr und nicht falsch genung!

Du schlimmer Falschmünzer, wie könntest du anders! Deine Krankheit

würdest du noch schminken, wenn du dich deinem Arzte nackt zeigtest.

So schminktest du eben vor mir deine Lüge, als du sprachst: „ich

trieb’s also _nur_ zum Spiele!“ Es war auch _Ernst_ darin, du _bist_

Etwas von einem Büsser des Geistes!

Ich errathe dich wohl: du wurdest der Bezauberer Aller, aber gegen dich

hast du keine Lüge und List mehr übrig,—du selber bist dir entzaubert!

Du erntetest den Ekel ein, als deine Eine Wahrheit. Kein Wort ist mehr

an dir ächt, aber dein Mund: nämlich der Ekel, der an deinem Munde

klebt.“—

—„Wer bist du doch! schrie hier der alte Zauberer mit einer trotzigen

Stimme, wer darf also zu _mir_ reden, dem Grössten, der heute

lebt?“—und ein grüner Blitz schoss aus seinem Auge nach Zarathustra.

Aber gleich darauf verwandelte er sich und sagte traurig:

„Oh Zarathustra, ich bin’s müde, es ekelt mich meiner Künste, ich bin

nicht _gross_, was verstelle ich mich! Aber, du weisst es wohl—ich

suchte nach Grösse!

Einen grossen Menschen wollte ich vorstellen und überredete Viele: aber

diese Lüge gieng über meine Kraft. An ihr zerbreche ich.

Oh Zarathustra, Alles ist Lüge an mir; aber dass ich zerbreche—diess

mein Zerbrechen ist _ächt_!“—

„Es ehrt dich, sprach Zarathustra düster und zur Seite niederblickend,

es ehrt dich, dass du nach Grösse suchtest, aber es verräth dich auch.

Du bist nicht gross.

Du schlimmer alter Zauberer, _das_ ist dein Bestes und Redlichstes, was

ich an dir ehre, dass du deiner müde wurdest und es aussprachst: „ich

bin nicht gross.“

_Darin_ ehre ich dich als einen Büsser des Geistes: und wenn auch nur

für einen Hauch und Husch, diesen Einen Augenblick warst du—ächt.

Aber sprich, was suchst du hier in _meinen_ Wäldern und Felsen? Und

wenn du _mir_ dich in den Weg legtest, welche Probe wolltest du von

mir?—

—wess versuchtest du _mich_?“—

Also sprach Zarathustra, und seine Augen funkelten. Der alte Zauberer

schwieg eine Weile, dann sagte er: „Versuchte ich dich? Ich—suche nur.

Oh Zarathustra, ich suche einen Ächten, Rechten, Einfachen,

Eindeutigen, einen Menschen aller Redlichkeit, ein Gefäss der Weisheit,

einen Heiligen der Erkenntniss, einen grossen Menschen!

Weisst du es denn nicht, oh Zarathustra? Ich suche Zarathustra.“

—Und hier entstand ein langes Stillschweigen zwischen Beiden;

Zarathustra aber versank tief hinein in sich selber, also dass er die

Augen schloss. Dann aber, zu seinem Unterredner zurückkehrend, ergriff

er die Hand des Zauberers und sprach, voller Artigkeit und Arglist:

„Wohlan! Dort hinauf führt der Weg, da liegt die Höhle Zarathustra’s.

In ihr darfst du suchen, wen du finden möchtest.

Und frage meine Thiere um Rath, meinen Adler und meine Schlange: die

sollen dir suchen helfen. Meine Höhle aber ist gross.

Ich selber freilich—ich sah noch keinen grossen Menschen. Was gross

ist, dafür ist das Auge der Feinsten heute grob. Es ist das Reich des

Pöbels.

So Manchen fand ich schon, der streckte und blähte sich, und das Volk

schrie: „Seht da, einen grossen Menschen!“ Aber was helfen alle

Blasebälge! Zuletzt fährt der Wind heraus.

Zuletzt platzt ein Frosch, der sich zu lange aufblies: da fährt der

Wind heraus. Einem Geschwollnen in den Bauch stechen, das heisse ich

eine brave Kurzweil. Hört das, ihr Knaben!

Diess Heute ist des Pöbels: wer _weiss_ da noch, was gross, was klein

ist! Wer suchte da mit Glück nach Grösse! Ein Narr allein: den Narren

glückt’s.

Du suchst nach grossen Menschen, du wunderlicher Narr? Wer _lehrte’s_

dich? Ist heute dazu die Zeit? Oh du schlimmer Sucher, was—versuchst du

mich?“—

Also sprach Zarathustra, getrösteten Herzens, und gierig lachend seines

Wegs fürbass.

Ausser Dienst

Nicht lange aber, nachdem Zarathustra sich von dem Zauberer losgemacht

hatte, sahe er wiederum Jemanden am Wege sitzen, den er gierig, nämlich

einen schwarzen langen Mann mit einem hageren Bleichgesicht: _der_

verdross ihn gewaltig. „Wehe, sprach er zu seinem Herzen, da, sitzt

vermummte Trübsal, das dünkt mich von der Art der Priester: was wollen

_die_ in meinem Reiche?

Wie! Kaum bin ich jenem Zauberer entronnen: muss mir da wieder ein

anderer Schwarzkünstler über den Weg laufen,—

—irgend ein Hexenmeister mit Handauflegen, ein dunkler Wunderthäter von

Gottes Gnaden, ein gesalbter Welt-Verleumder, den der Teufel holen

möge!

Aber der Teufel ist nie am Platze, wo er am Platze wäre: immer kommt er

zu spät, dieser vermaledeite Zwerg und Klumpfuss!“—

Also fluchte Zarathustra ungeduldig in seinem Herzen und gedachte, wie

er abgewandten Blicks an dem schwarzen Manne vorüberschlüpfe: aber

siehe, es kam anders. Im gleichen Augenblicke nämlich hatte ihn schon

der Sitzende erblickt; und nicht unähnlich einem Solchen, dem ein

unvermuthetes Glück zustösst, sprang er auf und gieng auf Zarathustra

los.

„Wer du auch bist, du Wandersmann, sprach er, hilf einem Verirrten,

einem Suchenden, einem alten Manne, der hier leicht zu Schaden kommt!

Diese Welt hier ist mir fremd und fern, auch hörte ich wilde Thiere

heulen; und Der, welcher mir hätte Schutz bieten können, der ist selber

nicht mehr.

Ich suchte den letzten frommen Menschen, einen Heiligen und Einsiedler,

der allein in seinem Walde noch Nichts davon gehört hatte, was alle

Welt heute weiss.“

„_Was_ weiss heute alle Welt? fragte Zarathustra. Etwa diess, dass der

alte Gott nicht mehr lebt, an den alle Welt einst geglaubt hat?“

„Du sagst es, antwortete der alte Mann betrübt. Und ich diente diesem

alten Gotte bis zu seiner letzten Stunde.

Nun aber bin ich ausser Dienst, ohne Herrn, und doch nicht frei, auch

keine Stunde mehr lustig, es sei denn in Erinnerungen.

Dazu stieg ich in diese Berge, dass ich endlich wieder ein Fest mir

machte, wie es einem alten Papste und Kirchen-Vater zukommt: denn

wisse, ich bin der letzte Papst!—ein Fest frommer Erinnerungen und

Gottesdienste.

Nun aber ist er selber todt, der frömmste Mensch, jener Heilige im

Walde, der seinen Gott beständig mit Singen und Brummen lobte.

Ihn selber fand ich nicht mehr, als ich seine Hütte fand,—wohl aber

zwei Wölfe darin, welche um seinen Tod heulten—denn alle Thiere liebten

ihn. Da lief ich davon.

Kam ich also umsonst in diese Wälder und Berge? Da entschloss sich mein

Herz, dass ich einen Anderen suchte, den Frömmsten aller Derer, die

nicht an Gott glauben—, dass ich Zarathustra suchte!“

Also sprach der Greis und blickte scharfen Auges Den an, welcher vor

ihm stand; Zarathustra aber ergriff die Hand des alten Papstes und

betrachtete sie lange mit Bewunderung.

„Siehe da, du Ehrwürdiger, sagte er dann, welche schöne und lange Hand!

Das ist die Hand eines Solchen, der immer Segen ausgetheilt hat. Nun

aber hält sie Den fest, welchen du suchst, mich, Zarathustra.

Ich bin’s, der gottlose Zarathustra, der da spricht: wer ist gottloser

als ich, dass ich mich seiner Unterweisung freue?“—

Also sprach Zarathustra und durchbohrte mit seinen Blicken die Gedanken

und Hintergedanken des alten Papstes. Endlich begann dieser:

„Wer ihn am meisten liebte und besass, der hat ihn nun am meisten auch

verloren -:

—siehe, ich selber bin wohl von uns Beiden jetzt der Gottlosere? Aber

wer könnte daran sich freuen!“—

„Du dientest ihm bis zuletzt, fragte Zarathustra nachdenklich, nach

einem tiefen Schweigen, du weisst, _wie_ er starb? Ist es wahr, was man

spricht, dass ihn das Mitleiden erwürgte,

—dass er es sah, wie _der Mensch_ am Kreuze hieng, und es nicht ertrug,

dass die Liebe zum Menschen seine Hölle und zuletzt sein Tod wurde?“—

Der alte Papst aber antwortete nicht, sondern blickte scheu und mit

einem schmerzlichen und düsteren Ausdrucke zur Seite.

„Lass ihn fahren, sagte Zarathustra nach einem langen Nachdenken, indem

er immer noch dem alten Manne gerade in’s Auge blickte.

Lass ihn fahren, er ist dahin. Und ob es dich auch ehrt, dass du diesem

Todten nur Gutes nachredest, so weisst du so gut als ich, _wer_ er war;

und dass er wunderliche Wege gieng.“

„Unter drei Augen gesprochen, sagte erheitert der alte Papst (denn er

war auf Einem Auge blind), in Dingen Gottes bin ich aufgeklärter als

Zarathustra selber —und darf es sein.

Meine Liebe diente ihm lange Jahre, mein Wille gierig allem seinen

Willen nach. Ein guter Diener aber weiss Alles, und Mancherlei auch,

was sein Herr sich selbst verbirgt.

Es war ein verborgener Gott, voller Heimlichkeit. Wahrlich zu einem

Sohne sogar kam er nicht anders als auf Schleichwegen. An der Thür

seines Glaubens steht der Ehebruch.

Wer ihn als einen Gott der Liebe preist, denkt nicht hoch genug von der

Liebe selber. Wollte dieser Gott nicht auch Richter sein? Aber der

Liebende liebt jenseits von Lohn und Vergeltung.

Als er jung war, dieser Gott aus dem Morgenlande, da war er hart und

rachsüchtig und erbaute sich eine Hölle zum Ergötzen seiner Lieblinge.

Endlich aber wurde er alt und weich und mürbe und mitleidig, einem

Grossvater ähnlicher als einem Vater, am ähnlichsten aber einer

wackeligen alten Grossmutter.

Da sass er, welk, in seinem Ofenwinkel, härmte sich ob seiner schwachen

Beine, weltmüde, willensmüde, und erstickte eines Tags an seinem

allzugrossen Mitleiden.“—

„Du alter Papst, sagte hier Zarathustra dazwischen, hast du _Das_ mit

Augen angesehn? Es könnte wohl so abgegangen sein: so, _und_ auch

anders. Wenn Götter sterben, sterben sie immer viele Arten Todes.

Aber wohlan! So oder so, so und so—er ist dahin! Er gieng meinen Ohren

und Augen wider den Geschmack, Schlimmeres möchte ich ihm nicht

nachsagen.

Ich liebe Alles, was hell blickt und redlich redet. Aber er—du weisst

es ja, du alter Priester, es war Etwas von deiner Art an ihm, von

Priester-Art—er war vieldeutig.

Er war auch undeutlich. Was hat er uns darob gezürnt, dieser

Zornschnauber, dass wir ihn schlecht verstanden Aber warum sprach er

nicht reinlicher?

Und lag es an unsern Ohren, warum gab er uns Ohren, die ihn schlecht

hörten? War Schlamm in unsern Ohren, wohlan! wer legte ihn hinein?

Zu Vieles missrieth ihm, diesem Töpfer, der nicht ausgelernt hatte!

Dass er aber Rache an seinen Töpfen und Geschöpfen nahm, dafür dass sie

ihm schlecht geriethen,—das war eine Sünde wider den _guten Geschmack_.

Es giebt auch in der Frömmigkeit guten Geschmack: der sprach endlich

„Fort mit einem _solchen_ Gotte! Lieber keinen Gott, lieber auf eigne

Faust Schicksal machen, lieber Narr sein, lieber selber Gott sein!““

—„Was höre ich! sprach hier der alte Papst mit gespitzten Ohren; oh

Zarathustra, du bist frömmer als du glaubst, mit einem solchen

Unglauben! Irgend ein Gott in dir bekehrte dich zu deiner

Gottlosigkeit.

Ist es nicht deine Frömmigkeit selber, die dich nicht mehr an einen

Gott glauben lässt? Und deine übergrosse Redlichkeit wird dich auch

noch jenseits von Gut und Böse wegfuhren!

Siehe, doch, was blieb dir aufgespart? Du hast Augen und Hand und Mund,

die sind zum Segnen vorher bestimmt seit Ewigkeit. Man segnet nicht mit

der Hand allein.

In deiner Nähe, ob du schon der Gottloseste sein willst, wittere ich

einen heimlichen Weih- und Wohlgeruch von langen Segnungen: mir wird

wohl und wehe dabei.

Lass mich deinen Gast sein, oh Zarathustra, für eine einzige Nacht!

Nirgends auf Erden wird es mir jetzt wohler als bei dir!“—

„Amen! So soll es sein! sprach Zarathustra mit grosser Verwunderung,

dort hinauf führt der Weg, da liegt die Höhle Zarathustra’s.

Gerne, fürwahr, würde ich dich selber dahin geleiten, du Ehrwürdiger,

denn ich liebe alle frommen Menschen. Aber jetzt ruft mich eilig ein

Nothschrei weg von dir.

In meinem Bereiche soll mir Niemand zu Schaden kommen; meine Höhle ist

ein guter Hafen. Und am liebsten möchte ich jedweden Traurigen wieder

auf festes Land und feste Beine stellen.

Wer aber nähme dir _deine_ Schwermuth von der Schulter? Dazu bin ich zu

schwach. Lange, wahrlich, möchten wir warten, bis dir Einer deinen Gott

wieder aufweckt.

Dieser alte Gott nämlich lebt nicht mehr: der ist gründlich todt.“—

Also sprach Zarathustra.

Der hässlichste Mensch

—Und wieder liefen Zarathustra’s Füsse durch Berge und Wälder, und

seine Augen suchten und suchten, aber nirgends war Der zu sehen,

welchen sie sehn wollten, der grosse Nothleidende und Nothschreiende.

Auf dem ganzen Wege aber frohlockte er in seinem Herzen und war

dankbar. „Welche guten Dinge, sprach er, schenkte mir doch dieser Tag,

zum Entgelt, dass er schlimm begann! Welche seltsamen Unterredner fand

ich!

An deren Worten will ich lange nun kauen gleich als an guten Körnern;

klein soll mein Zahn sie mahlen und malmen, bis sie mir wie Milch in

die Seele fliessen!“—

Als aber der Weg wieder um einen Felsen bog, veränderte sich mit Einem

Male die Landschaft, und Zarathustra trat in ein Reich des Todes. Hier

starrten schwarze und rothe Klippen empor: kein Gras, kein Baum, keine

Vogelstimme. Es war nämlich ein Thal, welches alle Thiere mieden, auch

die Raubthiere-, nur dass eine Art hässlicher, dicker, grüner

Schlangen, wenn sie alt wurden, hierher kamen, um zu sterben. Darum

nannten diess Thal die Hirten: Schlangen-Tod.

Zarathustra aber versank in eine schwarze Erinnerung, denn ihm war, als

habe er schon ein Mal in diesem Thal gestanden. Und vieles Schwere

legte sich ihm über den Sinn: also, dass er langsam gieng und immer

langsamer und endlich still stand. Da aber sahe er, als er die Augen

aufthat, Etwas, das am Wege sass, gestaltet wie ein Mensch und kaum wie

ein Mensch, etwas Unaussprechliches. Und mit Einem Schlage überfiel

Zarathustra die grosse Scham darob, dass er so Etwas mit den Augen

angesehn habe: erröthend bis hinauf an sein weisses Haar, wandte er den

Blick ab und hob den Fuss, dass er diese schlimme Stelle verlasse. Da

aber wurde die todte Öde laut: vom Boden auf nämlich quoll es gurgelnd

und röchelnd, wie Wasser Nachts durch verstopfte Wasser-Röhren gurgelt

und röchelt; und zuletzt wurde daraus eine Menschen-Stimme und

Menschen-Rede:—die lautete also.

„Zarathustra! Zarathustra! Rathe mein Räthsel! Sprich, sprich! Was ist

_die Rache am Zeugen_?

Ich locke dich zurück, hier ist glattes Eis! Sieh zu, sieh zu, ob dein

Stolz sich hier nicht die Beine bricht!

Du dünkst dich weise, du stolzer Zarathustra! So rathe doch das

Räthsel, du harter Nüsseknacker,—das Räthsel, das ich bin! So sprich

doch—wer bin _ich_!“

—Als aber Zarathustra diese Worte gehört hatte,—was glaubt ihr wohl,

dass sich da mit seiner Seele zutrug? Das Mitleiden fiel ihn an; und er

sank mit Einem Male nieder, wie ein Eichbaum, der lange vielen

Holzschlägern widerstanden hat,—schwer, plötzlich, zum Schrecken selber

für Die, welche ihn fällen wollten. Aber schon stand er wieder vom

Boden auf, und sein Antlitz wurde hart.

„Ich erkenne dich wohl, sprach er mit einer erzenen Stimme: du bist der

Mörder Gottes! Lass mich gehn.

Du _ertrugst_ Den nicht, der _dich_ sah,—der dich immer und durch und

durch sah, du hässlichster Mensch! Du nahmst Rache an diesem Zeugen!“

Also sprach Zarathustra und wollte davon; aber der Unaussprechliche

fasste nach einem Zipfel seines Gewandes und begann von Neuem zu

gurgeln und nach Worten zu suchen. „Bleib!“ sagte er endlich—

—„bleib! Geh nicht vorüber! Ich errieth, welche Axt dich zu Boden

schlug: Heil dir, oh Zarathustra, dass du wieder stehst!

Du erriethest, ich weiss es gut, wie Dem zu Muthe ist, der ihn

tödtete,—dem Mörder Gottes. Bleib! Setze dich her zu mir, es ist nicht

umsonst.

Zu wem wollte ich, wenn nicht zu dir? Bleib, setze dich! Blicke mich

aber nicht an! Ehre also—meine Hässlichkeit!

Sie verfolgen mich: nun bist _du_ meine letzte Zuflucht. _Nicht_ mit

ihrem Hasse, _nicht_ mit ihren Häschern:—oh solcher Verfolgung würde

ich spotten und stolz und froh sein!

War nicht aller Erfolg bisher bei den Gut-Verfolgten? Und wer gut

verfolgt, lernt leicht _folgen_:—ist er doch einmal—hinterher! Aber ihr

_Mitleid_ ist’s—

—ihr Mitleid ist’s, vor dem ich flüchte und dir zuflüchte. Oh

Zarathustra, schütze mich, du meine letzte Zuflucht, du Einziger, der

mich errieth:

—du erriethest, wie Dem zu Muthe ist, welcher _ihn_ tödtete. Bleib! Und

willst du gehn, du Ungeduldiger: geh nicht den Weg, den ich kam. _Der_

Weg ist schlecht.

Zürnst du mir, dass ich zu lange schon rede-rade-breche? Dass ich schon

dir rathe? Aber wisse, ich bin’s, der hässlichste Mensch,

—der auch die grössten schwersten Füsse hat. Wo _ich_ gieng, ist der

Weg schlecht. Ich trete alle Wege todt und zu Schanden.

Dass du aber an mir vorübergiengst, schweigend; dass du erröthetest,

ich sah es wohl: daran erkannte ich dich als Zarathustra.

Jedweder Andere hätte mir sein Almosen zugeworfen, sein Mitleiden, mit

Blick und Rede. Aber dazu—bin ich nicht Bettler genug, das erriethest

du—

—dazu bin ich zu _reich_, reich an Grossem, an Furchtbarem, am

Hässlichsten, am Unaussprechlichsten! Deine Scham, oh Zarathustra,

_ehrte_ mich!

Mit Noth kam ich heraus aus dem Gedräng der Mitleidigen,—dass ich den

Einzigen fände, der heute lehrt „Mitleiden ist zudringlich“—dich, oh

Zarathustra!

—sei es eines Gottes, sei es der Menschen Mitleiden: Mitleiden geht

gegen die Scham. Und nicht-helfen-wollen kann vornehmer sein als jene

Tugend, die zuspringt.

_Das_ aber heisst heute Tugend selber bei allen kleinen Leuten, das

Mitleiden:—die haben keine Ehrfurcht vor grossem Unglück, vor grosser

Hässlichkeit, vor grossem Missrathen.

Über diese Alle blicke ich hinweg, wie ein Hund über die Rücken

wimmelnder Schafheerden wegblickt. Es sind kleine wohlwollige

wohlwillige graue Leute.

Wie ein Reiher verachtend über flache Teiche wegblickt, mit

zurückgelegtem Kopfe: so blicke ich über das Gewimmel grauer kleiner

Wellen und Willen und Seelen weg.

Zu lange hat man ihnen Recht gegeben, diesen kleinen Leuten: _so_ gab

man ihnen endlich auch die Macht—nun lehren sie: „gut ist nur, was

kleine Leute gut heissen.“

Und „Wahrheit“ heisst heute, was der Prediger sprach, der selber aus

ihnen herkam, jener wunderliche Heilige und Fürsprecher der kleinen

Leute, welcher von sich zeugte „ich—bin die Wahrheit.“

Dieser Unbescheidne macht nun lange schon den kleinen Leuten den Kamm

hoch schwellen—er, der keinen kleinen Irrthum lehrte, als er lehrte

„ich—bin die Wahrheit.“

Ward einem Unbescheidnen jemals höflicher geantwortet?—Du aber, oh

Zarathustra, giengst an ihm vorüber und sprachst: „Nein! Nein! Drei Mal

Nein!“

Du warntest vor seinem Irrthum, du warntest als der Erste vor dem

Mitleiden—nicht Alle, nicht Keinen, sondern dich und deine Art.

Du schämst dich an der Scham des grossen Leidenden; und wahrlich, wenn

du sprichst „von dem Mitleiden her kommt eine grosse Wolke, habt Acht,

ihr Menschen!“

—wenn du lehrst „alle Schaffenden sind hart, alle grosse Liebe ist über

ihrem Mitleiden“: oh Zarathustra, wie gut dünkst du mich eingelernt auf

Wetter-Zeichen!

Du selber aber—warne dich selber auch vor _deinem_ Mitleiden! Denn

Viele sind zu dir unterwegs, viele Leidende, Zweifelnde, Verzweifelnde,

Ertrinkende, Frierende—

Ich warne dich auch vor mir. Du erriethest mein bestes, schlimmstes

Räthsel, mich selber und was ich that. Ich kenne die Axt, die dich

fällt.

Aber er—_musste_ sterben: er sah mit Augen, welche _Alles_ sahn,—er sah

des Menschen Tiefen und Gründe, alle seine verhehlte Schmach und

Hässlichkeit.

Sein Mitleiden kannte keine Scham: er kroch in meine schmutzigsten

Winkel. Dieser Neugierigste, Über-Zudringliche, Über-Mitleidige musste

sterben.

Er sah immer _mich_: an einem solchen Zeugen wollte ich Rache

haben—oder selber nicht leben.

Der Gott, der Alles sah, _auch den Menschen_ dieser Gott musste

sterben! Der Mensch _erträgt_ es nicht, dass solch ein Zeuge lebt.“

Also, sprach der hässlichste Mensch. Zarathustra aber erhob sich und

schickte sich an fortzugehn: denn ihn fröstelte bis in seine

Eingeweide.

„Du Unaussprechlicher, sagte er, du warntest mich vor deinem Wege. Zum

Danke dafür lobe ich dir den meinen. Siehe, dort hinauf liegt die Höhle

Zarathustra’s.

Meine Höhle ist gross und tief und hat viele Winkel; da findet der

Versteckteste sein Versteck. Und dicht bei ihr sind hundert Schlüpfe

und Schliche für kriechendes, flatterndes und springendes Gethier.

Du Ausgestossener, der du dich selber ausstiessest, du willst nicht

unter Menschen und Menschen-Mitleid wohnen? Wohlan, so thu’s mir

gleich! So lernst du auch von mir; nur der Thäter lernt.

Und rede zuerst und -nächst mit meinen Thieren! Das stolzeste Thier und

das klügste Thier—die möchten uns Beiden wohl die rechten Rathgeber

sein!“—

Also sprach Zarathustra und gieng seiner Wege, nachdenklicher und

langsamer noch als zuvor: denn er fragte sich Vieles und wusste sich

nicht leicht zu antworten.

„Wie arm ist doch der Mensch! dachte er in seinem Herzen, wie hässlich,

wie röchelnd, wie voll verborgener Scham!

Man sagt mir, dass der Mensch sich selber liebe: ach, wie gross muss

diese Selber-Liebe sein! Wie viel Verachtung hat sie wider sich!

Auch dieser da liebte sich, wie er sich verachtete,—ein grosser

Liebender ist er mir und ein grosser Verächter.

Keinen fand ich noch, der sich tiefer verachtet hätte: auch _Das_ ist

Höhe. Wehe, war _Der_ vielleicht der höhere Mensch, dessen Schrei ich

hörte?

Ich liebe die grossen Verachtenden. Der Mensch aber ist Etwas, das

überwunden werden muss.“—

Der freiwillige Bettler

Als Zarathustra den hässlichsten Menschen verlassen hatte, fror ihn,

und er fühlte sich einsam: es gieng ihm nämlich vieles Kalte und

Einsame durch die Sinne, also, dass darob auch seine Glieder kälter

wurden. Indem er aber weiter und weiter stieg, hinauf, hinab, bald an

grünen Weiden vorbei, aber auch über wilde steinichte Lager, wo ehedem

wohl ein ungeduldiger Bach sich zu Bett gelegt hatte.- da wurde ihm mit

Einem Male wieder wärmer und herzlicher zu Sinne.

„Was geschah mir doch? fragte er sich, etwas Warmes und Lebendiges

erquickt mich, das muss in meiner Nähe sein.

Schon bin ich weniger allein; unbewusste Gefährten und Brüder schweifen

um mich, ihr warmer Athem rührt an meine Seele.“

Als er aber um sich spähete und nach den Tröstern seiner Einsamkeit

suchte: siehe, da waren es Kühe, welche auf einer Anhöhe bei einander

standen; deren Nähe und Geruch hatten sein Herz erwärmt. Diese Kühe

aber schienen mit Eifer einem Redenden zuzuhören und gaben nicht auf

Den Acht, der herankam. Wie aber Zarathustra ganz in ihrer Nähe war,

hörte er deutlich, dass eine Menschen-Stimme aus der Mitte der Kühe

heraus redete; und ersichtlich hatten sie allesammt ihre Köpfe dem

Redenden zugedreht.

Da sprang Zarathustra mit Eifer hinauf und drängte die Thiere

auseinander, denn er fürchtete, dass hier jemandem ein Leids geschehn

sei, welchem schwerlich das Mitleid von Kühen abhelfen mochte. Aber

darin hatte er sich getäuscht; denn siehe, da sass ein Mensch auf der

Erde und schien den Thieren zuzureden, dass sie keine Scheu vor ihm

haben sollten, ein friedfertiger Mensch und Berg-Prediger, aus dessen

Augen die Güte selber predigte. „Was suchst du hier?“ rief Zarathustra

mit Befremden.

„Was ich hier suche? antwortete er: das Selbe, was du suchst, du

Störenfried! nämlich das Glück auf Erden.

Dazu aber möchte ich von diesen Kühen lernen. Denn, weisst du wohl,

einen halben Morgen schon rede ich ihnen zu, und eben wollten sie mir

Bescheid geben. Warum doch störst du sie?

So wir nicht umkehren und werden wie die Kühe, so kommen wir nicht in

das Himmelreich. Wir sollten ihnen nämlich Eins ablernen: das

Wiederkäuen.

Und wahrlich, wenn der Mensch auch die ganze Welt gewönne und lernte

das Eine nicht, das Wiederkäuen: was hülfe es! Er würde nicht seine

Trübsal los

—seine grosse Trübsal: die aber heisst heute _Ekel_. Wer hat heute von

Ekel nicht Herz, Mund und Augen voll? Auch du! Auch du! Aber siehe doch

diese Kühe an!“—

Also sprach der Berg-Prediger und wandte dann seinen eignen Blick

Zarathustra zu,—denn bisher hieng er mit Liebe an den Kühen—: da aber

verwandelte er sich. „Wer ist das, mit dem ich rede? rief er erschreckt

und sprang vom Boden empor.

Diess ist der Mensch ohne Ekel, diess ist Zarathustra selber, der

Überwinder des grossen Ekels, diess ist das Auge, diess ist der Mund,

diess ist das Herz Zarathustra’s selber.“

Und indem er also sprach, küsste er Dem, zu welchem er redete, die

Hände, mit überströmenden Augen, und gebärdete sich ganz als Einer, dem

ein kostbares Geschenk und Kleinod unversehens vom Himmel fällt. Die

Kühe aber schauten dem Allen zu und wunderten sich.

„Sprich nicht von mir, du Wunderlicher! Lieblicher! sagte Zarathustra

und wehrte seiner Zärtlichkeit, sprich mir erst von dir! Bist du nicht

der freiwillige Bettler, der einst einen grossen Reichthum von sich

warf,—

—der sich seines Reichthums schämte und der Reichen, und zu den Ärmsten

floh, dass er ihnen seine Fülle und sein Herz schenke? Aber sie nahmen

ihn nicht an.“

„Aber sie nahmen mich nicht an, sagte der freiwillige Bettler, du

weisst es ja. So gieng ich endlich zu den Thieren und zu diesen Kühen.“

„Da lerntest du, unterbrach Zarathustra den Redenden, wie es schwerer

ist, recht geben als recht nehmen, und dass gut schenken eine _Kunst_

ist und die letzte listigste Meister-Kunst der Güte.“

„Sonderlich heutzutage, antwortete der freiwillige Bettler: heute

nämlich, wo alles Niedrige aufständisch ward und scheu und auf seine

Art hoffährtig: nämlich auf Pöbel-Art.

Denn es kam die Stunde, du weisst es ja, für den grossen schlimmen

langen langsamen Pöbel- und Sklaven-Aufstand: der wächst und wächst!

Nun empört die Niedrigen alles Wohlthun und kleine Weggeben; und die

Überreichen mögen auf der Hut sein!

Wer heute gleich bauchichten Flaschen tröpfelt aus allzuschmalen

Hälsen:—solchen Flaschen bricht man heute gern den Hals.

Lüsterne Gier, gallichter Neid, vergrämte Rachsucht, Pöbel-Stolz: das

sprang mir Alles in’s Gesicht. Es ist nicht mehr wahr, dass die Armen

selig sind. Das Himmelreich aber ist bei den Kühen.“

Und warum ist es nicht bei den Reichen? fragte Zarathustra versuchend,

während er den Kühen wehrte, die den Friedfertigen zutraulich

anschnauften.

„Was versuchst du mich? antwortete dieser. Du weisst es selber besser

noch als ich. Was trieb mich doch zu den Ärmsten, oh Zarathustra? War

es nicht der Ekel vor unsern Reichsten?

—vor den Sträflingen des Reichthums, welche sich ihren Vortheil aus

jedem Kehricht auflesen, mit kalten Augen, geilen Gedanken, vor diesem

Gesindel, das gen Himmel stinkt,

—vor diesem vergüldeten verfälschten Pöbel, dessen Väter Langfinger

oder Aasvögel oder Lumpensammler waren, mit Weibern willfährig,

lüstern, vergesslich:—sie haben’s nämlich alle nicht weit zur Hure—

Pöbel oben, Pöbel unten! Was ist heute noch „Arm“ und „Reich“! Diesen

Unterschied verlernte ich,—da floh ich davon, weiter, immer weiter, bis

ich zu diesen Kühen kam.“

Also sprach der Friedfertige und schnaufte selber und schwitzte bei

seinen Worten: also dass die Kühe sich von Neuem wunderten. Zarathustra

aber sah ihm immer mit Lächeln in’s Gesicht, als er so hart redete, und

schüttelte dazu schweigend den Kopf.

„Du thust dir Gewalt an, du Berg-Prediger, wenn du solche harte Worte

brauchst. Für solche Härte wuchs dir nicht der Mund, nicht das Auge.

Auch, wie mich dünkt, dein Magen selber nicht: _dem_ widersteht all

solches Zürnen und Hassen und Überschäumen. Dein Magen will sanftere

Dinge: du bist kein Fleischer.

Vielmehr dünkst du mich ein Pflanzler und Wurzelmann. Vielleicht malmst

du Körner. Sicherlich aber bist du fleischlichen Freuden abhold und

liebst den Honig.“

„Du erriethst mich gut, antwortete der freiwillige Bettler, mit

erleichtertem Herzen. Ich liebe den Honig, ich malme auch Körner, denn

ich suchte, was lieblich mundet und reinen Athem macht:

—auch was lange Zeit braucht, ein Tag- und Maul-Werk für sanfte

Müssiggänger und Tagediebe.

Am weitesten freilich brachten es diese Kühe: die erfanden sich das

Wiederkäuen und In-der-Sonne-Liegen. Auch enthalten sie sich aller

schweren Gedanken, welche das Herz blähn.“

„- Wohlan! sagte Zarathustra: du solltest auch _meine_ Thiere sehn,

meinen Adler und meine Schlange,—ihres Gleichen giebt es heute nicht

auf Erden.

Siehe, dorthin führt der Weg zu meiner Höhle: sei diese Nacht ihr Gast.

Und rede mit meinen Thieren vom Glück der Thiere,—

—bis ich selber heimkomme. Denn jetzt ruft ein Nothschrei Mich eilig

weg von dir. Auch findest du neuen Honig bei mir, eisfrischen

Waben-Goldhonig: den iss!

Jetzt aber nimm flugs Abschied von deinen Kühen, du Wunderlicher!

Lieblicher! ob es dir schon schwer werden mag. Denn es sind deine

wärmsten Freunde und Lehrmeister!“—

„- Einen ausgenommen, den ich noch lieber habe, antwortete der

freiwillige Bettler. Du selber bist gut und besser noch als eine Kuh,

oh Zarathustra!“

„Fort, fort mit dir! du arger Schmeichler! schrie Zarathustra mit

Bosheit, was verdirbst du mich mit solchem Lob und Schmeichel-Honig?“

„Fort, fort von mir!“ schrie er noch Ein Mal und schwang seinen Stock

nach dem zärtlichen Bettler: der aber lief hurtig davon.

Der Schatten

Kaum aber war der freiwillige Bettler davongelaufen und Zarathustra

wieder mit sich allein, da hörte er hinter sich eine neue Stimme: die

rief „Halt! Zarathustra! So warte doch! Ich bin’s ja, oh Zarathustra,

ich, dein Schatten!“ Aber Zarathustra wartete nicht, denn ein

plötzlicher Verdruss überkam ihn ob des vielen Zudrangs und Gedrängs in

seinen Bergen. „Wo ist meine Einsamkeit hin? sprach er.

Es wird mir wahrlich zu viel; diess Gebirge wimmelt, mein Reich ist

nicht mehr von _dieser_ Welt, ich brauche neue Berge.

Mein Schatten ruft mich? Was liegt an meinem Schatten! Mag er mir

nachlaufen! ich—laufe ihm davon.“—

Also sprach Zarathustra zu seinem Herzen und lief davon. Aber Der,

welcher hinter ihm war, folgte ihm nach: so dass alsbald drei Laufende

hinter einander her waren, nämlich voran der freiwillige Bettler, dann

Zarathustra und zudritt und -hinterst sein Schatten. Nicht lange liefen

sie so, da kam Zarathustra zur Besinnung über seine Thorheit und

schüttelte mit Einem Rucke allen Verdruss und Überdruss von sich.

„Wie! sprach er, geschahen nicht von je die lächerlichsten Dinge bei

uns alten Einsiedlern und Heiligen?

Wahrlich, meine Thorheit wuchs hoch in den Bergen! Nun höre ich sechs

alte Narren-Beine hinter einander her klappern!

Darf aber Zarathustra sich wohl vor einem Schatten fürchten? Auch dünkt

mich zu guterletzt, dass er längere Beine hat als ich.“

Also sprach Zarathustra, lachend mit Augen und Eingeweiden, blieb

stehen und drehte sich schnell herum—und siehe, fast warf er dabei

seinen Nachfolger und Schatten zu Boden: so dicht schon folgte ihm

derselbe auf den Fersen, und so schwach war er auch. Als er ihn nämlich

mit Augen prüfte, erschrak er wie vor einem plötzlichen Gespenste: so

dünn, schwärzlich, hohl und überlebt sah dieser Nachfolger aus.

„Wer bist du? fragte Zarathustra heftig, was treibst du hier? Und

wesshalb heissest du dich meinen Schatten? Du gefällst mir nicht.“

„Vergieb mir, antwortete der Schatten, dass ich’s bin; und wenn ich dir

nicht gefalle, wohlan, oh Zarathustra! darin lobe ich dich und deinen

guten Geschmack.

Ein Wanderer bin ich, der viel schon hinter deinen Fersen her gieng:

immer unterwegs, aber ohne Ziel, auch ohne Heim: also dass mir wahrlich

wenig zum ewigen Juden fehlt, es sei denn, dass ich nicht ewig, und

auch nicht Jude bin.

Wie? Muss ich immerdar unterwegs sein? Von jedem Winde gewirbelt,

unstät, fortgetrieben? Oh Erde, du wardst mir zu rund!

Auf jeder Oberfläche sass ich schon, gleich müdem Staube schlief ich

ein auf Spiegeln und Fensterscheiben: Alles nimmt von mir, Nichts

giebt, ich werde dünn,—fast gleiche ich einem Schatten.

Dir aber, oh Zarathustra, flog und zog ich am längsten nach, und,

verbarg ich mich schon vor dir, so war ich doch dein bester Schatten:

wo du nur gesessen hast, sass ich auch.

Mit dir bin ich in fernsten, kältesten Welten umgegangen, einem

Gespenste gleich, das freiwillig über Winterdächer und Schnee läuft.

Mit dir strebte ich in jedes Verbotene, Schlimmste, Fernste: und wenn

irgend Etwas an mir Tugend ist, so ist es, dass ich vor keinem Verbote

Furcht hatte.

Mit dir zerbrach ich, was je mein Herz verehrte, alle Grenzsteine und

Bilder warf ich um, den gefährlichsten Wünschen lief ich

nach,—wahrlich, über jedwedes Verbrechen lief ich einmal hinweg.

Mit dir verlernte ich den Glauben an Worte und Werthe und grosse Namen.

Wenn der Teufel sich häutet, fällt da nicht auch sein Name ab? der ist

nämlich auch Haut. Der Teufel selber ist vielleicht—Haut.

„Nichts ist wahr, Alles ist erlaubt“: so sprach ich mir zu. In die

kältesten Wasser stürzte ich mich, mit Kopf und Herzen. Ach, wie oft

stand ich darob nackt als rother Krebs da!

Ach, wohin kam mir alles Gute und alle Scham und aller Glaube an die

Guten! Ach, wohin ist jene verlogne Unschuld, die ich einst besass, die

Unschuld der Guten und ihrer edlen Lügen!

Zu oft, wahrlich, folgte ich der Wahrheit dicht auf dem Fusse: da trat

sie mir vor den Kopf. Manchmal meinte ich zu lügen, und siehe! da erst

traf ich—die Wahrheit.

Zu Viel klärte sich mir auf: nun geht es mich Nichts mehr an. Nichts

lebt mehr, das ich liebe,—wie sollte ich noch mich selber lieben?

„Leben, wie ich Lust habe, oder gar nicht leben“: so will ich’s, so

will’s auch der Heiligste. Aber, wehe! wie habe _ich_ noch—Lust?

Habe _ich_—noch ein Ziel? Einen Hafen, nach dem _mein_ Segel läuft?

Einen guten Wind? Ach, nur wer weiss, _wohin_ er fährt, weiss auch,

welcher Wind gut und sein Fahrwind ist.

Was blieb mir noch zurück? Ein Herz müde und frech; ein unstäter Wille;

Flatter-Flügel; ein zerbrochnes Rückgrat.

Diess Suchen nach _meinem_ Heim: oh Zarathustra, weisst du wohl, diess

Suchen war _meine_ Heimsuchung, es frisst mich auf.

„Wo ist—_mein_ Heim?“ Darnach frage und suche und suchte ich, das fand

ich nicht. Oh ewiges Überall, oh ewiges Nirgendwo, oh ewiges—Umsonst!“

Also sprach der Schatten, und Zarathustra’s Gesicht verlängerte sich

bei seinen Worten. „Du bist mein Schatten! sagte er endlich, mit

Traurigkeit.

Deine Gefahr ist keine kleine, du freier Geist und Wanderer! Du hast

einen schlimmen Tag gehabt: sieh zu, dass dir nicht noch ein

schlimmerer Abend kommt!

Solchen Unstäten, wie du, dünkt zuletzt auch ein Gefängniss selig.

Sahst du je, wie eingefangne Verbrecher schlafen? Sie schlafen ruhig,

sie gemessen ihre neue Sicherheit.

Hüte dich, dass dich nicht am Ende noch ein enger Glaube einfängt, ein

harter, strenger Wahn! Dich nämlich verführt und versucht nunmehr

Jegliches, das eng und fest ist.

Du hast das Ziel verloren: wehe, wie wirst du diesen Verlust

verscherzen und verschmerzen? Damit—hast du auch den Weg verloren!

Du armer Schweifender, Schwärmender, du müder Schmetterling! willst du

diesen Abend eine Rast und Heimstätte haben? So gehe hinauf zu meiner

Höhle!

Dorthin führt der Weg zu meiner Höhle. Und jetzo will ich Schnell

wieder von dir davonlaufen. Schon liegt es wie ein Schatten auf mir.

Ich will allein laufen, dass es wieder hell um mich werde. Dazu muss

ich noch lange lustig auf den Beinen sein. Des Abends aber wird bei

mir—getanzt!“—

Also sprach Zarathustra.

Mittags

—Und Zarathustra lief und lief und fand Niemanden mehr und war allein

und fand immer wieder sich und genoss und schlürfte seine Einsamkeit

und dachte an gute Dinge,—stundenlang. Um die Stunde des Mittags aber,

als die Sonne gerade über Zarathustra’s Haupte stand, kam er an einem

alten krummen und knorrichten Baume vorbei, der von der reichen Liebe

eines Weinstocks rings umarmt und vor sich selber verborgen war: von

dem hiengen gelbe Trauben in Fülle dem Wandernden entgegen. Da

gelüstete ihn, einen kleinen Durst zu löschen und sich eine Traube

abzubrechen; als er aber schon den Arm dazu ausstreckte, da gelüstete

ihn etwas Anderes noch mehr: nämlich sich neben den Baum niederzulegen,

um die Stunde des vollkommnen Mittags, und zu schlafen.

Diess that Zarathustra; und sobald er auf dem Boden lag, in der Stille

und Heimlichkeit des bunten Grases, hatte er auch schon seinen kleinen

Durst vergessen und schlief ein. Denn, wie das Sprichwort Zarathustra’s

sagt: Eins ist nothwendiger als das Andre. Nur dass seine Augen offen

blieben:—sie wurden nämlich nicht satt, den Baum und die Liebe des

Weinstocks zu sehn und zu preisen. Im Einschlafen aber sprach

Zarathustra also zu seinem Herzen:

Still! Still! Ward die Welt nicht eben vollkommen? Was geschieht mir

doch?

Wie ein zierlicher Wind, ungesehn, auf getäfeltem Meere tanzt, leicht,

federleicht: so—tanzt der Schlaf auf mir,

Kein Auge drückt er mir zu, die Seele lässt er mir wach. Leicht ist er,

wahrlich! federleicht.

Er überredet mich, ich weiss nicht wie?, er betupft mich innewendig mit

schmeichelnder Hand, er zwingt mich. Ja, er zwingt mich, dass meine

Seele sich ausstreckt:—

—wie sie mir lang und müde wird, meine wunderliche Seele! Kam ihr eines

siebenten Tages Abend gerade am Mittage? Wandelte sie zu lange schon

selig zwischen guten und reifen Dingen?

Sie streckt sich lang aus, lang,—länger! sie liegt stille, meine

wunderliche Seele. Zu viel Gutes hat sie schon geschmeckt, diese.

goldene Traurigkeit drückt sie, sie verzieht den Mund.

—Wie ein Schiff, das in seine stillste Bucht einlief:—nun lehnt es sich

an die Erde, der langen Reisen müde und der ungewissen Meere. Ist die

Erde nicht treuer?

Wie solch ein Schiff sich dem Lande anlegt, anschmiegt:—da genügt’s,

dass eine Spinne vom Lande her zu ihm ihren Faden spinnt. Keiner

stärkeren Taue bedarf es da.

Wie solch ein müdes Schiff in der stillsten Bucht: so ruhe auch ich nun

der Erde nahe, treu, zutrauend, wartend, mit den leisesten Fäden ihr

angebunden.

Oh Glück! Oh Glück! Willst du wohl singen, oh meine Seele? Du liegst im

Grase. Aber das ist die heimliche feierliche Stunde, wo kein Hirt seine

Flöte bläst.

Scheue dich! Heisser Mittag schläft auf den Fluren. Singe. nicht!

Still! Die Welt ist vollkommen.

Singe nicht, du Gras-Geflügel, oh meine Seele! Flüstere nicht einmal!

Sieh doch —still! der alte Mittag schläft, er bewegt den Mund: trinkt

er nicht eben einen Tropfen Glücks—

—einen alten braunen Tropfen goldenen Glücks, goldenen Weins? Es huscht

über ihn hin, sein Glück lacht. So—lacht ein Gott. Still!—

—„Zum Glück, wie wenig genügt schon zum Glücke!“ So sprach ich einst,

und dünkte mich klug. Aber es war eine Lästerung: _das_ lernte ich nun.

Kluge Narrn reden besser.

Das Wenigste gerade, das Leiseste, Leichteste, einer Eidechse Rascheln,

ein Hauch, ein Husch, ein Augen-Blidk—_Wenig_ macht die Art des

_besten_ Glücks. Still!

—Was geschah mir: Horch! Flog die Zeit wohl davon? Falle ich nicht?

Fiel ich nicht—horch! in den Brunnen der Ewigkeit?

—Was geschieht mir? Still! Es sticht mich—wehe—in’s Herz? In’s Herz! Oh

zerbrich, zerbrich, Herz, nach solchem Glücke, nach solchem Stiche!

—Wie? Ward die Welt nicht eben vollkommen? Rund und reif? Oh des

goldenen runden Reifs—wohin fliegt er wohl? Laufe ich ihm nach! Husch!

Still—- (und hier dehnte sich Zarathustra und fühlte, dass er

schlafe.)—

Auf! sprach er zu sich selber, du Schläfer! Du Mittagsschläfer! Wohlan,

wohlauf, ihr alten Beine! Zeit ist’s und Überzeit, manch gut Stück Wegs

blieb euch noch zurück—

Nun schlieft ihr euch aus, wie lange doch? Eine halbe Ewigkeit! Wohlan,

wohlauf nun, mein altes Herz! Wie lange erst darfst du nach solchem

Schlaf—dich auswachen?

(Aber da schlief er schon von Neuem ein, und seine Seele sprach gegen

ihn und wehrte sich und legte sich wieder hin)—„Lass mich doch! Still!

Ward nicht die Welt eben vollkommen? Oh des goldnen runden Balls!“—

„Steh auf, sprach Zarathustra, du kleine Diebin, du Tagediebin! Wie?

Immer noch sich strecken, gähnen, seufzen, hinunterfallen in tiefe

Brunnen?

Wer bist du doch! Oh meine Seele!“ (und hier erschrak er, denn ein

Sonnenstrahl fiel vom Himmel herunter auf sein Gesicht)

„Oh Himmel über mir, sprach er seufzend und setzte sich aufrecht, du

schaust mir zu? Du horchst meiner wunderlichen Seele zu?

Wann trinkst du diesen Tropfen Thau’s, der auf alle Erden-Dinge

niederfiel,—wann trinkst du diese wunderliche Seele—

—wann, Brunnen der Ewigkeit! du heiterer schauerlicher Mittags-Abgrund!

wann trinkst du meine Seele in dich zurück?“

Also sprach Zarathustra und erhob sich von seinem Lager am Baume wie

aus einer fremden Trunkenheit: und siehe, da stand die Sonne immer noch

gerade über seinem Haupte. Es möchte aber Einer daraus mit Recht

abnehmen, dass Zarathustra damals nicht lange geschlafen habe.

Die Begrüssung

Am späten Nachmittage war es erst, dass Zarathustra, nach langem

umsonstigen Suchen und Umherstreifen, wieder zu seiner Höhle heimkam.

Als er aber derselben gegenüberstand, nicht zwanzig Schritt mehr von

ihr ferne, da geschah das, was er jetzt am wenigsten erwartete: von

Neuem hörte er den grossen _Nothschrei_. Und, erstaunlich! diess Mal

kam derselbige aus seiner eignen Höhle. Es war aber ein langer

vielfältiger seltsamer Schrei, und Zarathustra unterschied deutlich,

dass er sich aus vielen Stimmen zusammensetze: mochte er schon, aus der

Ferne gehört, gleich dem Schrei aus einem einzigen Munde klingen.

Da sprang Zarathustra auf seine Höhle zu, und siehe! welches Schauspiel

erwartete ihn erst nach diesem Hörspiele! Denn da sassen sie allesammt

bei einander, an denen er des Tags vorübergegangen war: der König zur

Rechten und der König zur Linken, der alte Zauberer, der Papst, der

freiwillige Bettler, der Schatten, der Gewissenhafte des Geistes, der

traurige Wahrsager und der Esel; der hässlichste Mensch aber hatte sich

eine Krone aufgesetzt und zwei Purpurgürtel umgeschlungen,—denn er

liebte es, gleich allen Hässlichen, sich zu verkleiden und schön zu

thun. Inmitten aber dieser betrübten Gesellschaft stand der Adler

Zarathustra’s, gesträubt und unruhig, denn er sollte auf zu Vieles

antworten, wofür sein Stolz keine Antwort hatte; die kluge Schlange

aber hieng um seinen Hals.

Diess Alles schaute Zarathustra mit grosser Verwunderung; dann prüfte

er jeden Einzelnen seiner Gäste mit leutseliger Neugierde, las ihre

Seelen ab und wunderte sich von Neuem. Inzwischen hatten sich die

Versammelten von ihren Sitzen erhoben und warteten mit Ehrfurcht, dass

Zarathustra reden werde. Zarathustra aber sprach also:

„Ihr Verzweifelnden! Ihr Wunderlichen! Ich hörte also _euren_

Nothschrei? Und nun weiss ich auch, wo Der zu suchen ist, den ich

umsonst heute suchte: der höhere Mensch—:

—in meiner eignen Höhle sitzt er, der höhere Mensch! Aber was wundere

ich mich! Habe ich ihn nicht selber zu mir gelockt durch Honig-Opfer

und listige Lockrufe meines Glücks?

Doch dünkt mir, ihr taugt euch schlecht zur Gesellschaft, ihr macht

einander das Herz unwirsch, ihr Nothschreienden, wenn ihr hier

beisammen sitzt? Es muss erst Einer kommen,

—Einer, der euch wieder lachen macht, ein guter fröhlicher Hanswurst,

ein Tänzer und Wind und Wildfang, irgend ein alter Narr:—was dünket

euch?

Vergebt mir doch, ihr Verzweifelnden, dass ich vor euch mit solch

kleinen Worten rede, unwürdig, wahrlich!, solcher Gäste! Aber ihr

errathet nicht, _was_ mein Herz muthwillig macht:—

—ihr selber thut es und euer Anblick, vergebt es mir! Jeder nämlich

wird muthig, der einem Verzweifelnden zuschaut. Einem Verzweifelnden

zuzusprechen—dazu dünkt sich jeder stark genug.

Mir selber gabt ihr diese Kraft,—eine gute Gabe, meine hohen Gäste! Ein

rechtschaffnes Gastgeschenk! Wohlan, so zürnt nun nicht, dass ich euch

auch vom Meinigen anbiete.

Diess hier ist mein Reich und meine Herrschaft: was aber mein ist, für

diesen Abend und diese Nacht soll es euer sein. Meine Thiere sollen

euch dienen: meine Höhle sei eure Ruhestatt!

Bei mir zu Heim-und-Hause soll Keiner verzweifeln, in meinem Reviere

schütze ich jeden vor seinen wilden Thieren. Und das ist das Erste, was

ich euch anbiete: Sicherheit!

Das Zweite aber ist: mein kleiner Finger. Und habt ihr _den_ erst, so

nehmt nur noch die ganze Hand, wohlan! und das Herz dazu! Willkommen

hier, willkommen, meine Gastfreunde!“

Also sprach Zarathustra und lachte vor Liebe und Bosheit. Nach dieser

Begrüssung verneigten sich seine Gäste abermals und schwiegen

ehrfürchtig; der König zur Rechten aber antwortete ihm in ihrem Namen.

„Daran, oh Zarathustra, wie du uns Hand und Gruss botest, erkennen wir

dich als Zarathustra. Du erniedrigtest dich vor uns; fast thatest du

unserer Ehrfurcht wehe—:

—wer aber vermochte gleich dir sich mit solchem Stolze zu erniedrigen?

_Das_ richtet uns selber auf, ein Labsal ist es unsern Augen und

Herzen.

Diess allein nur zu schaun, stiegen gern wir auf höhere Berge, als

dieser Berg ist. Als Schaulustige nämlich kamen wir, wir wollten sehn,

was trübe Augen hell macht.

Und siehe, schon ist es vorbei mit allem unsern Nothschrein. Schon

steht Sinn und Herz uns offen und ist entzückt. Wenig fehlt: und unser

Muth wird muthwillig.

Nichts, oh Zarathustra, wächst Erfreulicheres auf Erden, als ein hoher

starker Wille: der ist ihr schönstes Gewächs. Eine ganze Landschaft

erquickt sich an Einem solchen Baume.

Der Pinie vergleiche ich, wer gleich dir, oh Zarathustra, aufwächst:

lang, schweigend, hart, allein, besten biegsamsten Holzes, herrlich,—

—zuletzt aber hinausgreifend mit starken grünen Ästen nach _seiner_

Herrschaft, starke Fragen fragend vor Winden und Wettern und was immer

auf Höhen heimisch ist,

—stärker antwortend, ein Befehlender, ein Siegreicher: oh wer sollte

nicht, solche Gewächse zu schaun, auf hohe Berge steigen?

Deines Baumes hier, oh Zarathustra, erlabt sich auch der Düstere, der

Missrathene, an deinem Anblicke wird auch der Unstäte sicher und heilt

sein Herz.

Und wahrlich, zu deinem Berge und Baume richten sich heute viele Augen;

eine grosse Sehnsucht hat sich aufgemacht, und Manche lernten fragen:

wer ist Zarathustra?

Und wem du jemals dein Lied und deinen Honig in’s Ohr geträufelt: alle

die Versteckten, die Einsiedler, die Zweisiedler sprachen mit Einem

Male zu ihrem Herzen:

„Lebt Zarathustra noch? Es lohnt sich nicht mehr zu leben, Alles ist

gleich, Alles ist umsonst: oder—wir müssen mit Zarathustra leben!“

„Warum kommt er nicht, der sich so lange ankündigte? also fragen Viele;

verschlang ihn die Einsamkeit? Oder sollen wir wohl zu ihm kommen?“

Nun geschieht’s, dass die Einsamkeit selber mürbe wird und zerbricht,

einem Grabe gleich, das zerbricht und seine Todten nicht mehr halten

kann. Überall sieht man Auferstandene.

Nun steigen und steigen die Wellen um deinen Berg, oh Zarathustra. Und

wie hoch auch deine Höhe ist, Viele müssen zu dir hinauf; dein Nachen

soll nicht lange mehr im Trocknen sitzen.

Und dass wir Verzweifelnde jetzt in deine Höhle kamen und schon nicht

mehr verzweifeln: ein Wahr- und Vorzeichen ist es nur, davon, dass

Bessere zu dir unterwegs sind,—

—denn er selber ist zu dir unterwegs, der letzte Rest Gottes unter

Menschen, das ist: alle die Menschen der grossen Sehnsucht, des grossen

Ekels, des grossen Überdrusses,

—Alle, die nicht leben wollen, oder sie lernen wieder _hoffen_—oder sie

lernen von dir, oh Zarathustra, die _grosse_ Hoffnung!“

Also sprach der König zur Rechten und ergriff die Hand Zarathustra’s,

um sie zu küssen; aber Zarathustra wehrte seiner Verehrung und trat

erschreckt zurück, schweigend und plötzlich wie in weite Fernen

entfliehend. Nach einer kleinen Weile aber war er schon wieder bei

seinen Gästen, blickte sie mit hellen, prüfenden Augen an und sprach:

Meine Gäste, ihr höheren Menschen, ich will deutsch und deutlich mit

euch reden. Nicht auf _euch_ wartete ich hier in diesen Bergen.

(„Deutsch und deutlich? Dass Gott erbarm! sagte hier der König zur

Linken, bei Seite; man merkt, er kennt die lieben Deutschen nicht,

dieser Weise aus dem Morgenlande!

Aber er meint „deutsch und derb“—wohlan! Das ist heutzutage noch nicht

der schlimmste Geschmack!“)

„Ihr mögt wahrlich insgesammt höhere Menschen sein, fuhr Zarathustra

fort: aber für mich—seid ihr nicht hoch und stark genug.

Für mich, das heisst: für das Unerbittliche, das in mir schweigt, aber

nicht immer schweigen wird. Und gehört ihr zu mir, so doch nicht als

mein rechter Arm.

Wer nämlich selber auf kranken und zarten Beinen steht, gleich euch,

der will vor Allem, ob er’s weiss oder sich verbirgt: dass er

_geschont_ werde.

Meine Arme und meine Beine aber schone ich nicht, ich schone meine

Krieger nicht: wieso könntet ihr zu _meinem_ Kriege taugen?

Mit euch verdürbe ich mir jeden Sieg noch. Und Mancher von euch fiele

schon um, wenn er nur den lauten Schall meiner Trommeln hörte.

Auch seid ihr mir nicht schön genug und wohlgeboren. Ich brauche reine

glatte Spiegel für meine Lehren; auf eurer Oberfläche verzerrt sich

noch mein eignes Bildniss.

Eure Schultern drückt manche Last, manche Erinnerung; manch schlimmer

Zwerg hockt in euren Winkeln. Es giebt verborgenen Pöbel auch in euch.

Und seid ihr auch hoch und höherer Art: Vieles an euch ist krumm und

missgestalt. Da ist kein Schmied in der Welt, der euch mir zurecht und

gerade schlüge.

Ihr seid nur Brücken: mögen Höhere auf euch hinüber schreiten! Ihr

bedeutet Stufen: so zürnt Dem nicht, der über euch hinweg in _seine_

Höhe steigt!

Aus eurem Samen mag auch mir einst ein ächter Sohn und vollkommener

Erbe wachsen: aber das ist ferne. Ihr selber seid Die nicht, welchen

mein Erbgut und Name zugehört.

Nicht auf euch warte ich hier in diesen Bergen, nicht mit euch darf ich

zum letzten Male niedersteigen. Als Vorzeichen kamt ihr mir nur, dass

schon Höhere zu mir unterwegs sind,—

—_nicht_ die Menschen der grossen Sehnsucht, des grossen Ekels, des

grossen Überdrusses und Das, was ihr den Überrest Gottes nanntet.

—Nein! Nein! Drei Mal Nein! Auf _Andere_ warte ich hier in diesen

Bergen und will meinen Fuss nicht ohne sie von dannen heben,

—auf Höhere, Stärkere, Sieghaftere, Wohlgemuthere, Solche, die

rechtwinklig gebaut sind an Leib und Seele: _lachende Löwen_ müssen

kommen!

Oh, meine Gastfreunde, ihr Wunderlichen,—hörtet ihr noch Nichts von

meinen Kindern? Und dass sie zu mir unterwegs sind?

Sprecht mir doch von meinen Gärten, von meinen glückseligen Inseln, von

meiner neuen schönen Art,—warum sprecht ihr mir nicht davon?

Diess Gastgeschenk erbitte ich mir von eurer Liebe, dass ihr mir von

meinen Kindern sprecht. Hierzu bin ich reich, hierzu ward ich arm: was

gab ich nicht hin,

—was gäbe ich nicht hin, dass ich Eins hätte: _diese_ Kinder, _diese_

lebendige Pflanzung, _diese_ Lebensbäume meines Willens und meiner

höchsten Hoffnung!“

Also sprach Zarathustra und hielt plötzlich inne in seiner Rede: denn

ihn überfiel seine Sehnsucht, und er schloss Augen und Mund vor der

Bewegung seines Herzens. Und auch alle seine Gäste schwiegen und

standen still und bestürzt: nur dass der alte Wahrsager mit Händen und

Gebärden Zeichen gab.

Das Abendmahl

An dieser Stelle nämlich unterbrach der Wahrsager die Begrüssung

Zarathustra’s und seiner Gäste: er drängte sich vor, wie Einer, der

keine Zeit zu verlieren hat, fasste die Hand Zarathustra’s und rief:

„Aber Zarathustra!

Eins ist nothwendiger als das Andre, so redest du selber: wohlan, Eins

ist _mir_ jetzt nothwendiger als alles Andere.

Ein Wort zur rechten Zeit: hast du mich nicht zum _Mahle_ eingeladen?

Und hier sind viele, die lange Wege machten. Du willst uns doch nicht

mit Reden abspeisen?

Auch gedachtet ihr Alle mir schon zu viel des Erfrierens, Ertrinkens,

Erstickens und andrer Leibes-Nothstände: Keiner aber gedachte _meines_

Nothstandes, nämlich des Verhungerns—„

(Also sprach der Wahrsager; wie die Thiere Zarathustra’s aber diese

Worte hörten, liefen sie vor Schrecken davon. Denn sie sahen, dass was

sie auch am Tage heimgebracht hatten, nicht genug sein werde, den Einen

Wahrsager zu stopfen.)

„Eingerechnet das Verdursten, fuhr der Wahrsager fort. Und ob ich schon

Wasser hier plätschern höre, gleich Reden der Weisheit, nämlich

reichlich und unermüdlich: ich—will _Wein_!

Nicht jeder ist gleich Zarathustra ein geborner Wassertrinker. Wasser

taugt auch nicht für Müde und Verwelkte: _uns_ gebührt Wein,—_der_ erst

giebt plötzliches Genesen und stegreife Gesundheit!“

Bei dieser Gelegenheit, da der Wahrsager nach Wein begehrte, geschah

es, dass auch der König zur Linken, der Schweigsame, einmal zu Worte

kam. „Für Wein, sprach er, trugen _wir_ Sorge, ich sammt meinem Bruder,

dem Könige zur Rechten: wir haben Weins genug,—einen ganzen Esel voll.

So fehlt Nichts als Brod.“

„Brod? entgegnete Zarathustra und lachte dazu. Nur gerade Brod haben

Einsiedler nicht. Aber der Mensch lebt nicht vom Brod allein, sondern

auch vom Fleische guter Lämmer, deren ich zwei habe:

—_Die_ soll man geschwinde schlachten und würzig, mit Salbei,

zubereiten: so liebe ich’s. Und auch an Wurzeln und Früchten fehlt es

nicht, gut genug selbst für Lecker- und Schmeckerlinge; noch an Nüssen

und andern Räthseln zum Knacken.

Also wollen wir in Kürze eine gute Mahlzeit machen. Wer aber mit essen

will, muss auch mit Hand anlegen, auch die Könige. Bei Zarathustra

nämlich darf auch ein König Koch sein.“

Mit diesem Vorschlage war Allen nach dem Herzen geredet: nur dass der

freiwillige Bettler sich gegen Fleisch und Wein und Würzen sträubte.

„Nun hört mir doch diesen Schlemmer Zarathustra! sagte er scherzhaft:

geht man dazu in Höhlen und Hoch-Gebirge, dass man solche Mahlzeiten

macht?

Nun freilich verstehe ich, was er einst uns lehrte: „Gelobt sei die

kleine Armuth!“ Und warum er die Bettler abschaffen will.“

„Sei guter Dinge, antwortete ihm Zarathustra, wie ich es bin. Bleibe

bei deiner Sitte, du Trefflicher, malme deine Körner, trink dein

Wasser, lobe deine Küche: wenn sie dich nur fröhlich macht!

Ich bin ein Gesetz nur für die Meinen, ich bin kein Gesetz für Alle.

Wer aber zu mir gehört, der muss von starken Knochen sein, auch von

leichten Füssen,—

—lustig zu Kriegen und Festen, kein Düsterling, kein Traum-Hans, bereit

zum Schwersten wie zu seinem Feste, gesund und heil.

Das Beste gehört den Meinen und mir; und giebt man’s uns nicht, so

nehmen wir’s:—die beste Nahrung, den reinsten Himmel, die stärksten

Gedanken, die schönsten Fraun!“—

Also sprach Zarathustra; der König zur Rechten aber entgegnete:

„Seltsam! Vernahm man je solche kluge Dinge aus dem Munde eines Weisen?

Und wahrlich, das ist das Seltsamste an einem Weisen, wenn er zu

alledem auch noch klug und kein Esel ist.“

Also sprach der König zur Rechten und wunderte sich; der Esel aber

sagte zu seiner Rede mit bösem Willen I-A. Diess aber war der Anfang

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