Von den drei Bösen Also Sprach Zarathustra · Capítulo 41 de 57
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Von den drei Bösen

Von den drei Bösen

1.

Im Traum, im letzten Morgentraume stand ich heut auf einem

Vorgebirge,—jenseits der Welt, hielt eine Wage und _wog_ die Welt.

Oh dass zu früh mir die Morgenröthe kam: die glühte mich wach, die

Eifersüchtige! Eifersüchtig ist sie immer auf meine

Morgentraum-Gluthen.

Messbar für Den, der Zeit hat, wägbar für einen guten Wäger, erfliegbar

für starke Fittige, errathbar für göttliche Nüsseknacker: also fand

mein Traum die Welt:—

Mein Traum, ein kühner Segler, halb Schiff, halb Windsbraut, gleich

Schmetterlingen schweigsam, ungeduldig gleich Edelfalken: wie hatte er

doch zum Welt-Wägen heute Geduld und Weile!

Sprach ihm heimlich wohl meine Weisheit zu, meine lachende wache

Tags-Weisheit, welche über alle „unendliche Welten“ spottet? Denn sie

spricht: „wo Kraft ist, wird auch die _Zahl_ Meisterin: die hat mehr

Kraft.“

Wie sicher schaute mein Traum auf diese endliche Welt, nicht neugierig,

nicht altgierig, nicht fürchtend, nicht bittend:—

—als ob ein voller Apfel sich meiner Hand böte, ein reifer Goldapfel,

mit kühl-sanfter sammtener Haut:—so bot sich mir die Welt:—

—als ob ein Baum mir winke, ein breitästiger, starkwilliger, gekrümmt

zur Lehne und noch zum Fussbrett für den Wegmüden: so stand die Welt

auf meinem Vorgebirge:—

—als ob zierliche Hände mir einen Schrein entgegentrügen,—einen Schrein

offen für das Entzücken schamhafter verehrender Augen: also bot sich

mir heute die Welt entgegen:—

—nicht Räthsel genug, um Menschen-Liebe davon zu scheuchen, nicht

Lösung genug, um Menschen-Weisheit einzuschläfern:—ein menschlich gutes

Ding war mir heut die Welt, der man so Böses nachredet!

Wie danke ich es meinem Morgentraum, dass ich also in der Frühe heut

die Welt wog! Als ein menschlich gutes Ding kam er zu mir, dieser Traum

und Herzenströster!

Und dass ich’s ihm gleich thue am Tage und sein Bestes ihm nach- und

ablerne: will ich jetzt die drei bösesten Dinge auf die Wage thun und

menschlich gut abwägen.—

Wer da segnen lehrte, der lehrte auch fluchen: welches sind in der Welt

die drei bestverfluchten Dinge? Diese will ich auf die Wage thun.

Wollust, Herrschsucht, Selbstsucht: diese Drei wurden bisher am besten

verflucht und am schlimmsten beleu- und belügenmundet,—diese Drei will

ich menschlich gut abwägen.

Wohlauf! Hier ist mein Vorgebirg und da das Meer: _das_ wälzt sich zu

mir heran, zottelig, schmeichlerisch, das getreue alte hundertköpfige

Hunds-Ungethüm, das ich liebe.

Wohlauf! Hier will ich die Wage halten über gewälztem Meere: und auch

einen Zeugen wähle ich, dass er zusehe,—dich, du Einsiedler-Baum, dich

starkduftigen, breitgewölbten, den ich liebe!—

Auf welcher Brücke geht zum Dereinst das Jetzt? Nach welchem Zwange

zwingt das Hohe sich zum Niederen? Und was heisst auch das Höchste

noch—hinaufwachsen?—

Nun steht die Wage gleich und still: drei schwere Fragen warf ich

hinein, drei schwere Antworten trägt die andre Wagschale.

2.

Wollust: allen busshemdigen Leib-Verächtern ihr Stachel und Pfahl, und

als „Welt“ verflucht bei allen Hinterweltlern: denn sie höhnt und narrt

alle Wirr- und Irr-Lehrer.

Wollust: dem Gesindel das langsame Feuer, auf dem es verbrannt wird;

allem wurmichten Holze, allen stinkenden Lumpen der bereite Brunst- und

Brodel-Ofen.

Wollust: für die freien Herzen unschuldig und frei, das Garten-Glück

der Erde, aller Zukunft Dankes-Überschwang an das Jetzt.

Wollust: nur dem Welken ein süsslich Gift, für die Löwen-Willigen aber

die grosse Herzstärkung, und der ehrfürchtig geschonte Wein der Weine.

Wollust: das grosse Gleichniss-Glück für höheres Glück und höchste

Hoffnung. Vielem nämlich ist Ehe verheissen und mehr als Ehe,—

—Vielem, das fremder sich ist, als Mann und Weib:—und wer begriff es

ganz, _wie fremd_ sich Mann und Weib sind!

Wollust:—doch ich will Zäune um meine Gedanken haben und auch noch um

meine Worte: dass mir nicht in meine Gärten die Schweine und Schwärmer

brechen!—

Herrschsucht: die Glüh-Geissel der härtesten Herzensharten; die grause

Marter, die sich dem Grausamsten selber aufspart; die düstre Flamme

lebendiger Scheiterhaufen.

Herrschsucht: die boshafte Bremse, die den eitelsten Völkern aufgesetzt

wird; die Verhöhnerin aller ungewissen Tugend; die auf jedem Rosse und

jedem Stolze reitet.

Herrschsucht: das Erdbeben, das alles Morsche und Höhlichte bricht und

aufbricht; die rollende grollende strafende Zerbrecherin übertünchter

Gräber; das blitzende Fragezeichen neben vorzeitigen Antworten.

Herrschsucht: vor deren Blick der Mensch kriecht und duckt und fröhnt

und niedriger wird als Schlange und Schwein:—bis endlich die grosse

Verachtung aus ihm aufschreie—,

Herrschsucht: die furchtbare Lehrerin der grossen Verachtung, welche

Städten und Reichen in’s Antlitz predigt „hinweg mit dir!“—bis es aus

ihnen selber aufschreie „hinweg mit _mir_!“

Herrschsucht: die aber lockend auch zu Reinen und Einsamen und hinauf

zu selbstgenugsamen Höhen steigt, glühend gleich einer Liebe, welche

purpurne Seligkeiten lockend an Erdenhimmel malt.

Herrschsucht: doch wer hiesse es _Sucht_, wenn das Hohe hinab nach

Macht gelüstet! Wahrlich, nichts Sieches und Süchtiges ist an solchem

Gelüsten und Niedersteigen!

Dass die einsame Höhe sich nicht ewig vereinsame und selbst begnüge;

dass der Berg zu Thale komme und die Winde der Höhe zu den

Niederungen:—

Oh wer fände den rechten Tauf- und Tugendnamen für solche Sehnsucht!

„Schenkende Tugend“—so nannte das Unnennbare einst Zarathustra.

Und damals geschah es auch,—und wahrlich, es geschah zum ersten

Male!—dass sein Wort die _Selbstsucht_ selig pries, die heile, gesunde

Selbstsucht, die aus mächtiger Seele quillt:—

—aus mächtiger Seele, zu welcher der hohe Leib gehört, der schöne,

sieghafte, erquickliche, um den herum jedwedes Ding Spiegel wird:

—der geschmeidige überredende Leib, der Tänzer, dessen Gleichniss und

Auszug die selbst-lustige Seele ist. Solcher Leiber und Seelen

Selbst-Lust heisst sich selber: „Tugend.“

Mit ihren Worten von Gut und Schlecht schirmt sich solche Selbst-Lust

wie mit heiligen Hainen; mit den Namen ihres Glücks bannt sie von sich

alles Verächtliche.

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