Von den Freuden- und Leidenschaften Also Sprach Zarathustra · Capítulo 7 de 57
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Von den Freuden- und Leidenschaften

Von den Freuden- und Leidenschaften

Mein Bruder, wenn du eine Tugend hast, und es deine Tugend ist, so hast

du sie mit Niemandem gemeinsam.

Freilich, du willst sie bei Namen nennen und liebkosen; du willst sie

am Ohre zupfen und Kurzweil mit ihr treiben.

Und siehe! Nun hast du ihren Namen mit dem Volke gemeinsam und bist

Volk und Heerde geworden mit deiner Tugend!

Besser thätest du, zu sagen: „unaussprechbar ist und namenlos, was

meiner Seele Qual und Süsse macht und auch noch der Hunger meiner

Eingeweide ist.“

Deine Tugend sei zu hoch für die Vertraulichkeit der Namen: und musst

du von ihr reden, so schäme dich nicht, von ihr zu stammeln.

So sprich und stammle: „Das ist _mein_ Gutes, das liebe ich, so gefällt

es mir ganz, so allein will ich das Gute.

Nicht will ich es als eines Gottes Gesetz, nicht will ich es als eine

Menschen-Satzung und -Nothdurft: kein Wegweiser sei es mir für

Über-Erden und Paradiese.

Eine irdische Tugend ist es, die ich liebe: wenig Klugheit ist darin

und am wenigsten die Vernunft Aller.

Aber dieser Vogel baute bei mir sich das Nest: darum liebe und herze

ich ihn,—nun sitze er bei mir auf seinen goldnen Eiern.“

So sollst du stammeln und deine Tugend loben.

Einst hattest du Leidenschaften und nanntest sie böse. Aber jetzt hast

du nur noch deine Tugenden: die wuchsen aus deinen Leidenschaften.

Du legtest dein höchstes Ziel diesen Leidenschaften an’s Herz: da

wurden sie deine Tugenden und Freudenschaften.

Und ob du aus dem Geschlechte der Jähzornigen wärest oder aus dem der

Wollüstigen oder der Glaubens-Wüthigen oder der Rachsüchtigen:

Am Ende wurden alle deine Leidenschaften zu Tugenden und alle deine

Teufel zu Engeln.

Einst hattest du wilde Hunde in deinem Keller: aber am Ende

verwandelten sie sich zu Vögeln und lieblichen Sängerinnen.

Aus deinen Giften brautest du dir deinen Balsam; deine Kuh Trübsal

melktest du, —nun trinkst du die süsse Milch ihres Euters.

Und nichts Böses wächst mehr fürderhin aus dir, es sei denn das Böse,

das aus dem Kampfe deiner Tugenden wächst.

Mein Bruder, wenn du Glück hast, so hast du Eine Tugend und nicht mehr:

so gehst du leichter über die Brücke.

Auszeichnend ist es, viele Tugenden zu haben, aber ein schweres Loos;

und Mancher gieng in die Wüste und tödtete sich, weil er müde war,

Schlacht und Schlachtfeld von Tugenden zu sein.

Mein Bruder, ist Krieg und Schlacht böse? Aber nothwendig ist diess

Böse, nothwendig ist der Neid und das Misstrauen und die Verleumdung

unter deinen Tugenden.

Siehe, wie jede deiner Tugenden begehrlich ist nach dem Höchsten: sie

will deinen ganzen Geist, dass er _ihr_ Herold sei, sie will deine

ganze Kraft in Zorn, Hass und Liebe.

Eifersüchtig ist jede Tugend auf die andre, und ein furchtbares Ding

ist Eifersucht. Auch Tugenden können an der Eifersucht zu Grunde gehn.

Wen die Flamme der Eifersucht umringt, der wendet zuletzt, gleich dem

Scorpione, gegen sich selber den vergifteten Stachel.

Ach, mein Bruder, sahst du noch nie eine Tugend sich selber verleumden

und erstechen?

Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden muss: und darum sollst du

deine Tugenden lieben,—denn du wirst an ihnen zu Grunde gehn.—

Also sprach Zarathustra.

Vom bleichen Verbrecher

Ihr wollt nicht tödten, ihr Richter und Opferer, bevor das Thier nicht

genickt hat? Seht, der bleiche Verbrecher hat genickt: aus seinem Auge

redet die grosse Verachtung.

„Mein Ich ist Etwas, das überwunden werden soll: mein Ich ist mir die

grosse Verachtung des Menschen“ : so redet es aus diesem Auge.

Dass er sich selber richtete, war sein höchster Augenblick: lasst den

Erhabenen nicht wieder zurück in sein Niederes!

Es giebt keine Erlösung für Den, der so an sich selber leidet, es sei

denn der schnelle Tod.

Euer Tödten, ihr Richter, soll ein Mitleid sein und keine Rache. Und

indem ihr tödtet, seht zu, dass ihr selber das Leben rechtfertiget!

Es ist nicht genug, dass ihr euch mit Dem versöhnt, den ihr tödtet.

Eure Traurigkeit sei Liebe zum Übermenschen: so rechtfertigt ihr euer

Noch-Leben!

„Feind“ sollt ihr sagen, aber nicht „Bösewicht“; „Kranker“ sollt ihr

sagen, aber nicht „Schuft“; „Thor“ sollt ihr sagen, aber nicht

„Sünder“.

Und du, rother Richter, wenn du laut sagen wolltest, was du Alles schon

in Gedanken gethan hast: so würde Jedermann schreien: „Weg mit diesem

Unflath und Giftwurm!“

Aber ein Anderes ist der Gedanke, ein Anderes die That, ein Anderes das

Bild der That. Das Rad des Grundes rollt nicht zwischen ihnen.

Ein Bild machte diesen bleichen Menschen bleich. Gleichwüchsig war er

seiner That, als er sie that: aber ihr Bild ertrug er nicht, als sie

gethan war.

Immer sah er sich nun als Einer That Thäter. Wahnsinn heisse ich diess:

die Ausnahme verkehrte sich ihm zum Wesen.

Der Strich bannt die Henne; der Streich, den er führte, bannte seine

arme Vernunft—den Wahnsinn _nach_ der That heisse ich diess.

Hört, ihr Richter! Einen anderen Wahnsinn giebt es noch: und der ist

vor der That. Ach, ihr krocht mir nicht tief genug in diese Seele!

So spricht der rothe Richter: „was mordete doch dieser Verbrecher? Er

wollte rauben.“ Aber ich sage euch: seine Seele wollte Blut, nicht

Raub: er dürstete nach dem Glück des Messers!

Seine arme Vernunft aber begriff diesen Wahnsinn nicht und überredete

ihn. „Was liegt an Blut! sprach sie; willst du nicht zum Mindesten

einen Raub dabei machen? Eine Rache nehmen?“

Und er horchte auf seine arme Vernunft: wie Blei lag ihre Rede auf

ihm,—da raubte er, als er mordete. Er wollte sich nicht seines

Wahnsinns schämen.

Und nun wieder liegt das Blei seiner Schuld auf ihm, und wieder ist

seine arme Vernunft so steif, so gelähmt, so schwer.

Wenn er nur den Kopf schütteln könnte, so würde seine Last herabrollen:

aber wer schüttelt diesen Kopf?

Was ist dieser Mensch? Ein Haufen von Krankheiten, welche durch den

Geist in die Welt hinausgreifen: da wollen sie ihre Beute machen.

Was ist dieser Mensch? Ein Knäuel wilder Schlangen, welche selten bei

einander Ruhe haben,—da gehn sie für sich fort und suchen Beute in der

Welt.

Seht diesen armen Leib! Was er litt und begehrte, das deutete sich

diese arme Seele,—sie deutete es als mörderische Lust und Gier nach dem

Glück des Messers.

Wer jetzt krank wird, den überfällt das Böse, das jetzt böse ist: wehe

will er thun, mit dem, was ihm wehe thut. Aber es gab andre Zeiten und

ein andres Böses und Gutes.

Einst war der Zweifel böse und der Wille zum Selbst. Damals wurde der

Kranke zum Ketzer und zur Hexe: als Ketzer und Hexe litt er und wollte

leiden machen.

Aber diess will nicht in eure Ohren: euren Guten schade es, sagt ihr

mir. Aber was liegt mir an euren Guten!

Vieles an euren Guten macht mir Ekel, und wahrlich nicht ihr Böses.

Wollte ich doch, sie hätten einen Wahnsinn, an dem sie zu Grunde

giengen, gleich diesem bleichen Verbrecher!

Wahrlich, ich wollte, ihr Wahnsinn hiesse Wahrheit oder Treue oder

Gerechtigkeit: aber sie haben ihre Tugend, um lange zu leben und in

einem erbärmlichen Behagen.

Ich bin ein Geländer am Strome: fasse mich, wer mich fassen kann! Eure

Krücke aber bin ich nicht.—

Also sprach Zarathustra.

Vom Lesen und Schreiben

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