Teil 12
Kein Thal war so versteckt, ich späht’ es aus,
Bis an der Gletscher eisbedeckten Fuß
Erwartet’ ich und fand bewohnte Hütten,
Und überall, wohin mein Fuß mich trug,
Fand ich den gleichen Haß der Tyrannei;
Denn bis an diese letzte Grenze selbst
Belebter Schöpfung, wo der starre Boden
Aufhört zu geben, raubt der Vögte Geiz —
Die Herzen alle dieses biedern Volks
Erregt’ ich mit dem Stachel meiner Worte,
Und unser sind sie All’ mit Herz und Mund.
Stauffacher.
Großes habt ihr in kurzer Zeit geleistet.
Melchthal.
Ich that noch mehr. Die beiden Vesten sind’s,
Roßberg
und
Sarnen
, die der Landmann fürchtet;
Denn hinter ihren Felsenwällen schirmt
Der Feind sich leicht und schädiget das Land.
Mit eignen Augen wollt’ ich es erkunden;
Ich war zu Sarnen und besah die Burg.
Stauffacher.
Ihr wagtet euch bis in des Tigers Höhle?
Melchthal.
Ich war verkleidet dort in Pilgerstracht,
Ich sah den Landvogt an der Tafel schwelgen —
Urtheilt, ob ich mein Herz bezwingen kann;
Ich sah den Feind, und ich erschlug ihn nicht.
Stauffacher.
Fürwahr, das Glück war eurer Kühnheit hold.
(Unterdessen sind die andern Landleute vorwärts
gekommen und nähern sich den Beiden.)
Doch jetzo sagt mir, wer die Freunde sind
Und die gerechten Männer, die euch folgten?
Macht mich bekannt mit ihnen, daß wir uns
Zutraulich nahen und die Herzen öffnen.
Meier.
Wer kennte
euch
nicht, Herr, in den drei Landen?
Ich bin der Meier von Sarnen; dies hier ist
Mein Schwestersohn, der Struth von Winkelried.
Stauffacher.
Ihr nennt mir keinen unbekannten Namen.
Ein Winkelried war’s, der den Drachen schlug
Im Sumpf bei Weiler und sein Leben ließ
In diesem Strauß.
Winkelried.
Das war mein Ahn, Herr Werner.
Melchthal
(zeigt auf zwei Landleute)
.
Die
wohnen hinterm Wald, sind Klosterleute
Vom Engelberg — Ihr werdet sie drum nicht
Verachten, weil sie
eigne
Leute sind
Und nicht, wie wir, frei sitzen auf dem Erbe —
Sie lieben’s Land, sind sonst auch wohl berufen.
Stauffacher
(zu den Beiden)
.
Gebt mir die Hand. Es preise sich, wer Keinem
Mit seinem Leibe pflichtig ist auf Erden;
Doch Redlichkeit gedeiht in jedem Stande.
Konrad Hunn.
Das ist Herr Reding, unser Altlandammann.
Meier.
Ich kenn’ ihn wohl. Er ist mein Widerpart,
Der um ein altes Erbstück mit mir rechtet.
— Herr Reding, wir sind Feinde vor Gericht;
Hier sind wir einig.
(Schüttelt ihm die Hand.)
Stauffacher.
Das ist brav gesprochen.
Winkelried.
Hört ihr? Sie kommen. Hört das Horn von Uri!
(Rechts und links sieht man bewaffnete Männer mit
Windlichtern die Felsen herabsteigen.)
Auf der Mauer.
Seht! Steigt nicht selbst der fromme Diener Gottes,
Der würd’ge Pfarrer mit herab? Nicht scheut er
Des Weges Mühen und das Graun der Nacht,
Ein treuer Hirte für das Volk zu sorgen.
Baumgarten.
Der Sigrist folgt ihm und Herr Walther Fürst;
Doch nicht den Tell erblick’ ich in der Menge.
Walther Fürst
,
Rösselmann
,
der Pfarrer
,
Petermann
,
der Sigrist
,
Kuoni
,
der
Hirt
,
Werni
,
der Jäger
,
Ruodi
,
der
Fischer
, und noch fünf andere
Landleute
. Alle zusammen,
drei und dreißig an der Zahl, treten vorwärts und stellen sich um
das Feuer.
Walther Fürst.
So müssen wir auf unserm eignen Erb’
Und väterlichen Boden uns verstohlen
Zusammen schleichen, wie die Mörder thun!
Und bei der Nacht, die ihren schwarzen Mantel
Nur dem Verbrechen und der sonnenscheuen
Verschwörung leihet, unser gutes Recht
Uns holen, das doch lauter ist und klar,
Gleichwie der glanzvoll offne Schooß des Tages.
Melchthal.
Laßt’s gut seyn. Was die dunkle Nacht gesponnen,
Soll frei und fröhlich an das Licht der Sonnen.
Rösselmann.
Hört, was mir Gott ins Herz gibt, Eidgenossen!
Wir stehen hier statt einer Landsgemeinde
Und können gelten für ein ganzes Volk.
So laßt uns tagen nach den alten Bräuchen
Des Lands, wie wir’s in ruhigen Zeiten pflegen;
Was ungesetzlich ist in der Versammlung,
Entschuldige die Noth der Zeit. Doch Gott
Ist überall, wo man das Recht verwaltet,
Und unter seinem Himmel stehen wir.
Stauffacher.
Wohl, laßt uns tagen nach der alten Sitte;
Ist es gleich Nacht, so leuchtet unser Recht.
Melchthal.
Ist gleich die Zahl nicht voll, das Herz ist hier
Des ganzen Volks, die
Besten
sind zugegen.
Konrad Hunn.
Sind auch die alten Bücher nicht zur Hand,
Sie sind in unsre Herzen eingeschrieben.
Rösselmann.
Wohlan, so sey der Ring sogleich gebildet.
Man pflanze auf die Schwerter der Gewalt!
Auf der Mauer.
Der Landesammann nehme seinen Platz,
Und seine Waibel stehen ihm zur Seite!
Sigrist.
Es sind der Völker dreie. Welchem nun
Gebührt’s, das Haupt zu geben der Gemeinde?
Meier.
Um diese Ehr’ mag Schwytz mit Uri streiten;
Wir Unterwaldner stehen frei zurück.
Melchthal.
Wir stehn zurück, wir sind die Flehenden,
Die Hülfe heischen von den mächt’gen Freunden.
Stauffacher.
So nehme Uri denn das Schwert, sein Banner
Zieht bei den Römerzügen uns voran.
Walther Fürst.
Des Schwertes Ehre werde Schwytz zu Theil,
Denn seines Stammes rühmen wir uns Alle.
Rösselmann.
Den edlen Wettstreit laßt mich freundlich schlichten:
Schwytz soll im Rath, Uri im Felde führen.
Walther Fürst
(reicht dem Stauffacher die Schwerter).
So nehmt!
Stauffacher.