Teil 08
In seiner Höhle nicht mehr sicher ist?
— Sind wir denn wehrlos? Wozu lernten wir
Die Armbrust spannen und die schwere Wucht
Der Streitaxt schwingen? Jedem Wesen ward
Ein Nothgewehr in der Verzweiflungsangst.
Es stellt sich der erschöpfte Hirsch und zeigt
Der Meute sein gefürchtetes Geweih,
Die Gemse reißt den Jäger in den Abgrund —
Der Pflugstier selbst, der sanfte Hausgenoß
Des Menschen, der die ungeheure Kraft
Des Halses duldsam unters Joch gebogen,
Springt auf, gereizt, wetzt sein gewaltig Horn,
Und schleudert seinen Feind den Wolken zu.
Walther Fürst.
Wenn die drei Lande dächten, wie wir drei,
So möchten wir vielleicht etwas vermögen.
Stauffacher.
Wenn Uri hilft, wenn Unterwalden hilft,
Der Schwytzer wird die alten Bünde ehren.
Melchthal.
Groß ist in Unterwalden meine Freundschaft
Und Jeder wagt mit Freuden Leib und Blut,
Wenn er am Andern einen Rücken hat
Und Schirm — O fromme Väter dieses Landes!
Ich stehe, nur ein Jüngling, zwischen euch,
Den Vielerfahrnen — meine Stimme muß
Bescheiden schweigen in der Landsgemeinde.
Nicht, weil ich jung bin und nicht viel erlebte,
Verachtet meinen Rath und meine Rede;
Nicht lüstern jugendliches Blut, mich treibt
Des höchsten Jammers schmerzliche Gewalt,
Was auch den Stein des Felsen muß erbarmen.
Ihr selbst seyd Väter, Häupter eines Hauses
Und wünscht euch einen tugendhaften Sohn,
Der eures Hauptes heil’ge Locken ehre,
Und euch den Stern des Auges fromm bewache.
O, weil ihr selbst an eurem Leib und Gut
Noch nichts erlitten, eure Augen sich
Noch frisch und hell in ihren Kreisen regen,
So sey euch darum unsre Noth nicht fremd.
Auch über euch hängt das Tyrannenschwert:
Ihr habt das Land von Oestreich abgewendet,
Kein anderes war meines Vaters Unrecht;
Ihr seyd in gleicher Mitschuld und Verdammniß.
Stauffacher
(zu Walther Fürst)
.
Beschließet
ihr
! Ich bin bereit zu folgen.
Walther Fürst.
Wir wollen hören, was die edeln Herrn
Von Sillinen, von Attinghausen rathen —
Ihr Name, denk’ ich, wird uns Freunde werben.
Melchthal.
Wo ist ein Name in dem Waldgebirg’
Ehrwürdiger, als eurer und der eure?
An solcher Namen echte Währung glaubt
Das Volk, sie haben guten Klang im Lande.
Ihr habt ein reiches Erb von Vätertugend
Und habt es selber reich vermehrt — Was braucht’s
Des Edelmanns? Laßt’s uns allein vollenden!
Wären wir doch allein im Land! Ich meine,
Wir wollten uns schon selbst zu schirmen wissen.
Stauffacher.
Die Edeln drängt nicht gleiche Noth mit uns:
Der Strom, der in den Niederungen wüthet,
Bis jetzt hat er die Höhn noch nicht erreicht —
Doch ihre Hülfe wird uns nicht entstehn,
Wenn sie das Land in Waffen erst erblicken.
Walther Fürst.
Wäre ein Obmann zwischen uns und Oestreich,
So möchte Recht entscheiden und Gesetz.
Doch, der uns unterdrückt, ist unser Kaiser
Und höchster Richter — so muß
Gott uns helfen
Durch unsern Arm
— Erforschet
ihr
die Männer
Von Schwytz, ich will in Uri Freunde werben.
Wen aber senden wir nach Unterwalden? —
Melchthal.
Mich sendet hin — Wem läg’ es näher an —
Walther Fürst.
Ich geb’s nicht zu; ihr seyd mein Gast, ich muß
Für eure Sicherheit gewähren!
Melchthal.
Laßt mich!
Die Schliche kenn’ ich und die Felsensteige;
Auch Freunde find’ ich gnug; die mich dem Feind
Verhehlen und ein Obdach gern gewähren.
Stauffacher.
Laßt ihn mit Gott hinüber gehn. Dort drüben
Ist kein Verräther — so verabscheut ist
Die Tyrannei, daß sie kein Werkzeug findet.
Auch der Alzeller soll uns nid dem Wald
Genossen werben und das Land erregen.
Melchthal.
Wie bringen wir uns sichre Kunde zu,
Daß wir den Argwohn der Tyrannen täuschen?
Stauffacher.
Wir könnten uns zu
Brunnen
oder
Treib
Versammeln, wo die Kaufmannsschiffe landen.
Walther Fürst.
So offen dürfen wir das Werk nicht treiben.
— Hört meine Meinung. — Links am See, wenn man
Nach Brunnen fährt, dem Mythenstein grad über,
Liegt eine Matte heimlich im Gehölz,
Das
Rütli
heißt sie bei dem Volk der Hirten,
Weil dort die Waldung ausgereutet ward.
Dort ist’s, wo unsre Landmark und die eure
(Zu Melchthal.)
Zusammen gränzen, und in kurzer Fahrt
(Zu Stauffacher.)
Trägt euch der leichte Kahn von Schwytz herüber.
Auf öden Pfaden können wir dahin
Bei Nachtzeit wandern und uns still berathen,
Dahin mag Jeder zehn vertraute Männer
Mitbringen, die herzeinig sind mit uns,
So können wir gemeinsam das Gemeine
Besprechen und mit Gott es frisch beschließen.
Stauffacher.
So sey’s. Jetzt reicht mir eure biedre Rechte,
Reicht ihr die eure her, und so wie wir
Drei Männer
jetzo, unter uns die Hände
Zusammenflechten, redlich ohne Falsch,
So wollen wir
drei Länder
auch, zu Schutz
Und Trutz zusammenstehn auf Tod und Leben.
Walther Fürst
und
Melchthal
.
Auf Tod und Leben.
(Sie halten die Hände noch einige Pausen lang
zusammengeflochten und schweigen.)
Melchthal.
Blinder, alter Vater,
Du kannst den Tag der Freiheit nicht mehr
schauen
;
Du sollst ihn
hören
— Wenn von Alp zu Alp
Die Feuerzeichen flammend sich erheben,
Die festen Schlösser der Tyrannen fallen,
In deine Hütte soll der Schweizer wallen,
Zu deinem Ohr die Freudenkunde tragen,
Und hell in deiner Nacht soll es dir tagen!
(Sie gehen auseinander.)