Teil 14
Denn, als die Leute von dem Gotteshaus
Einsiedeln
uns die Alp in Anspruch nahmen,
Die wir beweidet seit der Väter Zeit,
Der Abt herfürzog einen alten Brief,
Der ihm die herrenlose Wüste schenkte —
Denn unser Daseyn hatte man verhehlt —
Da sprachen wir: „Erschlichen ist der Brief!
Kein Kaiser kann, was unser ist, verschenken;
Und, wird uns Recht versagt vom Reich, wir können
In unsern Bergen auch des Reichs entbehren.“
— So sprachen unsre Väter! Sollen
wir
Des neuen Joches Schändlichkeit erdulden,
Erleiden von dem fremden Knecht, was uns
In seiner Macht kein Kaiser durfte bieten?
— Wir haben diesen Boden uns
erschaffen
Durch unsrer Hände Fleiß, den alten Wald,
Der sonst der Bären wilde Wohnung war,
Zu einem Sitz für Menschen umgewandelt;
Die Brut des Drachen haben wir getödtet,
Der aus den Sümpfen giftgeschwollen stieg;
Die Nebeldecke haben wir zerrissen,
Die ewig grau um diese Wildniß hing,
Den harten Fels gesprengt, über den Abgrund
Dem Wandersmann den sichern Steg geleitet;
Unser ist durch tausendjährigen Besitz
Der Boden — und der fremde Herrenknecht
Soll kommen dürfen und uns Ketten schmieden,
Und Schmach anthun auf unsrer eignen Erde?
Ist keine Hülfe gegen solchen Drang?
(Eine große Bewegung unter den Landleuten.)
Nein, eine Grenze hat Tyrannenmacht.
Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden,
Wenn unerträglich wird die Last — greift er
Hinauf getrosten Muthes in den Himmel
Und holt herunter seine ew’gen Rechte,
Die droben hangen unveräußerlich
Und unzerbrechlich, wie die Sterne selbst —
Der alte Urstand der Natur kehrt wieder,
Wo Mensch dem Menschen gegenüber steht —
Zum letzten Mittel, wenn kein andres mehr
Verfangen will, ist ihm das Schwert gegeben —
Der Güter höchstes dürfen wir vertheid’gen
Gegen Gewalt — Wir stehn für unser Land,
Wir stehn für unsre Weiber, unsre Kinder!
Alle
(an ihre Schwerter schlagend)
.
Wir stehn für unsre Weiber, unsre Kinder!
Rösselmann
(tritt in den Ring)
.
Eh’ ihr zum Schwerte greift, bedenkt es wohl!
Ihr könnt es friedlich mit dem Kaiser schlichten.
Es kostet euch ein Wort, und die Tyrannen,
Die euch jetzt schwer bedrängen, schmeicheln euch.
— Ergreift, was man euch oft geboten hat,
Trennt euch vom Reich, erkennet Oestreichs Hoheit —
Auf der Mauer.
Was sagt der Pfarrer? Wir zu Oestreich schwören!
Am Bühel.
Hört ihn nicht an!
Winkelried.
Das räth uns ein Verräther,
Ein Feind des Landes!
Reding.
Ruhig, Eidgenossen!
Sewa.
Wir Oestreich huldigen, nach solcher Schmach!
Von der Flüe.
Wir uns abtrotzen lassen durch Gewalt,
Was wir der Güte weigerten!
Meier.
Dann wären
Wir Sklaven und verdienten, es zu seyn!
Auf der Mauer.
Der sey gestoßen aus dem Recht der Schweizer,
Wer von Ergebung spricht an Oesterreich!
— Landammann, ich bestehe drauf: Dies sey
Das erste Landsgesetz, das wir hier geben.
Melchthal.
So sey’s. Wer von Ergebung spricht an Oesterreich,
Soll rechtlos seyn und aller Ehren baar,
Kein Landmann nehm’ ihn auf an seinem Feuer.
Alle
(heben die rechte Hand auf)
.
Wir wollen es, das sey Gesetz!
Reding
(nach einer Pause)
.
Es ist’s.
Rösselmann.
Jetzt seyd ihr frei, ihr seyd’s durch dies Gesetz.
Nicht durch Gewalt soll Oesterreich ertrotzen,
Was es durch freundlich Werben nicht erhielt —
Jost von Weiler.
Zur Tagesordnung, weiter!
Reding.
Eidgenossen!
Sind alle sanften Mittel auch versucht?
Vielleicht weiß es der König nicht; es ist
Wohl gar sein Wille nicht, was wir erdulden.
Auch dieses Letzte sollten wir versuchen,
Erst unsre Klage bringen vor sein Ohr,
Eh wir zum Schwerte greifen. Schrecklich immer,
Auch in gerechter Sache, ist Gewalt.
Gott hilft nur dann, wenn Menschen nicht mehr helfen.
Stauffacher
(zu Konrad Hunn)
.
Nun ist’s an euch, Bericht zu geben. Redet.
Konrad Hunn.
Ich war zu Rheinfeld an des Kaisers Pfalz,
Wider der Vögte harten Druck zu klagen.
Den Brief zu holen unsrer alten Freiheit,
Den jeder neue König sonst bestätigt.
Die Boten vieler Städte fand ich dort,
Vom schwäb’schen Lande und vom Lauf des Rheins,
Die all’ erhielten ihre Pergamente
Und kehrten freudig wieder in ihr Land.
Mich, euren Boten, wies man die Räthe,
Und die entließen mich mit leerem Trost:
„Der Kaiser habe diesmal keine Zeit;
Er würde sonst einmal wohl an uns denken.“
— Und, als ich traurig durch die Säle ging
Der Königsburg, da sah ich Herzog Hansen
In einem Erker weinend stehn, um ihn
Die edeln Herrn von Wart und Tegerfeld,
Die riefen mir und sagten: „Helft euch selbst!
Gerechtigkeit erwartet nicht vom König.
Beraubt er nicht des eignen Bruders Kind,
Und hinterhält ihm sein gerechtes Erbe?
Der Herzog fleht ihn um sein Mütterliches,
Er habe seine Jahre voll, es wäre
Nun Zeit, auch Land und Leute zu regieren. —
Was ward ihm zum Bescheid? ein Kränzlein setzt’ ihm
Der Kaiser auf: Das sey die Zier der Jugend.“
Auf der Mauer.
Ihr habt’s gehört. Recht und Gerechtigkeit
Erwartet nicht vom Kaiser! Helft euch selbst!
Reding.
Nichts Andres bleibt uns übrig. Nun gebt Rath,
Wie wir es klug zum frohen Ende leiten.
Walther Fürst
(tritt in den Ring)
.
Abtreiben wollen wir verhaßten Zwang;
Die alten Rechte, wie wir sie ererbt