Teil 02
Um Gotteswillen, Fährmann, euren Kahn!
Ruodi.
Nun, nun, was gibt’s so eilig?
Baumgarten.
Bindet los!
Ihr rettet mich vom Tode! Setzt mich über!
Kuoni.
Landsmann, was habt ihr?
Werni.
Wer verfolgt euch denn?
Baumgarten
(zum Fischer)
.
Eilt, eilt, sie sind mir dicht schon an den Fersen!
Des Landvogts Reiter kommen hinter mir;
Ich bin ein Mann des Tods, wenn sie mich greifen.
Ruodi.
Warum verfolgen euch die Reisigen?
Baumgarten.
Erst rettet mich, und dann steh ich euch Rede.
Werni.
Ihr seyd mit Blut befleckt, was hat’s gegeben?
Baumgarten.
Des Kaisers Burgvogt, der auf Roßberg saß —
Kuoni.
Der Wolfenschießen! Läßt euch der verfolgen?
Baumgarten.
Der schadet nicht mehr, ich hab’ ihn erschlagen.
Alle
(fahren zurück)
.
Gott sey euch gnädig! Was habt ihr gethan?
Baumgarten.
Was jeder freie Mann an meinem Platz!
Mein gutes Hausrecht hab’ ich ausgeübt
Am Schänder meiner Ehr’ und meines Weibes.
Kuoni.
Hat euch der Burgvogt an der Ehr’ geschädigt?
Baumgarten.
Daß er sein bös Gelüsten nicht vollbracht,
Hat Gott und meine gute Axt verhütet.
Werni.
Ihr habt ihm mit der Axt den Kopf zerspalten?
Kuoni.
O, laßt uns Alles hören, ihr habt Zeit,
Bis er den Kahn vom Ufer losgebunden.
Baumgarten.
Ich hatte Holz gefällt im Wald, da kommt
Mein Weib gelaufen in der Angst des Todes.
„Der Burgvogt lieg’ in meinem Haus, er hab’
Ihr anbefohlen, ihm ein Bad zu rüsten.
Drauf hab’ er Ungebührliches von ihr
Verlangt, sie sey entsprungen, mich zu suchen.“
Da lief ich frisch hinzu, so wie ich war,
Und mit der Axt hab’ ich ihm ’s Bad gesegnet.
Werni.
Ihr thatet wohl, kein Mensch kann euch drum schelten.
Kuoni.
Der Wütherich! Der hat nun seinen Lohn!
Hat’s lang verdient um’s Volk von Unterwalden.
Baumgarten.
Die That ward ruchbar; mir wird nachgesetzt —
Indem wir sprechen — Gott — verrinnt die Zeit —
(Es fängt an zu donnern.)
Kuoni.
Frisch, Fährmann — schaff den Biedermann hinüber!
Ruodi.
Geht nicht. Ein schweres Ungewitter ist
Im Anzug. Ihr müßt warten.
Baumgarten.
Heil’ger Gott!
Ich kann nicht warten. Jeder Aufschub tödtet —
Kuoni
(zum Fischer)
.
Greif an mit Gott! Dem Nächsten muß man helfen;
Es kann uns allen Gleiches ja begegnen.
(Brausen und Donnern.)
Ruodi.
Der Föhn ist los; ihr seht, wie hoch der See geht;
Ich kann nicht steuern gegen Sturm und Wellen.
Baumgarten
(umfaßt seine Knie)
.
So helf euch Gott, wie ihr euch mein erbarmet —
Werni.
Es geht ums Leben. Sey barmherzig, Fährmann!
Kuoni.
’s ist ein Hausvater und hat Weib und Kinder!
(Wiederholte Donnerschläge.)
Ruodi.
Was? Ich hab’ auch ein Leben zu verlieren,
Hab Weib und Kind daheim, wie er — Seht hin,
Wie’s brandet, wie es wogt und Wirbel zieht
Und alle Wasser aufrührt in der Tiefe.
— Ich wollte gern den Biedermann erretten;
Doch es ist rein unmöglich, ihr seht selbst.
Baumgarten
(noch auf den Knien)
.
So muß ich fallen in des Feindes Hand,
Das nahe Rettungsufer im Gesichte!
— Dort liegt’s! Ich kann’s erreichen mit den Augen,
Hinüberdringen kann der Stimme Schall,
Da ist der Kahn, der mich hinübertrüge,
Und muß hier liegen, hülflos und verzagen!
Kuoni.
Seht, wer da kommt!
Werni.
Es ist der Tell aus Bürglen.
Tell
mit der Armbrust.
Tell.
Wer ist der Mann, der hier um Hülfe fleht?
Kuoni.
’s ist ein Alzeller Mann; er hat sein’ Ehr
Vertheidigt und den Wolfenschieß erschlagen,
Des Königs Burgvogt, der auf Roßberg saß —
Des Landvogts Reiter sind ihm auf den Fersen.
Er fleht den Schiffer um die Ueberfahrt;
Der fürcht’t sich vor dem Sturm und will nicht fahren.
Ruodi.
Das ist der Tell, der führt das Ruder auch,
Der soll mir’s zeugen, ob die Fahrt zu wagen.
(Heftige Donnerschläge, der See rauscht auf.)
Ich soll mich in den Höllenrachen stürzen?
Das thäte Keiner, der bei Sinnen ist.
Tell.
Der brave Mann denkt an sich selbst zuletzt.
Vertrau auf Gott und rette den Bedrängten.
Ruodi.
Vom sichern Port läßt sich’s gemächlich rathen.
Da ist der Kahn, und dort der See! Versucht’s!
Tell.
Der See kann sich, der Landvogt nicht erbarmen.
Versuch es, Fährmann!
Hirten
und
Jäger
.
Rett ihn! Rett ihn! Rett ihn!
Ruodi.
Und wär’s mein Bruder und mein leiblich Kind,
Es kann nicht seyn; ’s ist heute Simons und Judä,
Da rast der See und will sein Opfer haben.
Tell.
Mit eitler Rede wird hier nichts geschafft;
Die Stunde dringt, dem Mann muß Hülfe werden!
Sprich, Fährmann, willst du fahren?
Ruodi.
Nein, nicht ich!
Tell.
In Gottes Namen denn! Gib her den Kahn!
Ich will’s mit meiner schwachen Kraft versuchen.
Kuoni.
Ha, wackrer Tell!
Werni.
Das gleicht dem Waidgesellen!
Baumgarten.
Mein Retter seyd ihr und mein Engel, Tell!
Tell.
Wohl aus des Vogts Gewalt errett’ ich euch!
Aus Sturmes Nöthen muß ein Andrer helfen.
Doch besser ist’s, ihr fallt in Gottes Hand
Als in der Menschen!
(Zu dem Hirten.)
Landsmann, tröstet ihr
Mein Weib, wenn mir was Menschliches begegnet.
Ich hab’ gethan, was ich nicht lassen konnte.
(Er springt in den Kahn.)
Kuoni
(zum Fischer)
.
Ihr seyd ein Meister Steuermann. Was sich
Der Tell getraut, das konntet
ihr
nicht wagen?
Ruodi.
Wohl bess’re Männer thun’s dem Tell nicht nach,
Es gibt nicht Zwei, wie der ist, im Gebirge.