Teil 17
(Die Knaben drängen sich rechts und links an ihn
und sehen mit gespannter Neugier an ihm hinauf.)
Da kam der Landvogt gegen mich daher,
Er ganz allein mit mir, der auch allein war,
Bloß Mensch zu Mensch, und neben uns der Abgrund.
Und, als der Herre mein ansichtig ward
Und mich erkannte, den er kurz zuvor
Um kleiner Ursach willen schwer gebüßt,
Und sah mich mit dem stattlichen Gewehr
Daher geschritten kommen, da verblaßt’ er,
Die Knie versagten ihm, ich sah es kommen,
Daß er jetzt an die Felswand würde sinken.
— Da jammerte mich sein, ich trat zu ihm
Bescheidentlich und sprach: Ich bin’s, Herr Landvogt.
Er aber konnte keinen armen Laut
Aus seinem Munde geben — Mit der Hand nur
Winkt’ er mir schweigend, meines Wegs zu gehn;
Da ging ich fort, und sandt’ ihm sein Gefolge.
Hedwig.
Er hat vor dir gezittert — Wehe dir!
Daß du ihn schwach gesehn, vergibt er nie.
Tell.
Drum meid’ ich ihn, und er wird
mich
nicht suchen.
Hedwig.
Bleib heute nur dort weg! Geh lieber jagen!
Tell.
Was fällt dir ein?
Hedwig.
Mich ängstigt’s. Bleibe weg.
Tell.
Wie kannst du dich so ohne Ursach quälen?
Hedwig.
Weil’s
keine Ursach hat — Tell, bleibe hier.
Tell.
Ich hab’s versprochen, liebes Weib, zu kommen.
Hedwig.
Mußt du
, so geh — nur lasse mir den Knaben!
Walther.
Nein, Mütterchen. Ich gehe mit dem Vater.
Hedwig.
Wälty, verlassen willst du deine Mutter?
Walther.
Ich bring dir auch was Hübsches mit vom Ehni.
(Geht mit dem Vater.)
Wilhelm.
Mutter, ich bleibe bei dir!
Hedwig
(umarmt ihn)
.
Ja, du bist
Mein liebes Kind, du bleibst mir noch allein!
(Sie geht an das Hofthor und folgt den Abgehenden
lange mit den Augen.)
Zweite Scene.
Eine eingeschlossene wilde Waldgegend, Staubbäche stürzen von
den Felsen.
Bertha
im Jagdkleid. Gleich darauf
Rudenz
.
Bertha.
Er folgt mir. Endlich kann ich mich erklären.
Rudenz
(tritt rasch ein)
.
Fräulein, jetzt endlich find’ ich euch allein.
Abgründe schließen rings umher uns ein;
In dieser Wildniß fürcht’ ich keinen Zeugen,
Vom Herzen wälz’ ich dieses lange Schweigen —
Bertha.
Seyd ihr gewiß, daß uns die Jagd nicht folgt?
Rudenz.
Die Jagd ist dort hinaus — Jetzt oder nie!
Ich muß den theuren Augenblick ergreifen —
Entschieden sehen muß ich mein Geschick,
Und sollt’ es mich auf ewig von euch scheiden.
— O, waffnet eure güt’gen Blicke nicht
Mit dieser finstern Strenge — Wer bin ich,
Daß ich den kühnen Wunsch zu euch erhebe?
Mich hat der Ruhm noch nicht genannt; ich darf
Mich in die Reih’ nicht stellen mit den Rittern,
Die siegberühmt und glänzend euch umwerben.
Nichts hab’ ich, als mein Herz von Treu und Liebe. —
Bertha
(ernst und streng)
.
Dürft ihr von Liebe reden und von Treue,
Der treulos wird an seinen nächsten Pflichten?
(Rudenz tritt zurück.)
Der Sklave Oesterreichs, der sich dem Fremdling
Verkauft, dem Unterdrücker seines Volks?
Rudenz.
Von euch, mein Fräulein, hör’ ich diesen Vorwurf?
Wen such’ ich denn, als euch, auf jener Seite?
Bertha.
Mich denkt ihr auf der Seite des Verraths
Zu finden? Eher wollt’ ich meine Hand
Dem Geßler selbst, dem Unterdrücker, schenken,
Als dem naturvergessnen Sohn der Schweiz,
Der sich zu seinem Werkzeug machen kann!
Rudenz.
O Gott, was muß ich hören?
Bertha.
Wie? Was liegt
Dem guten Menschen näher, als die Seinen?
Gibt’s schönre Pflichten für ein edles Herz,
Als ein Vertheidiger der Unschuld seyn,
Das Recht der Unterdrückten zu beschirmen?
— Die Seele blutet mir um euer Volk;
Ich leide
mit
ihm, denn ich muß es lieben,
Das so bescheiden ist und doch voll Kraft;
Es zieht mein ganzes Herz mich zu ihm hin;
Mit jedem Tage lern’ ich’s mehr verehren.
— Ihr aber, den Natur und Ritterpflicht
Ihm zum geborenen Beschützer gaben,
Und der’s
verläßt
, der treulos übertritt
Zum Feind und Ketten schmiedet seinem Land,
Ihr seyd’s, der mich verletzt und kränkt; ich muß
Mein Herz bezwingen, daß ich euch nicht hasse.
Rudenz.
Will ich denn nicht das Beste meines Volks?
Ihm unter Oestreichs mächt’gem Scepter nicht
Den Frieden —
Bertha.
Knechtschaft wollt ihr ihm bereiten!
Die Freiheit wollt ihr aus dem letzten Schloß,
Das ihr noch auf der Erde blieb, verjagen.
Das Volk versteht sich besser auf sein Glück;
Kein Schein verführt sein sicheres Gefühl,
Euch haben sie das Netz um’s Haupt geworfen —
Rudenz.
Bertha! Ihr haßt mich, ihr verachtet mich!
Bertha.
Thät’ ich’s, mir wäre besser — Aber den
Verachtet
sehen
und verachtungswerth,
Den man gern lieben möchte —
Rudenz.
Bertha! Bertha!
Ihr zeiget mir das höchste Himmelsglück
Und stürzt mich tief in
einem
Augenblick.
Bertha.
Nein, nein! das Edle ist nicht ganz erstickt
In euch! Es schlummert nur, ich will es wecken;
Ihr müßt Gewalt ausüben an euch selbst,
Die angestammte Tugend zu ertödten;
Doch, wohl euch! sie ist mächtiger, als ihr,
Und trotz euch selber seyd ihr gut und edel!
Rudenz.
Ihr glaubt an mich? O Bertha, Alles läßt
Mich eure Liebe seyn und werden!
Bertha.
Seyd,
Wozu die herrliche Natur euch machte!
Erfüllt den Platz, wohin sie euch gestellt!
Zu eurem Volke steht und eurem Lande,
Und kämpft für euer heilig Recht!
Rudenz.
Weh mir!
Wie kann ich euch erringen, euch besitzen,