Teil 31
Ist kein Tyrann mehr in der Schweizer Land.
Walther Fürst.
O, sprecht, wie wurdet ihr der Burgen mächtig?
Melchthal.
Der Rudenz war es, der das Sarner Schloß
Mit mannlich kühner Wagethat gewann.
Den Roßberg hatt’ ich Nachts zuvor erstiegen.
— Doch höret, was geschah. Als wir das Schloß
Vom Feind geleert, nun freudig angezündet,
Die Flamme prasselnd schon zum Himmel schlug,
Da stürzt der Diethelm, Geßlers Bub, hervor
Und ruft, daß die Bruneckerin verbrenne.
Walther Fürst.
Gerechter Gott!
(Man hört die Balken des Gerüstes stürzen.)
Melchthal.
Sie war es selbst, war heimlich
Hier eingeschlossen auf des Vogts Geheiß.
Rasend erhob sich Rudenz — denn wir hörten
Die Balken schon, die festen Pfosten stürzen
Und aus dem Rauch hervor den Jammerruf
Der Unglückseligen.
Walther Fürst.
Sie ist gerettet?
Melchthal.
Da galt Geschwindseyn und Entschlossenheit!
— Wär’ er
nur
unser Edelmann gewesen,
Wir hätten unser Leben wohl geliebt;
Doch er war unser Eidgenoß, und Bertha
Ehrte das Volk — So setzten wir getrost
Das Leben dran und stürzten in das Feuer.
Walther Fürst.
Sie ist gerettet?
Melchthal.
Sie ist’s. Rudenz und ich,
Wir trugen sie selbander aus den Flammen,
Und hinter uns fiel krachend das Gebälk.
— Und jetzt, als sie gerettet sich erkannte,
Die Augen aufschlug zu dem Himmelslicht,
Jetzt stürzte mir der Freiherr an das Herz,
Und schweigend ward ein Bündniß jetzt beschworen,
Das fest gehärtet in des Feuers Glut
Bestehen wird in allen Schicksalsproben —
Walther Fürst.
Wo ist der Landenberg?
Melchthal.
Ueber den Brünig.
Nicht lag’s an mir, daß er das Licht der Augen
Davontrug, der den Vater mir geblendet.
Nach jagt’ ich ihm, erreicht’ ihn auf der Flucht
Und riß ihn zu den Füßen meines Vaters.
Geschwungen über ihn war schon das Schwert;
Von der Barmherzigkeit des blinden Greises
Erhielt er flehend das Geschenk des Lebens.
Urphede
schwur er, nie zurück zu kehren;
Er wird sie halten; unsern Arm hat er
Gefühlt.
Walther Fürst.
Wohl euch, daß ihr den reinen Sieg
Mit Blute nicht geschändet!
Kinder
(eilen mit Trümmern des Gerüstes über die Scene).
Freiheit! Freiheit!
(Das Horn von Uri wird mit Macht geblasen.)
Walther Fürst.
Seht, welch ein Fest! Des Tages werden sich
Die Kinder spät als Greise noch erinnern.
(Mädchen bringen den Hut auf einer Stange getragen; die ganze Scene
füllt sich mit Volk an.)
Ruodi.
Hier ist der Hut, dem wir uns beugen mußten.
Baumgarten.
Gebt uns Bescheid, was damit werden soll.
Walther Fürst.
Gott! Unter diesem Hute stand mein Enkel.
Mehrere Stimmen.
Zerstört das Denkmal der Tyrannenmacht!
Ins Feuer mit ihm!
Walther Fürst.
Nein, laßt ihn aufbewahren!
Der Tyrannei mußt’ er zum Werkzeug dienen;
Er soll der Freiheit ewig Zeichen seyn!
(Die Landleute, Männer, Weiber und Kinder stehen und sitzen auf den
Balken des zerbrochenen Gerüstes malerisch gruppirt in einem großen
Halbkreis umher.)
Melchthal.
So stehen wir nun fröhlich auf den Trümmern
Der Tyrannei, und herrlich ist’s erfüllt,
Was wir im Rütli schwuren, Eidgenossen!
Walther Fürst.
Das Werk ist angefangen, nicht vollendet.
Jetzt ist uns Muth und feste Eintracht noth;
Denn, seyd gewiß, nicht säumen wird der König,
Den Tod zu rächen seines Vogts, und den
Vertriebnen mit Gewalt zurück zu führen.
Melchthal.
Er zieh’ heran mit seiner Heeresmacht!
Ist aus dem Innern doch der Feind verjagt;
Dem Feind von Außen wollen wir begegnen.
Ruodi.
Nur wen’ge Pässe öffnen ihm das Land,
Die wollen wir mit unsern Leibern decken.
Baumgarten.
Wir sind vereinigt durch ein ewig Band,
Und seine Heere sollen uns nicht schrecken.
Rösselmann
und
Stauffacher
kommen.
Rösselmann
(im Eintreten)
.
Das sind des Himmels furchtbare Gerichte.
Landleute.
Was gibt’s?
Rösselmann.
In welchen Zeiten leben wir!
Walther Fürst.
Sagt an, was ist es? Ha, seyd ihr’s, Herr Werner?
Was bringt ihr uns?
Landleute.
Was gibt’s?
Rösselmann.
Hört und erstaunt!
Stauffacher.
Von einer großen Furcht sind wir befreit —
Rösselmann.
Der Kaiser ist ermordet.
Walther Fürst.
Gnäd’ger Gott!
(Landleute machen einen Aufstand und umdrängen den Stauffacher.)
Alle.
Ermordet! Was? Der Kaiser! Hört! Der Kaiser!
Melchthal.
Nicht möglich! Woher kam euch diese Kunde?
Stauffacher.
Es ist gewiß. Bei Bruck fiel König Albrecht
Durch Mörders Hand — ein glaubenswerther Mann,
Johannes Müller
, bracht’ es von Schaffhausen.
Walther Fürst.
Wer wagte solche grauenvolle That?
Stauffacher.
Sie wird noch grauenvoller durch den Thäter.
Es war sein Neffe, seines Bruders Kind,
Herzog Johann von Schwaben, der’s vollbrachte.
Melchthal.
Was trieb ihn zu der That des Vatermords?
Stauffacher.
Der Kaiser hielt das väterliche Erbe
Dem ungeduldig Mahnenden zurück;
Es hieß, er denk’ ihn ganz darum zu kürzen,
Mit einem Bischofshut ihn abzufinden.
Wie dem auch sey — der Jüngling öffnete
Der Waffenfreunde bösem Rath sein Ohr,
Und mit den edeln Herrn von
Eschenbach
,
Von
Tegerfelden
, von der
Wart
und
Palm
Beschloß er, da er Recht nicht konnte finden,
Sich Rach’ zu holen mit der eignen Hand.
Walther Fürst.
O, sprecht, wie ward das Gräßliche vollendet?
Stauffacher.